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Ein Berliner Junge

Adolf Damaschke: Ein Berliner Junge - Kapitel 19
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authorAdolf Damaschke
titleEin Berliner Junge
publisherHillgers Deutsche Bücherei
editorNS.-Kulturgemeinde Hermann Hillger Verlag
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Großstadt-Nomaden

Im Herbst 1876 gab Vater die Werkstätte auf. Wieder ein kleiner Handwerksmeister, der in dem großen Wirtschaftskampfe erlag! Was er in alter Treue und Sorgfalt schuf, edle Qualitätsarbeit, fand ihren Lohn nicht mehr. Nun wohnte im Hause ein merkwürdiges Tischlerehepaar, namens Pilentz. Der Meister hatte schon vor längerer Zeit seine Werkstatt aufgegeben und arbeitete allein, indem er in Privathaushaltungen bessere Möbel aufpolierte, erneuerte oder besondere Stücke anfertigte. Er lebte von dieser Arbeit, die ihn von Gehilfen unabhängig machte, scheinbar ganz gut. Jetzt erbte er in einer schlesischen Kleinstadt ein Haus und ein Geschäft und siedelte dorthin über. Er machte meinem Vater den Vorschlag, in seine Kundschaft einzutreten. Das war der letzte Anstoß, Werkstatt und Wohnung in der Rosenthaler Straße aufzugeben.

Nun begann ein Leben, wie es nur die Großstadt kennt. Wir zählten gewiß zu den »ordentlichen Leuten«. Niemals sind wir auch nur mit einem Pfennig Miete im Rückstande geblieben. Und doch, welch ein wurzelloses Nomadenleben! In den folgenden zwanzig Jahren haben wir, soweit ich mich noch entsinnen kann, gewohnt in der Neuen Königstraße, in Neu-Weißensee, in der Neuen Jakobstraße, in der Metzer Straße, wieder in Neu-Weißensee, in der Zionskirchstraße, in der Friedrichstraße, in der Tempelherrenstraße Nr. 17 und in derselben Straße Nr. 3. Das war und ist das Schicksal der modernen Mietkasernenbewohner! Die Engländer haben ein Sprichwort: »Man kann einen Menschen durch eine schlechte Wohnung töten wie mit einer Axt.« Das Sprichwort stimmt nicht. Eine Axt ist noch eine ritterliche Waffe, und der Tod durch sie ist in der Regel schnell und leicht. Eine schlechte Wohnung aber tötet wie Opium oder ein anderes langsam wirkendes Gift, das zuerst Geist und Willen lähmt. Wie auch bei tapferer Gegenwehr in einem solchen Leben unwillkürlich alle Kulturansprüche sinken, zeigte mir ein Wort der Mutter in der Zionskirchstraße, einer der engen Mietkasernenstraßen im Norden Berlins. Wir bewohnten »natürlich« nur Stube und Küche. Auf demselben Flur mit uns lebte noch eine alleinstehende Frau in einem kleinen Zimmer, und da hatte Mutter nur einen Wunsch: »Hätten wir doch auch noch diese Kammer, so daß wir allein auf unserem Korridor wohnen könnten; – dann hätte ich wegen der Wohnung wohl keinen Wunsch mehr.«

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