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Ein alter Afrikaner

Johannes Dose: Ein alter Afrikaner - Kapitel 9
Quellenangabe
typenarrative
authorJohannes Dose
titleEin alter Afrikaner
publisherHinstorffsche Verlagsbuchhandlung
addressWismar
year1913
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectid9524a0b1
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Neunter Abschnitt

Die Safari zog am Malagarassi, der jetzt ein reißender Strom war, entlang.

Der Chef mochte kein Lachen hören und war unlustig, denn er hatte sehr viele Kranke.

»Mancher muß schon anderthalb Last tragen, ich überlege, ob man nicht den kräftigen Askaris eine halbe Last aufbürden könnte.«

»Das gäbe Meuterei,« sagte Jobst schnell, »sogar ein Kitumbua, der als Träger zur Küste kam, würde es als eine Beleidigung betrachten... die Askaris halten sich für Herren.

»Ja, ja... wenn wir nur in Udjidji wären!«

Ein Mann der Spitze rief: »Strauße, viele Strauße!«

Der junge Pfadfinder blickte gespannt hinüber, an der Kimmung bewegte es sich in langer Reihe. »Die Tiere spazieren im Gänsemarsch, wie deutlich man jeden Riesenvogel und seine zwei Beine unterscheidet!«

Der alte Pfadfinder grinste. »Wie dumm! Es ist keine Straußen-, sondern eine Menschenherde, ein Safariwurm. Kauf dir zwei Glasaugen, wie der Neger sagt!«

Jene Kolonne bog ab, um den Deutschen zu begegnen, es war ein arabischer Händler. Wenn zwei Karawanen in Innerafrika sich treffen, werden sie nach vorsichtiger Begrüßung einander Aufschluß geben über die Strecke und gegenseitig fehlende Vorräte durch Tausch ergänzen.

Der Oberleutnant fragte, was ihm am Herzen lag. »In Udjidji ist doch ein richtiger Arzt?«

»Arzt? Was soll ein Arzt dort?« sagte der gravitätische Araber voll Ernst, »wer nach Udjidji kommt und krank wird, stirbt ja doch.« Das war ein Sprichwort dazulande.

»Unsinn!« brummte Jobst, »ich war dreimal am See, und mir tat kein Finger weh ... an der Küste dagegen kriege ich immer eine kleine Krankheit mit Durstgefühl und Kopfschmerz.«

»Ist wohl die Krankheit, die ein gesalzener Hering kuriert,« lachte Erb.

»Sehr richtig, an dir ging ein Prophet, aber kein Pfadfinder verloren.«

Von einem Hügel erblickten sie ein lachendes Tal, das von einem Nebenfluß, dem Rutschugi, durchströmt wurde. »Eine Stadt, eine Stadt!« Fatima konnte, da der Arm in der Binde war, nicht in die Hände klatschen und bat Simba: »Leihe mir deine Backe!« Ohne seine Erlaubnis abzuwarten, klatschte sie seine Wange, um Freudenmusik zu machen. Er grinste ganz glücklich bei den Ohrfeigen, die ihm in der Seele gut taten.

Die Stadt bestand aus sehr vielen Negerhütten, war aber eine Täuschung und menschenleer! Die Grasschuppen und menschlichen Bienenkörbe waren sehr verfallen.

Erb gab eine grausige Erklärung der toten Stadt. »Die ruchlosen Sklavenjäger haben den ganzen Ort ausgerottet.«

»Ich bin tief erschüttert,«sagte Jobst und machte eine putzig traurige Grimasse. »Nein, die Stadt wird nach der Regenzeit wieder bezogen werden. Am Flusse sind berühmte Salzquellen, die jetzt überflutet sind... nach der Regenzeit strömen Tausende von Negern zusammen, bauen provisorische Hütten und kochen die Sole, um das kostbare Salz zu gewinnen. Seit Jahrhunderten werden die Quellen ausgebeutet. Zehntausend Schwarze kochen das Salz, das bis tief in das Kongoland hinein verfrachtet wird. Eine großartige Negerindustrie und Negerindustriestadt! Solange hier keine Aufsicht war, gab es Streit und Totschlag alle Tage... darum ist ein Militärposten errichtet worden.«

Der Oberleutnant sollte den Posten mit Munition und allem Erforderlichen versehen.

Erb zeigte mit dem Instinkt des Kaufmanns ein ungemein lebhaftes Interesse für die Salzquellen, und der Onkel gab ihm viele Aufschlüsse. »Die hochprozentige Sole gibt ein schneeweißes, vortreffliches Speisesalz. Während der Saison, wo mehr als zehntausend hier wohnen und der »faule« Neger unglaublich rege und betriebsam ist, entwickelt sich ein lebhafter Handel, aus Uha werden Lebensmittel und Holz hergeschafft, aus Ruanda, ja aus dem fernen Kongo kommen schwarze Händler mit ihren Trägern und Waren, mit Elfenbein, Kautschuk, Palmöl, um Salz einzutauschen.«

Der Neffe gab zum Besten, was er aus Büchern wußte. »Ja, ungeheure Gebiete Zentralafrikas produzieren selbst kein Salzkorn und sind auf die Einfuhr angewiesen.«

»Ich danke für die Bereicherung meines Wissens! Ohne Salz verkümmert der menschliche Organismus... ganze, große Negervölker in den salzlosen Ländern leiden am Salzhunger und degenerieren. Gerade bei den Kongokannibalen ist die Salznot entsetzlich und dieser Artikel so rar, daß die Neger dort ein Salzbeutelchen am Schurz tragen und es hüten, wie wir unsren Geldbeutel. Wollen sie den Reichtum eines schwarzen Herrn hervorheben, so sagen sie: Er ißt Salz! – etwa wie wir von einem Millionär sagen: Er raucht die besten Importen. Wenn ich mal einen armen Kannibalen fragte, warum er Menschenfleisch esse und ob es denn so schön schmecke, dann antworteten die Aufrichtigen sehr bezeichnend: Um den üblen, den faden Geschmack im Munde los zu werden. Ja, um den Fleisch- und Salzhunger, um die natürliche Gier des Körpers nach würziger, salziger Kost zu stillen, aus bittrer Not und Naturnotwendigkeit wurden die armen Menschenfresser zur Naturwidrigkeit, zum Kannibalismus getrieben. Alles begreifen, heißt alles, auch die Menschenfresserei, entschuldigen.«

Der junge Mann faßte seinen Onkel am Rockknopf und sah wie ein Entdecker aus, der soeben das Ei des Kolumbus ausgebrütet hat. »Du! Könnten wir den armen Kerlen, den Kannibalen, nicht behilflich, von dem Laster loszukommen, und gleichzeitig unsrem Geldbeutel nützlich sein? Ich meine ... wenn wir als Pfadfinder abgemustert sind, schmoren wir hier am Rutschugi Salz in Masse, das wir in den Kongo hineinschaffen, um es für Elfenbein und andre Artikel zu verkaufen.«

Jobst pfiff durch die Zähne. »Eine ausgezeichnete Idee, du Menschheitsbeglücker und Menschenfressermissionar! Im Namen der Humanität machen wir großartige Geschäfte, bringen wir den Kannibalen das Salz, nehmen wir für ein Pfund fünf bis zehn Pfund Elfenbein ... Hurra, mit hundert Salzlasten ziehen wir über den Tanganjika und mit fünfhundert Zähnen kehren wir zurück. Wir schreiben gleich an den deutschen Gouverneur, der unsre Mission, ich möchte sagen, unsre Missionstätigkeit unter den Menschenfressern subventionieren muß. Jeder echt deutsche Mann, der in die Kolonien geht, schreit nach Staatssubvention. Freilich liegt ja die Möglichkeit vor, daß wir mit unsrem eigenen Salz eingerieben und in unserm eigenen Fett geschmort werden... aber der königliche Kaufmann aus Hamburg fürchtet keine Gefahren.«

»Du spottest mit viel Witz.« Erb zog den Mund ins Schiefe und Säuerliche.

»Es ist ja mein altes, unseliges Laster, daß ich dumme Witze und bösartige Bemerkungen mir nicht verkneifen kann ... auch fuchst es mich, daß ich nicht, sondern ein Grünhorn den grandiosen Gedanken gebar. Die Idee nehme ich sehr ernst und werden wir sehr energisch ausführen. Wir beide gründen eine Gesellschaft mit beschränktem Horizont oder noch besser eine Kompagnie mit einem stockenglischen Namen, was den dummen Deutschen am meisten imponiert, wir gründen die Maneater-salt-company, und jeder Sozius zahlt zwanzigtausend Rupien als Stammkapital ein.«

»Au, ich habe keine tausend und kann mich nicht beteiligen.«

»Doch! Deine Idee wird als Sacheinlage mit 19 500 Rupien bewertet. Wir machen es wie die korrekten und ehrlichen Aktiengesellschaften.«

Der Safaridoktor lief sehr wichtig im weißen Medizinermantel und maß die Temperatur der Kranken. Genau nach den Fiebergraden 39, 40, 41 wurden 2, 4, 5 Gramm Chinin verabfolgt und vom Negermagen verdaut.

»Simba, Simba!« rief's aus dem Zelt. Kein Boy kam und schlug die Hacken militärisch zusammen. Darum suchte der Herr und fand seinen Diener abseits vom Lager vor einem Feuer hocken und in seine Beschäftigung – ein geröstetes Straußenei auszulöffeln – ganz vertieft. Er hatte drei Rieseneier im Sandloch aufgespürt und das eine aus eigner Kraft verspeist. Simba liebte diese Privatmahlzeiten, um nicht von den schwarzen Sozi, die alles – was nicht ihr Eigentum war – brüderlich teilen wollten, belästigt zu werden. Wohl war er bereit, seinem Herrn das eine Ei zu verkaufen, wollte aber keinesfalls von dem dritten und letzten sich trennen.

»Mensch, willst du dir noch eins zu Gemüte führen? Du Vielfraß wirst ja platzen.«

»Nein, mein Pans ist voll,« sprach der Bursche salbungsvoll, »kennst du nicht den Koran und die 83. Sure: Wer satt ist, soll dem Hungrigen geben?« Der koranfeste Bengel trollte sich mit seinem Ei.

Von dem gekauften wurde Straußenrührei bereitet, das für acht Mann als Abendbrot ausreichte; woraus zu ermessen, was Simba geleistet hatte.

Der hielt das Ei Fatima unter die Augen und schnalzte: »Ich schenk' es dir – wenn du mir einen Kuß schenkst.«

»Das wäre kein Geschenk, sondern ein unverschämter Preis, du Lümmel.«

Gleichmütig kehrte er sich um. »Ich brat' es mir in der Asche, brat' du dir einen Marabu!«

Das Leckermäulchen fing zu dingen an. »Gib es mir, so darfst du meine Hand küssen.«

»Nee, mindestens deine Backe, du süßer Balg!«

Mit kleinen, lüsternen Augen beäugte er ihren Mund, mit großen, gierigen Blicken verschlang sie das Ei. Ihre Seele kämpfte hart und besiegte den Magen. »Nein, mein Gesicht sollst du nicht belecken, du Affe.«

»Wenigstens dein Ohr will ich küssen.«

»Nein, nein!«

Simba wandte sich und wünschte gesegneten Appetit.

Da rief sie ihn zurück. »Gib her, und du darfst meinen Nacken küssen.«

Der verliebte Bursche war genügsam und glückselig.

Fatima nahm das Ei mit beiden Händen und beugte den Kopf. Just in der Sekunde, wo er im Vorgenusse schwelgend und leise schmatzend die Schnauze spitzte, warf sie den Kopf so kräftig plötzlich in die Höhe, daß er einen mächtigen Nasenstüber erhielt, wutschte sie mit Gekicher hinweg.

»Du Gaunerin, du Betrügerin!« schimpfte Simba und streichelte seine Gurke.

»Nein, du hast mich belogen und zum Narren gehabt, das war nur eine kleine Abzahlung, die große Abrechnung kommt bald, hihi, fifi! Ich habe noch ein Hühnchen, ja einen Strauß mit dir zu rupfen, du süßer Affe und Laffe.« Das »süßer« war der Sirup, den sie ihm um den Mund schmierte, und das genügte, um sein Herz zu rühren.

»Fatima, behalte das Ei, laß alles gestrichen und gut sein!«

»Nein, weil du mich mit deiner Lüge vom deutschen Gesetz gefoppt hast, will ich dich zum Dummerchen machen. Du Dicknase, hast du mich gern? Weißt du, wie du mir gefallen kannst?«

»Ja, ja, ja, sag es mir!«

»Wenn du einer Dirne gefallen willst, so schenkst du ihr einen Ochsenfrosch, ein faules Ei oder einen gestohlenen Hühnerflügel, du Dummkopf. Will ein kluger Mann eine schöne Frau gewinnen, so kauft er ihr eine glitzernde, goldne Halskette und legt sie ihr um den Nacken, und sie wispert dankbar: Du darfst mein Ohrläppchen küssen.«

»Ach, ich bin arm.«

»Wofern er arm ist, wird er ihr ein Seidentuch – so wie die Taschentücher unsres Bana – schenken ... ach, wenn ich so schöne Sachen sehe, muß ich weinen, daß ich gar nichts Schönes habe.« Fatima lachte spitzbübisch, balancierte das Ei in der gesunden Hand und warf kokette Blicke, die dem verliebten Burschen den Kopf verdrehten.

Simba ging verträumt und faßte den Entschluß, alle seine Rupien für ein Kopftuch zu sparen. Leider war er aber ein waschechter Suahelibub, der alles, was ihm in die Augen sticht, erstehen oder eintauschen muß und sein Geld verplempert.

Sein Herr rief: »Hole die Büchsen!«

»Ja, Bana, im Fluß prusten die Flußpferde.« Der Boy konnte die Gedanken lesen und die Absichten erraten.

Die Tiere lärmten lustig, als wenn in ihrem Hippopotamusparadiese noch nie ein Schuß gefallen wäre. In dem Fluß wimmelte es von den Kolossen. Als die Jäger aufbrachen, führte die Dienerin den Affen Basse spazieren. Er ging sehr drollig an ihrer Hand auf zwei Beinen, wie ein Gentleman, und fiel nur aus der Rolle, wenn er sich fürchterlich kratzte. Der Pavian schrie nach seinem Herrn, riß sich los und krallte sich an Erb fest, so daß dieser ihn mitnahm und die Kette um den Arm schlang.

Im feuchten Ufer standen runde, wie von Rammpfählen geschlagene Löcher, die Fußstapfen der Tiere. Die Jäger schlichen hinter einen Affenbrotbaum und betrachteten das groteske, lächerlich-lustige Bild. Zwölf Flußpferde tummelten sich mit ihren Kälbern, andere schauten zu und hielten nur die Schnauzen oder Augen über Wasser. Die drolligen Kälberdickwanste spielten ungeschlacht, bespritzten sich mit Wasser, stießen sich mit den Schnauzen an, plärrten und prusteten. Ein feister Hippopotamusvater duckte ein Junges unter Wasser, züchtigte offenbar sein ungezogenes Kind und verschlang die Wasserpflanzen. Es war ein reizendes Flußpferdfamilienidyll, so daß Erb gerührt wurde: »Ich schieße auf keinen Fall eine Kuh.«

»Natürlich nicht, aber die Bullen sind schwer zu erkennen.«

Auf einer Sandbank lag es noch dichter und drolliger, lagen fünfzehn Flußpferde in langer Reihe hintereinander, schläferten und sonnten sich, und jedes hatte, wie auf Kommando und mit preußischer Akkuratesse, dieselbe Stellung eingenommen, hatte den Kopf auf den Rücken des Vordermanns gelegt. Die Flußpferdparade wurde betrachtet und belächelt.

Schließlich sagte Jobst: »Der kolossale Kerl dort, der drittletzte, ist ein Bulle.«

Erb schlang die Kette des Pavians um den Arm und lief seitwärts, um den Blattschuß zu bekommen. Im Sande lag ein angeschwemmter, schwärzlicher Baumstamm, darauf der Eilige just seinen Fuß setzen wollte, als der Affe mit gesträubtem Haar zurücksprang und mit der Kette seinen Herrn beinahe umriß. Ein »Halt«, ein Schuß der berühmten Flinte ballerte an Erb vorbei.

Himmel! Der schwärzliche Baumstamm wurde lebendig, schlug mit dem Schwanze den hochspritzenden Sand – und war ein schlafendes Krokodil, das nach ein paar Schlägen den ewigen Schlaf schlief. Basse hatte vor jedem Krokodil, auch einem toten, eine Heidenangst und kroch hinter seinen Herrn.

Der Onkel spöttelte: »Kinder, Betrunkene und Grünhörner haben ihren besonderen Schutzengel, ja Schutzbengel ... Elefanten spielen Ball mit dir, du spazierst auf Krokodilen herum, und die Affen sind deine Schutzengel.«

Die Flußpferde auf der Sandbank waren mit unglaublicher Geschwindigkeit ins Wasser gepoltert. Nach einer ganzen Weile kräuselten sich flußabwärts die Wellen, die Nasenlöcher lugten heraus. Die Jäger gingen gegen den Wind und warteten, der alte Afrikaner erklärte dem jungen, daß die Tiere auf dem Grunde der Flüsse weite Strecken laufen und lange ohne Luft leben.

Ein dicker Kopf sicherte, eine graue Frischmasse kroch auf eine Sandbank, um sich zu sonnen. »Das ist der Bulle,« raunte Jobst.

»Wie kannst du das wissen oder wittern?«

»Er hat eine Narbe hinter dem rechten Ohr.« Der Alte sah sofort ein besonderes Merkmal, oft ein sehr kleines, und unterschied durch solche Kennzeichen mehrere Stücke Großwild von ganz gleicher Gestalt und Farbe.

Gleichwie Inseln tauchten die Kolosse aus der Flut. Erb riß Funken. Das getroffene Flußpferd raste ohne Besinnen auf den Feind los, die plumpe Masse rannte auf den kurzen Beinstämmen unheimlich schnell und sperrte den Rachen auf. Der harmlose Grasfresser war ein Raubtier geworden und wollte den Menschenknirps zermalmen. Der Schütze stand wie eine Säule, nicht wie eine Salzsäule, sondern wie eine Stahlsäule, und ließ die zweite Kugel fliegen. Das Gehirn, das winzig klein ist, war getroffen, das Ungeheuer warf sich wie vor den Füßen des Jägers hin. Der schmächtige Mensch, der über Tod und Leben aller Kreatur Herr ist, stand als Sieger über dem dreißigmal stärkeren Giganten. Oder als Tiermörder und Tyrann der Schöpfung?

Der Deutsche konnte sich eines widrigen Gefühls nicht erwehren. »Er war ein plumper, gutmütiger Riese, der keinem Lebewesen das Wasser trübt... unheimlich ist das Ausrotten.«

»Und herrlich, daß wir für eine Woche Fleisch haben.« Jobst schnitt die Leber heraus, die er selbst am Feuer briet. Als sein Neffe ihr keinen Geschmack abgewinnen konnte, seufzte er: »Ein trauriges Zeichen! Ein waschechter Afrikaner nämlich ist wie närrisch hinter der Leber her oder tut wenigstens so.« –

Das Ziel der Safari war nahe. Die Träger klagten nicht mehr, wenn die Regengüsse prasselten und sie des Nachts frostklappernd im Wasser lagen. Rascher humpelten die Fuß- und Fieberkranken.

Ach, vor ihnen im Westen ragten hohe, steile Berge aus der Ebene empor und standen wie eine Sperrmauer vor dem heißersehnten See. Lang und leidvoll wurden ihre Gesichter. Aber sie erkletterten die Mauer und warfen auf dem Gipfel enttäuscht sich hin, denn es ging wieder in die Tiefe und über neue Bergketten und Felsmauern.

Der Alte flüsterte Fatima ins Ohr: »Du flinke Eidechse, laufe auf die Höhe und melde, was du siehst!«

Die Dirne sah zuerst den See, warf die Arme hoch und sang: »Tanganjika, Tanganjika!« Alle stürmten bergan, und wie mit einer Stimme riefen sie in Entzücken und außer sich: »Tanganjika, Tanganjika!« Halbwilde Träger klatschten in die Hände und umarmten sich, die Askaris jauchzten, vom Ende der Mühsal, vom hehren Anblick ergriffen: »Das große Wasser, das große Wasser!« Und das hundertstimmige Tanganjika klang wie ein Hymnus, ein Dankpsalm, ein Tedeum. Es war dieselbe Inbrunst und Ergriffenheit, mit der die zehntausend Griechen Xenophons ihr Thalatta, Thalatta schrien, als sie das herrliche, heimatliche Meer erblickten. Was muß das für ein großer Augenblick gewesen sein, als der erste Europäer den Tanganjika entdeckte, denn ein wahrhaft grandioses, erhabenes Landschaftsbild bietet dieser schönste aller afrikanischen Seen in seinem tiefen Bergbett dem staunenden Auge. Ein leichter Dunst umwob die Berge am Westufer, wie ein Binnenmeer dehnte sich die glitzernde, grenzenlose Wasserfläche gen Norden und Süden.

»Welch herrliches Land, welch Kleinod haben wir in unsrer geschmähten Kolonie!« rief Erbenheim und hob vor der Größe der Natur seine Hände. »Das sind die Alpen und der afrikanische Bodensee Neudeutschlands, den unsre Enkel zur Erholung besuchen und ihre Dichter besingen werden. Als noch haushohe Ungeheuer, Saurier und Echsen von Mammutgröße durch baumstarke Sumpfgläser stampften und die Mutter Erde kreiste und eine neue Kreatur gebar, als die Vulkane rauchten und der Kilimandjaro aus der Feueresse tauchte, senkte sich ganz Mittelafrika, die ausgebrannten Feuertiefen füllend, und der sogenannte einige hundert Meilen lange, zentralafrikanische Graben, ein Gigantenwerk göttlicher Urgewalten, entstand, aber der Tanganjika ist eine seiner tiefsten Tiefen, ein gewaltiges Wasserbecken zwischen hohen Bergmauern.«

Der alte Pfadfinder zeigte mit dem Daumen und schielte mit dem verkniffenen Auge. »Donnerwetter! Der weiß alles, was während und vor der Erschaffung der Welt passierte... wie heißt doch noch der olle, afrikanische Herodot, der den Kilimandjaro auftauchen und den Tanganjika versinken sah und alles hübsch gruselig auf einer Papyrusrolle beschrieb?«

»Der zuverlässige Geschichtsschreiber und Herodot jener Äonen ist die Erdrinde, auf ihren Blättern und Schichten sind alle Kämpfe und Katastrophen der kreisenden Erde unvergänglich eingezeichnet worden.« Erb sprach mit Ernst und Ergriffenheit.

Die Europäer betrachteten stumm und feierlich die Majestät der Berge und die Schönheit des Süßwassermeeres. Die Schwarzen sogar schrien nicht mehr, sondern flüsterten nur in Ehrfurcht vor dem großen Wasser.

Keiner fühlte den Schmerz der Knie beim Abstieg, selbst der Faule eilte, und der Lahme hüpfte. Ein tiefes, dumpfes Brausen klang immer deutlicher und drohender ans Ohr, je mehr man der Ebene am Fuß der Berge sich näherte, ein Brausen und Brechen, wie an der Küste des Ozeans, wenn man sie noch nicht sieht und schon hört. Es war der See, der wie das Meer spricht und wie die See wild in weißer Wut toben kann; der Tanganjika hat seine brausenden Wellen, seine gischtenden Brecher, sein dumpfes Brandungsgetöse.

Die Safari war nach vielen Monaten am Ziel und warf vor der Station Udjidji am See die Lasten ab. Die Häuser der Station waren kaum durch ihren Bau, wohl aber durch ihre Sauberkeit von Negerhütten zu unterscheiden, waren Holzschuppen und -hütten mit einem Dach von Gras und Ried. Die größte und schönste Hütte – der sogenannte Regierungspalast – hatte vier Fenster, deren Rahmen mit Pergamentpapier verklebt waren, und diente dem Stationsleiter, dem liebenswürdigen Leutnant von Bilsing, als Dienstwohnung, Dienstbureau, Munitions- und Vorratsraum. Dieser Palast und vier ähnliche Schuppen bildeten die Boma und waren durch eine Palissadenwand von unbehauenen Baumstämmen, deren Astlöcher und Ritzen Schießscharten genannt wurden, befestigt.

Die Weißen begrüßten sich wie alte Freunde, obgleich sie sich noch nie gesehen hatten. Das ist ein menschlich schöner Zug in dem oft so unmenschlichen Afrika: Wenn zwei Deutsche im Innern sich begegnen, so herrscht sofort eine warme, wahrhafte Herzlichkeit zwischen ihnen, daß sie einander helfen in Kampf und Krankheit, in Not und Tod.

Die Einsiedler der Station, die alle Jahre einmal Gäste sahen, feierten ein Fest. Doppelte Rationen wurden verteilt, die Träger schmausten und schwatzten und erzählten ihre gewaltigen Heldentaten. – –

In den Sümpfen am See flatterte und schnatterte ein Gewimmel von Vögeln. Erb nahm seine Flinte, um einen frischen Braten zu holen, und nach der bequemen Jagd ein Bad im See, wobei er auf Krokodile verteufelt acht gab. Nach dem Bade saß er in Adamskostüm auf einem Stein, um ein Abendsonnenbad zu nehmen, bis eine grobe Stimme aus der Ferne ihn anschrie.

»Du bietest ja den Anophelesmücken eine breite Angriffsfläche, du jagst »forchtlos« und unverfroren in den Malariasümpfen, du willst wohl mit Gewalt in Udjidji ohne Arzt und Pastor sterben?«

Drüben bei der Station fiel ein Schuß, ein Auflauf und Geschrei deutete auf ein Unglück. Der Askari Benhammi wälzte sich in seinem Blut, und Erbs Boy lag mit dem Gesicht auf der Erde und weinte.

Simba hatte nämlich das Wildbret neben den Kochsteinen hingeschmissen, als er Fatima am Strande Steine werfen sah, hatte schnell die Flinte an einen Baum gestellt, um mit ihr flache Steine über das Wasser hüpfen zu lassen. Trotz seiner achtzehn Jahre war er ein Kind und ein Spielknabe, wie alle Neger. Das gräßliche Unglück geschah. Benhammi hatte einen Topf Wasser geholt, rannte eilig an dem Baume vorbei und riß die angelehnte Flinte um – der Schuß ging los, ging durch die Halsschlagader des Askari, der trotz schneller Hilfe verblutete.

Jobst stellte mit einem Griff den weinenden Boy auf die Beine und fluchte: »Der infamigte, faule Bengel soll bei Todesstrafe die Flinten sichern. Zwanzig mit der Nilpferdpeitsche soll er auf der Stelle haben. Profoß!«

Simba wischte sein schwarzes Gesicht und sagte gefaßt: »Zwanzig? Nein, Bana, gib mir vierzig Schläge, ich hab's verdient.« Der Negerbursche hatte ein Gewissen, fühlte sich als Mörder und wollte seine Schuld sühnen.

Der Oberleutnant winkte dem Askari, der schon die Lederpeitsche grinsend hielt, und begnadigte den zerknirschten Sünder. Aber der Tote hatte eine Frau oder ein Frauenzimmer, das sich jetzt seine Witwe nannte, neben der Leiche lag und zwar keine Wehklage, sondern eine wütende Anklage erhob und mit keifender Stimme lamentierte: »Dieser Boy hat mir meinen lieben Mann getötet, soll mir meinen Ernährer mit Geld ersetzen und eine große Mannbuße zahlen, oder ich kratz' ihm die Augen aus... mein Benhammi war gut und schlug mich nur einmal in der Woche.«

»Wie wert und teuer war dir dein Seliger? Wie hoch hast du ihn geschätzt?« fragte Jobst mit ernster Miene.

»Ich schätze ihn auf fünfhundert Rupien,« rief die Witwe und nahm den Mund voll, um möglichst viel zu bekommen.

Da die Askaris auf einer Mannbuße bestanden, wurde Simba zu einer Geldsühne von zweihundert Rupien verurteilt, die er ratenweise zu zahlen habe. Ach, sein ganzer Lohn ging in die gierig schmierigen Hände der trauernden Witwe, die schon am nächsten Tage einen Askari als Ersatzmann nahm; ein paar Jahre lang war er ein Sklave, der für das Weibsbild arbeiten mußte. Jetzt war ihm jede Möglichkeit, durch ein schönes Geschenk Fatimas Herz zu gewinnen, genommen. Der schwarze Jüngling wurde so verzweifelt, daß er an Selbstmord dachte und schluchzend von Fatima Abschied nahm. »I–ich w–will im See baden ... und schwimmen d–da o–oben l–links ...«

»Wo die Krokodile sind ... bist du verrückt?«

»D–denke zu–zuweilen an mich, wenn ein Kr–krokodil mich gefressen hat.«

Sie wurde nicht sprachlos, sondern äußerst resolut, packte ihn an seinem einzigen Ohrläppchen und zerrte ihn zum Zelte des Herrn. »Du bist verrückt, man muß dich binden, bis dein Gehirn gesund wird.« Nein, sie wollte auf keinen Fall Simba, der ihrer Eitelkeit schmeichelte und ein nützlicher Diener war, durch Selbstmord verlieren. »Du bist doch zu brav, um gefressen zu werden.«

Ihre Worte und das Kneifen ihrer Finger waren ihm so wohltuend, daß er den Selbstmord sofort aufgab. Am nächsten Tage spielte er mit ihr und schleuderte Steine nach einer im Wasser lauernden Krokodilnase.

Die Träger und Askaris erholten sich bei der Rast und Mast; es gab hier leckre Fische, welche die Einheimischen bei Fackellicht fingen. Bald aber wurden einige von der bösen Malaria befallen. Der wackre Sanitätsrat fütterte alle mit Chinin und nahm auch selber tüchtige Portionen, um sich zu immunisieren.

Ach, eines Morgens lag der Brave im Schüttelfrost, und – was das Schlimmste war – er war immun, nicht gegen die Malaria, sondern gegen die Chininwirkung, das Zeug, an das sein Körper allzu gewöhnt war, schlug gar nicht an. Als sein Urin schwarz und sein Geist irre wurde, schüttelten die Offiziere den Kopf und fragten ihn in einem klaren Augenblick wehmütig, ob er einen besonderen Wunsch habe.

Der schlichte Mann sah sie fest an mit den hohlen Augen. »Ich weiß, ich habe Schwarzwasserfieber... wenn ich tot bin, soll man mein Herz nehmen, sorgfältig präparieren und nach Deutschland senden, damit es im Grabe meiner Mutter beigesetzt werde.« Der letzte Gedanke, die letzte Sehnsucht des Sterbenden war seine Heimat und seiner Mutter Grab. Dort war sein Herz geblieben und wollte es Ruhe finden.

Auch dieser Sanitätsunteroffizier war einer von jenen Pionieren, die ein Neudeutschland uns erstritten, einer jener afrikanischen Helden, die in Fieberglut vergingen, in Sonnenbrand verdursteten, an Wunden verbluteten, einer von jenen unberühmten Helden, die, vom Vaterlande völlig unbeachtet, weder Stern noch Kreuz bekamen und mit hundertmal mehr Recht einen hohen Orden verdient hätten, als jene hohen Herren, die für Nichtigkeiten oder für fünfzig Dienstjahre, die Gott ihnen schenkte, erdiente, erdienerte oder erdinierte Auszeichnungen empfingen.

Nach dem Begräbnis des Braven sagte Simba weise: »Nun wo wir keinen Doktor und Dauamann haben, wird keiner mehr krank werden.«

»Ei, du Esel, ich hör' dich heulen, wenn das Zahnweh in deiner Backe bohrt und brennt. Ich hexe es dir zur Strafe für alle deine Frechheiten an.« Fatima blies über seine Backe hin und lachte boshaft, denn der Bursche wurde grau im Gesicht, weil er schon beim Durchbruch des Weisheitszahns schlimme Qualen gehabt und daher vor dem Zahnweh ein Grauen hatte. Der Abergläubische legte sich aufs Bitten und Flehen. »Kleine, liebe, süße Fatima, hexe mir nichts in die Zähne, bitte, bitte! Wenn du durchaus mich bestrafen mußt, so blase mir mit deinem Fetisch eine andere Krankheit an, Bauchgrimmen oder Kopfweh, aber, bitte, möglichst wenig!« Wo der Aberglaube anfing, war der Mutterwitz des Burschen zu Ende.

Die schöne Hexe spitzte spöttisch die Lippen, als wenn sie blasen wolle. Schleunig schrie Simba: »Ich schenke dir ein seidenes Kopftuch und einen Schmuck, wenn du...«

»Du armer Hungerschakal, du hast ja keinen Heller an der Geldschnur, und dein ganzer Lohn wird von dem dicken Weibe des Benhammi in Ziegenfleisch verschmaust, in Pombe vertrunken.«

Simba schnitt eine höchst schmerzliche und dann eine höchst verschmitzte Grimasse und flüsterte vertraulich: »Schwöre mir bei deinem Fetisch oder Götzen, daß du es keinem sagst!

Mein guter Herr schenkt mir außer dem beschlagnahmten Lohn zehn Rupien im Monat, um mich in seinem Dienste zu halten und meine Treue zu belohnen.«

Die Geschichte klang glaubwürdig und war der Güte des Herrn von Erbenheim zuzutrauen.

Kitumbua, nur mit der Askarijacke bekleidet und sonst splitternackt, hockte auf einem Stein und wartete geduldig, bis die Sonne seine Wäsche trocknete, machte aber plötzlich aufgeregte Gesten und zeigte auf den See hinaus. Ein lebhafter Frachtverkehr ging auf Einbäumen, Rindenböten und arabischen Dhaus hin und her. Der tapfere »Eierkuchen« in seiner drastischen Uniformierung gestikulierte. Vier Böte kamen über den See und auf Udjidji zu. Das war nichts Neues, aber der Askari mit seinen Seeadleraugen sah schon die Insassen der Böte und schrie: »Banas in Uniform... Effendis sitzen im Boote, belgische Effendis.« Er stammte ja aus dem Kongo und kannte die Montur der belgischen Offiziere. Im Kongostaate regierten diese Herren, und von ihren grausamen Methoden, um die Neger zu Kautschuklieferungen zu zwingen, gingen böse Gerüchte. Simba rannte mit der Neuigkeit zu dem Oberleutnant F. Dieser und sein Kamerad von Bilsing warfen sich in ihre beste Uniform, um das deutsche Reich geziemend zu vertreten.

Kitumbua, dessen Hose noch nicht trocken war, schnellte wie ein Hampelmann hoch, stand – unten ein nackter Nigger, oben ein uniformierter Askarisoldat – sehr stramm vor seinem Leutnant und salutierte. Ein urlächerliches militärisches Bild! Man jagte diesen Repräsentanten des Deutschen Reiches schleunigst von dannen.

Die Offiziere begrüßten und präsentierten sich, die deutschen ein wenig steif, förmlich-freundlich, die belgischen mit gallischer Grazie und Geziertheit. Die Kongoherren, die einige weiße und viele schwarze Begleiter hatten, nahmen die Gastfreundschaft mit überschwänglichem Dank an und erzählten kurz, daß sie einen Heimatsurlaub angetreten und den Weg durch Deutschostafrika gewählt hätten. Es fiel auf, daß acht ihrer Leute verbunden waren und ein Offizier am Stock humpelte und um Verbandszeug bat.

»Haben die Herren Kameraden Orlog mit den Eingeborenen gehabt?«

» Eh bien«, sagte der Kapitän und sah seine Offiziere an, »kleine Emeuten und Scharmützel finden ja immer statt, die Kongoneger sind vielfach Kannibalen ... man muß ja ab und an ein paar der Kerle abschießen, um die Tiere in Respekt zu halten.«

»Auch die Menschenfresser sind Menschen,« sagte der humane Bilsing.

Der Kapitän lächelte eisig. »Der tiefstehende Neger mit seinem rein tierischen Triebleben ist kein Mensch ... der Weg vom Kongokannibalen zum Gorilla ist weit, weit kürzer und die Verwandtschaft beider weit größer, als der Weg vom nackten Neger zum modernen Kulturmenschen ... der Schwarze steht dem Tiere näher als dem Europäer.«

»Nein, nein!« rief Bilsing, »der am allertiefsten stehende Nigger hat Verstand und Sprache, ist Mensch und hat Menschenrechte.«

Der Kapitän verneigte sich verbindlich und verließ das Thema.

Wo immer deutsche Offiziere einen Anlaß dazu finden, werden sie ihren Drill und Parademarsch zeigen. Die Askaris mußten exerzieren und paradieren, taten, wie gelehrige Pudel, ihr Bestes und machten mit viel Lust und Präzision ihre Soldatenkünste. Donnerwetter, das kloppte und klappte! Wie eine Maschine, wie Drahtpuppen, die ein Druck bewegt, schnurrten die Kerle.

Die Belgier flossen auswendig von Lob und inwendig von Neid über und fragten naiv, wie man aus den dickköpfigen, dummen Negertieren solche Soldaten gemacht.

»Durch strenge Disziplin, viel Geduld und ein wenig Wohlwollen,« lautete das Rezept.

Ein Kongoleutnant äußerte kindlich: »Ihre Leute desertieren und meutern wohl oft?«

»Meutern?«

»Ja, bei der strengen Zucht werden doch fünfzig Prozent fortlaufen...«

»Einige laufen wohl fort, aber Meutern ist ja eine Unmöglichkeit.«

Die belgischen Herren blickten sich an und mieden das schmerzliche Thema.

Als nämlich ihre schwarzen Soldaten mit den deutschen Sudanesen verkehrten, sickerte die Wahrheit und die wirkliche Ursache des Heimurlaubs bald durch. Die Kongoaskaris jener östlichen Station hatten – angeblich wegen Mißhandlung – ein paar weiße Sergeanten niedergeschossen und Aufruhr gemacht. Die Meuterer waren in der Mehrzahl, hatten die Station belagert, und die armen Offiziere wußten keinen anderen Ausweg, als mit den Aufrührern zu verhandeln und einen schmählichen Vertrag zu schließen, so daß sie mit den treu gebliebenen Leuten freien Abzug erhielten, aber die meisten Vorräte und fast alle Munition den Meuterern ließen. Die deutschen Herren grifflachten nicht, als die Belgier ihren merkwürdigen Munitionsmangel damit erklärten, daß in der schweren Regenzeit das Wasser in den Schuppen gedrungen und ihr Pulver verregnet und verdorben sei.

Jobst ließ das große Auge stille stehen und sagte voll Teilnahme: »Es ist eine verhagelte Situation, wenn einem das Pulver verregnet.«– – –

Oberleutnant F. hatte nach seiner Instruktion die Station Udjidji zu verstärken, die Grenze der Kolonie bis zum Nyassa zu bereisen und durch eine neue Station zu sichern. Er mußte hier die beiden Pfadfinder ablohnen und dankte Jobst Renner herzlich.

Der Kapitän der Belgier saß auf einem Liegestuhl und schnarrte: »He, kommen Sie mal her, Monsieur Renner! Wollen Sie mit uns zur Küste reisen?«

Jobst steckte absichtlich beide Hände in die Taschen der Joppe und schlenderte heran. »Wir beide wären eventuell dazu bereit, wenn die Bedingungen...«

»Wir brauchen nur einen Führer, nur Sie.«

»Dann gehen Sie mit Gott... wir sind nämlich unzertrennlich, wie die siamesischen Zwillinge.« Jobst kehrte sich kurz um.

» Un moment, monsieur! Ich bitte nicht zu vergessen . .. Sie und der junge Monsieur müssen sowieso nach der Küste zurück... die Konjunktur benutzt man doch ... auf der Rückreise zahlt man den Trägern nur halben Lohn.«

In dem Vergleich lag eine Beleidigung. Der Alte hatte einen lauernden Blick. »Wieviel bieten Sie?«

» En bien! Sagen wir zehn Rupien... dix par mois pour vous, pour vous

Alles Anstößige sagt man am besten auf französisch.

»Und fünf Rupien für meinen Neffen?«

»O nein, dem möchte ich nichts geben.«

»Bieten Sie mir zweitausend Rupien im Monat und dem Herrn von Erbenheim eintausend,« sagte Jobst freundlich lächelnd. »Bieten Sie es mal! Ich bitte Sie.«

Das gallische Geblüt wallte auf. » Maudit! Bin ich ein Narr? Oder sind Sie's?«

»Die letzte Frage kann ich bestimmt verneinen ... bieten Sie ruhig zweitausend ... Sie würden uns dafür nicht als Führer bekommen.« Jobst stopfte seine Pfeife und ging.

Der Oberleutnant F. lachte und lobte leise. »So liebe ich den Deutschen! So sollte der Deutsche im Auslande sein ... auf seiner Stirn müßte es stehen, aus seinem Munde müßte es schallen: Civis germanus sum! Aber ach, er plappert miserables Englisch und kopiert den Englishman, nur nicht des Briten Nationalstolz und Selbstbewußtsein.«

Er war dem Herrn Renner so wohlgeneigt, daß er ihm aus den Beständen des Verkaufsmagazins zwölf Gewehre vom Modell 71 und genügende Munition verkaufte, auch Messer, Messingdrähte, Stoffe, Glasperlen und andre Tauschwaren.

Die Belgier packten ihre Lasten und zeichneten die Route, die der Oberleutnant F. ihnen angab, in ihre Karte hinein. Simba ging ihnen beim Packen fleißig und aus freien Stücken zur Hand; großmütig gaben sie ihm zehn Heller Trinkgeld, die er fassungslos betrachtete. »Herr, soll ich das alles haben?«

Der Spötter steckte die Heller in die Tasche und rief, als es dunkel wurde, Fatima aus dem Zelte. »Komm und schau die schönen Feuer auf dem See!«

Wunderhübsch war die Illumination, überall auf der Wasserfläche glitten rot flackernde Feuer wie große Leuchtkäfer, wie riesige Irrwische hin, schienen auf dem schwarzen Wasser zu schwimmen und beleuchteten die nackten Gestalten der Fischer im Nachen.

»Die dummen Fische gewahren den hellen Schein und flitzen neugierig heran, um möglichst nahe das lustige Flammenspiel anzugaffen,« sagte Simba belehrend, »die Männer im Boot sehen beim Fackelschein sofort die fürwitzigen Fische und heben, hast du mich gesehen, die Gaffer mit dem Netze ins Boot.«

Fatima beobachtete entzückt die herrlichen Lichtreflexe auf der schwarzen Fläche des leise atmenden Sees, über dem der funkelnde Tropenhimmel stand. »Ei, eine lustige Sache! Ich möchte alle Nacht fischen und silberne Flossen greifen.«

»Du bist schon eine Fischerin,« raunte der schwarze Jüngling, »und ich ein dummer Wels, der dir ins Garn ging.«

»Geh, du Wels, ich habe dich nicht gefangen...«

»Doch, denn du hast Feuer in den Augen und Flammen ... ich schaute danach und gaffte und vergaffte mich.«

»Schweige! Ich will singen und träumen.« Und sie trällerte im Singsang der Neger immer wieder die Worte:

»Einen seltenen, feinen, fremden Fisch mit blauen Augen und weißen Flossen möchte ich greifen und garnen.«

Ein gräßlicher Argwohn, eine erschreckende Eifersucht dämmerte zum ersten Male in der Seele des Negers, der ihren Arm kniff. »Du! Singst du von einem weißen Mann mit blauen Augen?«

Sie schrie auf vor Schmerz und schlug nach ihm. »Laß mich, du Pavian! Ich will allein sitzen und sinnen, denn ich habe eine große Sehnsucht... aber nicht nach dir.«

»Fatima,« stieß er hervor und steckte die Hand in seine Tasche. »Ich habe ein seidenes Tuch für dich, aber du darfst nicht sagen, daß ich es dir gab, denn ich darf doch kein Geld haben um der Vettel willen.«

Es war ein großes, grellbuntes Seidentuch, wie es in Bazaren von Arabern gekauft wird; gierig griff sie danach, und nach genauer Schätzung seines Werts schlang sie es wie einen Turban um ihr Haar. »Steht es mir? Bin ich schön?« »Ja, wie eine Krone sitzt es ... du bist eine Königin ... ach, warum bin ich nicht ein Prinz...«

»... Sondern ein Pavian geworden?« kicherte sie, bereute aber ihre Bosheit und dankte herzlich, nachdem sie vorsichtig gefragt: »Du hast es doch gekauft? Und ich darf es behalten?«

»Ja, ja! Zum Danke darf ich dein Ohr küssen, nach unsrer Abmachung.«

Fatima wieselte hinweg, wippte und wiegte sich und war wie ein Mädchen, ein Märchen aus Tausend und einer Nacht.

Er eilte ihr nach, wie die Motte dem Licht, und begehrte seinen bescheidenen Ohrkuß.

Sie machte aber Ausreden und Ausflüchte. Da hielt er etwas in der geschlossenen Hand. »Ich habe noch Schöneres... schau her! Eine goldene Kette... die geb ich dir für einen Kuß auf den Mund.«

Das gleißende Gold war allzu verlockend, sie feilschte aber; denn es war ihr ein reines Geschäft. »Nicht und nie auf den Mund! Gib die Kette und küsse mich aufs Ohr!«

Er war durch Schaden klug geworden. »Nein, erst den Kuß und dann die Kette!«

»Gut, mach schnell!«

Sie streckte die Hand aus und hielt ihm ihr kleines Ohr hin. Als Simba die wulstigen Lippen breit machte, um mit viel Genuß zu schmatzen, riß sie ihm die Kette aus der Hand und rannte davon. »Wie hat's geschmeckt?«

»Nach mehr, viel mehr... es war nur ein Mundgeschmack.« Die flüchtige Berührung hatte den Heißhunger und Heißdurst seiner Seele und Sinne nur vermehrt.

»Uh, uh, ein kalter Frosch beschnoberte mein Ohr.« – Simba, der Meisterschnarcher, konnte in der Nacht nicht schlafen. Quälte ihn die Liebe oder eine Angst? Gegen Morgen lauschte er dem Lärm im Lager der Kongogäste, die um fünf aufbrechen wollten, und schlief befriedigt ein – bis Fatima seine große Zehe gräßlich mit den Nägeln kniff, weil er gar nicht zu wecken war. Sofort nach dem Frühstück bat er seinen Bana um die Erlaubnis, mit der Köderangel zu fischen. Mit einer Eile, die gegen seinen sonstigen Schlenderschritt abstach, verließ er die Station, um Köder zu suchen.

Die Dirne wusch sich die Hände – jetzt wohl sechsmal am Tage, weil ihr Herr das Waschen mit Wohlgefallen vermerkte – und servierte das Frühstück. Die frische Milch, die hier zu haben war, der feine Bratfisch, der eine Kupfermünze kostete, mundeten ausgezeichnet.

Erb war in bester Laune, sah, daß die Dirne sich in ihrem Aufputz bemerkbar machen wolle, und lachte in sich hinein, ohne einen Blick auf sie zu werfen. Die blanke Kette war natürlich wohlfeiler Messingtand, aber das seidene Kopftuch hatte einen Batzen gekostet. Pfui Spinne! Ein häßlicher Verdacht stieß in ihm auf. »Du! Hat einer der weißen Herren dir das Tuch geschenkt?«

Ihr offnes Auge, ihr helles Lachen zeigte, daß sie die Andeutung gar nicht verstand.

»Ein weißer Herr war es ganz gewiß nicht.«

»Du hast dein bißchen Geld dem Inder gegeben, um dich fein zu machen?«

Sie hörte nur ein Wort von allen. »Bin ich fein?«

»O ja, es steht dir. Für wen machst du dich heute so hübsch?« Schnell und hell antwortete sie: »Heute und allzeit für meinen Herrn!«

Ein angenehmes, mit einem Gränchen Eitelkeit gemischtes Gefühl beschlich ihn; aber just darum befahl er ihr kurz, seinen Kakao zu bringen.

Die belgische Safari war noch nicht fort, sondern suchte und kramte in den Lasten, ja alle Leute traten zum Appell an, und die Offiziere fuhren den Kongoträgern und -kriegern in die Ledertasche und den Rucksack hinein, betasteten Schurz und Wollhaar – wie in den Diamantminen – fuchtelten mit der Peitsche und fluchten grauenhaft.

Der heißblütige Kapitän schrie außer sich: »Der Dieb muß unter den Deutschen sein.«

Leutnant von Bilsing faßte an seinen Degen und trat hastig vor. »Was sagten Sie, mein Herr?«

»Ich meine, unter den Schwarzen der Deutschen muß der Dieb gesucht werden.«

Erb trat bei dem Lärm vor die Hütte. Fatima brachte heißes Wasser zum Rasieren. Der Kapitän fuhr wie ein wütender Bulle vorbei, stutzte glotzend und brüllte, das Mädchen packend und schüttelnd: »Da ist die Diebin ... die meine gestohlene Uhrkette dreist am Arme und das seidene Tuch, das mein Leutnant vermißt, auf dem Kopfe trägt. Eine grenzenlose Frechheit! Das Weibsbild muß ausgepeitscht werden... ich ließe sie totprügeln.«

Die Dirne hatte das heiße Wasser verschüttet, ihren Fuß etwas verbrannt und stöhnte, mit starren Augen ihren ebenso starren Herrn anstierend.

Der Kapitän riß ihr das Tuch und die Kette vom Körper und zeigte beides schadenfroh triumphierend dem Oberleutnant: »Ich will beweisen, daß beides unser Eigentum und diese deutsche Dienerin eine Diebin ist.«

Der Oberleutnant geriet ob der deutschen Blamage in Zorn, puffte Fatima und schrie nach dem Profossen. »Auf der Stelle sollen ihr 25 Hiebe verabfolgt werden in Gegenwart der geschädigten Herren. Wir üben schnelle Justiz...«

»Aber keine überstürzte ohne Verhör und Untersuchung,« sagte Herr von Erbenheim eisig. Fatima, stier und stumm, als habe sie vor Entsetzen die Sprache verloren, schaute ihren Herrn mit irren Augen an. Er zog sie in die Hütte und sprach hinter sich. »Ich werde sie zum Geständnis bringen... hat sie gestohlen, soll sie ihre Hiebe haben.«

» Ah, excusez – moi, monsieur! Die Diebin... die Dame steht Ihnen näher, als ich wußte,« rief der Kapitän mit einem schmutzigen und boshaften Lächeln.

Erb verriegelte die Tür, um ungestört die Wahrheit zu erfahren. Das Mädchen brach zusammen und lag wie ein Häuflein Unglück zu seinen Füßen. »Hast du in unstillbarem Gelüst die Kette genommen?« Ihr Schweigen als Schuld deutend, schrie er: »O, du hast es getan! Das tut mir so weh, so weh ... Fatima... Fatima...«

Da hatte sie die Sprache wieder und den klugen Verstand. »Nein, nein, Simba hat beides gestohlen und mir geschenkt. Würde ich so dumm sein und das Gestohlene ganz offen tragen, wenn ich von dem Diebstahl etwas geahnt hätte?« Jetzt war sie wieder das gescheite Kind, das mit einem schlagenden Argument sich entlastete.

Erb wurde im plötzlichen Umschwung von Furcht zur Freude so glücklich, daß er sie aufhob, in seinen Stuhl setzte, sanft streichelte, mit gütigen Worten beruhigte und nach den Einzelheiten befragte. Dann stürzte er hinaus und stand frohlockend vor dem Oberleutnant.

»Wir hätten um ein Haar einen Justizmord begangen, Simba ist der Schuft. Würde sie das Gestohlene offen tragen, wenn sie eine Diebin oder Hehlerin wäre?«

»Al–ler–dings,« sagte der Oberleutnant F. gedehnt.

Simba hatte die Abreise der Belgier abwarten wollen und kehrte mit drei barschartigen Fischen unverfroren zurück. Es war verboten worden, ihn zu bedeuten, damit er sich nicht aus dem Staube mache. Als er aber mit Gepfeife ankam, wurde Fatima von ihrer wilden Natur und Wut übermannt. Wie eine Wildkatze sprang sie auf ihn, würgte seinen Hals, riß sein Haar und kratzte seine Wange. »Du Schakal, du Scheusal, du Spitzbube hast mich zum Diebe gemacht!«

Er schützte nur sein Gesicht mit den Händen, schluchzte verzweifelt und wehrte sich nicht, weil sein Schuldbewußtsein ihn vernichtete. Die kleine Furie hätte den Burschen ins Ohr gebissen, wenn ihr Gebieter sie nicht hinweggerissen, geschüttelt und gescholten hätte. »Fatima, pfui, pfui! Ich bin dir sehr böse! Geh', du Kratzbürste, ich will dich nicht sehen.«

Das Mädchen war sofort wie versteinert, ging hinter das Haus und raufte sein schwarzes Haar.

Erb nahm seinen Boy unter vier Augen in Verhör. »O, was hast du getan, dir und mir angerichtet! Bekenne! Hast du Kette und Tuch gestohlen?«

»Ja, ich fand es ...«

»Nein, du stahlst es! Gab ich dir nicht alles Nötige? Warum bist du zum Räuber geworden?«

»Herr... es war ein Befehl Allahs...«

»Du willst noch lästern, du Bube?«

Simba weinte dicke Tränen. »Es war ein Befehl Allahs, daß ich Fatima lieben mußte ... weil ich sie liebte, mußte ich ihr gefallen ... und um ihr zu gefallen, ein Geschenk ihr machen. Da ich aber sehr arm war und ihr etwas schenken sollte, mußte ich die Kette stehlen.«

Der Herr konnte es nicht übers Herz bringen, diese Negerlogik mit dem Kiboko auszutreiben, sondern sagte milde: »Das sind nicht Befehle Allahs, sondern Einflüsterungen des Gottseibeiuns... wenn du je wieder solche Befehle des Teufels befolgst, muß ich dich zum Teufel jagen. Simba, du tust mir leid, aber deine verdiente Strafe mußt du leiden ... die Stockhiebe werden dir nicht geschenkt werden.«

»Bana, lieber Bana, sage ihnen, daß sie mich totschlagen, denn Fatima haßt mich und mein Herr verabscheut mich. Ich will sterben! Ja, es war ein Betrug des Teufels ... ich bin zu dumm, daß mich die Sonne bescheine.«

Erb wollte der Prügelprozedur nicht beiwohnen, lauschte mit Aufregung auf die Geräusche draußen vor dem Hause und wartete mit Abscheu auf das gellende Geschrei des Delinquenten. Aber kein Schrei ertönte, denn Simba biß die Zähne zusammen und nahm seine Hiebe ohne einen Schmerzenslaut.

Der Herr kühlte und verband den Rücken seines Dieners und schimpfte weidlich auf das in Afrika beliebte, barbarische Prügeln und Auspeitschen.

Es hörte sich zu urkomisch an, als der geprügelte Simba dieser Humanität widersprach: »Nein, Bana, das verstehst du nicht, die Rückensalbe juckt noch und geht durch die Haut und ist das allein Wahre für den schwarzen Mann, jede andre Strafe läuft von dem Neger ab, wie das Wasser von der Gans.«

Jobst brüllte vor Lachen.

Als der Abend über den Tanganjika sich senkte und die Steine aufflammten, träumte Erb im Liegestuhl. War jemand im Zimmer? Fatima berührte mit der Stirn die Erde, wie eine Büßerin, und fragte: »Will mein Herr mich nicht mehr sehen vor seinem Auge? So will ich mich im See begraben.«

Erb nahm ihre Hand, zog sie auf die Füße empor und hielt ihr eine Moralpredigt. »Ein Weib darf nie die Knie vor einem Manne beugen.« Die Orientalin verstand die Rede nicht. »Eine rechte Frau wird Stolz und Sanftmut zeigen, wird nie eine wütige Wildkatze, ein kratzender Pavian werden, denn der Zorn verzerrt das Gesicht und macht die schönste Frau sehr, sehr häßlich.«

Diese Ethik hat Fatima sofort begriffen und so sehr beherzigt, daß sie, um schön zu sein, ein Madonnagesicht zu machen versuchte und vor Sanftmut die Augen verdrehte. Aber das engelhafte Gesicht wirkte grotesk, wenn sie aus der Rolle fiel und die funkelnden Lichter den armen Simba mit Haut und Haar verschlangen.

Wochenlang würdigte sie ihn keines Worts, bis der Herr die Seelennot seines Dieners sah und zu ihr sagte: »Du willst doch eine Christin werden ... ein Christ muß nicht nur seinem Feinde vergeben, sondern sogar seine Feinde lieben.«

»Nein, Bana, lieben kann ich den Schlingel nicht, aber vergeben will ich ihm, weil du es sagst.«

Fatima ging hin und gab dem Burschen den ersten Beweis ihrer neuen Huld, indem sie ihm ihr Bündel auflud.

Der verliebte Neger grinste glücklich. »Hast du nicht mehr? O, ich wollte, daß deine Füße ganz wund gelaufen wären ...«

»Du gottloser Bengel! Der grauenhafte Wunsch ist dein Dank.« Ihre Finger krallten sich schon – es fehlte nicht viel.

Schleunig aber schrie er: »Ich meine ja nur, dann würde ich dich tragen den ganzen Weg, und die Last würde meine Lust sein.«

»Ich will dir schon Lust und Last machen,« drohte die schwarzäugige Madonna. –

Der alte Afrikaner brach mit seiner neu gebildeten Handelssafari auf, nachdem er noch mehr Waren und gegen das Versprechen, über Ruanda zu berichten, weitere zehn Gewehre Modell 71 gekauft hatte. Nützlichkeiten und Narreteidinge, welche der Neger liebt, füllten die Lasten.

Jobst knüpfte Rock und Hemd auf, holte seine Bank hervor, zählte Geld hin und sagte zu seinem Neffen: »Na, willst du nicht einschießen, was du hast? Man her damit! Den Rest zahle ich. Kumpani ist zwar Lumperi, aber du bist mein Freund, ja sozusagen mein Fleisch und Blut... darum gründen wir hiermit eine zentralafrikanische Handelskompagnie Renner und Erbenheim, wir zwei sind die beiden Sozii, die ihr Geld hineinstecken. Auf Halbpart, ohne Flausen und Fisimatenten, der etwaige Reingewinn wird ehrlich zwischen uns geteilt zu gleichen Teilen.«

»Nein, das wäre eine Unehrlichkeit, eine Übervorteilung ...«

»Du fühlst dich also übervorteilt?«

»Nein, diese Übervorteilung meines Onkels darf ich nicht dulden. Ich gebe meine paar Kröten hin, und du wagst tausende, und dann Teilung, ein solches Geschäft verstößt gegen die guten Sitten.«

»Du hättest deine guten Sitten und deine moralische Entrüstung in Deutschland lassen sollen... du wirst es in der Welt nicht weit bringen mit so schlechten Grundsätzen. Weißt du, ob wir einen Heller gewinnen oder alles, sogar das Leben, verlieren? Es ist ein ungeheuer risikantes Geschäft, du Grünhorn, nicht das bißchen Geld, sondern Kraft, Courage, Schießenkönnen ist die Haupteinlage ... es geht auf Halbpart.«

Erb trat in die Sozietät ein.

Genug Träger meldeten sich. Jobst wählte die Besten aus und von den Besten wiederum die Elite, die schießkundigsten Kerle, denen er ein Gewehr anvertraute, und die er seine Leibgarde nannte.

Der Morgen der Abreise lag grau über dem See, dem reglosen, bleifarbigen, denn der Regen war im Lande. Über den Bergmauern türmten sich die Wolkenmassen schwarz und schwärzer. Plötzlich wurde die falsche Ruhe zum fürchterlichsten Unwetter. Die Donner krachten in unablässiger Kanonade, die Blitze schossen von allerwärts her, die Geschosse des Himmels schlugen wie platzende Titanengranaten ins Wasser. Die Brandung brüllte, das Süßwassermeer tobte in hohen Wellen. In dem ungeheuren Bergkessel des Tanganjika schienen hundert Gewitter miteinander zu ringen und ihr Feuer zu speien.

Der Mensch verkroch sich vor den Gewalten, wie ein Wurm in der Hütte. »Gott sei Dank, daß wir nicht draußen auf dem See sind!« flüsterte einer dem andern zu.

Ein alter Neger aus Udjidji erzählte monoton: »Auf einem Einbaum im See wurde mein Vater neben mir vom Blitz erschlagen. Wir wohnten drüben am Westufer ... meine Schwester wurde von arabischen Sklavenjägern geraubt und auf die Dhau gebracht, wo 188 im Sperrholz und aufeinander lagen. Als die Dhau mitten auf dem See war, brach ein solches Gewitter los, die Wellen bedeckten das Schiff. O, da sah ich beim Schein der Blitze, wie ein Sklave nach dem andern über Bord geworfen wurde, um die Dhau zu entlasten ... auch meine Schwester flog, ich erkannte sie am langen, flatternden Haar. Beim nächsten Blitzlicht sah ich, daß die Dhau von Allah in die Tiefe geworfen und mit allen Sklavenjägern ersoffen sei... und ich lachte, lachte, lachte.« Der weißhaarige Nigger kicherte mit dem zahnlosen Munde – hihihihi –, das war die Freude und das Gelächter seines Lebens gewesen.

Mit jacher Plötzlichkeit wurde das Wetter zur Stille, die Sonne schien auf den glitzernden See, alle Lüfte schwiegen, nur die Brandung donnerte unten am Gestade, wie das Lärmen endlos rasender Schnellzüge. Am Nachmittage erstarb auch die rollende Dünung.

Gedungene Schiffer hielten ihre Böte bereit. Die Leute und Lasten wurden auf zwanzig dieser primitiven Fahrzeuge verteilt. Reich an grandiosen Bildern war die Seefahrt.

Die Nußschale schwimmt zwischen hohen Bergen auf dem gewaltigen, afrikanischen Alpensee, der größer ist als die Seen der Schweizer Berge und eigenartiger an Schönheit. Besonders auf der Westseite des Tanganjika treten die Bergriesen, die 2000, ja 2500 Meter hoch gen Himmel ragen, immer dichter ans Ufer, zu dem sie oft steil abstürzen, so daß das Auge die Steilwände und Steinkolosse, dagegen Hammetsch- und Eigerwand wie Kinder sind, staunend anstarrt. Auf der Ostseite, dem deutschen Ufer, weichen die Berge etwas zurück, so daß zwischen See und Gebirge ein gut angebauter und bevölkerter Landstrich, fruchtbar wie die Marsch und üppig wie die Riviera, sich dehnt und durch die Fülle seiner Fluren und Kulturen entzückt. Ganze Ölpalmenwälder, grüne Bananenhaine, zahllose Felder voll Hirse, Mais, Jams, Bohnen, Tabak füllen die reich bewässerte Niederung und ziehen sich hoch an den Bergen empor. Ein fettes, afrikanisches Gosen, nicht flach-einförmig, sondern von hochalpiner Berg- und Seeschönheit umkränzt!

Dieser Tanganjika ist die Perle unserer Kolonie und ein Paradies. Und welchen Frieden haben die deutschen Askariwaffen diesem Eden, das vorher eine wahre Menschenhölle war, gebracht! Udjidji war nämlich das Eldorado der kaltgrausamen, niederträchtigen Araber und der Hauptstapelplatz des scheußlichen Handels mit schwarzem Elfenbein. Für Abertausende von Sklaven, die aus dem Kongo geraubt oder gekauft über den See kamen, war hier der Menschenmarkt. Jetzt, seitdem die deutsche Flagge weht, handeln die Araber in Udjidji nicht mehr mit Menschen, sondern mit gerösteten Heuschrecken und anderen Dingen.

Erbenheim hatte den scheußlichen Sklavenhandel verflucht.

Simba sagte pfiffig: »Bana, für manchen armen Nigger ist es gut, wenn er Sklave eines guten Herrn ist und keinen Hunger mehr, sondern alle Tage einen vollen Pans hat.«

Jobst gluckste. »Der kennt sich und seine schwarzen Brüder.«

Leise, wie im Schlafe, atmete der stille See, der die gute, fast zum Gesetz gewordene Gewohnheit hat, daß er sich beinahe pünktlich um fünf Uhr nachmittags zur Ruhe begibt, bald ganz einschläft und blinkstille wird. Mit ungemeiner Schnelligkeit fuhren die Einbäume, von den Seewarundi mit Pondos, langen Bambusstäben, getrieben, dahin. Auf Kommando, im Takt gehen die Pondos hoch, um in der nächsten Sekunde gleichzeitig auf den Grund zu stoßen, und das Boot schießt vorwärts. Das schafft, und das Vorwärtsschnellen entzückt.

Es dunkelte, aber die Schiffer stachen unverdrossen mit ihren Stangen. Die hübsche Illumination des Sees begann. Fatima klatschte in die Hände und sang von dem weißen Bana mit den blauen Augen, von dem gütigen, tapfren Bana, dem großen Löwentöter, den alle Frauen und Männer lieb haben müssen. Simba horchte, in seinem lauernden Auge war Argwohn und Ärger. Sie klapste ihn: »Was machst du für hungrige, häßliche Schakalsaugen!«

Hunderte von Lichtern huschten auf dem See, hundert Fischerböte hielten eine brennende Fackel aus Strauchwerk über das Heck, um die Fische anzulocken.

Man landete bei einem Negerdorfe, um zu übernachten. Die Leute brachten Körbe voll von Bananen, Papayas, köstlichen Mangofrüchten, auch edle Ananas, Honig in Töpfen und sogar Bananenschnaps boten sie äußerst billig an. Erb liebte die Bananengerichte und bewunderte immer wieder die Segen spendende Staude, die hier besonders stattlich war und 80 Pfund schwere Fruchtbündel trug. Ist sie nicht der Baum Afrikas und der Versorger des schwarzen Völkergewimmels, den Gottes Vorsehung weise schuf und dem sorglosen Nigger, der leichtfertig von der Hand in den Mund lebt, schenkte? Einen Steckling wühlt der Schwarze ins Erdreich, und bald wachsen ihm die Früchte mühelos ins Maul. Acht Monate im Jahre deckt die Staude den Trägen den Tisch, und das ist die große Weisheit der Natur, die des Negers Nichtsnutzigkeit in Rechnung zog, daß die Früchte zu verschiedenen Zeiten reifen, in Riesenmenge wachsen, daß sie – was noch wertvoller ist – reif und unreif, roh und in vielfacher Gestalt, zu Mehl gestampft, gebacken, geröstet, genossen werden und immer ihren Wohlgeschmack, auch für den verwöhnten Europäergaumen, behalten. Wo das Wasser und die Banane fehlt, ist Afrika eine tote Wüste; wo jenes fließt und diese wachsen, haben die Negervölker ihr tägliches Brot. Die Banane und die Palme sind die Könige unter allen Gewächsen und die größten Geschenke Gottes, die Millionen Menschen ernähren und die unmündigen Nationen vor dem Untergange bewahren.

Bei Tagesgrauen erscholl der Weckruf. In Ermangelung eines Hornisten wurde gepfiffen, statt geblasen. Blase d. i. pfeife den Arzt. Es ist aber schwer, dem Doktor zu flöten, wo der Arzt fehlt. Doch der alte, vielseitige Afrikaner übernahm die Pflichten des wackren, seligen Sanitätsrats und war Arzt und Apotheker in einer Person. Ach, die unmäßigen Träger hatten sich an der Obstfülle krank gefressen; zu viele stöhnten: »Tumbo ... tumbo!« Leibweh, Leibweh! Der alte Eisenbart grunzte: »Laß die Flasche kreisen!«

»Um des Himmels willen! Nur keinen Alkohol!« beschwor der Neffe.

Und der Satiriker und Satyr grinste: »Nicht die Rum-, sondern die Rizinusflasche lassen wir kreisen.«

Ein langer Laban hielt sich die Backe und heulte; und Jobst lächelte vergnügt, denn die Zähne waren seine Spezialität. Flink fand er den hohlen Zahn des Patienten, tränkte Watte mit reiner Karbolsäure und trieb schnell die Teufelsbombe in das Loch hinein. Danach ein Löwengebrüll, und der Laban hüpfte wie besessen, jedoch nach einer Minute war der gräßliche Schmerz weggeblasen, und der Lange dankte bewegt.

Auch Simba kam mit einer dicken Backe, krümmte sich und krächzte durch die knurrenden Zähne eine schreckliche Klage und Anklage. »Fatima ist eine Hexe und hat mir vor einigen Abenden das Zahnweh angeblasen, sie hat mich verhext ...«

»Unsinn!« schalt der Herr.

»Ja–a, sie hat es mir an–an–ge–bla–asen,« wimmerte der Bursche.

Jobst befühlte das kräftige Gebiß und fand keinen hohlen Zahn. »Der verhexte Zahn muß heraus, mein Sohn.« Er war auch ein Meister mit der Zange und holte die Kneifzange aus dem Gerätekasten. Der arme Boy wollte vor Grausen ausrücken, aber vier Arme hielten ihn fest.

Der Alte klopfte und klopfte. »Tut der weh oder der?« »Ja–a, jaa,« brüllte der Bursche bei allen Zähnen der Reihe nach. Welcher war der Übeltäter? Da zeigte Fatima mit der Fingerspitze und wisperte: »Der da ist der Sünder, ist der nichtsnutzige Torheitszahn, den habe ich verhext, der muß heraus.«

»Richtig!« sprach Jobst und setzte die Zange und all seine Muskelkraft daran. Ein Ruck, als wenn der Kopf weggerissen würde. Der Bursche spie Blut, brüllte »Kopf ab, Kopf ab« und hüpfte auf einem Bein.

Jobst hielt triumphierend das « corpus delicti, glotzte den Zahn, den – kerngesunden Zahn an und fluchte: »Das ist ja wirklich verhext.«

Die kleine Hexe hob den Finger und tröstete Simba mit teuflischem Trost: »Siehst du, das ist Allahs Strafe für deine Sünden und Fatimas Rache für deine Schlechtigkeiten.«

Vier Arme hielten den Ärmsten. Jobst klopfte den Kiefer ab. Der Hexenfinger tupfte auf einen dicken Backenzahn und kicherte: »Das ist der Diebszahn, der muß heraus, heraus!«

»Bei allen Zahnheiligen, der klingt hohl, der muß es sein.«

»Au–au, nei–ein,« stöhnte der Boy.

Aber die Zange faßte, und Fatima beteuerte: »Das ist der Diebs-, Diebszahn.«

»Mo–ord,« keuchte Simba, als ihm der Zahn aus- und der Kopf abgerissen wurde.

Der Alte zeigte den wurzelkranken Zahn und triumphierte: »Ich verstehe mein Metier.«

Die Dirne tätschelte den Heulenden, der sein Haupt festhielt, mit drei Fingern: »Freue dich, du Schlingel! Der Diebszahn ist heraus. Trage den Diebszahn stets als Fetisch am Halse, damit du nie wieder Lügen und lange Finger machst! Nun sind wir quitt und wollen wieder Freunde sein... du darfst mir einen Korb Mangofrüchte kaufen und schenken.«

Der weinende Boy lachte, ging hin und erbettelte von seinem Herrn ein paar Heller Schmerzensgeld und kaufte Mangofrüchte für die Dirne.

Da zupfte Erb Fatimas Ohr. »Nun glaube ich auch, daß du eine Hexe bist, denn den armen Kerl hast du verdreht und verhext.«

Ihn traf ein greller Blick der schwarzen Augen. »Herr, wenn ich zaubern könnte und einen Fetisch hätte, würde ich dich verhexen.«

Die kindlich offne und doch wild weibliche oder gar unweibliche Rede erschreckte den Deutschen. Er beschloß, seiner Leutseligkeit Gewalt anzutun und durch abgemessenes Gebahren das gefährliche Feuer zu löschen.

Am Nachmittage wurde abgefahren. Am Ufer, wo der Bach einen Sumpf gebildet und der Sumpf Insektenmyriaden ausgebrütet hatte, lagen die Böte. Ein Heer von großen Fliegen fiel über die Menschen her. Da sah man den tapfren Jobst die Flucht ergreifen und wie närrisch sich gebärden; trotz der Hitze zog er den Rock über den Kopf, schlug mit Taschentuch und Händen wild um sich, ja der unerschütterliche Herr schrie in Angst: »Jedermann rette sich in die Böte und schütze Gesicht und Körper vor der Satansfliege! Es ist die Glossina palpalis, die teuflische Schlafkrankheitsfliege.« Alles rannte und retirierte vor einer Fliege. Auch im Paradiese am Tanganjika war die Schlange, hauste das höllische Insekt, das Hunderttausende ermordet und mehr Verderben und Tod als alle Nattern und Giftottern über Afrika gebracht hat.

Das Süßwassermeer des Tanganjika ist sechshundert Kilometer lang. Viele Tage dauerte die wechselvolle, wundervolle Seefahrt. Am Westufer standen die Berge so steil und dicht am Wasser, daß die Hand sie berührte. Ein Schimpanse – der erste, den Erb in Freiheit sah – schaukelte sich über dem Wasser auf einem Baumzweige, floh nicht und fühlte sich in seiner Menschenunkenntnis völlig sicher. Niemand tat ihm etwas zuleide, nur Basse, der Pavian, fauchte seinen Vetter in der Freiheit wütend an. Das war lauter unlauterer Neid, weil er selbst ständig an der Kette lag und ein Strick und Strolch geworden war. Der Schimpanse ließ sich von einem Affen nicht anspucken, eröffnete die Feindseligkeiten und bombardierte seinen Vetter mit abgerissenen Zweigen. Darüber geriet Basse in eine solche Raserei, daß er, ohne an seine Fessel zu denken, von Bord und nach dem Baume sprang. Selbstverständlich plumpste er nach einem heftigen Ruck ins Wasser. Das Tier sank vor Schreck wie ein Stein. Alle schrien aufgeregt, nur der Steuermann sagte trocken »Mann über Bord« und winkte den Warundi, die geschickt mit ihren langen Pondos den Körper hoben und ins Boot legten. Um nach der Todesangst das Affengemüt zu erheitern, nahm Erb ihm die Kette ab. Altklug saß Basse auf der vordersten Bank, trocknete seinen Pelz in der Sonne, griff und exmittierte einige kleine Einwohner, die keine Miete gezahlt hatten. Das philosophische Affengesicht plierte nach den Schiffern, die schweißtriefend ihr Lendentuch und bißchen Kleidung ab- und als Bündel unter die Vorderbank gelegt hatten, und die jetzt nur einen kleinen Lappen als Vorhang trugen. Das hat vielleicht in ihm ein sittliches Ärgernis erregt – denn ohne andre erkennbare Motive fuhr plötzlich ein Teufel in den Pavian hinein. Hinter dem Rücken der Leute warf er ein Bündel nach dem andern ins Wasser. Die Schiffer, die auch auf dem Tanganjika grobe Kerle sind, machten kurzen Prozeß und warfen den wasserscheuen Pavian über Bord mit den Hohnworten: »Hole heraus, was du hineingeworfen, du Lausaffe!«

In dem Moment schrie Simba: »Ein Krokodil!«

Eine dieser scheußlichen Amphibien, die sonst nicht reichlich im See sind, schwamm und schielte nach dem Pavianbissen.

Fatima sagte leise: »Bana, der arme Basse ist dir lieb.«

Ehe Erb oder irgendeiner sie halten und hindern konnte, war sie tollkühn über Bord gehüpft. Ihr Herr war so versteinert, daß er kein Glied rühren konnte.

Um so flinker und gefaßter riß Jobst seine Büchse an die Wange. Zum Glück war das Mädchen eine vorzügliche Schwimmerin, hielt den Affen mit dem linken Arm und stieß auf das Boot zu. Doch das Krokodil, von dem nur die Schnauzenspitze und ein winziges Schädeldreieck zu sehen war, schoß mit unglaublicher Behendigkeit auf seine Beute los. Ein Schuß! Ein Echo der Bergwand! Blutig rötete sich das Wasser – der Krokodiltöter holte gleichmütig sein Schießbuch hervor und notierte die Nummer des neuen Krokodiltotenopfers, das er den Manen seines Freundes gebracht.

Erb wickelte eigenhändig das Mädchen in sein Plaid hinein.

Simba beobachtete diese Fürsorge mit lauerndem Blick und bemerkte dreist: »Das müßte der Boy und nicht der Bana besorgen.«

Der Herr hörte seinen Diener nicht, sondern streichelte die Dirne und fragte freundlich: »Fühlst du dich ganz wohl?«

»Ja, Herr, sehr wohl, unendlich wohl.«

Da fing er einen düstren Schielblick seines Dieners auf, und er sah ein schwarzes, verzerrtes Gesicht. Der Deutsche stieg über die Bank und kehrte beiden den Rücken zu. Was fühlte ich, als sie im Wasser lag? Was ist mir Fatima? O, sind das meine Vorsätze, sie als Magd zu behandeln und alle leutselig freundlichen Reden zu vermeiden? Der gütige Herr der hübschen Fatima faßte noch einmal und noch energischer die barschen Entschlüsse: Bin ich nicht Mann genug, um die wortknappe, herrische Weise durchzuführen?

Erb ging aber zu weit, als er gegen seine ureigne Natur angehen wollte, und war oft rauh und rücksichtslos gegen die kleine, verwöhnte Fatima, die ihn bang und bittend ansah. In dieser Zeit war sein Boy fleißig und jedes Winks gewärtig. –

Die Safari war ausgeschifft. Jeder Seemrundi, dem sein Lendenschurz durch Basses Schlechtigkeit weggeschwommen oder – durch des Schmutzes Schwerkraft – ersoffen war, setzte ihn gewissenhaft mit zwanzig Rupien auf Rechnung. Sie ließen aber mit sich reden und nahmen zwei Rupien Schadenersatz. Ein Schlauberger neckte den Pavian, bis dieser ihm sein Lendentuch zerriß, machte ein Mordsgeschrei und forderte fünf Rupien.

Jobst sah ihn an, spielte mit der Nilpferdpeitsche und sagte: »Freund, du hast keinen Grund zum Klagen, aber nach fünf Minuten wirst du begründete Ursache zum Klagen und Brüllen haben.« Der Neger wartete die Begründung nicht ab.

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