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Ein Berliner Junge

Adolf Damaschke: Ein Berliner Junge - Kapitel 18
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authorAdolf Damaschke
titleEin Berliner Junge
publisherHillgers Deutsche Bücherei
editorNS.-Kulturgemeinde Hermann Hillger Verlag
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Eine bittere Erinnerung

Es ist merkwürdig: die frohen Bilder der Jugend rauschen schnell vorüber; aber die, die von Unrecht zeugen, bleiben, und brennend steigt auch nach einem halben Jahrhundert noch mit ihnen ein bitteres Gefühl in uns auf. Ich mußte in der Woche etwa zweimal eine Familie Friedrich besuchen, entfernte Verwandte aus Lehnin, die in der Fischerstraße ein Haus und ein gutgehendes Milchgeschäft besaßen. Manchmal in den Ferien nahm mich der Onkel mit, wenn morgens in aller Frühe die Milchfässer vom Bahnhof geholt werden mußten. Für Mutter mußte ich in der Regel für einen Groschen Milch holen. Gewöhnlich nahm »Tante« den Groschen gar nicht, oder sie nahm ihn und gab das Doppelte oder Dreifache des gewöhnlichen Maßes. Einmal aber muß sie irgendeinen Ärger gehabt haben – und sie hatte in Geschäft und Familie mancherlei zu tragen. Der Laden stand voll Menschen. Ich reichte ihr meine Kanne. Tante: »Ach, du bezahlst ja doch nicht.« Ich fühlte, wie ich rot wurde: »Doch, hier ist mein Groschen!« »Dann will ich dir für einen Groschen Milch geben!« Und sie füllte wohl so viel ein, wie dem Geldwert entsprach. Ich machte, blutrot vor Scham, die Kanne zu und eilte hinaus, obwohl die Tante rief: »Aber Junge, es ist doch nur ein Spaß, bleib doch!« Ich aber sah mich nicht um, obwohl die Tante mir nachkam, sondern rannte mit meiner Kanne nach Hause, wo Mutter zuerst gar nicht glauben wollte, daß ich von Tante Friedrich käme. Darauf wurde der Familienverkehr natürlich abgebrochen. Meine törichte Empfindlichkeit hat der Tante und vor allen Dingen der Mutter gewiß harte Stunden bereitet und ihr Ringen mit dem so kargen Wirtschaftsgeld unnötig erschwert. Auf der anderen Seite aber soll man vorsichtig sein mit derartigen Scherzen. Vater, der, soweit seine Heftigkeit es zuließ, mit den Verwandten mütterlicherseits stets auf gute Freundschaft hielt, sagte mir einmal, als wir an der Spree standen und die großen Obstkähne sahen: »Als ich jung verheiratet war, hatte Onkel Wilhelm solchen großen Kahn voll Holz nach Berlin gebracht. Mutter und ich besuchten ihn. Da sagte er zu mir: ›Nun, Schwager, wie ist's, willst du nicht diese Ladung Holz kaufen?‹ obwohl er wußte, daß ich dazu nicht in der Lage war. Das ist mir durch und durch gegangen. Ich habe ihn nie mehr besucht; ich habe ihn nicht mehr gesehen bis zu seinem Tode. Junge, denke daran, wie weh man armen Leuten tut, wenn man ihnen ihre Armut vor Augen führt.«

Mir ist das eine tiefe Lehre gewesen. Man soll niemals, auch nicht in aller Freundschaft, Dinge sagen, die wunde Stellen berühren. Scherze auf Kosten anderer kann man begehen, wenn man weiß, daß der andere sich in seiner Stärke sicher zu fühlen und im Bewußtsein dieser Stärke solche Angriffe zu ertragen und abzuwehren vermag.

Ja, die Armut! Wie oft habe ich in wissenschaftlichen Schriften seitdem gelesen vom Niedergang des Mittelstandes, von dem Verzweiflungskampf des kleinen, selbständigen Handwerkers. Was so in trockenen Zahlen dasteht und was dann in irgendwelchen künstlich gewonnenen »Ergebnissen« »wissenschaftlich« vertreten wird, das alles ist ja doch Fleisch und Blut, das ist ja doch Menschenglück und Menschenleben! Und wenn viele Freunde, die ehrlich heute an meiner Seite kämpfen, oft den Kopf schütteln über die Leidenschaftlichkeit, die auch heute noch über mich kommt, wenn es gilt, die Sache der ehrlichen Arbeit in Stadt und Land zu führen, so wissen sie eben nicht, wie lebendig die Not mit all ihren Demütigungen, mit all ihrer Angst und mit all ihrer Verheerung vor mir steht in Vaters unruhigem Schaffen, in Mutters blassem Gesicht.

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