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Eduard und Elisabeth bei den Megamikren

Giacomo Casanova: Eduard und Elisabeth bei den Megamikren - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorGiacomo Casanova
titleEduard und Elisabeth bei den Megamikren
publisherBenjamin Harz Verlag
printrun1. - 5. Tausend
translatorHeinrich Conrad
year1923
firstpub1923
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectidb346cf11
created20061112
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Nach glücklich abgelaufener Zeit brachte meine Frau einen blonden Jungen und ein dunkelhaariges Mädchen zur Welt. Ich taufte sie und meine Frau begann sie nach zwei Tagen zu stillen. Einen Monat später äußerte der König den Wunsch, die Neugeborenen zu sehen, und so wurden wir ihm zum zweiten Male vorgeführt. Die Majestäten herzten und küßten unsere Kleinen und freuten sich sehr, als sie sahen, wie Elisabeth sie mit weißer Milch stillte, die sie jedoch Blut nannten, obwohl wir ihnen versicherten, daß unser Blut rot sei. Sie lachten dazu und meinten, dann müsse eben unser Blut Milch sein. Und diese Behauptung fand volle Zustimmung seitens eines dort anwesenden Ärztepaares.

Dieses behauptete, die Sache könne sich nur so verhalten. Wenn unsere Milch Blut sei, könne unser Blut nur Milch sein. Einer von ihnen sagte sogar, er würde dies erraten haben, auch wenn ich es ihm nicht gesagt hätte. Ich antwortete ihm, die Farbe habe nichts zu sagen, da sie ja keine Eigenschaft sei. Er irre sich, denn unsere Milch sei nicht Blut, sondern Milch. Wenn sich die Sache nicht so verhielte, hätte ich dasselbe Recht zu behaupten, daß die Milch der Megamikren Blut wäre, was ich aber weder sagen noch glauben könnte. Der Physikus erwiderte daraufhin, meine Behauptung sei ein Sophismus, weil meine Voraussetzung falsch sei. Die Farbe sei tatsächlich eine Eigenschaft und wer dies leugne, kenne nicht einmal die Anfangsgründe der Farbenlehre.

Ich machte ihm eine tiefe Verbeugung und antwortete ihm, ich sei bereit, meine Behauptung vor der Versammlung seines ganzen Kollegiums aufrechtzuerhalten und ich hoffe, daß mir diese Gelegenheit geboten werde, damit ich alle Gegner meiner Meinung zum Schweigen bringen könne. Der König sagte dem Physiker, es sei sein Wunsch, daß diese Angelegenheit öffentlich verhandelt werde und beauftragte ihn, das Nötige anzuordnen.Diese Disputation fand kurz darauf statt. Eduard trägt dabei eine Ansicht vor, die ungefähr der Newtonschen Theorie entspricht. Ich glaube, sie wäre zu Goethes Zeiten interessant gewesen, aber ich unterdrücke den Abschnitt, weil er jetzt kein allgemeines Interesse mehr haben kann.

Dann erhob sich der König und sagte meiner Frau, er werde die Ernährung ihrer Kinder auf sich nehmen, sobald sie sie nicht mehr säugen könne. Dann zog er sich unter den Klängen einer Symphonie zurück.

Unser Freund übergab nun die von uns mitgebrachten Empfehlungsbriefe an ihre Adressen. Die Empfänger machten jetzt ein viel größeres Wesen daraus, als sie dies getan hätten, wenn wir ihnen die Briefe gleich nach unserer Ankunft zugestellt hätten. Factaque non apto tempore multa nocent. Es schien ihnen, wir hätten ihrer nicht bedurft; früher würden sie das Gegenteil angenommen haben. Sie müssen wissen, Mylords, daß in jener Welt große Herren sich nur um solche kümmern, die nichts brauchen.

Besuche häuften sich nun so zahlreich, daß wir schließlich nur die Stunden der Ruhe für uns hatten. Auf diese Weise lernten wir alle hervorragenden Persönlichkeiten kennen. Man wußte wohl, daß wir beim König gut angeschrieben waren, und schätzte sich darum glücklich, uns, wie man das dort nennt, den Hof machen zu dürfen. Man staunte allgemein über unser zurückgezogenes Leben in einer so schönen Stadt, nach welcher Fremde von weither gereist kamen, um sie zu besichtigen. Wir waren aber entschlossen, nicht früher auszugehen, ehe wir gehört hatten, welchen Eindruck unsere Antwort am Hofe von Heliopalu gemacht habe.

In dieser Zeit erfand ich ein Mittel, um die Abmagerung Elisabeths während des Stillens zu verhindern. Es wäre unschicklich gewesen, mehr Milch als sonst von den Ernährern zu saugen. Meine Frau hätte sich geschämt dies zu tun, auch hätten sie wohl darüber gemurrt. Ich fragte unseren Freund, ob es gestattet wäre, daß ich Früchte der Anazosen bekäme, sie hätten uns auf der Flucht köstlich gemundet und uns gar keine Magenbeschwerden verursacht, wie es nach der Behauptung des Statthalters bei den Megamikren der Fall ist.

Er antwortete mir, man verkaufe sie an die Färber, die sie verbrannten, um aus ihrer mit Alkalien gesättigten Asche einige besonders schöne Schattierungen zum Färben von Teppichen zu erhalten. Diese Früchte kosteten nur eine Kleinigkeit. Als ich ihm darauf sagte, daß ich ihm sehr verpflichtet wäre, wenn er mir eine Anzahl besorgen wollte, sandte er noch am selben Tag einen Sack voll von den Kugeln, die ich als Piniennüsse bezeichnet habe, zu.

Ich ließ sofort eine gewisse Menge zerstoßen und den Samen herausnehmen. Diesen Samen ließ ich kochen und erhielt durch Verreibung einen köstlichen dicken Saft. Drei Unzen von diesem Saft, mit lauem Wasser verdünnt und früh am Tage genossen, bildeten das Frühstück meiner Frau und später aller meiner Töchter während der Zeit des Stillens. Außerhalb dieser Epoche genossen, verursachte derselbe Trank ihnen Magenbeschwerden, und so enthielten sie sich desselben. Wir nahmen ihn nur, wenn wir von den Megamikren zu wenig Milch bekamen.

Bei uns Männern rief er zwar keine Magenbeschwerden, aber eine andere Wirkung hervor, die ich als sehr gefährlich ansah, indem ich nämlich vermutete, daß sie meine Kinder hauptsächlich zum Lachen reizen würde. Infolgedessen verbot ich mit der Zeit diesen Dicksaft allen Männern meines Stammes. Und Sie werden weiter hören, daß ich mich sogar gezwungen sah, diese Verordnung zu einem religiösen Gebot zu erheben. Leider mußte ich die Erfahrung machen, daß dies Verbot die Lust, den Dicksaft zu genießen, nur vermehrte, da er, verboten, nur um so köstlicher mundete. Das Verbot wurde nur deshalb eingehalten, weil man es nicht übertreten konnte, ohne daß die Spuren des Vergehens am Körper sichtbar wurden. Das Gefühl der Beschämung wirkt auf den Menschen stärker als die Stimme des Gewissens.

Anfangs kostete mir diese Samenmilch nur einen halben Schilling das Pfund. Ich brauchte also in den drei Monaten, während welcher meine Frau ihre Kinder nährte, nur zwölf Schillinge dafür auszugeben. Mit der Zeit aber wurden die Anazosen sehr teuer. Eine für drei Monate ausreichende Menge kostete bei meiner Abreise hundert Guineen nach unserem Gelde.


Das Orakel von Heliopalu kam vier Ernten, nachdem man dem Großen Genius meine Antworten geschickt hatte. Meine Kinder waren bereits entwöhnt und Elisabeth zum dritten Male schwanger. Der König befahl uns zu sich und ließ uns in seiner Anwesenheit folgendes vorlesen:

»Die Riesen werden ihre göttliche Sendung durch ein Wunder beweisen, worüber das königliche physikalische Kollegium urteilen wird. Dies Wunder soll derart sein, daß es unserer Welt Hoffnung macht, daß die Riesen ihr nützlich werden können.

Sie werden beweisen, daß alles, was sie über ihre Welt erzählen, wahr ist, und wie es kommt, daß diese Welt nur so wenig weit von unserer Erdfläche entfernt ist.

Sie werden dem geheiligten Kollegium der Theologie erklären, wie Früchte, die eine ihnen nicht gehörende Erde hervorbringt, ihr Eigentum sein können.

Man wird von ihnen eine ausführlichere Erklärung über ihre Religion verlangen, ohne sie jedoch zu zwingen, Mysterien zu enthüllen. Denn es ist Gottes Wille, daß man die Pflichten achtet, welche andere Menschen der Gottheit gegenüber haben und über die zu schweigen ihnen vielleicht geboten ist.

Wenn die Riesen sich verpflichten können, die Schlangen dahin zu bringen, daß sie nicht zischen, wenn man sich der verbotenen Früchte bemächtigt, dann dürfen sie sich diese Flüchte aneignen. Von diesem Augenblick an wird ihnen aber bei Strafe verboten, die Milch der Megamikren zu saugen.

Unser heiliger Sohn, der Bischof von Polianopoli, wird dem Theologenkollegium vorsitzen, wenn die Riesen vor diesem erscheinen werden.

Gegeben in Heliopalu, im 32322. Jahre unserer Regierung.«

Man übergab mir dieses Orakel und sagte mir im Namen des Königs, daß ich völlig freie Hand hätte, es zu beantworten, wenn es mir beliebte. Der königliche Großtonmeister dirigierte sodann eine von einem herrlichen Orchester ausgeführte wunderbare Dichtung. Während der Musik gab er nur Zeichen und lenkte so das Orchester. Es war das Erhabenste, das man sich vorstellen kann, doch vermochten wir über diese Erhabenheit nur durch die bis in unsere Seelen eindringende göttliche Harmonie zu urteilen. Die Megamikren begriffen sie mit ihrem Verstande. Durch königliche Freigebigkeit wurden an die ganze Versammlung Blumen verteilt. Dann fuhren wir nach Haus.

Wir fanden bei uns den Groß-Gärtner, der uns um eine Abschrift des Orakels bat, um diese dem Statthalter zu schicken. Ich übergab sie ihm, und er sagte uns, wie sehr es ihn betrübe, daß man von uns Unmögliches verlange. Elisabeth antwortete ihm darauf, es sei für unsere Freunde noch kein Grund und kein Recht zu verzweifeln, da wir doch selbst noch hofften. Diese Antwort heiterte ihn auf und er lud uns für den nächsten Tag zu Tisch ein.

Er beglückwünschte uns zu der Dichtung, die unsere ganze Geschichte enthalte und die dem Großtonmeister unsterblichen Ruhm verschaffen werde. Wir ersuchten ihn, uns die Freude zu machen und sie uns in Worten ausgedrückt hören zu lassen. Da lachte er herzlich und sagte: »Ihr verlangt Unmögliches von mir. Denn wenn das, was diese Dichtung ausdrückt, in die Alltagssprache übersetzt werden könnte, dann wäre sie nicht mehr der Ausdruck des Erhabenen. Geradeso unmöglich sei unser Verlangen zu erfüllen, wie es unmöglich ist, Gold in Blei umzuwandeln. Die Götter können, wenn sie wollen, wie Menschen sprechen, niemals aber vermögen Menschen die Sprache der Götter zu reden

Dies leuchtete uns ein und wir lachten selbst über unsere dumme Bitte. »Es ist wirklich schade,« fügte er hinzu, »daß die Seele der Riesen nicht die Fähigkeit besitzt, etwas durch Dichtung zu lernen.« Mit diesem eigentümlichen Kompliment entfernte er sich.

Das Gastmahl beim Groß-Gärtner war prachtvoll. Er hatte alle eingeladen, an die wir vom Statthalter empfohlen waren. Einer der Gäste war der Bruder des Weihbischofs, der in der Mitte seiner Jahre stand. Er selber war jung und folglich auch sein Erbe. Er war sicher, nach dem Tode seines Bruders Bischof zu werden. Doch mußte der regierende Bischof vor dem Weihbischof sterben, was dem Naturgesetz nach auch eintreffen müßte. Leider war der würdige Herr Weihbischof, nachdem er die Sicherheit hatte, Nachfolger des gegenwärtig regierenden Bischofs zu werden, zu eifrig im Erteilen von Orakeln gewesen. Er tat nichts anderes mehr, als sich betrinken und schlafen. Man war daher um sein Leben besorgt, da man voraus sah, daß ein Schlaganfall demselben vor dem Tode des regierenden Bischofs ein Ende machen werde. Der zum Erben bestimmte Bruder des Weihbischofs, mit welchem wir speisten, war aus diesem Grund sehr besorgt, da ein solcher Unglücksfall ihn um das Recht der Nachfolge gebracht hätte. Der König sollte bereits einen anderen Weihbischof in Aussicht genommen haben.

Wir hatten uns eben von Tisch erhoben und wurden eingerieben. Die Wohlgerüche hatte man noch nicht verteilt, als ein blauer Bote (Blau ist die Farbe der Trauerbotschaften) dem Gast die Nachricht vom Ableben seines Bruders, des Weihbischofs brachte. Wie ein Blitzschlag wirkte diese Kunde auf ihn und seinen Unzertrennlichen. Wir eilten alle auf sie zu, um sie mit den üblichen Vernunftsgründen und Redensarten zu trösten, die man stets in solchen Fällen in allen denkbaren Welten in Bereitschaft hält. Das betrübte Paar verabschiedete sich sofort von der ganzen Gesellschaft unter den Klängen eines Trauergesanges.

Doch ließen alle Anwesenden es sich nicht nehmen, dem Paar zu folgen und ihm auch weiter beizustehen, da es in jener Welt nicht gestattet ist, Unglückliche sich selbst zu überlassen, unter dem bei uns üblichen Vorwand, daß ein zärtliches Herz nicht stark genug sei, Schmerzensausbrüche eines Freundes mitanzusehen. Der Groß-Gärtner sagte uns, der Anstand erlaube uns nicht, zurückzubleiben.

So folgten wir der ganzen Gesellschaft und kamen in einer Viertelstunde in das Haus des Verschiedenen, wo alle Gesichter Verzweiflung und Schmerz ausdrückten. Sechs Ärzte: zwei grüne, zwei amarantrote und zwei narzißgelbe, alle königliche Hofärzte umringten den Kranken und untersuchten den Körper, der noch nicht ganz tot war. Sie erklärten den Anwesenden in wissenschaftlichen Ausdrücken, die niemand verstand, die Todesanzeichen, die sie an dem absterbenden Körper bemerkten und die kein Wiederaufleben erhoffen ließen.

Alle Verwandten und Freunde des Sterbenden saugten sich Milch ab und spritzten diese aus ihrem Munde auf den unbeweglich liegenden Weihbischof. Sein Unzertrennlicher rieb ihn unter heißen Tränen überall ab. Die Ärzte waren bereits darüber einig, daß der Weihbischof binnen einer Stunde eine Leiche sein werde. Sie schienen in der Tat recht zu haben.

Ich fragte meinen Freund, ob es mir gestattet sei, mich ebenfalls um den Kranken zu bemühen, er bejahte es und ermutigte mich sogar es zu tun, falls ich etwas erreichen zu können hoffte. Entschlossen, meinen Gedanken auszuführen, ersuchte ich meine Frau dort zu bleiben und, falls man meine Abwesenheit bemerken würde, zu sagen, daß ich sogleich zurückkommen würde.

Ich bestieg schnell den Wagen, war in einer Viertelstunde zu Hause, nahm trockene Blumen und mein chirurgisches Besteck mit, empfahl unsere Kinder den treuesten von unseren Milchgebern und befahl ihnen, sie zu stillen, falls ich in acht Stunden noch nicht zurück wäre. Dann kehrte ich wieder zu der um den Sterbenden sich bemühenden Gesellschaft zurück. Die betrübten Anwesenden hatten meine Abwesenheit und Rückkehr gar nicht bemerkt. Ich sagte meiner Frau, welche Anordnungen ich bezüglich der Kinder gegeben hätte, und hörte dann aufmerksam den Erklärungen der weisen Ärzte zu.

Der amarantrote betastete den Körper an fünf Stellen und rief dann seine Kollegen heran. Diese betasteten und behorchten ihn ihrerseits und verlangten dann mit traurigen Gesichtern nach Schreibzeug.

Dies sagte alles und der Unzertrennliche zerstoß in Tränen. Das von allen sechs Ärzten unterschriebene Schriftstück war ein Totenschein. Zwei anwesende Theologen beauftragten hierauf sechs Alfakinen, die schweigsam und bescheiden in einer Ecke des Saales standen, den Verstorbenen als heiligen Märtyrer zu ehren. Diese Apotheose kam dem Verstorbenen zu, da er durch heilige Trunksucht seinen Tod gefunden hatte. Hätte ihn nicht dieser Eifer für das Verkünden von Orakeln beseelt, so wäre er am Ende seines natürlichen Lebens gestorben.

Die Ärzte wollten sich eben zurückziehen, da sie nichts mehr zu tun hatten, als ich bescheiden hervortrat, und um die Erlaubnis den Leichnam besehen zu dürfen bat. Erstaunt und bestürzt fragte der Unzertrennliche des angeblich Gestorbenen die Ärzte, ob er meiner Bitte Folge leisten dürfe. Sie antworteten, es sei kein Grund vorhanden, dies irgend jemandem abzuschlagen.

Ich näherte mich dem Körper und begann diesen überall fest abzureiben, mit besonderem Nachdruck dort, wo ich erwarten konnte, einen Pulsschlag hervorzurufen. Nachdem ich mich eine Viertelstunde auf diese Weise vergeblich bemüht und bereits das Gefühl hatte, umsonst gearbeitet und mich nur lächerlich gemacht zu haben, verspürte ich einen leichten Aderschlag in der Ellenbeuge des angeblich Toten. Ohne irgend jemandem etwas hiervon mitzuteilen, wandte ich mich an die Verwandten und bat, man möge mich mit dem Körper allein lassen, solange es nötig sei, um ihm die vollkommenste Gesundheit wiederzubringen. Denn es könnte sein, daß er noch nicht ganz tot wäre.

Die Ärzte sahen mich spöttisch an, der Familie aber war es, als hörte sie eine Stimme vom Himmel. Der Bruder des Halbtoten fragte die Theologen, ob dieser Bitte Folge geleistet werden könnte. Sie antworteten, die Sache sei so einfach und gleichzeitig so folgenschwer, daß es eine Sünde sein würde, mir diese Bitte abzuschlagen. Sie fragten dann die Ärzte, ob etwas zu hoffen wäre. Jener Arzt, der die Ansicht vertreten hatte, daß die Farbe eine Eigenschaft sei, antwortete ihnen: »Schwache Seelen trösten sich oft dadurch, daß sie das Unmögliche erhoffen.« Nach diesem Spruch entfernte er sich mit seinen Kollegen. Die ganze Gesellschaft sang darauf einen schönen Lobgesang und entfernte sich.

Ich verlangte kochendes und kaltes Wasser, Laugenwasser, Tücher, Essig und einige Schüsseln. Dann schloß ich mich mit meiner Frau ein, nachdem ich gesagt hatte, man möchte nur dann kommen, wenn ich läuten würde.

Elisabeth sah mich mit größtem Staunen an. Sie war nicht ohne Grund besorgt, daß ich mich zu weit verpflichtet hätte. – Doch ich hatte mit solchen Betrachtungen keine Zeit zu verlieren. Die Megamikren wußten nichts vom Aderlaß und dessen heilsamen Wirkungen bei mehreren Krankheiten. Sie hatten die Möglichkeit auch nie in Erwägung gezogen, da nach ihrer Annahme das Blut der Sitz der Seele ist. Den Leib eines Toten zu verwunden, erschien ihnen sogar als eine Entheiligung; man dürfte ihn nur verbrennen.

Ich zog meine chirurgischen Instrumente hervor, stellte eine Schüssel, Tücher und eine Binde zurecht und zündete die am stärksten riechenden Kräuter an, und hielt den Nacken des Leichnams in deren Rauch. Gleichzeitig rieb ich ihm die Schläfen ein. Bald fühlte ich einen auf die Wärme des Räucherwerks reagierenden Pulsschlag am Halse. Ich legte nun den Körper auf die eine Seite, legte ein Leintuch zurecht und ließ meiner Frau die zur Aufnahme des Blutes bestimmte Schüssel halten. Vergebens bemühte ich mich aber, durch starkes Reiben die Halsader hervortreten zu lassen, die ich schlagen wollte.

Entschlossen, alles zu versuchen, um den mir überlassenen Körper zu beleben, ließ ich nicht ab, bis ich den Pulsschlag wieder fühlte, sofort zeichnete ich die Stelle mit einem grünen Farbstift an. Ich nahm die Lanzette zwischen die Finger und stach senkrecht ein wenig ein. Eine kleine Menge Blut floß heraus. Die Blutung hörte aber schon nach einer Minute auf. Vielleicht enthielt die Ader nicht mehr. Zufrieden mit diesem Ergebnis wusch ich die Wunde aus. Die Haut zog sich so gut zusammen, daß kein Merkmal zurückblieb. Elisabeth goß das Blut weg und wusch die Schüssel aus.

Hierauf stellte ich die Füße des Kranken in die gut erwärmte Lauge, und nach einer halbstündigen Anwendung dieses Hautreizmittels bemerkte ich einen leichten Pulsschlag hinter dem linken Ohr. Da die Lethargie immer noch nicht wich, so versuchte ich es aufs Geratewohl und machte den Einschnitt an der Stelle, wo ich unter dem Finger den Puls verspürte. Die Menge des abfließenden Blutes war ungefähr gleich groß wie beim ersten Versuch. Ich erschrak aber ernstlich, als der Kranke darauf eine gute Viertelstunde lang kein Lebenszeichen mehr gab. Ich fürchtete, ihn getötet zu haben.

Nachdem ich ihn aber wiederum abgerieben und eingeräuchert hatte, ließ ich ihn ein paar Stunden vollkommen ruhn. Bei einem neuen Versuch verspürte ich wieder denselben Puls und ein Stahlspiegel, den ich vor seinen Mund hielt, wurde angehaucht. Da stieg wieder meine Hoffnung. Die reine Vernunft sagte mir, daß ich nichts anderes mehr zu tun brauchte, als beim Körper zu wachen, ihn einzureiben und weiter anzuräuchern.

Nach zwei weiteren Stunden setzte der Puls wieder aus. Ich verstärkte die Einreibungen und verspürte wieder die Pulsschläge in der Ellenbeuge. Nun wußte ich nicht, was ich weiter tun sollte. Ich war nicht imstande, zu beurteilen, ob ein Aderlaß an der zweiten Halsader nützlich oder tödlich sein könnte. In diesem Zweifel entschloß ich mich, doch einzustechen. Ich tat es dort, wo ich den Pulsschlag spürte; doch wartete ich nicht, bis das Blut zu fließen aufhörte. Als ich bemerkte, daß ich der Ader ebensoviel Blut entnommen hatte, wie an den beiden ersten Stellen, legte ich den Finger auf die kleine Öffnung. Ich mußte nun das Blut durch einen festanschließenden Umschlag stillen, denn kaum hob ich den Finger ab, so floß das Blut sofort wieder. Meine Frau schnitt eine Locke ihrer langen Haare ab, bereitete eine Kompresse, legte ein trockenes Tuch darüber und band es mit den Haaren fest. Wir beschlossen, ununterbrochen beim Kranken zu bleiben, ihn einzureiben und ihn nicht zu verlassen, bis wir sicher wären, daß er gestorben wäre oder, falls er wieder aufkommen sollte, erst dann die anderen zu rufen, wenn wir den Verband abnehmen könnten.

Nach einer Stunde bemerkten wir zu unserem Trost, daß der Kranke langsam zu atmen begann. Seine Brust wurde wärmer, es fehlte nur noch, daß er die Sinnesfähigkeiten wiedererlangte, die die Lethargie noch lahmlegte. Meine Frau sagte mir, es käme ihr vor, als hätten seine Lippen die Spitze ihrer Brust berührt, während sie ihn eingerieben habe; sie war aber schwanger und die Wirkung ihrer Milch hätte nur schädlich sein können. Sie hatte aber ein wenig Anazosendicksaft in einer Schachtel bei sich. Ich dachte, daß eine ganz kleine Gabe desselben dem Kranken nichts schaden könnte, zumal da der Saft von besonderer Güte war. Schnell verdünnte ich eine halbe Unze davon mit lauem Wasser und ließ ihn diese Flüssigkeit durch einen Tuchzipfel saugen. Nach diesem Trunk schlief er ganz sanft ein. Nach drei Minuten brach ein leichter Schweiß aus, diesem folgte ein heftigerer Schweiß über den ganzen Körper.

Zwei Stunden ließ ich ihn in diesem Zustand liegen. Der Pulsschlag war im ganzen Körper gleichmäßig gut. Ich nahm den Verband vom Arm und sah, daß nur eine kaum merkbare Spur zurückgeblieben war. Er öffnete die Augen, meine Frau gab ihm einen Kuß, den er erwiderte; sie sang ihm vor und er schlief wieder ein. Ich erachtete jetzt den Kranken außer Gefahr, bald mußte er voll erwachen.

Ich gab ihm noch stärkere Kräuter zu riechen und rieb seine Schläfen ein. Dieses Mittel erwies sich als entscheidend. Er öffnete die Augen, sah uns aufmerksam an und sagte, er habe von uns reden gehört; er fragte, was wir da machten und schloß wieder die Augen. Elisabeth erzählte ihm ganz leise, er sei sehr krank gewesen, und wir seien seit ungefähr dreizehn Stunden bei ihm, um ihm seine Gesundheit wiederzugeben. »Wo ist denn meine andere Hälfte?« fragte er mit schwacher Stimme. Jetzt schien uns der Augenblick gekommen zu sein, alle zusammenzurufen. Ich wickelte meine Instrumente in ein Tuch ein und Elisabeth setzte sich auf den Bettrand und herzte ihn. Ich stand neben ihnen.

Die ersten, welche erschienen und dieses Bild sahen, waren der Erbe mit seinem Unzertrennlichen und der Unzertrennliche des Kranken. Erwarten Sie nicht von mir, Mylords, eine Beschreibung des Staunens und der Freudenausbrüche der drei braven Wesen. Sie standen erst unbeweglich da, ihre Augen starr auf den Gegenstand ihrer Liebe und Zärtlichkeit gerichtet. Als sie ihn aber fragen hörten, weshalb sie ihn verlassen hätten, da warfen sie sich auf ihn und überschütteten ihn mit Küssen, da sie aus übergroßer Freude nicht zu sprechen vermochten.

Dann aber trieb ihr Herzensimpuls sie sich von ihm loszureißen und auf uns zuzufliegen und uns mit Küssen der Dankbarkeit zu bedecken. Plötzlich entwanden sie sich unseren Armen und fielen platt vor uns nieder. Wir hoben sie auf, um ein solches Vergehen gegen Gott zu verhüten, denn es war eine Anbetung, die sie nur dem großen Aeiou, dem Herrn der Sonne, erwiesen, wenn der Bischof dessen erhabenen Namen einmal im Jahr im Tempel aussprach. Ich sagte ihnen, wir seien nur schwache Sterbliche, und das Wiederaufleben des Weihbischofes sei nur einer besonderen Gnade Gottes, des Schöpfers des Weltalls zu verdanken.

Der Unzertrennliche des Auferstandenen zog nun an drei Ringen und setzte dadurch den großen Glockenschlag in Bewegung, den man im ganzen Hause hörte. Im Nu war der Saal von all denen erfüllt, die sich im Hause befanden: Diener und Freunde, alle erschienen.

Es war die fünfte Stunde des Tages. Die unbeschreibliche Freude verursachte eine Aufregung, der wir nicht standhalten konnten. Alle Diener liefen aus eigenem Antrieb, die unerhörte Neuigkeit in der ganzen Stadt zu verbreiten, und die beiden nächsten Anverwandtenpaare gingen persönlich, dem König und Bischof den Vorfall mitzuteilen. Es handelte sich um ein Wunder, an welches keine von diesen hochgestellten Persönlichkeiten geglaubt haben würde, wenn es ihnen von einer anderen Seite gemeldet worden wäre.

Da mein Werk vollbracht war, so wollte ich gehen; zum Abschied aber sprach ich folgende Worte: »Der Weihbischof, den die Ärzte gestern als tot verließen, braucht zu seiner vollkommenen Gesundung nur eine entsprechende Diät zu befolgen. Wir erbitten als die von uns wohlverdiente Belohnung nur folgendes: Ihr werdet das Geschehene nur als eine Gnade des Gottes ansehen, den wir anbeten und der uns alle erschaffen hat. Liebet in uns die Werkzeuge seiner Großmut. Und du, Weihbischof, höre auf meine Worte! Während der ganzen Zeit deiner Rekonvaleszenz befolge die von deinen Ärzten dir vorgeschriebene Diät. In einer Fünftagewoche wirst du deine Kräfte vollkommen wiederhergestellt sehen. Doch merke dir folgendes: Derselbe Gott, der dir das Leben wiedergegeben hat, befiehlt dir durch meine Stimme, bei Todesstrafe in deinem Leben niemals wieder zu schlafen, es sei denn, daß der Große Genius von Heliopalu das Gegenteil befiehlt.«

Nach diesen Worten küßte ich ihn und meine Frau tat desgleichen. Hierauf grüßten wir die ganze Versammlung, die uns bis zum Wagen begleitete, indem sie im Chore Danksagungen sang, die man im Tempel am zweiten Tag jedes Jahres sang.

Nach Hause zurückgekehrt, besprachen wir noch lange diese uns von der ewigen Vorsehung erwiesene Gnade und dankten Gott aus vollem Herzen dafür. Wir zweifelten nicht mehr an einer gesicherten Zukunft in der Megamikren-Welt und ich sah nun, auf welche Weise ich dem Orakel des Heliopalu zu antworten hatte.

Nachdem wir gut gegessen hatten, ruhten wir gut aus, froh, keine Besuche empfangen zu müssen. In der ersten Stunde des nächsten Tages sahen wir unseren Freund, den Groß-Gärtner, ankommen. Er kam uns zu beglückwünschen und uns zu erzählen, was sich nach unserer Abfahrt zugetragen hatte. Ich wiederhole seine Worte:

»Kaum wart Ihr weggefahren, als die Ärzte, Theologen und Alfakinen alle auf einmal hereinkamen. In gleicher Zeit kam auch ich an. Die erstaunten Ärzte näherten sich dem Kranken. Nachdem sie ihn aufmerksam angeschaut und sich überzeugt hatten, daß er es war, beglückwünschten sie ihn und küßten seine Brust. Man las ihnen Ihre Rede an den Kranken vor und sie ordneten im Sinne derselben eine entsprechende Diät an, bei deren Befolgung Hochwürden bereits in der nächsten Auferstehungszeit bereits wird ausgehen können. Sie zogen sich dann in eine Ecke des Saales zurück, sprachen miteinander, und erklärten dann laut: ›Die Riesen haben ein Wunder vollbracht!‹ Die anwesenden Alfakinen, von denen einer ein Protonotar war, verlangten daraufhin ein Protokoll über das vollbrachte Wunder aufnehmen zu dürfen. Sie wollten dieses Aktenstück dann beglaubigen und es dem Bischof vorlegen. Doch die Theologen widersetzten sich dem, indem sie behaupteten, die Ärzte könnten sich irren. Sie hatten vielleicht aus ihnen selber unbekannten Gründen den noch lebenden Megamikren als tot bezeichnet. Auf diese Anklage erhob sich der amarantrote Präsident des Ärztekollegiums und erklärte mit starker Stimme, seine Kollegen hätten sich unmöglich irren können, denn sie hätten den Weihbischof erst nach völliger Stockung des Pulses, ohne die geringste Bewegungsmöglichkeit weder in den festen noch in den flüssigen Bestandteilen des Körpers, verlassen. Er schloß seine Rede mit einer Aufforderung an die Theologen, den Ärzten vor dem König Satisfaktion zu geben. Sie hätten ihnen die schmachvolle Verdächtigung eines Betruges angetan, eine Beleidigung, die ein königliches Kollegium sich nicht gefallen lassen könnte. Durch eine solche Anklage werde ihre Ehre und Frömmigkeit angetastet.

Die ganze Versammlung war über die freche Dreistigkeit der Theologen empört und gab den Ärzten recht. Der Protonotar war im Begriffe den Akt aufzustellen, als der älteste der Theologen sich diesem zum zweitenmal widersetzte, indem er darauf bestand, sich vorerst zu überzeugen, ob nicht etwa dies Wunder ein Werk des mächtigen Geistes UOIEA wäre. Diesen Namen gibt man dem Gotte der Finsternis, dessen Existenz einst von einer jetzt mit dem Kirchenbann belegten Sekte behauptet wurde. Diese Sekte hatte man für gänzlich erloschen gehalten. Der böse Geist müßte seinem Wesen nach ein Feind unseres Schöpfers AEIOU sein. Der alte Ketzer verlangte sogar, daß Ihr vor der Versammlung der Theologen erscheinen müßt, um Euch einem strengen Examen zu unterwerfen.

Die Ärzte, die sich über die Theologen und den Gott der Finsternis ein wenig lustig machten, sagten, sie mischten sich in dergleichen nicht ein, da ihr Kollegium sich rühme, nur an die Existenz des Greifbaren zu glauben. Sie versicherten der ganzen Gesellschaft, daß ihre Fakultät Eurem Verdienst volle Anerkennung zu zollen bereit sei und entfernten sich dann.

Der Protonator nahm nun ein Protokoll über den Einspruch der Theologen auf, ließ dasselbe von den Anwesenden unterzeichnen und verabschiedete sich ebenfalls. Die Theologen verblieben noch eine gute Stunde und hielten den Scheltworten der ganzen Familie des Kranken stand, die sich auch ihrerseits beleidigt fühlte. Der Kranke selbst sagte mit schwacher Stimme, er könne das ihm wiedergeschenkte Leben nur als Gnade des Großen Helion anerkennen. Er wolle lieber sterben, als daß er sein Wiedererwachen als eine Tat des Gottes der Finsternis anerkennen würde, an dessen Existenz er im übrigen gar nicht glaube. Nachdem er dies gesagt hatte, verständigte er sich mit seinem Unzertrennlichen, der sogleich zum Bischof sandte und diesen um ein Orakel ersuchte. Im Augenblick, als die Theologen weggehen wollten, trat ein ganz gelber Megamikre mit blauen Backen ein, der ein Stäbchen in der Hand hielt, und übergab ihnen ein Schriftstück, das sie auf Ansuchen des königlichen Ärztekollegiums vor den Gerichtshof des Königs rief.

Ich ging sodann zum Hofe und weiß daher, wie der König und alle einflußreichen Leute über das von Euch gewirkte Wunder denken. Man hebt Euch zur Sonne empor, und der ganze Hof erwartet nur Wundervolles von Euch zu hören, sobald Ihr auf das letzte Orakel von Heliopalu antworten werdet.«

Mit diesen Worten schloß der Groß-Gärtner seinen Bericht, als ein schöner Amarantroter mit grünen Backen sich uns melden ließ und hereintrat. Er ersuchte uns, einen uns genehmen Tag zu bestimmen, an welchem wir vor dem Kollegium der Ärzte erscheinen möchten. Wir wählten einen Tag der nächsten Fünftagewoche, unterzeichneten das Schriftstück und entließen ihn.

Zehn Minuten später meldete man uns einen Veilchenblauen, der uns ein Schriftstück überreichte, das uns, bei freier Wahl des Tages, vor das Kollegium der Theologen berief. Wir wählten den Staubtag der folgenden Fünftagewoche.

Dann erhielten wir eine Menge Besuche von den Edelsten der Stadt, die wir alle annehmen mußten, da die Roten das Vorrecht genießen, überall, außer beim König und Bischof, unangemeldet und zu jeder Stunde erscheinen zu dürfen. Nur die Stunden der Ruhe müssen auch von ihnen respektiert werden.

Diese beiden Vorladungen verursachten mir keine Sorgen. Im Gegenteil, sie boten mir genügendes Material zu der Antwort, die ich noch dem Großen Genius schuldete. Ich bedurfte keiner Frist, um mich für das Erscheinen vor den Kollegien vorzubereiten, da ich nur auf die an mich gestellten Fragen zu antworten hatte und ich außerdem auch wußte, daß es für die Ärzte Ehrensache sein mußte, meine Tat als Wunder zu bezeichnen.

Ich zweifelte auch nicht, daß es mir gelingen würde, die abergläubischen Bedenken der Theologen zu besiegen. Denn nachdem sie die Unvorsichtigkeit begangen hatten, sich den Ärzten gegenüber eine böse Geschichte einzubrocken, konnten sie nichts anderes tun, als sich weise und vorsichtig zurückzuziehen. Eine Art der Kampfführung, die die Kirche stets anwendet, wenn sie sich nicht sicher fühlt. Auch um sich nicht mit dem ganzen Hof zu verfeinden, mußten sie trachten, unsere Verzeihung sich zu erobern.

In der ersten Stunde des festgesetzten Tages ließ uns der Großstallmeister des Königs anzeigen, daß im großen Schloßhofe ein zwölfspänniger Wagen zu unserer Verfügung bereitstehe. Der Anstand erlaubte mir nicht, vor einem Kollegium ohne meine Frau zu erscheinen; so fuhren wir also beide hin und wurden sofort empfangen.

Bei unserem Erscheinen und auf unsere achtungsvollen Grüße erhoben sich alle Mitglieder des Kollegiums und luden uns ein, auf eigens für uns angefertigten Sesseln Patz zu nehmen. Nachdem alle sich gesetzt und ein Kanzlist sich zum Schreiben bereitgemacht hatte, richtete der stehengebliebene Sekretär des Kollegiums folgende Fragen an uns:

»Geehrte Riesen! Das Kollegium der Ärzte ersucht Euch zu erklären, ob Ihr den Weihbischof geheilt oder von den Toten auferweckt habt.«

Ich antwortete: »Wenn er nicht gestorben war, dann haben wir ihn gesund gemacht. War er aber tot, dann haben wir ihn lebendig gemacht.«

Der Sekretär verkündete darauf: »Atque, war er tot, ergo haben die Riesen gesagt, haben auferweckt. Schreiben Sie, Kanzlist: Die Riesen befragt, ob sie den Bischof geheilt oder auferweckt haben, haben geantwortet, daß sie ihn von den Toten erweckt haben. Anders kann es sich ja auch gar nicht verhalten. Wollen Sie die Güte haben, meine Herren, sich ins Nebenzimmer zu begeben.«

Wir befolgten diese Weisung. Nach einer Stunde brachte man uns ein langes Schriftstück und räucherte uns mit Kräutern ein, worauf wir zurückfuhren. Zu Hause bemerkten wir, daß das Schriftstück eine weitschweifige Bescheinigung des von uns vollbrachten Wunders war. Es war in Furchenzeilen geschrieben und lautete folgendermaßen:

»Wir, königliches Kollegium der Professoren der Physik und Heilkunde, durch unsere Studien und Erfahrungen Kenner der Naturkräfte und im Besitze der zur Unterscheidung lebender und toter Wesen erforderlichen Eigenschaften, erklären hiemit dem König, unserem Herrn, sowie dem großen Stellvertreter Gottes, dieser Hauptstadt des neunzigsten Reiches, dem ganzen Königreich und allen denen, die diese Bescheinigung lesen werden, daß die edlen Riesen Eduard und Elisabeth Alfred auf eine uns unbekannte Weise das Wunder vollbracht haben, binnen dreizehn Stunden den edlen Megamikren, Weihbischof Ai-Eu-Ju-Jo, wieder lebendig gemacht und in den Besitz aller seiner Sinne gesetzt zu haben, nachdem sechs Mitglieder unseres Kollegiums das vollkommene Aufhören jeder Atmung festgestellt hatten.«

Das Kollegium ließ tausend authentische Abschriften dieser Erklärung anfertigen. Fünfhundert davon wurden in der Stadt verteilt und die übrigen fünfhundert an alle Städte des Königreiches gesandt.

Am folgenden Tage erhielt das Ärztekollegium vom Kollegium der heiligen Theologen eine formelle Erklärung, daß die beiden Theologen nicht bevollmächtigt gewesen seien, die Ehrlichkeit oder das Wissen der sechs Professoren, die den Tod des Weihbischofs festgestellt hätten, zu bekritteln oder anzuzweifeln. Das Theologenkollegium erklärte den Ärzten, daß die beiden Ketzer nicht nur von der Mitgliedertafel gestrichen, sondern auch als Ignoranten gebrandmarkt worden seien. Damit war den Ärzten die vollkommenste Genugtuung geleistet. Sie zogen daher die Vorladung vor das Königsgericht zurück, ohne jedoch dadurch meinen etwaigen Klagen und Ansprüchen Eintrag tun zu wollen.

Nachdem uns eine Abschrift dieses Protokolls vorgelegt worden war, ließen wir einen Notar kommen und von diesem eine rechtskräftige Verzichtleistung unsererseits mit folgender Klausel aufstellen:

»Wenn die Wiedererweckung des Weihbischofs zum Leben als Wunder zu bezeichnen ist, so darf man als Vollbringer dieses Wunders nur Gott anerkennen, in uns, Eduard und Elisabeth Alfred, aber nur die schwachen Werkzeuge seiner hohen und göttlichen Macht sehen. Demnach hat der Zweifel der beiden Theologen nicht die beiden Riesen, sondern Gott beleidigt, und so haben sie nur gegen Gott das begangene Unrecht zu sühnen. Sollten die Theologen aber nur die Absicht gehabt haben, die beiden Riesen zu beleidigen, dann um so besser für sie. Denn unsere Religion befiehlt uns, nicht nur jede uns angetane Beleidigung zu verzeihen, sondern sogar Gott zu bitten, er möge den Beleidigern verzeihen und ihnen die nötige Zeit geben, ihr Unrecht einzusehen und wiedergutzumachen.«

So wurde diese Angelegenheit erledigt und unsere großmütige Erklärung verschaffte uns ewige Ehre. Sie wurde im großen Schloßhofe in der Vorhalle des Stadttempels angeschlagen und in die Denkwürdigkeiten der Ärzteakademie eingetragen. In der ganzen Stadt hatte man nunmehr einen hohen Begriff von unserer Religion, deren Vorschrift, den Feinden zu verzeihen, allen Denkern erhaben und göttlich erschien.

Mittlerweile erhielt der Weihbischof das Orakel, das verkünden sollte, ob er Gott ober dem Feinde Gottes seine Auferstehung verdanke. Es lautete: »Wenn es tatsächlich eine Macht der Finsternis gibt, so kann sie nur der Macht Gottes feindlich sein. Es ist aber nicht möglich: daß der zum Weihbischof Erwählte ihr sein Leben verdanke, es sei denn, daß er auf diese mehr Hoffnung gesetzt hätte als auf die des großen Helion.«

Die Bestimmtheit dieses Orakels gab den Ausschlag. Wir wurden gleichsam als zwei göttliche Menschen angesehen und die Stimmung des Theologenkollegiums konnte uns nur günstig sein.

An dem Tage, an dem wir vor dem Kollegium der Theologen zu erscheinen hatten, wurden wir verständigt, daß die Versammlung in der Kathedrale stattfinden werde, da der Bischof den Vorsitz zu führen hatte. Wir wurden in eine geräumige Sakristei hineingeführt und eine Viertelstunde später erschien der Bischof. Er setzte sich auf einen Thronsessel, das Haupt mit dem Albogalerus geschmückt, uns aber wurden auf besonderen Ehrenplätzen Sessel angewiesen. Ein Redner erhob sich und sprach uns folgendermaßen an:

»Wir wissen, o bewunderungswürdige und geehrte Riesen, daß Ihr binnen dreizehn Stunden den edlen Ai-Eu-Ju-Jo, den erwählten Nachfolger des Bischofs unseres Reiches, den Armen des Todes entrissen habt. Wir sind sicher, daß dieser unerhörte Fall sich nur durch den Willen Gottes, unseres Schöpfers, ereignet hat, wie Ihr das ja auch offenkundig dargetan habt. Um sicher zu sein, daß das, was Ihr vollbracht habt, tatsächlich ein Wunder war, genügt es uns, die eidliche Bestätigung der weisen und hochgeschätzten Ärzte zu haben, daß sie den Körper erst verlassen als er kalt, steif und beinah unbiegsam war, und als jegliche Bewegung, Lebensäußerung, Atmung und Blutzirkulation aufgehört hatte. Dieselben Ärzte getrauen sich nicht zu entscheiden, ob die Seele des Megamikren bereits sich vom Körper losgelöst hatte oder nicht, da ihre Weisheit, wie sie zugeben, nicht so weit zu reichen vermag. Sie urteilen vollkommen richtig. Da sie nicht erfassen können, wie die geistige Seele sich an die Materie anschließen, sich mit ihr vereinigen kann, um so weniger können sie erfassen und verstehen, wie sie sich von derselben trennen kann. Wir aber, deren Begriffsvermögen, Gott sei Dank und Ehre, eher die Natur der Seele erkennen kann, wir wissen, daß sie nur im Körper eines lebenden Megamikren verweilen kann. Wir wissen also auf Grund sicherer Kenntnis folgendes: Wenn Gott zugelassen hat, daß Ihr einem Toten Bewegungsfreiheit wiederzugeben vermocht habt, so hat er auch erlaubt, daß die Seele in ihren Körper zurückgerufen wurde, da diese Seele augenscheinlich noch nicht zur Vereinigung mit Gott gekommen war. Hätte sich die Seele schon mit Gott vereint, dann wäre der Körper sicherlich in Fäulnis übergegangen und dann hättet Ihr ihn nur durch ein noch größeres Wunder wiederbeleben können. Ihr habt also, o große Wesen, die Göttlichkeit Eurer Sendung bewiesen, wie dies der große Beherrscher der Hierarchie befohlen hatte, und dieses Wunder macht Euch notwendigerweise aller Welt teuer und schätzbar. Wir erwarten und erhoffen daher auch noch neue Wohltaten.

Wenn Ihr uns also nun noch einen sicheren Beweis für die Existenz einer Welt vorbringt, die sich, wie Ihr erklärt, auf der äußeren Oberfläche unserer Erde befindet, die somit eine Hohlkugel sein müßte, so habt Ihr unser Verlangen befriedigt. Ihr werdet uns auch sagen, wie Ihr das Recht besitzen könnt, Euch von allem zu ernähren, was die Erde hervorbringt, während es doch offenbar ist, daß Euch nicht die ganze Erde gehört. Sodann werdet Ihr, soweit es Euch beliebt, das heißt, wenn Ihr dies für erlaubt haltet, die große Gefälligkeit haben, uns die Mysterien Eurer Religion zu enthüllen und uns zu sagen, auf welche Art und Weise Ihr die von Euch angebetete Gottheit ehrt. Selbstverständlich wollen wir auf Euch in dieser Beziehung, wie ja das heilige Orakel unzweideutig gesagt hat, keinen Zwang ausüben, da jede Religion ihre Mysterien haben kann, die vor allen nicht daran Beteiligten geheimgehalten werden müssen und sollen.

Wenn Ihr uns dann noch beweist, daß die geheiligten oder, was dasselbe ist, verbotenen Früchte die für Euch angemessene Nahrung sind, so werden sie Euch von der geistlichen Behörde freigegeben werden und wir wollen hoffen, daß die weltlichen Behörden Euch gegenüber ebenso zuvorkommend sein werden. Übrigens ist dies natürlich Eure eigene Sache. Nur auf eins müßt Ihr bedacht sein und uns dafür bürgen: daß die Schlangen nicht zischen, während Ihr die Früchte von den Bäumen pflückt. Wahrscheinlich werden wohl die Schlangen nicht mit den von Euch uns vorgebrachten Gründen einverstanden sein und kaltblütig zusehen, daß jemand sich der Früchte bemächtigt, die sie stets als ihr Eigentum betrachtet haben.«

Damit hörte er auf zu sprechen und ich erhob mich, um folgendes zu antworten: »Gibt es, o sehr heiliges Kollegium, einen gewisseren Beweis von der Existenz der Welt, die mich erschaffen hat, als meine Anwesenheit an diesem Ort? Ihr Bewohner des weiten Inneren dieser Kugel, aus welchem nie einer von Euch oder von Euren Vorfahren sich je entfernt hat, Ihr würdet unrecht haben, ich gebe es zu, einem Eurer Mitbrüder Glauben zu schenken, wenn er Euch gesagt hätte, daß es eine Sphäre gebe, deren äußere Oberfläche bewohnt ist. Doch gebet zu, daß es ein ähnliches Unrecht ist, jenem Glauben zu schenken, der Euch sagt, es gebe außer Eurem Bereiche nur Kot und Finsternis. Die gesunde Vernunft hätte von Euch verlangt, daß Ihr stets sagtet: davon wissen wir nichts!

Jetzt aber, o hochweises Kollegium, sind zwei ebenso vernünftige Wesen wie Ihr gekommen, um Euch zu überzeugen, daß das Licht auch wo anders als bei Euch erstrahlt. Ihr seid sicher, daß diese Wesen nicht hier geboren wurden, folglich müssen sie an einem andern Ort zur Welt gekommen sein. Und zwar an einem Ort, wo man sehen kann, denn sie haben Augen, wo man sich nährt und sich vermehrt, denn Ihr habt Euch überzeugt, daß wir der Nahrung bedürfen und daß wir Familienväter geworden sind. Ich glaube auch, daß Ihr uns für Wesen haltet, die wie Ihr eine vernünftige Seele haben, denn Ihr habt Euch aus unseren Reden überzeugt, daß unsere Ideen und Begriffe von Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit, von Möglichem und Unmöglichem, von Vergangenheit und Zukunft, von Gleichheit und Verschiedenheit, von Materie und Geist mit den Eurigen übereinstimmen. Erlaubt mir nun, Euch zu ersuchen, aus dem Ebengesagten selbst die Schlußfolgerung zu ziehen, daß es eine Welt auf der äußeren Oberfläche des Erdballs geben müsse, selbst wenn wir Euch das Gegenteil sagen würden. Ihr dürftet uns für Lügner halten, wenn wir Euch gesagt hätten, daß wir von einem anderen Himmelskörper kommen. Da alle, die im Weltall herumschwirren, durch so weite Luftstrecken getrennt sind, daß man nicht imstande ist, diese zu durchmessen. Unsere gewölbte Erdfläche ist aber von der Eurigen nur ungefähr zweihundertzwanzig Eurer Meilen entfernt. Wir können uns darin nicht irren, da wir den Durchmesser unserer Erde kennen, und hier den Durchmesser Eurer Welt erfahren haben. Ihr müßt selber zugeben, daß wir somit nur um die Hälfte des Unterschiedes zwischen den beiden Wölbungen voneinander entfernt sein können. Unsere Religion, o heilige Väter, verbietet uns die Lüge, und wir würden sehr unklug handeln, wenn wir gerade jetzt Gottes Unzufriedenheit auf uns herabbeschwörten, wo wir seiner bedürfen, damit er Euch uns gegenüber menschliche und großmütige Gedanken einflößt.

Was das Recht anlangt, uns von allen Früchten zu ernähren, die die Erde hervorbringt, und die wir als unserer Natur entsprechend erachten, so kann ich Euch nur sagen, daß die Erde unsere Mutter ist, und daß es ein Naturgebot gibt, welches der Mutter die Pflicht auferlegt, ihre Kinder zu ernähren und den Kindern das Recht gibt, diese Nahrung zu nehmen, falls die Mutter sie ihnen verweigern sollte. Gott ließ uns durch die Stimme eines Propheten, der die Heiligkeit seiner Sendung durch Wunder bestätigt hat, bekannt geben, daß er nach der Erschaffung der Welt sich entschlossen habe, ein Wesen zu schaffen, das ein so schönes Geschenk zu erhalten wert sei. Zu diesem Zweck nahm er Erde und formte aus ihr einen dem meinigen ähnlichen Körper. Dieser Körper wurde durch eine uns geheim gebliebene göttliche Kunst zu Fleisch und Knochen. Er nannte es Mann, und um in ihm sein eigenes Ebenbild zu schaffen, hauchte er ihm eine unsterbliche Seele ein. Nachdem Gott den Mann erschaffen hatte, sah er, daß dieser zur Fortpflanzung einer Frau bedürfe. Er bildete daher eine so, wie mein Unzertrennlicher eine ist. Als beide erschaffen waren, gebot er ihnen sich zu vermehren und sagte ihnen: »Zu Eurer Ernährung wird alles, was die Erde hervorbringt, Euer sein; ich übergebe sie Euch.«

Dies muß ungefähr vor 30000 Jahren geschehen sein. Doch ist es möglich, daß ich mich um 2000 oder 3000 Jahre irre, denn die Chronologie liegt bei uns sehr im argen. Alle bei uns vorhandenen Menschen stammen von diesem vom Schöpfer geschaffenen Paar ab. Ihre Zahl ist auf fast 2000 Millionen gestiegen; bei dieser Zahl ist es dann geblieben, und sie verringert sich nicht, noch vermehrt sie sich. Im Augenblick, wo einer irgendwo stirbt, wird ein anderer geboren.

Trotz allem Wissen kam es niemandem von den Bewohnern der Oberwelt in den Sinn, daß diese Erdkugel ein so blühendes Inneres bergen könnte, das von einem anderen Menschengeschlecht bewohnt ist, dessen Tugenden, Sitten und reine Moral meine Bewunderung und Verehrung erwecken. Ich erlaube mir aber Euch zu sagen: wenn einer von Euch meinen Mitmenschen Nachricht von dieser Welt bringen und als Angehöriger derselben Wunderdinge von ihr erzählen würde, so würde man anfangs ihm nicht sehr trauen, schließlich aber ihm doch Glauben schenken. Denn bei uns liebt man das Wunderbare so sehr, daß man gerne darauf eingeht, ohne dabei viel die Vernunft zu befragen.

Wir haben also, sehr weises Kollegium, aus sehr triftigen Gründen geglaubt, daß wir uns von den Früchten ernähren können, die nur zur Erhaltung einer verfluchten, Euch feindlichen Tierrasse dienen, die nichts von Gott weiß und Euch in keiner Weise nützlich ist. Im Gegenteil, sie gibt Euch doch sogar von Zeit zu Zeit Beweise ihres Hasses, indem sie Unschuldige erdrosselt oder vergiftet. Wie dem auch sein mag, wir werden diese Früchte nur unter den von Euch festgesetzten Bedingungen anrühren. Wir sind hier unter Eurem Schutz und so soll es uns ferne sein, daß wir aus freiem Willen Euch Verdruß verursachen.

Über unsere Religion und unseren Gottesdienst kann ich Euch wahrscheinlich mit der Zeit vieles mitteilen. Einstweilen aber kann ich Euch nur sagen, daß wir Gott mit einem reinen und einfachen Kultus anbeten, und daß dieser Gott, den wir anbeten, lieben und fürchten, nur derselbe unsterbliche, geistige und allmächtige Gott sein kann, der auch Euch erschaffen hat.

Wir versprechen auch, alle unsere Kenntnisse zu Eurem Vorteil zu verwenden. Wir werden bemüht sein, das zeitliche Wohlergehen dieser Welt zu vermehren, in die Gott uns auf einem Wege von unüberwindlicher Schwierigkeit sandte, und wir werden die hier herrschende Religion stets achten.

Ich werde mein Recht auf die geheiligten Früchte so lange nicht ausüben, bis ich darüber ein Orakel von Heliopalu erhalte. Die Bedingung, das Zischen der Schlangen zu verhindern, ist sehr hart. Doch hoffe ich, daß man diese entweder aufheben wird, oder daß mir die ewige Vorsehung ein Mittel eingeben wird, die Früchte zu pflücken, ohne daß das Zischen die Bewohner der Megamikrenwelt ängstigen wird.

Zum Schluß erlaube ich mir, den heiligen, in dieser erlauchten Versammlung den Vorsitz führenden Bischof, vor dem ich mich in tiefer Ehrfurcht beuge, um eine Gnade zu ersuchen, welche den Ruhm des wohltätigen Planeten, der Quelle Eures Lichtes, ganz besonders aber unsere Ehre, die Unschuld unserer Herzen und die Reinheit unserer Gewissen angeht. Ich beschwöre Eure Heiligkeit, vorbehaltlich der Zustimmung des Königs, anzuordnen, daß das königliche Kollegium der Physiker innerhalb eines Jahres seine Ansicht über das Bleidach der Kiste, aus der man uns befreit hat, kundgibt. Dieses Dach hat sich im Augenblick, da wir vor allen versammelten Megamikren erschienen, in senkrechter Linie erhoben und ist unbestreitbar zur Sonne emporgestiegen. Dies ereignete sich vor vielen Zeugen, die es bestätigen werden. Der hochwürdige Abdala jener Stadt müßte es leicht durch gute Gründe als wahr erweisen können.

Ich bitte weiter, daß nach Veröffentlichung dieser Dissertation Ihr, weises Kollegium, dieselbe in theologische Erwägung ziehen wollt und dann Eure Schlüsse bekanntgebt. Sodann erbitte ich über diese Sprüche den Orakelspruch Eurer Heiligkeit, und dann einen des unfehlbaren Stellvertreters Gottes, dem ich mich unterordnen werde.«

Der Bischof übergab meine Anregung der Erwägung seiner Berater, die sie für richtig und fromm ansahen, worauf er auf der Stelle seine Verordnung diktierte. Man händigte mir eine Abschrift davon ein. Das Schriftstück wurde der königlichen Kanzlei gesandt. Von hier wurde es erst dem Physikerkollegium zugestellt, da der Bischof in dieser Sache ohne Genehmigung des Königs nichts machen durfte.

Wir kehrten in unsere Wohnung zurück, wo wir so viele Besuche empfangen mußten, daß wir schließlich an die Mittel zu denken begannen, wie wir uns diese Last erleichtern könnten. Nicht genug, daß alle Edlen der Stadt sich rühmen wollten, uns gesprochen zu haben, so kamen sogar zahlreiche Fremde aus den entferntesten Städten des Königreiches. Wir holten darüber den Rat unseres Freundes, des Groß-Gärtners, ein. Der sagte uns, wir dürften uns den Besuchen der Roten nicht entziehen, ohne ihnen dadurch eine nie zu verzeihende Beleidigung anzutun, die sie für immer meinem Hause fernhalten würde, so daß sie es selbst auf Einladung nie wieder betreten würden. Wir seien aber berechtigt, bekanntzumachen, daß wichtige Beschäftigungen uns zwängen, unsere Tür vier Tage in der Fünftagewoche vor allen zu verschließen. Am fünften Tage aber stehe sie allen Edlen offen, wenn sie uns mit ihren Besuchen beehren wollten. Um die Fremden und Farbigen brauchten wir uns nicht zu bekümmern, da sie uns nur von anderen vorgestellt werden konnten und vorher angemeldet werden mußten.

Über unsere adelige Abstammung konnte kein Zweifel entstehen, obgleich unsere Hautfarbe nicht rot war. Unsere Fruchtbarkeit bewies unseren Adel. Ein europäisches Jahr später sprach ich hierüber mit dem König, und ich will Ihnen, Mylords, gleich jetzt von dieser Unterredung berichten.

Der freundliche Herrscher war sehr erstaunt, als er eines Tages von mir hörte, daß bei uns alle Geschöpfe zur Fortpflanzung fähig sind. Dann, sagte er, müssen ja bei Euch alle Edelleute sein, oder Ihr habt keinen richtigen Begriff vom Adel. Über diese, vom König als unumgänglich angesehene Schlußfolgerung brachte ich in einem zweistündigen Gespräch alles vor, was ich nur zu sagen vermochte, um ihn zu überzeugen; doch ich verlor meine Zeit umsonst. Er wollte nicht einsehen, wie ein anderer als Gott der Schöpfer eines wahren Adelsstandes sein könnte, wie ein zeugungsfähiger Mensch unadlig sein könnte, wie eine Null, ein Dummkopf, ein Schurke adlig sein und als adlig geachtet sein könnte, und sich selber einbilden dürfte, es zu sein. Die stärkste seiner Einwendungen war aber solcher Art, daß ich mich in ein wahres Labyrinth verirrte, als ich sie zu widerlegen versuchte.

Der König sagte mir nämlich: »Wenn alle Menschen bei Euch fruchtbar sind, dann kann ja Eure Welt die unzählige Bevölkerung, welche die Folge der allgemeinen Fruchtbarkeit sein muß, nicht beherbergen.« Ich trug ihm alle wahren Gründe vor, die es bewirken, daß die Zahl der Bevölkerung bei uns stets dieselbe bleibt. Diese Gründe erschienen ihm aber falsch, ungeheuerlich abgeschmackt und unwahrscheinlich. Oft mußte ich Ausflüchte machen und das sah dann aus, als ob ich löge oder mir widerspräche.

Als ich ihm vom Zölibat sprach, schrie er auf und lachte. Dann meinte er, mich um Entschuldigung bittend, dies könnte doch nur eine Fabel sein. Ich sagte ihm, einige von diesen im Zölibat lebenden hätten allerdings Beischläferinnen. Als ich ihm weiter erklären mußte, daß sie von diesen Konkubinen nur Bastarde haben könnten, schien er beinahe überzeugt zu sein. Leider mußte ich ihm weiter sagen, daß diese Bastarde nicht nur fruchtbar, sondern oft auch hervorragend tugendhaft wären, sich in Wissenschaft und Kunst auszeichneten, daß es Mittel gebe, sie zu legitimieren und daß einige von ihnen auch adlig seien.

»Adlig!« rief er aus. »Sie sagten mir doch, daß die Gesetze ihnen ungünstig seien. Wie können sie nun als Bastarde behandelt werden und sich selber für solche halten, da sie doch im Besitz solcher Eigenschaften überzeugt sein müssen, daß sie edler sind als viele, deren Adel anerkannt ist? Jedenfalls ist dabei Euer Zölibat kein Grund zur Entvölkerung.« Wie hätte es mir gelingen können, Mylords, dem Kopfe eines zwar geistreichen, doch nicht vorurteilsfreien Königs Gründe verständlich zu machen, welche von Bräuchen abhängen, die wir selber nicht begreifen würden, wenn wir nicht darin aufgewachsen wären? Ich mußte nun von denen sprechen, welche Keuschheit geloben. Er fragte nach Gründen und war sehr erstaunt.

»Wie könnt Ihr«, sagte er, »glauben, ein Gott wohlgefälliges Gelöbnis zu tun, wenn Ihr ihm versprecht, seinem allerersten Gebot ungehorsam zu sein?« Ich sagte ihm, die Befolgung dieses ersten Gebotes sei eine der größten Wonnen des Menschen. Da nun die Absicht eines Gelübdes dahin gehe, ein Opfer darzubringen, so opfere also der Mensch seinem Gotte das Liebste.

»Es ist richtig,« sagte er, »dies soll der wahre Charakter einer Gabe sein, doch erfordert dies zweierlei: erstens, daß die Gabe dem, der sie empfangen soll, ebenso teuer ist, wie dem Gebenden. Und zweitens, daß man die Gabe völlig gibt, und das Gegebene nicht zurücknimmt. Denn anders zu handeln hieße sich über den Empfangenden lustigmachen. Ihr werdet aber doch nicht der Ansicht sein, daß man sich ungestraft über Gott lustigmachen kann.«

Ich antwortete ihm, die Erde sei in dem Augenblicke, als der Schöpfer dem Menschen befahl dieselbe zu bevölkern, unbewohnt gewesen. Als sie aber dann genügend bevölkert worden sei, habe er als Heiliger Geist zu den Menschen gesprochen und ihnen gesagt, heiraten sei gut, nicht heiraten aber noch besser.

Der König antwortete mir daraufhin, diese Worte könnten nur bedeuten, daß die Vernichtung des Menschengeschlechtes Gott wohlgefällig wäre, denn wenn alle es hätten bessermachen wollen, so würde keine Befruchtung mehr stattgefunden haben. Der Grund, daß die Erde genügend bevölkert sei, müsse falsch sein, da ich ihm früher erzählt hätte, daß ein bedeutender Teil unserer Erde noch gänzlich unbewohnt sei. Er fragte mich weiter, ob diejenigen, die dieses eigentümliche Keuschheitsgelübde täten, es auch streng einhielten.

»Sie müssen keusch bleiben,« erwiderte ich, »denn die Gesetze lassen ihre Verheiratung nicht zu.«

»Kann denn«, fragte der König wieder, »dieses Gelübde nur durch die Heirat gebrochen werden?«

»Es kann auch, Sire, durch Konkubinat gebrochen werden.« »Ja, das hörte ich schon. Doch dürfen sie keine Erben haben.«

»Entschuldigen Sie, Sire, sie können Bastarde haben, die ihre Ansprüche auf einen Teil der Erbschaft, und manchmal auf die ganze erheben können.«

»Wieso?« fragte er weiter, »besteht denn nicht das Gelübde der Reinheit darin, sich nur der Ehe zu enthalten und nicht auch der Tat, welche die Fortpflanzung bewirkt? Sie versprechen also ihrem Gotte, keine legitimen Kinder zu haben, und behalten sich dabei das Recht vor, Bastarde zu erzeugen? Zieht denn Gott die Bastarde vor? Woher wißt Ihr das?«

»Entschuldigen Sie, Sire, das Gelübde der Keuschheit ist ein Gott gegebenes Versprechen, sich jeder fleischlichen Vermischung zu enthalten.« –

»Wie können sie denn dann dasselbe übertreten, ohne hierfür bestraft zu werden?«

»Sie übertreten es heimlich,« erwiderte ich.

»Gut,« meinte er nun, »somit werden die Bastarde nicht als ihre Kinder anerkannt?«

»Entschuldigen Sie, Sire, sie sind es, aber eben nur als Bastarde. Die Bestrafung des Verbrechens aber überläßt man Gott. Da sie nicht gegen Menschen, sondern gegen Gott sich vergangen haben.«

»Und Eure weltliche Gerichtsbarkeit«, fragte er weiter, »nimmt sich nicht der Sache Eures Schöpfers an? Doch ich vermute, daß diese Duldsamkeit ihre guten Gründe haben mag. Sie nimmt wahrscheinlich an, daß die göttliche Weisheit dieses Gelübde, dessen Widersinn abstoßend ist, nicht angenommen haben kann. Wenn aber Gott es nicht annimmt, dann ist es sicherlich ein Unsinn und ein Mißbrauch, und daher null und nichtig. Die Übertretung kann dann nur eine Sünde in der Einbildung sein, was freilich auch ein Verbrechen wäre. Ich erinnere mich, daß Ihr mir erzähltet, Eure weltliche Gerichtsbarkeit bestrafe Gotteslästerung mit dem Tode. Diese ist doch ebenfalls ein Vergehen gegen Gott, und beleidigt die Menschen gar nicht. Dies beweist, daß die weltliche Gerechtigkeit der Ansicht ist, Gott habe das Gelübde nicht angenommen.«

»Das ist es nicht,« erwiderte ich, »denn man betrachtet stets diese Gelübde als angenommen, doch urteilt man bei uns über Verbrechen, die aus Schwachheit der menschlichen Natur hervorgehen, weniger streng als über andere.«

»Wie kann man also, da man diese Schwachheit der menschlichen Natur kennt, ein so unvorsichtiges Gelübde zulassen, das den, der es tut, in die Möglichkeit versetzt, es zu brechen? Wenn Ihr aber zugebt, daß das Keuschheitsgelübde der Fortpflanzung keine so großen Hindernisse in den Weg legt, welches sind denn die Gründe, die ihr Einhalt tun?«

Ich sprach ihm nun von den Kriegen, von der Pest, von der Sterblichkeit im zartesten Kindesalter und von den Ehen, die im Durchschnitt kaum vier Erben erzeugen. Der Krieg erschien ihm als etwas Ungeheuerliches, als ständiger Zustand gänzlich unannehmbar. Er bedauerte die Unsicherheit, in welcher wir bezüglich der Fruchtbarkeit einer Ehe sind, und noch mehr die Verwüstungen der Pest. Ganz erschrocken und tiefgerührt hörte er zu, als ich ihm von den Erdbeben und ihren traurigen Folgen erzählte. Schließlich fühlte er nur Mitleid mit unserer Welt, und meinte, sie müsse ein Verbannungsort sein, an den uns Gott zur Strafe für irgendeine sehr böse Tat geschickt habe; denn es sei ausgeschlossen, daß die Güte Gottes ein Menschengeschlecht habe schaffen können, um es solch eine Welt bewohnen zu lassen.

»Ich würde bei Euch nicht wohnen wollen, selbst wenn man mir die Herrschaft über die ganze Welt anböte. Dort, wo sich die Erde öffnet, um lebende Wesen zu verschlingen, wo die Luft schlecht wird, wenn sie zu viele Lungen erfrischen soll, so daß sie die Wesen tötet, die sie einatmen. Dies alles könnte mich beinahe zu dem Glauben bringen, daß Eure Atmosphäre sich von Menschen ernähren muß, und daß sie nur infolge von Überernährung schlecht wird. Wenn Ihr mir nicht gesagt hättet, daß der erste Mensch von Gott erschaffen wurde, so hätte ich gedacht, er entstehe auf irgendeine Weise aus einer eigentümlichen Vereinigung Eurer Luft mit Eurer Erde.«

Ich bedauerte nun, daß ich diesem weisen König, ohne eine Unvorsichtigkeit zu begehen, unsere heilige Geschichte von der Sünde Adams nicht erzählen konnte: Wie er zur Strafe aus dem schönen Ort verbannt wurde, wo Gott ihn zuerst untergebracht hatte. Ich hätte dabei zuviel gewagt.

Ein megamikrischer Physiker sagte mir einmal, er glaube nicht, daß der Megamikre, um zu leben, erst von den Händen Gottes habe geformt werden müssen. Er bewies mir dies damit, daß doch die Fische die Kinder des Wassers sind. Er hatte in seinem Garten ein Marmorbecken, das mit destilliertem Wasser gefüllt war. Und nach zwei Ernten sah er es voll von kleinen Fischen. –


Ich wollte, bevor ich an den Hof von Heliopalu schrieb, die Abhandlung des Physikerkollegiums abwarten. Ich brachte meine Zeit damit zu, Experimente mit Schwefel, Salpeter und Kohle zu machen, die, wie ich wußte, die einzigen Bestandteile des Schießpulvers sind. Ich beschloß, solches zu verfertigen, und Sie werden später hören, wie mir dies gelang.

Als die Zeit gekommen war, gebar meine Frau wieder ein Zwillingspaar. Ein Kind männlichen und ein Kind weiblichen Geschlechts, die ich auf den Namen Adam und Eva taufte. Dies war unser drittes Kinderpaar. Das zweite hatte ich Richard und Anna genannt. Wir teilten ihre Geburt dem König und dem Bischof mit. Der König ließ uns sagen, er werde uns nach einem Jahr wieder hundert neue Milchgeber zur Verfügung stellen. Zugleich machte er uns ein Haus in der Stadt zum Geschenk. Das Haus hatte einen schönen Garten und dreißig vollkommen eingerichtete Gemächer.

Zwei Monate nach der Niederkunft meiner Frau erschien bei uns der Weihbischof mit seiner ganzen Familie, die aus zehn roten Megamikren bestand. Es waren lauter reizende Geschöpfe; nur er selber trug infolge seiner heiligen Ausschweifungen an Gesicht und Brust die traurigen Spuren des Alters. Er tanzte und sang als erster. Beides gelang ihm ziemlich schlecht. Dafür war der zu unserer Ehre aufgeführte Tanz seiner Begleitung entzückend. Er sagte, er sei uns, denen er das Leben verdanke, ganz und gar ergeben und seine Familie hege dieselben Gefühle für uns. So versicherte er uns seiner beständigen Freundschaft. Nach dieser Vorrede bat er uns, ein Andenken seiner Dankbarkeit annehmen zu wollen.

Bei diesen Worten trugen vierundsechzig Megamikren eine glänzende Kugel in den Saal herein. Es war eine Abbildung ihrer Welt, in gewölbter Form, mit genauer Einteilung in die viereckigen Reiche und der zweihundertsechzehn dreieckigen Lehensstaaten, die eigens dazu da zu sein schienen, um mit ihren Dreiecken die neunzig Vierecke auf der Oberfläche der Kugel zu vereinen. Es war ein Kunstwerk. Dieser Globus, dessen Durchmesser acht Fuß betrug, stand auf einem zwölfteiligen Sockel aus massivem roten Golde, der einen Durchmesser von zwölf Fuß hatte und vier Fuß hoch war. Zwölf ein Zoll hohe Stufen liefen um denselben herum. Auf diesem Sockel, rechts vom Globus, war die Statue Elisabeths, links die meine angebracht. Die ihrige war achtzehn, die meinige war zwanzig Zoll hoch. Beide waren aus einem alabasterähnlichen, durchsichtigen, aderlosen Marmor verfertigt. Zwischen unseren Statuen sah man die des Weihbischofs aus rotem Gold, fünf Zoll hoch. Sie stellte ihn dar, wie er auf einem Bett aus blaßgelbem Gold saß und in seiner erhobenen Rechten einen regelmäßig zwanzigflächig geschliffenen Karfunkel hielt, den er betrachtete. Dieses ganze herrliche Werk war von einer Vollendung in der Modellierung, wie die schönsten altgriechischcn Bildhauergruppen.

Dieses Geschenk überraschte und erfreute uns ungemein und wir sprachen dem Weihbischof unseren Dank dafür aus, so gut wir konnten. Aber wir fühlten uns innerlich beschämt, dies wunderbare Werk annehmen zu müssen, oder unhöflich zu erscheinen. Ein Mensch, der das Geschenk eines Reichen abschlägt, beleidigt diesen, da er sich den Schein gibt, als ob er sich über ihn erheben wolle.

Das Werk, das den Wert eines Vermögens hatte, wurde vorerst an einer Seitenwand des Saales angebracht. Wir sangen und tanzten vor dem Bischof, so schön wir konnten, und stellten ihm unsere zuletzt geborenen, vierzehn europäische Monate alten Kinder vor. Sie waren bereits so groß wie er. Meine Frau stillte sie dann fünfmal in seiner Anwesenheit. Der Bischof fragte mich, ob sie fruchtbar wären. Als ich ihm sagte, daß es bei uns nur selten Wesen gäbe, die infolge eines organischen Fehlers unfruchtbar seien, da rief er aus: »Glückliches, von Gott begnadetes und erwähltes Geschlecht, das die Eigenschaft besitzt, nur Edelkinder zu erzeugen!«

Dann sagte er, unter tausend Entschuldigungen, daß er eine Bitte an mich habe. »Ich habe mich«, sagte er, »ans Orakel gewendet, um zu erfahren, wo sich meine Seele im Augenblicke, als ich tot war, befand, und das Orakel befahl mir, mich mit dieser Frage an dich zu wenden. Ich begreife, daß ein Schlafender sein Denkvermögen verliert, da er mit Leib und Seele schläft, doch sobald er tot ist, muß die freigewordene Seele ihrer selbst bewußt werden. Ich kann dir aber schwören, daß ich ohne jegliches Bewußtsein war, und erst als du mich erwecktest, kam mir dasselbe wieder. Es war mir, als hättest du mich aus dem Nichts oder aus einer tiefen Lethargie herausgeholt. Sei so freundlich, mir deine Lehre hierüber mitzuteilen, wenn dir dies gestattet ist.

Sage mir auch, welchem von Euch beiden meine erste Begrüßung zu gelten hat, denn Ihr seid ja so sehr voneinander verschieden, und obwohl ich weiß, daß der von Euch, der die Kinder stillt, derselbe ist, der sie geboren hat, so ist es mir doch unbekannt, ob dies als ein Vorzug gilt, oder eine Bürde ist. Somit ersuche ich Euch, mich darüber zu belehren.«

Ihm sofort, so vom Fleck weg zu antworten, schien mir nicht das Richtige. Ich erwiderte ihm, daß ich ihm meine Antwort im Laufe einer Fünftagewoche zukommen lassen werde. Nach gegenseitigen wiederholten Bekräftigungen unserer Gefühle verabschiedete sich die ganze Gesellschaft. Wir begleiteten sie bis zum Hoftore, was dort als größte Ehrenbezeigung gilt.

Die Nachricht von dem herrlichen Geschenk verbreitete sich in der ganzen Stadt. Der dankbare, ebenso reiche wie fromme Prälat ließ es ohne Rücksicht auf die Kosten als Dankbezeugung für die von Gott erhaltene Gnade anfertigen, und die Arbeit so geheim halten, daß niemand, auch seine Familienmitglieder nicht, etwas davon erfahren hatten.

Der Groß-Gärtner war der erste, der, mehr aus Freundschaft als aus Neugierde, kam, um uns zu dem Haus, das uns der König gegeben, wie zu dem Globus, den wir vom Weihbischof zum Geschenk erhalten hatten, seinen Glückwunsch auszusprechen. Den Globus besah und bewunderte er fortwährend. Er meinte, daß die Ausführung des Werkes das Doppelte des Materialwertes gekostet haben müsse, und daß er den Preis auf 500000 Unzen schätze.

Um Ihnen, Mylords, eine Idee von der Höhe dieser Summe zu geben, will ich Ihnen als Beispiel sagen, daß dieselbe, auf Zinsen angelegt, genügt hätte, um in jener Welt zehn Familien zu erhalten, welche so leben würden, wie man bei uns lebt, wenn man 3000 Pfund Sterling jährlich auszugeben hat. Eine solche Großmut erstaunte uns, da der Auferstandene für einen Sonderling galt.

»Jetzt braucht Ihr niemanden mehr,« sagte unser Freund, »Ihr habt jetzt ein Vermögen.« Er hatte recht, nur hätten wir dazu den Globus verkaufen müssen, und nichts lag uns ferner als dieser Gedanke. Im Laufe des ganzen Tages war unser Haus voller Gäste. Am folgenden Tag überraschte uns der König mit seinem Besuch. Er kam ohne Hofstaat, nur von seinem Unzertrennlichen begleitet. Es kann bei den Megamikren nie vorkommen, daß man jemanden weder in einem zu nachlässigen Anzug noch in irgendeiner unanständigen Positur antrifft, in der man sich nicht zeigen könnte, denn jede Wohnung hat ein Zimmer, das von niemandem betreten werden darf und nur für Besuche eingerichtet ist.

Das königliche Paar sang, aber ohne zu tanzen, und als wir ihm unseren Dank aussprechen wollten, unterbrach es uns, indem es die Arme öffnete und den Mund spitzte. Das bedeutete: Sprecht nichts, sondern küsset uns! Um diese erhabene Gunst zu empfangen, hätten wir niederknien müssen, doch ließen sie uns hierzu keine Zeit. Beide streckten sich auf dem Sofa aus. Die andern Megamikren pflegten uns an den Hals zu springen, um uns die Mühe des Bückens zu ersparen.

Nachdem der König und sein Begleiter unsere Kleinen hatten saugen sehen, bewunderten sie den Globus und meinten, der Weihbischof verdiene für seine Freigebigkeit eine Krone. Sie fragten uns dann schüchtern, ob wir auch auf seine Auferstehung hätten hoffen können, wenn wir ihn erst am zweiten Tage nach dem Tode gesehen hätten. Ich antwortete ihnen, obgleich ja bei Gott kein Ding unmöglich wäre, so würden wir selber von unseren Belebungsversuchen nichts erhofft haben, wenn wir an seinem Körper schon Verwesungsspuren gesehen hätten.

Der König dankte mir für diese Antwort und bat mich, diese seine Neugier nicht übelzunehmen. Ich erzählte ihm von den beiden Fragen, welche der Bischof mir gestellt hatte, und von meinem Versprechen, dieselben schriftlich zu beantworten. Der König meinte hierauf, wer das Schriftstück zu lesen bekommen werde, der müsse sich glücklich schätzen. Dies genügte, um mir begreiflich zu machen, daß er es gerne lesen möchte, dann entfernte er sich, indem er uns nochmals versicherte, wie glücklich er wäre uns zu besitzen und bat uns, ihn nicht zu begleiten.

Sie brauchen sich nicht zu wundern, Mylords, daß in jener Welt, wo Neugierde sogar als Sünde galt, auch der König sich in bezug auf ganz unschuldige Fragen so zurückhaltend zeigte. Jede Frage verlangt eine Antwort, und diese muß wahr sein, denn die Lüge ist eine Todsünde. Wenn also die Antwort eine Lüge ist, so hat jener, der durch seine Frage die Sünde veranlaßt hat, zweifach, nämlich durch Neugierde und durch Lüge gesündigt. Dies möge Ihnen, Mylords, einen kleinen Begriff von der Moral der Megamikren geben.

Tags darauf erhielten wir einen Brief von den beiden unglücklichen Theologen, die das Vorhandensein des Wunders angezweifelt und hierfür ihre Würde verloren hatten. Sie baten uns um eine Audienz, wir bestellten sie auf den Verpuppungstag. Sie erschienen pünktlich, tief beschämt, die Abzeichen ihrer früheren Würde als Ausleger der Mysterien nicht mehr tragen zu dürfen. Sie schienen verwirrt zu sein und sangen uns ihre Reue und Betrübnis in den traurigsten Tönen. Wir antworteten ihnen, ohne zu singen, wir wußten, daß ihr Vorgehen weder aus Bosheit noch aus Haß geschehen wäre, sondern lediglich eine Folge ihres Eifers gewesen wäre. Von dieser Wahrheit überzeugt, nähmen wir ihnen nichts übel, sondern würden sehr erfreut sein, wenn wir ihnen irgendwie behilflich sein könnten. Auf dies entgegenkommende Anerbieten sagten sie uns, nur unsere Befürwortung vermöchte sie wieder in den Rang einzusetzen, den sie vor dem unglücklichen Ereignis besessen hätten. Durch diesen großmütigen Akt aber könnten wir den Schandfleck von ihnen nehmen. Für die Zukunft versicherten sie uns ihrer Hochachtung, Ergebenheit und ihrem Gehorsam.

Ohne uns Zeit zur Antwort zu lassen, ließen sie vier Gescheckte eintreten, die vier gleich große Bände trugen. Einer von den Theologen sagte uns, dies wäre ein Geschenk, das sie uns anzunehmen bäten. Sein Vater, ein sehr gelehrter Roter, habe ihm diese Bücher bei seinem Tode vermacht; sie seien wertvoll und einzig in ihrer Art. Nur der Große Genius besitze in seinem Geheimarchiv die Originale dieser Abschriften. Sein Vater habe ihn bei der Übergabe dieser Bücher gebeten, niemanden eine Abschrift davon nehmen zu lassen und diese Pflicht auch demjenigen aufzulegen, dem er sie schenken oder vererben würde. Diese Bücher seien nämlich die Geschichte ihrer Welt von deren Erschaffung bis zum Regierungsende des Urgroßvaters des herrschenden Königs.

Kaum hatte er zu sprechen aufgehört, so begann sein Kollege zu sprechen, indem er mir ein Schriftstück mit folgenden Worten übergab: »Dies«, sagte er, »ist meine Ansicht in bezug auf das Dach Eurer Kiste, das vor allen Menschen zur Sonne emporstieg. Ich beschwöre Euch, es zu lesen und mir zu erlauben, morgen wiederzukommen, um zu erfahren, ob Ihr mir gestattet, es zu veröffentlichen.« Ohne dieses Schriftstück, das der zweite mir überreichte, indem er mir sagte, er sei jener, der das Vorhandensein eines bösen Gottes, eines Feindes des guten Gottes, habe gelten lassen, hätte ich die Annahme der Bücher verweigert; Die Neugierde aber trieb mich dazu, die Abhandlung des ketzerischen Theologen zu lesen, und ich sah ein, daß ich das eine nicht annehmen konnte, wenn ich das andere ablehnte. Ich dankte ihnen also und sagte dem Verteidiger des Dachfluges, ich würde ihn am nächsten Tag erwarten. Ich sprach auch den Wunsch aus, ihre Adressen zu besitzen, um sie verständigen zu können, falls ich ihnen etwas über ihre Angelegenheiten mitzuteilen hätte.

Nachdem sie weggegangen waren, blätterte ich in den Folianten, und fand viel höchst Interessantes darin. Ich war entzückt, Besitzer der geheimen Weltgeschichte der Megamikren geworden zu sein.

Wir begannen hierauf, darüber nachzudenken, wie wir diesen armen Theologen zur Wiedererlangung ihrer Würde verhelfen könnten. Wie wurde es mir aber zumute, als ich die Schrift über den Flug des Daches unserer Kiste las! Es wäre schwer gewesen, eine größere Sammlung von Verrücktheiten zusammenzubringen. Der Theologe meinte, dieses Wunder allein hätte genügt, um uns anbetungswürdig zu machen. Da die Sonne ungeduldig gewesen sei, uns zu sehen, müde der Langsamkeit, womit die Megamikren sich um unsere Befreiung bemühten, habe sie sich entschlossen, das Werk auf eine außerordentliche Weise zu beschleunigen. Mit Recht könne man behaupten, die Sonne sei die erste gewesen, die uns einen würdigen Empfang bereitet habe. Dieses müsse daher ihren Kindern als Beispiel dienen, wie sie uns zu ehren hätten. Augenscheinlich sei unser Erscheinen in ihrer Welt eine besondere Gnade der Sonne, denn indem sie das Dach zu sich emporgehoben, habe sie am besten bewiesen, daß sie uns erwartet, und daß sie selber von Gott unsere Sendung erbeten habe. Er schäme sich für die Megamikren, daß sie nicht die Stimme des Schöpfers erkannt, und seinen Willen nicht erfüllt hätten, den er durch solch ein Wunder bekundet habe, daß sie im Gegenteil uns einer Kleinigkeit wegen verfolgt hätten, die man gar nicht hätte beachten sollen, da schon die Gastfreundschaft erfordere, daß man uns als Herren über alles betrachte. Sogar das Oberhaupt der allgemeinen Religion müsse uns als seine Vorgesetzten anerkennen und sich unseren Weisungen unterordnen, falls wir der Ansicht wären, daß ihre Gottesverehrung einer Verbesserung bedürftig wäre. Könige sollten uns um eine neue Gesetzgebung ersuchen, und zu unserer Ernährung dürften keine Bastarde, sondern müßten Adelige vom höchsten Range bestimmt werden.

Die lange Schrift enthielt sogar noch viel stärkere Sachen. Wir dankten Gott, daß dieser unvernünftige Fanatiker die Vorsicht gehabt hatte, sie uns vor der Veröffentlichung zu zeigen. Sie hätte uns vernichten können, denn man würde uns gesagt haben, daß wir selbst sie diktiert hätten.

Der Verfasser, der ein Meisterwerk geschaffen zu haben meinte, erschien bei uns am folgenden Tag, Ich empfing ihn ziemlich höflich, gab ihm das Schriftstück zurück, und ließ ihn schwören, daß er nicht nur über dasselbe mit niemandem sprechen werde, sondern auch, daß er zu Hause das Original und alle Notizen darüber sofort verbrennen werde. Nur unter dieser Bedingung versprach ich ihm mein Möglichstes zu tun, um seine Begnadigung zu erwirken. Er war höchst erstaunt über einen solchen Befehl, den von mir zu erhalten er nicht vermutet hätte. Schwor mir aber gehorsam zu sein, und gestand mir, daß er diese Abhandlung dem Groß-Gärtner vorgelesen habe, um dessen Rat zu hören, da er wisse, daß dieser unser Freund sei. Er habe unserem Freunde, dem die Schrift sehr gefallen, auch eine Abschrift geben wollen. Er habe sie jedoch nicht angenommen und ihm zur Pflicht gemacht, sie niemandem ohne unsere Zustimmung zu zeigen. Diesen Rat habe er befolgt, denn er habe schon selber geahnt, daß unsere Tugendhaftigkeit uns nicht gestatten werde, unsere Zustimmung zur Veröffentlichung zu geben. Infolgedessen bedauere er sehr, uns darum gebeten zu haben.

Ich bat ihn mir zu sagen, wie er der Ansicht habe sein können, daß wir dem Weihbischof das Leben namens des bösen Geistes wiedergegeben hätten, während doch seine Schrift bezeuge, daß er uns als Lieblinge der Sonne ansehe. Mit der demütigsten Miene meinte er, daß die Unglücksfälle, die die Menschen während ihres zeitlichen Lebens verfolgen und vernichten, gleichzeitig auch den Geist erleuchteten, indem sie ihren Hochmut dämpften. Ich gebot ihm, dem Groß-Gärtner alles Vorgefallene mitzuteilen, und er entfernte sich.

Die folgenden Tage vergingen ruhig, am vierten aber, dem Besuchstage, mußten wir während mehr als acht europäischer Stunden die Besuche aller Edlen empfangen, die unseren Globus zu sehen wünschten. Dieser Qual verdankte ich jedoch eine sehr glückliche Idee, mit welcher meine Frau, der ich sie sofort mitteilte, völlig einverstanden war. Ich gedachte dem großen Tempel der Hauptstadt durch einen in der Hofkanzlei zu registrierenden Schenkungsakt den Globus zu weihen. Es schien mir aber geraten zu sein, diesen Wunsch erst schriftlich dem König zu unterbreiten. Der Monarch erwiderte nur durch ein eigenhändiges Schreiben, in welchem nur folgende Worte standen: »Ihr wolltet, daß Ich der erste sei, Eure Seelengröße zu bewundern.« Diese bündige Antwort sagte alles. Wer eine Tat bewundert, muß sie gestatten und billigen.

Ich schrieb die Urkunde und sandte sie an die Hofkanzlei, wo sie gesetzmäßig eingetragen wurde. Von dieser Eintragung ließ man mir zwei, mit dem großen Staatssiegel versehene Abschriften zukommen. Ich behielt die eine und sandte die zweite an den Bischof, indem ich vierundsechzig von meinen Milchgebern beauftragte, den Globus auf einem mit vierundzwanzig Pferden bespannten Karren in den Haupttempel zu schaffen. Der Globus wurde mit einem schönen roten Teppich bedeckt. Hier der Wortlaut meiner Widmung:

»Eduard und Elisabeth Alfred, Christen und Unzertrennliche, auf der äußeren Erdfläche dieser Welt geborene Brüder, widmen der Glorie Gottes, ihres Schöpfers, dieses Denkmal seiner göttlichen Gnade und der Großmut des Ai-Eu-Ju-Jo, derzeitigen Weihbischofs. Sie wünschen, daß dieses Geschenk in der Kathedrale aufgestellt wird, und zwar so, daß es stets von allen gesehen werden kann. Aus diesem Grund soll es auch nie verhüllt werden dürfen. Auch soll es nicht gestattet sein, daß der ihm angewiesene Platz, ohne besonderen Befehl des Großen Genius, Monarchen von Heliopalu, und ohne die Zustimmung des Königs des Reiches Neunzig gewechselt wird. Das durch diese Gruppe dargestellte historische Ereignis geschah im neunten Jahre des Aufenthaltes der Riesen in dieser Welt, und die Schenkung an Gott fand im dreizehnten Jahr, zur Zeit der glorreichen Regierung des Au-Ai-Au-Eiu, des Einunddreißigsten, statt. Der Globus soll auf einer Erhebung von drei Fuß Höhe, auf einer viereckigen Marmorplatte aufgestellt werden, in welche diese Widmung eingegraben werden soll.«

Der Bischof bestätigte mir den Empfang dieser Urkunde und teilte mir in einem Briefe mit, daß er selber dem Großen Genius die Nachricht von meinem Gott so wohlgefälligem Geschenk bekanntgeben werde. Er versicherte mir, daß das Denkmal am zweiten Tag des folgenden Jahres der allgemeinen Besichtigung und Verehrung dargeboten werden solle und ersuchte mich um die Erlaubnis, es bis dahin verhüllt lassen zu dürfen.

Der Groß-Gärtner war bei uns, als ich diesen Brief erhielt. Er kam zu uns, um uns seine Freude darüber auszusprechen, daß wir die Vergötterung des Theologen nicht gutgeheißen hatten, und um uns zu unserer Großmutstat zu beglückwünschen, die das Stadtgespräch bildete. Man war sich darüber einig, daß ein solches Geschenk niemals früher dagewesen wäre und daß es unverständlich sei; man habe noch nie gesehen, daß eine klardenkende Person ihr ganzes Vermögen bei Lebzeiten Gott opfere. Dies heiße gewissermaßen die Vorsehung herausfordern. Der Weihbischof und seine Familie seien besonders erstaunt. Diese Schenkung, von Menschen gemacht, die ohne die Großmut des Königs hätten hungern müssen, würde also keineswegs von allen Denkenden als heroische Tat angesehen. Praktische Leute sagten, wir müßten verrückt sein. Der Groß-Gärtner machte uns auch noch auf die bescheidenste Art und Weise darauf aufmerksam, daß wir dem Bischof einen offiziellen Besuch schuldig seien, da er die Höflichkeit gehabt hatte, seine Zustimmung zur Aufstellung des Denkmals zu geben, ohne auf die diesbezügliche Genehmigung vom Hofe von Heliopalu zu warten.

Da ich diese Ansicht vollkommen teilte, ließ ich mich dem Bischof durch dessen Großzeremonienmeister anmelden, der mir den Empfangstag bekanntgab. Der König lobte diesen Schritt und riet mir, mich mit meinen vier Kindern zum Bischof zu begeben.

Am bestimmten Tage war der große Schloßhof voller Neugieriger, zwischen denen man sogar einige Rote sah. Wir bestiegen einen schönen Wagen mit erhöhtem Dach, der ganz mit Phosphor überzogen war. Ich saß zur Linken meiner Frau, die auf einem sehr weichen Kissen die Säuglinge hielt. Richard und Anna saßen uns gegenüber, zwischen zwei roten Megamikren, zwei Edlen vom Hofstaate des Königs, die uns auf dessen Befehl begleiteten. In drei anderen schönen, dem unseren folgenden Wagen saßen vierundzwanzig andere Adlige, von denen jeder vier berittene Diener mitfühlte. Die Zahl meiner Diener belief sich auf dreihundert, von denen nur einhundert zu Fuß gingen. Vor uns ging ein Zug Klarinettespieler, hinter uns eine vielinstrumentige Musikbande, die auf goldenen Trommeln, Trompeten und Waldhörnern spielte, so oft die vorderen eine Pause machten.

Der Zug bewegte sich sehr langsam vorwärts. Eine ungeheure Menschenmenge begleitete uns, hielt die Straßen besetzt und erfüllte die Luft bei unserem Herannahen mit Freudenrufen.

Der Bischof, der einen so feierlichen Besuch nicht erwartet hatte und den man hiervon nicht hatte verständigen dürfen, hatte keine Zeit mehr, sich vorzubereiten, um uns entsprechend empfangen zu können. Nichtsdestoweniger kam er uns bis zur Tür des großen Empfangssaales entgegen, von einer großen Menge verschiedenfarbiger Megamikren geleitet, die den verschiedenen Würdenträgern der Geistlichkeit zugeteilt waren. Er setzte sich dann auf einen Thron, der einen Halbkreis bildete und dreiunddreißig Plätze hatte, von denen die sieben mittleren höher waren als die anderen. Von diesen sieben erhöhten Sitzen aber war der mittlere noch wieder höher als die drei zur Rechten und zur Linken. Für den Bischof war nur ein Platz bestimmt, da er das Vorrecht hatte, ohne seinen Unzertrennlichen in der Öffentlichkeit erscheinen zu dürfen.

Meine Frau wurde zu seiner Rechten, ich zu seiner Linken placiert. Elisabeth hielt ihre schlafenden Säuglinge auf den Armen, neben mir standen meine beiden anderen Kinder, die über den ungewohnten Ort und Anblick erstaunt sich ganz still verhielten. Als erste Begrüßung und Freundlichkeitsbetätigung erklang ein äußerst melodisches Vokal- und Instrumentalkonzert mit einem Präludium, das uns zur Seele sprach. Ihm folgte ein Duett, das fünfmal von einem den Schlußvers singenden Chor unterbrochen wurde, und das das Orchester begleitete. Die dritte Wiederholung des Schlußverses sangen meine Kinder mit, was den Prälaten und die ganze Versammlung in Staunen versetzte und uns herzlich rührte. Als die Kleinen Tränen in meinen Augen sahen, kletterten sie bis zu meinem Hals hinauf und umarmten und küßten mich, was dem Bischof und seinem Hof den reizendsten Anblick bot.

Nach dem Konzert hielt er uns eine halbstündige Ansprache und lobte uns, daß wir das Denkmal Gott geweiht hätten. Diese Widmung bezeuge klar, daß die Opfernden keinen anderen Ruhm erstrebten, als den, der ihnen durch die Schenkung selbst zuteil geworden ist. Er lobte den Weihbischof wegen des in unsere Tugend gesetzten Vertrauens. »Gott«, meinte er, »müßte ihm die Zuversicht eingegeben haben, daß die Riesen diesen Schatz in den Tempel senden würden, da es ja der Allerhöchste war, dem er seine Rückkehr zum Leben verdanke. Doch war es seine Pflicht, das Denkmal den von Gott zur Ausführung des Wunders bestimmten Werkzeugen zu schicken.« Des weiteren verurteilte der Bischof in seiner Ansprache die Theologen. Er tat das mit einem Euphemismus, dessen die Megamikren sich mit einer ungemeinen Geschicklichkeit zu bedienen wissen, um allem, was traurig und verabscheuungswürdig ist, eine lichtere Note zu verleihen. Jeder gewandte Redner versteht solches auch bei uns zu tun, doch gelingt es in keiner Sprache so gut, wie in der der Megamikren, die besonders zur Figur der Aposiopose geeignet ist.

Nach dieser Höflichkeitsrede fragte der Bischof meine Frau, warum ihre Kindlein schliefen und ob sie schöne Augen hätten. Als einzige Antwort begann sie, sie mit fünfmaliger Unterbrechung zu stillen, und die Kleinen tranken, ohne ihre Augen vom Bischof abzuwenden. Ich benützte diese Gelegenheit, um seine Gnade für die ihrer Würde entkleideten Ausleger der Mysterien zu bitten. Er antwortete mir, ich sei der einzige, dessen Fürsprache er diese Bitte nicht abschlagen könne. Sie dürften die Begnadigung jedoch nicht vor dem Tag der feierlichen Aufstellung meines Globus und ohne öffentliche Buße erhoffen.

Es erschienen nun viele Diener mit Körben voll Blumen, die sie an die Anwesenden verteilten: uns aber überreichten sie die wertvollsten. Jeder zündete sein Körbchen an, und der herrliche, ihnen entsteigende Duft bildete den sogenannten Hochgenuß des großen Hofes. Der Bischof erhob sich dann und verkündete laut, uns stünden die großen und kleinen Eingangstore zu ihm offen. Die letzteren öffnen zu dürfen, galt als besonderes Vorrecht, da man dann, ohne sich anzumelden, eintrat. Nur der König besaß dies Privilegium von Rechts wegen.

Eine kurze Melodie kündigte unsere Verabschiedung an. Durch den Zeremonienmeister darauf aufmerksam gemacht, ersuchten wir noch den Bischof um die Gnade, seine heilige Brust küssen zu dürfen, was er uns mit der größten Zuvorkommenheit gestattete. Dieser heilige Kuß war uns übrigens keineswegs zuwider, da der brave Prälat niemals in seinem Leben sich mit Orakelerteilungen abgegeben hatte.

Wir kehrten in derselben Marschordnung nach Hause zurück und ich schrieb sofort an die beiden Theologen und forderte sie auf, sich am vierten Tag des neuen Jahres bei mir einzufinden. Auf die beiden Fragen des Weihbischofs antwortete ich nunmehr folgendes:

»Gott hat Euch, o edler und hochwürdigster Herr, eine unsterbliche Seele und einen sterblichen Körper verliehen. Bei Eurer Geburt hat er Eure Seele mit der dichten und undurchsichtigen Materie des Körpers umgeben. Wie diese Vereinigung der geistigen Seele mit dem materiellen Körper stattfindet und wie dieser wesentliche und unsterbliche Geist sich dann von derselben Materie wieder loslöst, dies ist ein göttliches Wunder, das nur Gott, der es bewirkt, kennt. Es bleibt dieser Vorgang sowohl unserer wie auch Eurer Lehre ein Geheimnis.

Ein bewegungsloser Körper, dessen sämtliche Sinne nicht nur teilweise, sondern vollkommen untätig und unempfindlich sind, dessen Blut nicht mehr kreist, der nicht mehr atmet, wird als tot bezeichnet. Doch wird dieser Tod erst dann als festgestellt angesehen, wenn die Verwesung anfängt. Dann erst kann man annehmen, ist die Seele genötigt, sich vom Leib zu trennen. Das Aufhören des Lebens ist somit nicht die Folge des Entfliehens der unsterblichen Seele, sondern die wahre Ursache desselben. Auf diesem Grundsatz fußend, dachte ich, als ich an Eurem Körper noch kein Anzeichen der Verwesung bemerkte, daß Ihr noch nicht vollkommen tot seiet, und somit in einem Zustand, daß Ihr mit Gottes Hilfe wieder lebendig werden könntet, da die Seele Euch noch nicht verlassen hatte.

Die Ursache, daß Ihr, ins Leben zurückgerufen, nicht imstande waret, Euch das Geschehene zu vergegenwärtigen, liegt in Eurem organischen Gedächtnis, das durch die tödliche Lethargie, die sich Eurer bemächtigt hatte, lahmgelegt wurde. Hätte Eure Seele sich bereits vollkommen vom Körper losgelöst, und hätte ich aus Verwesungsmerkmalen darauf schließen können, so hätte ich es nicht gewagt, Gott um Vollbringung eines so widersinnigen Wunders anzuflehen. Denn welchen Sinn hätte es gehabt, Gott zu bitten, einem gestorbenen Körper die Seele wiederzugeben? Übrigens werdet Ihr selber zugeben, daß es ein schlechter Dienst gewesen wäre, Eure Seele dem Zustand der Glorie entreißen zu wollen, der stets den vergänglichen Gütern vorzuziehen ist, die wir während unseres Lebens nur mittels unserer Sinne genießen.

Wenn Ihr meint, daß Ihr einem von uns wegen des verschiedenen Körperbaus den Vorrang zu geben habt, so habt Ihr darin vollkommen recht. Man gibt ihn in unserer Welt dem Mann, und der bin ich.

Als Gott, nachdem er die Welt und alle Tiere geschaffen hatte, meinen ersten Vater aus Erde formte, war es sein Wunsch, ihn nach seinem Ebenbilde zu schaffen. Zu diesem Zweck hat er ihm eine unmaterielle und des Denkens fähige Substanz verliehen. Ohne diese hätte der Mensch nur einen Instinkt wie die Tiere besessen. Nachdem Gott ihn in einer mir ähnlichen Gestalt geschaffen hatte, sah er, daß mein Urvater eines Unzertrennlichen bedürfte, der ihm entsprechen könnte. Er nahm nun ein Teilchen seines Leibes als Hefe und formte ein Wesen, das wir Weib nennen. Beide Individuen waren äußerlich wie innerlich so weit verschieden, wie dies notwendig war, damit sie ihren Zweck richtig erfüllten. Dieser Unterschied mußte sein, da der Mann-Mensch dazu da war seinesgleichen zu zeugen, und der Weib-Mensch um den Keim zu empfangen und zur Reife zu bringen. Gott befahl diesem Paar sich zu vermehren und sagte ihm: ›Die Erde gehört euch, und alle Früchte, die sie erzeugt gehören euch, und ihr sollt euch von ihnen nähren.‹

Gott gab dem Weib eine unsterbliche Seele, gleich jener, die er dem Manne einhauchte. Nach diesen unbestreitbaren Tatsachen, welche der größte aller heiligen Schreiber uns mitgeteilt hat, sagt man bei uns: der Mann ist aus Erde, das Weib aus dem Körper des Mannes erschaffen. Der Mann ist ein Sohn der Erde, das Weib eine Tochter des Mannes. Der Mann ist der Ruhm Gottes, das Weib ist der Ruhm des Mannes. Der Mann wurde zuerst geschaffen, er besitzt die Gabe, selbst schaffen zu können. Das Weib ist die Beförderin der Fortpflanzung unserer Gattung; der Mann ist stärker, und er trägt nicht die Last des Gebärens. Das vernünftige Weib hat ihm nie den ersten Platz abgestritten, sie weiß, daß Gott sie erschaffen hat, damit sie dem Manne diene, und daß ihr deshalb die Milde beschert wurde, die bei ihr die Leidenschaften und die jähzornigen Empfindungen überwiegt, damit sie die Zornausbrüche des Mannes dämpfen könne, zu denen er von Natur mehr neigt als sie. Der Mann aber, in dessen Interesse es liegt, von seiner unzertrennlichen Genossin geliebt zu werden, hütet sich wohl, ihr seine Überlegenheit fühlen zu lassen. Er ist ihr gegenüber sanft, zuvorkommend, gefällig, mitleidig, und befolgt damit das Gebot seines Schöpfers, der dem Paar, sobald es zu hören vermochte, sagte: › Ihr werdet ein Leib sein!‹ was eine vollkommene Übereinstimmung und gegenseitige Nachgiebigkeit voraussetzt. Einer Eurer Theologen sagte mir, daß Ihr nach der Schöpfung das Gebot erhalten habt: › Seid zwei Körper mit einem Willen!‹ Ich gebe zu, daß dieses Gebot die Absicht des Schöpfers noch klarer ausdrückt.

Ich will hoffen, o sehr weiser und edelster Herr, daß meine Beantwortung Eurer Fragen Eure Wünsche erfüllt. Ich habe nur die reinste Wahrheit niedergeschrieben. Ich bin stets zu Ihren Diensten bereit und zeichne mich, als tiefsten Verehrer Ihrer Tugenden

Eduard Alfred, Christ.«

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