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Ein Berliner Junge

Adolf Damaschke: Ein Berliner Junge - Kapitel 22
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authorAdolf Damaschke
titleEin Berliner Junge
publisherHillgers Deutsche Bücherei
editorNS.-Kulturgemeinde Hermann Hillger Verlag
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Unbekannte Freuden

Für den Mietkasernenjungen war es ein neues Leben, das Neu-Weißensee erschloß. Zum erstenmal ein Garten! Eine unserer Lauben war mit wildem Hopfen bepflanzt. Die großen Blüten waren wunderschön, und ich habe mich oft gewundert, daß ich diese Pflanze nie wieder als lebende Wand gefunden habe. Öffnete man eine Seitentür des Gartens, so stand man auf freiem Felde. Nun begann ich auch, mich in der Natur umzusehen. Ich sammelte Schmetterlinge, wobei es mir nur Schwierigkeiten machte, sie schnell und leicht zu töten, da mir die Betäubungsmittel der Apotheke als zu teuer nicht zur Verfügung standen. Hier hatte ich auch zum erstenmal selber Haustiere, so eine Zeitlang einen kleinen, schwarzen Hammel. Er folgte mir wie ein Hund. Als er im Herbst aus Mangel an Futter geschlachtet werden sollte, erhob ich heftigen Einspruch. Vergeblich zeigte mir Mutter meine Torheit, daß ihn dann eben andere verzehren würden. Das Gefühl besaß in jenen glücklichen Tagen noch mehr Gewalt als der Verstand, und so brachte ich ihn, der mir vertrauend folgte, wohl über eine Stunde weit bis Französisch-Buchholz, um ihn dort seinen künftigen Verzehrern zu überliefern.

Mein Liebling aber war unser kleiner Hund »Ali«. Kam ich aus der Schule, so kannte seine Freude keine Grenzen. Einmal las ich irgendwo, es sei für Hunde heilsam, das Fell zu lockern. So hielt ich es nun für eine Freundespflicht, Ali im Genick zu ergreifen und ihn möglichst lange in der Schwebe zu halten, weil dadurch das Fell am sichersten die nötige Lockerung erfahre. Ich war höchst erstaunt, daß Ali diese meine Liebe durchaus nicht zu würdigen schien; aber ich tröstete mich mit den alten Sprüchen der Weisheit: Man müsse oft Unerzogene zu ihrem Heile zwingen; im Leiden erkenne man selber am wenigsten die Heilmittel! So gestaltete sich unsere Freundschaft sehr merkwürdig. Wenn ich in Bewegung war, so war er freudig um mich herum, sobald wir aber das Zimmer betraten, erstrebte er mit höchster Geschwindigkeit sein sicherstes Asyl unter Mutters Röcken, unter denen er dann triumphierend hervorsah. Am liebsten begleitete er mich auf meinen Radtouren. Vor 45 Jahren gab es Fahrräder, bei denen das erste Rad ganz groß, das zweite ganz klein war. Sie waren viel schwieriger zu fahren als die jetzigen und vor allem viel gefährlicher. Ich hatte nicht geruht, bis ich ein solches Rad bekam. Die Chaussee gab freie Bahn. Bei meiner Kurzsichtigkeit war die Sache nicht ganz ungefährlich; aber nachdem ich in den ersten Wochen, wie Mutter feststellte, keinen Tag ohne blauen Flecken war, konnte ich doch bald so sicher fahren, daß ich einmal beschloß, von Weißensee nach Lehnin zu radeln. In jener Zeit waren für den Verkehr in den Straßen Berlins nur solche Verkehrsmittel erlaubt, auf denen man auch beim Stillstehen sicher verweilen konnte. So war der Gebrauch des Dreirades erlaubt, der des Zweirades grundsätzlich untersagt. Ich brach an einem Sommermorgen früh um vier Uhr auf. Die Straßen Berlins lagen wie ausgestorben da, und die leeren, weiten Asphaltbahnen bildeten eine Versuchung, der man nicht widerstehen konnte. Aber jeder Schutzmann fühlte sich verpflichtet, scheltend hinterherzulaufen. Als ich an jenem Abend in Lehnin ankam, bluteten meine Hände, so daß ich für einen Teil der Rückfahrt die Benutzung der Eisenbahn vorzog.

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