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Ein alter Afrikaner

Johannes Dose: Ein alter Afrikaner - Kapitel 8
Quellenangabe
typenarrative
authorJohannes Dose
titleEin alter Afrikaner
publisherHinstorffsche Verlagsbuchhandlung
addressWismar
year1913
correctorhille@abc.de
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Achter Abschnitt

Wahadamib erwachte, als die Sonne hoch stand und ihm ins Gesicht stach, bohrte die Knöchel in die verklebten Augen und kratzte den tobenden Kopf. Wasser! brüllte er, Fatima! schrie er und stierte um sich. Als er die Flucht merkte, raste der Unhold, stampfte auf den Schläfern herum und schlug den Mann, der die Wache hatte, mit einem Knüppel nieder. Der Gorilla stürmte den Deutschen nach, seine Wut und seine Gier nach dem Besitz des schönen Weibes machte ihn zum Todverächter, zum wilden Löwen, der den weit überlegenen Weißen angreift.

Das Lager erheiterte sich nach dem Mahle an den Possen des Affen. Der Leutnant sogar lachte: »Basse, du hast als Kriegsteilnehmer eine Ordenskette am Halse bekommen ...? Warum zerrst du an deiner Dekoration?«

Die Kette, die allerdings recht lang und am Baume befestigt war, mißfiel dem Affen.

Da knatterte und krachte es – solchen Krach machen nur die alten Vorderlader und Donnerbüchsen. Wahadamib hatte jedoch auch gute Hinterlader und schoß nicht schlecht. Eine Kugel ging glatt durch Erbenheims Tropenhelm. Windschnell warf sich der Deutsche auf den Bauch, riß sein Repetiergewehr, das er eben gereinigt hatte, an die Wange und gab Schnellfeuer. Jobst lief in Sprüngen, seine Büchse zu holen. Einige Askaris lagen in Deckung, Simon hatte eine Büchse und schoß sehr ruhig. Fatima nahm den Affen, kroch nach dem Zelte, wo sie ihn hinter eine Kiste steckte, und schaffte Patronen hinaus.

Die Räuber kamen heulend hinter Bäumen und Büschen hervor, Wahadamib stürmte das Lager – ein Wagnis und Wahnwitz des wütigen Gorilla, der einen Askari durchbohrte, aber aus mehreren Wunden blutete. Da ereilte ihn sein Geschick. Simbas Kugel ging durch die Stirn des Affenmenschen, der zur Erde taumelnd seinen Speer schleuderte und dem Boy ein Ohr vom Kopfe riß.

Mit dem Fall des Häuptlings hörte die Stoßkraft der Wilden auf, die zur Flucht sich wandten.

Das Gefecht war zu Ende, der Sanitätsrat wurde die Hauptperson. Fatima stieß den Gorilla mit dem Fuße und fing um und auf dem Leichnam zu tanzen an. Ihre Augen sprühten von Triumph. Erb riß sie fort und befahl barsch: »Nimm deine Decke und lege dich zum Schlafen hin!«

Das unartige Kind, das zu Bett geschickt wurde, wickelte die Decke um den Kopf und Oberkörper und weinte hinein.

 

Die wieder vereinigte Safari hatte das Flußgebiet des Malagarassi erreicht. Schwere Wolken hingen am Himmel, doch man hatte zu oft schon das Trugspiel der Regenvorboten gesehen, ohne daß ein Tropfen die verdurstete Erde erquickte. Die Regenzeit schien heuer auszubleiben, was für Tausende von Negern den Hungertod bedeutet. Am Abend wetterleuchtete es. Auch das war wohl ein blutiger Hohn der grausamen und oft boshaften Natur.

Aber um Mittemacht brach das prasselnde, krachende, flammende Wetter los, ein Ungeheuer von Unwetter, als wenn Afrika in der Sündflut ertrinken, in Feuer und Schwefel vergehen solle. Erb gruselte sich vor dem gigantischen Berserkern der Naturgewalten, und der Affe verkroch sich an seiner Brust. Überall am Himmel züngelten Feuerschlangen, der Donner schmetterte, als wenn die Riesenschilde von tausend Titanen aufeinander schlügen. Es war ein Getöse, als ob die Berge von Uha und Urundi brächen, die Schleusen des Himmels barsten; ungeheure Wasserfluten ja -fälle stürzten herab, als solle die Erde werden zum Meer. Wie Kriegsgeheul der Götter und Widergötter brüllte der Sturm. Die Zelte schwammen, alle standen bis zum Knie im Wasser, die Askaris schrien ihr Allah il Allah, Erb nannte Gottes Namen. Beinahe plötzlich wurde das Getobe still – der Herr der himmlischen Heere hatte den Titanengewalten Halt und Ruhe geboten.

Die Durchnäßten priesen den gesegneten Regen, den großen Zauberer der Tropen. Die arme, rissige Erde wurde in einer Woche ein Paradies. Man sah mit Augen Gras und Laub, Blatt und Blume aus grauer Wüste keimen und sprossen. Der junge Afrikaner staunte und staunte. »Das ist der Tropenlenz und unsre vielgeschmähte Kolonie, die verhöhnte Heimat der Moskitos, Malaria und Tsetsefliege!« Die alte Todsünde der Deutschen, das ewige Verkleinern und Nörgeln, hat Ostafrika verleumdet und verlästert. Wir haben hier ein gutes, für jeden Regen tiefdankbares Land. Nur ein Tor wird dieses endlose Gebiet eine Wüste schelten, weil es in der regenlosen Zeit seine Ruhe haben will. Die Ruhe ist sein Naturrecht und Naturgesetz. Liegt nicht der Ackerboden Deutschlands ein volles Halbjahr brach, steril und steinhart? Die Trockenzeit ist der Tropenwinter.«

»Allerdings,« sagte der Oheim, »nur mit dem kleinen Unterschiede, daß der Tropenwinter mit seinem endlosen Grau in Grau oder Grell in Grell, mit seinem ewigen Staub und Durst langweilig und auf die Länge gräßlich, der deutsche Winter aber mit seinem Rauhreif und sonnigem Frost, mit Schneeflocken und Schneeballen, Schlitten und Schellengeläut wunderlieblich und schön ist. Wenn ich in diesen dreißig Jahren Sehnsucht spürte, so hatte ich Heimweh nach dem deutschen Winter und dem deutschen Weihnachten.«

Am heiligen Christabend zündeten sie einige Lichter in Flaschenhälsen an, allen war still, weich und feierlich ums Herz, die Gedanken weilten in der Ferne, wo der Schnee glitzerte und die Tannenbäume strahlten.

Auch am Weihnachtsmorgen ertönten die täglichen Signale. Blase zum Aufstehen! Blase den Arzt! Des ersehnten Regens wurde zu viel, alle Tage goß es stundenlang, aber beinahe pünktlich auf die Minute waren die Wolken weggeblasen. Die wasserwarme Treibhausluft und der aufgeweichte Grund machten das Marschieren noch mühseliger. Trotzdem trug der schwitzende Simon außer seiner Bürde Fatimas Bündel, das immer schwerer wurde. Um das Fehlen des Ohrs zu verhüllen, legte er den Kopfverband, der auch den skalpierten Hinterschädel so nett verdeckte, nicht ab nach der Heilung. Er war kein schwarzer Adonis. Doch das drückte ihn nicht, weil er – wie die meisten Menschen – das Gegenteil glaubte und von seinem Äußeren eine gute Meinung hatte.

Stillvergnügt pfiff er des Weges hin, in Fatimas Nähe; vertraulich erzählte er ihr: »Ich habe sechzehn Rupien, acht Armlängen Stoff, ein feines Messer und noch ein kleineres, auch zwei Gewänder und einen Fez.« Ebenfalls seine andren Besitztümer, die blanken Knöpfe, Bindfäden und alten Konservenbüchsen, zählte er gewissenhaft auf, denn er fühlte sich als vermögender Mann und war es auch unter Negerburschen.

Ihre grellen Augen horchten. »O, sechzehn Rupien... aber was nützt mir dein Reichtum!«

»Doch! Was mein ist, ist dein ... wenn du meine Frau bist.«

Die Dirne zeigte ihm die rote Zungenspitze. »Ich will nicht deine Frau werden, du schwarzer Pavian.«

Simba schluckte... schluckte das Wort, das dem Neger ein böses Schimpfwort ist, herunter. »Warum nicht, Fatima? Unser Bana sagt, daß ich es noch zu etwas bringen werde ...«

»Wenn du das Lügen und Stehlen lassen kannst, sagte der Herr.« Sie machte dem Burschen eine lange, niedliche Nase.

Traurig fragte er: »Warum willst du nicht meine Frau sein?«

»Weil du nur ein halber Mann bist.«

»Ein halber?«

»Du hast nur einen halben Haarschopf, nur ein Ohr und keine Menschen-, sondern eine Affennase, und darum bist du ein halber Mann, nicht wahr?«

»Im Kampf mit dem Löwen habe ich die Kopfhaut, im Kampf mit den Räubern das Ohr verloren ... bin ich darum ein halber und schlechter Kerl?« sagte er geschickt.

»Nein, nur ein häßlicher,« antwortete sie grob.

Ihn stieß der Bock, der ehrliche Bursche war dem Flennen nahe. »Was soll ich dabei machen? Ich gäbe meine sechzehn Rupien und sogar mein Bowiemesser dafür hin, wenn ich zwei Ohren, alle Haare und eine Menschennase hätte.«

Ein Schalksteuflein irrlichterte in ihren schwarzen Augen, während sie ernsthaft-eilig sprach: »Spare dir noch viel mehr Rupien zusammen und gehe zu den klugen Deutschen, die für Geld alles tun! Du gehst zu einem weißen Fetischmann, der dir gefärbte Wolle auf den Hinterschädel klebt. Es gibt auch deutsche Medizin- und Fetischmänner, die ein neues Auge einsetzen, die ein fehlendes Ohr flugs auf der Drehscheibe anfertigen und am Kopfe festschrauben, bis es festwächst. Ja, die können sogar deine Klumpnase abschneiden, schön abschaben und zuspitzen und wieder festnähen. Bei Allah, ich lüge nicht, die Deutschen haben es mir erzählt. Es kostet aber sehr viele Rupien, mehr als ich zählen kann.«

Simba sinnierte stundenlang vor sich hin. Mit einem neuen Ohr und einer neuen, hübsch spitzen Nase wäre er ein ganzer und vollkommener Mann. Der großartige Gedanke, ein hübscher Herr und närrisch aufgeputzter Negerstutzer zu werden, verrückte und verdrehte ein wenig sein gescheites Gehirn. Weil aber sein gesunder Menschenverstand einige kleine Zweifel hegte, ging er zu seinem Herrn, der Auskunft geben konnte.

»Bana, wie viel mag es wohl kosten, wenn man sich vom weißen Fetischmann in Daressalam ein neues Ohr machen und die Nase spitzen läßt?«

Erb lachte aus vollem Halse. »Die kleine Hexe, der ich einige chirurgische Kunststücke erzählte, hat dir einen Riesenbären, einen Mammutbären aufgebunden ... deinen Giebel mußt du wohl verschleißen... und gründlich putzen und reiben, dann wird er immer kleiner werden.« Weil Simba ein tiefunglückliches Gesicht schnitt, tröstete sein Herr. »Allerdings kannst du dir mal eine Perücke machen lassen, vielleicht sogar ein künstliches Ohr aus Wachs... aber, um ein Weib zu gewinnen, bedarf es nicht der Schönheit, sondern der Tüchtigkeit und Rechtschaffenheit und besonders der Unverfrorenheit und Beharrlichkeit.«

Der Boy dachte viel an das Rezept – an der Frechheit würde es ihm nicht fehlen – und deutete der Dirne mit keinem Worte an, daß sie ihn düpiert habe, sondern bemerkte beiläufig und mit einfältiger Miene: »Du! Ich spare jetzt jeden Heller, um an der Küste ein schönes Ohr und ein schwarzes Haar mir anzuschaffen.«

Sie steckte sich die Faust ins Mäulchen, lief hin und holte Wasser im angefeuchteten Tonkruge. Auf dem Wege von der Wasserstelle sah Fatima einen Skorpion, den sie behende-behutsam mit einem Sperrholz faßte und fing, nur um Simba zu erschrecken und immer wieder das böse Tier in die Nähe seiner nackten Beine zu bringen. Possierlich heulte und hüpfte der Bengel über Lasten und Feuer hinweg, wenn sie heimlich die Bestie dicht neben dem Ruhenden hinsetzte. Der Herr kam darüber zu und bat sie, den Skorpion ihm zu schenken, was sie mit unendlicher Freude tat. Dann hatte wenigstens der Boy Ruhe vor dem Schabernack des Kobolds. Der gefährliche Racker hockte wohlverwahrt in einem Kasten und machte glubsche Augen. –

Es war an einem Nebenfluß des Malagarassi und ein wunderschöner Morgen, eine selten reiche Fauna und Flora lebte und webte hier. Drüben im Wasser brüllten die Flußpferde in Lenzlust und Liebe, der Bulle mit dem tiefen Baß umwarb die Kuh seines Herzens. Sumpf- und Riedböcke äugten neugierig nach dem kuriosen Tausendfuß der Karawane. Sogar ein idiotisches Nashorn mit einem drollig plumpen Kalbe glotzte nach dem Zuge, nahm unvermutet den vielfüßigen Feind an, stürmte auf die Träger los und hätte Abdullah geforkelt, wenn dieser nicht – statt Fersengeld zu geben wie die anderen – stehen geblieben und im letzten Moment, als das vorderste Horn schon sein Wassergefäß berührte, zur Seite gesprungen wäre. Die Schützen rannten herbei zur hochwillkommenen Nashornjagd, denn das Tier ist selten seit der Rinderpest, die alles, was Huf hatte, befiel. Doch der Dickhäuter rannte geradeaus, als wenn er den Dummkoller habe, rannte auf seinen kurzen Balken schnell wie ein Zebra.

Tiefsinnige Marabus guckten grüblerisch ins Wasser, Nilgänse schnatterten auf den Tümpeln, zahllose Flamingos wiegten leise, wie zartrote Wasserblumen auf langem Stengel, auf einem Ständer im Winde. Ein Seeadler mit einem Fisch im Fang ging schwerfällig hoch, das Auffliegen ist nicht seine Stärke, was ein Askari sich zu nutze machte, indem er einen Stein nach dem Adler warf, so daß dieser seine Beute fallen ließ, die der Askari als Bratfisch verzehrte.

Frisches Grün wälzte aus der Erde, sprang aus jedem Busch. In dem afrikanischen Lenz schwollen auch neue Gefühle in der Menschenbrust, Simba spürte in allen Knochen das namenlose Sehnen, der arme Negerbengel war bald himmelhoch jauchzend und pfiff seine Niggerweisen, bald tiefbetrübt und ließ den Kopf hängen, genau so wie der moderne, mitteleuropäische Jüngling.

Er pfiff seine Negerweise in den Morgen hinein:

»Wo ist wohl ein Mädchen so nett, Wie eine Kalebasse so dick und so rund? Meine Rani ist schön und fett Und wiegt hundertfünfzig Pfund.«

Das war durchaus kein humoristisches, sondern ein ernsthaftes Liebeslied, denn eine möglichst dicke, fleischige und fette Schöne ist des Negers Schönheitsideal.

Er sah Fatima, die ihn neckisch mit einem »Guten Morgen, Mister Einohr« begrüßte, treuherzig an und entgegnete trocken: »Der dümmste Esel hat die größten Ohren... Nase und Ohren machen noch keinen Mann, sondern die Rupien im Sack, die Klugheit im Kopfe, die Kraft im Arm. Ich habe Wahadamib erlegt... und in Udjidji sollst du meine Frau werden.«

Die Dirne zeigte ihm nicht nur die Spitze, sondern die ganze Länge ihrer Zunge. »Haha, ich will nicht, du Vetter unsres Basse.«

»Ja, du mußt... du mußt nach dem Gesetz der Deutschen.«

Da wurde sie ein wenig bedenklich und stampfte mit dem Fuße. »Aber ich will nicht, will nicht, ich will nicht, du Pavian!«

»Du mußt eben, meine Teure. Gesetz ist Gesetz.« Unverfroren erklärte er ihr die Rechtslage. »Die Deutschen sind – das ist dir doch bekannt – sehr gerecht, ungeheuer gerecht – Allah segne sie! – und haben darum ein gerechtes Gesetz. Ich habe dich aus Räuberhand befreit, und darum gehörst du mir, denn das deutsche Gesetz sagt in der 47. Sure: Wenn ein Mann ein gestohlenes Weib errettet, so soll die Geraubte ihm zu eigen gehören oder mit tausend Rupien sich loskaufen. Schaffe und zahle die tausend Rupien, so kannst du meinetwegen den »Eierkuchen« oder einen anderen Menschenfresser heiraten.«

Simba verzog keine Miene, so daß das Mädchen, in den Negeranschauungen von Weiberkauf aufgewachsen, das Gräßliche glaubte und das deutsche Gesetz verfluchte. Als er spitzbübisch lachte: »Ich wette, du kannst die tausend Rupien nicht schaffen und wirst in Udjidji mich mit Kußhand nehmen,« da wurde Fatima eine Furie: »Ich will nicht, ich will dich nicht heiraten, du einohriger und – wenn ich dir das eine Auge ausgekratzt habe – einäugiger Schimpanse. Ich reiß dir das Ohr ab.«

Der Boy mußte retirieren, um sein letztes Ohr zu retten, warf ihr aber nicht, wie billig, ihr Bündel vor die Füße, sondern barg es sorgsam vor dem Regenguß.

Fatimas Wüten wurde bald zum herzbrechenden Weinen; sie wußte in ihrer Frühreife schon, daß sie den Hohen, Gütigen, Gebräunten mit dem weißen Stirnstreifen liebte, und bei diesem wollte sie in Ewigkeit als Magd bleiben, ohne vermessene Hoffnungen zu hegen. Das dumme, deutsche Gesetz machte ihr Seelennot. Simba war ihr ja ein lieber Kerl und Spielkamerad – wie Basse –, aber ein Neger nur, über den sie sich kraft ihrer helleren Hautfarbe haushoch erhaben fühlte. Ihn heiraten müssen, war ihr nicht nur ein ästhetischer Ekel, sondern auch eine Mesalliance und Schande. Die Hautfarbe nämlich ist das sichtbare Stigma, das die Kasten Afrikas bildet und scheidet.

Das Mädchen wurde aufgeregter und lief schließlich in das Zelt, wo sie sich zu ihres Herrn Füßen hinwarf und schluchzte: »Schenke mir tausend Rupien, bitte, bitte!«

»Nanu! Nur tausend ... wenn ich nur so viel Mammon selber hätte... wozu denn?« Erb mußte lachen.

Um so verzweifelter schrie sie: »Um sie Simba zu geben, um mich loszukaufen.«

»Will der Bengel Geld erpressen von dir?« Erb runzelte die Stirn und schielte nach dem Kiboko.

Das Kind heulte: »Uh, uh, gib sie ihm, bitte, bitte... nach dem schrecklichen, deutschen Gesetz muß ich ihn ja heiraten, sagt er...«

Der Herr fiel vor Lachen in den Liegestuhl und langte nach der Lederpeitsche. »Diesmal hat der Schlingel dich geprellt ... ich werde ihm die tausend in dieser Münze zahlen.« Er konnte seinem Antlitz noch nicht den autoritativen Anstrich geben, und die törichte Frage entschlüpfte seinem Munde. »Warum soll Simba nicht mal später dein Mann werden?«

»Weil ich doch immer deine Dienerin und bei dir bleiben muß.« Unschuldvoll, aber eindringlich und allzu heiß hingen ihre schwarzen Augen an seinem Antlitz.

Fatima war froh und leicht, trällerte und tänzelte durchs Lager, sprach freundlich mit den Askaris, was immer Simbas Ärger und Eifersucht erregte, und rief ihm zu: »Du! Ich zahle die tausend Rupien.«

Dem Burschen wurde schwül und seine Stimme stotternd: »Hast du dem Bana etwas gesagt?«

Die braune Dame warf den Kopf in den Nacken. »Ich zahle alles.« Ja, heimzahlen wollte sie ihm den Bären und die Angst, die sie ausgestanden.

Als Erbenheim das Zelt verließ, um mit den andren zu plaudern, schlüpfte sie hinein, um den kleinen Kasten zu öffnen und den Skorpion, der Rache zu brüten schien, mit der Sperrholzzange herauszunehmen. O, da nahte ein eiliger Schritt. Sie warf das Tier zurück und den Kasten zu und hantierte diensteifrig mit den Lagerdecken, während der Herr in einer Last kramte und ein Buch in Goldschnitt hervorholte. O weh! Als er den Prunkeinband aufschlug, stand er in einer Wolke von winzigen Papierfetzen. Von außen war das Buch unversehrt, inwendig hatten die bösen Termiten alles zerfressen. Und die anderen Werke, sein unersetzlicher Schatz in der Wildnis? Mißmutig sah er, daß manche schon Moder waren. Nur die Bibel, in der er oft einen Abschnitt las, um den verlornen Gott zu finden, war völlig unbeschädigt. In übler Laune blieb er, um alle Sachen zu revidieren. Fatima sagte altklug, daß man Papier und derlei Dinge im Blechkasten aufheben müsse. Ja, von dem Kinde und von dem Negerboy mußte er lernen, wenn er nicht alle Tage ärgerliches, afrikanisches Lehrgeld zahlen wollte.

Ein gellender Schrei erschreckte ihn, ein leichter Schlag streifte seine Wade. Der rachebrütende Skorpion war aus dem Kasten, den Fatima in der Hast schlecht verschlossen hatte, herausgekrochen, saß neben Erbs Hausschuh und krümmte den Stachel, um ihn in den Strumpf hineinzujagen. In dem Augenblick griff das mutige Mädchen mit bloßer Hand zu und packte den Skorpion, der seinen Stachel tief in die Hand hineinbohrte, ohne Schmerzenslaut trug sie das Tier zum Kasten und schleuderte es hinein. Fatima hatte sich für ihren Herrn geopfert. Erb war von ihrem Opfermut und Heroismus ganz gerührt. Ohne ein Mäulchen zu machen, ohne eine Miene zu verziehen, ertrug sie den furchtbaren Schmerz, als der Sanitätsrat die Wunde ausbrannte.

»Eine kleine Stoikerin und Heldin ist sie,« sagte er zum Onkel. Der aber knurrte, um zu dämpfen: »Quatsch! Die Rasse hat robuste Nerven und fühlt den Schmerz nur halb so arg, wie du und deine Mitteleuropäer; ich selbst bin ziemlich abgebrüht gegen Unlustgefühle, aber nicht immun, wie die meisten Neger.«

Erb sah nach dem Kasten, wo der Skorpion mit glubschen Augen grübelte. »Wir wollen das gefährliche Tier nicht behalten, Simba soll es schnell töten.«

Fatima ging mit dem Burschen und wollte ihre Wunde an dem Skorpion rächen. Grell funkelten ihre Augen, als sie sagte: »Der Satan soll sich selber töten, soll sich selbst erstechen und Selbstmord begehen.«

Der Negerbengel war mit Freuden bereit, das spaßige, scheußliche Experiment zu machen. Er legte einen dichten, ziemlich weiten Kreis von glühenden Kohlen und setzte den Skorpion in den Kreis hinein. Das Tier lief, um zu entfliehen, geradeaus, stutzte vor der Glut und kehrte sich nach der entgegengesetzten Seite, starrte die Kohlen an und rannte wild hin und her bis dicht vor die Feuermauer. Als es keinen Ausweg fand, setzte es sich mitten in den Kreis und glotzte einen Augenblick, als wenn es überlege. Dann bewegte der Skorpion den Stachel und wühlte die Spitze, wie ein Schuster bedächtig die Ahle in zähes Leder bohrt, in sein Genick hinein und verendete.

In dem Moment drängte Erb sich durch die Menge der Träger, die mit Lachen das Schauspiel beobachteten, und wurde Augenzeuge des Selbstmords, den ein Tier aus Verzweiflung beging. Interessant war ihm die Tatsache, die er bisher für eine Fabel gehalten. Der Skorpion tötet also doch sich selbst, wenn er dem Feuertode nicht entrinnen kann. Aber sehr aufgebracht über das grausame Spiel, versetzte er dem Boy eine schallende Ohrfeige, und das Mädchen erhielt eine kräftige Strafpredigt.

Der Vorfall verdroß ihn, – und daß die ungebändigte Art der Dirne – was ging ihre Wildheit ihn an? – ihm so viel Verdruß bereitete, das verdroß ihn schließlich am meisten. Dann sagte er sich: Man muß mit einem Naturkinde Geduld haben, ich muß sie allmählich bilden und belehren. In den nächsten Tagen erklärte er ihr das Evangelium der Menschen- und Tierliebe und das königliche Gebot, daß wir unsern Feind lieben sollen. Erst horchte Fatima mißtrauisch, wie ein altkluges Kind, dem man ein Märchen als Wirklichkeit aufbindet. Als sie merkte, daß sein Wort ihm selber heilige Wahrheit sei, wurde sie fassungslos, aber sie sah ihn an und sagte: »Wenn du es mir befiehlst, kann ich alles, alles tun, auch meinen Feind lieben.«

Da wurde ihm unheimlich. »Du sollst es tun, nicht weil es mein, sondern weil es Gottes Befehl ist.« – – –

Der Fluß mußte überschritten werden, was an sich nicht gefährlich, aber beim Blick ins Wasser ein böses Stück Arbeit war. Wohl fünfzig Krokodile schwammen herum, klappten und schnappten mit den Kinnbacken, als wenn sie einen saftigen Menschenbraten witterten. »Donnerwetter! Es wimmelt hier von den Echsen, die Gott in seinem Grimm erschuf,« fluchte Jobst und fing an zu schießen, Schuß auf Schuß. »So viele von den Biestern habe ich noch nicht auf einem Fleck gesehen.«

»Ist das nicht Munitionsverschwendung?«

»Nein, ich schieße aus Grundsatz, kraft eines Gelübdes jedes Krokodil, das ich treffen kann, nieder, und wenn ich es nur krank schösse, was ich bei jedem andren Tier als Aasjägerei betrachten würde. Jung, schieße mit deiner Mitrailleuse!«

»Welch eine Kanonade! Das Wasser ist schon rot von Blut,« rief Erb und riß Funken aus seinem Mehrlader.

»So!« brummte Jobst, »nun ist der Übergang frei... damit die Bestien uns nicht belästigen, müssen einige Askaris stromauf, andre stromab aufpassen und fortwährend ins Wasser schießen, um die Krokodile in Respekt zu halten.«

Der erste Mann band sich ein Seil um den Leib und watete ans jenseitige Ufer. An dem straff gespannten Seil ging die ganze Safari hinüber. An fünfzig tote Echsen trieben im Wasser. Ein paar davon schleppten die Träger ans Land, um sie als Wildbret zu braten.

Fatima trug den Affen hinüber, der in seiner Angst sich an ihrem Haar festkrallte, was fürchterlich weh tat. Drüben zauste sie ihn tüchtig, denn Strafe und Rache muß sein. Der Herr sah sie vorwurfsvoll an und sagte nichts. Da wurde das hellgelbe Röslein eine feuerrote Rose, und Basse, der einen Verteidiger gefunden, wurde frech und fauchte sie an. Waren das die Früchte der Erbenheimschen Pädagogik?

Die Esel und Maultiere waren auch wasserscheu, streikten und bockten, bissen und schlugen um sich. Die Leute waren ratlos und hatten ihre Knochen lieb. Der alte Praktikus aber schlang einfach ein Seil um das Hinterteil des Streiters, acht Mann zogen an beiden Enden und schleuderten einen Esel nach dem andern ins Wasser. Die Langohre waren vorzügliche Schwimmer.

Erb fragte den Oheim, warum er an den Krokodilen so viel Pulver verwende.

Jobst furchte die Stirn und fing tiefernst an. »Ich hatte einen weißen und wirklichen Freund. Im Kriege Wißmanns gegen die Araberbande wurde Eckertsberg mein Kamerad ... war ein entlassener Offizier, ein richtig Entgleister – Gott sei Dank –, aber ein Edelmensch. Wir zwei saßen im Einbaum, einem schwanken, halb verfaulten Baumstamm, und schossen auf Flußpferde und Krokodile. Er schweißt eine Riesenechse an, die nicht untertaucht, sondern angreift und mit dem Schwanze nach dem morschen Kahne schlägt... zweimal, dreimal. Wir spicken das Ungeheuer mit Kugeln, können aber nicht das Auge als Ziel bekommen. Der Kahn kracht, das ganze Hinterteil bricht ab... auch das vordere Holzstück sinkt unter uns weg. Eckertsberg springt... um meinetwillen, weil die Kahnhälfte kaum einen Körper tragt ... ins Wasser, wirft mir im Sprunge seine Flinte zu und schwimmt dem Ufer zu. Das erleichterte Wrack hebt sich aus dem Wasser und trägt mich, was sein blitzschneller Geist bedacht und gewollt hatte. Fritz! schreie ich... das Krokodil schießt ihm nach... das Grausen geht mir durch Mark und Bein, aber ich drücke ab ... o, die gräßlichen Kiefern schnappen ... Fritz, Fritz! Meine zweite Kugel trifft die Bestie, die sich überschlägt und auf dem Rücken treibt. Mein Freund kriecht das Ufer hinauf... auf zwei Händen und einem Fuß... die Echse hat ihm das Bein glatt abgerissen. In meinen Armen verblutete er. Damals legte ich ein Gelübde ab, seit dem Tage verfolge, vernichte ich die Krokodile mit einem tödlichen Haß... wenn ich es könnte, würde ich alle Flüsse Afrikas mit Strychnin vergiften, um sie auszurotten, denn sie sind nur Schädlinge und Scheusale im Haushalte der Natur. Seit jenem Tage habe ich laut Schießbuch 472 erlegt.«

Bald goß der Regen, bald stach die Sonne. Der Marsch ging am Malagarassi entlang und war sehr mühselig, denn Ravinen, tiefe Rinnen und Riesengräben zogen durchs Gelände und zum Flusse hinab. Ein Träger fand etwas, das Simba aufhob und in beiden Händen trug – nämlich einen Haufen Elefantenlosung, den er frisch und dampfend seinem Herrn servierte.

Da begann ein Lachen und Laufen im Lager. Die Träger rannten meilenweit und entdeckten von einem Baumwipfel aus eine große Elefantenherde.

Erb hatte Herzklopfen und das Jagdfieber, das keinen verschont, der seinen ersten Elefanten schießen soll. Der Alte schmauchte phlegmatisch seine Pfeife. Nach einer Weile löschte Erb seinen Durst, hielt mitten im Trinken inne und traute seinen Augen kaum. »Wo ... wo ... kommst du her?«

Fatima kam hinter dem Kameldornbusche hervor und lächelte verlegen, denn sie log: »Ich bin dir nachgelaufen... den Imbiß, die Antilopenkeule und die Pfirsichbüchse, habt ihr vergessen.«

»Ein Vorwand! Wir haben Büchsenwurst und Brot... was sollst du auf der Jagd?«

»Ich... ich werde die Elefanten nicht erschrecken.,.«

»Aber sie dich! Das ist kein Spiel für Frauen...«

Nun kam die Wahrheit heraus; treuherzig schaute sie ihn an. »Mein Fetisch sagte mir, daß ich heute bei dir bleiben muß.« – Ein Aberglaube oder eine Ahnung hatte die Dirne bewogen, ihm nachzulaufen.

Die Jäger mußten einen weiten Bogen machen, um gegen den Wind sich heranzupirschen. Durch Dick und Dünn, durch hohes Elefantengras hielt Fatima tapfer Schritt.

Erb stieg auf einen wilden Feigenbaum und unterdrückte kaum ein Jauchzen. Auf dreihundert Meter sah und zählte er die Tiere, die dicke Zweige brachen und frisches Grün schmausten. Vierzehn Elefanten! Drei Bullen... sieben Kühe, vier Kälber! Nein fünfzehn! Weit abseits äste ein riesenstarker Großvaterbulle mit einem mächtigen Zahn, mit einem nur... die andere Wehr hatte er wohl im Kampfe mit einem Nebenbuhler verloren. Das war ein sogenannter Einzelgänger und Eigenbrödler, der immer grämlich und bösartig ist.

Erb glitt herunter. »Den Einzahn nehme ich.«

»Unsinn! Wir werden doch nicht einen – der noch dazu stockig ist – nehmen, wo wir zwei haben können... wir schießen das gute Elfenbein und lassen den Alten ungeschoren.«

Der Jüngere mußte sich fügen. Beide Jäger krochen an die Herde heran, so daß der Urbulle schon seine Lauscher hob. Erb merkte jetzt, daß Fatima ihm gefolgt war, und gab ihr deutliche Winke, zurückzubleiben, was sie gar nicht beachtete.

Die ruhig äsenden Tiere hoben die Rüssel und sogen die Luft ein. In der Befürchtung, die Elefanten möchten trompeten und zum Teufel gehen, setzte Jobst sich in Anschlag, der andere folgte seinem Beispiel. Zwei Schüsse blitzten, so daß es wie ein Knall klang. Der eine Bulle stürzte auf die Knie, erhob sich und rannte taumelnd in den Wald, von wo ein Krachen ertönte, als wenn drei Bäume im Sturme bersten. Der andere war nur waidwund, blies mit gellenden Trompetenstößen zur Attacke und griff wild den winzigen Feind an. Während die Herde nach allen Seiten stob, kam er angerast, alles knickte und krachte unter ihm. Beide Jäger schossen – der Elefant, obgleich durch Blattschuß getroffen, tobte weiter und streckte den Rüssel wagerecht, wie eine gigantische, greifende Hand. Erb sah dicht vor sich die kleinen, tückischen Augen, es kroch ihm ein Schauer über den Rücken. Die Schützen ließen die zweite Kugel fliegen – da fiel der Koloß auf die Knie, auf die Seite mit einem Getöse, als stürze ein Haus zusammen. Fünf Schritte vor dem jungen Deutschen, der erschüttert den gefällten Gegner bestaunte, verendete der Titane unter allen Tieren.

In dem Augenblick kreischte Simba: »Ba–ana ... großer Elefantenbock!« Der Boy riß aus, vergaß in seiner großen Angst, seinem Herrn den Mehrlader zuzuwerfen, und kletterte nach ein paar Klimmzügen in einen Gummibaum hinauf. Die graue Masse des Einzahns brauste wie ein vom Sturm entführtes Haus heran... der erboste Eigenbrötler nahm grundsätzlich jeden Gegner an und brannte darauf, das Menschengelichter zu Mus zu machen. Die Situation war für Erb fatal, ja furchtbar, weil die Reservewaffe ihm fehlte und er die Elefantenbüchse erst laden mußte; auch war Jobst der fliehenden Herde nachgerannt, um zum Schuß zu kommen. Mit fliegender Hast waren die Patronen hineingestoßen, war die Büchse an der Backe. Die Erde donnerte hohl. Der Weiße, ein winziger Zwerg neben diesem Ungeheuer, sah auf zwanzig Schritt einen Riesensaurier der Urzeit, sah tückische Augen und das Blasen des Mauls. Nach den Lichtern schoß er zweimal – bang – bang.

Im Bruchteil einer Sekunde erkannte Erb, daß er verloren sei, dachte er einen Gedanken: Gott! Sein Herz hämmerte. Der Saurier stutzte wohl... aber die Masse wälzte sich wie ein Berg heran.

Im Instinkt der Selbsterhaltung suchte der Menschenzwerg die Flucht zu ergreifen, was eine Torheit und der Tod war. Erb rannte um sein Leben und schlug lang hin – das lange Gras hatte als Schlinge seinen Fuß verstrickt, was sein Glück war. Wenn nämlich der Elefant einen Menschen im Laufe ergreift, durch die Luft schwingt und zur Erde schmettert, so ist der Mensch bald eine blutige Breimasse.

Der Deutsche schloß die Augen – vor dem gräßlichen Ende. Der Dickhäuter war offenbar schwerkrank, blutete aus dem Maule, blies und betastete mit dem Rüssel den Körper, den er mit letzter Kraft vier Fuß hob und hinwarf, so daß die Knochen knackten, aber nicht zerbrachen. Das Tier gurgelte und spie Blut, ehe es stampfte.

Erb lag unter dem Rüssel und kroch mitten durch die Vorderbeine des Kolosses und lag mitten zwischen den vier Rammbalken der Füße! Ein Tritt war der Tod.

Ein Schuß krachte, noch einer. Fatima hatte die von Simba heruntergeworfene Flinte geholt, lief direkt auf den Elefanten los und drückte, des Schießens wenig kundig, dicht vor dem schwerkranken Tiere ab, zweimal. Die Kugeln gingen in Hals und Kiefer und schadeten dem Dickhäuter nicht viel. Der Einzelgänger warf sich nach links und griff den neuen, ganz winzigen Feind an. Fatima rannte wie der Wind, – der Elefant trampelte taumelnd hinter ihr – plötzlich verlor sie den Boden unter den Füßen und kollerte in die Tiefe.

Erb betastete seine heilen Glieder und hörte ein Gekrach, als wenn ein Haus einstürze, und dann eine Todesstille, bis Jobst angesprungen kam. »Mir fehlt nichts, suche das arme Mädchen!«

Eine fünfzig Fuß tiefe Schlucht tat sich hinter Büschen plötzlich auf – unten auf dem Grunde lag der Elefant auf dem Rücken und rührte sich nicht. Fatima war kopfüber gepurzelt, stand neben dem Tier und hielt den gebrochenen Arm.

Jetzt kam Simba und flennte ausgiebig. »Bana, mein lieber Bana.« Er wußte, warum.

»Was heulst du? Hilf mir hoch! Die Knochen sind ganz geblieben, aber, ich glaube, eine Straßenwalze ist mir über den Körper gegangen.«

Die Träger machten einen Tragstuhl aus Zweigen und trugen ihn in die Schlucht hinunter, begafften die Fleischmasse und sagten scheu: »Ein böser Geist war in ihm, er ist ein Menschentöter gewesen.«

Jobst bewunderte die Größe des Tieres. »In dreißig Jahren sah ich nur einmal früher einen solchen Riesen, sein Alter schätze ich auf neunzig bis hundert Jahre... er war ein streitbarer Recke, wie die Narben seiner Decke beweisen. Im Schädel sitzt eine eingekapselte, alte Kugel... kein Wunder, daß er den Zweibeinigen spinnefeind und ein Menschentöter war. Sein Zahn ist noch gut... schade, daß er den einen im Kampfe verlor.«

Die Jäger eilten dem Lager zu. Fatima ging neben Simba, machte die Zunge spitz und die Worte noch spitziger: »Du bist ein ausgezeichneter, unvergleichlicher« – er schielte gespannt – »Feigling ... du läßt deinen Herrn im Stich ... Fisi! Fisi sollst du fortan und nicht mehr Simon heißen.« Fisi ist die verachtete Hyäne.

Der Bursche wurde rot, soweit seine Farbe das zuließ, aber auch ärgerlich. »Ein Narr, wer nicht sein Leben lieber hat als das aller andren Leute.«

Fatima wurde giftig. »Ein Lump, der seinen Herrn in der Not verläßt! Du Skorpion!«

Freudenvoll und -toll tanzten die Neger, für die das höchste Negerfest, ein Schlacht- und Freßfest, angebrochen war. Die Elefanten wurden zerwirkt, die Fleischmasse war so ungeheuer, daß jeder nach Belieben heraussäbeln durfte. Damit es besser flugse, krochen einige Neger in die aufgeschnittenen Elefanten hinein, standen in den Eingeweiden und hantierten mit dem Messer. Schauerlich sahen die blutbedeckten Kerle aus. Die Schwarzen hingen sich lange Fleischgirlanden um Hals, Schultern und Arme und gingen nach dem Lager, und zahllose Schmeißfliegenschwärme folgten den Metzgern, um auch ein Blut- und Schlachtfest zu feiern.

Erbenheim lag auf dem Bettrahmen und ließ es sich nicht nehmen, den gebrochenen Arm der Dirne zu schienen. Sehr still hielt sie, als wenn ihr etwas Angenehmes widerfahre, obgleich das Schienen ein abscheulicher Schmerz war.

»Ohne deine Tapferkeit wäre ich wohl ein toter Mann.«

Glückselig lächelte sie. »Wenig tat ich! Wäre mein Herr tot, so müßte Fatima sterben.«

»Ich werde für dich sorgen, so weit es in meiner Macht steht.«

»O, ich darf immer bei dir bleiben.« Sie küßte seine Hand, wühlte ihr Haupt in die Decke und dicht an seine Brust.

Das war eine Versuchung für den Herrn von Erbenheim, der ein junges und warmes Blut war.

Doch sein Gesicht bekam einen energischen Ausdruck, seine Stirn runzelte sich, seine Hände schoben Fatima zurück. »Gehe, mein Kind! Ich muß ruhen, wenn ich morgen reisen soll. Rufe mir Simba!«

Sie hüpfte nicht wie sonst, sondern jedem ihrer Schritte war das Gehen und Gehorchen schwer geworden.

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