Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Adolf Damaschke >

Ein Berliner Junge

Adolf Damaschke: Ein Berliner Junge - Kapitel 25
Quellenangabe
pfad/damaschk/berljung/berljung.xml
typeautobiography
authorAdolf Damaschke
titleEin Berliner Junge
publisherHillgers Deutsche Bücherei
editorNS.-Kulturgemeinde Hermann Hillger Verlag
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081212
projectidecef167b
Schließen

Navigation:

Vom Falsch- und Nichtverstehen

Daß ich die unteren Klassen so schnell durcheilte, war nicht in jeder Hinsicht günstig. Ich habe merkwürdige Mißverständnisse mit mir herumgetragen. Ein Kirchenlied, das auf der Unterstufe gelernt und oft wiederholt wurde, hatte z. B. nach dem »verbesserten« Text eine Strophe, die lautete:

»Ach bleib mit Deinem Segen
Bei uns, Du reicher Herr,
Gib Wollen und Vermögen
Zu Deines Namens Ehr'.«

Eine Erklärung gab es nicht. So versuchte ich sie selbst. Vermögen Wohlstand schien mir klar. Daß man darum bitten könne, sah ein Junge, der um seiner Armut willen auf vieles verzichten mußte, ohne weiteres ein. Aber warum dies Vermögen gerade mit Wollen, also wohl doch mit einem Wollgeschäft, zusammenhängen sollte, schien mir lange eine unverständliche Liebhaberei des Dichters. Später habe ich von anderen Mißverständnissen ähnlicher Art erfahren. So konnte in dem Kirchenlied: »Lobt Gott, ihr Christen allzugleich« bei der Aussage vom Heiland: »... denn er ist Davids Reis« – das Kind nicht begreifen, weshalb Christus dem armen David seinen Reis aufesse.

Lieder erklären, wird ja stets eine der schwersten Aufgaben bleiben. Man verdirbt sie, wenn man sie zerpflückt, und doch ist es geradezu verheerend, wenn in ihnen falsche Vorstellungen wirken.

Als ich lesen lernte und, stolz auf die neugewonnene Kunst, auf der Straße jedes Schild buchstabierte, erschloß die neue Welt neue Rätsel. An vielen Kellergeschäften, aber auch Eckläden, buchstabierte ich den Namen »Franz. Billard«. Merkwürdig, daß alle Menschen, die so hießen, in Kellern oder an Ecken wohnten und vor allem, daß doch keiner von uns einen Jungen kannte, der so hieß. In keiner Klasse war ein Träger dieses Namens zu finden. Erst viel später lernte ich, daß dieser Name ankündigen sollte, daß ein französisches Billard zur Verfügung stehe.

Auf einem anderen Gebiet lag mein Nichtverstehen von Worten in der biblischen Geschichte wie: »Er starb alt und lebenssatt.« »Lebenssatt« – wie jemand diese Sonne, dieses Leben und Arbeiten einmal satt bekommen – wie jemand wirklich zufrieden sein könne, wenn er Abschied nehmen müsse von dem allen, dafür fand ich in der Kindheit und noch lange darüber hinaus kein Verständnis. Auch das ist inzwischen gekommen – in manchen Stunden in erschreckender Klarheit.

 << Kapitel 24  Kapitel 26 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.