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Ein Abend im Irrenhause

Fritz Mauthner: Ein Abend im Irrenhause - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitlePrager deutscher Erzählungen
authorFritz Mauthner
year1992
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-028771-5
titleEin Abend im Irrenhause
pages52-68
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1914
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Fritz Mauthner

Ein Abend im Irrenhause

(1914)

Mit Doktor Hafkings spreche ich in diesem Leben kein Wort mehr.

Drüben?

Machen Sie sich nicht auch noch über mich lustig. Doktor Hafkings hat mich so hineingelegt, daß ich mich eigentlich schämen müßte, es zu erzählen. Und dabei hat er mich ausgelacht mit dem ganzen Zynismus eines Privatdozenten für Gehirnphysiologie. Hören Sie nur.

Es war Mitte Januar und ich war für den Abend in keinem einzigen Hause zwischen dem Potsdamer Tor und dem Zoologischen Garten zum Souper geladen. Merkwürdig! Was? Wozu ist man denn einer der besten Klavier- und Taschenspieler von Berlin, wenn man nicht jeden Abend zwischen drei Einladungen zu wählen haben soll. Ja, da traf ich gegen Mittag unsern gemeinsamen Freund Gresse bei Josty, im Café. Sie wissen doch: Gresse! Der unser aller Freund ist und dessen einzige Beschäftigung zu sein scheint, daß er uns in Familien einführt, bei denen man noch nicht verkehrt. Gresse hört, daß ich frei bin und verpflichtet mich sofort, eine große Gesellschaft bei Fleischers mitzumachen. Da fangen Sie schon zu lachen an! Sie wissen also, wen ich meine. Man habe mich schon lange bei Fleischers gewünscht. Der dicke reiche Fleischer mache nicht mehr im Getreide, sondern habe jetzt den besten Koch und die beste Musik, da drüben in dem neuen Stadtteil hinter dem Tiergarten. Wir wissen ja, daß Gresse überall das Recht hat, bei seinen Freunden seine Freunde einzuführen. Vielleicht bekommt er sogar so und soviel pro Stück. Ich sage nein. Den dicken Fleischer habe ich noch mit keinem Auge gesehen, von der dicken Frau Fleischer habe ich zuviel gehört. Für seinen Koch bin ich noch nicht reif. Mir schmecken Frauen und Hühner noch ungetrüffelt. – Gresse zieht ein Gesicht, wie wenn er einen vergebens anzupumpen versucht hat und sagt: »Schade, es ist da eine Dame, die in Sie verliebt ist.« »So?« – »Die Dame liebt die Offenheit, sie liebt soviel. Sie hat mir sehr deutlich zu verstehen gegeben, daß sie Sie gern auszeichnen möchte.«

Man ist bekanntlich kein Unmensch, und da die Person auch sehr hübsch sein soll, sage ich endlich zu.

Ich soll ohne Förmlichkeit kurz nach neun Uhr erscheinen. Gresse wird die Vorstellung übernehmen. Wie die verliebte Dame heißt? – »Sie werden Sie zu Tisch führen.«

Es war kurz vor neun, ich steckte schon im Frack und philosophierte darüber nach, ob ich nicht eigentlich mehr Lust hätte, zu schlafen als Eroberungen zu machen. Da klingelt's und Doktor Hafkings kommt herein. Auch er im Frack. Im Sommer habe er mir einmal versprochen, mich zu einem Galasouper in seiner Anstalt mitzunehmen. Sie wissen, er ist Assistenzarzt in so einem eleganten Privatirrenhause. Jetzt komme er sein Wort einlösen.

»Nee, lieber Freund«, sage ich, »das war damals eine Kateridee von mir. Herzlichen Dank für das gute Gedächtnis und den guten Willen. Heute habe ich besseres vor.« Und ich erzähle ihm meine Verhandlung mit Gresse. Doktor Hafkings kriegt sein hübsches infames Lächeln und sagt:

»Du machst dir ein ganz falsches Bild von unserer Anstalt. Die Pension ist so teuer, daß alle unsere Patienten, Männlein und Weiblein, nur den obern Zehntausend angehören. Komfort wie in einem Hotel ersten Ranges und namentlich bei solchen Festen läßt der Direktor sich nicht lumpen. Es ist seine Reklame.«

»Du begreifst aber...«

»Du machst dir ein falsches Bild! Namentlich die hysterischen Damen hätten dich interessiert. Da ist eine Kranke, mehr als hübsch... und du hättest sie zu Tische führen können.«

»Aber verrückt!«

»Na ja, sie hat eine wunde Stelle. Aber wer ist denn geistig gesund in der Großstadt? Psychologisch ist so eine Dame...«

Kurz, ich lasse mich wieder überreden, verzichte auf die unbekannten Genüsse und die Tischdame bei Fleischers und nehme die Einladung von Hafkings an.

Sein Wagen wartete vor der Tür. Er sagte dem Kutscher etwas und wir fuhren über den harten Schnee nach dem Tiergarten.

Als mir neue Bedenken kamen, lachte Doktor Hafkings wieder mit seinem hübschen infamen Lachen. Von Gefahr könne keine Rede sein. Nicht einmal unheimlich sei die Geschichte, nicht unheimlicher als in anderer guter Gesellschaft. ich würde keinen Unterschied wahrnehmen. Sicherlich würden sogar Skatspieler da sein.

Wir waren angelangt und Doktor Hafkings führte mich eilig durch einen kleinen Vorgarten in ein hell erleuchtetes Haus. Es sah gar nicht bedenklich aus. Fleischer oder Sie hätten ebenso wohnen können. »Hier sind die Festräume«, rief Hafkings, »gewissermaßen die Schaufenster der Anstalt. Das eigentliche Irrenhaus ist dort.« Dazu machte er eine vage Handbewegung, die ebenso das Hintergebäude und das Nachbarhaus wie halb Berlin bezeichnen konnte. Über weiche Teppiche kamen wir in das erste Stockwerk und wurden da von zwei Dienern in Livree empfangen.

»Richtige Diener?« fragte ich.

»Nein, Dummköpfe und Diebe, welche ihrem Charakter folgen und die Rolle von Bedienten übernommen haben. Sie sind musterhaft vor den Gästen. Aber du solltest sie unter vier Augen sehen! Bestien!«

»Brechen sie niemals aus?«

»Selten. In großem Stil ist so etwas seit etwa hundert Jahren nicht mehr passiert.«

Während wir die Pelze ablegten, sagte Doktor Hafkings leise: »Apropos, du wirst gar nichts vermissen. Wir haben hier einen Zwillingsbruder des dicken Fleischer. Er hält sich für seinen reichen Bruder und seine Verrücktheit besteht darin, daß er glaubt, er sei der geachtete Wirt der versammelten Gesellschaft. Soweit verlangt er respektiert zu werden. Ich werde dich ihm vorstellen, um ihn nicht zu reizen.«

»Und die schöne Dame, die du mir versprochen hast?«

»Sie wird dich selbst ansprechen. Das ist so ihre Art. Sie liebt die Offenheit.«

Wir traten ein und mein bängliches Gefühl verlor sich nach wenigen Minuten. Es schien zuzugehen, wie in jedem andern Salon. Nur eine gewisse Gemeinheit und krankhafte Gespanntheit glaubte ich auf allen Gesichtern zu sehen. Sonst aber: Toilette und Benehmen wie anderswo, wo man seine Abende zubringt.

Ein dicker Herr trat auf uns zu; er sah aus wie ein Pferdehändler, dem ein Oberkellner Anstandsunterricht gegeben hat. Ich wurde vorgestellt. Der falsche Fleischer verriet seinen Zustand nur dadurch, daß er einen Augenblick auch den Doktor Hafkings wie einen Fremden anstarrte. Dann sagte er unter Händedrücken, was man so zu sagen pflegt. Freude... bescheidenes Heim... Hafkings wird frech und meint: »Sie wissen doch, lieber Fleischer, wen ich Ihnen da zuführe?« Fleischer drückt mir noch wärmer die Hand, murmelt etwas von großer Ehre und läßt uns stehen.

»Ich werde dich zweien oder dreien von den Herrschaften vorstellen, dann wirst du dich gefälligst selbst bedienen.«

»Du mußt mir aber doch vorher ein wenig erzählen, wer die Leute sind.«

»Mit Vergnügen, ich bin ja Psychiater. Von unserm Wirt, dem falschen Fleischer, wirst du ja gehört haben. Er hat einige Male mit dem Ärmel das Zuchthaus gestreift und säße vielleicht darin, wenn er nicht hier in einem Irrenhause lebte,... wie wir alle.«

»Du, Hafkings«, sagte ich dämlicherweise, »so etwas habe ich über den richtigen Fleischer auch schon gehört.

»Ach, das tut nichts, bei dem sind das nur die Vermutungen seiner Freunde... Siehst du drüben die geschminkte Dame mit der Wespentaille? Ihr Vater war Kommerzienrat, ihr Mann ist Titularprofessor. Ihre fixe Idee ist, daß alle Welt von ihrer Schönheit spreche. Vor fünfundzwanzig Jahren soll das nämlich wirklich so gewesen sein.«

»Und wegen so einer Kleinigkeit ist die hier?«

»Du mußt nämlich wissen, daß die Leute trotz der großen Mitgift nur noch knapp zehntausend Mark Einkommen haben und daß sie glaubt, davon sechstausend für Toiletten, Schminke einbegriffen, ausgeben zu müssen. Sie geben offene Gesellschaften und hungern heimlich. Der lange blonde Herr, der mit ihr spricht, ist ein gewisser Doktor Hartwig, Arzt, erst vor einem Jahre von seinen Examinatoren auf die Menschheit losgelassen. Er weiß, daß er nichts weiß und ist insofern ein Philosoph. Aber er hat die fixe Idee, der gesuchteste Arzt von Berlin zu werden und verfolgt dieses Ziel mit der ganzen Schlauheit eines Wahnsinnigen. Der Fall ist für unsereinen sehr kompliziert. Seine Geldgier wäre natürlich kein Symptom von Geisteskrankheit. Alle wissenschaftlichen Morde, die er auf dem Gewissen hat, werden durch seine Eitelkeit und seine Unwissenheit entschuldigt; aber schließlich kann der Staat doch nicht dulden, daß so ein Mann jährlich ein Dutzend Menschen umbringt.«

»Er ist also hier unschädlich gemacht?«

»Den vernünftigen Menschen kann er nicht mehr schaden. Aber hier in dem großen Irrenhause – und Hafkings machte wieder seine vage Handbewegung – treibt er sein Unwesen. Die beiden Herren, die mit ihm sprechen, sind der Prinz X. und der junge Teltower. Prinz X. war in seinen Kreisen schon lange unmöglich; in Bürgerkreisen macht man ihm Hofknickse, trotzdem er jeder Dame, der ältesten wie der jüngsten, nach zwei Minuten den Vorschlag macht, ihn in seiner Junggesellenwohnung zu besuchen. Der junge Teltower ist harmloser. Er möchte gern mit dem Prinzen X. verwechselt werden und spricht darum nur von Tänzerinnen und Pferden. Sein Körper hat Schaden gelitten, besonders sein niedliches Gehirn. Er läßt sich von Doktor Hartwig unter die Erde bringen.«

»Teltower? Du, von dem habe ich schon gehört. Alle Leute nannten ihn blödsinnig. Aber ich dachte, er ginge frei herum.«

»Was man so frei nennt! Aber da kommt ja Frau Urban schon auf dich zu. Sie wird sich dir gründlich vorstellen. Mein Gott, wir sind eben in einem Irrenhause. Ich drücke mich.«

Ich war etwas verlegen. Ich stellte mir eben einen Augenblick vor, ich wäre bei dem richtigen Fleischer, weil mir dort doch auch eine verliebte und offenherzige Frau versprochen worden war. Frau Urban war eine hübsche kleine Person, die mir in anderer Gesellschaft kaum aufgefallen wäre. Hier bemerkte ich sofort dunkle Ränder um ihre schönen, flackernden Augen und gemeine Falten um den hübschen Mund. Sie sah so... ich möchte sagen, zerdrückt aus.

Sie trat unbefangen an mich heran, nannte mich beim Namen und freute sich, meine Bekanntschaft zu machen. Nach einigen Redensarten über mein letztes Konzert und den neuesten Theaterklatsch bat ich um die Erlaubnis, sie zu Tische führen zu dürfen.

»Ach was«, rief sie, »das habe ich schon veranlaßt. Wir sitzen nebeneinander und wenn Sie nett sind, werde ich nach dem Braten unwohl, muß fort und Sie begleiten mich nach Hause. Sie sind doch nicht zu schüchtern?«

Das war ein starker Tobak. In wirklich guter Gesellschaft hatte sich so etwas höchstens zweimal in meinem Leben ereignet. Freilich schien Frau Urban auch hier die einzige Kranke dieser Art zu sein. Sie wurde von einigen Pensionärinnen der Heilanstalt geschnitten, und die jüngeren Herren lächelten eigentümlich, wenn sie an Frau Urban vorüberkamen.

Ein stattlicher Mann trat auf uns zu und stellte sich mir als der Dichter Felix Raguhn vor. Da ich den Namen niemals gehört hatte, mußte ich glauben, es wäre eben der Dichter, der in keinem Irrenhause fehlt. Raguhn war offenbar eifersüchtig. Er erklärte sich für einen Musikfreund und führte mit Frau Urban ein ganz gebildetes literarisches Gespräch. Wir sprachen von Ibsen, wie man überall von Ibsen spricht. Raguhn schimpfte und Frau Urban verteidigte. Sie verbarg ihre Krankheit meisterlich und wäre so, wie sie jetzt unter sechs Augen war, eine Zierde jedes ästhetischen Tees gewesen. Nur daß leider schon zu viele Herren davon wußten, wie sich ihre Krankheit unter vier Augen äußerte. Das war mir unangenehm und ich faßte den Entschluß, etwas zurückhaltend zu sein und Frau Urban wie die übrige Gesellschaft nur psychologisch zu studieren.

Inzwischen waren noch mehr Herren gekommen. Alle mit dem gleichen jugendlichen und doch müden Lächeln. Ich beobachtete, daß gerade die ältesten Herren die Müdigkeit zu verbergen und die Jugendlichkeit zu übertreiben suchten, daß die jüngsten es umgekehrt machten. Diese Freude an der Lüge schien mir bezeichnend für das Milieu, in dem ich mich befand. Mehr als einmal sah ich, wie ein Herr mit einer Dame am Arm eintrat, beide Gesichter wie zerzankt, aber mit einem frisch aufgesetzten Lächeln über den verwüsteten Zügen.

Doktor Hafkings rief mich heran, er wolle mich an der Unterhaltung einer schwedischen Sängerin teilnehmen lassen, die auch nach kurzer Vorstellung in ihrer Auseinandersetzung fortfuhr: daß sie sich selbst für eine maskuline, den Doktor Hafkings jedoch für eine feminine Natur halte. Ein wild aussehender Herr reichte ihr den Arm und führte sie fort.

»Der Maler!« sagte Hafkings zu mir. »Er malt das Laub blau und behauptet, es so zu sehen.«

Ich fragte, warum denn all diese Leute, die doch in der Anstalt wohnen, so vermummt die große Treppe heraufkämen.

»Du weißt gar nichts«, sagte Hafkings und sein infames Lächeln war nicht mehr hübsch. »Es ist doch bekannt, daß die Insassen von Irrenhäusern nicht eingestehen wollen, wo sie sind. Wahnsinn ist die Krankheit, die man nicht eingesteht. Alle diese Herrschaften behaupten, irgendwo in Berlin W zu wohnen. Dadurch besonders unterscheiden sich solche Häuser von den Gefängnissen, daß die Verbrecher dort nicht leugnen, eingesperrt zu sein. Hier zeigt niemand gern sein trübes oder sein wildes Herz, er hätte denn zu enge Stiefel oder zu weite Magenwände. Übrigens wollen wir uns doch hier nicht bloß miteinander unterhalten. Ich mache meine Studien, mache du die deinen.«

Unmittelbar darauf sprach mich ein Herr an, der aussah wie ein Pastor oder ein Schauspieler. Er sei Komponist und über Wagner hinausgekommen. Er erkläre nicht nur die Melodie für veraltert, sondern auch die Harmonie. Der Individualismus, der in der Politik als Anarchismus die Welt friedlich umformen werde, sei sein musikalisches Prinzip. Ich müsse seine Kompositionen öffentlich spielen. Sie seien sehr leicht zu lernen, weil man sie unter Umständen auch anders spielen könne. Die Kosten des Konzerts werde er gern tragen und wenn er mir sonst gefällig sein dürfe...

Der Mann sprach so vernünftig, daß ich beinahe vergaß, wo ich mich befand. Und dieser Zustand blieb, als ich wieder eine Weile allein war und neugierig Beobachtungen anstellte. Jedermann hatte sich offenbar in seinem Wahnsinn eine Rolle zurecht gelegt, die Herrschaften duldeten einander, um gemeinsam Gesellschaft spielen zu können. Die Sache fing an, mich zu fesseln. Ich legte mich auf die Lauer, wahrhaftig, weil ich an Sie dachte und Ihnen den Stoff für ein sensationelles Feuilleton erzählen wollte. Ein Abend im Irrenhause! Das würde Ihnen doch mit Kußhand abgedruckt. Der Gesamteindruck war mir schon klar. Was sonst nur ausnahmsweise in unserer Welt sichtbar wird oder was nur pessimistische Menschen zu sehen glauben, die Leere, die Unwahrheit, die verbrecherische Gemeinheit, das war hier der normale Zustand. Ich lernte noch zwei oder drei Mediziner kennen, sie glichen ganz den anderen Patienten. Und einer von ihnen half mir – allerdings sah er mich dabei verwundert an, als ob er auch mich für einen Wahnsinnigen hielte – die Erscheinungen in drei Klassen ordnen. –

Zunächst waren alle Wahnsinnigen ohne Ausnahme größenwahnsinnig. Geradezu grotesk wirkte es, wie der eine immer dem Größenwahnsinn des andern schmeichelte, um vom andern selbst wieder anerkannt zu werden. Es war so, als ob jeder zu jedem gesagt hätte: »Gut ich gebe zu, daß Sie der Kaiser von Brasilien sind; dann aber müssen Sie zugeben, daß ich der Kaiser von China bin.« So klassische Fälle erlebte ich nun gerade nicht, aber hundertmal intimere Beispiele eines gegenseitig unterstützten Größenwahnsinns. Ich, Ich, Ich, tönte es von allen Seiten. Ich spiele die Don-Juan-Phantasie besser als Liszt selbst; sonst hätte Liszt auch nicht solche Bosheiten über mich verbreitet. – Was wäre Virchow ohne meine Entdeckungen. Ich bin darum auch nicht Professor geworden. Die Kerls halten zusammen wie die Kletten. – Mein Umsatz in amerikanischen Eisenbahnpapieren ist größer als der von Bleichröder. – Ich bin ein lebendiges Konversationslexikon. – Ich hatte immer die schlechteste Zensur der ganzen Klasse. –

Ich bin der beste Schwimmer in Berlin. – Ich der beste Radler. – Ich, Ich, Ich! – Ich hab die schärfsten Augen. – So kurzsichtig wie ich ist kein anderer. – Ich habe das meiste Geld. – Ich habe die meisten Schulden. – Ich, Ich, Ich!

Und daneben der stille Tauschhandel des Größenwahnsinns: Das ist mir sehr interessant, was Sie mir da erzählen, Herr Professor. Ich will gern glauben, daß Sie verdienten, an Mommsens Stelle zu stehen. Aber solche Zigarren, wie ich sie direkt aus Havanna beziehe, haben Sie noch nie geraucht. – Das will ich gern glauben, aber im Unterrichtsministerium...

Unaufhörlich werden solche Reden und Gegenreden gewechselt. Aber ein gräßliches Gegenbild fanden sie in dem, was hinter dem Rücken geflüstert wurde. Da zeigte sich eine wirklich wahnsinnige Bosheit. Keiner, der nicht in geflüsterten Worten zum Schuft gemacht oder für geisteskrank erklärt wurde. Der betrügt seine Frau, die betrügt ihren Mann. Der hat seine Gläubiger bestohlen, die bezieht ihr Wirtschaftsgeld vom Liebhaber, der hat ein Testament unterschlagen, die hat ihren Mann ins Irrenhaus gebracht. Der duldet seinen Chef als Hausfreund. Überall dasselbe. »Ich, Ich, Ich« im lauten Gespräch; »der, der, die, die« leise in den Ecken.

Sodann schien auch der erotische Wahnsinn stark verbreitet. Man konnte das weniger aus den behorchten Gesprächen schließen als aus anderen Zeichen. Schon die Soupertoiletten der Damen bewiesen hier erotischen Wahnsinn. Ich hätte mir sagen sollen, daß man in guter Gesellschaft außerhalb des Irrenhauses ebenso gekleidet ging, wie ich mir auch hätte sagen können, daß die lauten Gespräche und das Flüstern anderswo ähnlich war wie hier. Mir aber schienen diese ausgeschnittenen Taillen und das übrige einen Stich ins Geisteskranke zu haben. Es war nicht anders: Die Formen des weiblichen Körpers, die dem Manne zumeist gefährlich werden können, waren unterstrichen, ich kann es nicht anders ausdrücken. Mit dem Unterstreichen der Augen fing es ja buchstäblich an. In der Freude an der Fälschung mochte wohl das Krankhafte bestehen. Falsch die Üppigkeit der Haare, falsch die Büste, die Hüften und manches andere. Was kann so eine Frau damit beabsichtigen? Ihren Mann kann sie nicht täuschen wollen, nicht einmal ihren Geliebten. Sie muß also die Absicht haben, die Augen jedes Fremden anzuziehen. Das ist doch erotischer Wahnsinn? Wenn ein Hahn sich falsche Schwanzfedern aufbinden und seinen Kamm rot färben wollte, so dürften wir doch sagen, daß der Hahn verrückt ist!

Der erotische Wahnsinn äußerte sich auch bei den Herren. Aber deutlicher zu erkennen war er an der Haltung der Damen. Mit grauenhaft automatischer Regelmäßigkeit wiederholten sie alle irgendeine Lockbewegung. Die eine streckte immer wieder ihr Füßchen unter dem Saume des Kleides vor, die andere hatte eine bestimmte Art, ihre kurzen Ärmel fliegen zu lassen und den Ellbogen zu heben; die dritte schüttelte alle paar Minuten einmal den kleinen Kopf mit dem gebrannten Haar; die vierte sprach unaufhörlich und zeigte dabei in regelmäßiger Bewegung die schönen Zähne, so daß es aussah wie das bewegliche Gebiß im Schaufenster eines Zahnarztes; die fünfte konnte die Nüstern bewegen und tat es wie ein Rennpferd am Sattelplatze; die sechste hatte Atropin gebraucht und machte jetzt unaufhörlich große zornige Augen. Auch wenn sie nur guten Abend sagte! Wahrhaftig, die so ausgeprägt kranke Frau Urban war eigentlich noch eine der ruhigen Kranken.

Die dritte Form des Wahnsinns, auf die mich Doktor Hafkings selbst aufmerksam machte, war anfangs nicht so leicht zu beobachten: der Hungerwahnsinn. Bevor man nämlich zu Tische ging, war es nur so eine Art theoretischer Hunger, eine Gier nach Wagen und Pferden, nach Badereisen und Toiletten, nach Theater und Bällen; oder eigentlich nur Hunger nach dem Gelde, womit das alles zu erkaufen ist. Selten äußerte sich dieser Wahnsinn ehrlich. Es war ein Nebenton, für den das Gehör erst geschärft werden mußte. Dann aber wuchs dieser Nebenton zu einem lauten Brausen an und überschrie die andern Gespräche. Ich muß verhungern! Ich habe nicht genug! Nicht genug! Nicht genug! Es war eine höllische Symphonie. Ich hätte sie auf der Stelle komponieren können. Die Geigen fistelten ohne Ende: Ich, Ich, Ich, der, die, die; die Bässe brummten dazu wortlos die Gedanken des erotischen Wahnsinns. Aber die leisen Nebentöne des Hungerwahnsinns schwollen mächtiger an, bis sie die Melodie wurden und wie Posaunen alles andere übertönten zu dem Texte: »Millionen! Millionen! Nicht genug! Nicht genug!«

Als es aber beinahe elf Uhr geworden war und man immer noch nicht zu Tische ging, da kam über die ganze unglückliche Gesellschaft erst der brutale bestialische Hungerwahnsinn, wie man ihn an Fasttagen im Zoologischen Garten studieren kann, wenn der Tiger in seinem Käfig hin und her rennt, wenn selbst der stolze Löwe vor Wut mit der Tatze nach der Löwin schlägt und sie anblickt, als wollte er seine Zähne in ihren Hals schlagen. Die Damen wurden nun stiller. Aber die Herren! Langsam ließen sie die Maske der Wohlerzogenheit fallen. Wie hungernde Affen grinsten sie in jedes Gespräch hinein. Wie ein Geruch von Hunger stieg es zu den elektrischen Lichtern empor. Ich wurde mir plötzlich meiner schrecklichen Lage bewußt. Und das Entsetzlichste war, ich begann selbst etwas wie den Hungerwahnsinn zu spüren. Ich mußte an mich halten, um dem falschen Fleischer nicht Grobheiten zu sagen.

Da trat ruhig Frau Urban an mich heran, ließ mich meinen Arm in den ihren legen und kniff mich dabei lächelnd in den kleinen Finger. Wir gingen zu Tische.

Rechts von mir saß also Frau Urban, links eine Frau von Kochansky. Auf der anderen Seite von Frau Urban saß der Dichter. Uns gegenüber, zu beiden Seiten einer Brillantenausstellung, die um eine dicke Frau gehäuft war, der Maler und der blödsinnige junge Teltower. Anfangs suchte jeder nur seinen Hungerwahnsinn zu stillen. Freilich wurde dazu überall gesprochen; aber es war nirgends eine zusammenhängende Unterhaltung. Man schluckte die Austern, man schluckte die Suppe. Als ich dazu alles Weißbrot gegessen und zwei Glas von einem schweren süßen Wein getrunken hatte, wurde ich ruhiger und konnte wieder beobachten. Frau von Kochansky war ganz merkwürdig. Sie hatte sich vorher in ihrer Zelle wohl bis aufs äußerste schnüren lassen. Sie konnte jetzt kaum einen Bissen hinunterbringen. Man sah es ihr an, daß sie Schmerzen aushielt. Doch sie verlor keinen Augenblick ein stilles wahnsinniges Lächeln von ihren Lippen und wiederholte mechanisch Zeitungsurteile über Theater und Musik. Dabei stellte sie den Puder auf Gesicht, Hals und Armen aus. Sie sprach kein selbständiges Wort, aber sie gab mich nicht frei. Frau Urban wurde ungnädig, flüsterte mir etwas Beleidigendes zu und unterhielt sich von da ab nur noch mit dem Dichter. Es war mir eine Erleichterung, denn jetzt fiel mir ein, daß der Vorschlag, sie nach Hause zu begleiten, doch unausführbar war, da sie ja hier im Hause wohnen mußte. Entsetzlich, in einer Zelle! Als ich nach einer halben Stunde wieder das Wort an sie richtete, sprach sie mit mir nur noch von Herrn Fleischers Küchenchef.

Eben war ein Braten herumgereicht worden. Sie aß davon, dann lehnte sie sich zurück und erbleichte. Sie erbleichte wirklich. Ihr sei nicht wohl, sie müsse nach Hause gehen. Der Dichter sprang auf und bot ihr den Arm. Der falsche Fleischer kam herbei gelaufen und bedauerte unendlich. Der Maler und der junge Teltower lächelten.

Es wurde weiter getafelt ohne Frau Urban und ohne den Dichter. Frau von Kochansky sprach unaufhörlich, ich brauchte nicht mehr zuzuhören. Ich horchte nach den übrigen Tischgesprächen und erschrak. Etwas wie der kulinarische Kaiserwahnsinn, der aus dem alten Rom berichtet wird, schien sich dunstig über die Gehirne gelegt zu haben. Wir saßen über vierzig Personen an der Tafel und alle unterhielten sich von den Speisen. In unserer Tischgegend führte der blödsinnige Teltower das große Wort.

Er sprach über die Sauce, die eben gereicht wurde. Bei 18 Grad müsse das Öl hineingetropft werden, nicht bei 15 Grad. Die Herrschaften hatten keine naturwissenschaftlichen Kenntnisse; aber über die Sauce unterhielten sie sich jetzt fast gelehrt. Dabei hantierten sie musterhaft mit Messer und Gabel, führten kleine Bissen zum Munde, lächelten und kauten und dankten zierlich den Dienern in Livree, welche die Schüsseln wieder anboten. Und die verkleideten Aufwärter schwitzten und prusteten den Gästen den heißen Atem hinter die Ohren. Sie verwandten kein Auge von den Schüsseln und ich hatte Angst, plötzlich würden die Diener und Gäste wie Tiere zu knurren anfangen, die Speisen und die Teller auf die Erde schmeißen und sich dort um Fisch und Geflügel balgen.

Der junge Teltower hatte das Gespräch an sich gerissen. Andächtig wie eine Eidformel sagte er das Rezept zu einer Fischsauce auf. Frau von Kochansky nickte ihm zu und schraubte mit leisen Bewegungen ihre Schultern aus den Achselbändern heraus und nahm kleine Schlückchen von einem Wein, dessen Namen der Aufwärter uns wie eine reizende Unanständigkeit ins Ohr flüsterte. Auch die Herren nickten und keiner lachte, als der junge Teltower seine kulinarischen Reiseerlebnisse erzählte. Aus Rom und Paris und Petersburg: Kochrezepte. Er erzählte den uralten Witz, er hätte seine rassenreine Ulmer Dogge erschießen müssen, weil der Hund noch im April junge Gänseknochen fraß, der Proletarierhund, der keine Erziehung annahm, der Hund! Und der junge Teltower gab weiter zum besten, wie er gestern mit Herrn Fleischer das heutige Menü Probe gegessen hätte, um noch die letzte Feile anlegen zu können. Ich wurde das Bild nicht los: am Küchenherde des Irrenhauses, unmittelbar am Herde, er und Herr Fleischer und der französische Küchenchef.

Ich konnte nicht mehr denken. Ich sah um mich und erblickte den künstlerisch geschmückten Raum, den prächtigen Tafelschmuck, die Handmalereien auf den Tellern und die wertvollen Bilder an den Wänden, kein Mäcen hätte sich des Raumes schämen müssen, und in einem solchen Raume diese Unterhaltung, nicht nur über das, was man aß, sondern noch gar über das, was ein gebildeter Mann zu der und der Jahreszeit essen dürfe. Dürfe! Aber doch nicht vom Essen allein! Wie ein glühender Dampf schien es zur kassettierten Decke empor zu steigen. Essen und Kunst. Ich vernahm Namen: Goethe, Zola, Wagner. Spargelspitzen in Öl und Kunst. Kunst in jeder Aussprache. Kunst, Khunst, Kuhnst, Konst! Und Spargelspitzen!

Der falsche Fleischer schlug ans Glas und sprach einen sogenannten Toast. Ich hätte in einem bürgerlichen Kreise nicht hingehört; hier aber war es doch ein Krankheitssymptom. Daß jedes Wort gelogen war, war nicht auffallend; nicht daß er die hungrigen Tiere seine werten Gäste nannte, daß er von Bürgersinn und Bürgertugend sprach, von Freude und Jugend und Freundschaft und Treue, und daß die Zuhörer darunter doch nur Trüffeln und Heidsieck und Havannazigarren verstanden. Es läßt sich das schwer beweisen, aber unter Treue verstanden sie ganz gewiß Zigarren. Dann antwortete irgend jemand, der zu den Namen der Anwesenden Reimworte gefunden hatte. Es war peinigend und witzlos. Aber der Redner lachte und die werten Gäste lachten, während bei den gesunden Menschen das Lachen doch ein Zeichen von Behagen ist. Dann klopfte wieder ein anderer ans Glas. Man nannte mir den Namen eines Abgeordneten, von dem ich noch gar nicht erfahren hatte, daß er wahnsinnig geworden sei. Er fügte wieder sinnlos Worte an Worte und hatte zuviel getrunken.

Eben bemerkte ich noch, daß der junge Teltower mit dem Ausdrucke eines Priesters im Beichtstuhl, eine neue Weinsorte prüfte, da war es mir, als ob sich mir jemand von rückwärts näherte. Der Aufenthalt in solchen Räumen mußte doch gefährlich sein; denn ich schrak zusammen wie ein Kranker, als sich mir eine Hand auf die Schulter legte. Gresse stand hinter mir und sagte: »Sie entschuldigen, daß ich so spät komme. Aber Sie sind ja gut aufgehoben. 'n Abend, Frau von Kochansky! 'n Abend Teltower! 'n Abend Fleischer!«

Ich habe in diesem Augenblick wahrscheinlich einen bedauernswerten Eindruck gemacht. War denn Gresse freiwillig hier im Irrenhause? Ein Gast wie ich? Oder war er unfreiwillig hier? Er wollte doch zu dem richtigen Fleischer gehen? Dort erwartete er mich ja! Und wunderte sich gar nicht, mich hier zu finden!

»Wo ist denn Frau Urban?« fragte Gresse. »Das ist nämlich die Dame, die Ihre Bekanntschaft machen wollte.«

Der junge Teltower lachte.

»Sie ist nach dem Braten unwohl geworden. Der Dichter hat sie nach Hause begleitet. Hier die beiden leeren Plätze.«

Ich war im Begriff mich unmöglich zu machen. Ich wollte Gresse fragen, ob wir uns in dem Salon des noch unverhafteten richtigen Fleischer befänden oder mit dem falschen Fleischer im Irrenhause. Da trafen mich die Augen des Doktor Hafkings. Hm, sein infames Lächeln genügte mir. Da hatte ich drei Stunden in der allerbesten Gesellschaft verbracht und so etwas von ihr geglaubt. Ich blieb schließlich sitzen, was hätte ich auch anders tun können. Aber ich nahm mir vor, ich schwor es mir sogar zu, dieses Haus nie wieder zu betreten. Die Geschichte ist jetzt drei Jahre her. Na, zweimal in jedem Winter habe ich beim dicken Fleischer soupiert. Aber mit Doktor Hafkings spreche ich in diesem Leben kein Wort mehr.








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