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Ein alter Afrikaner

Johannes Dose: Ein alter Afrikaner - Kapitel 13
Quellenangabe
typenarrative
authorJohannes Dose
titleEin alter Afrikaner
publisherHinstorffsche Verlagsbuchhandlung
addressWismar
year1913
correctorhille@abc.de
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Dreizehnter Abschnitt

Jobst Renner begrüßte alte Bekannte, brach einer Kognakflasche den Hals und schenkte sich und allen, die ihn Freund nannten, ein. Seinen Neffen, der feindselig nach dem Alkohol schielte, blinzelte er an: »Jetzt sind wir in der Oase ...«

»Und das Kamel, wie du sagst, fängt das Saufen an.«

»Sehr richtig, mein Sohn! Zum ersten darum, zum andern, um den Kerlen Kurasch zu machen, daß sie mit Mut und Ausdauer bieten, denn durchs Glas – ich meine das Kognakglas – sehen die Zähne noch größer aus.«

Von dem Erlös des Elfenbeins blieb ein Reingewinn von 76 000 Mark. Jobst schob die eine Hälfte seinem Sozius hin: »Nimm's, ohne wie ein Backfisch zu erröten!«

Da griff Erb fest und fröhlich zu, und seine Brieftasche faßte kaum die Fülle.

»Schaff dir eine Bank an nach dem Vorbilde meines Brustbeutels, sonst wird dein Geld bald Liebhaber finden.«

Der junge Mann hörte es nur mit halbem Ohr und lief ins Konsulat, um Briefe zu holen. Kitumbua hatte seinen Lohn erhalten, drehte das Fez in der Hand und wollte Adieu sagen. Du hast ja schon einmal Lebewohl gesagt, lachte Bana Bunduki. »Ja, du bist ein guter Herr, und der junge Bana ist noch besser.« – »Darum machst du dir den Abschiedsschmerz zweimal?«

Der robuste Kongoneger wischte sich die Augen. »Bana, ich wäre gern geblieben... für etwas weniger Lohn.«

»Zwar bist du für einen Boy um eine Elle zu lang, aber du magst als Leibbursche und Bambuse bei uns bleiben, denn der Bandit Maurice soll fliegen.«

Erb fand drei Briefe vor, betrachtete die Handschrift und zog die Stirn in Falten. Alle waren von seiner Mutter... hatte er auch eine andre Handschrift erwartet? Er las die Briefe nach dem Datum, den ältesten zuerst, der voll von heißer Mutterliebe war, aber die Heimat kaum und Ella Ritterhus mit keinem Wort erwähnte. Der zweite berichtete von den nächsten Bekannten, ein paar Neuigkeiten, eine Verlobung, einen Bankerott, eine Eheirrung. Und diese Nichtigkeiten interessierten den Leser ungemein, denn darin kam die Heimat mit ihren kleinen Sachen und Sorgen zu ihm nach Afrika. Vom letzten Brief erwartete er nur die Fortsetzung, und der brachte die große, aufregende Nachricht. Erb wurde rot und blaß, die Schrift flimmerte vor seinen Augen. »Das alte, reiche Fräulein Vermehren ist an den Folgen der Influenza gestorben. Über die Testamentseröffnung, die eine Sensation war, berichteten alle Zeitungen. Ella Ritterhus hat ein großes Kapital – man sagt eine Million – geerbt, eine Million verbleibt der Firma, so daß die Herren Engel und Bengel gleich nach dem Begräbnis einen Neubau des Geschäftshauses begonnen haben... das Antiquitätenfräulein kann ja gegen die Neuerungen nicht mehr protestieren und höchstens sich mal im Grabe umdrehen. Von der oder den übrigen Millionen sollen zum Nutzen der Menschheit und Tierheit zwei Anstalten gegründet werden, nämlich ein Vermehrenmuseum, um die Sammlungen des Fräuleins, die zum Teil wertloses Gerümpel sind, zu erhalten und zu vermehren, und ein großes, ich möchte sagen, groteskes Asyl für Hunde und Haustiere, die krank, verhungert oder herrenlos sind. Du wirst ja das Fräulein Ritterhus längst vergessen und verschmerzt haben. Erinnerst du dich noch, wie wir zusammen, in der Quinta, Latein und die Phrase Inter omnes constat lernten? Inter omnes constat, alle Welt weiß, daß das junge Fräulein eine runde Million hat. In den Kaffekränzchen erzählt man, daß die junge Dame bis jetzt, in zwölf Wochen, dreiundvierzig Heiratsanträge erhalten und wohl abgelehnt habe. Mag sie den Ingenieur oder Offizier oder Bankier heiraten, meinen Segen hat sie, und deinen dazu! Du wirst schon eine gute Frau finden... nur keine allzu schwarze Afrikanerin...«

Der Deutsche lief, den Tropenhut in der Hand, durch Daressalam, am Strande entlang, sein Herz, seine Pulse pochten, er fühlte gar nicht den strömenden Schweiß, sondern sprach mit sich selber: Ich werde nie ein Weib nehmen... Fatima war die einzig Treue... die andre mag, wie alle Goldgänse, einen Offizier nehmen, ich will jeden Gedanken an Ella hinauswerfen, hinaus! Erb focht mit den Fäusten, gleichwie der Hausknecht im Schwarzen Walfisch, der den Fremdling vor die Tür wirft.

Ein luftschnappender Ladenjüngling rief: »Mann, bedecken Sie sich den Kilimandjaro, sonst kriegen Sie den Sonnenstich!«

Der Deutsche trank einen Schoppen gegen die Hitze, aber seine Gedanken beschäftigten sich immerzu mit der Nichte des seligen Fräuleins Vermehren – die, hinausgeworfene Ella war durch eine Hintertür wieder hereingekommen.

In der Nacht fiel er erst nach zwei Uhr in einen festen Schlaf.

Am Morgen schrie er dreimal: »Maurice!« Kein Boy brachte frisches Waschwasser. Er nahm die Weste, die merkwürdig leicht und gestern so erfreulich schwer war, fuhr mit der Hand hinein ... »Himmlischer Vater! Die Br–-brieftasche!« Sein Kopf wurde heiß, sein Atem stand still. Er warf sich auf den Fußboden hin, wühlte im Bett, im Rocke. »Heiliger...!« Seine 38 000 Mark waren verschwunden, gestohlen! Sein Gesicht wurde kreideweiß, die Stube kreiste. Erb stürzte durch die Gänge und rief: »Maurice!« Der saubere Vogel war fortgeflogen, war der Dieb.

Kitumbua, der verkatert aussah und bei den Pombeweibern gewesen war, stotterte: »Der Halunke saß heute nacht in der Niggerschenke, gab für alle Boys Rum aus und warf mit den Rupien, wie ein besoffener Europäer... der Schuft hat die Brieftasche gestohlen ... ich werde ihn suchen.« Der lange Askari schoß von dannen.

Jobst hörte die Schreckenskunde, ohne ein Wort zu sagen, zog seinen Rock an und schickte alle seine schwarzen Bekannten als Spürhunde aus. Erb lief als guter Deutscher zur Polizei, die mit germanischer Gründlichkeit ein ellenlanges Protokoll aufsetzte, und verlebte mit Hin- und Herrennen einen der scheußlichsten Tage seines Lebens.

Die von seinem Vater geerbte Vorliebe für den Alkohol wurde das Verhängnis des fünfzehnjährigen Verbrechers. Gegen Abend kehrte Jobst mit rotem Kopfe heim und schalt: »Was läßt du den Kopf hängen! Ein Grünhorn muß Lehrgeld zahlen, leider ein bißchen viel Lehrgeld. Wir haben in dieser Bank noch 38 000 Mark und müssen noch eine Salzsafari machen ... schweige, wenn alte Leute reden ...«

Ein lächerlicher Aufzug verursachte einen Auflauf vor dem Hotel. Kitumbua, noch fest auf den Füßen und noch fester in den Fäusten, zerrte Maurice am Ohr die Stufen hinauf. »Ich habe den Lump ... sagt nicht, wo die Brieftasche ist, nein, er will es mir, wenn wir allein im Zimmer sind, im tiefsten Vertrauen erzählen.«

»Hilfe, Hilfe!« heulte der Bengel, »ich habe nichts gestohlen.«

»Ich will dir helfen.« Der Askari nahm den Boy wie ein Bündel, trug ihn in Jobsts Zimmer, schloß die Tür und begann: »Wo hast du das versoffene Geld her?«

Der hartnäckige Sünder leugnete und log.

Im Nu hatte Kitumbua aus seinem Gurt eine Schlinge gemacht, die er um den Hals des Burschen warf und anzog. »Ich schnüre dir die Luft und die Lügen ab.« Wenn der Sünder zu ersticken meinte, piepste er: »Ich will bekennen.« Sobald die Schlinge gelockert wurde, schrie er: »Ich habe nichts gestohlen.«

Eierkuchen fletschte die Zähne, wütete und würgte. Jetzt wurde der Lügner mürbe und lispelte: »Unter der Flaggenstange im Garten.«

Da lag die volle Brieftasche, niederträchtig faul und oberflächlich im Sand verscharrt. Der glückliche Besitzer gebärdete sich, als wenn er den Tropenkoller habe.

Jobst traktierte in seiner Freude alle Gäste auf der Terrasse und schlürfte das herrliche Bier. Die Gläser klirrten, hell klang das Lachen der weißgekleideten Herren.

Ein Zeitungsjunge auf der Straße brüllte, bald in Kisuaheli bald in kuriosem Deutsch: »Auf–huhr ... Oor–logg!« Aufruhr – Orlog! Hatten die Masai oder Wagogo ein paar Ansiedler niedergemacht?

Der Prokurist der Plantagengesellschaft für Sisalhanf las vor: »Winhuk, den 15. Januar 1904. Die Hereros, die seit Wochen unruhig waren, sind im vollen Aufruhr. Die ersten unheimlichen Anzeichen wurden von der Station Waterberg gemeldet, wo die Schwarzen die Kaufläden belagerten, um auf Kredit in der unsinnigsten Weise Decken, Schuhe, Sättel, Kleider, auch Dinge, nach denen sie noch nie ein Verlangen gezeigt, zu kaufen. Man hat diese Vorboten des Unwetters zu wenig beachtet. Jetzt besteht kein Zweifel mehr, daß die schwere Heimsuchung der Kolonie, die blutige, grausame Insurrektion dieser niederträchtigen und kriegerischen Bantuneger begonnen hat. Ein grauenhaftes Gemetzel fand statt, alle Soldaten, Ansiedler, Händler des Platzes sind ermordet worden, nur der Missionar wurde von der Bande verschont und setzte es sogar durch, daß die weißen Frauen und Kinder freien Abzug erhielten. Viele einsame Farmer und Händler auf der Pad wurden erschlagen. Bei Okahandja rotten große Hererohaufen sich zusammen. Reiter eilen nach allen Seiten, um die verstreut wohnenden Deutschen zu warnen und in die festen Plätze zu geleiten.«

Nach dem Verlesen war tiefe Stille auf der Terrasse. Man hörte nur den Servierboy, der mit den schwarzen Augen triumphierend-schadenfroh blickte, mit der Serviette rascheln. Die ängstlichen Gemüter dachten nur an sich und ihr Geschäft. Konnte das in Südwest aufflammende Feuer nicht nach Ostafrika hinüberspringen kraft der äthiopischen, utopischen Idee: Afrika den Afrikanern, der schwarze Erdteil den Schwarzen? Würden nicht die schwarzen Banditen dieser Kolonie frech werden?

Jobst schob das Glas zurück und sagte sonderbar feierlich: »Ich trinke keinen Tropfen mehr in Daressalam ... ich muß nämlich morgen oder übermorgen schon die Reise nach Kapstadt und Swakopmund machen.«

»Du ... du willst gegen die Hereros kämpfen?«

»Ich muß, mein Sohn ... ich muß ein Wort, einen Racheschwur einlösen ... es ist eine seit vielen Jahren fällige Rechnung, eine heilige Blutrache. Wo der Kapitän Josua, der verruchte, vogelfrei geworden, wo man die tückischen, grausamen, tierischen Hereros frei erschießen und erschlagen darf, da muß ich dabei sein und das Gesindel, das menschliche Raubzeug vertilgen helfen.«

»Ich gehe mit nach Südwest ... ersehnt nicht jeder rechte Mann den Tag, wo er für sein Vaterland kämpfen darf?« Erb stimmte laut an: Deutschland, Deutschland über alles.

Da wurden auch die ängstlichen Kaufmannsgemüter hingerissen, und alle waren die kriegsfrohen Germanen von Anno 70.

Die Zurüstungen wurden in einem Tage getroffen. Erb erneuerte bei seinen Einkäufen unerwartet eine alte Bekanntschaft. Als er in den ersten besten Zigarrenladen trat, kannte er sofort das Gesicht der Frau. »Ah, Fräulein ... Sie sind mit mir auf dem Schiffe gewesen ... Sie haben trotz des verdorrenden Myrtenbaums Ihren Jugendfreund ..« Er biß sich auf die Lippen, denn die hagere Dame blinzelte nervös, bedrohte mit den Brauen den Schwätzer, sintemal ein graubärtiges Gesicht am Fenster der Innentür erschien. Es war das Fräulein Griebel mit dem Myrtenbaum, der mit Salzwasser vergiftet wurde.

»Ich habe einen guten Mann und mein Glück in Afrika gemacht.« Der Graubärtige verschwand, die Frau geleitete den Kunden zur Tür und flüsterte hastig: »Denken Sie ... der Jugendfreund von der Karusselfahrt ... ist es nicht schrecklich? ... Der schändliche Kerl, der mich kommen ließ, wohnte in einem Haus, einem Hundehaus, und war verheiratet, hatte eine schwarze Frau und acht halbschwarze und ganz nackte Kinder. Gibt es nicht schlechte Menschen auf der Welt! Aber auch gut... mein lieber Mann ist Witwer und so verliebt, hah... Sie werden auch in Afrika Ihr Glück machen und eine gute Frau bekommen, nur um Gottes willen keine Schwarze.«

Der junge Herr lief und rief: »Nein, nein, nein!« Er wollte das Glück weder in schwarzer noch weißer Couleur.

Extrablätter wurden ausgerufen. Erb sah, daß nicht eine kleine Neger(e?)meute, sondern eine Katastrophe über die Kolonie hereingebrochen sei und Südwest jede Faust und Flinte gebrauchen könne. Da nehmen sie mich unbesehen, wenn ich die Knarre auf die Schulter und den Affen auf den Buckel nehme. Das Extrablatt meldete: Stündlich laufen neue Schreckensnachrichten von überfallenen Farmen, von Raub, Brand und Blutvergießen ein. Bis jetzt sind mehr als siebzig Weiße, auch viele Frauen, ermordet worden. Das gesamte Hererovolk hat sich unter Samuel Maharero, dem falschen Freund der Deutschen, erhoben, zwei bis dreitausend sollen mit guten Hinterladern im Felde stehen. Hauptmann Francke, der auf dem Marsche gegen die Bondelzwarts im Süden war, ist in erstaunlichen Eilmärschen mit seiner Kompagnie zurückgekehrt, die Heimat sendet Verstärkungen, Matrosen vom »Habicht« sind gelandet.– –

Der Dampfer fuhr allzu langsam.

Swakopmund war und wird jedem eine Enttäuschung sein. Klein und niedrig liegt es am Fuß der grauenhaften Sandwüste, der weiten, wasserlosen, von Gott verfluchten Namib. Aber auch diese Sahara in ihrer Schrecken erregenden Größe hat ihren Ruhm – diesem breiten, ohne Wagen und Wasserzufuhr undurchdringlichen Dünenwall verdanken wir den Besitz der Kolonie, und daß Südwest noch freie Beute und nicht längst von den Engländern genommen war. Kraft der Namib kamen wir hier nicht zu spät.

Kaum angekommen, zeigte Jobst den jungen, frisch angelangten Soldaten, was ein alter Afrikaner ist und leisten kann. Eine Herde Maultiere, die ausgeschifft und in einem Dornkral war, sollte eingefangen und eingefahren werden. Die widerspenstigen, rabiaten Tiere steckten die Köpfe zusammen, schlugen bei jeder Annäherung, wie auf Kommando, aus und wehrten sich gegen jede Freiheitsberaubung. Der Sergeant Rotbart fluchte, die Soldaten waren nach ihrem Fahneneide nur verpflichtet, sich von den Hereros, aber nicht von Mauleseln totschlagen zu lassen, und wollten ihre Knochen nicht riskieren. Jobst nahm ein Seil, machte eine Schlinge und warf sie dem wildesten Schläger über den Kopf. Mit Hurra hißten und holten alle Mann das Tier heraus, das um sich schlug und biß. Der Pfadfinder aber machte einen jugendlichen Sprung, faßte die langen Löffel des Rackers und hielt sie wie ein Schraubstock. Da war der Schläger gebändigt und still und duldete Gebiß und Geschirr; denn die langen Ohren des Pferd- und Eselmestizen sind sozusagen seine Achillesferse. Herr Rotbart reichte dem Eselbündiger treuherzig die Hand nnd schrie gleichzeitig: »Ihr afrikanischen Säuglinge! Kriegt die Biester bei den Ohren!«

Renner und Erbenheim fuhren mit dem Zuge ins Land hinein, das jetzt in der Regenzeit in seiner besten Gestalt sich zeigte. Nirgends war freilich der smaragdene, buntgeblümte Grasteppich der Heimat, das Gras wächst nur in Büscheln, die Bäume bilden keine Wälder, höchstens Galeriewälder am Flußlauf, die Büsche sind mit Domen bewehrt. Südwest ist eine etwas stachlige und steinige Schönheit. Grau, starr und kahl ragen die Berge empor, ihre Kegel und Spitzkuppen und grotesken Felsformen sind wunderschön, wenn die Morgen- und Abendsonne sie mit Purpurgold überflutet. Die Bahnfahrt bis Windhuk währte zwei Tage, obgleich die kleine Lokomotive wacker bergan keuchte, denn von der Küste bis zur Hauptstadt dieses Hochlandes ist eine stete, gewaltige Steigung von 1500 Metern zu überwinden.

Windhuk liegt mit seinen heißen Quellen in lieblicher Gegend. Negerweiber holten das heiße Wasser, um ihren Brei zu kochen. Ein Boy saß am siedenden Sprudel und kühlte das Getränk für seine durstige Herrschaft.

Die beiden Herren wateten durch den Sand ins Bureau, um als Kriegsfreiwillige eingestellt zu werden. Der Hauptmann beguckte die ausgedörrte, wunderliche Gestalt mit dem ergrauenden Bart, der entstellenden Narbe und dem verschlissenen Lederrock, guckte ziemlich impertinent, als wenn er dächte: Ist der olle Kerl ganz richtig im Kopfe? und sagte brüsk: »Sie sind zu alt für den Feldzug.«

Jobst kehrte sich kurz um und ging. Erbenheim erklärte mit Hast und Höflichkeit dem Hauptmann: »Mein Onkel ist ein bekannter Ostafrikaner, ein berühmter Führer und Pfadfinder. Er hat Jahre lang unter den Hereros geweilt, kennt ihr Land, ihre Sitten, beherrscht ihre Sprache ...«

»Zum Donnerwetter! Warum hat der Herr das nicht gleich gesagt? Einen Mann, der die Sprache der Kaffern spricht und die Wasserstellen kennt, wiegen wir ja mit Gold auf.«

Erbenheim sagte seinen Namen, daß er Offizier gewesen und Schulden halber verabschiedet sei, verschwieg aber sein Brandmal. Für unehrliche Leute ist ja in der deutschen Armee kein Raum. O dieses Verschweigen hat ihn nachher bedrückt und sein Gewissen geängstigt. Auf der Straße gellten Hilferufe, Menschen rannten ... ein im Kriege blessierter Leutnant, der in der Rekonvaleszenz spazieren ging, lag leblos in seinem Blut. Ein italienischer Bahnarbeiter, plötzlich vom Irrsinn des Trnnks oder Tropenkollers befallen, hatte ihn ohne jeden Anlaß erschossen, lief die Querstraße hinauf und knallte auf jeden harmlosen Passanten. Zum Glück gingen die Kugeln fehl, aber der Amokläufer schob neue Patronen in den Lauf. Da hob Jobst die Flinte, zielte kaltblütig, traf das Bein und warf den Irrsinnigen hin, um neue Morde zu verhüten.

Der Hauptmann streckte dem wackren Manne die Hand entgegen. »Sie sind der Mann, den wir suchen.« –

Über dem Hoteltisch fächelte die Punkah und bewegte die heiße, stille Luft. Die Gäste stritten sich natürlich über den Wert der Kolonien, die einen nannten Ostafrika ein Fiebernest, die andren Südwest eine Sand- und Dornenwüste, und die Superklugen meinten: Wo Afrika gesund ist, taugt der Boden nichts, und wo Afrika fruchtbar ist, herrscht die Malaria, die Glossina und ähnliches Gelichter.

Ein Depeschenbote erkundigte sich nach dem Kriegsfreiwilligen von Erbenheim. Erb zitterte: Ist meine Mutter oder mein Vater gestorben? Das Telegramm war allzu kurz gefaßt und lautete: »Dienstmann 21 durch Unglück verletzt erzählte im Fieber. Brillantring gefunden. Hoffe Rehabilitation. Brief.«

Erb ging in grenzenloser Erregung vom Tische fort. Soll mein Schicksal, meine Schande sich wenden? Aber den Fund verstand er nicht, der Ring war ja sofort in der Pfandleihe versetzt worden. Er schüttelte seinen Oheim. »Verstehst du die Depesche?«

»Der Dienstmann wird selber der Dieb sein.«

»Er war notorisch nie im Hause des Herrn Engel.«

Sie standen vor einem Rätsel. »Es ist eine unerträgliche Ungewißheit,« sagte der Neffe. »Nein, eine schöne Hoffnung, daß die Sonne es an den Tag bringt,« antwortete der Oheim.

Aber die aufregenden Ereignisse des Hereroaufstandes stürmten auf sie ein, ließen keine Zeit zum Sorgen und Sinnen und spannten alle Muskeln und Nerven aufs äußerste an. Die Hauptstadt Windhuk war voll von Flüchtlingen, die vom Blutbade grauenhafte Dinge erzählten. In Waterberg sei alles abgeschlachtet, in den andren Distrikten mehr als die Hälfte der Weißen ermordet. Besonders an den verhaßten Händlern hätten die Hereros ihre Wut gestillt. Einen hätten die Bestien am Baume festgebunden, mit Honig bestrichen und von den Termiten auffressen lassen. Jobst rief: »Das hat kein andrer als der Kapitän Josua getan. Ja, er war's. Der Satan soll sterben von meiner Hand.«

Ein alter Ansiedler, der zwei Söhne beklagte, nickte. »Nur nach deutschem Blute lechzen sie ... ein Bur De Wet, unser Nachbar, lief mit seiner Ochsenkarre einer vom Morde blutbespritzten Bande in die Hände, aber sie krümmten ihm kein Haar, sondern erklärten, daß sie nicht mit Buren und Engländern, sondern nur mit den Deutschen Orlog hätten. Bloß seine Büchse »liehen« sie von ihm, bis der Krieg zu Ende sei, mit der Versicherung: Wenn wir alle Deutschen ausgerottet haben, geben wir dir dein Rohr wieder.«

Die Leute zählten mehr als 120 hingemordete Männer und Frauen auf, und die Todesstatistik stieg alle Tage. Jobst brauste auf. »Man scheint die Hererobande zu fürchten ... man soll ein Kesseltreiben machen, die Kapitäne fangen und hängen, die Nigger in einen Dornkral sperren und sie den Herrn fühlen lassen ... daran hat es bei dem sanften Regiment gefehlt.«

Ein am Kopfe verbundener Ansiedler antwortete: »Das Einfangen und Einsperren ist bis jetzt nicht gelungen ... die Hereros haben dreitausend Hinterlader, zeigen eine unglaubliche Widerstandskraft und wilde Entschlossenheit zu siegen. Das sogenannte Aufklärungs- und Erkundigungsgefecht bei Ovikokerero ist alles andere als ein deutscher Sieg gewesen ...«

»Zum Deubel und Donnerwetter!« fluchte der Alte, »die Unsren haben eine Schlappe erlitten!?«

»... Haben keine Ursache Viktoria zu schießen ... der deutsche Führer hat nach schweren Verlusten sich zurückgezogen, um nicht von der Übermacht vernichtet zu werden.«

Jobst hüpfte hoch. »Auf, an die Front! Sind das Wunden, um in Windhuk zu lungern, meine Herren? Auf, um den Hererosieg zu rächen!«

Ein blessierter Leutnant lächelte. »Darf man ein Gefecht, wo hundert Deutsche gegen tausend Schwarze standen, eine Schlappe nennen? Die Hereros schießen ausgezeichnet ... fällt einer, so ergreift sein Kirriträger das entfallene Gewehr und knallt über Korn und Kimme unsre Offiziere weg. Die Bande ist keine Bande, sondern ein Heer, das einem Führer gehorcht und mit Taktik und Strategie kämpft. Die kompakte, einmütige, wütige Masse des Volks steht geschlossen wider uns und weiß, daß sie um Sein oder Nichtsein kämpft.«

Jobst hatte andächtig zugehört. »Gott sei Dank!«

»Wa–as sagen Sie?«

»Gott sei Dank, daß wir die ganze Bande beisammen haben, daß die Kaffern sich nach ihrer Kriegsweise nicht in alle Richtungen der Windrose verkrümeln, nicht in Dünen, Bergen und Wüsten sich verstecken und verkriechen! Das ist bei jedem Negerkriege die schlimmste Gefahr. Versuchen Sie es mal, siebentausend Flöhe einzusaugen! Wir haben, Gott sei Dank, das schwarze Ungeziefer auf einem Haufen... nun werden wir für König und Vaterland, mit Gott und Leutwein die Horde verhauen und in den großen Dornpferch treiben. Gott sei Dank, der kleinliche Krämergeist der Kolonie, der nur von Ochsen schwatzt, um Rindvieh schachert, ist zum herrlichen Kriegergeist geworden.«

Acht Rekonvaleszenten verlangten, zu ihrer Truppe zurückzukehren. Die beiden Pfadfinder aus Ostafrika und sechs Schutztruppler, die Gefangene nach Windhuk gebracht hatten, bildeten die Bedeckung. Keine Pad im Lande war ja sicher vor versprengten, raubenden Hererotrupps. Die Abreise wurde um einen Tag verzögert, weil das Bureau mit preußischer Gründlichkeit Sold, Ration, Gebührnisse der Pfadfinder bis auf das halbe Gramm Lorbeerblätter und das ganze Gramm Pfeffer pro Tag genau und gewissenhaft feststellen mußte.

Erb wollte noch einige Einkäufe machen, Landeskundige rieten ihm, in den Store des Herrn V. zu gehen. »Was ist ein Store? Ein afrikanisches Warenhaus en miniature

Der Alte gab eine andre Definition: »Ein Store ist ein afrikanischer Laden, in dem man schlechthin alles kaufen kann, nur gerade das nicht, was man im Moment am bitternötigsten gebraucht.«

Vor der Teke des Stores lungerten sechs Weiße in salopper Kleidung, darunter ein verkafferter Kauz, dem die Hereros beim Überfall sogar sein Pferd gelassen hatten, und der seiner Duz- und Schnapsbrüderschaft mit Samuel Mahareto sein Leben verdankte. Die Herren kannegießerten wie Spießbürger, kritisierten wie Generalstäbler, kämpften die Hereros mit der einzig richtigen Methode und dem Maule nieder, kauten Tabak, tranken Kognak und ließen ihn ankreiden, bis das Beutevieh des Feldzuges verteilt und die große Staatsentschädigung den armen, überfallenen Farmern ausgezahlt werde.– – –

Der nach Okahandja marschierende Zug treckte auf der Pad. Der plumpe Planwagen, von achtzehn langgehörnten Rindern gezogen, mahlte und quietschte, oft bis zu den Achsen, im Sande. Die Treiber klatschten mit den Peitschen und brüllten: »Treck, Osse! Treck, Jesse, treck, Diek, hü, treck, Neef!« Jeder Ochse hört auf seinen Namen. Das primitive, rohe Treckgeschirr leistet in dem unwegsamen Lande die besten Dienste, weil es kraft seiner Einfachheit leicht repariert werden kann. Eine glatte Holzstange liegt auf dem Nacken eines jeden Ochsenpaares, rechts und links vom Halse sind zwei schmale Bretter, die Jochscheite, die unter dem Halse durch einen Fellstrick zusammengehalten werden, angebracht. Die Joche der acht bis zehn Ochsenpaare werden an die lange Treckkette gehängt, nur das letzte Gespann geht an der Deichsel – und das einfache Geschirr und Gefährt, das Südafrika für die Zivilisation eroberte, ist fertig. Der federlose Wagen schüttelt und stößt entsetzlich. Jeder schimpft auf die Karre. Aber diese plumpe Ochsenkarre hat den fußtiefen Dünensand der furchtbaren Namib durchwatet, die Dornbuschsteppen durchquert, die Flüsse durchschwommen, die Berge erklommen. Ohne die Karre wäre kein Krieg, kein Sieg über die Hereros möglich gewesen, ohne sie wäre Südwest kein deutsches Land geworden.

Sie treckten von Wasserloch zu Wasserloch, alle Tage zwanzig bis dreißig Kilometer, je nach der Güte, d. i. Schlechtigkeit des Weges, der nur eine Räderspur war. Immer dieselbe monotone Melodie: Das Kreischen und Quietschen der Räder, das Knirschen des Sandes, das Klappern des Treckgutes, das Schreien, Fluchen, Knallen, Klatschen der Treiber, der Bastarde aus Rehoboth, das Schwirren der Fliegen, das Schlagen der Schwänze. Manchmal auch der Schwanzstummel, denn einigen Ochsen fehlte der Schweifwedel, was drollig aussah und als tierärztliches Vakzinationsattest besagte, daß Inhaber mit Erfolg gegen die Rinderpest geimpft sei.

Die Menschen hatten immer Durst, tranken laut Armeebefehl nur gekochtes Wasser und schluckten mit sanitärem Stoizismus das fade Zeug. O, wie viele deutsche Seufzer nach den Flaschen und Fässern der Heimat sind in diesem Kriege gen Himmel gestiegen! Nachts schliefen sie, in den Woilach gewickelt, und zweimal am Tage aßen sie den ewigen Reis, und ihre Seele d. i. ihr Magen schrie nach der deutschen Kartoffel, dem Armeleutessen der Heimat.

Das Land wurde aber immer schöner. Der Regen, der große Zauberer, weilte, und der sprossende Lenz schaltete und segnete in Südwest. Das durchzogene Gebiet zwischen Windhuk und Okahandja ist zwar die Perle dieser übel beleumdeten Kolonie, die weit besser als ihr Ruf ist. Wunderherrlich ist der Frühmorgen. Die Sonne färbt die Felsen drüben mit purpurgoldigen Tinten. Perlhühner, Fasanen, Tauben gackern, girren und gurren, Savannenhühner, Pfefferfresser zwitschern, piepsen und pfeifen, der Koran krächzt sein Kora–kora–kora, das ihm den Namen gab, jeder Vogel, der Ton in der Kehle hat, erhebt einen Lobgesang des Lebens und Lenzes. Was alles hier fleucht! Und noch mehr kreucht auf dem Erdboden, flinke, smaragdgrüne Eidechsen huschen, spaßige Laufkäfer und kuriose Spinnen treiben ihr Wesen, die Ameisen eilen mit regem Morgenfleiß an die Arbeit.

»O die Kreucher fliegen! Die Termiten haben Flügel!« rief Erb, baß erstaunt, ein neues Naturwunder entdeckend.

»Ja, heute schwirren sie in Liebeslust,« sagte der alte Afrikaner, »Gott Amor leiht den kleinen Strebern Flügel an ihrem Hochzeitstage, nur an dem einzigen Tage im Jahre fliegen die Termiten ... morgen findest du ihre abgefallenen Flügel, und die Tiere kriechen und zerfressen alles, deine Buchweisheit im Koffer und deinen Woilach unter dem Leibe. Besinge sie, mein Sohn!«

»Besingen will ich dieses verleumdete Südwest, das Stiefkind unter unsren Kolonien, denn es hat reiche, grüne Weiden und ist hier wie ein Naturpark anzuschauen ... Abertausende von breitrückigen Rindern finden in ihm Nahrung ..«

»Bisher ist das Hererorind recht langbeinig und schmalrückig geblieben und mehr zum Laufen, Ziehen und Reiten als zum Milchgeben und Mästen geeignet,« entgegnete der Oheim trocken.

Sogar der Dornbusch des Landes, mit bösen, fingerlangen Stacheln bewehrt, war jetzt im Frühling ein schöner Blütenbaum, ein prächtiger Anblick und Wohlgeruch geworden; denn Dornen füllen das Land, auf jedem Busch sprangen tausend Knospen und erfüllten das arme Südwest mit Blumenduft. Das Tal war reich an hohen, stattlichen Laubbäumen, die mit Deutschlands Eichen und Buchen sich messen können. »Das ist der beste, schönste, nützlichste Baum in Südwest,« sagte Jobst, »die langen, biegsamen Enden der frischen Triebe schwanken wie grüne Reiherfedern im Winde ... es ist die majestätische Ana-Akazie, die nach dem ungeschriebenen Gesetz dieses Landes nicht gefällt werden darf. Dennoch haben wir in der Not den Baum gehauen, denn seine rotbraunen Schoten, die Anapillen, geben ein vorzügliches Viehfutter. Wenn der Regen ausblieb und alles Gras in Staub zerfiel, dann haben wir wohl einen Baum gefällt und die verhungerten Ochsen hineingetrieben. Wer aber mutwillig einen Anabaum beschädigt, hat eine Kugel zu gewärtigen.«

Erb schaute entzückt über das herrliche Swakoptal und bis zu den Onganjirabergen. An einem starken Ast hing ein kunstvoll gebautes Nest mit vielen Eingängen, dort ging es munter her, aus und ein kletterten lustige, winzige Vögel mit viel Geschwätz und Gelärme. Der Siedelsperling hatte hier sein Hotel erbaut.

Ach, in dem schönen Lande herrschte der grausige Aufruhr entmenschter Neger. Die Reiter sahen jetzt erschüttert die Spuren des großen Mordes, stießen auf die Trümmer wüster Farmen, in denen noch ein Brand- und Blutgeruch lag. Diese ausgebrannten Mauern müssen ein für Südwest stattliches Heim und der Besitzer muß ein wohlhabender Mann gewesen sein. Jetzt glotzen die Fenster aus leeren Höhlen, alles stumm, tot und zerschlagen. Man sieht, wie dieser Farmer urplötzlich in Angst aus seinem hübschen Hause floh oder gar im Hofe erschlagen wurde. Alle Bezüge der Betten, Sofas, Stühle sind abgeschnitten, die Schränke zertrümmert, aus dem Geschirrbüfett sind alle Gläser und Obertassen geraubt, aber die Untertassen und die feinen Kognakgläser, mit denen die Kaffern nichts anzufangen wußten, sind stehen geblieben. Und mitten in dem entsetzlichen Tohuwabohu von Möbeln, Tischen, Spiegeln, Nippes, Mappen und Porzellan, das durcheinander geschmettert und so zerkleinert ist, als wäre eine Straßenwalze darüber gefahren, mitten drin steht ein Klavier völlig unversehrt, so daß Erb es aufschlägt und ein Lied – es wird unwillkürlich ein Choral – darauf spielt. Die Hereros haben wohl das Instrument für einen Fetisch gehalten und auch eine Kiste mit zwölf Flaschen Worcestersauce unbeschädigt gelassen. Die Deutschen nahmen sie mit, um ihren Reis zu würzen.

Alle Tage stießen sie auf Farmruinen. Das war das Haus der Brüder Steinfurth gewesen, von denen nie eine Spur gefunden worden ist. Zerfetzte Briefe und Papiere flatterten im Busch und hingen an den Dornen. Erb las auf einem Fetzen: »Mein lieber Sohn ...« Die Ermordeten hatten eine Mutter! Er wühlte in dem modrigen Mist, bückte sich hastig und hielt in der Hand drei vom Regen durchweichte, noch brauchbare Hundertmarkscheine! Die Hereros hatten ihren Wert nicht gekannt und die Banknoten zum Mist geworfen. Der Finder glättete, trocknete die Scheine, um sie ans Gouvernement zu senden. Wie wird die arme, alte Mutter sich gefreut haben, als ihr ein so unerwartetes Erbe von ihren ermordeten Söhnen zuging! Erb malte sich die Freude aus und wollte in seinem Funde ein gutes Omen erblicken. »Das soll mir eine Verheißung sein, daß ein Brief meiner Mutter auf der Post in Okahandja liegt,« äußerte er.

»Sage das nicht, mein Sohn! Die Zufuhren von Swakopmund brauchen sehr lange Zeit. Schau, das Häuschen dort scheint bewohnt ... ich möchte mal wissen, wie Milch schmeckt.«

»Das ist doch keine Menschenbehausung, das Gebäude würde von der Baubehörde in Deutschland nicht einmal als Schweinestall genehmigt werden.«

Die Hütte, fensterlos, von Feldsteinen geschichtet, mit Lehmbewurf und einem Stück Zeitplan gedeckt, diente einer ganzen Familie von Mann, Frau und sechs Kindern als Wohnung. Die fast nackten Bälge und Bastarde einer Hereromutter glotzten die Fremdlinge an. In dem Schweinestalle hauste – Gott sei's geklagt – ein ganz verkafferter Deutscher, der scheu blickte und seiner Erniedrigung sich zu schämen schien. Gutmütig gab er von seiner Ziegenmilch, nahm mit Dank den gereichten Tabak und steckte seine Pfeife an. Das Zweijahrsbaby kroch heran und quälte um irgend etwas – es war zum Totlachen, als der Papa ihm die Pfeife reichte und es mit tiefstem Wohlbehagen paffte und gleichzeitig wie ein gelernter Vollmatrose ausspuckte.

Außer Hörweite wetterte der alte Afrikaner. »War das nicht eine Abscheulichkeit? Das wird der Untergang der deutschen Kolonie sein. Ja, die wilde und noch mehr die zahme und legitime Ehe mit Herero- und Hottentotten- Weibern müßte als Naturwidrigkeit mit zehn Jahren Zuchthaus bestraft werden. Sonst wird die ganze Kolonie zum Teufel gehen. Die schwarze Weiberwirtschaft ist die Pest Südwestafrikas. Ein erbärmliches Bastardgeschlecht, das alle Fehler, Faulheit und Bosheit von seinen schwarzen und weißen Eltern erbte, füllt das Land und bildet die trostlose Zukunft des Landes. Jeder Deutsche, der ein Negerweib mit oder ohne Priestersegen nimmt, verkaffert unfehlbar und wird ohne Gnade in des Weibes Sphäre, Sitte, Sippe und Schmutz hinuntergezogen. Ja, der Greuel ist Blutschande ... he, du lachst mich wohl aus, weil ich mein eignes Todesurteil naiv und unverfroren ausspreche? Ja, ich heiratete die Rehobotherin, die allerdings hell wie ein Burenmädchen war, aber trotzdem einen dunklen Streifen unter dem Fingernagel hatte ... der Schatten unter dem Nagel ist schon das Stigma und die Grenze. Ja, ich habe eine Naturwidrigkeit begangen und bin dafür grausam gestraft worden.«

»O, das ist ein tiefernstes, tragisches Problem. Den Mann treibt das Naturgesetz zur Weiblichkeit, die ihm Heim und Häuslichkeit gibt. Aber woher in Afrika nehmen und nicht sündigen? Warum sendet man nicht alle Halbjahr eine Schiffsladung von jenen Frauen, die Heiratsanzeigen erlassen und nach dem Mann rufen, auf Staatskosten nach Swakopmund? In endlosen Reden und Schriften wird die Frage erörtert, die Regierung behält sie stets im Auge und brütet Paragraphen aus, aber niemand handelt und verschifft die heiratslustigen Frauen. Würden die armen Kerle nicht lieber ein weißes, propres Weiblein nehmen, als so eine übel riechende, schwarze Schmutzfinkin?« –

Die stumpfen Ochsen hoben die Köpfe und zogen plötzlich ohne Peitsche an, weil sie das Wasser witterten. Dort lag Okahandja. Seine Berge bilden den Abschluß des wasserreichen Parktals, des Prunkstücks der Kolonie, wo Gras- und Waldstreifen anmutig wechseln und steile Spitzkuppen als Wächter am Rande stehen. Im Westen und Norden von sanften Hängen, im Osten von großartigen Felsbergen eingeschlossen, hat der Ort eine schöne Lage, auch nette, weiße Häuschen und eine imposante Feste. Hübsche Gärten, wundervolle Bäume schmücken das Tal, frischgrüne Weiden umkränzen den Fluß.

Erb lief voran. »He, was rennst du wie der Siegesbote von Marathon?« Erb lief ohne Antwort zur Feldpost in Okahandja, fragte nach Briefen und bat so lange und beharrlich zu suchen, bis die Beamten ihn baten, nach Swakopmund zu reisen und seine Post sich zu holen. Er war lange stumm und sagte endlich: »Meine Mutter hat in ihrer heißen Liebe ein blödes, unverbürgtes Gerede mir gemeldet.«

»Du Tor!« polterte der Alte, »weißt du nicht, daß Briefe im Orlog lange Umwege machen und sogar verloren gehen?«

Die beiden freiwilligen Kämpfer brachen auf, um sich im Hauptquartier zu melden. Der Gouverneur Leutwein, ein ebenso bedeutender wie leutseliger Mann, war damals der Höchstkommandierende, der das Vertrauen und die Liebe der Truppe und Kolonie in hohem Maße besaß. Zu der Zeit standen noch die sogenannten alten Afrikaner im Hauptquartier hoch im Kurse. Der Generalstäbler, dem Renner sich vorstellte, hat den etwas alten und kauzhaften Kriegsfreiwilligen weder angestarrt noch angeschnarrt, sondern hatte Freude an Originalen und fragte freundlich: »Was können Sie?«

»Eine Spur finden und richtig lesen, eine feindliche Werft beschleichen, einen gefangenen Kaffer in seiner Sprache befragen, auch ein paar Dutzend Hereroschufte über den Haufen schießen ...«

»Mensch, Sie kennen die Hererosprache, die Wasserstellen und die älteren Kapitäne! Sind Sie aber auch den Strapazen gewachsen?«

»Ich kann zwei Tage dursten und vier Tage hungern ... wollen wir eine Wette machen, wer von uns beiden es am längsten aushält?«

»Nee, lieber nicht! Ist Ihr Begleiter auch ein solcher Durst- und Hungerkünstler? Was kann und ist der Herr?«

»So ungefähr, was Sie dem Major von Leutwein sind, ist er mir, meine linke Hand, zuweilen mein Kopf und ein ganzer Kerl. Er ist ein alter – nein, das wäre zuviel gesagt – ein halbalter, aber ganzer Afrikaner, der in Ostafrika Bana Simba heißt ...«

Erbenheim nannte schnell seinen Namen, der Offizier reichte ihm verbindlich die Hand. »Wir werden Sie beide an den rechten Platz stellen.«

Jobst nickte dem Stabsoffizier zu und sagte zu seinem Neffen: »Das heißt, wir bekommen einen gefährlichen Posten. Bebt dein Herz ein bißchen?«

»Ich möchte, offen gestanden, jetzt nicht von einer Hererokugel oder -keule fallen, solange ich nicht die Gewißheit habe, daß ich ein ehrlicher Mann bin. Verstehe mich und meine Not! Sie würden mir mit Schimpf den Soldatenrock ausziehen und mich zum Teufel jagen, wenn sie wüßten, daß ich ein Bestrafter bin. Ich hab's ja verschwiegen, das ist die Lüge und drückt mich wie eine Schuld. Die Furcht vor der Entdeckung ängstigt mich ... nur der Beweis meiner Unschuld kann mich aus dieser Not retten.«

Jobst streichelte des Neffen Haar. »Du weißt, daß du ein Ehrenmann wie dieser Offizier bist ... ich werde mit drei Amts-, vier Fahnen- und fünf Offenbarungseiden deine Unschuld beschwören.« Von der Stunde an hat auch der Oheim mit Sehnsucht und Sorge an den Brief gedacht, der den verbitterten Lebensweg des ihm liebsten Menschen erhellen und in neue Bahnen lenken sollte. Um abzulenken, gab er seinem Schüler eine kurze Unterweisung in den gangbarsten Redensarten der Hererosprache und allerlei andere gute Lehren. »Um Gottes willen hüte dich vor der Hererokeule! Ich kenne den Kirri, der nur ein Dornenknüppel, aber richtig geführt, eine furchtbare Waffe ist. Drum merke dir! Wenn ein Kerl mit dem Kirri gegen dich anspringt, so darfst du beileibe nicht zurückweichen oder fliehen; der instinktive Selbsterhaltungstrieb wäre in diesem Falle verhängnisvoll, weil der Wilde damit rechnet und dahin seinen Schlag richtet. Du mußt vielmehr angreifen, weil das seine Rechnung durchkreuzt, du mußt den Oberkörper vornüber ducken, mit Blitzgeschwindigkeit vorwartsschnellen und deinen Kopf mit aller Wucht ihm in die Bauchhöhle rennen ... so wird der baumlängste Bandit wie ein von seinem Manne verprügeltes Waschweib zusammenklappen und -knicken. Der Kapitän Josua hat mir, als er betrunken war, aus Großmäuligkeit die Parade gezeigt. Die Vorsehung wird mir den Bösewicht ans Messer liefern. Er ist ein Raubtier, ein Tiger ... du weißt nicht, was der Satan mir getan hat ...«

»Ja, die Rehobotherin ge–genommen ...«

»O, noch infernalischer ist es, noch teuflischer dieses Hererotier in Menschengestalt, noch höllischer der Schimpf ... meine Schande ist so grausig, daß ich mich selbst verachten muß, bis sie mit seinem Blute getilgt ist.«

Der alte Afrikaner war nach diesen Worten zwölf Stunden lang wie ein Stummer, der junge wühlte nicht durch fürwitzige Fragen in der Wunde.

Renner und Erbenheim kamen zu der Vorhut, die alle Bewegungen der Hererohorde zu beobachten hatte. Zwei Offiziere befehligten den Reitertrupp, der Patrouillen zu reiten und schwersten Dienst hatte. Die große Knappheit des Wassers, das im Dornenlande die alles bestimmende Lebensfrage ist, vermehrte die Mühseligkeit. Die Weide ringsherum war von Hereroherden abgegrast. In die tief gegrabenen Löcher sickerte die Flüssigkeit sehr spärlich, wurde von Posten bewacht und unter strenger Kontrolle verteilt, damit jeder Mann und jedes Roß sein Existenzminimum bekäme. Jedes Waschen war längst verboten. Auf allen Gesichtern und Händen saß eine dicke Schmutzkruste. Die armen Soldaten sahen den schwarzen Hereros sprechend ähnlich und in ihren von Dornen zerfetzten Kordröcken wie Straßenräuber aus. Mancher schmachtete lieber und sparte sich einige Tropfen vom Munde ab, um sich die Augen auszuwaschen. O, der ekelhafte, überall klebende, juckende Schmutz wird zur Seelenpein und Körperqual. Diese zerlumpten Krieger waren wackre Helden, die nicht nur mit einem blutdürstigen Feinde, sondern auch mit Durst und Dreck und den bösen Uribs – den besonders großen und mit scharfen Zähnen bewehrten Kaffernläusen – schwer zu kämpfen hatten. Jeder Sang, jedes Scherzwort war längst verstummt; der Witz war scharf und säuerlich geworden. Einer saß splitternackt hinter einem Busch und las aus seinem Königsrock das Ungeziefer. Ein Kamerad rief ihm zu: »Junge, datt knackt jo bannig. Wer de mehrsten Lüs dodmakt, kriegt datt iserne Krüz mit Eichenlaub und Swerter.«

»Daa lur man op!« war die Antwort des Lausjägers, der als Einjähriger aus Abenteurerdrang nach Südwest gegangen war. »In Deutschland lachen sie uns aus, daß wir die Dummen sind und für das Liebvaterland Durst und Dreck, Typhus und Tod leiden. Hast du nicht die Zeitungen von zu Hause gelesen? Die schwatzen und schreiben nur vom japanischen Kriege, von Kuropatkins Zauderei und der Tapferkeit der kleinen Japanesen. Jeder Togi und Nogi und Japaneraffe wird als ein Held in den Himmel gelobt, für die hat man ausschließlich Interesse, Anerkennung und Lob ... daß wir hier verdursten und verbluten, läßt unsre Landsleute verdammt kalt, die Spießer sitzen beim Skat und sagen: Warum sind die Kerle so saudumm gewesen, freiwillig nach Südwest zu gehen und Leben und Gesundheit für die Dreckkolonie zu wagen? Wenn die Zeitungen uns mal erwähnen, so rühmen sie nicht unsre Taten, unsre Tapfren und Toten, nein, so schimpfen sie: Es ist ein Skandal, daß unsre sauer verdienten Steuern für die Sandwüste weggeworfen werden ... wenn die Kerle ein bißchen Schneid hätten, so wäre der blödsinnige Aufstand längst unterdrückt, aber das sind Helden, die nicht mal die halbnackten Wilden unterkriegen können, sondern nach Verstärkungen schreien, um noch mehr Millionen zu verpulvern.«

Das war der große, bittre Schmerz der kämpfenden Truppe, daß all ihr heroisches Streiten und Leiden in der Heimat oft gar keine und nie die voll verdiente Anerkennung fand. Im Anfang war der deutsche Zeitungsmichel in dem blöden Irrtum befangen, daß man die Negerbande mit einer Handvoll Soldaten, wie einst Wißmann und Peters, zu Paaren treiben werde, während die Hereros in Wirklichkeit ein wild entschlossenes, kriegsgeübtes, mit dreitausend Hinterladern bewaffnetes Volk waren. Als die bessere Einsicht von der Ebenbürtigkeit des Gegners in Deutschland dämmerte, blieb trotzdem die häßliche Verkennung der Truppe und ihres Heldentums, weil der Krieg sich in die Länge zog, dem Zeitungsphilister langweilig wurde und kein Sedan oder andre Sensationen brachte. Das ist kein Ehrenmal in deutscher Geschichte. Unsre afrikanischen Helden haben den Lorbeer, den ihre Taten voll und ganz verdienten, bis auf diesen Tag nicht empfangen. Was man ihnen zögernd hinwarf, wirkte wie ein armseliges Almosen.

Die Vorhut hatte aufreibenden Dienst. Ein Drittel der Mannschaft zog stets auf Posten und schwebte in steter Lebensgefahr. Mehr als einer kam nicht zum Lagerfeuer und nie zu seiner Mutter zurück. Ein volles Drittel mußte die Gäule bewachen, die aus Not die Neigung hatten, sich weit zu verstreuen, um das elende Futter zu finden. Die Spannfessel hatte sich nicht bewährt, weil die Tiere sich die Beine aufrissen. Jobst sah sich die Sache fünf Minuten lang an und sagte: »Jungens, versucht es mal so zu machen!« Er band einfach den kurz genommenen Halfterstrick am rechten Pferdebein fest, wobei er kalkulierte, daß ein Pferd nur mit hocherhobenem Kopfe galoppieren kann. Die so gefesselten Rosse konnte keinen Sprünge machen, wohl aber ungehindert grasen. Die Kniefessel wurde allgemein und war eine gute Erfindung und Einführung des alten Afrikaners.

Die Offiziere nahmen die Herren Renner und Erbenheim als gebildete Männer an ihren Tisch. Erb speiste in dem Offizierskasino, das aus vier Pfählen, mit Sackleinen bekleidet, mit Gras und Steinen gedeckt, bestand. Einige Kistenbretter, auf vier Pfähle genagelt, waren die Tafel und leere Proviantkasten die Sessel, Reis mit Büchsenfleisch und Büchsenfleisch mit Reis bildeten in holder Abwechslung die Kasinogerichte.

In Erbenheim pochte eine schwere Angst, sein Herz stand still und fing dann an zu hämmern, als plötzlich bei Tisch gefragt wurde, bei welchem Regiment er gestanden und warum er seinen Abschied genommen habe. Jobst antwortete an seiner Statt: »Weil er eine zu schlechte, zu schräge und quere Handschrift hatte.« Die taktvollen Offiziere stellten keine Fragen mehr.

O, wenn sie durch einen infamen Zufall erführen, daß er im Gefängnis gewesen, so würden sie vor ihm ausspucken und ihn wie einen Aussätzigen verstoßen. Die Furcht vor Entlarvung war unleidlich. Aber die Postkarre und der Brief mußten in den nächsten Tagen kommen.

Der eine Leutnant erzählte von dem schweren Gefecht bei Ovikokerero, von der Wut und Strategie der Hereros, die sich in Trichterform aufgestellt und immer wieder ein Umklammern des Häufleins versucht hätten. »Siebzehn Unteroffiziere und Reiter und sieben Offiziere lagen tot oder blutig im Dornbusch! Welch ein Verhältnis ... sieben Offiziere! Darunter François und Eggers, die ältesten unter den alten Afrikanern! Sehen Sie hier die Blutflecke auf meinem Rock? Vom Gehirn meines besten Freundes! Und kein Wasser, um das schauerliche Andenken wegzuwaschen!«

Er schwieg erschüttert, sein älterer Kamerad fuhr fort. »In allen Gefechten sind erschreckend viele Offiziere, bis zu vierzig Prozent, gefallen ... gewiß, sie waren sehr tapfer, aber der Hauptgrund ist: Die Hereros finden sofort unsre Offiziere heraus, und ihre besten Schützen schießen sie weg. Darum ist der strikte Befehl erlassen: Die Offiziere tragen kein Abzeichen, sondern Flinte und Seitengewehr, um dem gemeinen Mann ganz gleich zu sein.«

»Das wird nicht viel helfen,« meinte Jobst, »ich will drüben stehen und auf fünfhundert Meter herausfinden, wer hier kommandiert. Das sieht man an kleinen Bewegungen des Hauptes und der Hände.«

»Ja, du hast Hereroaugen,« lachte Erb.

»Ich werde ruppig, wenn man mich mit den Bestien vergleicht.«

Die Mannschaften hatten ihren Reis gegessen, nahmen ihr Eßgeschirr, füllten Sand hinein, holten einen Grasbüschel, schrubbten den Kessel, wischten mit dem schmutzigen Taschentuch nach – und das Aufwaschen war ohne Wasser und mit guter Laune erledigt.

Im »Kasino« glühten die Pfeifen. »Jetzt fühlt der Mensch ein gewisses Behagen, auch wenn er seit acht Tagen ein perfektes Schwein ist,« lächelte der junge Leutnant, der zu Hause ein Stutzer mit Frisur, Parfüm und Bartbinde war.

Die Frage wurde aufgeworfen, was jeder am heißesten sich wünsche.

»Ein Königreich für ein Seifenbad!«

»Ich nähme eine Flasche Münchner Bier,« sagte Jobst trocken.

Der ältere Leutnant hüpfte hoch. »Hier von Bier zu reden, ist beinahe eine Todsünde, eine Gemeinheit ... das letzte bißchen Wasser, das man in sich hat, läuft im Munde zusammen. Ich wünsche, daß es frisch auf den Feind ginge. Ich will Ihnen den Kriegsplan des Hauptquartiers mitteilen. Die Hauptabteilung unter Leutwein rückt gegen den Feind vor, der hier in den Bergen steht, die Ostabteilung Glasenapp marschiert gleichzeitig von hinten, von Osten her, während die Abteilung Estorf vom Etjogebirge her sich auf die Hunde stürzt. Hurra! Durch das konzentrische Zusammenwirken der drei deutschen Heere, die ihre Kleinheit durch Kurasch ersetzen, kreisen wir die Mordsbande ein. Samuel und all die Schufte mit den alttestamentlichen Namen sitzen im Wurstkessel. Großes Kriegsgericht, schnelle Justiz. An allen Bäumen baumeln die Kapitäne und sühnen den Mord von 160 Deutschen. Friede in Südwest. Siegeseinzug in Windhuk. Lorbeerkränze von weiß gekleideten Jungfrauen. Roter Adlerorden mit Schwertern. Heimkehr. Heldenverhimmelung in Berlin. Ansprache und allerhöchster Händedruck. Das ist der Kriegsplan des Hauptquartiers. Warum lächeln Sie, mein lieber Herr?«

Der Pfadfinder sagte toternst und trocken: »Die Einkesselung wird gelingen ...«

»Freut mich ungeheuer, aus dem Munde eines alten Afrikaners, die sonst nur kritisieren und quäsen ...«

»... Wird gelingen, wenn die Deutschen ein Mordsglück und die Schwarzen einen Mordsrausch haben und in ihren Pontoks schlafen. Für den eisernen Kreis müßten wir ein Armeekorps haben. Fast alle deutschen Feldherren treiben sogenannte Sedanstrategie, auch hier, wo diese Taktik wie die Faust aufs Auge paßt, bemühen sich, Moltke zu kopieren und durch eine grandiose Umzingelung, wie damals an der Maas, Europa zu verblüffen und sich einen hohen Orden zu verdienen. Aber Sedansiege sind nur möglich, wenn man überlegene Streitkräfte besitzt, sintemal von zwei konzentrischen Kreisen der äußere immer größer ist als der innere.«

»Was für eine Taktik würden Sie denn befolgen, mein altafrikanischer Herr Stratege?« fragte der Leutnant ironisch.

»Die Burentaktik! Mit der berittenen Truppe und mit möglichst wenig und beweglichem Train würde ich die Bande angreifen, wo ich sie fände, mit Furor verfolgen und gen Osten in die Omaheke, die Sandwüste, werfen, allwo die Hereros bald dem Durst und Hunger erliegen oder sich ergeben würden. Zu dieser afrikanischen Strategie werden auch unsre deutschen Moltkes sich bequemen ... wollen wir wetten? Man wird diese Methode befolgen, befolgen müssen, aber natürlich erst, nachdem das erste, zweite und vielleicht sogar dritte Sedan zu Wasser geworden ist.«

Der Leutnant, der auf Kriegsakademie gewesen und ein Generalstäbler in spe war, wollte sich von dem Rauhbein nicht belehren lassen und wettete sechs Flaschen Sekt.

 

Die Hauptabteilung vereinigte sich mit der Vorhut und rückte gegen den Feind. Aber ach, der endlose, schwerfällige Treckochsentroß hängte sich wie ein Bleigewicht an alle Bewegungen des kampfgierigen Heeres. Dichter Dornbusch umfing die marschierende Truppe, gleichwie Nebel das Schiff, so daß kein Ausblick möglich war. Viele Flüche ertönten, viel deutsches Blut floß infolge der Risse, denn Kleider, Stiefel, Gesicht und Hände blieben an den Dornen hängen. Im Nebel beschleicht ein unsicher-unbehaglich-beklemmendes Gefühl die Brust. Ähnlich ist es im Dornbusch, überall argwöhnt das Auge schleichende Schlangen und schwarze Gespenster. Eine Kugel pfeift aus feigem Hinterhalt, ein junger Reiter sinkt aus dem Sattel und schreit: Mutter!

Leutweins Heer lagerte bei Otjosasu. Hier erreichte die Postkarre mit den entsetzlich abgetriebenen Ochsen die Truppe. Offiziere, Gemeine liefen Sturm auf die Karre. Erbenheim sprang auf die Deichsel und rief seinen Namen. »Ich gehöre zum Hauptquartier...« Der Beamte antwortete: »Und wenn Sie Generalfeldmarschall wären, müssen Sie warten.«

Das zweimalige »Nichts da« vernichtete ihn. Der Onkel sah ihn an und blinzelte eigentümlich mit den Augen.

»Das Schicksal hält mich zum Narren. Meine Mutter hielt ein blödes Geschwätz für bare Münze ... Die Vorsehung hat sich mit mir einen Aprilscherz gemacht. Um den Witz zu krönen, werden wahrscheinlich mit dieser Post Zeitungen oder Briefe ankommen, darin die Offiziere vor einem Monsieur Erbenheim, einem Abenteurer, Hochstapler, Brillantdieb, gewarnt werden.«

»Du, du willst im Kannibalenlande Gott gefunden haben? Und du traust dem Herrgott eine Gemeinheit zu, die kaum ein Mensch begehen könnte?«

»Nein, meine Bitterkeit darf nicht zur Blasphemie werden,« sagte Erb müde. »O, ich möchte morgen fallen. Aber streiten wir für hohe Ideale, und sterben wir den heiligen Tod? Oder kämpfen wir, damit die Farmer sich ausbreiten, die Händler sich bereichern können?«

»Nein, wir kämpfen für das größere, neudeutsche Vaterland.«

Das machte die Krieger in Südwest stark, die Mühsal zu ertragen, das hob und heiligte sie zum Heldentum ihrer Väter, die für größere Ziele stritten, aber ihre übermenschliche Ausdauer nicht erreichten.

In der Frühe des 13. April marschierte das Heer von Otjosasu ab. Die Witbois – der alte Kapitän Hendrik, der sogar eine Staatspension bezog, hatte eine Hilfsschwadron seiner Reiter, kenntlich an den weiß bezogenen Hüten, gesandt – klärten auf und meldeten, daß der Feind auf Oviumbo zurückgegangen sei. Die gelben Reiter auf ihren Kleppern, die in Südwest besser als Trakehner zu gebrauchen sind, sollten sich an Oviumbo heranschleichen; weil man ihnen nicht ganz traute, ging eine Patrouille, bei der die Pfadfinder waren, zur Kontrolle mit. Die frischen Anzeigen großer Herden sagten, daß die Hereros hier gezogen seien. Aber der Busch bei der Wasserstelle Oviumbo war leer, das ganze Rivier, dessen gelbe Sandfläche in der Sonne wie Wasser glitzerte und blendete, war wie ausgestorben. Der Offizier der Patrouille brummte: »Wir können nur melden, daß die Kaffern sich wieder mal verkrümelt haben.«

»Töv enen Ogenblick!« raunte Jobst im gemütlichen, plattdeutsch despektierlichen Ton, so daß der Leutnant scharf zur Seite sah und verdutzt ihm nachgaffte. Der Alte warf sich plötzlich, nach Art der Cowboys, in den Bügeln erdwärts und griff zu. Seine Hand hielt wie einen Skalp die hohe Lederhaube eines Hereroweibes, packte fester zu und faßte die verfilzten Haare eines kreischenden, heulenden, halbnackten Weibes. Ist das Weib die Krone der Schöpfung, so war diese Hexe der Höhepunkt abschreckender Häßlichkeit. Der Alte verstand, mit solchen Damen umzugehen, und steckte ihr einen Biskuit ins Maul, so daß sie zu schreien aufhörte und zu schmausen anfing. Die Hereroine, wie Erb sie taufte, war nur Haut und Knochen, mit ein paar Lumpen und viel Schmutz bedeckt. Man setzte die wie ranziges Fett und Fuchsodeur riechende Dame auf einen Gaul und jagte zum Hauptquartier zurück.

Herr Renner verhörte die verstockte Gefangene, die auf die Frage, wo die Hereros seien, nach Osten, Norden und Süden zeigte, aber bestimmt beteuerte, daß Oviumbo von den Kriegswerften ihres Volkes verlassen sei. Jobst wollte ihr den Schambock zeigen und traute ihr nicht. Doch die Stabsoffiziere duldeten aus Ritterlichkeit nicht, daß eine Frau geschlagen werde, und sagten: »Das elende Geschöpf sagt offenbar die Wahrheit, Oviumbo ist verlassen.«

Der alte Pfadfinder verzog das Gesicht zum schiefen Lächeln. »Just der Umstand, daß von den Hereros kein Kuhschwanz, keine Nasenspitze zu sehen ist, erregt meinen Verdacht ... sonst beobachten sie durch Späher jede Bewegung des nachrückenden Feindes.«

Die Offiziere konnten sich von dem alten Lederstrumpf nicht belehren lassen. Oviumbo war laut Erkundigung verlassen und damit basta!

Die Herren vom Stabe hatten ihr Gaudium an dem ulkigen Alten. Der Hauptmann L. zwinkerte. »Nach Herrn Renners Meinung ist unser Kriegsplan unafrikanisch und utopisch. Die Kaffern können doch nicht ahnen, daß wir sie von vorn und hinten angreifen.«

»O, das wissen sie längst durch Kundschafter, sogar die Stärke jeder Abteilung kennen sie genau. Meine Herren, man muß den Feind nie für dümmer halten, als man selber ist.« Jobst hatte die Kardinalweisheit aller Strategie gelassen ausgesprochen. Die Offiziere lächelten, und er begründete seinen witzig boshaften Lehrsatz: »Man darf nie annehmen, daß der Feind eine Dummheit machen wird, sondern man muß stets damit rechnen, daß der Gegner gerade das tun wird, was einem am allerunangenehmsten ist. In unsrem Falle! Die Hereros werden nicht so einfältig sein, uns anzugreifen, wo wir am stärksten sind, sondern genau da, wo unser Kreis am schwächsten ist und große, leere Lücken hat.«

Die Offiziere lachten nicht mehr über den ulkigen Alten. Mancher hat den Abend dieses bösen dreizehnten Apriltages nicht erlebt.

Um zehn Uhr erreichte die Spitze Oviumbo und tränkte ihre Pferde. Sie sah nichts Verdächtiges und nur, daß schwarze Reiter, die aber weiße Hutbezüge hatten, weiter flußabwärts ebenfalls tränkten. »Das sind Witbois, unsre lieben Bundesgenossen.«

Ein Gezisch und Geknatter schreckte die ahnungslosen Deutschen, die ihren Durst löschten, auf. Die Hereros hatten sich listig wie Witbois kostümiert und gaben ganze Salven. Oberleutnant Reiß nahm eine Handvoll Reiter, stürmte wütend und ohne Besinnen am Flußufer vor, ritt in die Teufelei und Tücke, in ein gräßliches Kreuzfeuer hinein und erlitt mit mehreren den Heldentod.

Die Ränder und Höhen waren stark besetzt. Es kam ganz anders, als der Kriegsrat geplant hatte. Die Deutschen, die einkesseln wollten, wurden umklammert und um ein Haar erdrückt. Leutwein warf mit Geistesgegenwart zwei Kompagnien und zwei Batterien in die Feuerlinie, nur dadurch wurde ein Unglück verhütet. Auf dem Südufer des Swakop wurden die Deutschen mit derselben Wildheit bedrängt. Leutwein erkannte die schwere Gefahr und zog alle seine Truppen auf diesem Ufer zusammen, so daß das breite Rivier freies Schußfeld gab und wenigstens der Rücken frei gehalten wurde.

Jobst sträubte die Brauen. »Schwerenot! Ich kenne die Hereros nicht wieder. Vor dreißig Jahren waren sie feige Hyänen, und jetzt stürmen sie wie die Löwen vor und nehmen uns an. Heute muß jeder seine Pflicht tun... vorwärts, mein Sohn!«

Er und sein Neffe lagen im Feuer, aber hinter einem Termitenhügel. Die Neger schossen nur zu gut; wer die geringste Blöße sich gab, war verloren. Die höllische Musik der Schlacht hielt Stunde um Stunde an, marterte die Ohren und zerriß die Nerven. Unaufhörlich knatterten die Flinten, ratterten die Maschinengewehre, krachten die Kanonen, aber die Hereros lagen an den Boden gepreßt und ließen das Schnellfeuer über sich hinwegbrausen und -blitzen. Fiel einer, so nahm der Kirriträger sein Gewehr und schoß weiter. Einige schwarze Teufel kletterten in die Bäume und gaben von oben verhängnisvolle Steilschüsse ab. Mancher Sohn einer deutschen Mutter, der sich nicht tief genug in die Erde gewühlt hatte, sank mit einem Aufschrei hin. Jobst wurde zornig und fing an, die Riesenraupen herunterzuputzen. »Jung, halte auf den Wollkopf!« Erb füllte sein Magazin und feuerte. Eine Raupe nach der anderen kollerte kopfüber, und die meisten hatten Gehirnschüsse.

Aber immer wieder, wütig wie angeschweißte Raubtiere, stürmten die Neger, die an dem Tage wie die Rasenden waren, heran. Wenn sie in den Streuhagel des Maschinengewehrs gerieten, gingen viele kopfüber. Die anderen jedoch sprangen weiter, kamen bis auf zwanzig Schritte heran ... tierisch tückisch glühten ihre Augen, im weit aufgerissenen Maule schimmerte das weiße Tigergebiß. Obgleich manchem deutschen Reiter das Haar sich regte, blieb seine Hand fest. Aus jedem Rohr zuckten zehn schnelle Blitze.

Mit einem Todesmut, den sonst der Schwarze nicht besitzt, erneuerten die Hereros diese wilden, wahnsinnigen Angriffe, die unter dem Schnellfeuer zusammenbrachen.

Doch auch die Deutschen gewannen in dem furchtbaren, achtstündigen Gefecht keinen Fußbreit der Dornbuschsteppe. Das acht Stunden lange Pfeifen, Zischen, Krachen, Heulen spannte alle Sinne, Muskeln und Nerven zum Zerspringen an. Die Munition nahm bei dem Massenverbrauch bedenklich ab. Leutwein sah sorgenvoll die Sonne sinken, sah, daß sein Heer auf drei Seiten umklammert sei. War das die Einkreisung, die er gewollt? Noch war der Rücken und der – Rückzug frei.

Der alte Jobst war in rabiater Stimmung. »Welch eine Affenschande! Wir lassen uns von Niggern besiegen! Ich gehe vor ...«

Erb folgte ihm und sprang durch die Gefahrzone. Ein Dornbaum war von den Schrapnells entwurzelt und umgeworfen. In dem Loche hinter dem Wurzelknollen fanden beide Deckung und ein besseres Schußfeld. Jobst schoß und lachte: »Hurra! Das war ein Kapitän, sonst hätten die Kerle den Kadaver nicht geborgen. Nach dem Geschrei der Weiber ist es ein Mann von Rang und Rindern gewesen.«

Erb legte den Ellbogen in die Wurzelhöhlung hinein; wobei er auf etwas Weiches, Lebendes stieß. Eine Schlange oder Hyäne? Das fehlte noch in dieser Lage. Sein Auge sah etwas Hellbraunes, Winselndes, Wedelndes. Ein Hererohund, ein krummbeiniger Teckelbastard aus einer bösen Mesalliance, kroch ein wenig hervor und leckte ihm bittend die Hand. Er gab dem Tiere Brot aus seinem Beutel. Nachdem es gierig gefressen und dankbar geleckt hatte, kuschelte es sich wieder in sein schlau gewähltes, kugelsichres Versteck hinein. Am Spätabend sah Erb plötzlich, daß der Hund hinter ihm her trollte und sich nicht vertreiben ließ. Der Hereroköter blieb ihm treu, wurde Oviumbo genannt und machte den ganzen Feldzug mit.

Als die Abendschatten lang wurden, machten die Kaffern mit furioser Verzweiflung ihren letzten, wildesten Ansturm auf die erschöpften Krieger. Der junge Afrikaner schob die Ladung in das Magazin und zielte ... was war das? Der alte schlug ihm den Lauf zur Erde und schrie: »Nicht schießen! Sie verfolgen einen deutschen Offizier, der vor ihnen herjagt ... hierher, Herr Leut–!« Ein Wutlaut krächzte aus der Kehle des Alten, ein furchtbarer Fluch knirschte. O, der deutsche Offizier war eine Tücke, war ein langer Herero mit einem scheußlichen Affengesicht in einer schmucken, geraubten Uniform. Durch diese infame List war die Bande auf zehn Schritt an die Feuerlinie herangekommen. Jobst glotzte und stierte dem schwarzen Pseudoleutnant in die höhnisch grinsende, verzerrte Larve, als sähe er ein Gespenst. »Das ist das Tier, das Ungeheuer ... Kapitän Josua! Dich habe ich gesucht, du Hu–Hund, du Scheu–scheusal!« Der Pfadfinder, der vor Rachgier zitterte, kehrte die Flinte um, schwang den Kolben wie eine Keule und sprang trotz der Kugeln, die ihn trafen, auf den Kapitän los. Der Negerschädel krachte vom schmetternden Kolben, Josua fiel wie ein vom Beilhieb getroffener Stier, in den Dornbusch. Jobst, der rasende Berserker, hob die Keule, um seinem Todfeind das viehische Gesicht, das seine unnennbare Schande gesehen hatte, zu zermalmen. Aber die Hereros rächten ihren Kapitän. Der alte Eisenfresser, von noch einer Kugel getroffen, knickte zusammen und lag wie tot. Zwei nackte Kerle hoben den Kirri, um das Gehirn des Gefallenen zu zerschmettern. Aber Erb schoß den einen ins Ohr und stieß dem anderen den rauchenden Lauf in die Augen. Als er den Körper des Oheims aufhob und in Deckung zurücktrug, flog ihm eine Kugel zwischen Arm und Seite hindurch und blieb in dem Banknotenbuch, das Jobst auf der Brust trug, stecken.

»Mari und Joseph!« rief in der Schützenlinie ein Pfälzer, »gucke mal! Gelle, der lange, tote Herero steht wieder uff.«

Ja, so ein Niggerschädel ist mit Gußstahl gepanzert. Josua krabbelte aus den Dornen heraus, kratzte seinen Wollkopf und taumelte den Fliehenden nach.

Während Erb in tiefer Betrübnis eine Träne aus den Augen sich wischte, richtete der Alte plötzlich von den Toten sich auf und fragte vorwurfsvoll: »Was ... was flennst du? Pfui ... mir fehlt nichts ...«

»Mein Gott, du lebst ... schnell zum Verbandplatz!«

»Ich flick' mich selber zusammen.«

»Herrgott! Du hast vier Kugeln im Leibe ...«

»Was ist da zu herrgotten! Hilf mir auf die Trittlinge! Au ... au.«

Das Gehen ging nicht. Die vierte Kugel saß allerdings nicht im Leibe, sondern in der Banknotenbank und machte dem Alten am meisten Sorge. Erst nach der Feststellung, daß die Scheine alle ein rundes Loch, aber die Nummer und ihren Wert behalten hatten, beruhigte sich der blessierte Afrikaner.

Der Arzt untersuchte ihn und sagte: »Das sind Fleischwunden, aber der dritte Racker hat hier ein Loch gemacht und muß zwischen den Rippen sitzen.«

»Da soll er nur ruhig sitzen bleiben zum Andenken an Oviumbo,« schmunzelte der unverwüstliche Mann, der eine eiserne Konstitution hatte.

Kurz vor Einbruch der Nacht machte Leutwein seinerseits einen Sturmangriff, nicht um den Sieg, sondern um den Rückzug zu gewinnen. Die von drei Seiten umklammerten Truppen gingen im Karree, nach allen Seiten feuernd, tapfer vor und eroberten tausend Schritte Terrain. So war Luft und Raum gewonnen, um die Retraite zu machen.

Jobst Renner hockte auf der Vorkiste eines Ochsenwagens und rauchte trotz der Blessur und des ärztlichen Verbotes. Als der Rückzug begann, schleuderte er den Nasenwärmer wütend hin. »Das muß ich erleben, eine Niederlage von verd– Niggern muß ich erleben! O, das ist ein bittrer Tabak! Mir soll keine Pfeife schmecken, bis dieser Tag von Oviumbo gerächt ist!«

Schönfärber haben das Gefecht von Oviumbo einen Sieg genannt, was es gewiß nicht war, denn es ist lächerlich, einen Rückzug eine Viktoria und den, der das Feld räumt, den Sieger von Oviumbo zu nennen. Leutwein wäre allerdings nach den späteren Feststellungen der Sieger geworden, wenn er kühn bis zum Morgen ausgeharrt und die Hereros, die ungeheure Verluste erlitten hatten, durch einen Sturm in die Flucht geschlagen hätte. Der Höchstkommandierende wußte aber nicht, wie es um den Gegner stand, und entschuldigte sich damit, daß ein Sturm zu viel Blut gekostet hätte, und daß die Munitionskolonnen nicht gekommen seien.

Jobst lag im Lazarettwagen, fuchtelte und fluchte. »Die Rede vom Pulvermangel steht auf schwachen Füßen, denn auf der Retirade stießen wir nach dreitausend Metern auf die Munitionskolonne ... und am Abend, ehe der Rückzugsbefehl erging, baten die alten Afrikaner den Gouverneur zu bleiben und boten sogar ihm an, in der Nacht die zweite Staffel mit der Munition heranzuholen. Aber das Blut erschreckte ihn? Bei den Toten von Rezonville und Mars la Tour! Blutverluste, welche das Vaterland und die Ehre fordern, darf kein Feldherr scheuen.«

Ähnliche Vorwürfe wurden gegen einen vortrefflichen, bisher bewährten Mann erhoben; in der bösen Nacht vom 13. zum 14. April fielen böse Worte, daß es dem Gouverneur an Schneidigkeit und Wagemut gefehlt habe. Ein erfolgloser Heerführer wird immer abgeurteilt und abgetan.

Die Laufbahn des hochverdienten Mannes war zu Ende. Er mußte die kriegerischen Operationen einstellen und Verstärkungen erbitten, um den weit unterschätzten Gegner zu bezwingen. Das Unterschätzen des Feindes ist die Todsünde des Feldherrn und war auch hier der Fehler gewesen.

Die Zeitungen in Deutschland schrieben, und die Philister schimpften: Noch mehr Verstärkungen und kostspielige Truppensendungen? Noch mehr Millionen sollen in der Sandwüste verpulvert werden? Es ist eine Affenschande, daß die Kerle in Südwest die Wilden, die Kaffern nicht im Handumdrehen zur Raison bringen. Dieses törichte, von keiner Sachkenntnis getrübte Geschreibsel wurde im Kriegslager mit tiefer Verbitterung gelesen. Unsre Krieger in Südwest, die mit großer Tapferkeit gekämpft und weit größere Ausdauer als Anno 70 in Durstnot und Mühsal, in den Schrecknissen eines barbarischen Krieges, einer erbarmungslos wilden Natur bewiesen hatten, ernteten, weil sie das Unmögliche nicht vermochten, häßliche Verkennung und schwarzen Undank. Abfällige Bemerkungen, ein blödes und, wenn sie als Helden starben oder schauerlich verdursteten, bedauerliches Achselzucken – das war ihr Lohn und Lorbeer. Will der deutsche Michel denn ewig der dumme und undankbare Michel bleiben?

Das Gefecht bei Oviumbo war wahrlich kein Sieg gewesen und wurde dennoch in seinen Wirkungen ein Erfolg der deutschen Waffen. Die Hereros hatten sehr schwere Verluste an Kapitänen und Großleuten – die gemeinen Neger und Feldhereros sind Nullen und zählen nicht mit – erlitten und einen höllischen Respekt vor Maschinengewehren und großen Rohren, vor Mut und Mannszucht der Deutschen bekommen. Das kühne Angreifen war ihnen gründlich verleidet worden. Wie die Geschlagenen verließen sie das Schlachtfeld und das ganze Gebiet, um nordwärts zu eilen und am Waterberg ihre Werften zu bauen. Dort lebten sie, ohne an die greuliche Mordschuld zu denken, in den Tag hinein; sie schlachteten das geraubte Vieh, feierten Eß- und Tanzfeste und wiegten sich in dem Wahn, daß die Deutschen sie dort oben ungeschoren lassen würden. Die Waffenruhe der nächsten Monate bestärkte sie in ihrem gewaltigen Irrtum. – – –

Jobst saß im Lazarett von Okahandja und hatte die kalte Pfeife im Munde, um sein Gelübde zu halten und einen imaginären Tabaksgenuß zu haben. Hier hatte er sein Tag- und Nachtlager, da er im dumpfen Saal Asthma und Arterienverkalkung, wie er behauptete, bekam. Er war sonst stillzufrieden, weil er die an ihm fressende Schmach gesühnt und den viehischen Kapitän erschlagen habe. »Meine Rechnung ist beglichen, nun will ich noch meinen Landsleuten helfen, die Hereros einzukesseln ... haha! Ich möchte wetten, der neue Moltke, den wir jetzt kriegen, wird in Swakopmund mit den Plänen für ein neues Herero-Sedan in der Tasche ans Land steigen. Mit Kleinigkeiten fangen unsre Strategen gar nicht an ... ein Bombenerfolg und Knalleffekt, eine geniale Gefangennahme des ganzen Volks muß es sein. Haha! Wenn der Herero kein Pulver, keine Omeire, keine Unkjis, rein gar nichts mehr zu fressen hat, genau dann auf die Minute wird er zu Kreuz kriechen und wird der Aufstand zu Ende sein. Dann ist meine Arbeit getan, und ich kann die große Reise antreten.«

»Nach Ostafrika?«

»Nee, mein Sohn, die ganz große Reise nach dem unbekannten Planeten ... um Gottes willen bloß kein Paradies mit dem sogenannten ewigen Frieden, wo Lamm und Löwe gegenseitig, wie die Affen, sich lausen, bloß das nicht! Großwild, auch etwas Schießerei und Stänkerei müßte auf dem Planeten sein.«

Erb hatte bisher aus Rücksicht auf den verwundeten Onkel verschwiegen, daß der schädelstarke Josua etwas taumelig wieder aufgestanden sei. An diesem schönen Morgen mußte er die volle Wahrheit sagen. Der alte Pfadfinder schnitt eine greuliche Grimasse, die Narbe vertiefte und verzerrte sich, er schlug auf den Tisch. »Warum hast du das so lange verheimlicht, du Fuchsschwänzer? Ich liege hier kommod und faul und räkele mich in dem Wahn, daß ich mich ruhen darf. O, ich bin beschimpft, entehrt, bespukt von einem Nigger! Auf! Ich muß den Hund von Josua in meine Finger haben! Diesmal werfe ich ihn ins Feuer, damit der scheintote Schuft nicht wieder lebendig werde.«

»Laß ihn laufen! Er wird schon, wie die andern, ins Verderben rennen.«

»Was faselst du? Weißt du, was er mir getan hat? Daß er mein Weib gewaltsam nahm, war todeswürdig, tierisch, aber nur ein Verbrechen ... o er hat mich geschändet ... und das war scheußlich, satanisch. Ich ... ich kann es nicht sagen ... nur flüstern ... neige dein Ohr an meinen Mund! O ... ich war ja gebunden worden und wehrlos... der Teufel ließ meine Nasenwand durchstechen, zog einen Holzplock hindurch ... band einen Ochsenriemen um die Enden des Pflocks und ... und löste meine Stricke.« Der Alte schluckte und schrie auf. »Ich war ein Wilder, ein Neger, ein Tier geworden! Zum Treckochsen, zum Reittier machte der Herero mich. Unter dem Gelächter der Bande trieb er mich am Nasenzügel, mit dem klatschenden Schambock um die Pontoks herum ... zuletzt setzte er sich auf meine Schultern und ritt mich durch die Werft ... vor allen Pontoks wieherten die Weiber: Schlag den weißen Reitochsen! Schlag ihn in Galopp! Und er schlug. Das hat das Tier von Josua mir angetan, zum Tiere mich gemacht! Meine Schande ist so ungeheuer, daß ich sie nur in seinem Blut abwaschen kann.«

Erb sprang erregt auf. »Die zum Himmel schreiende Schmach, die einem Weißen, einem Deutschen zugefügt wurde, ist nicht geahndet worden? Unerhört!«

»Nein, wir hatten kein Recht, keinen Richter, keinen rechten Herrn in Südwest ... dann wehte die deutsche Flagge an der Küste, ich erhob Klage, aber der deutsche Konsul wollte mit den Hereros nicht anbinden.«

»Mein Vater, die Bestialität muß gerächt werden. Dazu helfe ich dir!«

Der alte Pfadfinder hatte keine Ruhe mehr und ärgerte sich über die Truppe, die untätig stand, um die Verstärkungen und den neuen Feldherrn – es sollte eine Exzellenz sein – zu erwarten. »Herrgott von Gravelotte! Sind das die Deutschen von Anno 70, die bei Spichern und St. Privat wild draufgingen und viel unnötiges Blut vergossen? Gäbe man mir doch unsre berittenen Kompagnien, statt sie vom Typhus töten zu lassen, ich würde mit wenig Troß auf die Schufte losfahren, sie aus dem grasreichen Dornbusch herausräuchern und in die Omaheke jagen. Die Sandwüste wird sie klein kriegen und den Aufstand beenden. Herrgott! Daß man rein gar nichts zu sagen hat! Mein lieber Junge, du hast auch deine schwere Sorge, und selbst mir geht jetzt die Geduld aus ... der Brief muß wohl verloren gegangen sein. Mein Sohn, laß dir Urlaub geben und reite mit einem Rücktransport nach Windhuk, um nach dem Briefe zu forschen und eventuell telegraphisch in Deutschland anzufragen. Du leidest zu sehr.«

Zwei Stunden später bestieg Erb ein gesalzenes Pferd, das die Pferdesterbe gehabt und gegen die Seuche immun war. Sein Onkel hatte es für schweres Geld gekauft. Er hat den Klepper lieb gewonnen und hochachten gelernt; denn der Schein trügt oft. Der Hottentottenfuchs besaß viele Schönheitsfehler, eine unmilitärische Beinstellung, eine schmale Brust, aber auch Hufe von Stahl und eine beispiellose Ausdauer und Bedürfnislosigkeit, so daß er achtundvierzig Stunden ohne Wasser trabte, ohne ein Haferkorn von dem graubraunen Gras d. i. Heu auf der Wurzel sich ernährte. Die endlose Einförmigkeit des Dornbusches hörte auf, die freundliche Landschaft mit Weiden und Wäldchen und dem Kranz der Spitzkuppen erquickte das Auge. Der Reiter sah sich um und sagte: Ich habe dieses Land trotz seiner Öde und Armut, trotz seiner Wassernot und Wildheit lieb gewonnen, ich kam, wie viele, mit einem Vorurteil, und es ist mir ein neues, teures Vaterland geworden. Diese verlästerte Kolonie muß einen geheimen Zauber, eine tiefe Anziehungskraft haben, daß sie so viele starke Männer festhielt. Ja, das weite Südwest gibt Ellbogenfreiheit dem, der aus Europas stickiger Enge kommt, gibt große Zukunftsmöglichkeiten dem Manne, gewährt dem Landhunger ungeheure Flächen und der Phantasie, dem deutschen Wander- und Abenteurertrieb fröhlichen Spielraum.

Erbenheim ritt mit einer leeren Kolonne. Nach der dritten Meile bekam er einen unerwarteten Begleiter. Der Hund Oviumbo war ihm nachgeschlichen und meldete sich zur Stelle, als ein Zurücktreiben nicht mehr möglich war. Bald zeigte der häßliche Beller, daß er auch hohe Tugenden besaß. Die Kolonne lagerte an einer Wasserstelle und schnarchte, die Gegend galt als sicher. Da fuhr der Köter mit Gekläff in den Galeriewald hinein, immer weiter, immer bösartiger bellend. Hat er einen Koran oder Duiker aufgetrieben? Oviumbo kehrte zurück, die Zunge lang aus dem Halse, sprang auf und voran, wedelte und winselte: Komm mit! Erb warf sich auf den Fuchs und galoppierte. Himmel! Die Ochsenwache war von einem Kirri erschlagen, die Ochsen fort. Der Hund, der in einer Hererowerft großgehungert und großgeprügelt war, hatte einen guten weißen Herrn und haßte die Hereros mit dem ganzen Haß des Renegaten. Er verfolgte und führte und biß in eine nackte Wade hinein. Der Herr riß Funken. Da rückten die Hereroräuber aus und ließen die Treckochsen stehen. Oviumbo verfolgte sie und brachte im Triumph die erbeutete Sandale eines Feldherero, wofür er gelobt und gestreichelt wurde. –

Auf der Post in Windhuk war kein Brief. Erb seufzte verzagt: Eine Täuschung und Teufelei ist es gewesen. Mein Schicksal hat mich gefoppt und zum Opfer eines boshaften Witzes gemacht. Traurig depeschierte er nach Deutschland.

Das Antworttelegramm flog schnell wie der Gedanke über den Erdkreis, tickte in Windhuk und raubte dem Empfänger die Sprache, denn der heißeste Schmerz und das höchste Glück haben keine Worte. Sechs Stunden lang las er an den paar Worten des Telegramms: »Mein glücklicher Brief vor drei Monaten abgesandt. Deine Unschuld erwiesen. Gott groß. Alles wird gut.«

Am Tage nach der Abreise des Neffen langte die Postkarre in Okahandja an. Und der an Erbenheim, aber ungenügend adressierte Brief war da und auf beiden Seiten mit Stempeln und Aufschriften bedeckt. Er hatte eine wahre Odyssee im Lande gemacht, im Postamte Windhuk sich ausgeruht, um wieder von einer Heeresabteilung zur anderen zu wandern, mit Vermerken versehen zu werden und zu allerletzt den Adressaten im Hauptquartier zu suchen. Jobst stand auf dem Turm der Feste und schwang den Brief wie eine Freudenfahne, als Erb in Okahandja einritt.

Schwere Freudentränen rollten über die Backen des jungen, tiefbraunen Afrikaners. Solche Zähren stehen auch dem Manne wohl an. »Meine Mutter schreibt: Der Dienstmann 21, der bei der Vernehmung sofort dich als den Versetzer des Brillantrings bezeichnete und durch seinen Zeugeneid den Schuldbeweis vollendete, ist als Lügner und meineidiger Schurke entlarvt worden. Nicht die klugen Kriminalisten, Juristen und Staatsanwälte haben den braven, herrlich beleumdeten Mann durchschaut noch seine Niedertracht geahnt, sondern Gott selbst hat seine Hand an ihn gelegt und den Biedermann gerichtet. Im Hause des Viertels, wo er im dritten Stocke wohnt, feiern sie unten im Erdgeschoß Geburtstag bis tief in die Nacht hinein. Hafenarbeiter, Kellnerinnen und fragwürdiges Volk hat sich bezecht und will sich noch über Spiritus einen Schlummergrog brauen. Die Betrunkenen tanzen und toben ... eine Kellnerin reißt den Apparat und den Spiritus um, im Augenblick stehen Teppich, Gardinen und Schloßkorb in Flammen. Die kopflosen Gäste laufen schreiend auf die Gasse und lassen alle Türen hinter sich offen. Das Zimmer ist eine Lohe, die Flammen fliegen, durch den Zugwind gejagt, die Treppe hinauf. Das ganze Treppenhaus steht in Glut und Rauch. Da erwacht der Dienstmann oben vom Geschrei und reißt seine Korridortür auf, um zu sehen, was der Tumult bedeute. Todesgäste, dicke Rauchschwaden und hüpfende Flammen dringen in seine Wohnung hinein und werfen den alten Mann hin. Als die Feuerwehr die Magirusleiter ersteigt, findet sie die ohnmächtige Frau und den schwer verbrannten Mann, die ins Krankenhaus gebracht werden. Mutet das nicht wie ein Gottesgericht an, wenn man erwägt, daß in der Stadt Jahre vergehen, ehe durch Feuersbrunst ein Menschenleben gefährdet wird? Die arme Frau erholt sich, der elende Mann liegt wie eine schwärzliche Leiche da, die Haut hängt in Fetzen ... die unselige Leiche erwacht zum Leben ... die Ärzte haben nicht die geringste Hoffnung und dürfen doch nicht die Qual verkürzen, sondern müssen alles tun, um das Sterben zu verlängern.«

»Eine total verrückte, zur Grausamkeit gewordene Humanität.« Jobst mußte seine Meinung sagen.

Der andere hörte es kaum und las heiß und hochrot. »Der Elende lebt und leidet noch fünf Tage und Nächte. Sein Schreien, sein Flehen, ihn zu töten, soll schauerlich gewesen sein. Am dritten Tage, als sie ihn zur Linderung ins Wasserbad legen, wimmert er: ›Ich kann nicht leben ... und ich kann nicht sterben, denn ich habe ein schweres Verbrechen auf dem Gewissen ... ich habe einen Menschen, einen vornehmen Herrn unschuldig ins Gefängnis gebracht‹. Der Oberarzt, der Staatsanwalt werden geholt, der Dienstmann liegt im Wasser, ist ruhiger geworden und macht mit klarem Bewußtsein und deutlicher Stimme seine erschütternden Aussagen, die zu Protokoll genommen und von ihm mit drei Kreuzen unterzeichnet werden. Ihm sei überhaupt kein Brillantring zum Versetzen gegeben worden, sondern den Ring habe er auf der Straße hart an der Gosse unter der Engelschen Wohnung gefunden und aufgehoben. Den Wert des blitzenden Steins ahnend, habe er dem Pfandleiher gesagt, daß er im Auftrag eines sehr feinen Herrn den Brillanten versetzen und eine hohe Summe darauf haben solle. Das habe glaubhaft geklungen, da bessere Herrschaften Pfandleihen ungern betreten. Um den ergaunerten Reichtum zu behalten, habe er sich herauslügen und einen andren bezichtigen müssen. Als er zur Vernehmung gerufen, beim Untersuchungsrichter einem fein gekleideten Herrn gegenüber gestellt worden sei, habe er sich sofort gesagt: Der ist verdächtig, den mußt du als Täter bezeichnen, um dich selbst herauszuwinden. Alles sei nach Wunsch gegangen, die Gerichtsherren hätten ihm sogar bei seinem Lügengespinst geholfen. Nur der Eid habe ihm häßliche Angst und böse Träume bereitet. Nachher aber habe er sich gesagt: Der Sohn des Landgerichtsrats sei jetzt wieder auf freiem Fuß und immer noch besser daran als ein geplagter Dienstmann, der für fünf Groschen jedermanns Hund und Schubjak sei. Dann sei die gräßliche Strafe Gottes, der Brand, gekommen ... Gift, Gift solle man ihm geben, um zu sterben ...«

»O welche infernalische Tiefen sind im Menschenherzen! Dieser Schuft konnte jahrelang ruhig schlafen und essen, obgleich er das Lebensglück, die Ehre eines Mitmenschen ermordet hatte!« rief Erb und las weiter:

»Mein lieber Sohn, ein Rätsel ist noch ungelöst, nämlich die Frage, wie der Ring auf die Straße und in die Gosse kam. Manche meinen, der Dienstmann lüge noch immer, habe sich ins Haus geschlichen und den Ring gestohlen. Doch dem widerspricht die Aussage aller Domestiken, daß die Korridortür stets verschlossen gewesen und ein Einschleichen unmöglich sei. Auch wenn die Frage dunkel bleibt, berührt sie deinen Fall nicht, denn bewiesen ist, daß der Ring nicht in deinen Händen gewesen ist. Dein lieber Vater, der dich herzlich grüßen läßt, betreibt das Wiederaufnahmeverfahren mit aller Energie. Für ihn und alle seine Kollegen, die ihm mit warmer Herzlichkeit gratulieren, besteht nicht der leiseste Zweifel, daß das neue Verfahren dich glänzend freisprechen und völlig rehabilitieren wird. Mein einziger Sohn, deine Vergangenheit ist fleckenlos, deine Zukunft hell und klar, dein Ruf rein, dein Ehrenschild blank geworden. Ich kann nur vor Freude weinen und immerzu sagen: Mein Gott, du hast Großes an mir und meinem Mutterherzen getan.«

Der Brief erhielt noch mehr, was sekret zu sein schien und darum nicht vorgelesen wurde. Jobst rief: »Junge, Junge, nun hast du deinen richtigen Vater wiedergekriegt, und ich kann als provisorischer Vater abtreten und wieder den alten, ehrlichen Onkel spielen.«

»Nein, du bist mein rechter Vater gewesen, und du sollst mein rechter Vater bleiben.«

Jobst rief noch einmal: »Junge, Junge, da hat der Herrgott mal ein gehöriges Licht aufgesteckt, in die dreckigen Ecken hineingeleuchtet und die Gewebe der Giftspinnen herausgekehrt.«

Erbs Brauen warfen einen Schatten über die hellstrahlenden Augen. »Ganz glücklich bin ich dennoch nicht ... das dunkle Rätsel, daß Ella Ritterhus an meine Schuld glaubte, daß sie wußte, woher ich das Geld hatte, und mich doch am Schandpfahl stehen ließ ... o, die Finsternis bleibt.«

»Steht etwas von der Person im Briefe drin ...?«

»Ja, meine Mutter schreibt: Die Erbin des Fräuleins Vermehren hat bis jetzt von den lächerlich vielen und lächerlich verschiedenen Anträgen keinen angenommen. Die Ella ist ein sehr sympathisches und liebes Mädchen ... ich sehe dein verdutztes Gesicht, ich kenne sie ja gar nicht, denkst du. Mein Sohn, ich habe sie kennen gelernt. Neulich, als das Sinfoniekonzert zu Ende ist, kommt zu meinem Erstaunen eine junge, anmutige Dame recht verlegen auf mich zu und sagt ganz leise: Verzeihen Sie, Sie sind Frau von Erbenheim, und ich heiße Ella Ritterhus. Zwei Tränen schwammen in ihren Augen, sie drückte meine Hand und suchte nach Worten. ›Ich habe mit Ihnen gelitten und ... und ich bin mit Ihnen glücklich ...‹ So ungefähr lauteten ihre Worte, aber sehr glücklich sah die Erbin eigentlich nicht aus.«

Jobst sprach im Affekt plattdeutsch und rief zum dritten Male: »Junge, Junge, datt löppt sich all torecht. Soweit ich mich auf Frauenzimmer und Liebesgeschichten verstehe, datt düstre Rätsel löppt sich torecht.«

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