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Ein alter Afrikaner

Johannes Dose: Ein alter Afrikaner - Kapitel 7
Quellenangabe
typenarrative
authorJohannes Dose
titleEin alter Afrikaner
publisherHinstorffsche Verlagsbuchhandlung
addressWismar
year1913
correctorhille@abc.de
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Siebenter Abschnitt.

Erb schreckte beim Morgengeblase aus tiefem Schlafe empor, sein erster Blick suchte die geraubte Fatima, die in ihrer instinktiven Angst hier im Zelte Zuflucht gesucht. Was ist dir die Dirne und Dienerin? Jetzt war keine Zeit, sich selbst Rede zu stehen; er sprang auf die Füße.

Simba der Unersättliche aß heute keinen Bissen und heulte: »Fa–ti–ma ... Fa–ti–ma ist f–fort–t ...«

»Was ist sie dir?« fragte sein Bana merkwürdig verdrossen.

»Sehr viel schön, sehr viel gut, sehr viel lieb ist sie mir.« Der Bursche war sich über seine Gefühle im Klaren.

Oberleutnant F. hatte ein gelbes, galliges Gesicht und schielte nach dem Safaridoktor hinüber, den ein Haufe von Kranken und Simulanten umringte.

Herr von Erbenheim sprach in Hast. »Welche Anordnungen haben Sie getroffen, um das arabische Mädchen den frechen Räubern wieder abzujagen?«

Der Chef sprach in die Luft. »Ich habe beschlossen, nichts zu tun ... ich muß schnellstens nach Udjidji.«

»Unmöglich, unmenschlich!«

»Ich habe die uns zugelaufene Dirne nicht gedungen und kann nicht um eines Weibes willen, das gar nicht zur Safari gehört, Wochen verlieren.«

»Es ist verdammte Menschenpflicht, Fatima zu befreien, es wäre unhuman, herzlos, niedrig, sie den schwarzen Bestien zu überlassen. Wollen sie wirklich so grausam handeln, so entlassen Sie mich aus Ihrem Dienst ... ich wenigstens will meine Pflicht tun. Geben Sie mir nur zehn, nur fünf Flinten mit!«

Der Herr der Safari winkte ab.

Jobst grüßte viel höflicher, als sonst seine Gepflogenheit war, was der Oberleutnant, der nur zu oft mit einem bewußten oder unbewußten Unbehagen konstatierte, daß der ihm unterstellte Pfadfinder ihm an afrikanischer Erfahrung überlegen sei, gern sah und gnädig aufnahm.

Der Alte schaute Erb grimmig an und schnauzte beinahe: »Du Grünhorn, es geht nicht! Wir müssen schleunigst nach dem Tanganjika, denn die Regenzeit ist nahe. Was geht uns die dumme Dirne an! Meinetwegen mag sie Kronprinzessin, ja Kaiserin von Uha werden!«

Der Neffe war auf den alten Esel wütend und wollte losbrausen, bemerkte aber zum Glück, daß jener das eine Auge zukniff und das andere vielsagend aufklappte. Jobst tat sehr aufgeregt. »Eine saudumme Geschichte, wie wir es auch machen! So oder so sind wir die Geschädigten. Von einem nackten Negerhäuptling genasführt! Teufel, Teufel! Dulden wir die Gemeinheit, so spricht sich das in drei Wochen in ganz Innerafrika rund, und alle schwarzen Kaffern zwischen Kongo und Küste grinsen und höhnen, die Deutschen seien eine bange, feige Bagage, denn sie hätten den Raub ihrer schönen Frau nicht gerächt. Zu dumm! Das kann kein Neger, der Weiberraub als das schlimmste Verbrechen blutig ahndet, begreifen. Wenngleich das verdammte Weibsbild uns nichts weiter war als ein nachgelaufener Welp, so sagt das Niggergerede doch: Die schönste Frau unsres Häuptlings sei von den Waha ungestraft geraubt worden. Die dreckigen Schwarzen lachen wieder mal die langen, gutmütigen Deutschen aus ... die Suppe hat das Frauenzimmer uns eingebrockt.« Jobst spuckte wütend aus. »Rächen wir den Raub nicht, so ist der Respekt vor den Deutschen futsch, so ist die Autorität der deutschen Kolonialregierung in Uha für Jahre vernichtet. Aber wir müssen auch diese deutsche Demütigung mit Fassung und Würde ertragen. Eine Strafexpedition nähme uns zwei, drei Wochen ... es geht absolut nicht, Herr Oberleutnant.«

Der Chef schwankte und summte. »Es ginge vielleicht doch ... ich muß es mir überlegen.«

Ein Unglück ereignete sich und erleichterte dem Oberleutnant den Entschluß. Zwei Askariboys, die vom Lager sich entfernt, Ochsenfrösche und Schlangen gefangen und gebraten hatten, waren aus dem Hinterhalt von unsichtbaren Feinden schwer verwundet worden. Der eine hatte einen Giftpfeil im Halse und war sofort tot. Der andere schleppte sich ins Lager und schleifte den Speer, dessen Spitze mit dem Widerhaken tief im Rücken saß, hinter sich her – ein entsetzlicher Anblick. Die Europäer eilten herbei, um das Eisen aus dem Körper zu schneiden. Aber der Schauisch – Askariunteroffizier – Amdullah und die Neger sahen mit Seelenruhe zu und sagten: »Wozu? Er stirbt ja doch ... laßt ihn liegen, so wird es bald aus sein.« Ein zweckloses Mitleid ist dem Schwarzen absurd.

Der Safaridoktor schnitt den Speer heraus und verband den Knaben, der sechs Stunden lang durch Kampferinjektionen am Leben erhalten und langsam zu Tode gequält wurde. Das ist das deutsche Mitleid und die europäische Humanität, die künstlich das Leben und den Todeskampf verlängert. Man begreift, daß die Neger diese schöne Humanität nicht begreifen können.

Der hinterlistige Mord war ein neues Verbrechen der Waha, die für jenen Besuch der Weißen sich rächen wollten. –

Die Strafexpedition bestand aus 25 Askaris, 40 Trägern, zwei weißen Unteroffizieren und den beiden Pfadfindern. Der Oberleutnant führte sie selbst und ließ das Lager, das unter einem Sergeanten hier blieb, stark verschanzen. Die Truppe marschierte rückwärts und mußte sehr auf der Hut sein. Plötzlich flog aus einem Busch eine Kugel, ein Pfeil, und, wie schnell man auch alles absuchte, der Schütze war verschwunden. Als ein Lohn von dreißig Rupien auf jeden Eingefangenen oder Angeschossenen ausgesetzt wurde, wurde die Munitionsvergeudung bedenklich; und der alte Afrikaner gab den Rat, die Prämie zu widerrufen.

Nach einer Stunde sind ihm die dreißig Rupien ausgezahlt worden. Auf einem Felsen saß ein kleiner schwarzer Punkt. »Was ist das, Simon?« – »Is Pavian.« – »Ich schieße nie auf Affen ... sie schreien zu menschlich.« Jobst schielte, zielte plötzlich und schoß den Punkt herunter.

Es war ein Mha, in den Fuß geschossen und natürlich von seinen Kameraden im Stich gelassen. Der mit keinem Gewand, sondern mit einer Schmutzkruste bekleidete Kerl erwartete den Todesstoß und machte ein ganz dummes Gesicht, als er verbunden wurde; ja, als man ihn fütterte, haute er zwar wie ein Aasgeier in sich, aber mit Entsetzen auf allen Zügen, fragte er durch den Dolmetscher, ob er gemästet und nachher verspeist werden solle. Die Großmut und Humanität, die er für eine kannibalische Mastkur hielt, hatte allerdings egoistische Ursachen. Der Wilde sollte zum Plaudern gebracht werden und schwatzte bald sehr leb- und lügenhaft.

Hamia habe viele hundert Krieger mit Rohren ausgerüstet und außerdem für 1000 Ziegen und 1000 Traglasten Kattun, Rum und Tabak 10 000 Krieger eines Wahastamms, nämlich der Zipayawaha – zu deutsch, der Nashornwaha, die einen Nasenpflock tragen, – gedungen, um alle Weißen in der Welt auszurotten.

Jobst holte mit dem Kiboko aus. »Du lügst!« Bei dem zweiten Schlage wurden es 5000 Zipayakrieger und 500 Ziegen, bei dem fünften Hiebe waren es 500 resp. 80 geworden.

Der alte Afrikaner hielt dem schwarzen Münchhausen ein schönes Militärgewehr, das nur den kleinen Fehler hatte, daß es nicht schießen konnte, weil das Schloß defekt war, unter die Nase: »Das Schießrohr soll dir gehören, wenn du die Wahrheit sagst!« Auch zeigte er dem Wilden eine Taschenlampe – das sei sein Fetisch, in dem ein böser Geist sitze, der Feuer sprühe, sobald gelogen werde. Der Gefangene schielte scheu nach dem Fetisch und erzählte mit den üblichen Ausschmückungen. 200 Kisten voll von Patronen habe Hamia!

Die Taschenlampe blitzte, der Fetisch sprühte, der Mha schlotterte und stotterte, es seien wohl 70 Kisten.

Erb unterbrach das Verhör. »Hamias Sohn hat uns ein junges Mädchen geraubt ... lebt es noch?«

»Du meinst das Mädchen Fatima ... sie wurde, weil sie beißen wollte, in eine Bastmatte gewickelt ...«

»Lebt sie noch? Sprich, du Hund!«

»Sie wird noch leben, wenn sie sich nicht getötet hat.«

»Getötet ... warum will sie sich töten?«

»Ja, das ist eine wilde Katze. Nach einem Nachtmarsche nahmen wir ihr die Fesseln ab, damit sie essen könne. Freundlich ließen wir sie am Feuer sitzen, und gute Bissen erhielt das hübsche Ding. Plötzlich packte sie einen Feuerbrand, schlug nach rechts und links und den zunächst Sitzenden die Flamme ins Gesicht ... wie eine Leopardin war sie über das Feuer hinweggesetzt und wäre entkommen, wenn wir nicht einen Kreis von Wachen aufgestellt hätten. Als sie sich eingekreist sah, riß sie ein langes Messer aus dem Gewand. Der Racker setzte sich die Spitze auf die Brust und schrie uns zu: Wenn ihr mich berührt, stoße ich mir das Eisen ins Herz. Sie hätte es ja nimmer getan ..., denn wer will sterben, solange er zu essen hat. Aber der Sohn des Sultans machte sich zum Narren und flehte sie an, das Messer fortzunehmen, und versprach alles, was sie verlangte. Seitdem wurde sie nicht gebunden, sondern von acht Männern, die ihr auf zwei Speerlängen fern bleiben sollen, auf Schritt und Tritt bewacht. Wenn sie an einen Baum sich lehnte und schlief, versuchten wir mehrfach, von hinten heranzuschleichen und ihr das Messer zu entreißen ... aber o weh, sie schlief wie ein Zebra mit offnen Augen, stach um sich und ritzte dem Sohne des Sultans den Arm. Wir wollten das Weib auf unsre Speere nehmen, was der Tor bei Todesstrafe verbot.«

Der Oberleutnant kaute an einem Sarkasmus. »Ihre kleine Freundin, Herr von Erbenheim, ist ein kouragiertes Frauenzimmer, halb Hexe halb Heroine, und hat dem Gorilla-Prinzen ganz den Kopf verdreht. Die Sorte schlägt sich durch.«

Erb antwortete sehr ernst. »Sie ist Ihnen und mir und jedem Christen ein armes Menschenkind in Todesnot ... wann wird sie den Leiden oder der Schande erliegen? Wir müssen sehr eilen.«

»Gewiß, gewiß!«

Erb wandte sich noch einmal an den Waha, der sich Karibi nannte. »Ist sie nicht krank geworden? Leidet sie keinen Mangel?«

»O, o, sie wird mit Fleisch und Brei und Pombe, mit gerösteten Heuschrecken und Honig geradezu gemästet, wie die beste und dickste Frau des Sultans.«

»Hm, ich wußte nicht, daß sie ein Messer hatte,« murmelte der Deutsche auf Kisuaheli.

Sein Bursche antwortete etwas unbedacht: »Ich fand das Messer und schenkte es ihr.«

»Ei, ei, vor acht Tagen verschwand mein Dolchmesser, das hat der Bengel geklaut ... komm her, mein Sohn!«

Der Oberleutnant packte das Ohr des Burschen, und Simba schrie: »Bei Allah, es lag vor dem Zelte ... es war ja Fatimas Rettung und ein Befehl Gottes, daß ich vorbeikam ... kannst du mich für Gottes Befehl und Weisheit schlagen?«

Dieser Schlingel hatte mit dem »gefundenen« Messer den Galanten gespielt.

Der Gefangene fragte frech-naiv: »Kann ich nun gehen und mein Gewehr mitnehmen?«

»Auf einem Bein kannst du nicht laufen, und wir können deine Gesellschaft nicht entbehren. Du sollst gute Tage und viel Tabak haben, wenn du uns nützlich bist, hingegen eine Kugel in den Kopf, wenn du zu fliehen versuchst.«

Karibi grinste. »Nix in Kopf, fix in Pans.«

Während der Nacht und der Kühle d. h. bei 20 Grad Reaumur, die als angenehme Temperatur gelten, wurde marschiert. Erb rauchte wieder. Mit einem Male klatschte er in die Hände und machte: »Schi... schi! Der junge Pavian da ist ja mächtig frech und läßt sich nicht verscheuchen. Du dummes Äffchen kennst wohl noch nicht die zweibeinigen Raubtiere!«

Himmel! Der kleine Pavian sprang jetzt sogar mit einem Satz auf den Esel, der ledig ging, streckte die dünnen Arme aus und schrie. Er schrie vor Freude, umklammerte Erb, der unwillkürlich in Defensivstellung trat, dann sich vorbeugte und laut lachte: »Basse, bist du es? Mein Basse!« Der Affe kuschelte seinen Kopf an die Brust seines Herrn und – schluchzte. In Wahrheit, es waren die leisen Schluchztöne eines kleinen Menschenkindes, das seine Mutter gefunden hat.

Der Pavian Basse, den Fatima mit kondensierter Milch aus dem Säuglingsalter herausgebracht hatte, und der sehr possierlich, zutunlich, anhänglich und frech geworden war, war im Lager zurückgelassen, dem Sergeanten warm empfohlen und fest angebunden worden. Er hatte noch ein Stück Strick am Halse, und die Leute lachten, Basse habe vor Schmerz sich aufhängen wollen. Nein, vor Sehnsucht hatte er die Fessel zerbissen, die Spur der Safari verfolgt und seinen lieben Herrn gefunden. Basse mußte wohl oder übel den Feldzug gegen die Waharäuber mitmachen.

Jobst bemerkte trocken: »Ja, die Weiber und die Affen laufen dem Herrlein nach. Wenn die Dirne aus Simbalimpi nicht solche Klette wäre, hätten wir uns diesen Höllenmarsch erspart.«

»Ist nicht meine Schuld ... nein, alles ist ein Befehl Allahs ... seinem infamen Schicksal entgeht keiner«

Der Alte schmunzelte ironisch. »Ich kalkuliere ... wenn wir Fatima unbeschädigt aus dem Gorillanest holen, wird es sicherlich Allahs Befehl und dein infames Fatum sein, daß du das hübsche, halbe Blut heimführst.«

»Nein, Fatima kann nie mein Weib oder meine Geliebte werden.« Erb blickte über das mondhelle Land, wanderte schneller als der Wind und der Mondstrahl gen Mitternacht und weilte an dem kleinen Fluß der großen Handelsstadt, wo vornehme, stille, steife Villen an seinen, fast leeren Straßen stehen und mitten im lachenden Blumenflor sich schrecklich langweilen. Sein Geist war in der Ferne. Die zahllosen Insekten zirpten, summten, girrten, geigten in Gras und Busch. Moskitos sangen ihr boshaftes Sirr – surr, große Fledermäuse schwirrten unheimlich am Gesicht vorbei und mordeten hundert Lebewesen im Fluge. Drüben kläfften und keiften Hyänen. Im Rivier rollte die Stimme des Löwen, der nicht so dumm ist, seine Gegenwart zu melden und die Tierwelt zu warnen, der vielmehr durch sein erschreckliches Gebrüll seine Jagdtiere erschrecken, nervös und kopflos machen will, so daß die Antilopen in den Rachen seiner mitjagenden Ehehälfte, der still schleichenden Löwin, hineinlaufen.

Jobst tupfte den Arm seines Neffen. »Erwache! Warum nicht? Was schert uns die Couleur? Unter einer schneeweißen Haut saß oft ein satanschwarzes Herz. Ich halbalter Hansnarr habe im verständigen Alter eine sogenannte Farbige gefreit und befand mich wohl dabei ...«

»Warum rührst du die alte Geschichte und meine Seele mir auf? Ich besaß die weiblichste von allen Frauen, das weichste Herz, die wesensreinste ...«

»Laß es hinfahren, das Trugbild deiner Einbildung!«

»Nein, das ist und bleibt mein Rätsel: Ella Ritterhus, an die ich glaubte, schwieg, wo sie reden mußte. Sie zeugte nicht für meine Unschuld! Ein Wahnsinn, eine Widernatur, ein satanischer Zufall muß gewaltet haben.«

Der Oheim wußte, was er wissen wollte, und lächelte befriedigt. Der Geist einer blassen, blonden Frau vertrat der schwarzhaarigen Fatima den Weg zu diesem Herzen, und das war am besten für beide Teile. Die schöne Araberin gab eine prächtige Haremsfrau, aber kaum eine passende Gattin für einen deutschen Ehemann, wenn man sie überhaupt und unbeschädigt zurückbekam. –

Das kleine Heer brach vor der Sonne auf. Die Sudanesen foppten einander. Besonders jener Askari, der kraft seiner Vorliebe für Krokodilrührei »Eierkuchen« hieß, mußte oft herhalten. Er hatte nämlich infolge seines Muts bei der Verfolgung des Menschenfresserlöwen die rote Ärmelschnur erhalten, d. h. er war Gefreiter geworden, was natürlich viel Neid erregte. Einige titulierten ihn grob »du Menschenfresser«, was ihn in großen Zorn versetzte. Andre machten erschrockene Grimassen, schielten nach ihm und klapperten naturgetreu mit den Zähnen: » Wa na kula wantu« D.h. »Uh – uh, er ißt Menschen.« Der brave und tüchtige Kerl war ja aus dem Kongo und hatte in der Tat die spitz gefeilten Vorderzähne, die das Kennzeichen der Kongokannibalen sind. Wenn Kitumbua den Hohn »Er ißt Menschen« hörte, so fletschte er wie ein angeschweißter Leopard die Kannibalenzähne, als wenn er alle verschlingen wolle, und die Spötter hüpften wie die Heuschrecken ins hohe Gras. Nach einer halben Stunde hatte der Exkannibale, der ein gutmütiger Kerl war, den Ärger vergessen und grinste seine Feinde freundlich an.

Erb hatte diesen Kitumbua gern, sprach oft mit ihm über seine Heimat und durfte sich die diskret vertrauliche Frage erlauben: »Du hast früher schon mal Menschen verspeist? Sage es nur frei, ohne dich zu schämen! Ich hätte es zweifellos auch getan, wenn ich in deinem Dorfe geboren wäre.«

»Ja, das hab' ich,« bekannte der grinsende Neger, und sein ganzes schwarzes Gesicht schmunzelte behaglich bei der Erinnerung an den köstlichen Schmaus. Man sah, wie ihm das Wasser zum Munde lief.

»Und wie schmeckt es?« fragte Erb.

Kitumbua antwortete treuherzig: » Kama kondoo.« Wie das zarteste Schaffleisch habe es geschmeckt.

Allerdings, als Erb drei Monate später dieses kulinarische Thema berührte, war Kitumbua in der Kultur oder auch, infolge der Neckereien, in der Verstellungskunst so weit vorgeschritten, daß er eine verständnislos unschuldige Miene machte und bei der direkten Frage, ob er mal Menschenfleisch gekostet habe, entschieden, ja entrüstet jede Beteiligung an kannibalischen Diners ablehnte. –

Sobald die Sonne wie mit glühenden Speeren stach, hörte alles Scherzen und Lachen auf. Es ist ein Irrtum, daß der Neger gegen die Äquatorhitze immun sei, er erliegt den schlimmsten Strapazen noch eher als der akklimatisierte Weiße.

Bei der Mittagsrast schimpfte der Bana: »Mir fehlt Fatima an allen Ecken und Enden.«

»Mir auch,« schluckte Simba schmerzlich.

»Du erzfauler Schlingel kühlst mir nicht mein Wasser, wie sie es tat.«

»Ist die Rast nicht zum Ruhen?« fragte der Boy mit frecher Demut.

»Grabe flugs ein Loch in die Erde und stelle den Wassersack hinein!«

»O Herr, hast du nicht die kriechende Schlange in der Glasröhre gesehen?« Simba kannte die Bedeutung des Thermometers und der Quecksilberschlange, appellierte aber umsonst an die Hitzegrade.

Seine gute Laune bewahrte sich nur der Pavianknabe, der jede Frucht anbiß, und wenn sie gallenbitter war, ein komisch empörtes Gesicht schnitt und die Frucht einem Träger an den Wollkopf warf. Der Affenhumor erregte keine Heiterkeit mehr, die Schinderei war zu schrecklich. Da erkletterte Simba eine Kuppe und stieß einen Freudenruf aus. Alle drängten nach und schrien: »Wasser, viel Wasser!« Unten in dem Tale floß ein Fluß.

Die Oberleitung beschloß einen Nachtmarsch, und zwar im Wasser. Die Kolonne bewegte sich, nach mehrstündiger Rast, flußaufwärts, der Pfadfinder an der Spitze und alle wie die Diebe der Nacht. Basse lief in seiner Wasserscheu am Ufer entlang und schrie kläglich, wußte sich aber zu helfen, machte einen Hops und saß oben auf der Schulter eines Trägers, dessen Wollhaare seine Finger als Zügel hielten und tüchtig zerrten. Der Träger versuchte vergeblich, den Affen abzuschütteln, und schimpfte wild.

Jeder gab sein Letztes her. Der Nachtmarsch war eine unmenschliche Zumutung des eisernen Pfadfinders, der mit seinen Storchbeinen gleichmäßig vorausstapfte, als wenn er von Schweiß, Schwüle oder Schwäche gar nichts merke. Seine Brauen standen grimmig hoch, wenn jemand klagte; und als die Träger stöhnten: »Herr, wir sterben!« betrachtete er sie prüfend und trat zum Chef. »Wir müssen drei bis vier Rumflaschen springen lassen.«

Jeder erhielt sein Glas. Erb war am Umsinken, am Ende und bat heiser: »Onkel, gib mir einen Schluck!«

»Ih wo, du trinkst ja keinen Alkohol in den Tropen.« Der Alte reichte ihm nach dieser Rache ein großes Glas. »Melkst du nun, wozu der scheußliche, von dir verabscheute Fusel in Afrika und anderswo gut ist?«

Der Alkohol ist eben ein Sporn, der die letzte Kraft aus dem Körper peitscht.

Der am Fuß verwundete Karibi saß auf einem Esel im Herrensattel, wurde von der vielen Kost fett, führte auf Schleichwegen an die Boma heran und verriet ohne die geringsten Gewissensbedenken alles, was er wußte, und noch ein wenig mehr.

»Die Boma hat im Norden und Süden einen Eingang, sehr richtig, aber auch ... was gebt ihr mir, wenn ich es sage?« – Man reichte ihm eine Platte Tabak – »... Aber auch im Westen einen geheimen Ausgang.« Der Mha blies aus seiner Tonpfeife den Rauch den Weißen ins Gesicht und zeichnete geschickt eine Skizze der Negerfeste in den Sand. »Hier ist durch den Wall und unter der Dornenhecke ein Gang ausgehöhlt, dessen Mündung durch einen Termitenhügel und einen Eukalyptusstrauch verdeckt wird.«

»Das wußten wir längst.« Jobst spuckte verächtlich aus und holte eine alte Karte vom–Kilimandjaro hervor, breitete sie aus und zeigte mit dem Finger irgendwo hin: »Richtig, das stimmt ... hier ist der Gang.«

Das war dem Wilden zu viel, er glotzte mit offnem Maule.

»Ein Fuchs hat mehr als eine Röhre,« sagte der Pfadfinder, »wo ist die andre Notröhre des Fuchses Hamia?«

Karibi antwortete dem Schlauen mit Negerschläue: »Die andren Ausgänge werden doch auf deinem Papier stehen ... ich habe nur den einen auf meiner Sandkarte.«

»Soll ich meinen Fetisch fragen, ob du lügst?«

»Ja, frage ihn und dein Papier, so wirst du sehen, daß ich die Wahrheit sage.« Der Wilde war ein aufgeklärter Mann geworden und fürchtete die Taschenlampe nicht mehr.

Nur eine Überrumpelung der Negerfestung war möglich, denn die Waha hatten Fatima als Geisel in der Gewalt. Der Waha, der kaum hinken konnte, wurde auf einen Esel gesetzt und festgebunden. Der Schauisch schnürte den Strick und schmunzelte: »Bloß damit du nicht herunterfällst und dein Bein beschädigst.« Merkwürdig! Der Gebundene lächelte noch schmieriger: »Knote fester, fester, damit ich ja nicht falle ... oder fliehe!«

Karibi führte im Morgendunkel und bat mit schielendem Blick: »Nimm das kleine Gewehr weg!« Jobst ging nämlich hinter ihm und hielt den Revolver nicht weit vom schwarzen Ohr.

Drei Abteilungen wurden gebildet. Der Oberleutnant stellte bei dem Nordtore sich auf. Jobst sollte mit seinen Leuten das Südtor erstürmen und ein Geschrei für hundert Mann machen. Erb lauerte mit acht Mann hinter dem Termitenhügel und bewachte die Notröhre. Hamia junior würde ohne Zweifel in der Not versuchen, mit Fatima durch diesen Notgang zu entwischen.

Drüben knattern Salven, das Geheul weckt die verschlafenen Waha. Jobst brüllt wie zehn Wilde, seine Askaris kreischen wie heulende Derwische ihr Allah il Allah, das ihr fromm-fürchterliches Kriegsgeschrei ist.

Erb reckt den Kopf hinter dem Termitenhügel vor und stiert das Loch an.

Drinnen im Dorfe Schreien und Schießen. Jobst rast und rennt alles nieder. Die Waha wollen durch das Nordtor sich retten. Der Oberleutnant hält untätig und still hinter der Hecke. Ein dichtes Gewimmel von Weibern, Kindern, Kriegern, allen voran als Anführer der Flucht der Dickwanst Hamia, wälzt sich durch das Tor.

Flintenläufe umzingeln die Menschenhorde, sie fallen auf die Knie, Hamia rutscht auf dem Bauche und fleht um Gnade. Alle sind Gefangene geworden, die humane List ist prächtig und ohne Blutvergießen gelungen. Der gefürchtete Bana Bunduki hatte keinen Widerstand gefunden, die Masse stürmte nach der stillen Seite, wo kein Feind und ein Fluchtweg zu sein schien, und rannte in die Hände der zweiten Abteilung.

Erb brennt vor Ungeduld. Endlich taucht ein Wollkopf aus der Tiefe, wird mit einem Schlag auf die Schläfe betäubt und an den Haaren herausgezogen. Ein zweiter Kopf schaut heraus und schnobert wie ein Igel, wird am Schopfe gepackt und schreit wie ein abgestochenes Schwein. Aus dem Loche kommt nichts mehr.

Erb handelt gegen seine Instruktion, kriecht durch die Röhre, rennt an versprengten Waha vorbei und nach dem Haremshause, das er in allen Winkeln durchstöbert. Nur alte, unmenschlich häßliche Weiber kauern hier und da. Er schüttelt eine Schönheit und schreit: »Fa–ti–-ma? Fatima?« Die dicke Dame versteht und gibt durch Gebärden eine niederschmetternde Antwort. Das braune Mädchen ist durch eine Hintertür des Harems getrieben worden.

Er hält dem Weibe den Revolver an die Schläfen und deutet auf die Spuren im Sande. Die Entsetzte begreift bald, daß er die Flüchtlinge verfolgen will und sie ihm den Weg zeigen soll. Die Negerin führt ihn und fängt bald an zu schwatzen. »Bana, fange sie, fange sie!« Er versteht die Worte, und allmählich geht ihm ein Licht auf, warum sie so dienstbeflissen ist. Fatima hat den schwarzen Schönheiten zu viel Konkurrenz gemacht, hat zu viel Eifersucht erregt, und darum wünscht der Harem, daß der Henker die braune Dirne hole.

Der Hornist der Truppe bläst zum Sammeln. Erb achtet weder auf das Kommando noch auf seine Füße und fällt der Länge nach hin. Seine Führerin ist verschwunden. Er flucht – aber zu früh. Die Negerin liegt in einem Erdloche, darüber er stolperte, und winkt ihm. Es ist ein sehr enger, unterirdischer Gang, der unter Wall und Dornenhecke hinwegführt.

Die Negerfestung hat noch ein zweites Geheimtor, das der Hund von Karibi verschwiegen hat. Die Schlauheit des Alten, der dem Wilden die Kilimandjarokarte zeigte, war eine Sottise gewesen – die allzufeine Diplomatie wird oft zur Dummheit.

Der Deutsche kriecht durch den Gang, schüttelt sich den Sand ab. und schaut in zitternder Spannung nach allen Seiten. Halt! Er zielt und schießt – aber in die Luft. Jener Karibi, der kaum hinken konnte, hat irgendwie seine Fesseln gelöst, springt wie eine Antilope dem Busche und den Bergen zu. Der Maskatesel, auf dem er saß, glotzt ihm nach und fängt an zu grasen. Der Posten, der den Waha bewachte, hat ein Messer in der Brust und liegt auf dem Rücken.

Erb sieht nichts, nichts als Spuren im Sande, die plumpen Stapfen der großen Negerpedale und in der Mitte ein zierliches Füßchen – nur ein Weib in ganz Uha hat solche Füße. Im Busch teilen sich die Fährten und laufen in vier Richtungen. Der gräßliche Gorilla ist mit seiner Menschenbeute entkommen. –

Der junge Afrikaner war sehr mißmutig und sagte ärgerlich-spöttisch zu dem alten: »Wir haben uns von einem Nigger nasführen lassen.«

»Wir?« lächelte Jobst, »du meinst mich, ja ich bin der Dumme gewesen in meiner Superklugheit.« Wollte er seinen Neffen reizen und sich rächen? Er wandte sich nämlich an den Oberleutnant: »Eine Verfolgung in den Bergen ist sehr langwierig und fast unmöglich ... wir müssen die dumme Dirne ihrem Schicksal überlassen.«

Erb war zum Glück sprachlos vor Grimm.

Der Herr Oberleutnant aber ließ sich seine Befehle nicht imputieren und schnarrte: »Nein, jetzt steht die Ehre auf dem Spiel ... wir werden die schwarzen Banditen verfolgen, bis wir schwarz werden.«

Das war just die Antwort, die Jobst haben wollte.

Über Hamia und seine Räte wurde Kriegsgericht gehalten.

Hamia kroch hündisch und heulte: »Mein Sohn Wahadamib ist der Sünder ... du willst mich töten, damit der Übeltäter Herr und König werde? Er hat den Überfall gemacht. Ich war nur zu schwach zu schweigen und seine paar Geschenke zu nehmen, weil er mein Fleisch und Blut war. Wahadamib ist ein Dieb und Räuber und nicht mein Sohn mehr, er hat ohne mein Wissen Fatima gestohlen und mich unglücklich gemacht. Tötet den Schuldigen und laßt mich leben!«

Der Oberleutnant war viel zu human, um leichtfertig – wie es bei manchem Erforscher Afrikas der Fall war – ein Todesurteil zu fällen, wollte lieber zwei Schuldige laufen lassen als einen Unschuldigen hinrichten und begann ein Kreuzverhör der Waha. Es ist eine Kunst, aber auch eine Qual, über Neger zu richten und den Tatbestand festzustellen. Aus dem Wust von Widersprüchen und Lügen wurde als Wahrheitskern herausgefunden, daß Hamia zwar von dem Überfall der Karawane gewußt, einen Beuteteil bekommen, aber nicht direkt sich beteiligt und sogar den Raub der Fatima um der bösen Folgen willen verflucht habe. Das rettete ihm den Hals.

Der gerissene Häuptling wurde daraufhin so dankbar, daß er von selbst seine Dienste anbot. »Ich kenne alle Höhlen der Berge und werde euch führen, damit ihr Wahadamib, den Spitzbuben und Räuber, fangen und hängen könnt.«

Man darf sich nicht allzu sehr wundern, daß der schwarze Gemütsmensch ein so liebevoller Vater war. Die Negerfürsten fürchten stets den Kronprätendenten.

Die Verfolgung begann. Hamiaa und zehn Waha gingen mit und wurden mit einem Ledertau zusammengekoppelt. Die Flüchtlinge hatten sich in vier Teile geteilt, es galt zunächst, die richtige Fährte festzustellen. Jobst wählte instinktiv eine Spur, nahm Erb und Simba mit und suchte. Ach, im felsigen Gebirge hörte jede Fährte auf, und Erb wetterte: »Hätten wir jetzt einen Hund mit guter Nase, aber der beste, eingeführte Hund verliert in diesem gottverlassenen Lande die Nase.«

Der Oheim lächelte. »Ist eine alte, eiserne Fabel ... die importierten Hunde erkranken am Klima und noch öfter am Stich der Tse-tse und verlieren infolge der Krankheit die Schärfe aller Sinne, natürlich auch den Geruch, und gehen ein.«

Simon rutschte wie ein Diamantensucher auf den Knien.

Plötzlich rief der Alte spöttisch: »Ihr habt wohl auch die Nase und das Gesicht verloren? Seht mal, was ich habe!«

Er zupfte am Gestrüpp und spitzte drei Finger, als wenn er etwas halte. Das war aber so unsichtbar, daß Erb ihn anfuhr: »Willst du uns zum Narren haben?«

Simba schaute hin und schrie vor Freude: »Ein Haar, ein glänzend schwarzes Haar vom Haupte Fatimas!«

Donnerwetter! Da war noch ein zweites und drittes Haar, das der Bursche um seinen Finger wand und feierlich küßte. Erb machte runde Augen und stotterte: »Man hat die Ärmste an den Haaren geschleift ...?«

»O nein, die kluge Dirne hat heimlich die Haare um die Zweige gewickelt - sie sind ja ein paarmal herumgeschlungen, - um uns den Weg zu zeigen ... weiß sie doch, daß wir in der Nähe sind.«

Die ganze Truppe verfolgte die eine Spur. Der Affe Basse, den man festgebunden hatte, sprang, als sein Herr kam, mit einem Schrei und Satz vom Esel herunter. Erb ließ das Tier frei laufen, obgleich der Pavian gern Schelmenstreiche verübte und den Trägern üble Possen spielte.

Am Abend machte der Pavianjüngling einen schlimmen und für ihn selbst schmerzlichen Streich. Ein findiger Träger hatte sich eine Kalebasse Honigbier im Dorfe verschafft, d. h. gestohlen und wollte sich gütlich tun. Basse kam heran und naschte von dem süßen Getränk. Der Eigentümer wollte den Affen verscheuchen, der aber so grimmig die Zähne fletschte, daß der Neger sich fürchtete und nach einem Zaunstecken lief. In der Zwischenzeit schleppte Basse die Kürbisflasche fort, versteckte sie im Busch und ergab sich dem heimlichen Suff. Als man ihn fand, war die Flasche halbleer, und der Affe hatte einen mächtigen, ja majestätischen Affen. Der beschwipste Pavian machte die tollsten Kapriolen, so daß die Träger sich totlachen wollten. Schließlich fiel der kleine Trunkenbold in einen tiefen Schlaf, und sein Herr wickelte ihn in seine Decke. Der Anblick am Morgen war noch lächerlicher, und Jobst weinte fast Tränen. Basse hockte auf seiner Decke, hielt sich den Kopf und stöhnte so kläglich und katzenjämmerlich, wie ein schwer verkateter Korpsstudent, der die Nacht durchkneipte. Es fehlte nicht an faulen Witzen. Simba wollte den Patienten in die Sprechstunde des Sanitätsrats bringen und um Daua bitten. Jobst schmunzelte: »Er ist kein Temperenzler, wie sein Herr, und trinkt Alkohol in den Tropen.«

»Er wird keinen Tropfen mehr trinken,« sagte Erb prophetisch-pathetisch, »der Affe ist klüger als der Mensch, der immer wieder trinkt und an akuter Alkoholvergiftung erkrankt.«

Und der Affe war klüger. Als die Askaris am Abend, um ihren Spaß zu haben, ihm eine Schale Honigbier hinsetzten, ergriff Basse den Topf, roch voll Abscheu daran und goß das Bier dem Geber ins Gesicht.

Der Maisch im zerklüfteten Gebirge war eine unsagbare Mühsal. Einmal ging es eine steile Wand hinauf, wo man auf einem Fuß zwischen Himmel und Erde schwebte. Alle, die nicht schwindelfrei, mußten mit Stricken festgebunden und hochgezogen werden. Einen ganzen Tag nahm das Hochhissen der Esel. Oben wehte die Luft frischer, wonniger, aber es war eine Steinwüste, ein Felsgewirr, in dem ein tosender Bach in Sätzen sprang. Und hier ging jede Spur verloren. Die Fährtensucher pirschten stundenlang umsonst, Jobst untersuchte jeden Kiesel am Bach, ob er von einem Fuße verschoben sei, und verzagte: »Diese Einöde hat noch kein Mensch betreten.«

Da war Erb der Glückliche und das Grünhorn der gescheite Pfadfinder. Zwischen zwei Steinen am Bachrande war ein wenig feuchte Erde, kaum handgroß, und in der Erde standen fünf Zehen eines kleinen Frauenfußes abgedrückt. Der Alte schlug sich auf den Schenkel. »Die Kleine ist sehr klug ... das ist Fatimas Petschaft und mit Absicht hierhingesetzt ... sie fand im Hochtal die einzige Stelle, wo sie ihren Fuß abdrücken und uns einen wertvollen Wink geben konnte.« Er prüfte die Lokalität. »Die Räuber gingen bergan, also muß am Wasserfall droben, wie unwahrscheinlich es aussieht, ein Durchgang sein.«

Der Fluß stürzte zwischen steilen Felsen herab, und auf der Höhe war ein Einschnitt, den der Wasserfall ausfüllte. Jobst packte Hamia mit grobem Griff. »Freund, wozu füttern wir dich tagelang? Wo dein wohlgeratener Sohn hindurchkam, mußt du auch Weg wissen.«

Hamia kletterte auf Steinen, die wie Inseln im gischtenden Wasser lagen, immer höher, alle folgten auf dem lebensgefährlichen Wege. Als er keuchend den Wasserfall erreichte, setzte er sich auf die drei Hand breite Gesteinsstufe. Über ihm ragte die spiegelglatte Wand, daran er die eine Körperseite preßte, die andere wurde vom Gischt bespült. Das Getöse verschlang jeden Ton. Haarsträubender konnte der Eingang zum Hades nicht sein. Plötzlich stand Hamia aufrecht auf der schmalen Gesteinsstufe - und war verschwunden. Hatte der Wassersturz ihn verschlungen? Alle stierten in den brodelnden Schwall - ein zerschellter Leichnam kam nicht zu Tal.

Jobst kroch dem Verschwundenen nach, stand auf dem drei Hand breiten Raum, winkte und ward nicht mehr gesehen. Droben mußte ein Stollen oder Engpaß sein.

Erb erbarmte sich des zitternden Affen und ließ ihn aufsitzen, kletterte empor und erreichte mit seiner letzten Kraft den engen Stand am Fall. So frostig-furchtbar hatte noch kein Grauen ihn gepackt, der Affe schnürte ihm die Luft ab, er durfte nicht schwindlig werden. O, dort im - nein, unter dem tosenden Wasserfall stand ein Mensch, stand sein Onkel und reichte ihm zum Glück die Hand. Die Wasser stürzten über den vorspringenden Felsen, der ein Schutzdach bildete, herab. Unter dem Fall war ein schmaler, schlüpfriger Pfad, der kleinste Fehltritt war der Tod. Er preßte den Rücken an die Wand und passierte den Höllensteg. Plötzlich stand er im Sonnenlicht und Leben und dankte Gott. Drunten lag ein grünes Tal, ein lachendes Gefilde, ein bequemer Abstieg führte aus dem Hades ins Paradies. »Den Weg mache ich um keinen Preis noch einmal,« gelobte er sich.

Die Esel und die nicht schwindelfreien Leute mußten zurückbleiben und einen tagelangen Umweg machen.

Jobst zählte die Köpfe - Hamia fehlte. Der arme Sultan lag erschöpft im Schatten eines Wacholders und hielt sich den schlaffen, schlotternden Hängebauch und bat: »Bann, willst du mich auf diese Weise langsam töten, so hänge mich lieber am Halse auf!«

Der Alte lachte und setzte den Flintenlauf auf Hamias Stirn. »Mit Vergnügen leiste ich dir den letzten Dienst ... so geht's schneller.«

Der Häuptling schnappte nach Luft und griff nach dem Rohr.

»Das kühlt den Kopf und schärft das Gedächtnis. Du sollst uns sofort den Versteck deines teuren Kindes zeigen.«

Hamia sagte hastig. »Hinter jenem Bergvorsprung ist eine Höhle ... dort wird er sein.«

»Wie viele Röhren hat sie ... wie viele Hälse hast du für den Strick?«

»Zwei Gänge hat sie, sowahr ich einen Hals habe.«

Nach dreistündigem Marsche war die Bergnase erreicht. Hohes Gras, Eukalyptus, Aloe und Tamarinden deckten die Heranschleichenden. Hamia fing zu husten an, aber eine Faust umklammerte seine Gurgel und kurierte seinen Katarrh. Immer die Hand an dem dicken Halse, ließ Jobst sich die Eingänge zeigen. Der Gorilla, der die Araberin geraubt hatte, fühlte sich so sicher in seinem Bau, daß er nicht einmal Wachen ausgestellt hatte.

Um Mitternacht lagen zehn Flintenläufe vor jedem Eingang. Erb schoß eine Salve in die Finsternis hinein. Nach den Schreckschüssen eilten die Räuber durch die andre Röhre und fanden auch den Ausgang besetzt. Wahadamib war kein Feigling und faßte sich in Geduld. Ein Erstürmen des engen Ganges war nicht zu befürchten, ein Verdursten unmöglich, da in der Höhle eine kleine Wasserader rieselte, und der Hunger war noch fern. Ein Neger denkt nicht weiter als acht Tage, auch fand Wahadamibs Seele Trost in dem Gedanken, daß ein Häuptling am längsten Speise hat und als letzter dem Hunger erliegt.

Die Deutschen wußten ja, daß Fatima mitverhungern würde, und wollten verhandeln. Hamia erhielt einen grünen Zweig – die Parlamentärflagge Afrikas – und ging, am Fuße mit einem langen Seil getüdert, dicht an die Höhle heran. Freier Abzug den Banditen, wenn Fatima und alle Flinten ausgeliefert würden!

Der Gorilla schalt seinen Vater einen stinkenden Schakal und schwarzen Verräter.

Jobst nahm den Zweig und feilschte zwei Stunden lang. Fünf, zehn, fünfzehn, zwanzig und schließlich alle Flinten sollten die Räuber behalten. Je bescheidener die Deutschen wurden, desto unverschämter wurde der Neger, der in das braune Mädchen vernarrt war. Die Liebe und Leidenschaft kann auch einem Wilden den Wollkopf verrücken. –

Drei Tage bewachten die Belagerer die Ausgänge. Der trotzige Wahadamib forderte und erzwang den freien Abzug! An dem Morgen stand Erb auf Posten und sah plötzlich im Dunkel des Ganges Fatimas süßes Antlitz auftauchen. »Komm, mein Kind, sie haben Vernunft angenommen ...«

»Nein, Herr, sie wollen mich töten, und ich will gerne sterben, da ich dein Angesicht sehe ... schieße du mir eine Kugel ins Herz, damit ich nicht von diesen Hyänen erstochen werde!«

Jetzt gewahrte er mit Entsetzen die scheußliche, teuflische Affenfratze, die über des Mädchens Schulter schielte, und das Messer, das in ihrem Nacken blitzte, das Wahadamib, ihren Körper als Schild benutzend, stoßbereit hielt.

Der verschlagene Schuft brüllte: »Siehst du dieses blanke Eisen und die zwei Speerspitzen, die beim ersten Schuß durch ihren Rücken gehen und vorne auf ihrer Brust dir guten Tag sagen werden? Schau es dir gut an und höre mit beiden Ohren zu: Wir müssen von deinen Kugeln sterben, aber Fatima stirbt zuerst. Töte uns jetzt, du Weißgesicht, und tue, was du willst!«

Erb war kreideweiß vor Grimm und Grausen und ließ die erhobene Büchse fallen. Der Leutnant und Jobst liefen herbei, rissen die Flinte an die Backe und ließen sie langsam sinken. Es war ein empörender Anblick, eine schier unerträgliche Frechheit, die sie in ohnmächtiger Wut mit ansehen mußten, – die Angst um das junge Weib lähmte ihre Hände.

Hinter Fatima das höhnische Gorillagesicht und das Messer keinen Zoll von ihrer Halsschlagader, ringsumher zwölf schwarze Banditen, die einen sogenannten Igel bildeten, aber die Speere nach innen auf das Mädchen, das stolzaufrecht ging und unverwandt Erbenheim ansah, gerichtet hatten. Zu hinterst schlotterte Karibi, der Überläufer, während die andren mit festen Schritten an den Flinten vorbeigingen und herausfordernde Blicke warfen.

Kein Schuß fiel, kein Fluch wurde gehört, in der Totenstille klang nur das Knirschen der Zähne.

Der Speerigel verschwand hinter den Büschen. Am Eukalyptusstrauch kehrte Karibi sich um und winkte. Was will er? Der elende Bursche streckte die Zunge aus, so lang er sie aus dem Halse herausbringen konnte.

»Das ist uns Weißen von einem Nigger geboten worden,« schrie Jobst, »ich muß einen Schwarzen umbringen.« Er sah, daß Hamia schadenfroh grinste, und schlug dem Sultan eine Maulschelle, die hochderselbe noch nach fünf Tagen fühlte. Diese Ohrfeige hatte aber die unerwünschte Wirkung, daß Hamia taub auf beiden Ohren, stumm und verstockt wurde. Auf alle Aufmunterungen in Gestalt von Plattentabak antwortete er nur, daß er keine andre Höhle kenne und die Berge im Nordosten, die voll von bösen Geistern seien, nie betreten habe.

Der Boy Simba hockte am Stamm einer Borassuspalme, wischte sich Schmutzstreifen ins weinende Gesicht und rieb – ein Zeichen tiefen Nachdenkens – seinen halb skalpierten Schädel. Der mitleidige Herr sagte: »Weine nicht, unsre kleine Fatima wird befreit werden.«

»Bana, ich weine über unsre Dummheit,« sagte der Boy ernsthaft.

»Ja, sie sind uns zu schlau gewesen und haben uns einen teuflischen Streich gespielt...«

»O, wenn sie ganz klug gewesen wären, so hätten sie das Mädchen mit dem Igel umringt und gerufen: Gebt uns zwölf Fässer Pulver und zehn Gewehre, oder wir töten das Weib. Wir hätten ihnen gegeben, was sie gefordert...«

»Ja, zum Donnerwetter! Solange die Schufte das Mädchen als Geisel haben, können sie mit neuen und netten Frechheiten kommen... sie werden nächstens mit ihrer Beute vorbeispazieren und verlangen, daß wir unsre Waffen ausliefern.« Erb focht aufgeregt mit den Händen und fluchte.

»Hoher Herr, höre ein Wort!« sagte der Boy mit Ruhe, »wir müssen klüger sein als diese nackten Wilden.« Simba fühlte sich als Kulturmensch und verachtete in seinem langen Hemd sehr tief die nackten Neger. »Wir müssen die Räuber überlisten.« Er setzte seine Idee auseinander, aber nur zum Teil.

Der Deutsche knipste mit den Fingern. »Deine schwarze Kriegslist ist besser als unser weißer Kriegsrat... du willst zu Wahadamib und in die Höhle des Gorilla gehen? Jung, Jung, du wagst dein Leben.«

»Was bin ich? Und was ist mein Leben? Kummer und Furcht fressen Fatimas Herz.«

Der Herr war bewegt. »Ich würde dich sehr vermissen, mein Bursche. Aber versuche es in Gottes, in Allahs Namen! Was willst du dem Gorilla vorlügen, daß er dich nicht totschlägt?«

Der Boy legte förmlich die Ohren zurück, wie ein tückisches Pferd tut, und machte ein spitzbübisches Gesicht. »Der dicke Hamia soll – oder er wird mit dem Kiboko eingerieben – mir eine Beglaubigung mitgeben, als wenn ich sein Geheimbote sei... verstehst du? Und du, Herr, schenkst mir das stärkste Gift, das euer Dauamann besitzt, das werde ich Fatima zustecken, damit sie es den Räubern in das Essen oder die Pombe schüttet. Haha! Sehr gut, nicht wahr?«

»Nein, ein sehr schlechtes und völlig verwerfliches Mittel! Mit der feigen Giftwaffe kämpfen wir Deutschen nicht und nie.«

Der Neger konnte absolut nicht begreifen, warum sein Herr den schönen Gift- und Meuchelmord entrüstet ablehnte. Weinerlich schluckte er. »Dann darf ich den Waha auch nicht vorlügen, daß ich von Hamia geschickt bin?«

»Na, die Kriegslist und -lüge könnten wir vielleicht erlauben,« sagte der Herr und summte.

Jobst hatte das letzte gehört und mischte sich ins Gespräch. »Nur nicht den Gentleman herausbeißen den schwarzen Banditen gegenüber, nur kein allzu zart besaitetes Gewissen im Kampf mit Wilden, die jedes Mittel, auch das hinterlistigste und grausamste, uns gegenüber anwenden! Simba mag zu Wahadamib gehen!«

»Um die Räuber hinterrücks zu vergiften? Nein, das macht Erb von Erbenheim nicht mit.«

»Ich auch nicht!« lachte der Alte. »Was ich meine ... unser Doktor hat in seinem Giftkasten nette, kleine Pulver, die durchaus nicht töten, sondern nur einen angenehmen Schlaf erzeugen. Herr von Erbenheim soll gar nichts dabei tun, als nur seine kleine Dame mit offnen Armen in Empfang nehmen.«

Der Boy schoß einen scheuen, schreckhaften Blick und senkte den Kopf, während sein Herr polterte: »Sie ist nur meine Dienerin und wird auch nie mehr sein.«

Man kannte genau die Zahl der Wahadamibleute. Der Sanitätsunteroffizier öffnete seinen Kasten, zeigte seine pharmazeutischen Kenntnisse, berechnete genau die Dosis eines Negermagens und wog die Opiate gewissenhaft ab. Mit der Ermahnung, nicht zu naschen, überreichte er Simba das Glas, das nur mehrere Gramm eines weißen, unschuldigen Pulvers enthielt.

Der Bursche wollte durchaus nicht an die Wirksamkeit einer so winzigen Quantität glauben und lachte beleidigt: »Du hältst mich wohl für einen dummen Wilden ... dein bißchen Mehl will ich auf einmal schlucken, ohne zu niesen. Gib mir fünf Pfund von dem Zeug!« Man konnte ihm sein Mißtrauen nicht ausreden, er glaubte erst an die Kraft der kleinen Giftmenge – dann aber ganz verdutzt und gründlich –, als der Sanitätsrat einem Stachelschwein, das ein Askari gefangen hatte, ein paar Körnchen in einem Brotbissen zu fressen gab. Das Tier fiel nach fünfzehn Minuten um.

Simba küßte jetzt andächtig das Giftglas, als wenn's ein Fetisch wäre, und rief: »Ich gehe! Allah il Allah! Wer kann wie eine Eule schreien?«

Von den Askaris meldete Kitumbua sich und ahmte den Schrei des Nachtvogels sehr täuschend nach.

»Morgen abend, wenn es dunkel wird, muß Kitumbua in einen Baum klettern und viermal kurz hintereinander uhuen.«

Es galt jetzt, dem Hamia eine Beglaubigung zu entlocken. Jobst versuchte es in Güte und gab ihm ein paar Schluck Whisky. Der Häuptling schmatzte und schielte und war nun erst recht auf der Hut. »Willst du mich betrunken machen und meinen Verstand binden?«

»Du sagst, daß du Sultan seiest, aber du lügst, denn du hast keinen Fetisch, kein Zeichen deiner königlichen Würde.«

»Ja, ich lüge, ich habe keins,« grinste der Listige.

Aber Hamias Leute verrieten ihren fetten Fürsten um eine Pfeife Tabak und plapperten: »Die sechs Löwenzähne, die er am Halse trägt, sind sein königlicher Fetisch.«

»Leihe mir ihn für einen Tag!« sagte Jobst.

Hamia weigerte sich energisch. »Mein Fetisch, meine Kraft darf nicht von meinem Körper kommen... ich habe selbst den Löwen erstochen und ihm die Zähne ausgebrochen.« Seine Leute kicherten, es sei ein vor Altersschwäche krepierter Leu gewesen, den die Schakale schon angefressen hätten. Die schwarze Majestät hatte in ihrer unwürdigen Lage alle Autorität verloren. So sehr der Neger sich treten und tyrannisieren läßt von seinem Despoten, so rasch ist der Respekt verschwunden, sobald sein Gebieter einen Stärkeren gefunden hat und machtlos ist.

Jobst machte eine Gewaltanleihe und riß die Löwenzähne vom Halse herunter.

Der Versteck der Räuber war auszukundschaften. Die beiden Pfadfinder pirschten acht Stunden lang hin und her. Jobst hatte eine Nase, um die ihn mancher Gordonsetter beneiden konnte. »Riecht es nicht nach dem ranzigen Rizinusöl, womit die schwarzen Schweine sich einreiben?«

Erb witterte nichts. Der andre lief hin und her und winkte plötzlich. »Was ist das?« – »Ein Läppchen!« – »Sehr richtig! Wie kommt es in diese Wildnis? Kennst du vielleicht den Stoff?«

»O, es ist vom rotgeblümten Kattun Fatimas und von den Dornen abgerissen...«

»Nein, abgetrennt und mit Absicht an den Busch gehängt worden. Die kluge Dirne! Das ist ein Wegweiser, der uns die Richtung zeigt.«

Noch zweimal, wo die Waha einen Haken geschlagen, hing ein solcher Wegweiser im Ginsterbusch.

»Pstt! War das nicht eine Stimme?« Jobst riß seinen Neffen zur Erde und raunte: »Platt nieder! Den Atem anhalten!«

Karibi und noch ein Mha kamen schwatzend heran, blieben auf vier Schritt stehen, schlugen mit den Speeren auf den Fels und gingen lachend fürbaß. Sie hatten eine Schlange erschlagen, die sie sich zum Abendbrot braten wollten. Der alte Pfadfinder kroch den Negern nach, befriedigte seine Neugier und kehrte bald zurück. Unter einem Felsenvorsprung lagerte die Bande, ganz laut und lustig, ohne irgendwelche Verfolgung zu befürchten.

Man brachte Simba auf den rechten Weg. Jobst, der sonst keinen Schwarzen anfaßte, klopfte ihm auf die Schulter: »Wenn du deine Sache gut machst, kriegst du zehn Rupien von mir... und wenn sie dich totschlagen, will ich zehn Koransuren für deine Seele lesen lassen.«

»Inschallah! Sterbe ich, so sterbe ich für Fatima.« Der schwarze Jüngling wischte sich die Kartoffelnase, und der, welcher nichts von Gott und Bibel und blitzwenig von Allah und Koran wußte, handelte wie ein Christ, der sein Leben wagt für seine Brüder.

Mit einem grünen Zweig ging er kühn ins Lager der Räuber.

Der Gorilla fletschte die Zähne. »Du Suahelihund bist ein Späher, wir werden dich schlachten.«

Simba sah Fatima am Felsen kauern, und aller Atem ging ihm aus bei dem heißersehnten Anblick, doch er blickte düster über sie hinweg, so daß die Schlaue sofort die Situation verstand und fremd-verächtlich ihn anstarrte. Obgleich das Messer vor seinen Augen fuchtelte, antwortete er höflich: »Ich bin den weißen Hunden – Allah fresse sie! – entlaufen und im Auftrag deines Vaters zu dir gekommen.«

»Du lügst, du Saubraten! Wir werfen dich ins Feuer.«

Ohne die schreckliche Drohung zu beachten, sprang Simba plötzlich mit geballter Faust ein paar Schritte vor, als wenn er sich auf Fatima werfen wolle, und schrie: »Das ist die Dirne, die mir ein seidenes, schönes Halstuch gestohlen, ich hasse das Weib und muß ihr schnell zwei Maulschellen geben. Du Diebin, wo hast du mein Tuch?«

»Du scheußlicher Pavian, ich kratze dir die Augen aus, du Lump und Lügner!« Das Mädchen war eine ebenso meisterhafte Schauspielerin, wie der Negerjüngling.

Der mißtrauische Wahadamib grinste befriedigt und bedrohte grob, aber schon etwas gutmütiger den Burschen. »Rühre sie nicht an, sonst zerdrücke ich dich zwischen meinen Nägeln, du Suahelifloh. Die Suaheli haben ja die zollangen Läufe mit den roten Augen und den spitzen Zähnen. Ist mein Vater noch nicht gestorben?«

»Nein, er ist gesund und fett.«

Das schien dem liebevollen Sohne keine Freudenbotschaft zu sein, denn er brummte: »Wollen die Weißgesichter ihn nicht bald aufknüpfen? Was läßt der alte Wanst mir sagen?«

»Kennst du diese Löwenzähne?«

Der Gorilla sah die Kette, riß sie ihm aus der Hand, hängte sie um seinen Hals und spreizte sich: »Ich habe den Fetisch meines Vaters, das Königszeichen, jetzt bin ich der Sultan und Herr von Uha... kniet alle vor mir und küßt meine Füße!«

Simba beugte behende die Knie. »Hamia hat die meisten Träger der Weißen beschwatzt, auch viele Askaris und hofft sie alle für seinen Plan zu gewinnen. Du sollst in einer der nächsten Nächte das Lager angreifen, dann will er mit den Verschworenen den Weißen in den Rücken fallen... die Beute, Gewehre und Pulver, wird zwischen dir und ihm geteilt.«

Wahadamib horchte voll Gier. Fatima aber schrie, wie in sinnloser Wut: »Du Verräter, du Scheusal, du Stinkschakal, ich kratze dir die Augen aus.« Sie ergriff einen Feuerbrand und schleuderte ihn so, daß er an Simbas Schädel vorbeiflog.

Der Gorilla hielt sich den Bauch vor Lachen, amüsierte sich über die süße Furie und fragte argwöhnisch: »Will mein Vater, daß ich das Lager angreife, damit Bana Bunduki mich wie eine Nilgans wegknallt?«

»O nein, du sollst hinter den Bäumen stehen und nur nach dem Lagerfeuer schießen, die Weißgesichter werden aufspringen, und dann wird Hamia mit den Askaris von hinten alles, was nicht schwarz ist, niederschießen... er wird alles erledigen und die Beute ehrlich mit dir teilen.«

»Du Schurke, ich werde dich in Stücke schneiden,« drohte Fatima mit ihrem Messer, »du räudige Hyäne, du Speischlange!«

Simba spielte seine Rolle ebenso vortrefflich, machte giftige Augen und eine Faust. »Du Diebin! O, ich habe eine Wut auf die Meerkatze und würde sie fressen, wenn sie nicht dein Weib wäre, Herr König.«

»Sie wird es werden.« Wahadamib schnitt eine verliebte Grimasse und langte mit den Affenarmen nach dem Mädchen, das ihm ihr blitzendes Messer zeigte und ihr rotes Zünglein sehr unehrerbietig nach dem bösen Gorilla und dem braven Simba ausstreckte.

Wahadamib inquirierte vorsichtig.

Simba sagte sehr sicher: »Sende morgen zwei Schleicher in die Nähe des Lagers ... wenn dein Vater die Mehrzahl der Askaris überredet hat, wird eine Eule viermal krächzen, sobald die Abendsterne aufgehen. Das ist das eine Zeichen, und das andre: Noch einmal beim Abendstern wird die Eule schreien, und in derselben Mitternacht sollst du große Beute machen.«

Der Häuptling kniff jovial die Backe des Boten. Fatima aber redete mit rollenden Augen, als wenn sie rase. »Ich laufe zu Bana Bunduki und Bana Simba und warne sie vor den Mördern.«

»Laufe, laufe!« höhnten die Waha, die das Mädchen mit sechs Speerspitzen umringten.

Alle schmausten und schwatzten. Simba wurde gut bewirtet und erhielt ein langes Stück Schlangenbraten, das ihm, der schon zu viel Kultur genossen hatte, übel mundete. Große Kalebassen voll von gegornem Honigbier – das Land ist reich an wilden Bienen – wurden herbeigeholt, und die Waha fingen weidlich und wie die alten Deutschen, die auch den Honigstoff, den Met, aus Kübeln tranken, an zu zechen.

In einem unbewachten Augenblick strich Simba an der Dirne vorbei und wischte ihr eins aus, versetzte ihr eine Scheinohrfeige mit der Rechten und einen Puff mit der Linken. In der Sekunde hatte er ihr das Gläschen in die Hand gedrückt, das sie verständnisvoll im Kleide verschwinden ließ. Mitten im zornigen Geschimpfe »Du Hexe, du Höllenbruten« flüsterte er ihr zu: »Gieße es ins Honigbier!«

Die Neger wurden immer trunkener und unachtsamer. Ihre Augen sahen nicht mehr wie die Geier, sondern glotzten blöde, wie die Käuzchen am Tage. Fatimas Hände waren blitzflink, gleich den Fingern einer Zigeunerin. Sie füllte und kredenzte die Kürbisschale mit Bier. Wahadamib verschlang ihre Gestalt mit seinen Faunaugen, spitzte das große Gorillamaul und umschlang ihre Hüfte. Sie stach nicht mit dem Messer nach ihm, wie sonst, sondern lag einen Augenblick an seiner Schulter, denn sie hielt in der Rechten das geöffnete Glas, das sie flugs in die Kalebasse goß, die neben ihm stand.

Eilig schöpfte die Mundschenkin, die dem Gorilla zulächelte.

Der Kürbiskrug war noch halbvoll, als sechs robuste Kerle hinsanken und schnarchten.

»Komm, mein Liebchen,« lallte Wahadamib und spitzte die Lippen. Sie gab ihm einen Nasenstüber, daß er hintenüber fiel, wo er mit offnem Munde zu sägen anhub.

Rings am Feuer erscholl ein gräßliches Geschnarche – und dann ein hohes, helles, koboldhaftes Gekicher. Die befreite Fatima lachte und lachte, trällerte und tanzte zwischen den Bierleichen herum und lief von dannen.

Simba wollte ihre Hand haschen. Erst schlug sie ihm über die Finger; als er aber ein trauriges Gesicht machte und sagte, ob das sein Lohn sei, ließ sie ihm vier Finger. Das war seine reiche Belohnung. –

Erb schulterte die Büchse in dieser Nacht und schlug eine bestimmte Richtung ein. Er betrachtete das Gewimmel der Sterne, und das Heimweh, das den Deutschen durch alle Breitengrade begleitet, wehte von weit, weither durch seine Seele.

Mit einem Male vernahm er ein Lachen. So hell und heiter und drollig lachte nur die Araberin. Das leidenschaftliche Mädchen küßte seinen Rock und Ärmel. »Du hoher, lieber Herr, du hast mich befreit aus der Gewalt des Gorilla, du hast deine Magd vor dem Tode bewahrt, denn ich hätte mich getötet, wenn... wenn das Scheusal... mein hoher Herr!«

»Du hast nicht mir, sondern diesem braven Burschen zu danken.«

»Simba ist nur dein Knecht, das Werkzeug, das deinen Befehl ausführt... du hast mit deiner Safari meine Spur verfolgt, du hast mich gerettet... du bist mein Herr und mein Höchstes.«

»Du mußt Simba danken,« sagte Erb eindringlich.

»Der hat ja meine Hand gehalten und seinen Lohn schon bekommen.«

Der Bursche wurde nicht mehr beachtet und machte eine verdrossene Miene.

Das ganze Lager begrüßte Fatima mit freudigem Hallo. Sie, das einzige, nicht schwarze Weib der Safari, hatte viele stille Verehrer. Sogar der Leutnant nickte ihr zu und beschenkte sie, da ihr Gewand zerrissen war, mit vier Ellen Stoff, den sie sofort mit viel Geschmack um ihren schlanken Körper drapierte.

»Ich danke Ihnen, Herr Oberleutnant, für die Befreiung meiner Dienerin, für die beschwerliche Expedition,« sagte Erbenheim höflich.

»Schon gut,« erwiderte der Chef, »wer muß jetzt die Verantwortung für diese Extratour und die Folgen tragen? Ich muß berichten, wie ich jeden Tag im Dienste des Reichs nützlich angewandt habe, und ich wette: Meine vorgesetzte Behörde in Daressalam wird mir deutlich erklären... daß eine zwingende Notwendigkeit vorlag, einem uns nachgelaufenen Frauenzimmer wochenlang nachzulaufen, kann diesseitig absolut nicht anerkannt werden, und derhalben wird dem Oberleutnant F. ein Verweis erteilt und in seine Konduitenliste eingetragen.«

»Das tut mir wahrhaft leid.«

»Mir um so weniger, ich bin lange in den Tropen gewesen und zum Abschied reif. Wer in Afrika verbraucht ist, erhält die ihm zuständige Pension und – wenn Gott und seine Vorgesetzten ihm gnädig sind – den zuständigen Orden.«

»Das Vaterland ist nicht sehr dankbar gegen seine afrikanischen Helden, die dieses Neudeutschland für unsre Heimat und unsre Enkel erobern. Unsre denkmalssüchtige Zeit setzte diesen Pionieren weder Stein noch Mal.« – –

Um den furchtbaren Engpaß unter dem Wasserfall, den die Askaris nicht für alles Geld des Gouverneurs passieren wollten, zu vermeiden und die Esel zu finden, wurde ein großer Umweg gemacht. Nur dadurch gelang es den Verfolgern, die Truppe einzuholen.

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