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Ein alter Afrikaner

Johannes Dose: Ein alter Afrikaner - Kapitel 2
Quellenangabe
typenarrative
authorJohannes Dose
titleEin alter Afrikaner
publisherHinstorffsche Verlagsbuchhandlung
addressWismar
year1913
correctorhille@abc.de
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Zweiter Abschnitt

Der Grübler, der angesichts des Elternhauses Stunde um Stunde saß und sein Leben vorüberziehen ließ, erhob sich mit einem Ruck, ging mit müden, schweren Schritten über die Straße und drückte die Klingel der Etage.

Das Dienstmädchen prallte wie vor einem Gespenst zurück. »Der ... der junge Herr.«

Er lachte schrill und bitter. »Haha, Sie haben einen Schreck gekriegt ... ich tue Ihnen nichts ... ich bin ja kein berühmter Mörder, sondern nur ein armselig mausender Dieb. Sind meine Eltern im Wohnzimmer? Gut! Bleiben Sie hier!«

Der Landgerichtsrat, ein alter, vornehmer Herr, stolz auf seinen Adel, noch stolzer auf seinen Richterstand, hatte kalte, graue, inquisitorische Augen, weiße und wenig Haare, einen schneeweißen, kräftigen Schnurrbart, den er beim jähen Eintritt seines Sohnes mit der Lippe faßte und mit den Zähnen biß. Seine Augenbrauen zog er in die Höhe, und die hochgezogenen blieben lange auf den Eingetretenen gerichtet, was seinem scharfen Gesicht einen strengen, ja steinernen Ausdruck verlieh.

»Erb, mein armer ...« Der Rat blieb stumm, aber seine Gattin hob unwillkürlich die Arme und machte zwei Schritte, um dem Instinkt des Mutterherzens zu gehorchen und den Heimgekehrten zu umarmen, jedoch ein eisiger Blick ihres Mannes bannte und lähmte die Arme und Füße, die mitten in der hastigen Bewegung stockten.

Herr von Erbenheim senior räusperte sich und redete geschäftsmäßig, kurz und bestimmt: »Du hast dir jedenfalls selbst schon gesagt, daß deines Bleibens hier im Lande nicht ist, daß du, in Deutschland unmöglich geworden, über See gehen mußt, um in Afrika oder Amerika unterzutauchen und hoffentlich ein neues Leben anzufangen. Die Fahrkarte für die zweite Kajüte und 500 Mark in bar werde ich dir für die Überfahrt und den Anfang in der Fremde geben. Aber irgendwelche weitere Unterstützung – das ist unwiderruflich – hast du nicht zu erwarten ... du weißt, ich ... ich halte Wort. Wann und wohin willst du fahren? Antworte mir!«

Erb riß sich aus der Erstarrung, streckte erschüttert die Hände aus und schrie: »Vater, ich bin unschuldig verurteilt, ich schwöre es bei meiner Ehre ...«

»Hast du eine Ehre? Genug!«

»Ich schwöre mit heiligen Eiden, daß ich unschuldig und ein Opfer der irrenden Justiz bin.«

Der weiße Schnurrbart zuckte spöttisch in dem unbewegten, alten Gesicht. »Du sagst es ... von hundert Verurteilten singen fünfzig oder sechzig dasselbe Lied ... in meiner langen Richterpraxis habe ich nicht einen einzigen Justizmord erlebt. Du vergißt, daß du durch Zeugeneide und klare Beweise überführt bist. Wenn ich dein Richter gewesen wäre, ich hätte genau so wie meine Kollegen urteilen müssen ... so fest bin ich von deiner Schuld überzeugt, nachdem ich die Akten Buchstabe für Buchstabe geprüft. Es ist lächerlich zu leugnen, Erb Erbenheim. Von unsrem Adel wirst du in Amerika nicht Gebrauch machen.«

»Vater!« Es war ein Aufschrei, eine letzte Frage der Verzweiflung. »Vater, du glaubst an meine Schuld, daß ich ein Dieb ...?«

»Lassen wir das!« Ein abweisendes Achselzucken. »Du wirst einsehen, daß du nicht bei uns wohnen kannst ... mein Ansehen ist schwer geschädigt, meine Stellung als Richter sogar schwer erschüttert worden durch diese Schmach unsres Hauses. Darum habe ich in Liesemanns Hotel ein Zimmer für dich bestellt ... entschließe dich bald, wohin die Fahrt gehen soll!«

Der Landgerichtsrat nahm ein Aktenstück, das auf dem Tische lag, blätterte darin und biß sich auf den weißen Schnurrbart.

Der Sohn rang qualvoll die Hände und rief: »Ich kann von dir kein Geld annehmen, denn ich bin nicht mehr dein Sohn, du hast die Bande des Bluts zerrissen.«

»Phrasen!« Über die Akten hinweg kam ein harter Blick und das böse Wort.

Erbs bleiche Züge verzerrten sich, aber er warf trotzig den Kopf zurück und trat dicht an die Tür. Dort starrte er mit weit aufgerissenen Augen der leise weinenden Frau Rat ins Antlitz. »Mutter! Und du? Mutter, Mutter, glaubst du, daß ich ein Dieb bin?«

Die verhärmte Frau schnellte empor, als wenn sie ihr armes Kind von der Tür holen und halten wolle. Das Mutterherz antwortete hastig, hell und klar: »Ich ... ich glaube an dich und deine Unschuld.«

Da stürmte der Sohn drei Schritte vorwärts, umschlang ihr Haupt, küßte ihre Stirn unter plötzlich hervorströmenden Tränen, aber im nächsten Augenblick stürzte er mit langen Schritten aus dem Zimmer, aus dem Hause, das nicht mehr sein Vaterhaus war.

Der Herr Rat hatte sich geräuspert und mit dem Stuhle gerückt. Sobald Erb fort war, warf er die Akten heftig hin, und sein Auge ruhte unwillig auf der schluchzenden Gattin. »Was soll die unsinnige Szene und Sentimentalität, die ihn in seinem hartnäckigen Leugnen bestärkt! Beweine nicht seine Unschuld, sondern die ungeheure Schande seines Hauses und den bürgerlichen Tod unseres Kindes! Du bestärkst ihn in seinem verstockten Leugnen und emphatischen Abschwören, wodurch er seine Richter, die dem völlig Unbußfertigen, der sich noch auf den Offizier und Ehrenmann herausspielen wollte, alle Milderungsgründe versagten, wahrlich nicht für sich eingenommen hat.«

Heftig erwiderte die Frau: »Erb hat nie lügen können ... wenn er als kleiner Junge eine kleine Flunkerei versuchte, verriet er sich sofort durch seinen gesenkten Blick. Ich, ich kenne mein Kind. Sein Auge sieht offen, frei und flehend mich an ... er kann kein Dieb, er muß unschuldig sein, wenn ich auch keine ...«

Der Gatte schnitt, ja biß ihr die Rede ab. »Nein, nein, sogar die blasse Möglichkeit muß ich bestreiten. Ich, der alte, gewiegte Jurist, der dreißig Jahre lang Recht sprach, habe Nächte lang die Akten studiert, um einen Anfechtungsgrund, einen Formfehler, einen Strohhalm der Rettung zu entdecken, aber ich fand nichts, nichts, das für seine Unschuld sprach, obgleich ich mein Gehirn zermarterte. Eine so strenglogische, festgeschlossene, unwiderlegbare Indizienbeweisführung habe ich in meiner Praxis selten gesehen. Bedenke doch den Hergang! Herr Engel, der an einer starken Erkältung leidet und das Haus hütet, läßt den unglücklichen Menschen, damit ein wichtiger, sekreter Brief erledigt werde, in sein Privatzimmer rufen, hat den kostbaren Brillantring seiner Frau, der ihr zu eng geworden ist und zum Juwelier gebracht werden soll, auf dem Tische liegen lassen, während er ins Schlafzimmer für zwei Minuten geht, um gegen den lästigen Husten ein paar Emser Pastillen einzunehmen. Erb hat geschrieben und weilt während der Abwesenheit allein in dem ominösen Herrenzimmer. Er will mit dem zahmen Affen des Herrn Engel, der im Zimmer tollte, gespielt und von dem Ringe, der doch groß und glänzend auf dem Luthertische lag, gar nichts gesehen haben. Der Chef kehrt zurück, der Brief wird konzipiert, unser Sohn entfernt sich ... Herr Engel sieht mit Entsetzen, daß der Ring, der seine 10 000 Mark gekostet hat, verschwunden ist ... es steht fest und ist vom Gericht als erwiesen konstatiert worden, daß keine Menschenseele, außer dem Korrespondenten, in dem Raume gewesen ist. Der Verdacht muß auf den jungen Erbenheim fallen, aber Herr Engel will es nicht glauben, daß mein Sohn ein Dieb. Seine Frau jedoch, über den Verlust empört, verständigt die Polizei, die sehr diskret vorgeht und insgeheim nachforscht, weil es sich um die Familie des Landgerichtsrats handelt. Die Polizei findet aber mühelos den Missetäter, der unglaublich plump oder frech verfährt und ein grüner Neuling im kriminellen Fach sein muß; denn schon hatte ein alter, bisher unbescholtener Dienstmann, der Dienstmann Nr. 21, in einer Pfandleihe den Brillantring des Herrn Engel für 2000 Mark versetzt, im Auftrag eines feinen Herrn, wie er sofort nach seiner Arrestation ohne jede Unsicherheit aussagt. Der Mann, der unbestraft ist und des besten Leumundes sich erfreut, verwickelt sich in keine Widersprüche, sondern legt eine offene Beichte ab. Ein sehr vornehm aussehender Herr, der ...«

»Dessen Haar und Augen er gar nicht beschreiben kann,« unterbrach ihn die Gattin, die scharf wie ein Staatsanwalt aufpaßte.

»Das ist bei einem ungebildeten Menschen begreiflich! Ein Herr, der ganz wie ein schlanker, schneidiger Offizier in Zivil ausgesehen habe, sei an der Rathausecke an ihn herangetreten und habe ihn beauftragt, den Ring zu versetzen. Solche Kommissionen von Leuten, die eine Pfandleihe nicht betreten wollen, seien nicht selten. Er habe den Ring versetzt und 20 Mark erhalten für seinen Gang. Die Polizei mußte schweren Herzens dazu schreiten, unsren Sohn aus unsrem Hause weg zu verhaften ... aus unsrem Hause! Ein von Erbenheim! O, Martha, das wird mein Tod. O, könntest du das Urteil widerlegen, seine Unschuld beweisen, ich würde dafür gern von meinen paar Lebensjahren die Hälfte hingeben. Aber es war nicht anzuzweifeln, der eherne Ring der Beweisführung wurde zur Eisenkette, die mein Kind verstrickte und wie ein wildes Tier hinter Eisenstäben fesselte. Eine Konfrontation fand statt, Erb saß dem Untersuchungsrichter gegenüber, als der Dienstmann eintrat. Und sobald der den Angeklagten erblickt, streckt der alte Mann die Hände aus und ruft: ›Das ist er, der ist's!‹ – Das war vernichtend ... Martha, kannst du das widerlegen?«

Die Mutter wischte ihre Tränen weg und rief durchdringend: »Erb sprang wild und wütend auf und schrie: ›Du Lügner, du dreimal verlogener Hund, ich habe dich nie gekannt und nie gesehen!‹ und wollte dem Dienstmann an den Hals springen, so daß der Schutzmann ihn zurückreißen mußte. Dieser unmittelbare Wutausbruch spricht für unseren Sohn ... das haben die elenden Akten und die elenden Richter gar nicht beachtet.«

»Ach,« seufzte der Rat, »er hatte ja die Gegenüberstellung erwartet und sich darauf vorbereitet, die Rolle des Entrüsteten zu spielen.«

»Auch der Dienstmann konnte sich mit wenig Nachdenken sagen, daß man ihn einem Verdächtigen gegenüberstellen werde, konnte selbst der Dieb oder Hehler sein,« schrie die Mutter mit gellender Stimme.

Der alte Herr wedelte mit den Händen und wurde unwirsch. »Unsinn, Unsinn! Es war eine erwiesene Tatsache, daß der Dienstmann nicht im Zimmer, nie im Engelschen Hause, daß kein andrer Mensch als Erb zur fraglichen Zeit in dem fraglichen Raume gewesen. Das war schwer gravierend, aber die Feststellungen ergaben vernichtende Schuldbeweise. Der Unselige war wieder ein Opfer seiner scheußlichen Leidenschaft, die ihm den Offiziersrock vom Leibe riß, geworden, hatte gespielt und 1400 Mark verloren. Ausgerechnet an dem Tage, wo der Brillantring versetzt wurde, hat der wahnsinnige Mensch seine Schulden – Gott weiß wie viel, wohl 2000 Mark oder mehr – bar, ja bar bezahlt. Auf des Untersuchungsrichters Frage, wie er in den Besitz so großer Summen gekommen, wurde er totenblaß, tödlich verlegen, verweigerte er die Aussage. Das brach ihm den Hals! Und du sprichst von Unschuld, von elenden Richtern!«

Die Mutter schwieg eine Weile wie geschlagen, um laut aufzuschreien: »Mein Erb kann kein Dieb, kann nicht schuldig sein.«

Der Rat steckte die Nase in die Akten hinein und murmelte: » Cum muliere non est disputandum.«

Frau Martha verließ das Zimmer und suchte das stille Schlafgemach, die Stätte ihrer Kämpfe, Tränen und Gebete, auf; die Hartgeprüfte war eine Beterin geworden, obgleich ihr Gatte die Nase rümpfte und über ihre Bigotterie sarkastische Bemerkungen machte.

Als sie zurückkehrte, stellte er die spöttische Frage: »Meinst du, daß dein Gott Geschehenes ungeschehen machen kann? Das kann kein Gott.«

»Er kann alles, sogar ein Wunder tun,« antwortete sie beharrlich und unbelehrsam.

Und ein sonderbares Ereignis schien ihr Recht zu geben. In diesen Tagen geschah etwas, das ans Seltsame und Wunderbare streifte. Heiß, hochrot im Gesicht, in der zitternden Hand einen Brief hochhaltend, stürzte sie ins Zimmer des Gatten mit dem Freudenschrei: »Denke dir! Ich habe plötzlich von meinem Bruder, der seit 30 Jahren verschollen und totgesagt ist, einen Brief bekommen. Jobst lebt, lebt in Ostafrika.«

Dieser Jobst Renner hatte als junger Mann nach einer sehr sensationellen Geschichte und einem sehr häßlichen Gerede sein Vaterland verlassen und nichts mehr von sich hören lassen.

Der Herr Rat verlor das künstliche, kühle Gleichgewicht des Juristen, und das würdevolle Gesicht mit dem gaffenden Munde war fast lächerlich geworden. Der Mann, der jede unnütze Wiederholung und Tautologie wie eine Todsünde tadelte, sagte und fragte zehnmal dasselbe: »Das ist merkwürdig, sehr merkwürdig, außerordentlich eigentümlich, auffallend im höchsten Maße ... natürlich ein Zufallsspiel, aber ein sehr seltsames Zusammentreffen! Wo ist mein mir unbekannter Herr Schwager aus der Verschollenheit aufgetaucht? In Ostafrika? Er will am Ende Geld und Unterstützung von uns haben, da er sich seiner lieben Schwester erinnert?«

»Nein, nein, im Gegenteil!«

Die leise Furcht des Herrn von Erbenheim wurde zur lauten Aufregung. »Es geht ihm also gut in Afrika? Gott sei Dank! Er ist ein gemachter Mann ... mein lieber Schwager Jobst hat über See Reichtümer sich erworben?«

»Das wohl nicht, nach seinem Briefe hat er zweimal ein Vermögen erworben und wieder eingebüßt.«

»Hm, der Monsieur Renner ist ein Windhund und Taugenichts geblieben ... sag' rasch, was will er denn von uns?«

»Mein Bruder ist nie ein Taugenichts gewesen, auch nicht geworden, nein! Höre selbst, was er schreibt! Um ihn gerecht zu beurteilen, mußt du aber nicht vergessen, daß Jobst immer ganz anders als die meisten, ein Mensch von eigner Art und origineller Ausdrucksweise, zuweilen sogar ein Kauz, aber immer ein guter, braver Kerl, gewesen ist. Er schreibt: ›Ich bin durch viel Schaden und viel Schlechtigkeit der zweibeinigen Ebenbilder Gottes zwar nicht reicher, wohl aber bedeutend klüger, egoistischer und zugeknöpfter geworden. Einen Blaugrund mit Brillanten oder einen Goldklumpen fand ich nicht, aber auf meinen letzten Fahrten und Fährlichkeiten habe ich mir durch Geduld und Geiz einige tausend Rupien erobert, wie man hierzulande sagt, und an meinem Leibe wohl verwahrt, so daß kein weißer oder schwarzer Spitzbube meinen Geldschrank erbrechen wird. Wie ist es dir ergangen, meine liebste Schwester? Und was macht meine sonstige Sippschaft? Ich bin jetzt seit 29 bis 30 Jahren verschwunden, und keiner hat von meiner afrikanischen Odyssee, meinen Irrfahrten, Abenteuern, von meinen Witzen und Dummheiten irgend etwas vernommen; ich dagegen hörte durch frisch angekommene Offiziere und Kaufleute einiges, was die Meinen betraf. So erfuhr ich den Tod der teuren Mutter – Gott hab' sie selig! – das Ableben der guten Tanten. In Uganda, als wir just dinierten und eine Hippopotamusleber verspeisten, erzählte mir ein Hanseatenkrämerküken mit der inneren Ergriffenheit des echten Republikaners, daß du geadelt worden und eine Frau Amtsrichter von Erbenheim geworden seiest. Ich ziehe den Hut ab und gratuliere etwas verspätet nach 26 oder 27 Jahren. Ach, juvenes fuimus, wir sind jung gewesen, und nun sind wir alt, grau und grämlich geworden, und ein neues Geschlecht der Renner und derer von Erbenheim rennt mit der Zunge aus dem Halse dem Glücke nach. Hoffentlich sind alle Mitglieder unserer Sippe sehr nützliche Mitglieder der menschlichen, Gesellschaft, sehr ehrbare, wohlsituierte Menschen geworden. Sollte aber wider Erwarten irgendein Unband und Ausbund, wie ich es war, in der hochehrenwerten Familie, ein Entgleister oder Gescheiterter in der Verwandtschaft zu finden sein, so bitte ich, mir dieses enfant terrible mit wendender Post zu senden, damit ich ihn nach meiner Pädagogik erziehen und zu einem tüchtigen Afrikaner machen kann. Die Sorte nämlich, die zu Hause über die Stränge schlägt, ist kurioserweise hier meistens am besten zu gebrauchen. Es sind die Heißblütigen, die das Zeug und Blut zum Vollblutsmenschen haben. Solltet ihr ein enfant terrible mir senden, so werde ich selbiges, sofern es meinem Gustus entspricht, geziemend empfangen und mit den unerläßlichen, afrikanischen Utensilien und guten Ratschlägen ausrüsten. Der junge Mitteleuropäer soll keine unsinnigen Ideen, Meinungen von sich und Utopien, sondern nur eine kräftige Gesundheit, einen Sack voll Geduld und einige Pfund Chinin für den Anfang mitbringen. Für alles andere wird der alte Jobst Renner und der gute Herrgott Sorge tragen. Meine liebe Martha, du bist von jeher meine beste Schwester gewesen, darum schreibe ich dir zuerst, indem ich mein Inkognito zu lüften und mein Schweigen zu brechen beschlossen habe. Ich habe nämlich ausgerechnet, daß die scheußliche Geschichte von damals verjährt ist und ich meine Auferstehung von den Toten vollziehen kann, ohne Gefahr zu laufen, unter Polizeieskorte von Daressalam nach Deutschland gebracht zu werden ...‹«

Frau von Erbenheim hatte den Brief, auch die lustigen, drolligen Stellen, mit feierlicher Summe verlesen. Ihr Mann hatte mit großer Befriedigung zugehört, nickte heftig und fuhr ihr in die Vorlesung hinein. »Donnerwetter! Das kommt ja wie gerufen. Wir senden ihm unsren entehrten Sohn, der hier unmöglich und für uns verloren ist ... ein merkwürdiges Zusammentreffen, ein netter Witz des Zufalls ist dieser Brief.«

Die Frau richtete die großen, ernsten Augen auf ihren Gatten. »Ein Zufall? Nein, ein Wink des Himmels, ein Weg der Vorsehung, ein Werk Gottes. Es ist wunderbar ...«

Der Landgerichtsrat überlegte, während sie ergriffen die Hände faltete, und seine Lippen zuckten ironisch. »Dein Wunder läßt sich natürlich erklären, dein Bruder sagt ja, daß er über uns ziemlich orientiert gewesen sei, wird in Ostafrika von dem Brillantdiebstahl eines Herrn von Erbenheim – entsetzlich! – gehört haben, hat unsre Absicht, die Notwendigkeit, das enfant terrible zu deportieren, geahnt und seinen Wunsch, uns zu helfen, in eine sehr taktvolle Form gekleidet. Dieses Mirakel ist auch nichts weiter als eine ungewöhnliche Verkettung von Ursache und Wirkung. Ich bin meinem Schwager sehr dankbar.«

Vorwurfsvoll blickte die Mutter. »Deportieren? Deportieren willst du dein Kind?«

Der Herr Rat zuckte die Achseln. »Deportieren heißt verschicken. Willst du etwa deinen Erb hier behalten, oder willst du ihn nach Afrika zu deinem Bruder schicken? Gut, so mache deinem Sohn begreiflich, was er zu tun hat!«

»Meinem?«

Er guckte in die Akten und gab keine Antwort. – – –

Erb wohnte in dem kleinen, abgelegenen Hotel Liesemann, das er nur nach Eintritt der Dunkelheit verließ, um Luft zu schöpfen in den nach sieben Uhr leeren Hafen- und Kaistraßen. Eine Scheu vor Menschen, eine Furcht, einem Bekannten zu begegnen, saß jederzeit in ihm, wie auf der Lauer. Mehr als einmal näherte er sich der feinen Villengegend am Flußufer, aber die Lichtfülle der Bogenlampen, die wie Taghelle war, verscheuchte ihn. An einem Samstagabend drückte er den Hut in die Stirn und ging mit langen Schritten durch stille Nebenstraßen im Halbkreise herum. Von dem Hause an der Fernsicht wollte er mit einem Blick Abschied nehmen. Was zieht und zwingt den Menschen immer wieder zurück zu den Stätten seiner höchsten Seligkeit und seines tiefsten Grauens?

Da stand die Antiquitätenvilla mit den erhellten Fenstern der Wohnstube und der Kellerküche. Erb erschauerte – wie plötzlich war all das Glück zum Gefängnisgrausen geworden! Ella Ritterhus konnte ihn, den Verurteilten, Verfemten, nur verachten, ihre Liebe war bestenfalls wehklagendes Erbarmen geworden. Pfui Teufel, nur kein Mitleid! Dennoch zehrte und zitterte in ihm ein Hunger nach ihrem Anblick, eine Sehnsucht nach einer Aussprache. Dort drinnen unter der elektrischen Krone – nur drei von vierundzwanzig Glühbirnen ließ die sparsame Tante brennen – saß Ella um diese Stunde und las der alten Dame, deren Tag wie ein Uhrwerk ablief, die »Nachrichten« vor. Ein toller Gedanke durchschoß sein Gehirn. Wenn er sich den Eingang erzwang, das Mädchen beiseite schob, wenn er Ella flehen, fragen würde: Haben deine Schwüre gelogen? Sprich! Glaubst du, daß ich ein Dieb bin?

Nein, sie hatte ihn verworfen, wie die andern alle, alle. Sonst hätte sie ihm, als er in der Untersuchungshaft saß, schreiben, ja schreien müssen: Er ist unschuldig! Nicht geredet, sondern geschwiegen hatte sie.

Dort drinnen saß sie in Seelenruhe, und er schlich um das Haus, wie ein Dieb, und stöhnte, ins Taschentuch beißend, vor Qual. Er wollte sie nicht sehen noch fragen. Die Kluge, die geschmeidig den Launen der Tante sich fügte, war nicht seine Ella.

O, er liebte sie noch, freilich nicht das Fräulein, das dort hinter der Gardine saß, sondern das süße, scheue Kind, das seine Rose nahm und zur Bank am Flußufer kam. – – –

Am Sonntag morgen besuchte die Mutter ihren Sohn im Hotel, warf sich an seinen Hals und weinte lange. »Weinst du vor Leid und Kummer um mich?« sagte er leise.

»Nein, ich weine vor Freude ... Erb, wohin gedenkst du zu gehen?«

»Wohin? Nach Amerika, der großen Abhubtonne für alle unsaubren Elemente Europas? Nein, das gemütlose Land, wo der allmächtige Dollar als Tyrann regiert, hat mir nie gefallen ... ich möchte in Ostafrika mein Heil versuchen.«

»Du Gesegneter, wer hat dir das eingegeben? Schau her!« Sie zeigte ihm den Brief, der ihr ein Wunder, eine Weisung des Himmels war, und frohlockte in allem Schmerz. »Wenn du in das wildfremde Land gehst, wirst du nicht allein und einsam stehen, sondern du wirst in Afrika einen erfahrenen, väterlichen Freund finden, der dir alle Wege ebnen wird.«

Erb war hocherfreut und in heftiger Gemütsbewegung. »Das ist sehr seltsam, mehr als seltsam ... sollte es dennoch einen Gott geben?«

»Ja, ja, in der ungeheuren Trübsal fand ich Gott ...«

»Und ich verlor ihn, denn im Gefängnis gibt es keinen Gott. Wie kann es mitten in all der Schurkerei und Scheußlichkeit einen Gott geben, wie kann mitten in der entsetzlichen Grausamkeit, mitten in dem ewigen Morde der schreienden Kreatur ein Gott stumm und stocktaub sitzen, ohne zu richten und zu rasen?«

»Sprich nicht so wild, denn es tut mir weh!«

Erb brach schnell davon ab, wußte wenig von dem verschollenen Onkel und fragte sehr viel, was der Mutter nicht sehr angenehm zu sein schien.

»Warum mein Bruder Deutschland verließ und 29 Jahre lang in Verborgenheit blieb, ohne ein Lebenszeichen zu geben? Es war eine furchtbare Begebenheit, die damals durch alle Zeitungen ging, aber den wirklichen Sachverhalt hat man nicht erfahren, weil von den beiden, die den Schleier lüften konnten, der eine starb, ohne die Lippen zu öffnen, und der andere, mein Bruder, geflohen war.«

»Was? Der Onkel hat einen Menschen getötet ... jedenfalls im Duell doch ... oder ...?«

»Eben das ist das gräßliche Geheimnis geblieben. Jobst war ein guter, prächtiger Kerl, ein lieber Bruder und braver Mensch, lebhaft, lustig, rasch und ritterlich, aber auch zu heißblütig, zu hitz- und trotzköpfig und zum Jähzorn geneigt. Er hatte von seinem zehnten Jahre an einen Freund, einen intimen, unzertrennlichen Freund, ohne den er nichts, keine Bootfahrt, keinen Ball, keinen Ausflug machte. Sie schienen alles, auch den Geldbeutel, gemeinsam zu haben. Niemals zankten oder schmollten sie, so viel ich weiß, auch nicht an dem letzten Tage vor der Tragödie, die die ganze Stadt in Aufregung versetzte. Erb, gib mir einen Schluck Wasser!«

Von der Erinnerung erschüttert, trank sie, um hastig die Sätze herauszustoßen. »Eines Morgens findet man den Freund im Kastanienwäldchen ... schon verblutet, mit einer Kugel in der Brust, der Lunge. Der kann keine Auskunft geben und ist gestorben, ohne das Rätsel zu lösen. An demselben Morgen kommt mein Bruder Jobst nicht zum Frühstück, man sucht ihn im Zimmer ... er ist gar nicht im Bett gewesen und spurlos verschwunden, mit einem kleinen Koffer, einigen Kleidungsstücken und seinen Ersparnissen. Seine Spur kann man bis Bremen verfolgen, von der Stunde an bleibt mein Bruder verschollen. Wer die Kugel abschoß, ob es ein Duell ... oder ein Mord war ... oder ein Selbstmord mit Wissen des Freundes, das alles ist ein Geheimnis geblieben ... die Leute haben natürlich durch allerlei romanhafte Fabeln den mysteriösen Todesfall zu erklären versucht. Mehr weiß ich nicht, und mehr weiß kein Mensch, außer dem einen, der in Ostafrika lebt. Genug, genug des Grauens! Es greift mir ans Herz.« Man hörte, wie die Frau Atem holte.

Der Sohn konnte ein grimmiges Lachen nicht lassen und sprach in bitterböser Ironie: »Dieser gute Afrikaonkel, der zur rechten Zeit von den Toten aufsteht und als deus ex machina sich meldet, der alte Sünder, der seinen besten Freund niederknallte und das Zuchthaus mit dem Ärmel streifte, und der junge Sträfling, der Brillanten stahl, diese beiden edlen Seelen gehören als kriminelle Naturen und Vollblutsmenschen oder Vollblutsverbrecher unbedingt zusammen und werden ein Herz und eine Seele sein. Leider wogt viel Wasser zwischen Hamburg und Daressalam ... der rührende Onkel vergaß, einen Tausendmarkschein zu senden ... verflucht, ich muß schon den Fürsorgeverein, den der gute Pastor mir empfahl, anbetteln ...«

»Das ist nicht nötig, mein Erb, ich bringe dir 1400 Mark ... hier ist das Geld.«

Man sah die freudige Erregung des jungen Mannes, der nach den Scheinen griff, aber schnell die Hand zurückzog und mit einer abweisenden, eisigen Miene, die ihn plötzlich seinem Vater ähnlich machte, sagte: »Das kann ich nicht annehmen, denn das ist von meinem ... von dem Landgerichtsrat, der sich von mir losgesagt hat und nicht mehr mein Vater ...«

»Es ist zum Teil von meinem Wirtschaftsgelde erspart ... du kannst, du mußt es nehmen.« Die Mutter, die ohne Wissen des Gatten 400 Mark dazugelegt hatte, bat leise, bat lange und schob zuletzt das Geld in Erbs Tasche hinein.

Er ließ sie mit Selbstüberwindung gewähren und sagte mit Groll: »Mir bleibt nichts anderes übrig, als das Almosen und die Demütigung einzustecken ... sage mei... ihm: Wenn die Malaria nicht meine Rechnung umstößt, werde ich es zurückerstatten.« Das war seinem Stolze wenigstens eine Beruhigung.

Die Mutter fing wehevoll an zu weinen. »Du gehst in ein Tropenland, das ein mörderisches Klima, böse, wilde Tiere und giftige Schlangen hat.«

»Dafür hat man seine Flinte ... das bösartigste Tier ist eine winzige Mücke und eine ruchlose Fliege ... doch dafür hat man ja Chinin.«

»Ich will Tag und Nacht beten, daß Gott dich behüte.«

Erb antwortete mit einem harten Blick.

»Ach, ach, du glaubst nicht mehr an Gott.«

»Im Gefängnis war Gott nicht ... wie könnte er auch in der Hölle, am Ort der Verdammten sein? Lassen wir, was dir Schmerz bereitet!«

»Eins nur versprich mir, mein Sohn! Wenn du einmal in der allergrößten Not und Gefahr bist, so schreie zu Gott ... wenn du ihn dann rufst, wirst du ihn finden und sehen.«

Er drückte ihre Hand und nahm innigen Abschied von seiner Mutter. Es war ein herzzerreißender Anblick; auch dem Manne liefen die Tränen über die Wangen.

Wie von den drei Engeln der Erde, welche Glaube, Liebe, Hoffnung heißen, die Liebe die größte unter ihnen ist, so ist hinwiederum von aller Menschenliebe die Mutterliebe, die stärker als der Tod und, was mehr, stärker als das Gefängnis und die Schande ist, die größte und reinste, die erste und letzte Liebe des vom Weibe Geborenen.

 

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