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Ein Berliner Junge

Adolf Damaschke: Ein Berliner Junge - Kapitel 10
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authorAdolf Damaschke
titleEin Berliner Junge
publisherHillgers Deutsche Bücherei
editorNS.-Kulturgemeinde Hermann Hillger Verlag
correctorreuters@abc.de
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Freunde fürs Leben

Meine besten Freunde wurden bald die Bücher, und sie sind es bis heut geblieben. Als Kind las ich, was mir in die Hände fiel. Es gab in meiner Jugend, ohne daß man wohl den Namen schon kannte, auch Schundliteratur. Es waren kleine Hefte mit buntem Umschlag und möglichst aufreizendem Titel – zumeist unmögliche Geschichten von Indianern und Seeräubern. Am Geburtstage oder zu Weihnachten, wenn morgens beschert wurde, sah ich, noch im Bett liegend, den Geburtstagstisch, den Vater und Mutter immer so wunderschön aufgebaut hatten – mit den acht oder neun Lichtern, die auf ihm brannten – und darunter ausgebreitet, was sie mir geben konnten, – aber ich griff dann immer zuerst nach dem Buche und vergaß alles andere. Und oft hat mein älterer Bruder mir zuflüstern müssen: »Laß doch einmal das Buch; freu' dich auch über die anderen Sachen!« Aus dieser Liebe für das Lesen ist mir eine Erinnerung von ganz eigener Art lebendig geblieben. Auf irgendeine Weise waren in unseren Besitz dreißig Hefte eines Kolportageromans gekommen: »Rinaldo Rinaldini, der große Räuberhauptmann«. Die Eltern hatten verständigerweise die Hefte in irgendeine Kiste geworfen. Ich versuchte nun, an diesen in meinen Augen unerschöpflichen Lesevorrat heranzukommen. Meine Bitte wurde abgeschlagen; aber ich kam immer wieder, bat, versprach, schmeichelte, bis endlich einmal Vater und Mutter sagten: »Nun, dann nimm sie; dann läßt du uns wenigstens in Ruhe!« Ich weiß noch heute: diese Genehmigung berührte mich schmerzlich. Es tat mir weh, daß die Eltern nachgaben. Für eine Ohrfeige wäre ich ihnen dankbar geblieben. So nahm ich die Hefte widerwillig. Ich habe sie nur durchgeblättert ohne Freude. Es ist etwas Eigenes um Bitten der Kinder. Sie haben in den meisten Fällen ein sehr feines Gefühl dafür, ob man ihnen mit dem Versagen oder Gewähren einen Dienst erweist. Und viele Bitten entspringen nur dem Wunsche nach einer Machtprobe, oder sie sind ohne jede bewußte klare Zielsetzung. Eltern, die zu oft nachgeben, »weil sie die Kinder so sehr liebhaben«, verlieren gerade dadurch am sichersten die Achtung, die die Grundlage jeder wahren und dauernden Liebe allein sein kann.

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