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Ein alter Afrikaner

Johannes Dose: Ein alter Afrikaner - Kapitel 11
Quellenangabe
typenarrative
authorJohannes Dose
titleEin alter Afrikaner
publisherHinstorffsche Verlagsbuchhandlung
addressWismar
year1913
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectid9524a0b1
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Elfter Abschnitt

Die Audienz am Sultanshofe von Ruanda sollte um acht Uhr stattfinden; die afrikanischen Fürsten lieben die frühen Empfänge der Hitze wegen. Jobst befahl seinem Neffen mit der ernstesten Miene, den grellbuntesten Langschal, der in den Vorräten sei, sich als Schärpe umzubinden, seinen Korkhut mit knallrotem Tuch zu umwinden und drei Straußfedern als wehende Krone darauf zu setzen. Erb, im Glauben, daß der Alte ihn wieder mal veralbern und auslachen wolle, erwiderte patzig: »Ich werde mich nicht zum Affen machen, wenn du dich aber dazu berufen fühlst, so will ich dir gern zwei Schärpen umbinden, auch das Löwenfell dir über den Rücken hängen und mit den Büffelhörnern dein Haupt schmücken.«

»Ja, ich werde mich wie einen Pfingstochsen aufputzen und dich auch ... das ist mein heiliger Ernst. Weißt du noch nicht, daß alle kindischen Leute einen Menschen nach seiner Pelle und seinem Aufputz beurteilen und bewerten? Auf die dreckigen Negerkönige macht ein schlichter Europäer keinen Eindruck ... nur einen scheußlich geschmückten Herrn halten sie für einen Mann von Rang und Reichtum.«

Die beiden warfen sich in afrikanische Hofgala und lachten einander aus. Jobst hüllte sich in einen goldverbrämten Araberkaftan, wickelte ein Tuch zum Turban und einen Schal zum Gürtel. Erb zierte sein Haupt mit den Straußenfedern und hängte auf dringendes Zureden das Löwenfell über die Schulter, um als Bana Simba – als Löwentöter – vorgestellt zu werden. Nach einem Blick in den Handspiegel bekam er einen Lachkrampf. Der Oheim, der wie ein Kümmeltürke aussah, drohte: »Daß du mir ein würdevoll feierliches Gesicht machst, als wenn du in Potsdam empfangen werden solltest!«

Fatima durfte leihweise von den Stoffen und Perlen nehmen, was ihr beliebte, nähte, schmückte und spiegelte sich von fünf Uhr an und war pomphaft wie eine orientalische Fürstin gekleidet. Sie sollte auch mit zur Audienz, um das Gefolge zu verschönern und den Harem, der einem Grandseigneur Afrikas nicht fehlen darf, würdig zu repräsentieren.

Der Zug setzte sich in Bewegung, ein langer Trägeraufseher, der allerdings neben den längsten Watussi nur ein Kind und Knabe war, ging mit schwarzen, nackten Storchbeinen, aber mit einer Husarenjacke bekleidet und mit einem Flitterstabe voran, um den Herold vorzustellen. Bana Bunduki und Bana Simba, und was eine Flinte tragen und als Kriegsheld gelten konnte, folgte mit gravitätischem Schritt.

Die größten Hütten waren zu einem Komplex zusammengebaut und mit einem verandaartigen Vorbau versehen. Das war der Sultanspalast. Auf dem freien Platze davor stand die lange Leib- und Riesengarde und machte ein mordsmäßiges Trommelgetöse und Rohrpfeifengequietsche, die Gäste zu ehren. Das gemeine Volk war abgesperrt, ganz wie bei uns. Hinter der Garde stand die Kindheit und Jugend Ruandas, hinter den Türmatten lugten die neugierigen Augen der Frauen, die sich nicht sehen lassen durften. Auf der Veranda des Palastes standen in der Landestracht, dem Rindenschurz, aber mit Flußpferdzähnen und ähnlichen Zieraten geschmückt, etwa sechzehn Watussiherren in höchst würdevoller Haltung. Das waren die hohen Würdenträger des Zweimillionenreichs, die Staatsminister, Staatssekretäre, Oberhofmarschälle und Geheimräte des Sultans. Einer, dem das Unterbringen seiner ungeheuren Beine viel Unbequemlichkeit bereitete, saß auf einem Wiener Stühlchen, wie ein Riese auf einem Zwergpony, der mit seinen Pedalen in böser Verlegenheit ist, und balancierte so unsicher auf dem schmalen Sitz, daß man in steter Angst vor einer Katastrophe war. Der auf dem Wienerstühlchenthrone saß, mußte Seine Majestät der Sultan Jehu sein.

Der Dolmetscher trat in die Mitte. Jobst in seinem Kaftan verneigte sich leicht, ließ seine Geschenke, gute Stoffe, ausbreiten, um diese für sich reden zu lassen. Sie führten leider keine rechte Sprache, denn der Sultan sah sie flüchtig, fast verächtlich an und sagte: »Wir schätzen die Landestracht höher als allen fremden Firlefanz und bleiben bei unsrem durablen Rindenzeug. Flinten freilich, die von hinten gefüllt werden, und Flintenfutter nehmen wir gern.«

Das war sehr vernünftig gesprochen, aber nicht sehr vorteilhaft für die Weißen, die schwerhörig taten. Das folgende Gespräch drehte sich um das Wetter, ganz wie bei uns, und war genau so geistreich. Dann um das Woher und Wohin, wobei die Würdenträger die vorstehenden Ohren nach vorn klappten. Da erhob sich der Sultan, was beängstigend aussah, zwei Minister mußten ihm unter die Arme greifen und ihn auf die Füße stellen. Nun stand er, 2,20 Meter lang, jedoch ein alter Mann mit eingefallener Brust und Wange, gekrümmtem Rücken, spindeldürren Beinen, mehr eine Bohnenstange als ein Goliath. Die Watussi schienen nach der Elle ihren König zu küren, ohne Rücksicht auf die Breite und Fülle.

Der König ließ drei schöne Rinder vorführen und sich nicht lumpen. Das war ein königliches Geschenk. »Wir müssen wohl die alte Winchester, deren Schloß schlecht funktioniert, springen lassen,« meinte Erb beschämt. »Noch nicht!« brummte es neben ihm.

Jobst fragte, ob hier viele Löwen, Giraffen und Büffel seien, und dachte an die Elefanten. Nein, blitzwenig Großwild, die Löwenjäger möchten nur fern von Ruanda bleiben und die Elefantenjäger erst recht, denn die paar Löwen töteten die Watussi selbst und die paar Elefanten seien längst tot.

Der Sultan bewirtete seine enttäuschten Gäste, ließ Maisstrohzigarren und ein sorbetähnliches, schlampiges Getränk servieren. Die Deutschen mußten wie die Türken auf ihre eigenen Beine sich setzen, da der eine Wienerstuhl als Thron reserviert war. Auf deutsch äußerte der alte, erfahrene Afrikaner: »Laßt uns eine Flasche Rum aufbrechen, um den langen Laban gesprächiger zu machen.« Die diplomatische Rumflasche hatte eine solche Wirkung, daß der Alte sich selbst einen Esel nannte. Beim Anblick des Niggertods nämlich runzelte Jehu die dünnen Brauen, riß Augen und Mund auf und redete: »Wir trinken das Feuerwasser nicht und haben bei unsrer höchsten Ungnade allen Watussi verboten, das Zeug zu saufen.«

Jobst schüttete schnell die Flasche aus, um den König, der ein rabiater Temperenzler war, zu versöhnen, denn er wußte, daß jede Zerstörung von Alkohol den Alkoholfeind froh und freundlich stimmt.

Schließlich bot der Sultan eine Partie Lewakautschuk an, die Jobst nicht kaufen, sondern nur als Geschenk annehmen wollte, wenn er sich mit der obigen alten Flinte revanchieren dürfe. Also endete die Audienz mit eitel Wohlgefallen und einem gegenseitigen, großmütigen Austausch von Geschenken.

Ein Würdenträger, der mit zwei Flinten, einem Speer und zwei Messern bis an die Zähne bewaffnet und wohl der Kriegsminister oder Generalstabschef von Ruanda war, ein muskulöser Goliath, hatte fortwährend die glänzend aufgeputzte Fatima mit den Augen gefressen; und sie beantwortete die Huldigung des schwarzen Herrn mit einem koketten, keuschen Aufschlag der Gazellenaugen. Der Kriegsminister gab den Gästen das Geleit, schielte nach dem Mädchen und sagte ganz plötzlich und unverfroren: »Freund, was forderst du für das Weib?«

Fatima flüchtete sich entsetzt hinter Erbs Rücken.

Jobst aber lächelte in den Bart. »Was willst du geben? Wie viele Zähne?«

»Drei gute Stoßzähne.«

Der Alte überlegte scheinbar und plierte verschmitzt.

Da faßte Simba seinen Herrn am Arm und flüsterte eifrig: »Verkaufe sie, Bana, verkaufe sie! Dann haben wir Ruhe.«

»Sie ist ja nicht meine Sklavin, sondern eine Freie, die ich nicht verhandeln darf, selbst um deiner Seelenruhe willen darf ich es nicht.«

Jobst verlangte dreißig Zähne, worauf der Kriegsminister kalt ihm den Rücken kehrte.– –

Die Elfenbeinhändler kamen bis an Ugandas Grenzen und in ein Dorf, wo die sonst so regen Waganda mit glanzlosen, dösigen Augen vor den Hütten lagen und seufzten: »Ja, wir sind krank, viele der Unsren schlafen Tag und Nacht, und viele sind gestorben.« Der Würgengel Afrikas, die furchtbare Schlafkrankheit, war in dem unglücklichen Dorfe. Die Deutschen lugten in die Hütten des Jammers. Da siechten und schliefen sie zu Hunderten, von der scheußlichen Glossinafliege gestochen, von dem entsetzlichen Gifte infiziert, dem gewissen Tode entgegen. Ein langsames, grausiges, großes Sterben! Und die Hyänen umheulten das Dorf, schlichen sich nachts in die Häuser und fraßen die Todkranken, die sich nicht wehren konnten. Die beiden Deutschen machten eine Treibjagd auf Hyänen und schossen 122 der ekelhaften Aasfresser.

Der junge Afrikaner, der seine neue Heimat lieb hatte, klagte: Wälzt sich der Fluch, den Ham empfing, durch die Jahrtausende? Hunderttausende arme Neger, von unsrer Küste bis zur Kongomündung, schlafen sich zu Tode, von einer Fliege gefällt. O, eine Tragik waltet über diesem Erdteil, der von verheerenden Plagen und Nöten, von ungeheuren Krankheiten und Katastrophen wie kein andrer heimgesucht wird!

Am nächsten Tage stand er am Gestade des Viktoria Nyansa; sein Auge schweifte entzückt über das glänzende, größte Binnenmeer der Erde. Auch die Schönheiten Afrikas haben, wie seine Übel, gigantische Maße. Welch ein Süßwassermeer, das 1200 Meter über dem Meere liegt! Dieses ungeheure Becken ist das von Gott gebaute Wasserreservoir des Nils und seiner segensreichen Überschwemmung. Dem Viktoriasee verdankt Ägypten die reichen Ernten der Jahrtausende, diesem Kunstwerk der Natur verdankt die Menschheit die erste Kulturstätte der Erde, die Tempel der Pharaonen und den Königsbau der Pyramiden. Und dieser Nyansa ist zur Hälfte deutsch ... dieses endlose, reiche Gebiet ist deutsches Land und deutsches Wasser, daran der wanderfrohe Germane noch seine helle Freude und einen Schatz der Zukunft haben wird. –

Ruanda wurde auch nach dem Westen bis zum Kiwusee durchquert. Einige Meilen von der Residenz traf man zufällig den Kriegsminister, dem der joviale Jobst einen schönen Gruß an den Sultan Jehu auftrug. »Was redest du?« lachte der lange Mtussi und wollte sich vor Gaudium ausschütten, »welchen Sultan? Ihr habt ja den Sultan Jehu, der sich nicht von jedem Weißen begaffen läßt, gar nicht gesehen ... der Mann, den ihr für den König hieltet, ist der vertraute Ratgeber des Herrschers und nicht mehr als ich.«

»Himmelkreuzschwerenot! Was habt ihr Kerle uns, zwei königlichen Deutschen, vorgeschwindelt.«

»Wir haben nichts gesagt, ihr, ihr habt ihn zum Sultan gemacht und Herr Kaiser tituliert, wir ließen euch gewähren und lachten uns ins Fäustchen.«

»Und warum ließet ihr uns in dem Glauben?«

»Um eure Absicht und euren Auftrag zu erkennen, denn ihr waret nicht wie Deutsche, sondern wie die Araber und Küstenaffen aufgeputzt.«

Jobst bat freundlich den Kriegsminister, des Teufels Großmutter zu grüßen, und wandte sich an seinen Schüler. »Au, da sind wir die Dummen gewesen und diese Nigger die Diplomaten, die erforschen wollten, ob wir mit einer geheimen Mission betraut oder einfältige Elfenbeinjäger seien. Na, an unsrer Einfalt werden sie nicht mehr zweifeln.« –

In einem langen Aufstieg erreichte die Karawane – einen See, den einzig- und großartigen Kiwusee, der nicht weniger als 2500 Meter über dem Meeresspiegel liegt. Ein wunderbares Bild bietet dieser See, der durch den Kranz seiner Berge und Vulkane gewaltig, aber durch den Reichtum seiner Inseln, Buchten und Föhrden überaus anmutig wirkt. Eine Fülle von Fischen, vom feinen Forellchen bis zum siebzigpfündigen, faul-gefräßigen Wels, wimmelt in seinen Fluten, daß man die flinken Flossenruderer fast mit den Händen greifen kann. Eine so bunte, in unzähligen Arten vertretene Vogelwelt, wie sie Erb nie geahnt hatte, fliegt und flattert, zwitschert und schnattert, kreischt und klappert an seinen Gestaden. Der junge Afrikaner konnte sich nicht satt schauen an den Wundern, an dem Weben und Schweben, Schalten und Walten dieser überreichen und -regen Tierwelt. Der alte kannte und nannte sie alle mit ihrem Taufnamen, die Edel-, Fisch- und Kuhreiher, die Ibisse, Nilgänse, Pelikane, Störche und den sehr seltenen Sekretär mit dem prachtvollen Gefieder. Im See standen die dicken Welse, schlugen, nach kleinen Fischen jagend, klatschend das Wasser und gaben im Eifer einen schmatzenden Laut von sich, als laufe ihnen schon das Wasser im Munde zusammen beim Anblick der Beute, des leckren Forellengerichts. Aber auch die großen, brutalen Raubfische fanden ihren Mann und wurden gefressen. Ein Seeschreiadler stieß nieder und flog hoch mit einem meterlangen Wels in den Fängen.

Frösche quakten, Tauben gurrten, der braune Kuckuck kullerte. Und Erb rief den Propheten an: »Kuckuck, wie lange soll ich in Afrika leben?« O, das kuckte und kullerte wohl dreißigmal. Der Frager wurde dessen nicht unfroh und hätte hier am Kiwu gern fünfzig Jahre Hütten bauen, pflanzen und pirschen mögen.

Der Adler schrillte, zu Tausenden schrien die Nilgänse, und leise knarrten die streichenden Reiher; völlig regungslos starrte der Schattenvogel ins seichte Wasser mit orientalischer Geduld und Gier. Hunderte von Flamingos schliefen auf einem Ständer, wie zartrosarote Riesenblumen auf langem Stengel anzusehen, und machten bei jedem Windhauch eine leicht schwankende Drehung. Aus dem Wasser klang das wohlige Schnauben und Prusten der Flußpferde, das baßtiefe, wiehernde Brüllen eines verliebten Hippopotamusbullen oder -bocks, wie Simba sagte.

Jobst schoß sechs Krokodile und notierte sie in seinem Schießbuche, als Totenopfer dem Gedächtnis seines Freundes dargebracht. Die Neger brachen sie auf, um das Fleisch – dem Europäer wird übel – zu verschmausen. Im Magen des einen Tiers fanden sie außer Knochen und Knöpfen eine schwärzliche Kette, die Fatima abrieb und aufgeregt bestaunte. Es glänzte wie Gold. Ehrlich brachte sie den Fund ihrem Herrn, der ihn prüfte und sagte: »Es ist ein echter, goldener Halsschmuck, den du behalten darfst, da die Eigentümerin unbekannt ist und wahrscheinlich im Bauche der Bestie ein gräßliches Grab fand.«

Obgleich Fatimas Phantasie die Tragödie der Kette sich möglichst gruselig ausmalte, trug sie den seltsam erlangten Schmuck mit viel Stolz und einiger Eitelkeit. Darum warf Simba mit düstrem Blick und dumpfer Stimme die Rede hin und an ihr vorbei: »Uh–hu, die Krokodilskette bringt Unglück und Tod.«

»Ein Glück, daß du kein Prophet, sondern nur ein Pavian geworden bist,« erwiderte die Zornige. –

Erb ließ keine Ruhe, bis sie eine Fahrt über den herrlichen See, nur zum Schauen und Genießen, machten; ja am Nordufer erstieg er in heilloser Kletterei den 3500 Meter hohen, tätigen Vulkan Kirunga tsha gongo, auf dessen Gipfel der Enthusiast stundenlang blieb und begeistert um und unter sich blickte. »Wir Deutschen sind bei der Teilung der Erde zuletzt und zu kurz gekommen und haben dennoch nicht nur den Sand und Schund, den England nicht mochte, sondern auch einige Stückchen der Erde, die wahre Perlen sind, erhalten. Daß wir solche Alpen und Seen, Almen und Acker in Afrika besitzen, daß wir solche Kolonialländer haben, hätte ich nimmer geglaubt, und weiß zu Hause kaum ein Mensch. Wanderfroh sind wir vor allen Völkern und lange genug in überseeischen Ländern Kulturdünger für inferiore Nationen gewesen, aber unsre Kolonien auszubauen, unsre Schätze zu werten und zu verwerten, das verstehen, heiliger Michel, deine gescheiten Söhne scheinbar noch nicht.«

»Sie werden erst klug, wenn sie das Schwabenalter erreichen,« sagte der Alte mit seinem schiefen Lachen. »Es kommt trotz Reichstagsmehrheit, -unsinn und Michelei der Tag, wo auf diesen Seen die Schiffe ihre Rauchschweife ziehen und zwischen Tabora und Tanganjika das Dampfroß schnaubt.« –

Die Karawane trat den Rückweg an mit einer Ausbeute von dreißig Lasten Elfenbein und Kautschuk. Nach einer Kletterei durch das Gebirge des Ostufers ging es auf geradem Wege in dem scheußlich schwülen Tale des Russissi, der Kiwu und Tanganjika verbindet, weiter. Etwas Ärgeres an feuchter, furchtbarer Hitze, die das berüchtigte rote Meer in den Schatten stellt, hatte der alte Afrikaner nicht erlebt, und der junge schleppte seinen aufgelösten Körper kaum. Sein Kopf war bleischwer. Am Nordende des Tanganjika, wo nach der Tortur gerastet wurde, stand Erb des Morgens auf, taumelte beim Waschen und fiel ohnmächtig hin. Das Fieber, das ihn bisher fast verschont, schüttelte ihn gräßlich, als wenn es die versäumte Bosheit nachholen wolle. Jobst hielt trübselig seinen Kopf in den Händen, brütete und – betete, freilich eine Art von Dessauergebet. »Lieber Herrgott, ich molestiere dich nicht oft, aber da ich für den jungen Menschen, und daß er heil davonkommt, sozusagen verantwortlich bin und nicht für meine eigne Person dir die Ohren vollheule, muß ich dich mal recht schön bitten, uns beizustehen. Tust du es, so ... so will ich dem Missionar, der die Neger zu Taugenichtsen, nein, nein, zu Christen macht, fünfzig Rupien für die Mission geben.«

Fatima hockte am Bettrande und wich nicht von ihrem kranken Bana, den sie mit rührender Liebe und Aufmerksamkeit pflegte. Simba raunte: »Wirf die Krokodilkette weg, die bringt Unglück!«

Die Dirne erblaßte und zerrte zitternd die Kette vom Halse, um sie in den See zu werfen, konnte es aber nicht übers Herz bringen, sondern ging hin und vergrub die Kette an einem versteckten Platz, den sie sich merkte, um den unheimlichen, aber allzu schönen Schmuck wiederzuholen, wenn ihr Herr genas. Also schloß ihre Schläue ein Kompromiß mit dem dummen Aberglauben, von dem sie nicht frei war.

Erbs Fieber stieg bis zu jener Höhengrenze, wo ein haarfeiner Strich der Quecksilbersäule über Leben und Tod entscheidet; ungeheure Mengen Chinin wurden in den Kranken hineingeschüttet, der Magen rebellierte und gab es wieder, der Harn wurde dunkelbraun. Da ging Jobst hinaus, um das Sterben nicht zu sehen, schlug mit dem Kopfe hin und her, wie ein Greis, und murmelte abergläubisch: »Die im ersten Jahre die reinen, robusten Tropenhengste waren und erst im zweiten die Seuche um so schrecklicher kriegten, die gingen meistens darauf... Hensen... und der lustige Piet und der Ire O'Bryan ... ein Dutzend könnte ich nennen.«

Fatima berührte leise seine Schulter. »Bana Bunduki...?«

Obgleich er nicht antwortete, las sie in seinem verhärmten, verzweifelten Gesicht: Es geht zu Ende. Da lief sie fort, grub die Kette aus und schleuderte sie weit in den See hinein. Es war ein rechtes und großes Opfer, das sie den guten Göttern und bösen Geistern brachte, damit ihr teurer Herr genese. Und in der Mitternacht ging die Siedehitze des Bluts plötzlich herunter, die Gedanken kochten nicht mehr über in irren Reden. Der Patient schlummerte und schlief sich gesund.

Am dritten Tage saß Erb aufrecht und aß ein Hühnchen mit Reis. Das einförmige, jedem Afrikaner verleidete Essen schmeckte ihm wie ein Gericht der Könige und eine Speise der Götter.

Am achten Tage ging der Genesende am Stock zum Strande hinunter, um dem blanken See und den hohen Bergen Lebewohl zu sagen. Die Fischer stiegen aus dem Boote unter heiterem Geschwätz und zeigten ihren Fang, die silbernen Schuppenträger und eine goldene Schlange, die sie mit dem Netze gefangen.

»Fatima! Fatima, ist das nicht deine Kette? Wie kommt sie in den See? Hast du sie beim Baden verloren?«

»Nein, hineingeworfen!« Die Dirne beichtete beschämt ihr Opfer und setzte stolz hinzu, daß es zweifellos, bald und wunderbar geholfen habe.

Der gute, gerührte Bana kaufte den Fischern die Kette ab und hängte sie um den braunen Hals des hübschen Kindes. Als sie aber an dem Boy vorüberträllerte und -tänzelte, hörte sie hinter sich ein Geraune: »Uuhu–uh, ein grauenhaftes Glück, davor mir angst und bange wäre.«

Von Usumbura am Nordende des Sees ging es durch das Land Urundi nach dem Malagarassi. Erb wurde meistens getragen und lächelte seiner Dienerin freundlich zu, weil es sie fröhlich machte, jedoch nie in Simons Gegenwart. Der Bursche ging stumm, traurig und verschlossen seines Weges und seinem Werke nach, war pünktlich in seinen Pflichten, aber ein Grübler und Eigenbrötler, der bei allen Freundlichkeiten seines Herrn nur scheue Antworten gab. Und dieser Mensch war noch vor Wochen ein immer lustiger, schwatzender, singender, grinsender Negerbengel gewesen.

»Simba ist mir oft unheimlich, entlasse ihn!« bat Fatima, aber der Bana lehnte es sehr bestimmt ab.

Am Malagarassi wurde Kriegsrat gehalten. »Der nächste Weg nach Tabora geht durch einen Teil von Uha,« begann der Oheim, »wir hätten damals den Hund von Hamia nicht laufen lassen, sondern aufknüpfen sollen. Jede Gutmütigkeit rächt sich in Afrika.«

»Wir haben 32 Flinten.«

»Nein, nur zwei, wenn es ernstlich gilt... diese Kerle sind keine Askaris... gerade im kritischen Augenblick müssen wir gewärtig sein, daß sie wie die Hasen davon und wie die Hammel in ihr Verderben rennen. Ob wir zwei vierhundert Waha besiegen können, muß meine Bescheidenheit bezweifeln...«

»Du fürchtest die Rache der Waharäuber?«

»Ich mich fürchten... fürchten!« polterte der Alte, »ich fürchte nichts, nur den guten Gott und die bösen Vorbedeutungen. Ich bin in deinen Augen ein oller Bangbüx? Jetzt justement und aufs Jurament wollen wir an Hamias Nase vorbeispazieren. Inschaallah!«

Einem afrikanischen Flußlauf zu folgen, ist eine Sache, die gleich nach dem Selbstmord kommt, ist ein Klettern-Kriechen durch Unterholz, Lianen, Rohr, Schluchten, Sümpfe und andre Schrecknisse, ein wahres Gehen durch Feuer und Wasser, bald ein Braten in Sonnenglut, bald ein Waten durch Wasser und Moraste. Da ist das Reich der Moskitos und der andren blutdürstigen Bestien. Widerliche Zecken setzten sich auf Hals und Hände, saugten sich voll und hingen wie dicke, bläuliche Bohnen festgebissen auf der Haut. Riß man sie ab, so entstand eine Wunde, die tagelang schmerzte und juckte. Mehrere Träger, die dickvoll von diesen Bohnen und Blutbeulen saßen, bekamen die Zeckenkrankheit.

Die Zecken und Papyrussümpfe zwangen die Safari, den Fluß zu verlassen und Uha zu betreten. Obgleich sie keinen einzigen Mha zu Gesicht bekamen, vergaß der alte Pfadfinder keine Vorsichtsmaßregel, beobachtete jeden Busch, Grasbüschel und Sandfleck, fand aber keine Menschenfährte.

Die Nacht war seltsam kühl. Jobst vertrug alles, nur die Kälte schlecht, wickelte sich in die Decke und sagte: »Wollte, wir wären vierundzwanzig Stunden weiter! Morgen abend sind wir aus dem Räuberlande heraus.« Hatte der Alte eine seiner Ahnungen?

Mitten in der Nacht stierte Erb schlaftrunken um sich, sein Begleiter rüttelte ihn. »Hörtest du nichts? Steh auf! Ich hörte einen Reiher, die so spät nicht schreien, knarren und dann ein Schleichen.«

Sie suchten mit den Büchsen alles ab und sahen nichts Auffallendes.

Es war der letzte Marschtag in Uha. Die Träger schritten rüstig aus und lobten das kühle Wetter – bei vierundzwanzig Grad Celsius. Simba trug seine Bürde und Fatimas Bündel, das er stets, ohne ein Wort zu sagen, auflud und ablegte, und ging tiefsinnig, als wenn er sein Gehirn an einem schweren Problem zermartre. Einmal ruhte sein schwarzes Auge auf dem Mädchen, als wenn er sprechen wolle, aber hastig blickte es hinweg.

Am Mittage stand die Safari vor einer Schlucht mit hohen, steilen Rändern, die vom Flusse und bis weit ins Land überall unwegsam abstürzend sich erstreckte. Jobst wetterte: »Wir verlieren vier Stunden durch dieses Dreckloch, das wir umgehen müssen.«

Simba zeigte stumm mit der Hand, sein Herr schwenkte den Hut. »Hurra! Hier ist eine Art von Pfad gewesen und ein Abstieg möglich, wenn wir uns anseilen.«

»Jedoch drüben vielleicht nicht, und wir sitzen in der Falle.«

»Wo ein Eingang, ist gemeiniglich auch ein Ausgang, wo ein Ab- auch ein Aufstieg.«

Ohne Unfall erreichte die Safari den Grund der Schlucht und den Fuß des gegenüberliegenden Steilrandes, der wie eine glatte Wand aussah. Aber an einer Stelle war mal ein halsbrecherischer Pfad gewesen. Der Boy kletterte voran und hieb mit dem Beil Stufen in den harten Lehm. Die beiden Führer folgten, um mit dem Seil den anderen zu helfen.

Da erscholl urplötzlich ein heulendes, höhnendes Gebrüll und Gelächter. Auf der westlichen Höhe der Schlucht wimmelte es jetzt von schwarzen Gestalten. Die Waha wuchsen da hinten wie aus der Erde... gewiß dreihundert Krieger schwangen wild ihre Speere und feuerten blinde Schreckschüsse ab. Ein dicker Neger brüllte durch das Sprachrohr der Hände: »Bana Bunduki, wir haben dich und den weißen Schakal, der ein Löwe sein möchte. Hahahaha! Ihr sitzt in der Grube wie spuckende Leoparden. Hahahaha! Weil ich, allerdings ohne meine Genehmigung, euer Gastfreund gewesen bin, töten wir euch nicht, nein bei meinem Vater und meinem Fetisch ... wir setzen euch weich und gut in einen Termitenhaufen, nachdem wir euch mit Honig eingeseift haben. Du erbleichst? Vor einer Ameise wird der große Bunduki doch nicht bange sein.«

»Das ist die Satansstimme des Häuptlings und Hundes.« Erb legte auf den Schreier an, aber die Entfernung war zu bedeutend.

Die Träger drängten wie eine Hammelherde auf einen Haufen. Jobst kletterte die Lehmwand hinauf, um schleunigst diesen östlichen Steilrand zu erreichen, droben war seine Safari geborgen, wie er wähnte. Er nahm mit Händen und Füßen das letzte Stück des Aufstiegs – da scholl ihm von droben dasselbe heisere Wahagebell entgegen. Zwölf Speere stießen gleichzeitig nach ihm und berührten beinahe seinen Kopf. Er konnte von den Speerträgern nichts und niemand sehen – das war das Schändliche-Schreckliche – denn sie lagen hinter großen Steinen, und seine Flinte konnte keinen aufs Korn nehmen. Ein unsichtbarer Feind ist die ärgste Teufelei. Der alte Eisenfresser wechselte die Farbe und verlor die Hoffnung, aber nicht die Standhaftigkeit und Seelenstärke. Er kehrte sich um und betrachtete weich- und wehmütig seinen Neffen, der auf einer gehauenen Stufe unter ihm stand. »Mein armer Junge, wir sitzen im Wurstkessel, der Steig ist so steil und eng, daß nur ein Mann zur Zeit hinaufkriechen kann, ein Schuß auf die Schufte droben ist unmöglich... sie werden uns drei nacheinander mit den Speeren hinabstoßen. Unser Schicksal ist besiegelt, eine Rettung weiß ich nicht. Ich hab' dein junges Leben auf dem Gewissen, ich schlechter Kerl... ich bin ja ein alter Klippenbeißer, der nur ein paar Jahre verliert und vielleicht einem lästigen Greisenalter entgeht, aber du hast noch ein volles Leben... o ... du, du darfst nicht sterben. Ich habe mit dem Herrgott nicht viele Scherereien gehabt, mein grobes Maul konnte das Spotten und Fluchen bisweilen nicht lassen, ein paarmal im Jahre war ich ein dummes Kamel, das seinen Safaridurst löschte... Gott wird gewiß ein Auge zukneifen und sagen: Alter Freund, ich habe über deine kleinen Dummheiten und Schlechtigkeiten einen dicken Strich gemacht, denn du hast an dreißig Löwen und fünfhundert Krokodile weggeputzt... aber... o mein Sohn ... aber ich habe eine alte, böse Rechnung mit Gott zu begleichen... ich vergoß das Blut meines besten Freundes ... darum sitze ich in dieser Falle... die böse Rechnung und das Blut soll ich heute mit meinem Blut bezahlen.«

»Es ist unsre letzte Fahrt, mein Vater,« sagte der junge Afrikaner hart und hochgemut, »laßt uns kämpfen und sterben!«

»Nein, nein, mein Plan ist: Ich klettere, soweit ich komme, fasse so viele Speere, als ich kann, mit beiden Armen und halte sie fest... du und Simon müßt die Büchsen schußfertig halten, mit größter Geschwindigkeit über mich hinwegsteigen und niederschießen, was ihr im Schnellfeuer treffen könnt. Die Kerle hier oben haben offenbar keine Feuerwaffen ... das ist die einzige Möglichkeit, einige zu retten. Still, mein Sohn! Ich bin ein alter Löwe und will nicht von den Schakalen seniler Greisenjahre langsam gefressen werden.«

Der finstre Boy war der dritte in der Reihe und sagte verbissen: »Ich will mit den Waha droben verhandeln und sie überlisten... Mister, laßt mich über Euch hinwegsteigen!«

Während Jobst sich noch wunderte, was der Bengel wohl ausgeheckt habe, war Simba schon über seinen Rücken geklettert, kroch katzenflink den Speeren entgegen und schrie: »Banas, haltet die Büchsen schußbereit und steigt schnell über mich hinweg! Achtung! Jetzt! Allah il Allah!«

Mein Gott! Was tat er? Der junge Suaheli sprang in die Speere hinein, griff nach rechts und links nach den Schäften und stieß die Spitzen noch tiefer in die Brust. Sieben ... acht Spieße spickten seinen Körper, sein Gesicht war von dem gräßlichen Schmerz verzerrt, aber seine Fäuste und Arme hielten heroisch fest, sehr fest, was in seinem Fleische saß.

In einer Zehntelsekunde waren die zwei Weißen über den todwunden Neger hinweggestiegen und gaben mit Büchse und Magazingewehr ein rasendes, auf diese nahe Distanz verheerendes Schnellfeuer. Das kleine Kaliber zersplitterte die Knochen und Schädel, vier Speerträger lagen auf dem Rücken, die andren ließen ihre Waffen, die der schwarze Winkelried noch im Sterben krampfhaft festhielt, fahren und flohen. Jobst schäumte vor Wut und holte mit seiner Kugel noch zwei Flüchtlinge ein.

Die Träger unten ermannten sich und drängten die steile Wand hinauf. Fatima hatte ein Gewehr ergriffen, drohte jeden Säumigen zu erschießen und trieb die Herde vor sich her die Höhe hinauf. Die mutige Dirne bildete die Nachhut, kehrte, oben angelangt, sich um und machte eine lange Nase, um die Verfolger zu verhöhnen. Hamia nämlich und seine Leute rannten und heulten wie die Wölfe durch die Schlucht. Um seine Räch- und Raubgier zu befriedigen, hatte der Häuptling lange mit verschlagener Heimlichkeit die Safari verfolgt, hier einen Hinterhalt gelegt und den einzigen Aufstieg mit Speerkriegem gesperrt. Er hatte sich die Hände gerieben, als die Weißen in die Mausefalle hinunterstiegen und alle Gewehre bei seinem Trupp behalten, um mit Muße und Wollust ein weißes Schlachtfest zu halten. Als er zähnefletschend sah, daß der Opfertod des Suaheli einen Strich durch seine Rechnung machte, fing er an zu rennen und zu rasen, seine Leute anzuschreien und zu schlagen. Der Tobende trieb seine feigen Kerle zum Sturme an, stand vorne und vergaß, wie ein Giftreptil, das im Grimm den stärkeren Gegner angreift, die Gefahr.

Jetzt war der Spieß umgekehrt und richtete seine Spitze gegen die Waha. Die Deutschen lagen auf der Höhe in Deckung und schossen in die Schlucht hinunter, Jobst lachte schief: »Den Dickwanst putze ich weg!«

Der eben noch so laute Schreier Hamia lag still auf der Nase. Einige Waha fielen sofort über ihren Sultan her, rissen ihm den Schmuck und sogar den Schurz vom Leibe, in treuer Ausübung ihres Räuberhandwerks, und ließen die nackte Sultansleiche liegen. Zwölf schwarze Körper leisteten ihrem König Gesellschaft und sahen von oben aus, wie eine Strecke von großen Warzenschweinen.

Fatima kniete neben dem armen Simba, der in den letzten Zügen lag und die brechenden Augen gleichwie suchend bewegte; mit dem letzten Becher labte und löschte sie seinen letzten Durst. »Du Braver, warum bist du für uns in die Speere gesprungen?«

»Es war Allahs Befehl, daß ich stürbe für meinen Herrn,« flüsterte er mit schwacher Stimme, »was sollte ich leben und leiden, da ich ein einohriger Pavian bin und bleibe.«

Erb beugte sich über seinen Diener und streichelte sein Wollhaar. »Mein Sohn, hast du noch einen Wunsch?«

»Bana, lieber Bana, vergib mir... die Schlange... ist die ... Schlange ... tot, wenn ... ich für ... dich ... sterbe?«

»Ja, du kannst mit stillem Gewissen vor Allahs Antlitz treten, ich will dir das Zeugnis mitgeben auf deine letzte Safari, daß du ein sehr tapfrer, treuer Diener, der für seinen Herrn in den Tod ging, gewesen bist.«

Simon verzog das greinende Gesicht und tastete hin und her. »Was ... mir... gehört, soll Fatima haben ... ... sie ist... eine Wilde... halte sie gut, aber... fest. Allah il Allah.« Mit dem Ausruf, der des Mohammedaners Gebet, Kriegsruf, Tages- und Todeslosung ist, verschied der junge Suaheli, der mit achtzehn Jahren für seinen weißen Herrn seine Seele aushauchte.

Die braune Dirne drückte einen Kuß, den sie ihm im Leben verweigert, auf den Mund des Toten und weinte zwei Tage häufig und heftig zu seinem Gedächtnis. Am dritten prüfte und sortierte sie den ihr vermachten Nachlaß, und freundlich lächelnd bot und pries sie den Trägern die Habseligkeiten an, die Jacke mit den vier Flicken von verschiedener Farbe, die Hose, aus deren Hinterfenstern das Hemd – wenn eins vorhanden war – Ausschau halten konnte, Fez und Pfeife, Bindfaden, Konservenbüchsen, als Wasserkannen geschätzt, und Krimskrams. Alles verschacherte sie, z. T. auf Kredit bis zum Löhnungstage, gerieben wie ein Küstenhindu, der die schwarzen Schafe schert. Die besseren, vom Bana geschenkten Sachen behielt die Geschäftskundige für das kaufkräftigere Negervolk in Tabora.

Der Marsch nach diesem Zentrum der Kolonie brachte weder Unfälle noch Abenteuer. Erb dachte viel an das Bekenntnis des Alten, dem eine Blutschuld der Jugend das Gewissen beschwerte, er machte aber keine Andeutungen, geschweige denn eine Frage, denn er kannte die Art des Oheims.

Am Feuer, als die Keule der Buschantilope gemundet hatte und die Pfeifen glühten, summte und brummte Jobst: »Warum sprichst du gar nicht mehr von Deutschland?«

»Zu Hause kritisiert und schimpft man auf die deutschen Kleinlichkeiten, und daß ein Schutzmann an jeder Ecke steht und die Erwachsenen wie Kinder gängelt... und hier draußen schreit alles, der Pflanzer und der Kaufmann, sobald ihnen ein Huhn fehlt oder aufs Hühnerauge getreten wird, aus vollem Halse nach der Regierung und Polizei.«

»Ich merke die Absicht, du verschlagener Schelm fängst gleich von der Polizei an, weil du mich, den kriminellen Kerl und alten Verbrecher, bange machen willst.«

»Mein Gott, was redest du!«

»Warum bist du nicht aufrichtig? Warum betrachtest du mich nicht schief-scheu und mit schlecht verhehltem Grauen, sowie ein anständiger Mensch einen schrecklichen Totschläger und Mörder ansehen muß?«

»Einerseits bin ich kein ehrbarer, sondern ein vorbestrafter Mensch, ein überführter Dieb und Spitzbube...«

»Ah, darum sagst du Herr Kollege zu mir?«

»Nein, ich bin unschuldig, und auch du bist schuldlos im tiefsten Grunde... das weiß ich, ohne Näheres zu wissen.«

Das gefurchte, gegerbte Gesicht des Alten zuckte, er legte es in die Hände und sprach in dumpfem Gemurmel, wie mit sich selber. »Kis Kollund – sein Vater war ein dänischer Emigrant, der in eine bedeutende Speditionsfirma hineingeheiratet hatte – war schon als Knabe mein einziger, intimer Freund. Hatte der eine Marbel oder Geld, so gab er dem andern unbedingt die Hälfte ab, was freilich nicht verhinderte, daß wir uns drei- oder viermal erzürnten und so garstig verprügelten, daß beide zu Hause erst gründlich gepflastert und dann gründlich verhauen wurden. Aufs strengste verbot sein Vater ihm und mein Vater mir jeden Verkehr mit dem bösartigen und offenbar schlecht erzogenen Bengel. Als wir nicht miteinander verkehren sollten, versöhnten wir uns sofort. Jene unerklärliche Sympathie, die Freundschaften schließt und Familien gründet, zog uns zueinander hin, obgleich wir allzu verwandte Naturen und greuliche Hitzköpfe waren. In jeder Erholungsstunde waren wir zusammen... wir flanierten und renommierten mit sechzehn Jahren, wir schossen, ritten, ruderten mit achtzehn, wir hatten später ein paar Liebschaften... mit zwei Schwestern, ein paar hübschen Gänsen, deren Geschnatter bald auf die Nerven fiel. Wir kamen aus den Flegeljahren in die blasierte Periode hinein, wo wir die dekadente jeunssse dorée markierten. Schließlich kamen wir zu Verstand – und wurden total verrückt. Um zum traurigen Kern und Unstern meines Lebens zu kommen: Mein Freund Kis hatte ein junges Mädchen aus guter, aber verarmter Familie kennen gelernt, ein schönes, feuriges, wohl etwas gefallsüchtiges und falsches Geschöpf – damals sah ich nur Tugenden an ihr –, ich machte durch ihn ihre Bekanntschaft. Sie verteilte in der gerechtesten, vielleicht berechnendsten Weise ihre Worte, Blicke, Gunstbeweise zwischen ihm und mir. Schon nach der ersten gemeinsamen Ruderpartie fragte Kis mich: >Wie findest du Lenchen?‹ Schön wie Aphrodite, stattlich wie Juno, klug wie Pallas Athene! Da sah er mich grell und drohend an: ›Komm mir nicht in mein Gehege, sonst passiert ein Unglück!‹ - Hast du die Jagd gepachtet oder gekauft? lachte ich. Dann kam der böse, diabolische, wahnsinnige Abend, wo Satan die Finger im Spiele hatte.«

Jobst atmete tief, stieß kurze Sätze heraus und stockte oft. »Selbander fuhren wir im Boot nach Övelgönne hinaus ... das schlaue Lenchen stand kraft einer Wahrscheinlichkeitsberechnung auf der Brücke und spielte die Überraschte und Errötende, als wir Ohoi riefen und anlegten, stieg aber nach dem üblichen Geziere mit Grazie hinein. Wir kreuzten gegen den Westwind, sie wollte durchaus steuern und nahm die Ruderpinne. Keck und übermütig steuerte Lenchen den Kahn, so daß er an den andren Böten handbreit vorbeikreuzte und die Insassen zum Schreien oder Schimpfen brachte. Dann lachte die Hexe aus vollem Halse über den Schreck der Leute. Immer wilder fuhr sie dicht am Buge eines großen Ostasienfahrers vorbei, der tief und zornig tutete. An Steuerbord kam in dem Moment ein Schlepper, den wir nicht hatten sehen können, hervor, das Mädchen verlor die Fassung, hielt aber das Steuer und den Kurs krampfhaft fest, statt beizudrehen und über Stag zu gehen. Der Schlepper faßt das Großsegel, das Boot, schneidet es auf, wir liegen im Wasser. Ich bin ein ausgezeichneter Schwimmer gewesen, ziehe, Wasser tretend, Rock und Stiefel aus und schwimme mit Lenchen im Arm, bis ein Boot klar gemacht ist, uns auffischt und ans Land bringt. Während der kurzen Fahrt halte ich das klatschnasse, erschöpfte Mädchen mit beiden Armen auf der Bank. Kis goß seine Stiefel aus, guckte schräg nach uns und glupste vor sich hin. Sie kuschelt ihr Köpfchen an meine Brust. Da höre ich einen sonderbar unartikulierten Ton, der Seufzen, Fauchen, Fluchen zugleich ist. Ich setze das Mädchen in eine Droschke und sehe mich um, ob er mitkommt. Kis sagt hart: ›Komm' nach der Kastanienallee, wenn du dich umgezogen hast!‹ und schmettert den Wagenschlag zu.

»Aus Teufelei und Trotz ging ich, obwohl eine Stimme mich warnte: Laß ihn sich erst abkühlen! Wir waren beide heißblütige Hitzköpfe... er kam... ich sah sofort, daß er die starren, bösen Augen und die weißen Lippen hatte, und wollte seine Hand ergreifen. Kis riß sie zurück und fing herrisch befehlend an, so daß ich auf einen Trotzkopf zwei setzte. ›Willst du mir sofort dein Ehrenwort geben, dich um Lenchen nicht mehr zu kümmern?‹ – Fällt mir gar nicht ein, das Mädchen mag sich für den einen oder den andern oder einen dritten entscheiden. ›Dann nähme sie dich, ich sah es heute abend ... ich, ich liebe das Weib und will es haben... verstehst du mich? Du kennst mich! Entweder verzichten, oder du mußt dich mit mir schießen.‹ – Bist du verrückt? Geh heim und schlafe die Verrücktheit aus! Laßt uns meinetwegen boxen oder ringen um ihren Besitz... Ich wurde sprachlos, denn Kis legte zwei Pistolen auf die Bank. Ich habe später bei ruhiger Überlegung gedacht, er sei von einem temporären Wahnsinn befallen worden. Denn er hielt mich mit der einen und die geladene Pistole mit der anderen Hand. ›Du entfliehst mir nicht... Jobst, wir dürfen nach unsrer Freundschaft keine Feinde und Rivalen sein, darum soll das Duell ein Gottesurteil fällen... nimm diese Pistole ... zwanzig Schritte gehst du rückwärts... wenn du wegläufst, schieße ich dich über den Haufen.‹

»Ich hielt die Pistole, die er mir in die Hand drückte, und dachte: Es kann sein Ernst nicht sein, es ist ein verrückter Versuch, mich einzuschüchtern und von Lenchen abzuschrecken, er wird nicht auf mich anlegen, sondern in die Luft knallen. Der Mond schien sehr hell. Kaum war ich die Distanz zurückgegangen, kaum stand ich in herzklopfender Erwartung, wie das Tollhausstück wohl enden werde, als er losdrückte und seine Kugel den Hut mir herunterschlug. ›Schieße, bis einer von uns hin ist!‹ brüllte er. Seine zweite Kugel riß mir das Ohrläppchen weg, er wollte mich morden. Da packte mich die Wut und auch ein Selbsterhaltungstrieb. Ich zielte... und traf viel zu gut... das Herz ... mein bester Freund lag in seinem Blut... gefällt von meiner Hand ... er schaute mit glasigen Augen gräßlich mich an... die Augen verfolgten mich dreißig Jahre ... das Blut... das schreckt mich noch manchmal in der Nacht empor. Ja, Erb, dein alter Onkel ist ein Mörder, ein Verbrecher, der in derselben Nacht nach Bremen floh, um nicht im Gefängnis jahrelang zu schmachten. Schaudert dir nicht vor mir? Wagst du noch nachts an meiner Seite zu schlafen?«

»Mein lieber Oheim, nein, mein lieber Vater will ich sagen! Die Gerichte würden deine Tat milde beurteilt und als Notwehr kaum bestraft haben, o die Gerichte können unendlich gnädig, aber auch unsagbar grausam sein.«

»Droben ist ein strenger Richter... und hier drinnen ein noch schlimmerer... Kis war zwölf Jahre lang mein bester Freund.« Das borkige, von der Narbe zerrissene Gesicht zuckte.

»Dein Gewissen kann und soll ganz stille sein, mein Vater! Jener Kis Kollund handelte im Tobsuchtsanfall, im Eifersuchtskoller und war krank...«

»Eben darum hätte ich weglaufen und Hilfe holen müssen, um meinen armen, kranken Freund zu behüten.«

»Damit er dich von hinten niederschösse? Nimmermehr! Es ist ein Naturgesetz, daß das Gesunde leben soll, selbst wenn es auf Kosten des Kranken geschehen muß.«

»Sei aufrichtig, mein Junge! Fühlst du nicht ein wenig Grauen vor mir?«

»Ich fühle nichts als Vertrauen, Liebe und Verehrung.«

 

In Tabora war die Konjunktur günstig. Darum verkaufte Jobst das Elfenbein für zehn Mark das Pfund an die Filiale eines Handelshauses.

Er berechnete genau den Gewinn der Safari, teilte ihn in zwei Hälften und schob die eine über den Tisch. Als sein Neffe sich sträubte oder zierte, schimpfte er saugrob: »So ein Grünhorn sollte Gott danken, einen ehrlichen Sozius gefunden zu haben. O, wie wäre dieser junge Hammel geschoren worden, wenn er in andre Hände geraten wäre!«

Der junge Afrikaner war mit dem Ertrage ungemein zufrieden, der alte hingegen war es nicht und machte eine Nase, als wenn er niesen wolle. »Wenn die schwarze Schafschur nicht fünfzigfältig trägt, wird ein richtiger Afrikaner das Gouvernement, die deutschen Dreckkolonien und das ganze Afrika dem Teufel testamentieren.«

Die Sozii gründeten die zentralafrikanische Salzkompagnie, wie sie mit Selbstpersiflage ihr Unternehmen nannten. Der eine taufte die neue Firma mit ziemlich viel Whisky und Sodawasser – welches Getränk Erb als »Europäertod« bezeichnete –, und der andere traf Vorbereitungen für die neue Safari. Erb trank nur mal ein Gläschen, wenn er in diplomatischer Weise den Oheim heimwärts lenken, listen und lotsen wollte. Dann lächelte er in sich hinein: Mein liebes Ego, das hast du schlau angefangen, der alte Pfiffikus hat keine Absicht gemerkt.

Am vierten Morgen sagte Jobst sehr plötzlich und sehr pünktlich: »Heute wird mit der Wirtshaussafari Schluß gemacht! Mein Junge, ich will nicht unterlassen, dir gehorsamst zu danken.«

»Wofür denn?«

»Für die taktvolle, diskrete Art, wie du den alten, besoffenen Onkel und Esel mit Anstand aus der Saufbude herausgelockt hast.«

Da machte der Herr von Erbenheim kein sehr gescheites Gesicht und sagte nicht zu seinem Ego: Du bist ein schlauer Kerl.

Von den bisherigen Trägern ließen sich mehr als dreißig wieder anmustern und spazierten mit ihrem bißchen Handgeld so großspurig durch den Basar, als wenn sie Tabora kaufen wollten.

Die Sozii trafen auf der Straße ein bekanntes Gesicht, das sie an den spitz gefeilten Zähnen erkannten. Es war der Askari »Eierkuchen« in einer sehr zerlumpten Uniform. »He, Kitumbua, bist du als Askari mit voller Pension entlassen worden?«

»Nein, mit vollen fünfundzwanzig Stockhieben.«

»Wegen Desertion?«

»Nein, bei Allah, ich hatte nur ein Töpfchen Pombe getrunken, aber der schwarze Schauisch – Unteroffizier –, der auch nicht mehr als ein Neger ist, schalt mich ein Schwein. Hat nicht der deutsche Effendi – Leutnant – in Instruktion mir gesagt: Ein Askari darf keinen Schimpf auf königlicher Uniform sitzen lassen?! Darum schlug ich dem Schauisch das Maul blutig und die Nase flach ... und deshalb erhielt ich viele Schläge und einen Fußtritt. Bana, könnt ihr mich nicht gebrauchen?«

»Ja, für Kost, Kleider und Tabak, den Lohn kriegst du erst in Daressalam.« Jobst blinzelte seinem Begleiter zu. »Die Kerle, die gern zu viel auf die Lampe gießen, sind meist die brauchbarsten Leute, solange sie nur Wasser zu saufen bekommen.«

Der Exaskari und Exkannibale wurde gedungen. – Weil der Affe an der Kette melancholisch und gegen Fremde bissig und bösartig wurde, machte er seinem Herrn viel Sorge und noch mehr Mitleid. Der brave Basse durfte nicht geistig und körperlich verkommen und wurde gelöst. Fatima sollte ihn nicht aus den Augen lassen. Das Mädchen aber hatte nur für die Buden im Basar Augen, runde, große, grelle Augen und gab ihre paar Rupien mit vollen Händen aus. Der Affe spazierte die Straße hinunter, fletschte nach allen Hunden, die ihn anbellten, das Gebiß und sah sich den Basar an. Vor einer Bude, die Früchte feilhielt, schnubberte seine Nase, seine Affenfinger langten in die Körbe hinein, um eine Mangoprobe zu nehmen. Der Händler, dem dieser Kunde nicht gefiel, wollte ihn mit Kis–kis verscheuchen. Basse jedoch nahm das Wort sehr übel, setzte sich mitten in die Fluchtkörbe hinein und bombardierte den Kerl mit seinen teuren Früchten, knallte ihm die Papayas, Mangos und besonders die Kokosnüsse an den Kopf. Basse aß auch fleißig und warf die angebissenen Früchte nach links und rechts, zum Gaudium der Negerbuben, die Bravo riefen und die leckren Wurfgeschosse griffen. Der Inder, dessen Ware so rasenden Absatz fand, schrie Mord und Zeter, holte eine Stange und attackierte den Affen, der ihm zwei Kokosnüsse an den Schädel warf. Der Inder hüpfte auf einem Bein, hielt sich den Kopf und heulte. Hundert Zuschauer hielten sich den Bauch und brüllten Beifall, wenn der Pavian die Schreier mit Bananen bewarf. Die Neger balgten sich und lagen einen Meter hoch auf der Erde. Jetzt wurde der Händler tobsüchtig, bekämpfte Feuer mit Feuer und bombardierte den Pavian mit seinen eigenen Kürbissen, die wie Bomben platzten. Das wurde ungemütlich, der gesättigte Räuber hüpfte von hinnen, verfolgt von einer Negerhorde und dem tobsüchtigen Inder, der einen großen Stein aufhob und einen Affenmord begehen wollte. Basse retirierte, biß einen schwarzen Polizisten, der ihm ein Bein stellen wollte, in die Wade, einen zweiten, der nach ihm griff, in die Hand und suchte hinter einer dicken Bastardin, die, den Säugling an der Brust, unter ihren Töpfen saß, Schutz und Schirm vor der Menschenmasse. Halb Tabora war zusammengelaufen. Der Mordstein flog und traf nicht den sich duckenden Übeltäter, sondern die Topfhändlerin, die ihren Säugling hinlegte, tobsüchtig wurde und eine Schüssel dem Inder um die Ohren schmetterte. Er und das Weib rangen, stürzten, wälzten sich auf den Töpfen, d. i. auf tausend Scherben herum. Basse nicht faul schleuderte irdenes Gerät in die Menge hinein, es war der reine Affenpolterabend. Die Neger wieherten, pufften, boxten sich vor Lust. Da erschien die schwarze, blessierte Hermandad, die ihre Reserven eingezogen hatte und mit Stangen und Stricken bewaffnet war. Der Affe erblickte die Heeresmacht und hatte eine Ahnung, daß der Strick für seinen Hals passen könne. Mit Geistesgegenwart nahm er den hingelegten Säugling wie ein Bündel unter den Arm, nahm ihn als Geisel für alle Fälle mit, fletschte sich eine Gasse durch die Gaffer und kletterte in eine hohe Borassuspalme hinauf, wo er im Gipfel bequem sich setzte, das Kindlein auf seine Knie legte und mit Gemütsruhe sich zu lausen begann.

Erb ging dem Geschrei nach, sah seinen Onkel, der ein gerolltes Seil trug, aus einer Schenke kommen und machte ein spinöses Gesicht. »Grüß Gott! Du hast dir einen zum Abgewöhnen gekauft?«

»Kümmere du dich nicht um meinen, sondern um deinen Affen!«

Jobst trabte, machte das Seil zum Lasso und warf die Schlinge über und um den Pavian. Erb turnte mit zitternden Knien in die Palme hinauf und holte das Kindlein, das vom Affen gestreichelt und ge–laust wurde, ganz heil herunter.

Die Topfhändlerin, der Inder verlangten Schadenersatz und erhielten die Hälfte von dem, was sie forderten. Die gebissenen Polizisten bekamen einen Backschisch. Wohl hundert schwarze Taboraner, welche sahen, daß Geld floß, fingen an zu hinken, den Kopf oder Arm zu halten und zu heulen, daß sie gestoßen, gekratzt, von Kokosnüssen schwer getroffen seien.

»Mein Sohn, so teuer ist mir noch keiner von meinen Affen – und ich hatte manchen – geworden.«

Der spottende Jobst verzog das grinsende Gesicht zu einer schauerlichen Grimasse und glotzte die Taboraner so gräßlich an, daß die ganze Bande von dannen brüllte: »Wir haben den Teufel Bambibri gesehen.«– – –

Die neue Safari brach gegen Ende der Regenzeit auf und erreichte in zehn Tagen den vielgenannten Malagarassi.

Nach weiteren fünf Tagen waren die Deutschen mit ihrer Dienerin, ihren hundert Trägern, davon die Hälfte mit dem Gewehr M. 71 bewaffnet war, mit zahlreichen Boys und Weibern am Rutschugifluß. Hier sind die altberühmten, unerschöpflichen Solequellen von Uvinsa, die während der Regenzeit vom Fluß überschwemmt werden und brach liegen, und die schon seit Jahrhunderten, ehe noch ein Europäer diesen Strom sah, ausgebeutet werden. Die Sole liefert ein reines, weißes, hochwertiges Salz, das im salzarmen Innerafrika und bis weit in den Kongo hinein einen vielbegehrten Handelsartikel bildet und überall als Bargeld gilt. Schon in der Vorzeit, als dieser Erdteil das dunkelste Afrika und doch ein weißer Fleck auf der Karte war, strömten hier Tausende von Salzkochern, Holzschlägern, Händlern, Weibern, Dieben, Hochstaplern zusammen, um das schöne Salz zu gewinnen und nach allen Richtungen zu tragen. Alle Jahre, wenn der afrikanische Sommer prangte, wuchsen die Hütten wie Pilze aus dem Boden, und eine provisorische Stadt war über Nacht im afrikanischen Wildwest entstanden. Als die deutsche Safari anlangte, wimmelten schon fünftausend schwarze Gesellen, die in allen Sprachen Ostafrikas plapperten und in einem Kisuahelikauderwelsch sich verständigten, mit hochmütig braunen und spitzbübisch gelben Larven vermischt, am Flußufer, zankten, schimpften und schlugen sich um die besten Plätze.

Erb sah erstaunt das geschäftige Ameisengetriebe und mußte sich sagen: Der als faul verschriene Nigger ist durchaus nicht indolent, sondern flink und fleißig, ja rege-raffig, wenn er nur sieht, daß seine Arbeit zählt und der Lohn in seine eigene Tasche fließt.

Jobst schlug an einem schönen Platze einen Zeltpflock ein.

»Hier sitzen seit Jahren die Leute des Sultans Mahanari,« grinste ein Mgogo, der in einer alten Konservenbüchse eine Schlange zu Suppe kochte. »Das sind handfeste Kerle, die jedem Keile anbieten.«

»Was geht mich der Mahabenichts an... hier bin ich Sultan.«

Die Deutschen kauften Holz von betriebsamen Wanjamwesi, die es den Fluß hinunterflößten, und bauten zwei große Schuppen, die ständig von vier geladenen Gewehren bewacht wurden. Die mächtigen Feuer brannten, die Kessel brodelten, die Saline war in Betrieb.

Die weite Umgebung von Uvinsa war natürlich seit Menschengedenken abgeholzt, keine Staude war stehen geblieben, kein Blatt spendete eine Handbreit Schatten. Holzsafaris trugen täglich das Brennholz herbei, das recht teuer wurde. Aus dem Vieh- und kornreichen Uha kamen Karawanen mit Lebensmitteln, um die interimistische Stadt von zehn- bis zwölftausend Einwohnern zu versorgen. Für eine Ziege gab es zwanzig Pfund Salz. Es war ein emsiges Getriebe, das auch ansprechend gewesen, wenn nicht der ewige Streit um die Schöpfstellen und dann und wann ein Totschlag gewesen wäre. Zwar war ein kleiner Militärposten hier stationiert, um die Ordnung aufrecht zu erhalten und eine Salzabgabe zu erheben. Dennoch mußte jeder selbst sein Eigentum und Leben schützen.

Der alte Pfadfinder bewahrte eine fischblütige Gemütsruhe. Die Lümmel des Herrn Mahanari standen mit zorndicken Köpfen und armdicken Knüppeln im Halbkreise um Jobst herum und knirschten von ihrem ersessenen Recht. »Ich sitze hier seit acht Tagen,« antwortete er freundlich und spielte mit seiner Büchse. »Was bist du für ein Schwätzer?« fragten sie. »Man schilt mich Bana Bunduki.« Da schielten die Kerle nach der Fetischflinte und gingen schnell fort, um andre mit ihren Keulen und Keilen zu vertreiben.

Die Vorräte der weiß glänzenden Kristalle häuften sich, viele Neger kochten in eigner Regie und verkauften gern an die Deutschen, die in Afrika noch als die relativ ehrlichsten Europäer gelten. Dortzulande heißt es: Die Deutschen lassen dem Neger das Hemd, die Engländer und Inder lassen ihm nur die Haut.

Fatima kochte für die Herren, am liebsten scharf gepfefferte Gerichte, und wusch sich zehnmal am Tage die braunen Hände, nicht um der Sauberkeit willen, sondern um dem Herrn, der es gern sah, zehnmal am Tage eine Freude zu machen.

Das Leben in Uvinsa war sehr einförmig. Aber mächtige Salzvorräte füllten die Schuppen, so daß Erb äußerte: »Erlaube mir eine Frage! Wo willst du hier zirka tausend Träger dingen, um diese achthundert Zentner Salz nach dem Westen zu schaffen? Oder beabsichtigst du den Bau der Eisenbahn nach Tabora und dem Tanganjika abzuwarten?«

»Ich rechne nicht damit, Methusalems Alter zu erreichen. Wir sind doch die zentralafrikanische Salzhandelskompagnie und machen es wie die großen Firmen... der eine Sozius bleibt beim Lager, der andre sucht im Kongo feste oder faule Kunden zu bekommen. Der eine verkauft hier zu guten Preisen an die schwarzen Salzhausierer, der andre bringt eine Safari Salz über den See. Wer den geruhsamen Posten am Rutschugi übernimmt, entscheidet das Los.«

»Das ist schon entschieden. Kein vernünftiger Mensch sendet einen Neuling, ein Grünhorn ins Kongogebiet hinein. Ich bleibe hier als Ladenhüter.«

Jobst ließ seinen Neffen und sechs bewaffnete Leute in Uvinsa zurück und machte mit den übrigen Trägern die Reise nach dem und über den See, machte bald die für einen Kaufmann höchst erfreuliche Entdeckung, daß die Neger am See für fünf Pfund Salz eine Ziege, nach drei Tagereisen zwei, nach fünf Tagemärschen vier und nach acht Tagen zwölf Ziegen, die als Geldwährung galten, gaben, d. h. sie zahlten für Salz einen mit der Entfernung lawinenartig wachsenden Wert in Kautschuk oder Elfenbein. Das war beinahe ein Geschäft, wie einst der Ochsenhandel in Südwest.

Erb war monatelang auf die Unterhaltung der lebhaften und bildungsfähigen Araberin angewiesen, sah sofort die Gefahr und Versuchung des Alleinseins und sagte: Nimmermehr werde ich mir einen kleinen, netten Harem anlegen, wie der alte Schalk spottet. Das soll die Feuerprobe meiner Willenskraft sein.

Er baute der Dienerin eine kleine Hütte. Sie fing es nach Frauenart fein an, ihr Wissensdurst wollte Deutsch lernen, wollte in den Büchern und dem Koran der Christen lesen. Bald lobte der Pädagoge ihre erstaunlichen Leistungen nicht mehr, weil es ihre Eitelkeit förderte. Wehmütig blickte sie ihn an: »Warum sagt mein Bana nie mehr: Gut, sehr gut, mein Kind? Bin ich faul oder dumm geworden?«

Da streichelte er ihr kohlschwarzes, knisterndes Haar.

Plötzlich sagte die Dirne naiv, aber mit heißen Backen und Blicken: »Warum küßt du mich nicht einmal?«

Weiß Gott, der Afrikaner wurde rot. »Weil du ... nicht meine Frau bist.«

»So mache mich zu deiner Frau, zu deiner vierten oder fünften...«

»Die Christen haben nur ein Weib.«

»Ach, wie schön! So mache mich zu deiner einen und einzigen Frau!«

»Du bist ein törichtes Kind, und ich bin dein Vater.«

»So küsse mich doch als Vater!«

Er sprang hastig auf. »Laßt uns Basse nach Bananen springen lassen!«

Der Pavian war ein Kunstspringer geworden, der es mit den Watussi im Hochsprunge aufnahm und nach der Weltmeisterschaft zu trachten schien.

Hunderte von gebildeten Europäern, denen das ewig Weibliche in Afrika fehlte, haben sich an eine wollköpfige, dicknasige Negerin gehängt trotz der Ausdünstung und der trennenden Geisteskluft. Das ist schmutzig, scheußlich. Aber hier war ein frisch erblühtes, schönes, hellbraunes Weib, das wie ein naiv begehrliches Kind nach der Liebe des großen, gütigen Deutschen verlangte.

Einmal als die letzten Sonnenstrahlen in das offene Zelt fielen und die ersten Moskitos surrten, sprach Erb von der Zukunft, wie sie mit dem Elfenbein nach Daressalam ziehen würden, wie Fatima an allen Ecken und Enden gucken werde.

Das Mädchen, das nur vom Hörensagen die Küste kannte, machte statt einer frohen eine finstre Miene. »Dort sind die blassen, blutlosen Frauen, darum hast du Sehnsucht nach der Küste ... und Fatima kann gehen, nach Simbalimpi gehen.«

»Nein, ich werde für dich und deine Zukunft sorgen.«

»Du für mich? Hahahaha! Fatima kann sich auf einem Stein ernähren ... ich muß ja dich behüten, daß die Schlangen und Skorpione dich nicht beißen... ich muß meinen Bana mit Wasser und Essen betreuen, hegen und hüten nach meinem Gelübde... versprich mir, daß ich immer bei dir bleibe, auch wenn du eine blasse Frau in deinen Harem nimmst! Schwöre es mir!«

»Ich habe keine weiße Frau und werde keine haben.«

Ihre glänzenden Augen glühten, ihr Körper wogte. »Warum nimmst du nicht mich?«

Da nahm er ihren Kopf zwischen seine Hände, das Schmeichelkätzchen schmiegte sich an seine Brust, und er hätte sie wohl geküßt, wenn sie selbander und nicht selbdritt gewesen wären. Der Affe spazierte unruhig auf seinen geballten Fäusten hin und her, grunzte und gab seinen Unwillen kund. Er warnte die Vertieften vergebens. Plötzlich ging der Pavian energisch vor, fauchte Fatima, die er doch nächst seinem Herrn am meisten liebte, zornig an, und, als das nicht half noch gehört wurde, zerrte er das Mädchen so gewaltsam von Erbenheim weg, daß er ihr Gewand mit den Nägeln zerriß. Die Eifersucht des Affen bewahrte den Herrn in der Versuchung.

Erb eilte ernüchtert aus dem Zelte. Fatima wurde wütend und prügelte den Pavian, der jetzt demütig sich duckte. Der Herr aber nahm ihn mit, gab ihm fünf Bananen als Schmerzensgeld und ließ ihn frei laufen. Da wurde Basse arg übermütig und machte seine alten Dummheiten. Eine Herde von Fettschwanzschafen suchte zwischen den Steinen nach einem Halm. Kaum bemerkten die einfältigen Blöker den schwarzen Teufel, als sie Reißaus nahmen. Basse hinterdrein ... die Hammel rasten wie toll... der Hirte heulte. Der schwarze Racker schwang sich auf ein Schaf, krallte sich fest und ritt in Karriere mit der Heide zum Teufel. Erb von Erbenheim lief mit der Zunge aus dem Halse dem Halunken von Hammelreiter nach. Die wilde Jagd riß vier Frauen, fünf Kinder, drei Salzkessel um. Einige Schafe stürzten, andre rannten in einen Sumpf. Basse blieb im Sattel, bis sein Reittier hinfiel und der brüllende Besitzer mit einem Knüppel kam, um den Affen zu morden. Der flüchtete vor den Affenmördern auf einen Schuppen hinauf, ließ seinen Herrn die Suppe ausessen und hörte sich die Schadenersatzverhandlungen aufmerksam von oben an.

Die Hirten, die wie Derwische tobten, wollten den Weißen schröpfen und scheren. Um des Friedens willen kaufte der Deutsche ihnen alle irgendwie beschädigten Tiere ab. Sie brachten ihm natürlich die kleinsten und kümmerlichsten Hammel, denen gar nichts fehlte, nur daß sie viel zu teuer waren. Die Folgen jeder guten Tat werden in Afrika nicht ausbleiben. Alle Tage belagerten Neger und Negerfrauen Erbs Zelt und lamentierten: »Dein böser Affe hat meinen Honig genascht... hat meine Bananen gestohlen ... dein Pavian hat mich gebissen... hat mein Kind gekratzt und krank gemacht... schau dir mal das Würmchen an!«

Der Deutsche öffnete den Zeltvorhang und zeigte auf den Missetäter, der stramm und stets an der Kette lag. Und was antworteten die Neger unverfroren: »So ist es der böse Geist des Teufelsaffen gewesen... zahle zwei Rupien!«

Mit dem Kiboko wollte er zahlen. – – –

Ein Jahr verging. Jobst Renner war zweimal mit einer Salzsafari im Kongo gewesen und erzählte fabelhafte Dinge von den Elfenbeinvorräten, die er hier und da gesehen habe. Wie in der gesitteten Welt alles nach dem Golde rennt und jagt, so sind es in Afrika die Elefantenzähne, danach der Menschen Sinnen, Sehnen und Trachten steht, darum Weiße, Araber und Inder sich reißen, Wüsten und Wildnisse durchdringen, allen Krankheiten und Toden trotzen. Um der elenden Zähne willen sind blutige Kriege geführt, Abertausende von Negern grausam getötet und zahllose Abenteurer im Sande Afrikas verscharrt worden. Das unheimliche Elfenbein, das die Raubtierinstinkte im Menschen erweckt! Selbst zwei solche Männer, wie die beiden Sozii, wurden stumm bei dem Bericht des Alten und fühlten jene unselige Gier nach dem Elfenbein, das sie bis in die Kongokannibalenländer lockte. Während der Regenzeit, die jede Salzausbeute für Monate verhinderte, brachte Jobst die eingehandelten Elfenbein- und Kautschuklasten nach Tabora, verkaufte sie, erwarb neue Artikel und kehrte mit zweihundert Trägern zurück. Aber auch mit einer großen Geldsumme.

Das war eine stattliche Handelskarawane von mehr als zweihundert Trägern, wovon die fünfzig alten, bewährten Wanjamwesi und Suaheli mit Hinterladern bewaffnet und drei Tage lang im Schießen ausgebildet waren, das war – mit Weibern, Boys und Ballast – ein siebenhundertfüßiger Riesenwurm, der sich über die Berge am See nach Udjidji hinunterschlängelte.

In langen Warundiböten und plumpen arabischen Dhaus wurden alle Lasten und Träger über den See gesetzt. Als Erb am Westufer ans Land stiegt war sein Erstes, Unwillkürliches ein Gebet. Das Wort seiner Mutter: Wenn du mal in ungeheurer Not bist, so rufe Gott an, und du wirst erfahren, daß er ist – das Wort stieg aus dem Gedächtnis empor und stand vor ihm. Er war durchaus in keiner Fährlichkeit, sondern von froher Hoffnung belebt, und dennoch betete er in einem instinktiven Drange. War das eine Ahnung, daß er in Not kommen und den Beistand eines allmächtigen Herrn gebrauchen werde?

Sie waren in der Kongokolonie, in dem unermeßlichen Gebiet des ungeheuren afrikanischen Stroms.

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