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Eduard und Elisabeth bei den Megamikren

Giacomo Casanova: Eduard und Elisabeth bei den Megamikren - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorGiacomo Casanova
titleEduard und Elisabeth bei den Megamikren
publisherBenjamin Harz Verlag
printrun1. - 5. Tausend
translatorHeinrich Conrad
year1923
firstpub1923
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectidb346cf11
created20061112
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Die Megamikren leben achtundvierzig von unseren Jahren; die Glücklichsten bei uns erreichen ein Alter von siebzig Jahren. Doch werden Sie, Mylords, nicht glauben wollen, daß wir deswegen länger leben! Wenn ich vom Lebensalter eines Megamikren die zwölf Jahre oder Ernten, die er im Käfig verlebt, und die sechs letzten abrechne, die er in der sogenannten Kammer der ewigen Ruhe verbringt, so bleiben noch dreiundvierzigeinhalb Jahre, welche sie glücklich, ohne jede Krankheit, ohne jede Geistesschwäche und ohne des Schlafens zu bedürfen verleben. Wer von uns kann sich solch einer Zahl Jahre tätigen Lebens rühmen?

Selten hört man von einem Menschen, der mit vierzehn Jahren sein Leben zu genießen begonnen hätte, selten auch von einem, dessen Sinne mit sechzig Jahren noch völlig frisch wären. So verbleiben uns sechsundvierzig Jahre. Von diesen muß man wenigstens sechzehn für die verschlafene Zeit abrechnen, und so bleiben nur noch dreißig Jahre, die wir bei starken Frösten, großer Hitze, Wind, Regen, Nebel verleben. Wir unterliegen Katarrhen, Zahnschmerzen, den Leiden, die wir uns durch zuchtloses Leben zuziehen, und anderen, denen wir nach Naturgesetzen ab und zu unterworfen sind, ohne daß wir wüßten, wie wir dazu beigetragen haben. Oft kommen über uns Seuchen, Hungersnot, Kriege und verschiedene andere Leiden, von denen ich in jener Welt keine Spur sah. Trotzdem danke ich Gott dafür, daß ich aus ihr wieder herausgekommen bin.


In der inneren Welt gibt es, Mylords, ebensoviel ehrliche Verbindungen wie Megamikrenpaare, gleichviel, ob sie edler Abstammung oder Bastarde sind. Aber nur die Roten sind fruchtbar, bilden daher den Adel und haben das Vorrecht auf die höchsten Stellungen und Staatsämter. Jedes rote Paar erzeugt fünfzehn Megamikrenpaare, doch kommt es selten vor, daß unter allen diesen Paaren zwei rote sind. Väterpaare, die während ihres ganzen Lebens ein rotes Paar erzeugt haben, schätzen sich schon glücklich. Verzweiflung aber herrscht in jenen Häusern, dessen Häupter bis zum Alter noch kein einziges rotes Paar hervorbrachten. Ihre Güter fallen dann ihren nächsten Verwandten zu und der Haupterbe rühmt im Tempel vor allem Volk das Alter seines Stammes.

Aus besonderer Gefälligkeit läßt man zu, daß das erste neue Paar jeder Ehe, auch wenn es andersfarbig ist, den Adelstitel führt. Man wollte diesen Adel als »Kleinadel« bezeichnen, doch haben die auf diese Weise ausgezeichneten Bastarde dagegen protestiert, da sie in solcher Bezeichnung eine Beleidigung sahen, und so beschloß der große Rat, sie »privilegierten Adel« zu benennen. Diese Privilegien bestehen meistens in geistlichen Würden, da es angezeigt zu sein scheint, daß die Pfründenbesitzer keine unmittelbaren Erben haben. Sie zeichnen sich durch blaues Band aus, das sie in der Art eines Gürtels unterhalb der Brust tragen; sie werden Domherrn, Äbte, sogar Abdalas, doch selten unabhängige Bischöfe, da dieses Amt eigentlich nur den Roten gebührt. Ihre Söhne aber folgen ihnen nicht als Erben. Alle anderen Nichtroten bilden das gemeine Volk. Es gibt aber unter ihnen einzelne, die sich besonders auszeichnen und trotz ihrer niederen Abstammung sich durch ihre Talente hervortun und daher sehr geschätzt werden. Bastarde, die ebenso wie ihre Unzertrennlichen einfarbig sind, erhalten ein kleines Jahrgeld, das ihnen von ihrem roten Väterpaar beim Herauskommen aus dem Käfig ausgesetzt wird; sie widmen sich dem Gerichtswesen, dem Handel oder der Wissenschaft und streben hauptsächlich danach, Mitglieder verschiedener Akademien zu werden. Die Paare, deren zwei Glieder von verschiedener, doch nur von einer Farbe sind, werden zu Handwerkern herangebildet; die Gescheckten bilden, wie ich Ihnen bereits sagte, das Proletariat. Nach den bei uns üblichen Ansichten sind eigentlich alle Megamikren adelig, da sie von Adeligen erzeugt wurden, doch gelten diese Begriffe dort nicht, da man nicht einsieht, wie ein Mensch als adelig gelten kann, wenn er nicht zumindestens von untadeligem Leibe ist; die Megamikren meinen nämlich, daß dieser eine Vorbedingung des Adels ist, daß aber die moralischen Eigenschaften nur durch Erziehung erworben werden. Alle Nichtroten und Häßlichen begehen oft Spitzbübereien. Aber es kommt äußerst selten vor, daß ein Adeliger ein Schurke ist.

Man kann deshalb mit Sicherheit behaupten, daß es nur dort einen wirklichen Adel gibt, denn die Natur macht dort zum Edelmann und kennzeichnet die Auserwählten und so kommt dort nicht vor, daß einer seinen ganzen Scharfsinn darauf verwendet, das Alter seines Stammbaumes nachzuweisen, ebensowenig gibt es dort Menschen, deren Beruf es ist, genealogische Nachweise zu erfinden. Die Roten dürfen untereinander über die Höhe ihrer Abstammung nicht streiten, da es bei der Genauigkeit ihrer Genealogie keinen Streit über solche Fragen geben kann. Die Geschlechterverzeichnisse sind dort allgemein zugänglich. Ein Philosoph, von der Art derer, die bei uns jetzt so zahlreich sind und die Gleichheit aller Menschen lehren und predigen, würde dort mit seinen Theorien kein Glück haben, sondern einfach für verrückt gehalten werden. Ich will damit nicht sagen, daß so ein Philosoph bei uns unrecht haben muß, wenn wir die Menschen nur nach dem Naturstandpunkt abschätzen.

Nie kommt es bei den Megamikren vor, daß ein Roter einen Bastard verächtlich behandelt. Ebensowenig, daß ein frecher Bastard sich über einen Edelgeborenen emporzuheben versucht. Sie kennen sich gegenseitig viel zu gut, als daß ein Edler solche Niederträchtigkeit, ein Mischling solche Frechheit begehen könnte. Darum hält dort gegenseitiger Friede; Ehrfurcht, Ergebenheit und Achtung vor der Obrigkeit halten ihn aufrecht.

Durch dies Vorrecht der Fortpflanzung für die Roten hat die Natur der Übervölkerung Einhalt getan, die bald bedrohlich geworden wäre, wenn alle Megamikren gleich fruchtbar wären. Seit langer Zeit schon hätte ihre Welt nicht mehr für sie alle Raum gehabt. Da die Natur für alles das Gesetz aufstellt, so zu bleiben, wie es zu Anfang war, so hat die Bevölkerung stets die gleiche Anzahl. Die Ärzte behaupten, in den ersten Jahrhunderten ihrer Welt seien alle Megamikren, gleichgültig welcher Farbe, gleich fruchtbar gewesen. Dann sei es plötzlich der Wille der Sonne gewesen, diese Eigenschaft nur den von ihr bevorzugten Roten vorzubehalten.

Wenn, was übrigens sehr selten vorkommt, aus dem einen Ei ein Roter, aus dem andern Ei ein Andersgefärbter hervorgeht, dann sind alle Familienmitglieder sehr traurig, denn dies bedeutet für sie das größte Unglück. Man muß sofort zwei Käfige in zwei getrennten Zimmern aufstellen und dann binnen einer Erntezeit einen Ersatz an Unzertrennlichen sowohl für den Adeligen, wie für den Bastard finden, wobei aber die besondere Fürsorge nur dem Roten gilt, da für den zweiten schließlich auch ein Gescheckter oder ein Farbiger von einer anderen Farbe gleich gut ist. Dabei verfährt man nun folgendermaßen. Man schreibt an den Abdala und macht ihm den traurigen Fall bekannt, sowie die genaue Stunde der Geburt. Der Abdala gibt dies dann allen jenen Adeligen kund, die ihm ein ähnliches Ereignis gemeldet haben. Die weiteren Verhandlungen erfolgen zwischen den beiden Familien, die sich darüber miteinander verständigen, wobei die höhergestellte die Sorge für das zukünftige Paar übernimmt. Die Verlegenheit und Trauer haben nicht hierin ihren Grund, sondern darin, daß nunmehr eine neue Familie begründet wird, und daß jedes Vaterpaar jedem Sohn ein Vermögen geben muß, das ein Viertel seiner Einkünfte beträgt.

Das neue Paar bildet beim Verlassen des Käfigs die neue Familie, bezieht ein eigenes Haus und nimmt den halben Namen beider Väterpaare an, was stets seltsam klingt; es wird bei Hofe empfangen und gefeiert, bewirbt sich um gute Stellen, und erreicht alles was es will, da die Familien, denen es entstammt, sich auch für es verwenden. Man rechnet sie dort zum sogenannten Neuen Adel, doch sind mit dieser Bezeichnung, obwohl sie mißachtet wird, diejenigen, die sie erhalten, keineswegs unzufrieden, denn sie sagen, dieser neue Adel sei die Frucht zweier Familien alten Adels, deren sämtliche Ehrentitel ihnen zustehen und zufallen, ohne daß jemand dies bestreiten könne, da der König der erste sei, der dies anerkennt. Gerade diese Familien werden in kurzer Zeit sehr bedeutend und machtvoll, nur haben alle älteren Familien den Vortritt vor ihnen.

Die Begründer solcher neuen Familien unterliegen aber einem Unglück, das sie zwar nach Möglichkeit zu verbergen suchen: sie können nicht zusammen sterben, da sie nicht zusammen geboren sind. Dies soll für den Überlebenden ein unaussprechlich peinigender Schmerz sein. Man pflegt ihm in dieser letzten Zeit zwei Milchgeber zu stellen.

Der Geist Helions, Königs von Hellopolis, dem Reiche Nummer Eins, Oberhaupt der Religion, ist das einzige Wesen, das ohne einen Unzertrennlichen lebt. Niemand, seine persönlichen Diener ausgenommen, hat ihn gesehen, da niemand sonst würdig ist, ihn anzuschauen. Er ist rot und sieht stets jung aus, obwohl seine Geburt mit dem Weltanfang zusammenfällt, er somit nach der dortigen Zeitrechnung 32634 Jahre alt ist. Als wir in jene Welt kamen, zählte er 324 Jahre weniger. Nach diesem seinem Alter müßte somit die Erschaffung der Erde vor 8158 unserer Sonnenjahre stattgefunden haben. Nach den Berechnungen einiger unserer Chronologisten dürfte diese Jahreszahl mit der von ihnen auf Grund der Berichte des Alten Testaments angegebenen einigermaßen zusammenstimmen.

Dieses wunderbare Wesen hat also einhundert Diener, denen das Glück beschert ist, es sehen und sprechen zu dürfen. Jedem von ihnen stehen fünfzig Prälaten zur Verfügung und jeder Prälat verfügt über vierundzwanzig Alfakinen, von denen jeder zwölf Untergebene hat.

Dies ist der Hofstaat des großen Genius, wobei ich selbstverständlich von den am Hofe, in den Stallungen, in den Gärten und Küchen beschäftigten Dienern ganz absehe. Außerdem hat er, oder hatte wenigstens 20000 Schreiber. Ihm unterstehen 306 Bischöfe, denen 65400 Abdalas, ebensoviel Äbte und 3027000 Domherrn rechtmäßig untergeordnet sind. Nehmen Sie dazu das Doppelte dieser Zahl an Alfakinen und Dorfgeistlichen.

Allen Megamikren ist es wohlbekannt, daß sie dreihundertzwanzig Millionen Geistlicher haben. Dies kann aber nicht anders sein in einer Welt, wo es so viele Farbige gibt. Somit ist der große Genius, seine unmittelbaren Untertanen miteingerechnet, Herr über fünfhundert Millionen Wesen.

Ich muß Ihnen jetzt, Mylords, über das Liebeswerben der Megamikren berichten, da dies, bevor ich in meiner eigenen Geschichte fortfahre, unumgänglich notwendig ist. Sie selbst, Mylords, werden darüber urteilen, indem Sie es mit dem unseren vergleichen.

Bei uns gilt sich zu verlieben als kein besonderes Unglück. Von den Megamikren aber wird es als ein solches angesehen, ausgenommen in dem sehr seltenen Fall, daß der Unzertrennliche eines Megamikren, der sich verliebt, sich ebenfalls in den Unzertrennlichen des anderen verliebt, und daß die beiden Gegenstände der Liebe diese auch erwidern.

Diese doppelte Gegenseitigkeit ist dann aber auch eine ganz entzückende. Sie ist, obgleich die Welt sie bekritelt, die Quelle von tausenden von Begünstigungen für die beiden Familien, da die in solcher Vereinigung und Übereinstimmung Lebenden in allem was sie unternehmen erfolgreich sein müssen. Die Willensvereinigung ist in der Moral dasselbe, was in der Arithmetik die Zahlenvereinigung ist. Doch kommt so ein Glück in jener Welt selten vor, da hiezu die Meinungseinheit von vier Köpfen Vorbedingung ist.

Ein sich verliebender Megamikre hat niemals den Mut, seine wachsende Leidenschaft zu bekennen, wenn es nicht zum mindesten der Welt kundig ist, daß er Vater eines roten Paares ist. Hat er dadurch die Zukunft seines Hauses gesichert, dann kümmert er sich nicht mehr um die öffentliche Meinung und übergibt sich der ihn übermannenden Neigung.

Er wird aber stets verhöhnt, wenn das Ziel seiner Wünsche nicht die geeigneten Eigenschaften besitzt, um seiner Werbung wert zu sein. Es muß ein Unzertrennlicher sein, der dank seiner Schönheit in der ganzen Haushaltung als Leiter anerkannt wird. Er muß außerdem Vater eines roten Paares sein, sich durch Geist und Talente auszeichnen und dafür bekannt sein, daß er schon einigen andern Liebhabern den Kopf verdreht hat, oder sie wenigstens zu seiner Verfügung hat. Außerdem darf dieser schöne Megamikre nicht über sechsundneunzig Jahre alt sein. Besitzt er nicht alle diese Eigenschaften, dann wird der Verliebte durch boshafte und witzige Spottschriften, die ihn zur Verzweiflung bringen, lächerlich gemacht.

Sein Liebeswerben besteht darin, daß er den Gegenstand seiner Leidenschaft zu Tisch einladet, ihm zu Ehren Feste und Konzerte gibt und besonders ihm erhabene Dichtungen widmet, für deren Verfasser er gelten muß. Er kann diese von einem Berufsdichter komponieren lassen, aber dieser bezahlte Dichter muß sehr verschwiegen sein, sonst wird er dazu verurteilt, das Zehnfache des erhaltenen Lohnes zurückzuerstatten, sobald er als Autor der Dichtung überführt wird.

Eine der Regeln der Galanterie besteht darin, daß der Verliebte zu den Mahlzeiten und Festen, die er seinem Liebesgegenstande zu Ehren gibt, auch alle seine mächtigsten Nebenbuhler einladet. Diese Höflichkeit fällt ihm sehr schwer, doch muß er sich darein fügen, wenn er nicht für einen neidischen Geizhals und Feigling gelten will, der es nicht darauf ankommen lassen will, unter Nebenbuhlern ausgewählt zu werden. Wenn diese Höflichkeit ihm aber noch so sauer wird, so darf er sich dies keinesfalls merken lassen. Die Nebenbuhler dürfen nicht einmal auf den Gedanken kommen, daß er sie fürchtet.

Der Gegenstand seiner Wünsche erscheint zu diesen Festen stets nur in Begleitung seines Unzertrennlichen, der seinerseits die größte Zuversicht zur Schau trägt; daß er sich geschmeichelt fühlt, ein so sehr gefeiertes Wesen sein eigen zu nennen, verzeiht man ihm.

Die Liebe macht wie uns Menschen, so auch die Megamikren blind. Der Galan bedenkt weder die Schwierigkeiten, mit denen er zu tun hat noch die Unmöglichkeit, sein Ziel zu erreichen. Er hofft immer, verliert nie den Mut, dafür aber seine Ruhe. Er richtet sich zugrunde, vernachlässigt seine Geschäfte und sein Amt; er wird schlecht gelaunt und verliert die Liebe seines Begleiters, endlich auch die Achtung der Welt. Nichtsdestoweniger schätzt er sich glücklich, wenn er bei Tische an seiner Seite den Geliebten hat, der ihm alle nicht wider den Anstand verstoßenden Gefälligkeiten gewähren muß. Die Höflichkeit gebietet solches einem offenkundigen Liebhaber nicht zu verwehren.

Diese Gefälligkeiten sind: unzählige Küsse, Begleitung seiner Lieder, geistreiche, mit ihm allein geführte Gespräche, hübsche, durch ihre Zweideutigkeit herausfordernde Antworten und Nichtachtung gegenüber den Bemerkungen der Nebenbuhler, und die Gefälligkeit, von ihm nach der Mahlzeit duftende Kräuter und kostspielige Blumen anzunehmen, sich damit von ihm einreiben zu lassen und dafür auch ihn einzureiben. Diese Abreibung kann aber nur mit Zustimmung des Unzertrennlichen des geliebten Wesens geschehen, der sich erheben, sich zum Unzertrennlichen des Liebhabers setzen und diesen ersuchen muß, sich von ihm den gleichen Dienst erweisen zu lassen. Dann schwimmt der Verliebte in Wonne, stellt sich aber, als erwidere er nur seinerseits die Liebkosungen des anderen, den nur Eitelkeit dazu trieb, um von der ganzen Tischgesellschaft Beifall zu ernten. Er macht aber so, als wenn er es nur aus Gefälligkeit tue, um sich sicher zu zeigen. Weit davon entfernt, eifersüchtig zu sein, sei er sehr erfreut, die Zufriedenheit seines Gastgebers zu erregen.

Über die Vorzüge, die einen schönen Megamikren liebenswert erscheinen lassen und ihm zahlreichere Liebhaber verschaffen als anderen, kann ich Ihnen nur sagen, daß wir zwar öfters Gelegenheit hatten, die besonderen Geisteseigenschaften einiger von ihnen anzuerkennen, doch daß wir niemals vermochten, jene seinen Züge, die die Besonderheit der Schönheit ausmachen, zu unterscheiden.

Die Schönheit hat in jener Welt ihren Sitz nicht nur, wie bei uns, in den Gesichtszügen. Dies kommt bei uns wahrscheinlich davon, daß diese der einzige Teil sind, den wir sehen und ungehindert betrachten können. Die Schönheit eines Megamikren ist nicht auf einzelne Teile seines Körpers beschränkt; sie erstreckt sich von den Füßen bis zum Scheitel. Sein Gesicht aber gilt nur dann als schön, wenn es den edlen Charakter seines Trägers kennzeichnet. Der Gesichtsausdruck, sagen sie, ist der Spiegel der Seele. Ist er häßlich, dann offenbart er eine häßliche Gesinnung und ein schlechtes Herz.

Erstaunlich ist die Beobachtungsgabe der Kenner, die der Physiognomie des Menschen besondere Studien zuwandten. Sie finden Häßliches, wo alle nur Schönheit sehen, und Schönheit in dem, was die große Menge als häßlich bezeichnet. Die materielle Schönheit, die das Auge beurteilt, besteht in den Formen und Verhältnissen, die man auch bei Nichtroten findet und lobend anerkennt, wobei man aber stets bedauert, daß ihnen die richtige Farbe fehlt.

Gestehen wir ruhig zu, Mylords, daß wir nicht richtig urteilen, wenn wir eine Frau schön nennen, von der wir nur Augen, Mund und Umriß der Gestalt gesehen haben, während vielleicht alles andere abscheulich ist. Dieses andere hat aber doch viel zu sagen. Es gibt viele Frauen, die die Ungerechtigkeit dieser Auffassung wohl erkennen, obwohl sie sich nicht darüber zu beklagen wagen. Diese möchten recht gerne bei uns den Brauch der Megamikren, nackt zu gehen, eingeführt sehen und wäre es nur, um den Eitlen Schach und Matt zu bieten, die durch die Reize einer hübschen Larve einen unverdienten Sieg davontragen.

Der Körperbau der Megamikren ist in den allgemeinen Verhältnissen dem unseren gleich, doch ist der Hals ein wenig stärker, ebenso auch die Wade, die sich durch besondere Feinheit beim Fußgelenk und Schmalheit nach dem Knie zu auszeichnet.

Ihr Leib ist ebenmäßiger, ihre Brust gewölbter und der ganze Oberkörper ist voll und rund, so daß man weder Aderknoten noch Muskeln, noch Knochen hervorstehen sieht. Wir kamen allmählich dahin, diese Einzelheiten der Schönheit zu unterscheiden und anzuerkennen, doch konnten wir die Schönheit der Gesichtszüge nur im großen und ganzen bemerken. Wir fanden die Megamikren hübsch, doch vermochten wir oft gar nicht einige von ihnen voneinander zu unterscheiden. Wir fanden, daß sie einander ganz ähnlich sähen. Als wir ihnen dies sagten, lachten sie uns aus vollem Halse aus. Sie sagten, gerade jene hätten keine Spur von Ähnlichkeit miteinander.

Große Heiterkeit erregte es in der guten Gesellschaft, wenn ein grüner oder gelber oder andersgefärbter Megamikre sich in einen Roten verliebt, ihm dies offenkundig bezeugt und von keiner noch so unsinnigen Ausgabe zurückschreckt, um das von ihm geliebte Wesen zu verführen. Die Roten verschmähen es nicht, sich von ihm einladen und bewirten zu lassen. Sie laden ihn auch wieder ein und feiern ihn überall. Da diese Gefärbten ihrer Naturanlage gemäß belanglos, übrigens manche von ihnen ganz reizend sind, so sollen sie, wie man behauptet, oft Eroberungen machen. Genaueres aber erfährt man darüber nie; denn in der dortigen Welt ist Verschwiegenheit die erste Tugend.

Die Grünen sind besonders hübsch und nach unserem Geschmack noch verführerischer als die Roten. Ihre Haare, Augenbrauen, Lippen, Zunge und Nägel sind zart und rosenrot. Ihre Augen mit weißem Apfel, roter Regenbogenhaut und glänzend grünen Pupillen sind reizend geschnitten und so verführerisch, daß man ihren Blicken nicht widerstehen kann. Sie sind sehr begabt und zeichnen sich besonders in der Mechanik und in der Poesie, das heißt im Gesang aus.

Die Roten behaupten, die Grünen seien nicht aufrichtig und dies verrate sich in ihrem Tanzen. Sie tanzen denn auch ungern. Es kommt oft vor, daß reiche Rote besonders hübsche andersfarbige Paare unterhalten, mit denen sie die Stunden der Ruhe in ihren Flußhütten verbringen. Aber darüber hält niemand sich auf, es liegt kein Grund vor, darüber zu klatschen, denn jeder kann sich nach seinem Gutdünken belustigen, wenn er mit seinen Vergnügungen niemandem ein Leid antut.


Die Zeit nahte heran, in der die uns betreffende Antwort des heiligen Königs von Heliopolis eintreffen mußte. Es nahte auch die Zeit, daß unsere Kinder entwöhnt werden mußten, und der Gedanke, wie wir sie weiter ernähren sollten, machte uns viele Sorge und Unruhe.

Täglich ging ich eine bis zwei Stunden in den Gärten spazieren, um mich meinen traurigen Gedanken hinzugeben.

Meine Frau hatte dem Abdala gesagt, sie nähre ihre Kinder mit ihrem Blut und hatte ihn durch diese vorbeugende Antwort zum Schweigen gebracht. Es rückte aber die Zeit heran, daß sie ihr Wort nicht mehr halten konnte.

Vor meinen Augen hatte ich stets die Bäume, deren Früchte ich nicht ohne Begehrlichkeit ansehen konnte. Ob mich mein Appetit oder ihre Schönheit antrieb, genug, ich mußte meine Blicke von ihnen abwenden, wenn mich nicht eine unwiderstehliche Begierde dahin bringen sollte, sie von den Bäumen herunterzureißen. Ich konnte nicht annehmen, daß sie giftig waren, und da ich vermutete, daß sie schmackhaft und nahrhaft wären, so konnte ich mich nicht entschließen, sie nur aus dem einzigen dummen Grund nicht anzurühren, weil sie einem Gezücht als Nahrung dienten, dessen Vorhandensein meiner Ansicht nach nur ein Unglück war und gegen dessen Wut mein Mut mich ganz gleichgültig machte.

Von diesen Gedanken verfolgt streckte ich eines Tages die Hand nach den schönsten der vor mir hängenden Früchte aus und riß sie ab. Die beiden Schlangen wichen zischend zurück. Ich beachtete ihr Zischen nicht, sondern widmete meine ganze Aufmerksamkeit nur der Frucht, die ich in der Hand hielt und die zweimal so groß war, wie die schönste Feige unserer Gegenden. Die Schönheit verführt. Sie werden es folglich begreifen, Mylords, daß ich hineinbiß, um ihren Geschmack zu kosten: der Pöbel sagte zwar, die Frucht sei giftig, unsere guten Gastgeber aber hatten dies nie behauptet.

Da sie köstlich schmeckte, bediente ich mich meiner seit einem Jahr untätig gebliebenen Zähne, um ihre Schale zu knacken, worauf ich die ganze Frucht aß. Die Schale warf ich unter den Baum und griff dann, ungeachtet des Gezisches der Schlangen, nach einer zweiten Frucht.

Wäre ich meinem Appetit gefolgt, so hätte ich ein halbes Dutzend gegessen, ich erinnerte mich aber gar zu wohl noch des Schlafes, in den wir vor einem Jahr nach dem Genuß der Megamikrenmilch versunken waren und ließ es für diesmal bei der einen Frucht bewenden. Ich fürchtete auch, daß ich gesehen werden könnte, und ich mußte mich hüten, in eine unangenehme Geschichte verwickelt zu werden. Ich wickelte die zweite Frucht in mein rotes Taschentuch und schritt der unserer Wohnung am nächsten liegenden Gartentür zu.

Ich begegnete zwei Gefleckten, die das Zischen der Schlangen gehört hatten und herangelaufen kamen, um nach der Ursache zu forschen. Als sie mich sahen, beruhigten sie sich. Sie glaubten, daß mein Anblick die Schlangen aufgeregt habe. Hätten sie geahnt, worum es sich handelte, ich wäre nicht so leichten Spiels davongekommen.

Rasch stieg ich in unsere Zimmer herab, erzählte meiner Frau, was vorgefallen war und legte die mitgebrachte Frucht vor sie hin. Lange sann sie nach, von der Überraschung überwältigt. Dann sah sie mich lächelnd an und meinte: »Diesmal ist es aber nicht Eva, die ihrem Mann die verbotene Frucht anbietet.« Sie nahm die Frucht und aß sie mit Lust und Begier, bis die Schale ganz entleert war, die sie dann wegwarf.

Sie ließ mich ruhig reden, während sie aß und erwiderte schließlich nur: »Ich will und muß alles mit dir teilen, was dir Böses oder Gutes geschieht.« Dann sagte sie, wir seien ja in Gottes Hand und es wäre unrecht, auf seine Vorsehung nicht zu vertrauen.

Seitdem meine Frau ihre Kinder stillte, litt sie Hunger, da man trotz dem Familienzuwachs unsere Nahrungsportion nicht vermehrt hatte. Sie war denn auch bedeutend abgemagert. Wir wandten uns nicht mit einer Bitte an unsere Gastgeber; denn obwohl wir sicher waren, daß sie hierfür gesorgt hätten, so trugen wir doch Bedenken, ihre Gefälligkeit und Zuvorkommenheit zu sehr auszunützen.

Sechs Stunden nach diesem Frühstück erschienen unsere Milchgeber und wir merkten, daß ihre Milch uns nicht so unumgänglich notwendig war wie sonst. Wir waren satt, und dies freute uns sehr, da wir nun wußten, daß es uns an Nahrung nicht mehr mangeln konnte.

Am folgenden Tag ging ich wieder in den Garten, indem ich dafür sorgte, von den Gärtnern gesehen zu werden, damit das Zischen der Schlangen sie nicht überraschte. Ich aß eine Frucht und brachte zwei Früchte meiner Frau mit. Die Gärtner wunderten sich, wie wenig ich mir aus dem Zischen der Schlangen machte.

Nachdem ich zehn Tage lang meiner Frau täglich die köstliche Speise gebracht hatte, fühlte sie sich bereits so wohl, daß sie sich entschloß, ihre Säuglinge zu entwöhnen und zwar gerade am letzten Tag des Megamikrenjahres. An demselben Tag wurde sie wieder schwanger, wie ich nach neun Monaten genau berechnen konnte. Ich warf stets die Schalen der von meiner Frau genossenen Feigen unter die heiligen Bäume und holte mir die Früchte aus allen Nachbargärten, die stets allen Menschen zugänglich waren.

Wir hatten von unseren Gastgebern die Erlaubnis erhalten, allein speisen zu dürfen; nach dem Mahl entfernten unsere Milchgeber sich. Wir ließen stets ein wenig von jedem Gericht für unsere Kinder zurück, die wir damit nährten. Den fehlenden Milchtrank ersetzten wir durch fünf Feigen. Jedes erhielt zwei und eine halbe. Diese sättigten sie vollkommen. Sie waren gesund und bedurften nie mehr in ihrem Leben des Schlafes.

Dies bewies uns, daß die Nahrung der Schlangen vollkommen auch die unsere sein konnte, und daß diese Früchte uns die Megamikrenmilch ersetzen konnten, deren notwendige Beschaffung uns mit der Zeit in eine gefährliche Lage bringen mußte.

Die notwendige Geheimtuerei fiel uns aber schwer. Sie war uns peinlich, wir fühlten uns nicht glücklich und sahen voraus, daß sie nicht lange fortdauern konnte.

In diesen Tagen kehrten die Boten zurück, die man zum heiligen Hof entsendet hatte. Sie brachten dem Abdala von seinem Bischof das Orakel des Oberhauptes, das über unser Schicksal entscheiden sollte. Der höchste Ausleger der Gebote der Sonne übertrug die ganze uns betreffende Angelegenheit dem weltlichen Herrscher, in dessen Königreich wir uns befanden. Er befahl aber dem Abdala, uns nichtsdestoweniger zu beobachten und darauf zu sehen, daß nichts Religionswidriges aus unserer Freundschaft mit den Kindern Gottes entstehe, wodurch Unruhen hervorgerufen werden könnten.

Hocherfreut über diesen Beschluß eilte der gute Statthalter auf der Stelle zu uns, um ihn uns mitzuteilen und uns zu beglückwünschen, daß wir nicht der Kirchengewalt unterstellt würden. Dies konnte uns nur dann zustoßen, wenn wir auf irgendeine Weise gegen die Religion sündigten. Dies befürchtete er jedoch nicht, da er in unserem Benehmen niemals etwas dergleichen bemerkt hatte.

Er sandte sodann einen Flieger an seinen Hof und ersuchte um die nötigen Weisungen, ob er die uns vom Abdala gestellten Milchgeber zurückschicken und auf welche Weise er uns in die Hauptstadt befördern sollte, da wir bereits ihre Sprache so weit beherrschten, um uns verständigen zu können. Der Monarch antwortete nicht sogleich. Er wollte sich zu allererst vergewissern, ob er nicht, indem er sich unser annehme, seine Würde und Ehre den Verleumdungen der Alfakinen preisgäbe.

In der Megamikrenwelt vermögen Thron und Altar nur auf Grund gegenseitigen Entgegenkommens und gegenseitiger Rücksichtnahme in gutem Einverständnis zu bleiben. Die Religion will glauben machen, daß die Monarchen nur dazu erschaffen sind, um sie aufrecht zu erhalten und die Monarchen geben dies zu, aber nur in Worten. Das ist der Kirche die Hauptsache, weil sie ihre eigene Schwäche und wohl auch die ihres Anspruchs einsieht. Sie ist damit zufrieden, öffentlich anerkannt und nicht zurückgewiesen zu werden. Die Könige sind der Ansicht, daß es ihre erste Pflicht sei, ihre Untertanen zu beglücken und zu verhindern, daß das Wirken der geistlichen Obermacht diese Glückseligkeit trübe und vor allem, daß nichts in ihre königlichen Rechte zu weit eingreife. Dies tun sie und danach handeln sie, ohne je darüber zu sprechen oder zu schreiben.

Sie vermeiden auf diese Weise Streitigkeiten mit einer Macht, die nur die Feder als Waffe hat und die stets siegen muß, wenn man ihr Gelegenheit gibt, sich dieser Waffe zu bedienen. Ihr Sieg ist durch die Stimmenmehrheit gesichert, die stets zu ihren Gunsten sein muß, da sie das Volk für sich hat. Obgleich dieser Sieg gewöhnlich keine reellen Vorteile bringt, so bietet er doch Gelegenheit, die Könige der Ungerechtigkeit anzuklagen, und wenn die Kirche nicht mehr erreichen kann, so weiß sie es so einzurichten, daß dies genügt.

Auf diese Weise halten dort die Herrscher durch Verstellung die geistliche Macht im Zaum, was ihnen nicht gelingen würde, wenn sie offen gegen sie aufträten.

Die Hauptstadt war von der Grenzstadt, in der wir uns befanden, fünfhundertfünfzig englische Meilen entfernt. Gewöhnliche Boten brauchten zwölf Tage, um hin- und zurückzureiten. Doch konnte man nicht wissen, wie lange das königliche Ministerium sie zurückbehalten würde.

Der Abdala schickte uns nach wie vor unsere Milchgeber zu, und ich versorgte weiterhin meine Kinder mit den verbotenen Früchten.

In diesen Tagen ereignete sich in schweres Unglück, das für uns sehr unangenehme Folgen hatte. Zwei violette hundertzwanzig Jahre alte Megamikren wurden von zwei Schlangen erfaßt und erdrosselt. Dies geschah im Garten des Grubendirektors, der unmittelbar an den unsrigen grenzte; ich hatte oft Früchte daraus gestohlen. Groß war die Bestürzung der ganzen Stadtbevölkerung über dieses Unglück. Ein solches hatte sich nach den Staatsregistern nur einmal vor achthundert Jahren ereignet. Die Väter der Unglücklichen, die ihre Kinder sehr geliebt hatten, obwohl es Bastarde waren, wendeten sich an das Orakel. Dieses linderte ihren Schmerz, indem es erklärte, die Schlangen seien in Zorn geraten, weil man in ihrem Garten die Pflege der Bäume vernachlässigt habe. Man frohlockte, daß die Megamikren diesen Tod ohne ihre Schuld erlitten hätten. Das Andenken der Toten wurde dadurch gereinigt.

Die kirchliche Gerichtsbarkeit, in deren Bereich die Schlangen-Angelegenheit fiel, machte dem Direktor einen Prozeß. Sie verhörte Zeugen, wobei sie stets darauf bedacht war, alle jene auszuschließen, die zugunsten des Angeklagten hätten sprechen können. Dies ist bei allen geistlichen Gerichtshöfen jener Welt eingebürgerter Brauch, da man der Meinung ist, daß man Zeugen, die für einen Angeklagten entlastend sprechen könnten, bei einem Kriminalprozeß nicht brauchen kann. Die Triftigkeit dieser Gründe ist augenscheinlich!

Man fand, daß der Garten des Grubendirektors tatsächlich nicht genügend gut gepflegt war, doch nahm man als Entlastungsgrund an, daß der Direktor infolge seiner vielen Geschäfte keine Zeit gehabt habe, an seinen Garten zu denken. Da aber ein Garten doch gepflegt und in Ordnung gehalten werden muß, ging das Urteil dahin, daß der Garten meistbietend versteigert werden sollte. Der dritte Teil der dadurch erhaltenen Geldsumme solle den betrübten Vätern als Entschädigung zufallen. Ein Sechstel der übrigen zwei Drittel sollte zur Deckung der Prozeßkosten dem Gericht eingeliefert werden. Der Direktor verlangte Gehör, man schlug ihm diese Bitte jedoch mit der Begründung ab, daß ja nur seine Nachlässigkeit gerichtet und bestraft werde. Diese aber sei augenscheinlich und offenbar, da sie von dem stets unfehlbaren Orakel als solche bezeichnet worden sei.

Dieser unbarmherzige Beschluß regte alle reichen Herren der Stadt und alle Gutsbesitzer ungemein auf. Die Oberaufseher der Kräuter- und Gemüsegärten, die eine Zunft bildeten, bekamen Angst. Denn wenn ein ähnlicher Fall in ihrem Bezirk – in der Stadt oder außerhalb derselben, wo sich auch Schlangen befanden – vorkam, so hätte dies auch ihnen einen Prozeß seitens der geistlichen Gerichtsbarkeit zugezogen, die sich sodann der Besitzungen bemächtigt hätte, und wenn auch nur aus dem einzigen Grund, um diese zu bewirtschaften.

Die Sache wurde als eine besonders wichtige Angelegenheit hingestellt, da der Zorn der Schlangen das Leben aller Megamikren bedrohen konnte. Dies traf auch zu, als wir in jene Welt kamen.

Die Verehrung der Schlangen beruhte auch auf einer Prophezeiung, die so alt war, wie ihre Welt selbst und folgendermaßen lautete: »Das Glück der Megamikren wird enden, wenn sie durch schlechte Behandlung ein Volk von anderer Rasse aufgebracht haben; ein Volk, das größer und stärker ist als sie und durch sie ernährt wird.«

Man behauptete, daß mit jenem Volk nur die Schlangen gemeint sein können, da sie diese ernähren, indem sie die Bäume, die ihre Nahrung liefern, immer neu anpflanzen.

Man vermehrte nach diesem Urteil die Zahl der Gartenknechte, wo sie nicht genügend erschien und gab besondere Befehle in bezug auf die Bewachung der Bäume aus.

Drei oder vier Tage später, als wir allein zu Hause waren, erhielten wir den Besuch zweier schöner Roten, die uns voller Anmut und Höflichkeit begrüßten, doch ohne die üblichen Äußerungen von Fröhlichkeit und Zufriedenheit, die auf gute Nachrichten schließen lassen. Wir erhoben uns und boten ihnen mit größten Achtungsbezeigungen Sessel an. Der Wortführer der beiden hielt uns nun folgende Rede:

»Wir sind, o Ihr großen Wesen, jene beiden glücklichen Sterblichen, die zuerst das Bleihaus entdeckten, in dem Gott Euch hierher sandte. Wir sind die einzigen Erben unseres alten Namens, kaum vor sechs Jahren aus dem Käfig entlassen. Unsere sämtlichen noch lebenden Väter, Großväter und Urgroßväter würden uns nach der vollen Strenge des Gesetzes bestrafen lassen, wenn sie erführen, weshalb wir zu Euch gekommen sind. Doch wir lieben Euch und die Freundschaft trieb uns hierher, um Euch vor einem Euch bedrohenden Unglück zu warnen, dem ihr, wie wir hoffen, dank dieser Warnung, entgehen könnt. Der Obergärtner des Großarchivars der Stadt kam gestern zu unserem Großvater, dem Vorsitzenden des Kriminalgerichtes, und beschwor, daß der unfruchtbare Riese einige Früchte von einem der Bäume genommen, worüber die Schlangen sich durch starkes Zischen mit Recht beklagt hätten. Unser Großvater ließ die Aussage zu Protokoll nehmen, den Eid des Obergärtners eintragen und zeigte dies Euer Verbrechen auf der Stelle dem Abdala an, der der allein zuständige Richter darüber ist. Möge Gott, der Euch vor vier Jahren hierher sandte und der uns auf den Grund des Flusses schickte, um Euch das Leben zu retten – möge derselbe Gott Euch jetzt erleuchten, damit Ihr mit Vorsicht handelt!«

Nach dieser Ansprache küßten sie uns und gingen.

Wir waren wie vom Blitz getroffen, doch verloren wir weder Kopf noch Mut. Vor allen Dingen teilten wir das Gehörte dem Gouverneur mit, den ich durch die ausführliche Beichte meines Vergehens erstaunte.

Er dachte eine Weile nach, wechselte ein paar Worte mit seinem Unzertrennlichen und beschloß dann auf der Stelle, mich auf Grund meines Geständnisses dem Abdala anzuklagen.

Mein hochgeschätzter Gastgeber war ein guter Kriminalist und Rechtskenner. Er wußte, daß er zwar nicht lügen konnte, daß es ihm aber frei stand, Tatsachen zu verschweigen, die meine Sache verschlimmert hätten.

Indem das Orakel des Großen Genius uns dem König unterstellte, hatte es sich des Rechtes begeben, uns zu richten. Unser Freund hatte als königlicher Statthalter das Recht, mich vor dem Abdala anzuklagen, gleichzeitig aber mich als Gefangenen seines eigenen Hauses zu erklären, für den er sich mit seiner Person verbürgte. Auf diese Weise glaubte er, mich vor dem Urteil des Abdala schützen zu können, da er selber als Ankläger auftrat.

Er teilte uns diesen seinen Entschluß und festen Vorsatz mit, den wir nur bewundern konnten, küßte uns, fuhr in den Tempel, verklagte mich vor dem Abdala und erklärte, daß er mich als Gefangenen der Kirche in seinem eigenen Hause halte.

Der Abdala erwiderte ihm darauf, daß er dies Recht nur in dem Fall gehabt haben würde, wenn er zuerst mein Verbrechen angezeigt hätte. Da dies jedoch nicht der Fall sei, gehöre die Untersuchung der Angelegenheit und das Urteil darüber zu seiner eigenen Machtbefugnis. Um ihm zu beweisen, daß er mich zu spät angezeigt habe, ließ er ihm den bereits geschriebenen Befehl vorlesen, daß seine Häscher sich zum Statthalter begeben sollten, um sich meiner zu bemächtigen und mich in das Gefängnis der Inquisition zu führen.

Der Statthalter antwortete, die Häscher würden den Weg umsonst gemacht haben, da er mich ihnen nicht ausgeliefert hätte. Nach der Entscheidung des Großen Genius unterstehe ich dem König. Der Abdala aber berief sich auf dasselbe Orakel, das ihm befehle, darüber zu wachen, daß die Riesen in ihrem Verkehr mit den Megamikren nichts Religionswidriges begingen. Dies sei nun tatsächlich geschehen. Übrigens, so schloß er, reicht die Gerichtsbarkeit des Königs nicht so weit, um verhindern zu können, daß die Kirche im Falle von Religionsverbrechen einschreite. Dies zu tun, sei also jetzt seine Pflicht und Schuldigkeit.

Der Statthalter erklärte, er glaube, durchaus nicht berechtigt zu sein, mich auszuliefern. Er verlange daher die Entscheidung des mittleren Gerichtes. Worauf der Abdala wieder antwortete, das stehe in seinem Belieben.

Der Statthalter ließ nun sofort seine Berufungsschrift aufsetzen und gab diese dem Abdala bekannt, der die Versammlung des Kollegiums auf den folgenden Tag berief.

Dieses Kollegium bestand aus elf Paaren roter Megamikren, lauter hervorragenden Rechtsgelehrten, die ihr Urteil schriftlich abzugeben hatten. Sie erfuhren den Gegenstand der Verhandlung erst durch die Advokaten, als sie sich bereits im Gerichtssaal eingefunden hatten. Die Mehrheit der Stimmen entschied, und es war ihnen verboten, während der Abstimmung sich miteinander zu beraten. Jede streitige Rechtsfrage unterlag diesem Gerichtshof, der das Privilegium besaß, daß es gegen sein Urteil keine Berufung an ein höheres Gericht gab.

Die Rechtsgelehrten hörten die Gründe des Statthalters an, der sie ihnen eine Stunde lang auseinandersetzte und seine Beweise vorbrachte. Der fiskalische Anwalt des Tempels sprach sodann ebenfalls eine Stunde lang und der Anwalt des Königs verwandte ebensoviel Zeit darauf, dessen Rechte zu wahren. Binnen einer Viertelstunde gab jeder Richter in Anwesenheit der streitenden Parteien schriftlich sein Urteil ab, das von den Unzertrennlichen mit unterschrieben wurde. Der Sekretär des Kollegiums las daraufhin die elf Meinungen vor.

Sechs von diesen stimmten für den Abdala und gaben ihm die Macht, mit mir meinem Vergehen gemäß zu verfahren. Die fünf anderen urteilten, daß er zwar das Recht habe, mich in seinem Gefängnis zu halten, doch nur als Pfand, bis man das Orakel von Heliopolis erfahre, das entscheiden müsse, ob ich eines Verbrechens tatsächlich schuldig sei. Denn was für die Megamikren als Vergehen gelte, dürfe vielleicht in bezug auf uns Riesen nicht als ein solches betrachtet werden. Diese fünf Richter wurden zu der üblichen Geldbuße verurteilt, die sie in der vornehmsten Weise zahlten, ohne von der Unrichtigkeit ihres Urteils deshalb überzeugt zu sein. Sie sagten sich aber zu ihrem eigenen Trost, wenn bei einer Abstimmung nur ein so geringer Stimmenunterschied stattfände, seien die in der Minderheit gebliebenen ohne Zweifel die Weisesten gewesen. Diese Ansicht teilte auch ich.

Der Statthalter ließ nun dem Abdala sagen, er selber werde mich dem geistlichen Gefängnis einliefern. Doch nur unter der Bedingung, daß man mich bis zur Rückkehr des an den König gesendeten Eilboten gut ernähren lasse. Der Abdala, durch seinen Erfolg hochmütig gemacht, antwortete, er werde seine Leute mit den entsprechenden Befehlen senden, und der Schuldige müsse ihm ohne jegliche Bedingungen ausgeliefert werden. Der Statthalter war gezwungen, nachzugeben.

Unser Freund kam mit diesen traurigen Nachrichten erst zu uns, nachdem er in zwei Stunden einen sehr langen und ausführlichen Bericht an den König ausgefertigt und abgeschickt hatte. Gleichzeitig schrieb er auch an des Königs ersten Minister, den er beschwor, Seine Majestät zu bewegen, ihm seine Befehle durch ein Flugpferd zu senden. Sei es aber, daß der König dieser Bitte nicht Folge leisten wollte, sei es, daß der Minister ihm den Brief nicht vorlas – die Antwort lief erst nach drei Fünftagen «in.

Aufrichtig betrübt kam sodann der Statthalter zu uns, denen inzwischen sein Unzertrennlicher Gesellschaft leistete. Er berichtete mir alles und bat mich, ich möge mich in mein Schicksal fügen, der König werde mich nicht im Stich lassen, und bis dahin werde er bestens für meine Frau und meine Kinder sorgen.

Als Elisabeth diese Worte hörte, konnte sie sich nicht der Tränen enthalten. Auch mir wurde es schwer, nicht laut zu weinen. Sie sagte dem Gouverneur, als meine Mitschuldige sei sie von mir unzertrennlich, aber sein freundliches Anerbieten in bezug auf unsere Kinder nehme sie gern an. Ich fühlte mich nicht stark genug, ihrem Willen zu widersprechen, und versicherte unserem Gastgeber, daß wir in diesem Unglück uns noch glücklich schätzten, unsere Kinder in ihren Händen lassen zu können.

Ich enthüllte ihnen sodann, daß wir unsere Kleinen mit den verbotenen Früchten genährt hätten, was sie mit Grauen hörten. Der Unzertrennliche fragte, weshalb denn meine Frau sie nicht weiter stille, worauf Elisabeth ihm antwortete, sie sei guter Hoffnung. Dadurch habe ihre Milch die nahrhaften Bestandteile verloren und könne den Säuglingen nur schädlich sein. Am Ende der dritten Ernte werde sie niederkommen.

Diese vertrauensvolle Mitteilung war unseren Freunden angenehm und sie hofften, mit der Zeit noch mehr darüber zu erfahren. Sie umarmten uns, versicherten uns immer wieder ihrer Zuneigung und versprachen unseren Kleinen die gewissenhafteste Sorgfalt zu widmen. Der Unzertrennliche nahm sie an sich und blieb allein bei ihnen, um uns seine Liebe deutlich zu beweisen.

Der Statthalter sagte mir nun, es würde ihm sehr unangenehm sein, wenn die Häscher bis vor sein Haustor kämen, und bat uns, lieber mit ihm bis zum Oberprofossen zu gehen, dem er uns überliefern werde. Wir willigten ohne weiteres ein und bestiegen seinen Wagen, der uns in einer Viertelstunde zum Tempel brachte. Dort übergab er uns und verließ uns nach herzlichen Umarmungen.

Vier Gescheckte kamen nun, fesselten uns und brachten uns in eine Gefängniszelle, die uns sehr unbequem war. Sie war durch Tageslicht erhellt, da sie sich ganz oben im Hause befand und auf einen öffentlichen Platz hinausging. Die Zelle war nur vier Fuß hoch, sechs Fuß breit und ebenso lang, und ihr hölzerner Boden mußte uns als Bett dienen. Wir waren gezwungen, die ganze Zeit entweder hockend oder liegend zu verbringen. Wir hatten weder Matratzen noch Bücher, noch Schreibzeug, auch war uns der Trost versagt, Besuche zu empfangen.

Einmal täglich kamen fünf häßliche Gefangene, um uns zu stillen, und man brachte uns dazu fünf Musgerichte, die sehr widerlich schmeckten, die wir jedoch essen mußten, weil uns sonst der Hungertod drohte. Die Elenden überhäuften uns mit den gröbsten Beschimpfungen und Flüchen, weil wir ihre Milch bis auf den letzten Tropfen aussaugten. Wir hatten nur einen Kamm und ein Leinentuch. Die Gefangenen in diesen grausamen Gefängnissen dürfen nicht einmal eine Uhr besitzen und jegliches Möbelstück wird ihnen verwehrt.

Unser einziger Trost war, daß wir beisammen waren und miteinander sprechen konnten. Meine Frau flößte sogar den unerbittlichen Häschern Respekt ein, da es allgemein bekannt war, daß sie bei mir blieb, obwohl sie dies nicht nötig gehabt hätte, wenn sie ihre Mitschuld dem Abdala verschwiegen hätte.

Sie können sich wohl vorstellen, Mylords, wie lang uns die Zeit dort werden mußte. Die begreifliche Unruhe über das uns erwartende Schicksal trat vor der um unsere Kinder zurück. Es schien uns, als hätten wir ein Unrecht begangen, ihnen das Leben zu geben, und wir sahen diese trübselige Zeit als eine Strafe hierfür an.

Wir waren dem unumschränkten Willen und der abergläubischen Grausamkeit eines auf seine Rechte eifersüchtigen Prälaten und dem Haß eines von ihm beeinflußten Volkes überliefert, das uns als Ursache der Erdrosselung der beiden Megamikren durch die Schlangen ansah. So konnten wir auf kein Mitleid eines Richters hoffen, der wahrscheinlich durch unsere Verurteilung den Zorn dieser Ungeheuer zu beschwichtigen glauben mußte, vor denen die ganze Stadt zitterte.

Wir fragten uns, wie unsere Kinder ohne uns fortkommen sollten, was man aus ihnen in einer Welt machen würde, wo sie, ohne die Erziehung, die nur wir ihnen zu geben vermochten, nur arme, von allen verachtete Bettler werden konnten. O Gott! wir fürchteten, wir würden sie niemals wiedersehen! Wenn sie mannbar geworden sind, wird vielleicht ein großer Herr sich den Luxus leisten, sie sich fortpflanzen zu lassen, und so wird ein Geschlecht entstehen, das sich selber als eine Schmach empfinden und niemals begreifen wird, wie es inmitten einer solchen Rasse von Zwergen zu Sklaven herabsinken konnte!

Diese gräßlichen Gedanken verließen uns nur, um einer unsere Vernunft überwältigenden Langeweile Platz zu machen. In wahnsinniger Undankbarkeit gegen Gott bedauerten wir, aus der Bleikiste entkommen zu sein. Alle Leiden erschienen uns in Anbetracht der jetzt erlittenen gering.

So ist der Mensch, Mylords, stets und überall. Der Schmerz, der ihn im Augenblick überwältigt, scheint ihm immer der allergrößte zu sein; alle anderen schätzt er geringer ein, als den, den er gerade erduldet. Er bildet sich ein, jeder Wechsel werde ihm zum Vorteil sein. Dies liegt daran, daß ein leidendes Wesen immer mehr seinen Verstand einbüßt.

Das Leiden der Langeweile zerfleischte unsere Seele. Als wirkliches Unglück empfanden wir auch die Unmöglichkeit, zu schlafen. Wir bildeten in unserem Fieber uns ein, daß das ununterbrochene Tageslicht daran schuld sei. Wir verfluchten den lichtbringenden Planeten, um einen Augenblick darauf, verwirrt unseren Irrtum einsehend, wie Wahnsinnige zu weinen. Doch die Tränen beruhigten uns und erleichterten unsere Qualen. Das Erscheinen der fünf Eumeniden, deren Milch uns am Leben erhielt, war der einzige Anhaltspunkt für unsere Zeitberechnung. Der Mensch will rechnen, deshalb könnte man ihn als rechnendes Tier bezeichnen. Wir begriffen jetzt den Grund der Benennung der Furien als Eumeniden.

Zu Beginn des Staubtages der dritten Auferstehung, nachdem wir dreizehn Tage unter Qualen verlebt hatten, von denen ich Ihnen wohl nur einen schwachen Begriff geben konnte, trat ein graubraun gefleckter Megamikre bei uns ein und forderte uns auf, ihm zu folgen. Wir konnten dies nur wie Tiere, auf allen Vieren kriechend, tun. Aber auch als wir bereits in dem höher gebauten Gange waren, vermochten wir uns nicht zu erheben und aufrecht zu stehen. Der Graubraune befahl vier anderen, ein Zimmer zu öffnen, in das wir uns schleppten.

Dort befand sich ein großes Bad, worin viele verschiedenfarbige Megamikren sich tummelten. Der Häscher sagte uns nun, daß wir baden dürften. Als daraufhin alle sich badenden Gefangenen Reißaus nahmen, mußten wir laut lachen.

Ein schwergeprüfter Geist vermag mit ungemeiner Schnelligkeit von der tiefsten Traurigkeit zur vollkommenen Ruhe überzugehen, in der die ersten seinem Nachdenken sich darbietenden Gegenstände ihn mit besonderer Macht beeinflussen. Ein ins bewegte Meer geworfener Stein beunruhigt dessen Wellen nicht, wie anders aber wirkt ein in ein stilles Wasserbecken geworfener Kiesel. Er bildet einen Kreis, der sich bis an den Rand in neuen Kreisen ausdehnt.

Diese Flucht der Badenden erregte unsere Heiterkeit und wir waren froh, dadurch zu merken, daß wir noch diese köstliche Gabe besaßen, die den Menschen vom Tier unterscheidet. Nach einem halbstündigen Bad hatten wir bereits die Kraft, bis zu einem Sofa zu gehen, wo man uns sehr unangenehme Kräuter gab, um uns damit zu trocknen und abzureiben. Eine Regung von Mitleid, das wohl aus Hochmut hervorging, bewog den Megamikren, uns ein Räucherpulver geben zu lassen, das zwar schlecht war, aber uns doch wohltat.

Dann führte man uns hinaus und wir fanden im Hof einen offenen Karren, in den man uns in Begleitung von zwei Paaren einsteigen ließ. Sie nahmen vor uns Platz. Vier Gescheckte saßen hinten, zwischen den Wagenrädern. Der Graubraune hatte keinen Unzertrennlichen und saß auf einem Polstersessel hinter dem Kutscher. Acht Pferde waren vor den Karren gespannt und zogen uns im Schritt durch die Stadt, dann aber im Trabe auf der Landstraße. Eine wütende Menge begleitete uns bis vor die Stadt mit Geschrei, Flüchen und Verwünschungen. Wir ließen sie erst zurück, nachdem die Pferde schneller zu laufen anfingen.

Fünfmal wechselte man die Pferde, um uns schließlich vor einem Wirtshaus aussteigen zu lassen. Man führte uns in einen Saal voller Megamikren, die nach der Färbung eine üble Gesellschaft waren. Der Graubraune rief einen Gelben, der uns erwartet hatte, herbei und forderte ihn auf, Zeuge seiner Worte zu sein. Diese lauteten:

»Ihr seid vom heiligen Abdala aus Alphapoli für immer aus seinem Sprengel verbannt; sollten wir Euch jemals dort erblicken, so würden wir Euch bis zu Eurem Lebensende ins Gefängnis werfen, aus dem Ihr jetzt herauskommt!« Hierauf entfernte er sich mit seiner ganzen Sippschaft.

Kaum war er hinaus, so erklärte der gelbe Megamikre, der als Zeuge angerufen worden war: »Ich befehle Euch, im Namen des heiligen Abdala von Gammapoli, Euch in seinem Sprengel bei Vermeidung lebenslänglicher Kerkerstrafe vom Tage des Schmetterlings an niemals mehr zu zeigen.«

Wir ersuchten den Wirt um eine Kammer zum Ausruhen. Er fragte, ob wir ihn bezahlen könnten, und drehte uns den Rücken, als wir dies verneinten; dabei sagte er, es stehe uns frei, uns wo anders Herberge zu suchen.

Wir gingen nun hinaus und schlugen die Landstraße ein. Die ganze Schurkenbande war über das Vorgefallene so entsetzt, daß keiner daran dachte, uns zu verfolgen.

Nun waren wir sozusagen in Freiheit, aber wir waren arm wie Kirchenmäuse, ohne Heim und ohne unsere Kinder, und dazu verdammt, entweder Hungers zu sterben, oder uns von den Früchten zu nähren, die längs der Straße an den Bäumen hingen, und die die Ursache unseres Unglücks waren. Unser Hunger war noch nicht so groß, um uns zu zwingen, allem zu trotzen und nach ihnen zu greifen.

Wir getrauten uns nicht, umzukehren, um unsere Kinder zu holen, denn der Gedanke an den Kerker machte uns zittern. So empfahlen wir uns der Vorsehung Gottes und gingen den eingeschlagenen Weg weiter. Wer uns sah, flüchtete vor uns in die nebenliegenden TopenTopen, aufgemauerte, kugelförmige, in Indien als Reliquienbehälter dienende Hügel. Wir durchschritten einige Dörfer, ohne irgendwie belästigt zu werden und ohne selber jemanden zu belästigen. Als wir nach fünfstündiger Wanderung sehr müde in einen Weiler kamen, da erscholl das Trompetensignal, das den Tagesschluß ankündigte. Wir brauchten Nahrung und Ruhe, hatten aber keinen Mut und konnten uns weder das eine noch das andere verschaffen.

Im Augenblick, als die Trompete erscholl, begegneten wir einem roten Paar, das dem Flusse zuschritt und nicht vor uns zurückwich. Wir grüßten sie und sie erwiderten den Gruß aufs höflichste. Wir waren von Müdigkeit und Hunger ganz erschöpft. Das Paar blieb vor uns stehen, wir waren sicher, daß sie uns Nahrung und Wohnung gegeben hätten, doch um dies zu erlangen, hätten wir sprechen, unsere Armut bekennen, mit einem Wort, betteln müssen. Dazu konnten wir uns nicht entschließen.

Wir schritten auf ein Anazosenwäldchen zu, das drei Topen weit vor uns lag, und beschlossen uns dort unter den Bäumen auf den Bauch zu legen, um den Sonnenstrahlen zu entgehen, die wir nicht mehr ertragen konnten. Wir waren ganz froh, daß es keine Feigen und keine Schlangen dort gab, denen wir offen den Krieg hätten erklären müssen, wie wir dies einige Jahre später tun mußten.

Ich brach von einer Anazose einen der Zapfen ab, von denen sie voll hing, ich zerschlug ihn mit einem Kieselstein und fand darin viele gelbe Kügelchen, die ebenfalls hart waren und die ich nun auch zu zerschlagen versuchte. Sie enthielten eine Samenmilch von grüner Farbe wie unsere Pistazien und vom Geschmack unserer Pinienkerne. Wir fanden sie ganz genießbar, wenngleich die Schalen hart waren; aber wir hatten ja gute Zähne. Niemals hatten wir von dieser Fruchtsorte gehört. Wir begriffen, daß sie von den Megamikren offenbar nicht roh gegessen wurden, doch mußten ihre Köche herrliche Gerichte daraus herstellen können.

Uns schmeckten sie so gut, daß wir drei Stunden darauf verwandten, uns mit ihnen zu sättigen. Das Zerknacken der beiden Schalen beanspruchte aber auch viel Zeit. Diese Nahrung und fünf bis sechs Stunden Ruhe gaben uns unsere Kräfte wieder und wir beschlossen, dies zu benützen, um aus dem Sprengel von Gammapoli, aus dem wir ebenfalls verbannt waren, herauszukommen. Wir hofften, daß man uns nicht überall so unbarmherzig hinauskomplimentieren würde. So kehrten wir denn wieder auf die Hauptstraße zurück. Wir waren kaum eine Stunde gewandert, als wir hinter uns einen großen Lärm hörten, der uns veranlaßte uns umzusehen, um die Ursache zu ergründen. Wir sahen eine sehr schnell fahrende Postwagenreihe und dachten uns hinter den Bäumen einer Tope zu verbergen, da uns bereits das Gefühl, daß wir Ausgestoßene seien, beherrschte. Schweres Unglück pflegt sogar die stärksten Seelen zu erniedrigen.

Wir versteckten uns so gut wir konnten, doch wie groß war unser Staunen, als wir sahen, daß die Wagen – es waren ihrer zwölf – an der Stelle anhielten, wo wir die Straße verlassen hatten, dann stiegen zwei Rote aus dem ersten Wagen aus. Sie liefen um die Tope herum und spähten nach rechts und links.

Es war unser lieber Statthalter mit seinem Unzertrennlichen, die wir von weitem nicht erkannt hatten, da wir sie stets nur in ihren Mänteln sahen, diese durften sie jedoch nur dann tragen, wenn sie auf ausdrücklichen Befehl des Königs reisten, deshalb waren sie jetzt beide ganz nackt. Elisabeth war die erste, die ausrief: »Sie sinds!« Sie stürzte hervor, lief ihnen entgegen, ich ihr nach. Sie bemerkten uns sofort und liefen auf uns zu. Sie fielen uns in die Arme und vermochten anfangs, sei es aus Freude, sei es von dem schnellen Lauf, atemlos kein Wort hervorzubringen.

Schnell trugen wir sie zum Wagen, aus dem sie ausgestiegen waren und glaubten vor Glück närrisch zu werden, als wir in dem Wagen Jakob und Wilhelmine in den Armen von vier Grünen sahen, die sie auf purpurnen Polstern hielten. Elisabeth fiel in Ohnmacht und ich hielt mir den Kopf, damit nicht dasselbe mit mir geschehe. Der Statthalter befahl den vier Grünen, in einen andern Wagen zu steigen, hieß uns einsteigen und übergab uns die Kindlein, dann befahl er den Postillonen, am besten Gasthaus der nächsten Stadt anzuhalten. Wir gelangten in einer halben Stunde dorthin. Während dieser Zeit blieben wir sprachlos. Wir küßten nur unsere Kleinen, die uns lächelnd ansahen und benetzten sie mit unseren Tränen. Wir hatten ja nicht mehr gehofft, sie jemals wiederzusehen.

Sobald wir uns allein mit dem Gouverneur und seinem Gefährten in einem schönen von Phosphorlicht erleuchteten Saal befanden, berichtete er uns folgendes:

»Man kann sich, meine lieben Freunde, nichts Grausameres, nichts Unmenschlicheres und Unwürdigeres vorstellen, als die Art und Weise, wie der Abdala Euch behandelt hat. Der geringste Achtungsbeweis, den er dem König schuldete, mußte darin bestehen, Eure Verurteilung bis zur Ankunft des königlichen Boten zu verzögern, um so mehr, da dieser ihm auch von seiten des Bischofs Weisungen und Befehle überbringen konnte. Er behandelte Euch mit einer unerhörten Strenge, denn es ist sonst Brauch, daß den zur Verbannung Verurteilten erlaubt wird, vor dem Verlassen der Stadt nach Hause zu gehen, um ihre Papiere zu holen, oder was ihnen sonst notwendig sein mag.

Er gab somit der ganzen Stadt einen richtigen Begriff nicht seines Eifers und seiner Gerechtigkeit, sondern seines Hasses. Er behandelte Euch im Kerker auf die denkbar grausamste Weise, da er Euere Nahrung um die Hälfte verringerte und Euch sogar die Wohltat des Bades versagte, die selbst den größten Verbrechern alle fünf Tage gewährt wird. Ich erfuhr dies alles erst gestern, eine halbe Stunde nachdem Ihr die Stadt verlassen hattet und ich kann Euch nicht beschreiben, mit welcher Betrübnis ich darüber nachgrübelte, daß die Verzögerung der Ankunft des vom Hofe erwarteten Boten mich zur Untätigkeit verdammte. Ohne den Willen des Königs zu kennen, durfte ich keinen Schritt tun, der Euch irgendeine Erleichterung hätte verschaffen können. Ich konnte mich nicht einmal persönlich zum Abdala begeben, noch ihm meine Beschwerden und Anklagen bekanntgeben, ebensowenig durfte ich von ihm eine Abschrift des gegen Euch ergangenen Ausweisungsbefehles verlangen, um sie an den Hof zu senden.

So überließ ich mich der Sorge und Traurigkeit, als ich endlich fünf Stunden nach Eurer Abreise den Boten mit den Befehlen meines Herrn und Königs empfing. Seine Majestät gab mir bekannt, daß der Abdala nicht die Macht besitze, Euch zum Tode – wie wir die lebenslängliche Kerkerstrafe nennen – zu verurteilen. Er könne Euch nur entweder zur Verbannung aus seinem Sprengel verurteilen, nachdem er Euch höchstens für die Zeit eines Brandes im Gefängnis behalten habe, oder er müsse Euch nach einem Jahr Kerkerhaft begnadigen.

Der Monarch befahl mir, Euch in diesen beiden Fällen an seinen Hof zu senden, und zwar nicht als Schuldige, sondern als vornehme Leute, die er in seiner Nähe zu haben wünsche. Er fügte hinzu, er sei sicher, daß sein Befehl rechtzeitig ankomme, da nicht anzunehmen sei, daß der Abdala sich so übereilen könne, ohne einen triftigen Grund zu haben. So werde Eure Verbannung also kaum vor Ablauf des Brandes erfolgen. Sobald ich diesen Befehl erhielt, ließ ich es mir nicht nehmen, mich mit meinem Unzertrennlichen, um die Stunde der großen Audienz zum Abdala zu begeben. Meine Würde gebot, daß mich der Abdala vor allen anderen nach meinen Wünschen fragte. Ich antwortete ihm, ich sei gekommen, um ihm öffentlich eine von unserem Herrscher empfangene Depesche vorzulesen. Dies tat ich denn auch.

Der Abdala antwortete, der Inhalt dieser Depesche gehe ihn nichts an, es sei meine Sache, die Befehle meines Herrn zu befolgen und auszuführen. Ich verlangte darauf die Ausfolgerung des Verbannungsbefehles. Wenn darin nicht der Ort angegeben wäre, bis zu welchem seine Bevollmächtigten uns begleiten sollten, müsse er mir dies sofort persönlich mitteilen, da ich entschlossen wäre, Euch nachzureisen, um Euch an den Hof zu bringen.

Der Abdala schien über mein Drängen sehr erstaunt zu sein, doch gab er zu, daß er mir die Abschrift des Urteils nicht vorenthalten könnte. Seine Bevollmächtigen hätten den Auftrag erhalten, Euch das Verbannungsurteil an der Grenze des Sprengels von Gammapoli bekanntzugeben. Dieser Umstand bewies mir seinen Haß noch deutlicher, da solche gerichtliche Übergabe stets eine weitere Ausweisung zur Folge hat.

Ich konnte nur mit Mühe mich enthalten ihm zu sagen, daß die Schlangen gewiß seinen Eifer anerkennen müßten, denn wenn sie selber ein Urteil über Euch hätten aussprechen sollen, hätten sie kaum grausamer handeln können.

Ich kehrte in mein Haus zurück, gab Befehl, hundert Postpferde auf der bestimmten Strecke bereitzuhalten und nahm hundert Diener mit, um sie Euch zur Verfügung zu stellen. Jedes Paar von ihnen sollte Euch alle zehn Tage nähren. Ich ließ die Wagen bereithalten und bereitete mich selbst vor, Euch mit zehn Dienern Eure Kinder zu bringen, damit Ihr über dieselben verfügen könnet, denn es ist Euch nach dem Befehl des Königs nicht erlaubt worden, Eure Kinder an den Hof mitzubringen.

Ich rate Euch, sie uns anzuvertrauen, erstens, weil ich nicht glaube, daß Ihr in dieser Welt bessere Freunde haben könnt als uns; zweitens, weil wir Eure Kinderchen herzlich liebgewonnen haben. Wir werden sie aufs sorgfältigste pflegen und werden sie Euch senden, sobald Ihr den Wunsch äußert.

Jetzt erzählt uns, bitte, alles, was mit Euch seit dem Verlassen des Gefängnisses bis zu unserem glücklichen Wiedersehen geschehen ist. Ich fuhr aus der Stadt drei Stunden vor Anfang des Tages ab, und hätte Euch vielleicht nicht entdeckt, wenn nicht ein Edler erster Klasse, ein vertrauter Freund von mir, mir gesagt hätte, daß er Euch gesehen hat.«

Wir fühlten uns wie neu belebt, als wir diese Erzählung hörten, obwohl uns der Bescheid bezüglich unserer Lieblinge herzlich betrübte. Wir berichteten ihm das Erlebte und merkten, daß er ganz erstaunt und verwirrt war, als er hörte, daß wir den Samen der Anazosen gegessen hätten. Er sagte uns, ein Megamikre würde sich nie getrauen ihn zu genießen, weil er nachweislich lebensgefährliche Koliken verursache. Er meinte aber, es sei wohl möglich, daß diese Früchte Riesen wie wir, die um so vieles kräftiger wären als sie, nicht schädlich wären.

Ich brauchte nicht erst im Alleinsein mit Elisabeth zu beraten, ob wir das Anerbieten unserer Freunde in bezug auf unsere Kinder annehmen sollten, denn sie dachte ebenso vernünftig wie ich. Dieses Angebot war eine göttliche Fügung für uns. Der Freundschaft des Statthalters, seiner Großmut und Beständigkeit konnten wir sicher sein. Wir sagten ihnen, daß wir unsere Kinder als Pfand unseres Vertrauens in die treuen Hände legten, die sich ihnen entgegenstreckten.

Wir vertrauten ihnen auch an, daß die Enkelkinder des Präsidenten des Kriminalgerichtes ebenfalls unsere guten Freunde seien und berichteten ihm, welch großen Beweis ihrer Zuneigung sie uns gegeben hatten. Unsere Gastgeber waren hocherfreut über diese Enthüllung eines so wichtigen Ereignisses und faßten die größte Zuneigung zu jenem höchst achtungswerten Paare. Bisher hatte der Statthalter sich auf das diskreteste jeder Frage enthalten. So stark ist die Wirkung ihrer Religionsvorschriften.

Wir empfanden eine wahre Freude, als der Statthalter uns sagte, der für uns bestimmte Wagen mit erhöhtem Dache enthalte auch all unser Hab und Gut mit Ausnahme jener Sachen, die man der Bleikiste entnommen hätte. Er hieß dann eine Kassette kommen, die unsere Uhren, Ringe, Bilder, Geldtaschen und alle Gegenstände enthielt, die wir zum Malen und zum Anfertigen von Musikinstrumenten brauchten.

Dann stellte er uns zwölf farbige, doch nicht gefleckte Megamikren vor, die auf der Reise für uns sorgen und uns an den Hof bringen sollten. Er überreichte uns auch Empfehlungsbriefe an die mit ihm befreundeten und höchstgestellten Herren der Hauptstadt, deren Tugenden und Höflichkeit er uns pries. Er sprach uns dann viel vom König und dessen hervorragenden Eigenschaften und empfahl uns dringend, das von uns verübte Verbrechen nicht wieder zu begehen. Man würde dies als Staatsverbrechen ansehen, da es die Vernichtung des ganzen, von diesen Ungeheuern abhängigen Menschengeschlechtes zur Folge haben könne.

Er beschrieb uns den König als einen zuvorkommenden, großherzigen, hochgebildeten Menschen, den seine Untertanen vergötterten. Er sei glücklich, da er im Alter von zwölf Jahren zum Throne gelangt sei. Jetzt zähle er erst siebzehn Jahre. Die ersten Früchte seiner ehelichen Verbindung seien zwar ein Bastardenpaar, doch habe er genügend Zeit vor sich, um hoffen zu können, daß die Sonne ihm in den folgenden vierzehn Niederkünften ein Nachfolgerpaar geben werde. Seine Reichtümer seien unermeßlich, da seine Familie bereits seit 3200 Jahren den Thron inne habe.

Daß man uns auf die edelste Weise behandeln werde, könnten wir schon aus der Art schließen, wie wir jetzt zu Hofe befördert würden. Er versprach uns oft Nachrichten über unsere Kinder zukommen zu lassen und bat uns, ihm zu schreiben. Ferner riet er uns, nur dem König das Geheimnis zu enthüllen, welchen Weg man einschlagen müsse, um die merkwürdige gewölbte Welt zu entdecken, von der wir uns so viel erzählt hatten.

Kurz vor der Trennungsstunde hielt er uns noch folgende Ansprache: »Wenn ich bedenke, meine lieben Freunde, daß Ihr, um in unserer Welt glücklich zu werden, einer festen Niederlassung bedürft, so stimmt mich dies stets traurig, da mir eine solche Niederlassung für Euch unmöglich erscheint. Ihr müßt genährt werden und könnt niemanden wiedernähren, folglich müsset Ihr diese Gefälligkeit von hiezu willigen Wesen erhalten, oder sie erkaufen. Ihr seid aber weder reich genug, um sie zu bezahlen, noch so gemein, um sie von Mitleidigen anzunehmen. Könnt Ihr auf die Großmut der reichen Adeligen Euch verlassen? Großmut ist zwar eine dauernde Tugend, doch wechselt sie gerne ihren Gegenstand. Wenn Ihr selbst großmütig seid, so werdet Ihr Euch eines stillen Widerwillens bei dem Gedanken nicht enthalten können, daß Ihr dazu verdammt seid, immer wieder deren trübseliger Gegenstand zu sein. Eure Fortpflanzung wird Eure Erhaltung noch mehr erschweren. Bedenkt, daß unser Menschengeschlecht das Eure nicht kennt, daß niemand weiß, woher Ihr kommt, daß Ihr uns in keiner Weise nützlich seid und daß man nicht voraussetzt, daß Ihr dies je werden könntet.

Unsere Theologen bemühen sich nachzuweisen, daß Ihr nicht unsere Brüder sein könnt und daß Ihr mit Eurer Beschaffenheit nur Ungeheuer sein könnt, die Gott zu uns gesandt hat, um unsere Welt dafür zu strafen, daß sie fortfährt, in der Sünde zu verharren und die Tugend geringzuschätzen.

Ich selbst, das muß ich Euch gestehen, halte es ebenfalls für unwahrscheinlich, daß eine Menschenrasse, der Gott die einfachste Wohltat vorenthalten hat, von ihm geliebt sein könnte. Wenn aber nachgewiesen ist, daß Gott Euch nicht liebt, wie könntet Ihr voraussetzen, daß seine Kinder Euch willkommen heißen? Ihr könnt nur gefürchtet sein. Meint Ihr aber, daß das Gefühl der Furcht unsern König bewegen könnte, Euch Wohltaten zu erweisen? Ich sehe leider mit Bitterkeit im Herzen voraus, daß man Euch bald verabschieden wird. Dies Unglück zu verhüten, besitzt Ihr nur ein Mittel:

Ihr müßt alle Eure Geistesgaben aufbieten darüber nachzudenken, womit Ihr Euch unserer Welt nützlich und notwendig machen könntet. Dann wird es der Politik nicht schwer fallen, der Religion Schweigen aufzulegen und sie sogar zu bewegen, für Euch zu sprechen. Auf Wiedersehen! Ich fühle mich erleichtert, nachdem ich Euch meine Ansichten offenbart habe. Ich wünsche, daß Ihr unter uns geliebt und geachtet leben können werdet. Schreibt mir bald und wenn Ihr auch an allem zweifelt, so glaubt doch stets an unsere Freundschaft und unwandelbare Zuneigung.«

Wir brachen in Tränen aus, erhoben uns, drückten das edle Paar an unsere Herzen und bedeckten sie mit Hunderten von Küssen, um ihnen unsere Zärtlichkeit und Dankbarkeit zu beweisen.

Sie baten uns, unsere Kinder mit eigenen Händen in ihre Arme zu legen und sodann abzureisen. Dies taten wir voll Herzlichkeit, obgleich Schmerz und Trauer uns überwältigte.

Wir entfernten uns voll Liebe und Dankbarkeit gegen diese vier Wesen, von denen zwei die beiden anderen an ihren Brüsten hielten und sie nach Herzenswunsch saugen ließen. Dieser Anblick stillte zwar etwas unsere Verzweiflung, trotzdem waren wir wie vernichtet.

Wir gingen zwei Treppen hinauf, traten auf die Straße und bestiegen den auf uns wartenden Wagen. Der setzte sich sofort mit unserem ganzen Gefolge in Bewegung.

Während unserer weiteren Reise ereignete sich nichts Erwähnenswertes. Täglich ruhten wir sechs Stunden in Gasthäusern aus. In acht Tagen kamen wir in die Hauptstadt des Reiches Neunzig, die von der Grenzstadt, aus der wir kamen, fünfhundertfünfzig englische Meilen entfernt ist.

Bei den Megamikren reist man, Mylords, auf die denkbar bequemste Art. Die Hauptstraßen sind herrlich. Gasthäuser findet man überall in einer Entfernung von zehn zu zehn megamikrischer Meilen, deren jede vierhundert Klafter unseres Maßes entspricht. Man trifft in denselben stets bereitgehaltene Postpferde, für die man je nach der Schnelligkeit der Fahrt bezahlt. Die größte Schnelligkeit kostet sehr viel, da die Pferde dabei ihr Leben einbüßen. Sie durchlaufen aber dann auch in einer Megamikrenstunde zwanzig englische Meilen. Wir hatten es nicht so eilig und fuhren täglich siebzig Meilen.

Der Eindruck, den auf uns die Hauptstadt Polianopoli machte, war gewaltig. Sie ist vollkommen mathemathisch angelegt, so daß die Ärmeren an der Stadtmauer wohnen, der Königspalast aber, von herrlichen Gärten und Anlagen umgeben, genau die Mitte einnimmt. Die ganze Stadt hat mehr als zwei Millionen Einwohner.

Bei unserer Ankunft in einem der Palasthöfe kamen uns vierundzwanzig Farbige entgegen, die den ausdrücklichen Befehl hatten, die herbeigelaufene Menge zurückzudrängen. Man war voll Erstaunen, daß es Menschen unserer Art gab, herzugeströmt.

Sie führten uns durch einige Stockwerke bis zum Eingang in einen Saal hinab, wo sie sich zurückzogen. Vier Rote empfingen uns aufs höflichste und stellten uns einem Paare vor, in welchen wir den König und seinen Unzertrennlichen erkannten. Die Hauben dieses Paares waren mit Edelsteinen so reich besetzt, daß sie wie Feuer erglänzten. Sie saßen auf einem breiten Sofa, in einen Schleier gehüllt, der von ihrem Busen bis zu ihren Fußsohlen herunterwallte und ein grünschillernder Goldmantel ließ nur ihre Schultern entblößt. Der eine des Paares saß weiter zurück, er hatte einen glänzenden Federbusch oberhalb der Haube, der zweite lag nachlässig am Rande ausgestreckt. Beide betrachteten uns mit der größten Aufmerksamkeit, während der ganze Hofstaat unbeweglich schweigend dastand, uns aber auch nicht aus den Augen ließ.

Auf einen Wink des Königs erklangen die Töne einer Instrumentalmusik, deren Harmonie unsere Herzen mit Freude und Mut erfüllte. Als die Symphonie verklungen war, flüsterte der König einem Hochroten ein Wort zu, worauf derselbe in ernstem und würdevollem Ton an uns folgende Ansprache hielt:

Sie können versichert sein, Mylords, daß die Reden, die ich Ihnen jetzt mitteile, wörtlich so sind, wie sie aus dem Munde der Redner kamen; denn ich schrieb sie mir auf, sobald ich allein war, und ich habe sie dann so viele Male wiedergelesen, daß sie sich unverwischbar meinem Gedächtnis eingeprägt haben.

»Ihr stehet hier vor dem König, der Herr über Eure Personen und Eure Leben ist. Er befiehlt Euch, mit Genauigkeit und vollkommener Wahrheit auf folgende Fragen zu antworten: Wer seid Ihr? Woher kommt Ihr? Weshalb seid Ihr zu uns gekommen? Wer hat Euch hierher gesandt? Welchen Weg habt Ihr zurückgelegt? Wann gedenkt Ihr abzureisen? Welchen Weg wollt Ihr dazu einschlagen? Wie kommt es, daß Ihr nicht selber für Euren Unterhalt sorgen könnt? Warum tragt Ihr nicht die zu Eurer Ernährung nötige Milch bei Euch? Wie könnt Ihr Nahrung beanspruchen, wenn Ihr nicht imstande seid, diese dem Geber auf gleiche Art zurückzuerstatten? Verehrt Ihr einen Gott? Und ist der Gott, den Ihr verehrt, derselbe, der Euch erschaffen hat? Was für eine Religion habt Ihr? Wie viele Jahre habt Ihr bereits gelebt? Wie viele Jahre habt Ihr noch zu leben? Was erhofft Ihr, wenn Euer Leben auf dieser Welt geendet hat? Wer ist der Mensch, den Ihr als Euren Herrn anerkennt? Wie habt Ihr zwei Kinder zur Welt gebracht? Wer von Euch beiden hat sie erzeugt? Wievielen werdet Ihr noch das Leben geben? Wer wird dieselben ernähren? Wie werdet Ihr Euch uns dankbar erweisen können für den Euch bereiteten freundlichen Empfang? Warum habt Ihr unsere Gebote übertreten, indem Ihr die verbotenen Früchte aßet? Warum habt Ihr dadurch den Zorn Gottes auf ein Volk herabgerufen, das Euch so gut behandelte?«

Sofort nachdem er zu reden aufgehört hatte, übergab ein Megamikre mir ein Blatt, worauf alle diese Fragen aufgezeichnet waren, die er während der Rede niedergeschrieben hatte. Dies erlaubte mir alle zu beantworten, ohne mich der Verlegenheit auszusetzen, alle diese Fragen im Gedächtnis behalten zu müssen. Derselbe Megamikre, der die Schnellschrift vollkommen beherrschte, schrieb auch meine Antwort nieder. Sie lautete:

»Als Feind der Lüge schwöre ich beim Gott, der mich erschaffen hat, dem Monarchen, in dessen Gegenwart ich mich hier befinde, nur wahrheitsgetreue Antworten zu geben. Wir sind zwei Sterbliche, von gleichen Vätern geboren, die auch so wie wir gebaut sind, und wir haben uns zu Unzertrennlichen gemacht. Wir kommen von der gewölbten Oberfläche derselben Welt, deren Höhlung ihr bewohnt. Dort sind wir geboren. Sie ist von der Eurigen im Durchschnitt zweihundertzwanzig Eurer Meilen entfernt. Wir kamen hierher, nicht aus eigenem Willen; denn niemand bei uns weiß, daß das Innere des Globus bewohnt ist, noch weniger, wie man hierher gelangen kann, obwohl alle wissen, daß das erste wie das zweite wohl möglich ist. Ein Unglücksfall brachte uns hierher. Wir fielen in eine Bleikiste, die in die Tiefen unseres Meeres sank. Auf dem Grund des Meeres öffnete sich die Erde und verschlang uns. Dann flogen wir durch einen neuen Luftraum, kamen in eine Flammenzone, darauf in eine gemäßigte Luftschicht, von wo wir in ein Schlammeer versanken, das nach und nach immer weniger dicht und schließlich ganz wässerig wurde. Dann schlug unsere Kiste auf einen festen Körper auf, brach durch und blieb auf dem Grunde eines roten Flusses liegen.

Die Megamikren, die uns emporzogen, können mit Recht sich rühmen, uns das Leben gerettet zu haben. Der uns hierher gesandt hat, kann nur Gott sein, der uns und Euch erschaffen hat; denn es ist nicht möglich, daß es mehrere Götter gibt.

An eine Rückkehr in unsere Welt können wir nicht denken, da wir den Weg nicht kennen. Sollte er Euch bekannt sein, dann laßt es uns wissen, und wir werden Euch zu ewigen Dank verpflichtet sein.

Allerdings können wir hier nicht für unsere Nahrung sorgen. Aber Gott der Allmächtige hat eingesehen, daß wir zum Leben keiner Milch bedürfen. Deshalb sagte er unserem ersten Vater, den er schuf, er gebe ihm die soeben erschaffene Erde, die alle ihm notwendigen Nahrungsmittel hervorbringen werde. Da uns somit die ganze Erde zur Verfügung stand, so konnten wir auf derselben nirgends Hunger leiden. Auch wir nähren uns dort wie Ihr von Körnern, Gemüsen, Gräsern und einer Unzahl köstlicher Früchte, die wir nicht zu verschonen brauchen, um sie Tieren als Nahrung zu lassen. Wir würden eine solche Rücksichtnahme als einen Mangel an Achtung vor Gott ansehen, da wir nur Gott allein zu verehren und zu achten haben. Auch würden wir dies als einen Eingriff in unsere unbestreitbaren Rechte ansehen, da wir in erster Reihe die Herren alles dessen sind, was die Erde hervorbringt. Die Erde betrachten wir als unsere Mutter, wie wir in Gott unseren Vater sehen. Die Erde hätte ohne ein Gebot Gottes niemals den Menschen hervorgebracht. Darüber befiehlt er uns die Erde zu beherrschen und zu unterwerfen, falls sie sich nicht folgsam erweisen sollte. Dies kann nichts anderes bedeuten, als daß wir unsere Nahrung von überall nehmen dürfen, woher es uns beliebt.

Zur Fortpflanzung unserer Gattung schuf Gott zwei Wesen, denen es ihm beliebte verschiedene Gestaltung zu geben, indem das eine, wie ich zum Zeugen, das andere, wie mein Unzertrennlicher, den sie hier sehen, zum Empfangen erschaffen wurde. Nur diesem Letzteren wurde das Vorrecht zuteil, in seinen Brüsten die zum Ernähren der Neugeborenen nötige Milch hervorzubringen, die diesen so lange gereicht wird, bis sie imstande sind, sich von dem zu ernähren, was die Muttererde in Fülle bietet.

Wir sind weit davon entfernt, von Euch eine Milch zu begehren, die wir Euch unglücklicherweise nicht ersetzen können. Wir können Euch für die Milch nur dankbar sein, denn ohne Eure Großmut hätten wir sterben müssen, in einer Welt, deren Gesetze uns verbieten, uns dessen zu bemächtigen, was uns bisher stets offen zur Verfügung stand. Wir hätten es uns nie im Leben träumen lassen, daß es eine Welt geben könnte, in der wir gezwungen wären, abscheuliche Tiere zu beneiden, deren Herren mehr für sie sorgen würden als für uns, trotzdem wir gleich diesen Menschen von Gott eine unsterbliche und vernünftige Seele erhalten haben. Es wird uns ewig unbegreiflich bleiben, daß es in Eurer Welt den Schlangen besser geht als unseresgleichen, trotzdem Ihr selbst diese Schlangen als Eure Feinde anseht und Eure göttliche Religion sie verflucht. Dies ist für uns ein unbegreiflicher Widerspruch.

Wir beten einen Gott in der Dreifaltigkeit an. Einen Gott, der immateriell, unerschaffen, unsterblich, allmächtig, wohltätig ist. Der alle Tugenden in sich schließt und der Schöpfer aller Gestalten, alles Sichtbaren und Unsichtbaren ist. Unser Kultus ist rein, wie er selber ihn uns anbefohlen hat. Unsere Religion ist in den Hauptpunkten der Moral der Euren gleich. In einigen Punkten müssen unsere Religionen selbstverständlich verschieden sein, da bisher niemals zwischen Euch und uns eine Verständigung stattfand. Diese könnte jetzt, mit Hilfe Gottes, der Quelle des Friedens, recht wohl zustandekommen.

Wir lieben Gott unseren Herrn und fürchten ihn nur infolge dieser Liebe. Denn wir sind der Meinung, daß es natürlich ist, den zu fürchten, den man liebt, dagegen aber widernatürlich den Gegenstand, der einem Furcht einstößt, nur deshalb zu lieben.

Vor zweiundsechzig Ernten kam ich zur Welt. Ich kann Euch aber nicht sagen, wie lange ich noch leben werde, da Gott uns diese Gewißheit vorenthalten hat. Kein Sterblicher bei uns weiß, wie lange er leben wird. Man kann in jedem Alter sterben. Ich vermag Euch hierüber nur soviel zu sagen, daß Menschen, die über vierhundert Ernten alt werden, sehr selten sind, und daß solche, die zweihundertachtzig Ernten alt werden, sich nicht beklagen können, zu kurze Zeit gelebt zu haben; denn in diesem Alter sind bei uns alle Menschen schon alt.

Wir hoffen nach einem im Diesseits zugebrachten Leben im Jenseits vor Gottes Angesicht ewig selig fortzubestehen. Wir wissen aber auch, daß wir zu ewigen Qualen ohne Aussicht auf Erbarmen verdammt sein werden, wenn wir durch unsere Laster solche Strafen verdient haben. Gute Werke werden belohnt, jedoch nur dann, wenn sie aus einem gläubigen Herzen heraus getan werden. Denn Gott verdammt alle jene, die sich auf ihre stolze Vernunft verlassen und den uns offenbarten erhabenen Mysterien nicht blindlings glauben.

Unser König ist ein Edelmann und so gestaltet wie ich, manchmal aber so wie mein Unzertrennlicher. Er ist Beherrscher eines schönen Reiches, das einen Teil unserer Welt ausmacht. Er regiert wie Sie, Sire, auf Grund des Erbrechtes, und wenn er ohne Nachkommen stirbt, ist das Volk berechtigt, sich einen anderen Herrscherkönig zu wählen, der den Schwur leisten muß, nach den bereits bestehenden Gesetzen zu regieren.

Die beiden Kinder, die wir in Alphapoli zurückließen, werden wahrscheinlich so groß wie wir werden, wenn sie unser Alter erreicht haben. Sie werden bis zu ihrer achtzigsten Ernte wachsen, wie dies auch mit uns hier der Fall war. Auch wir sind seit unserer Ankunft in Eurer Welt um drei Zoll gewachsen. Ich habe die Kinder in meiner Eigenschaft als Mann erzeugt und mein Unzertrennlicher hat sie als Weib in ihrem Leib zur Reife gebracht, indem sie sie drei Ernten lang in sich trug. Es ist sehr wahrscheinlich, daß mein Unzertrennlicher alle vier Ernten Kinder gebären wird, doch können wir dessen nicht sicher sein. Sicher ist uns nur, daß wir sterben werden, wenn unsere Stunde gekommen ist.

Bezüglich der Ernährung unserer Kinder muß ich gestehen, daß wir nur auf die Vorsehung Gottes vertrauen können. Derselbe Gott, der ihre Erzeugung zuließ, wird sie auch nicht Hungers sterben lassen.

Zur Vergeltung für die Schuld, mit der wir Euch verpflichtet sind, können wir Euch nur unser Leben und alle unsere Geistesfähigkeiten anbieten. Wir sind bereit, Euch alle unsere Kenntnisse mitzuteilen, die Euch im allgemeinen oder im besonderen auf dem Gebiete des Handelswesens, der Finanzen, des Rechtswesens, der Wissenschaften und Künste nützlich sein könnten, und wir werden uns glücklich schätzen, wenn es uns gelingen könnte, zum Ruhm des großmütigen Monarchen beizutragen, der uns jetzt anhört.

Hätten wir glauben können, daß wir durch den Genuß der geheiligten Früchte, die wir als unser Eigentum betrachteten, den göttlichen Zorn auf unsere Wohltäter herabbeschwören könnten, so hätten wir den Tod solchem Verbrechen vorgezogen. Wir geloben, ohne besondere Erlaubnis dies nicht wieder zu tun.

Ich erlaubte mir aber, darauf aufmerksam zu machen, daß diese Frucht eine uns besonders zusagende und unserer Natur am meisten entsprechende Ernährung bildet. Erweist mir die Gnade und stellt mich vor eine Versammlung Eurer weisesten Theologen, und ich verpflichte mich, Ihnen nachzuweisen, daß wir uns von dieser Frucht nähren dürfen, ohne dadurch Gott oder die Natur zu beleidigen. Ich werde Ihnen begreiflich machen, daß das Vorhandensein der Schlangen auf Erden der Gottheit ganz gleichgültig ist. Gott hat in der schönen, von ihm erschaffenen Welt auch Böses erschaffen, dessen Vertilgung er dem erfinderischen Sinn des mit Vernunft begabten Wesens anheimgab, dem er diese Erde schenkte. Berücksichtigt, daß die Schlangen nicht zu denken vermögen, nicht ihren Schöpfer kennen, ihn nicht anbeten, und daß sie nicht nur Euch und der Natur gänzlich unnütz sind, sondern auch, wie Ihr selbst zugabt, Eure ärgsten Feinde sind.«

Dies war, Mylords, meine ganze Verteidigungsrede. Ich schloß sie damit, daß ich mit meiner Baßstimme Elisabeth begleitete. Wir sangen ein schönes Duett vom Meister Harris, dessen Melodie dem königlichen Paar ganz besonders gefiel. Man erwies uns sofort die Höflichkeit, uns darauf mit einer Vokalmusik zu antworten. War das eine Musik, o Gott!

Dann forderte man uns auf, uns zurückzuziehen, und führte uns in ein etwas höhergelegenes Gemach, in welchem wir jede erdenkliche Bequemlichkeit fanden, und auch unsere armseligen, aber uns teueren Habseligkeiten wiederfanden.

Ein äußerst höflicher Megamikre, der uns dorthin führte, benachrichtigte uns, daß Seine Majestät hundert Ernährer zu unseren Diensten beordert hatte. Jene, die uns auf der Reise bedienten, habe er zurückgesandt und sie für den Dienst unserer beim Statthalter gebliebenen Kinder bestimmt. Er sagte uns auch, die Köche hatten Befehl erhalten, uns täglich fünf Musgerichte von der besten Güte aufzutischen, und die Küchenmeister würden uns mit wohlriechendem Pulver und mit den kostbarsten Kräutern und Blumen zu Einreibungen versorgen.

Wir hatten nicht sobald eine Entscheidung bezüglich meiner auf die gestellten Fragen gegebenen Antwort zu erwarten, da man sich wegen der darin enthaltenen wichtigen Religionsfragen sicherlich nach Heliopalu werde wenden müssen, um zu erfahren, wie der Große Genius darüber denke. Schließlich teilte uns unser Begleiter auch mit, daß uns bei Todesstrafe verboten sei, die geheiligten Früchte zu berühren.

Als wir allein waren, beglückwünschten wir uns zu unserer Schicksalswendung. Ich war mit meiner dem König gegebenen Antwort sehr zufrieden, da ich mich nicht der geringsten Lüge anzuklagen hatte. Da ich sonst nichts zu tun hatte, schrieb ich sie gleich nieder. Dann grübelten wir darüber nach, wodurch wir uns, wenn nicht unentbehrlich, so doch wenigstens nützlich machen könnten.

Unsere Milchgeber bedienten uns vortrefflich und die Speisen waren vorzüglich. Zehn von unseren Ernährern mußten alle zehn Tage fasten. Wir waren tatsächlich bettelarm, nur daß wir nicht zu betteln brauchten. Doch werden ja Bettler, die zu einem Hofe gehören, nicht mit diesem Namen belegt; ja sie vergessen sogar, daß er ihnen eigentlich zukommt. Ich brachte die Zeit mit schreiben zu und meine Frau machte sich eine Mandoline, die sie dann allerliebst spielte.

Sieben Monate waren verstrichen, wir hatten nie um die Erlaubnis gebeten ausgehen zu dürfen, und es nahte die Zeit der Niederkunft Elisabeths. Wir wurden nur traurig, wenn wir an unsere Kinder dachten, doch wußten wir sie ja in guten Händen.

Ich hatte dem Statthalter noch nicht geschrieben, denn ich hatte noch keine Gelegenheit gehabt, seinen Freunden die erhaltenen Empfehlungsbriefe zu übergeben. Dies hätte uns viele Besuche zugezogen und solche wünschten wir nicht. Ich urteilte, es sei besser, wenn man anfangs wenig von uns höre und spreche. Unsere Lage schien Gutes zu versprechen, doch wollten wir uns nicht zu früh freuen. Wir fürchteten die Neider und wußten, wie sehr man sich an einem Hofe vor Hinterlistigen in acht nehmen muß. Wir wollten die Niederkunft meiner Frau abwarten und gedachten uns erst nach derselben zu zeigen. Einstweilen unterhielten uns unsere sehr lustigen und witzigen Gescheckten aufs beste.

Eines Tages wurden wir durch einen Besuch angenehm überrascht, den wir nie erwartet hatten. Wir sahen in unseren Saal mit Sang und Tanz die beiden lieben edlen Megamikren eintreten, denen wir das Leben und die Freiheit verdankten, die als erste unsere Kiste im Flusse entdeckten und die uns später von der beim Abdala gegen uns erhobenen Anklage verständigten. Nach den freudigsten Begrüßungen sagten sie uns, der Statthalter sei nach unserer Abreise ihr vertrauter Freund geworden und habe sich in Gemeinschaft mit ihrer Familie bemüht, ihnen ein sehr einträgliches Amt am Hofe zu verschaffen. Sie seien vor einer Fünftagewoche angekommen und bereits eingerichtet. Diese Erzählung war rasch gemacht, doch erschien sie uns sehr lang, denn wir waren ungeduldig.

Als sie fertig waren, fragten wir sie, wie sich der Statthalter (diesen nannten wir aus Höflichkeit zuerst) und unsere Lieblinge befänden?

»Der Statthalter befindet sich ganz wohl und Eure Kinder noch wohler. Sie sind das Entzücken seiner ganzen Familie, man nennt sie die kleinen Riesen. Aber, meine Lieben, es fehlt viel daran, daß sie Riesen seien! Ich muß Ihnen da die unerfreuliche Tatsache mitteilen, daß sie nicht wachsen und immer noch beinahe ebenso groß sind, wie bei Eurer Abreise. Übrigens befinden sie sich vollkommen wohl, da sie hundert Milchgeber haben, die ihnen von der Großmut des Königs gehalten werden.«

Das schöne Paar war ein wenig betroffen, als es uns auf diese ernste Nachricht hin lachen sah. Aber es wurde ganz fröhlich, als es von uns hörte, daß die Natur an uns Riesenmenschen sehr langsam arbeite und daß unsere Kinder erst nach sechzig Ernten unsere Größe erreichen würden. Sie waren ja erst vier Ernten alt!

Das Megamikrenpaar erbot sich, unsere Briefe dem Statthalter zu senden, und auch für uns die von ihm erhaltenen den betreffenden Edelleuten zu übergeben. Doch baten wir, bis zur Niederkunft meiner Frau damit zu warten, deren Zustand nicht mehr erlaubte, die bei den Megamikren übliche Begrüßungsart auszuführen. Sie sagten uns auch, daß unsere bescheidene Zurückgezogenheit uns am Hof das Lob aller Weisen eingebracht habe, auch das des Königs, dem wir sehr wohl gefallen hatten. Meine Antwort auf die mir gestellten Fragen sei in den Händen der ganzen Gesellschaft, man lese, studiere, kommentiere sie und sie habe auch dem Statthalter ganz besonders gefallen. Dieser wisse, trotzdem er ganz ohne Nachricht von uns selbst sei, doch von allem genau Bescheid.

Sie teilten uns auch mit, daß der Bischof auf Befehl des Königs meine Antwort nach Heliopalu gesandt habe und daß man ein entscheidendes Orakel von dort erwarte, um bezüglich unserer Niederlassung entsprechende Maßregeln zu treffen. Man verspreche sich für den Fortschritt des Königreiches und für das allgemeine Wohl viel Gutes von unseren erläuternden und lichtbringenden Ansichten. Die Ankunft zweier Menschen wie wir müßte epochemachend sein; ein solches Ereignis müsse die Regierungszeit des Monarchen rühmlich auszeichnen, dessen Staat von der Sonne zum Schauplatz dieses Ereignisses auserwählt worden sei.

Die Niederlassung dieses Paares am königlichen Hof erfreute uns sehr. Sie schien von der besten Vorbedeutung für uns zu sein und flößte uns Mut und vertrauensvolle Hoffnung ins Herz. Wir waren sicher, daß der Statthalter dem Paar die Anstellung zu dem Zweck verschafft hatte, um uns dort Freunde zu sichern. Wir fühlten uns fortan nicht mehr so einsam wie zuvor.

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