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Ein Berliner Junge

Adolf Damaschke: Ein Berliner Junge - Kapitel 21
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authorAdolf Damaschke
titleEin Berliner Junge
publisherHillgers Deutsche Bücherei
editorNS.-Kulturgemeinde Hermann Hillger Verlag
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Strandgut der Großstadt

Von der Neuen Königstraße zogen wir nach Neu-Weißensee, in das letzte Haus der Prenzlauer Chaussee. Die Eltern mußten es übernehmen, weil sie irgendwie einmal eine kleine Hypothek darauf gegeben hatten. In meiner Erinnerung steht dieses Grundstück, auf dem nun schon lange eine moderne Mietkaserne errichtet ist, als ein großer Garten mit zwei ganz leicht gebauten Seitenflügeln. In jener Zeit war diese Ecke von Neu-Weißensee (im Volksmund »Karnickelberg« genannt) etwa die äußerste Nordgrenze der Großstadt. Ihre Wogen spülten dort an, was in ihr irgendwie Schiffbruch gelitten hatte. Schon das Eckhaus Prenzlauer Chaussee Nr. 1 sahen wir mit einigem Grauen. Es wurde erzählt, daß dort eine Falschmünzerbande ausgehoben worden sei. Von den Nachbarn steht mir noch in Erinnerung eine feine, blasse Frau aus dem Hause des »Bonbons-Schulzen«. Dieser Name bedeutete für den alten Berliner einst ein stolzes Geschäft in der Nähe des Rathauses. Aus irgendeinem Grunde war ihm der Hoflieferantentitel entzogen und das betreffende Schild umständlich und auffallend entfernt worden. Die Folge war finanzieller Ruin. Eine Tochter aus diesem Hause, die einen kaufmännischen Angestellten geheiratet hatte, saß nun mit ihm dort draußen. Es waren die Nachbarn, mit denen wir am meisten verkehrten. –

Und nun die Menschen in unserem eigenen Hause! Am nächsten kam mir eine Schlächterfamilie R. Der Mann hatte das einzige vierstöckige Haus gebaut, das in jener Gegend aus den kleinen Landhäusern emporragte. Aber in der »Gründerzeit« war er, wie so viele, zusammengebrochen, und nach dem Gesetz verlor er bis zur Deckung der ausgefallenen Hypotheken nicht nur alle Ersparnisse, die er in das Haus gesteckt hatte, sondern auch alles andere Eigentum. Um wenigstens einen Teil der Möbel zu retten und vor allem Pferd und Wagen, die er für den Marktbesuch brauchte, hatte er alles einem Gesellen verschrieben. Der war nun von Rechts wegen der Besitzer, und der Meister und seine Frau und die einzige Tochter waren Angestellte dieses Gesellen. Er war in der Regel gutmütig; aber wenn er getrunken hatte, konnte er außerordentlich brutal sein. Diese merkwürdigen Menschen wohnten ziemlich lange bei uns. Sie hatten für einen dreizehnjährigen Jungen mancherlei Vorzüge. Zunächst zwei große Hunde, Mutter und Tochter: Boxe und Nunne. Mit ihnen, namentlich mit Nunne, schloß ich enge Freundschaft. Aber Kinder sind merkwürdig grausam. Im Winter, wenn die große, doppelnasige Nunne kam, um mit mir zu spielen, und ich einen Schneeball hob und Nunne in freudiger Erwartung sich zum Sprung zusammenkauerte – dann habe ich manchesmal den Schneeball geworfen – nicht, damit sie danach springen könnte, sondern auf ihre erwartungsvoll zitternde Doppelnase. Dann schüttelte sie sich mit vorwurfsvollem Blick, wedelte fragend mit ihrem Schwanzstummel und zog enttäuscht von dannen. Aber in der nächsten Minute war sie wieder, großmütig vergebend, in alter Liebe um mich herum!

R.'s schlachteten in der Woche regelmäßig ein Schwein. Dabei zu helfen, »war ehrenvoll und war Gewinn«. Der Gewinn bestand im Blut des Schweines, das als besonders gutes Düngemittel für unsere Obstbäume und Obststräucher galt. War Abendmarkt auf dem Berliner Gartenplatz, wurde natürlich freudig mitgefahren. Einmal das Fahren an sich, dann des Abends durch diese Marktbuden sich winden, die Vorbeigehenden, mit den geübten Augen der Marktfrau gesehen, kritisieren zu hören, – das alles war buntes Leben genug. Später zog die Familie noch weiter hinaus in eine alleinstehende Mühle, und endlich fand sich auch die einzig mögliche Lösung, das heißt, der Gehilfe heiratete die Tochter, so daß in diese Verhältnisse ein Stück natürlichen Rechtes kam.

Eine andere Familie war auch in den »Gründerjahren« gescheitert. Der kleine, stille Mann war den Tag über in Berlin in irgendeiner untergeordneten kaufmännischen Stellung. Die Frau, die aus sehr gutem Hause stammte, aber tat nichts, und zwar absichtlich nichts: »Mein Mann ist schuld an unserer Armut. Hätte er nicht die Bürgschaft für seinen Freund geleistet, so säßen wir nicht hier. Nun mag er zusehen!« Umsonst war alles Zureden meiner Mutter, der Hinweis auf die reizenden drei kleinen Kinder, die zu verkommen drohten. Die Frau verharrte im bitteren Schweigen: sie wusch weder sich, noch die Kinder, noch irgendwelche Wäsche; sie nähte nicht, sie kochte nicht. Ich weiß nicht, was aus dieser Familie geworden ist. Sie zog bald fort. –

Ach, wer im »sicheren« Brot und »ordentlichen« Heim sitzt, der hat oft gar keine Ahnung von dem, was das Meer der Großstadt auswirft – verlorenes Strandgut!

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