Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Giacomo Casanova >

Eduard und Elisabeth bei den Megamikren

Giacomo Casanova: Eduard und Elisabeth bei den Megamikren - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorGiacomo Casanova
titleEduard und Elisabeth bei den Megamikren
publisherBenjamin Harz Verlag
printrun1. - 5. Tausend
translatorHeinrich Conrad
year1923
firstpub1923
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectidb346cf11
created20061112
Schließen

Navigation:

Eduard wollte nunmehr in seinem historischen Bericht fortfahren, als Mylady ihm mit einer Frage zuvor kam. Sie sagte: »Ich stelle mir vor, meine liebe Elisabeth, wie schwer es Ihnen sein mußte, die Sprache der Megamikren zu erlernen, da ja Ihre Lehrer nicht Englisch verstanden.« »Gewiß, Mylady,« antwortete Elisabeth. »Darum haben auch erst unsere Kinder sie uns vollkommen beigebracht, übrigens ist sie an sich sehr schwer. Sie bedingt ein sehr feines Gehör und eine ganz erstaunliche Übung, um alle ihre Sätze zu verstehen, die aus Wörtern zusammengestellt werden, die voneinander mehr durch den Klang als durch den Unterschied in den Vokalen erkennbar sind; deshalb muß man die Megamikren, wenn sie sprechen, aufmerksam ansehen, da die Bedeutung eines Ausdrucks auch von Gesten, vom Augenspiel und von der ganzen Physiognomie des Sprechenden abhängt. Wir erlernten sie schließlich, doch vermochten es auch unsere Kinder nicht, sie vollkommen zu beherrschen, da hierzu eine Nachtigallkehle und auch die zierliche Gestalt der Megamikren erforderlich sind, um alles mit der ihnen eigenen Grazie wiedergeben zu können. Diese Grazie in den Bewegungen ist sehr schwer wiederzugeben; kein Lehrer kann sie beibringen und sie fällt kleinen Wesen viel leichter als großen; denn an einem großen bemerkt man sofort einen noch so geringen Fehler, der bei einem kleinen Wesen überhaupt nicht zum Vorschein kommt.

Die zweite Sprache der Megamikren wird von ihnen die stumme genannt: sie bedienen sich ihrer im Wasser. Diese Sprache ist in ihrer Art ganz vollkommen, da sie alles zu sagen vermag und nur Sehkraft erfordert. Wir lernten sie alle zu unserem Vergnügen und recht leicht, obwohl die Megamikren der Ansicht sind, daß sie schwerer sei als die der Kehle, während wir das Gegenteil behaupteten; sie fanden sie schwerer, weil sie weniger reichhaltig ist, und gerade darum kam sie uns leichter vor. So hatten alle beide recht.«

Nach dieser Erklärung fuhr Eduard in seiner Erzählung fort:

Die einzigen wahren Freunde, die wir dort hatten, waren unsere Wirte; unter dem Adel hatten wir einige, die uns sehr höflich und lieb entgegenkamen, auf die wir jedoch nicht rechnen konnten. Wir wußten nicht, daß wir in allem vom großen Helion, dem König von Heliopalu abhingen, dessen Entscheidung binnen vier Ernten ankommen sollte. Wir brachten unsere Zeit sehr angenehm zu. Von jeden zwölf Stunden hatten wir fast vier Stunden für uns allein, nämlich jene Stunden, die alle Megamikren dem Alleinsein mit ihrem Unzertrennlichen widmen. Es ist die Zeit der Ruhe, die ihnen den Schlaf ersetzt; die dauert sechs ihrer Stunden, die je sechsunddreißig Minuten unserer Zeitrechnung entsprechen. Wenn diese Ruhezeit abgelaufen ist, beginnt der neue Tag. Zwanzig Schläge, die die öffentlichen Ausrufer erschallen lassen, zeigen den Schluß des Tages und den Beginn des neuen an. Die Megamikren erscheinen nach ihrer Ruhezeit noch netter und geschäftiger, nachdem sie eine Stunde damit zugebracht haben, zu baden, sich zu kämmen, sich mit Wohlgerüchen einzureiben und ihre Gebete zu Gott zu verrichten. Wir folgten ihrem Beispiel, da wir aber nicht schlafen konnten, so beschäftigten wir uns anderweitig, wir studierten die Sprache und verfertigten Musikinstrumente, die wegen ihrer Eigenart viel Beifall fanden und für die man uns kostbare Kräuter gab. Unsere Gesundheit war ausgezeichnet. Wir konnten es nicht fassen, wie es kam, daß wir in dieser Menge von Menschen keine Greise außer den Alfakinen und weder Frauen noch Kinder sahen. Wie konnten wir ahnen, daß man dort nicht altert, daß es nur ein Geschlecht gibt, obwohl eine Art Ehe dort vorhanden ist, und daß die der Fortpflanzung vorangehende Schwangerschaft unsichtbar ist?

In Zeit von einem Monat lernten wir lesen und abschreiben; nach und nach lernten wir die Benennungen der unter unseren Augen sich vorfindenden Gegenstände auswendig, sowie andere, deren Abbildungen man uns zeigte. Daneben schrieben wir die englischen Wörter und lernten auf diese Weise alle Zeitwörter für die verschiedenen Handlungen, die wir durch Gebärden wiedergeben konnten. Der Sinn ihrer Reden ließ uns die Hilfszeitwörter erraten, ebenso die Namen der Sinne, der Tugenden, Laster, Leidenschaften, ihre Art des Deklinierens und Konjugierens, die Redewendungen ihrer Komplimente, ihre Art Lob, Verweis, Tadel, Bewunderung. Durch Hände, Arme, Augen oder Mienen wurden die entsprechenden Worte begleitet. Dabei mußten wir sehr aufmerksam auf ihre Pausen achten; denn diese gaben erst den richtigen Sinn.

Wir waren ganz glücklich, als es uns endlich zu verstehen gelang, daß sie keine besonderen Artikel haben, um das männliche, weibliche oder sächliche Geschlecht zu bezeichnen, und daß es weder verschiedene Namen für dieselbe Sache gab, noch Wörter, die eine doppelte Bedeutung hatten. Ihre Sprache besteht aus 29470 Wörtern. In einem Jahr erlernten wir die Bedeutung von beinahe zwanzigtausend Wörtern und konnten schon ziemlich gut schwatzen, doch begriffen wir erst nach vier Jahren die volle Bedeutung der zehntausend anderen Wörter. Wer zuerst spricht, gibt dem Gespräch und den Stimmen der ganzen Gesellschaft den Ton an und gibt dadurch schon einer ganzen Zahl von Wörtern die entsprechende Bedeutung. In einer Versammlung ist es deshalb nicht gestattet, in einem anderen Ton zu antworten; wer dies tut, will entweder beleidigen oder belustigen. Der Beleidiger wird daraufhin aus der Gesellschaft ausgeschlossen, der Lustigmacher dagegen erhält Beifall. Den Ton anzugeben, kommt dem Herrn des Hauses zu, es sei denn, daß er diese Ehre einem besonders geschätzten Gast abtreten will; die Beobachtung dieser Höflichkeitsregel ist oft Ursache, daß während der ersten Viertelstunde ein allgemeines Schweigen beobachtet wird, das dann gewöhnlich von irgendeinem besonders reizenden Unzertrennlichen durch herzliches Lachen gebrochen wird, worauf die höchstgestellte Persönlichkeit zu ihm geht und ihm unter vielen Liebkosungen und freundlichen Worten umarmt. Bei Hof kann nur der König den Ton angeben, und da kommt es oft vor, daß, wenn Seine Majestät beschäftigt ist und später erscheint, der halbe Tag vergeht, ohne daß jemand was anderes als die stumme Sprache spricht. Erscheint aber der König auch zu Mittag nicht, dann sendet er seinen königlichen Unzertrennlichen, der nur in diesem Fall allein kommend, den Ton angibt und dann eine reizende Euphonie trällernd davongeht. Neuerdings wird der Ton bei Hofe durch eine Orgelpfeife angegeben.

Die innere Welt umfaßt 80 viereckige gleich große Königreiche, 10 Republiken, die ebenso groß sind wie die Königreiche, und 216 Lehensstaaten von verschiedener Größe, die zu den Königreichen oder Republiken gehören. Diese Lehensstaaten sind alle dreieckig und die größten unter ihnen übersteigen niemals ein Drittel eines Königreiches. Die 80 Monarchen sind nicht alle gleich reich und zwar deshalb nicht, weil der Reichtum der einen in wertvollen Grubenwerken besteht, aus denen man den Phosphorstoff, Metalle, Minerale und Edelsteine gewinnt; der Reichtum anderer auf den verschiedenen Gewerben beruht, die ihre Untertanen betreiben; der Reichtum wieder anderer auf den Einrichtungen, von denen das Gedeihen des Handels abhängt. Ganz gleich sind dort überall sämtliche Maße für Bodenflächen, Bauten, Stoffe, Waren und für die Zwecke der Wissenschaft. Auch der Wert des Geldes ist überall gleich, die Sprache überall dieselbe, desgleichen die Religion, die nur ein Oberhaupt hat, das einem jeden gestattet, über die Natur Gottes, über die Seele und über die Materie beliebige Ansichten zu haben, nur muß ein jeder die Gesetze und die angeführten Kultusgebote befolgen, oder wenigstens keine neuen einführen wollen.

Die ganze Welt der Megamikren hat ein und dasselbe Hauptgesetzbuch; nur die Gemeindevorschriften wechseln je nach dem Staate. Es gibt ein allgemeines Volksrecht, das sich vom Naturrecht nur durch seinen Namen unterscheidet, und ein Strafrecht, das für jeden Staat in bezug auf die Strafen verschieden ist; der Begriff des Verbrechens aber ist überall gleich. Der Herrscher sorgt für die Handhabung aller Gesetze und ernennt die Beamten; er hat das Recht, Verurteilte zu begnadigen, ist aber verpflichtet, für sie zu zahlen, falls sie rückfällig werden; er hat auch das Recht, Strafen zu mildern, doch niemals, sie zu verschärfen. Er ist der oberste Richter, er kann neue Gesetze einführen und alte abschaffen, doch muß die Neueinführung wie die Abschaffung die Zustimmung der »Fünfhundert« erhalten, die sich alle zwölf Jahre versammeln. Diese Fünfhundert sind die Vertreter und Abgesandten der fünfhundert seinem Königreich angehörenden Städte, sie wohnen ständig in der Hauptstadt.

An den König wird selten Berufung eingelegt; denn wenn diese abgewiesen wird, muß der Appellant nicht nur alle Kosten des Prozesses tragen, sondern außerdem noch zugunsten der Armen zahlen, was so hoch ist, wie die Summe, die man von ihm oder die er von seinem Gegner verlangte. Die Gerichtshöfe der zweiten Instanz bestehen immer aus drei, fünf oder sieben Paaren von Megamikren, da die abgegebene Stimmenzahl ungleich sein muß. Der Unzertrennliche eines Richters muß genau so wie dieser abstimmen, der seinen Spruch schriftlich abgibt, nachdem er drei Anwälte angehört hat, von denen der erste und der letzte für den Berufung Einlegenden sprechen. Die Rede des Letzten wird aufmerksam überwacht; wenn er Tatsachen anführt, die der erste nicht begründet hat, so verliert er sein Amt. Nach den Reden der Advokaten findet die Abstimmung statt, und die Mehrheit der Stimmen entscheidet. Die Richter geben ihr Urteil schriftlich ab, ohne daß ihnen Zeit gelassen wird, sich untereinander zu verständigen. In der ersten Instanz entscheidet nur und unterzeichnet ein Richter, selbstverständlich mit seinem Begleiter.

Die Beredsamkeit steht bei den Megamikren in ganz besonders hohem Ansehen. Sie besteht in einer Zusammenstellung von harmonischen knappen und klaren Sätzen; in Andeutungen und Pausen; in Gesten, in freundlichem Gesichtsausdruck, in einer ungemeinen und sehr schwer lernbaren Geschicklichkeit, alle Satzbildungen zu vermeiden, die an regelrechte Musik erinnern. Solche Sätze gelten für den größten Fehler der Redekunst; denn nach der Meinung der Megamikren soll ein Redner sprechen, nicht singen; von einem, der singend spricht, nehmen sie an, daß er weder singen noch sprechen kann. Unsere Engländer, denen eine Prosa gefällt, worin von Zeit zu Zeit Halbverse vorkommen, haben einen sehr schlechten Geschmack; die Redner, die aus Gefallsucht solche Kunstgriffe anwenden, sind wie Frauen, die sich schminken und die aus Verzweiflung den Entschluß gefaßt haben, nur solchen zu gefallen, denen Ausschweifungen die Sinne abgestumpft haben.

Ihre Gleichförmigkeit macht die Megamikren doch nicht monoton; ein deutlich bemerkbarer Unterschied ihrer Kehlen macht ihre Konzerte sehr anziehend und unterscheidet sogar die Musiker von den Rednern. Sie erkennen sich auch untereinander am Klang ihrer Stimmen, doch man muß dazu ein so feines Gehörorgan haben, wie sie es besitzen.

Man kann bestimmt sagen, daß dort die Kunst der Musik ihren höchsten Grad erreicht hat; da sie dort alle von Geburt an Musiker find, so können Sie sich vorstellen, Mylords, zu welcher Kunst es jene bringen müssen, die sich diesem Studium besonders widmen. Die Sprache der Megamikren spricht zum Ohr wie die unsere, infolgedessen bekundet sich auch ihre Seele durch die Töne, die zu ihr gedrungen sind. Aber der Kanal, der die göttliche Harmonie ihrer Musik der Seele zuführt, ist außer dem Gehör die ganze Haut, die ihren Leib bedeckt und zwar in solchem Grade, daß Megamikren in Staatsmänteln und Ehrenkleidern diese abwerfen, um der vollkommenen Schönheit der Musik ohne Einschränkung genießen zu können und um ihr alle Wege zu der entzückten Seele zu bahnen; denn es gibt vieles, was nur die Musik ihr sagen kann, von deren sinnlicher Wirkung wir uns nur einen recht abstrakten Begriff machen können. Ein Megamikre kann einem anderen nicht ausdrücken, was seine Seele empfunden hat, denn so etwas mag niemand in Worten auszusprechen. In eine süße Verzückung versunken vergißt er, daß er nur ein Sterblicher ist und aus dieser Ekstase erwacht, muß er zugeben, daß sein innerer Genuß nur ein rein geistiger, von der Materie ganz unabhängiger gewesen sein kann. Musikverständnis ist den Megamikren ein Beweis für das wirkliche Dasein der Seele.

Bemerkenswert ist, daß die Musik jener Welt ohne alle Worte ist. Musik mit Worten ist stets schlecht, denn sie macht nicht mehr den richtigen Eindruck auf die Seele, vermag nicht mehr den Gedanken des Komponisten auszudrücken; und dieser wird ausgepfiffen. Worte mit Musik zu verbinden gilt als ein noch größeres Vergehen, als wenn eine Rede an Musik anklingt. Die großen Tonkünstler, die dort die echten Dichter sind, lachten aus vollem Herzen, als ich ihnen sagte, daß unsere Sänger Lieder singen, zu denen ein Musiker die Töne als Begleitung erfunden hat; sie sahen dies als eine ganz groteske Mischung an, und fragten mich, was wir damit bezweckten, ob wir den Leib die Freuden der Seele mitempfinden lassen wollten, ob die Seele die Freuden des Leibes oder ob wir alle beide foppen wollten? Dies erschien ihnen als ein dummer Spaß, wie wenn etwa ein Megamikre die Milch seines Unzertrennlichen mit seinem Mus mischen würde, um gleichzeitig essen und trinken zu können. Sie frugen mich, ob nach unserer Meinung die Worte zur Schönheit der Musik beitrügen, oder umgekehrt? Ich antwortete ihnen: »Wenn die Musik schön ist, achtet man nicht auf die Worte, aber die herrlichsten Worte können nicht verhindern, daß eine Musik ausgepfiffen wird wenn sie schlecht ist.« Dies milderte das Mitleid, das sie für uns empfanden; sie meinten, diese Ansicht sei immerhin leidlich vernünftig.

Dieser glückliche Instinkt, ihr Sinn für Harmonie, macht es ihnen unbegreiflich, daß Zwietracht und Kriege in unserer Welt viel natürlicher sein können als Eintracht und Frieden. Sie begreifen wohl, daß ein Volk sich erhebt, um sich für Beschimpfung und Beleidigung durch ein anderes Volk zu rächen, oder um Vergeltung zu verlangen, und daß es zwischen den beiden Nationen zum Kriege kommen kann, wenn der Gegner nicht nachgeben will. Aber sie verstehen es nicht, wie eine Menschenmenge gegen eine andere aufmarschieren kann, wie sie sich gegenseitig mit der größten Kaltblütigkeit überfallen können, ohne durch Haß oder Zorn dazu getrieben zu sein, ja sogar ohne zu wissen aus welchem Grund ihr Herr sie zur Schlachtbank schickt, und wie Leute, die sich auf des Herrschers Befehl niedermetzeln lassen, sogar noch stolz darauf sein können und den Tod auf dem Schlachtfeld für den schönsten halten.

Ich versuchte ihnen begreiflich zu machen, daß bei uns ein Monarch das Recht hat, seine Untertanen auch gegen ihren Willen in den Krieg zu schicken, doch konnten sie nicht verstehen, wie er so grausam sein könnte, von diesem Recht Gebrauch zu machen; noch weniger, laß sogenannte Staatsgründe dafür maßgebend sein könnten, da doch die Bevölkerung die Grundlage jedes Staates bilde. Wie könne man also gerade diese Bevölkerung zur Schlachtbank schicken? Ein König – sagen sie – muß seine Untertanen als Kinder ansehen und ein Vater sendet doch seine Kinder nicht in den Tod; wenn er dies doch tut, können sie ihn nicht mehr als ihren Vater ansehen.

Ich setzte ihnen dann auseinander, was Sklaverei ist, doch sie lachten mich nur aus und sagten, dies könne nur ein Hirngespinst sein. Um Sklave zu sein müsse ein Mensch überzeugt sein, daß er es sei. Es sei aber doch unmöglich, daß er auch nur einen Augenblick glauben könne, nicht sein eigener Herr zu sein; denn er müsse ja überzeugt sein, daß nur Gott allein ihm die Möglichkeit des Selbstmordes nehmen könne. Sie sagten ferner, daß kein Mensch einen anderen besitzen könne; dies sei physisch unmöglich, genau so, wie es unmöglich sei, in einen festen Globus einen anderen gleichgroßen und gleichbeschaffenen hineinzubringen.

Die Gewißheit, die die Megamikren haben, daß sie nach einhundertzweiundneunzig Jahren, gleich achtundvierzig von unseren Jahren, sterben werden, könnte bei uns von diesem oder jenem als ein Unglück betrachtet werden. Ich verstehe aber nicht, wie man die Ungewißheit in der wir leben, als ein Glück ansehen kann, da wir doch sicher wissen, daß wir sterben müssen. Ja, man geht bei uns in dieser merkwürdigen Ansicht so weit, Menschen als weniger beklagenswert anzusehen, die nach langen Leiden ihr Leben enden, als solche, die eines plötzlichen Todes sterben. Man behauptet eine langwierige Krankheit erlaube einem seine Geschäfte und Privatangelegenheiten zu ordnen; ich gebe dies zu, man müßte aber doch auch zugeben, daß der Megamikre glücklich ist, weil ihn der Tod niemals überraschen kann; er vermag also, wenn sein Leben zur Neige geht, seine Angelegenheiten in vollkommener Ruhe zu ordnen. Wie kann ein klardenkender Kopf die Ungewißheit der Todesstunde als ein Glück bezeichnen und gleichzeitig den plötzlichen Tod für etwas Furchtbares halten? Die Megamikren brauchen nicht erst aus Furcht vor dem Tode ihre Angelegenheiten zu ordnen, und wir, die ihn jeden Augenblick befürchten müssen, setzen unsere Hoffnungen auf eine Krankheit. Warum sind wir dann nicht stets auf den Tod vorbereitet? Was hindert uns denn, uns stets für Kranke zu halten, wenn wir tatsächlich erst krank werden müssen, um uns die Tatsache zu vergegenwärtigen, daß wir sterblich sind? Wir haben uns selber in den unglücklichen Zustand versetzt, die Ungewißheit als einen Trost anzusehen und merken den Mangel an Logik in unserer Lebensart nicht: nämlich daß keiner von uns den Mut hat, sich bei gutem Wohlbefinden auf den Tod vorzubereiten. Unsere Feigheit geht so weit, daß wir uns freuen, der Stunde unseres Todes nicht gewiß zu sein, obgleich wir wissen, daß wir sterben müssen, während richtiges Denken zu dem Schluß führen muß, daß ein Unglück nur halb so groß ist, wenn es einem nicht unerwartet trifft.

Die ihrer Todesstunde sicheren Megamikren danken Gott dafür, daß er ihnen den Zeitpunkt ihrer Auflösung nicht verheimlicht hat. Jemanden der diese Gewißheit nicht anerkennen wollte, würde man für einen Schwachkopf ansehen.

Der Megamikre verbringt die ersten zwölf Jahre seines Lebens, die drei von unseren Jahren gleich sind, in einer Art Käfig, worin es ihm an nichts mangelt und worin er mit seinem Unzertrennlichen auferzogen wird und mit diesem plaudernd die Zeit verbringt. Eine Wand aus Metallstäben trennt sie voneinander oder sie werden in zwei einzelnen, nebeneinandergestellten Käfigen untergebracht. Diese beiden Wesen, sagen die Megamikren, sind durch ein Naturgesetz zu untrennbarer Gemeinschaft bestimmt. Sie verlassen diese Käfige nur, um noch enger sich miteinander zu verbinden, um womöglich eine Seele in zwei Körpern zu werden und um in der Außenwelt noch einhundertachtzig Jahre zusammen in Freiheit zu leben, von jeglicher Krankheit fern. Sechs Ernten vor ihrem Tode ziehen sie sich vor der Welt zurück und gelangen langsam ans Lebensende; in ihrer Todesstunde saugen sie ihre letzte Milch.


Der selbstverständliche Wunsch, zu erfahren, wie viele Tage, Monate und Jahre wir in jener Welt verlebten, wo es nur einen ununterbrochenen Tag gibt, veranlaßte uns, schon gleich nach unserer Ankunft unsere Zeitberechnung mit der der Megamikren zu vergleichen. Hätten wir keine Uhr gehabt, so wäre uns das als ein Unglück erschienen; denn es liegt in unserer Natur, die Zeit zu berechnen; die Zeit ist der Tummelplatz der Phantasie, wie die ganze Erde der Tummelplatz unserer Körper ist, und da wir diese Neigung besitzen, so müssen wir annehmen, daß sie notwendig ist. Zum Glück besaßen wir zwei gute Uhren.

Anfangs hielt ich mich bei meinen Berechnungen an die Einteilung in vierundzwanzig Stunden, bis ich erfuhr, daß dort eine andere gebräuchlich ist. Die Bewohner jener Welt sind von Natur viel genauer und sicherer in ihren Berechnungen als wir; ihre Zeiteinteilung hält sich an Wirkliches, und ist nicht gegen die Vernunft, wie augenscheinlich die unsrige, da wir das Jahr mit dem ersten Januar anfangen lassen, obwohl weder der Mond, noch die Sonne, noch die Religion uns einen triftigen Grund geben, das Jahr gerade mit diesem Tag zu beginnen.

Das Jahr der Megamikren beginnt an dem Tage, an dem sie ihr Korn und ihren Hanf säen und endet mit dem Tag der Ernte. Die Zahl dieser Tage beläuft sich auf einhundertachtzig, da die Länge ihrer Tage genau die Hälfte der unseren beträgt. Ihr Jahr ist in vier Zeitabschnitte geteilt, die sie als Brände des grünen Holzes bezeichnen, und deren jeder fünfundvierzig Tage einschließt; wir betrachteten diese Zeitabschnitte als unseren vier Jahreszeiten entsprechend. Ein Brand des grünen Holzes besteht aus neun Unterabschnitten, die sie Auferstehungen nennen, und deren jede fünf ihrer Tage zu zwanzig Stunden umfaßt. Eine Stunde hat sechsunddreißig Minuten und die Sekunde ist genau gleich dem Pulsschlag ihres Blutumlaufs, so daß ihre Sekundenuhren gleichzeitig als Pulsmesser dienen.

Der Brand des grünen Holzes, der ihnen zur Monatsbezeichnung dient, bezieht sich auf einen grünen Strauch, der blatt- und astlos ist und daher wie ein Baumstumpf aussieht; er ist grün. Er entsprießt der Erde am ersten Tag des Jahres und verbrennt, nachdem er in Zeit von neun Auferstehungen des schwarzen Wurmes bis zur Größe eines Megamikren emporgewachsen ist, nach einem zweistündigen allgemeinen Regen, der ihn in Brand setzt. Nachdem seine Asche erkaltet ist, wächst er an der gleichen Stelle aus derselben Wurzel wieder heraus, um nach neun Auferstehungen wieder zu verbrennen, und so geht es immer fort. Es regnet in jener Welt viermal im Jahr, doch hat dieser Regen nicht den Zweck die Erde zu tränken, sondern er dient dazu, die Luft zu erfrischen. Und dies geschieht auf folgende Weise:

Drei Stunden vor Schluß des Monats erhebt sich ein schwacher Wind, der binnen einer Stunde immer stärker wird und sodann aufhört! Kaum hat er sich gelegt, so sieht man aus dem Erdboden, an allen nicht bebauten Stellen einen Nebel aufsteigen, der schließlich so dicht wird, daß die Sonne nicht mehr zu sehen ist. Hierauf entsteigt der Erde ein lauer roter Regen, der wie die Wasserstrahlen künstlicher Springbrunnen aussieht; dieser Regen dauert sieben Viertelstunden und steigt immer höher empor, um plötzlich aufzuhören, ohne daß die Wasserstrahlen auf die Erde zurückfallen. Die Luft wird immer klarer, die Sonne zeigt sich wieder und nach zehn Minuten ist die Erde wieder so trocken wie vor dem Regen.

Der Regen steigt sowohl von der Oberfläche der Flüsse, wie aus den Straßen hervor, aus denen man deshalb die Teppiche vorher wegräumt. Wenn der Regen zu erwarten ist, ziehen alle Megamikren ins Freie hinaus, um ihn mit Freuden zu empfangen, und sich von ihm benetzen zu lassen. Sie genießen voller Freude und mit ausgelassener Fröhlichkeit sowohl dies entzückende Bad, wie den schönen Anblick für ihre Augen. Die Theologen der Megamikren lehren über diesen Regen, daß er der Tribut sei, den die Erde ihrem Schöpfer, der Sonne, zolle, indem sie ihm ihr Wasser zu trinken gebe. Deshalb meinen sie, die Söhne Gottes dürfen kein Wasser trinken, da dies der einzige Trunk der Sonne sei. Hieran ist auch nicht zu zweifeln, da das Wasser von der Sonne aufgesogen wird und nicht zurückfällt. Besonders fromme Leute bewohnen kleine Häuser ohne Ziegelböden, bedecken nur die Erde mit Teppichen und räumen diese weg bevor der Regen kommt, damit die Erde nicht behindert sei, ihrem Schöpfer zu huldigen.

Die Bezeichnung eines Zeitraumes von fünf Tagen als Auferstehung der schwarzen Raupe rührt von einer schwarzen Raupe, die man auf den Feldern findet. Dieses Insekt wird nach dem Ausschlüpfen aus dem Ei zur Raupe, und zwar zur Zeit, in der das grüne Holz sich entzündet. Binnen zwölf von unseren Stunden wird die Raupe zum Schmetterling; der Schmetterling stirbt nach zwölf Stunden; wiederum binnen zwölf Stunden zerfällt die Leiche zu Staub; nach Verlauf von weiteren zwölf Stunden bildet sich aus diesem Staub ein Ei, aus dem zur Stunde des Brandes die Raupe herauskriecht; und so weiter ins Unendliche. Daher benennen die Megamikren nach diesen Metamorphosen die Tage und zwar entsprechen diese Namen den betreffenden Phasen. So wird der erste Tag, der der Auferstehung, Raupe genannt, der zweite Schmetterling, der dritte Leiche, der vierte Staub, der fünfte Ei. Sind sie nun wohl zu bedauern, weil nicht sie unseren herrlichen Planeten haben, um ihre Tage und Stunden zu bezeichnen, wie wir die unsrigen, die von den Planeten gelenkt werden? Eigene Erfindung der Megamikren ist die Einteilung ihres Tages in zwanzig Stunden. Diese Einteilung trägt durch sachverständige Stundeneinhaltung zu ihrer Bequemlichkeit und Ordnung bei. Der Tag beginnt mit dem Schlage der zwanzigsten Stunde. Bis zur elften Stunde gehen sie ihren Geschäften nach, bis zur vierzehnten essen sie und spazieren; dann ruhen sie bis zur zwanzigsten Stunde aus. Der Schmetterlingstag und der Staubtag sind für sie traurige Tage; nur an diesen verbrennen und begraben sie ihre Toten. Am Tag des Eis werden die jungen Megamikrenpaare aus den Käfigen entlassen; folglich ist es ihr Hochzeitstag. Vornehme Herrn halten sich jedoch an diese kleinen Regeln nicht so genau und teilen ihre Ruhestunden nach ihren Launen ein.

Der letzte und der erste Tag des Jahres sind, wie ich Ihnen bereits sagte, die einzigen zwei Festtage der Megamikren, am dritten Tage gehen sie in den Tempel. Am ersten Festtag wird geerntet, am zweiten wird in die seit einem Jahr brachliegende Erde die Saat gesenkt. Es gibt niemanden, der es wagen würde, sich von diesen Festtagen auszuschließen. Die Feier dieser Tage besteht eben im Ernten und im Säen. Die mächtigsten hohen Herrn, ja sogar die Könige, ernten und säen an abgelegenen Orten, wo sie von niemandem gesehen werden. Man darf ein ganzes Jahr hindurch sich jeder Arbeit enthalten, aber diese beiden Festtage müssen der Arbeit gewidmet werden. Dies geschieht zu Ehren Gottes. Die Megamikren sind nämlich der Ansicht, daß die wirkliche Ruhe Gottes in ewiger Arbeit, die Arbeit Gottes in ununterbrochener Ruhe besteht. Ich machte den Einwand, daß dies doch ein und dasselbe sei, sie verneinten es und behaupteten, es seien zwei Ideen, nicht eine. Sie zeichnen sich durch ein ungemeines, bei uns sehr seltenes Unterscheidungsvermögen aus.

Am zweiten Tag des Jahres gehen sie in den Tempel um der Sonne zu huldigen. Der Schluß und Beginn des Tages wird in der ganzen Stadt durch geistliche Diener mit Trompetenschall verkündet. Ich führte an dessen Stelle Glockengeläute ein, wie Sie später ausführlich hören werden. Die Oberaufsicht über die Zeiteinteilung ist ein Vorrecht des geistlichen Oberhauptes, das diesem von den Königen niemals streitig gemacht worden ist.

Wer in jener Welt vierzig Maß Korn sät, kann sicher sein, am Ende des Jahres tausend Maß zu ernten. Die Zeit- und Jahreseinteilung ist bei ihnen sehr bestimmt und nichts ist genauer als ihre Chronologie. Wie würden die Megamikren sich über uns lustig machen, wenn sie herkommen könnten! Was würden sie sagen, wenn sie sähen, daß wir in nichts übereinstimmen, daß wir verschiedene Stunden, verschiedene Monate haben, daß sich die Zahl unserer chronologischen Systeme auf mehr als über sechzig beläuft. Was nützt uns die Wissenschaft der Astronomie, auf die wir so stolz sind? Sind wir glücklicher als die Megamikren weil wir Sonnen- und Mondfinsternisse vorauszusagen verstehen? Sind die Megamikren als bedauernswerte Wesen anzusehen, weil zwischen ihnen und ihrer Sonne keine Himmelskörper sich befinden? Sie haben dadurch die Möglichkeit, ihre Zeit viel besser anzuwenden.

In der Rechnung, die ich über die dort verbrachte Zeit führte, habe ich der Bequemlichkeit halber wissentlich einen Irrtum begangen. Ich nahm mit Fleiß unser Sonnenjahr mit dreihundertsechzig Tagen an. Als ich vor kurzem in Venedig war, und gerade nichts Besseres zu tun hatte, rechnete ich nach, wie groß der durch meine falsche Berechnung entstandene Unterschied wäre. Ich fand, daß es vierzehn Monate waren, während ich nur eine Differenz von elf Monaten angenommen hatte. Der Unterschied betrug einige Minuten täglich; ihn dort auszurechnen war nicht möglich, da wir weder sicher waren, daß unsere Uhren unbedingt richtig gingen, noch daß die Megamikren ihre zwanzig Stunden genau berechnet hatten.

Nach Ablauf von siebenundachtzig Erdentagen seit jenem, an dem wir bei unserem lieben Gastgeber erwachten, wurden die Festtage der Megamikren gefeiert; nachdem wir ihre Sprache erlernt hatten, zogen wir den Schluß, daß wir gerade am Tage vor den Festen aus dem Fluß herausgeholt worden waren und daß man während unseres langen Schlafes diese Festtage gefeiert hatte. Wir enthielten uns auch diesmal, daran teilzunehmen.

Nach und nach begannen wir, uns in der Sprache der Megamikren verständlich zu machen, man hörte uns aufmerksam zu, doch verstanden wir sie stets besser, als wir selbst zu sprechen vermochten. Eines Tages fragte der Unzertrennliche des Statthalters Elisabeth, ob mir Kinder haben könnten; sie stellte sich, als ob sie seine Frage nicht verstehe; unsere Fortpflanzung war ihnen ebenso rätselhaft wie uns die ihrige.

Stellen Sie sich, Mylords, unsere Gefühle und Gedanken vor, als der wachsende Leibesumfang Elisabeths uns keinen Zweifel mehr ließ, was wir in einigen Monaten zu erwarten hätten. Wie würden wir unser Kind ernähren, wie es aufziehen können? Es war uns gleichgültig, was hiezu der Abdala, der Statthalter, das Volk sagen würden, wir konnten unsere Bedenken mit dem Satze schließen: es wird kommen, wie es Gott gefällt. Das merkwürdigste dabei war, daß wir, obwohl gute Christen und in den Vorschriften unserer Religion aufgewachsen, keine Gewissensbisse über unsere Tat verspürten; es kam uns vor, als hätten wir, indem wir Mann und Frau wurden, nur den Willen des Allerhöchsten erfüllt. Es war kein subtiles Grübeln, das in uns diesen Gedanken erweckte, es war eine aus sich selbst entspringende okkulte Kraft, die in uns dies Sicherheitsgefühl hervorbrachte.

Je mehr der Umfang ihres Leibes wuchs, desto mehr erweckte Elisabeth die Neugierde aller Megamikren, die sie zu sehen bekamen. Diese Schwellung begann unsere Freunde zu beunruhigen und unsere Feinde zu erfreuen. Alle dortigen Ärzte waren sich nämlich darüber einig, daß sie von einer bei ihnen sehr seltenen Krankheit betroffen sei, die stets einen tödlichen Ausgang hat. Es war nach ihrer Meinung eine Ansammlung wässeriger Blutsäfte, die aus ihren Gefäßen austraten und hohle Stellen überfüllten, was die Schwellung zur Folge hatte; einige meinten, es wäre Hautwassersucht, andere bezeichneten es als hypogastrische Schwellung, jedenfalls griffe sie aber die Zellstoffe an und wäre ein chronisches Leiden, und darum prophezeiten sie, daß meine Frau vor dem Ende des laufenden Jahres sterben müsse.

Alle Abergläubischen sahen Elisabeth mit Abscheu an, denn diese Krankheit konnte nur die Folge einer gottlosen Handlung sein: sie mußte von den verbotenen, nur den Schlangen zukommenden Früchten gegessen haben. Wenn nämlich ein Megamikre von dieser Frucht zu essen wagte, verfolgten die beiden Schlangen ihn, stürzten sich auf ihn, schnürten ihn mit ihren Leibern zusammen und spien die Quintessenz ihres Zornes in seinen Mund. Infolgedessen mußte er in weniger als drei Megamikren-Jahren an der Krankheit sterben, deren Anzeichen meine Frau trug. Solche, die an diesem gräßlichen Leiden starben, durften nach dem Tode nicht mit allen Ehren verbrannt werden, sondern sie wurden in die Kalkgruben geworfen. Ohne diese drohende Strafe wäre die Wassersucht bei ihnen wahrscheinlich weniger selten gewesen.

Unsere Gastgeber glaubten fest an diese Wahrsagung, und so waren sie tiefbetrübt, sagten aber nichts, bedauerten nur meine Frau, von der sie vermuteten, daß sie die sündhafte Tat aus Unwissenheit begangen hätte. Sie bedauerten auch mich, da ich ihnen versicherte, daß die Sache nicht bedenklich wäre.

Die Angelegenheit erschien ihnen schließlich so beängstigend, daß der Gouverneur das Orakel zu Rate zog. Dessen Antwort lautete: Wenn Gott es nicht angeordnet hat, daß der andere Riese, der sich wohlbefindet, an derselben oder an einer anderen Krankheit stirbt, so wird der angeschwollene Riese genesen, und zwar noch ehe der dritte grüne Strauch Feuer fängt. Es war eine klare Wahrsagung, – aber das Orakel hatte sich vorgesehen, daß es nicht falsch sein konnte. Der Prophet sagte sich: entweder wird der Riese gesund werden und ich behalte Recht, oder er wird sterben, dann muß der andere, sich jetzt wohlbefindende, ebenfalls sterben, da es nicht wahrscheinlich ist, daß er nicht dasselbe Verbrechen auch begangen hat; stirbt er jedoch nicht, nun so wird es nicht schwer sein, ihm zum Tode zu verhelfen, um die Ehre des Orakels zu retten.

Diese göttliche Antwort wurde der ganzen Stadtbevölkerung mitgeteilt und nun glaubte man, daß auch ich zum Tode verurteilt sei, da niemand an eine Genesung Elisabeths glauben konnte. Hätte ich den Tod meiner Frau befürchtet, so hätte der Schluß des Orakels mein Bedenken erregt, doch ich wußte ja, daß die Niederkunft keine Krankheit ist, geschweige denn die Schwangerschaft.

Gegen Ende des neunten Monats wurde ihr Umfang so stark, daß sie sich vor niemand mehr sehen ließ; unsere Gastgeber waren die einzigen, die ihr täglich einen längeren Besuch abstatteten. Sie empfing sie im Bette liegend, in dem sie sich, dem Brauch gemäß, mit einem Leintuche zudecken konnte. Die lieben Geschöpfe sahen ganz verzweifelt aus, während Elisabeth stets froh und munter war und ihnen kleine Lieder vorsang. Dies erstaunte und verwirrte sie, um so mehr, da sie ihr baldiges Ende voraussahen. Ich ging täglich allein im Garten spazieren, was alle überraschte, da Leute höheren Standes, mit Ausnahme der Alfakinen, sich niemals ohne ihren Unzertrennlichen zeigen.

Oft sah ich bei diesen Spaziergängen die Schlangen auf den Bäumen, die sich bei meinem Herannahen stets rasch zurückzogen; ich bemerkte mit Freuden, daß ich ihnen offenbar imponierte, denn ich wußte, daß sie sich einem sie anschauenden Megamikren gegenüber zornig und drohend benahmen; die Megamikren waren freilich um die Hälfte kleiner als sie, ich aber um die Hälfte größer und sechsmal stärker als sie. Als ich zum erstenmal wagte, eine ihrer Früchte zu nehmen, zischten sie so laut, daß die Gärtner herangelaufen kamen und ich die Frucht rasch wegwarf. Wenn die Gärtner mich auf der verbrecherischen Tat erwischt hätten, würde das für mich üble Folgen gehabt haben.

Am letzten Tag ihres Jahres kamen unsere Gastgeber von uns Abschied zu nehmen, um an den Erntefesten teilzunehmen. Wir sollten sie erst nach drei Tagen wiedersehen. Wir wünschten ihnen alle erdenklichen Freuden und Vergnügungen. Eine Stunde nach ihrer Abreise gebar meine Frau, die sich bereits in starken Wehen wand, einen Jungen und gleich darauf eine Tochter. Trotz meiner Unerfahrenheit erwies ich mich als vorzüglicher Geburtshelfer: Vernunft und Liebe waren meine Lehrmeister, ich verrichtete meine Aufgabe tadellos. Es gibt keinen leichteren Beruf als diesen, wenn die Geburt normal verläuft. Meine Elisabeth zollte der Natur ihren Tribut auf die denkbar glücklichste Weise und dies Glück blieb ihr auch während der folgenden vierzig Jahre hold. Jedes Jahr machte sie mich zum Vater von Zwillingen: einem männlichen und einem weiblichen Kinde. Ebenso gebaren meine Töchter, Enkelinnen und Urenkelinnen bis in die sechste Generation stets Zwillinge, einen Knaben und ein Mädchen; von dieser an nahm die Natur infolge eines unerwarteten Ereignisses eine andere Wendung. Meine Nachkommen haben keine Ahnung davon, daß eine Frau bei einer Niederkunft sich in Gefahr befindet.

Es ist nicht leicht, unsere Gefühle zu beschreiben, als ich meine reizenden Zwillinge ihrer erschöpften Mutter zeigte; überglücklich, verzückt, vermochten wir unsere Freude nur durch Tränen auszudrücken. Unsere reinen und unschuldigen Herzen waren weit davon entfernt, Gewissensbisse wegen Blutschande zu empfinden. Die Himmelsgabe hob unsere dankbaren Seelen zu Gott empor, dem wir so herzlich und warm unseren Dank aussprachen, daß dies allein uns entsühnt hätte, wenn wir uns schuldig gewußt hätten. Aber wie hätten wir wohl wagen können, Gott für die Frucht eines Verbrechens zu danken! Ich lief in den Badesaal und wusch meine Kinder wie die geschickteste Hebamme. Die Liebe lehrte mich dies. Dann taufte ich sie mit dem natürlichen Wasser jener Welt und gab ihnen im Namen Gott des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes die uns so teuern Namen Jakob und Wilhelmine, die Namen unserer lieben Eltern, die wir nicht hoffen durften wiederzusehen. Hierauf legte ich diese Beweise unserer zärtlichen Liebe, die heiligen Siegel der Unzertrennlichkeit unseres Bundes neben ihre Mutter und deckte alle drei mit einem glänzend roten Tuch zu.

Während dieser Tage sahen wir nur unsere Milchgeber und zwei Diener, die uns die Suppen auftrugen. Vor ihnen konnten wir ohne Schwierigkeit die Neugeborenen verstecken, wie es uns auch gelang, das Verschwinden des starken Umfangs meiner Frau ihnen zu verheimlichen.

Nach zwanzig Stunden wurde sie von einem leichten Schüttelfrost befallen: es war die aus ihrem Blut sich in ihren Brüsten bildende Milch, und sie begann freudevoll ihre Kindlein zu stillen. Sie fühlte sich wohl genug, um ein Bad zu nehmen und wir kamen überein, daß sie sich mit unseren Gastgebern zu Tische setzen sollte.

Wer beschreibt das Staunen und die Überraschung dieser beiden herrlichen Geschöpfe, unserer Schutzengel, als sie nach einer Abwesenheit von sechzig Stunden, in unser Zimmer tretend, zwei zu beiden Seiten ihrer Mutter im Bette liegende schöne Kinder erblickten, die beinahe von ihrer Größe waren! Jakob hatte mein schwarzes, gelocktes Haar, Wilhelmine das blonde ihrer Mutter. Unsere Gastgeber sahen einander an, wandten sich sodann an uns und baten uns schüchtern, ihnen zu sagen, was dies alles bedeute. Leicht und lebhaft erhob sich darauf Elisabeth, nahm ihre Kinder in ihre Arme und sagte ihnen: »Diese beiden Wesen, die sich während drei Jahren in meinem Leibe entwickelt haben, sind unsere Kinder; beglückwünschet uns! Ich reiche sie euch hiemit, küsset sie und nehmet sie unter euren Schutz.« Da küßten und herzten unsere Gastgeber sie, legten sie dann wieder aufs Bett, tanzten und sangen vor uns und überschütteten auch uns mit Ausbrüchen ihrer Freude, worauf sie uns feierlichst gelobten, unsere Kinder ebenso herzlich zu lieben wie uns.

Die neugierigen Blicke, die sie auf den Leib meiner Frau warfen, sagten uns, daß sie nicht begreifen konnten, wie es kam, daß so große und starke Wesen daraus hatten hervorgehen können, ohne das geringste Merkmal zurückzulassen. Fest entschlossen, ihnen hierüber keine Aufschlüsse zu geben, taten wir, als verständen wir ihre Blicke nicht. Wir folgten darin ihrem Beispiel, da auch sie uns ihre Fortpflanzungsart streng verheimlichten.

Der Statthalter fragte nun meine Frau, wie es mit der Ernährung dieser neuen Wesen sein würde, da wir von jetzt an doppelt soviel Nahrung nötig haben würden. Als einzige Antwort umarmte und küßte sie ihn, legte sich dann aufs Bett und steckte gleichzeitig ihre beiden Brüste zwischen die Lippen ihrer Kinder, die die Augen aufschlugen und gierig zu saugen begannen. Die Freude unserer Gastgeber hierüber läßt sich nicht beschreiben. Elisabeth erwies ihnen sodann die Aufmerksamkeit, die Kinder fünfmal saugen zu lassen. Diese Zeremonie gefiel ihnen ganz besonders, da sie darin unser Einverständnis mit ihrer Religion und allen ihren Bräuchen sahen, auch die Überzeugung gewannen, daß wir ebenfalls Kinder der Sonne waren, obgleich wir aus der Finsternis der Erde gekommen waren. Doch bald bemerkten wir wieder einen Schimmer von Traurigkeit in ihren Augen. Sie sahen ein paar Milchtropfen von Elisabeths Brüsten auf die roten Leintücher des Bettes fallen, und waren entsetzt. Sie bemerkten, daß die Tropfen weiß waren, folglich Blut sein mußten. Meine Frau aber beruhigte sie und machte es ihnen begreiflich, daß wir, deren Blut rot war, folgerichtig nur weiße Milch haben konnten.

Entzückt über diese Erklärung, sprachen sie dann eifrig untereinander, worauf sie sich erhoben, um uns zu verlassen. Vorher aber küßten sie noch unsere Säuglinge, wobei sie wieder erschraken, als sie sie schlafen sahen, worüber wir sie wiederum beruhigen mußten. Es kam ihnen als eine wahre Offenbarung vor, daß Kinder unserer Gattung des Schlafes bedürften, daß der Schlaf, anstatt ihnen schädlich zu sein, zu ihrem Wohlergehen beitrug und sie fürs Leben stärkte. Sie gingen weg, und wir sahen sie nach zwei Stunden einen Wagen besteigen. Diese zwei Stunden hatte der Gouverneur dazu benutzt, an den König einen Boten mit einem Schreiben abzusenden, worin er mitteilte, daß die angeblich todbringende Krankheit des einen Riesen nach der Geburt zweier kleiner Riesen verschwunden sei, und daß der Riese sie mit der Milch seiner Brüste nährt.

Dann fuhr er in den Tempel, um diese überraschende Neuigkeit dem Abdala mitzuteilen; um diesen zum Schweigen zu verpflichten, baten sie ihn um sein Orakel. Die hierdurch erzwungene Geheimhaltung war uns sehr lieb, da meine Frau noch der Ruhe bedurfte und die vielen Besuche sie durch die damit verbundene Verpflichtung des Tanzens und Singens übermüdet hätten. In jener Welt ist Singen und Tanzen das einzige Mittel, Freude, Fröhlichkeit, Höflichkeit, Zärtlichkeit, Aufrichtigkeit und Hochachtung auszudrücken; mir war dies besonders lästig, da ich die Megamikren durch meine Stimme stets nur zum Lachen brachte, unser Tanzen aber ihre Heiterkeit noch steigerte, da wir freilich ihre Grazie nicht nachahmen konnten. Indessen sah und merkte ich, daß diese Lieder und Tänze unerschütterliche Regeln waren, wodurch sie ihre wahre Höflichkeit und die Reinheit ihrer Empfindungen ausdrückten, denn die geringste Unwahrheit ihrer Gefühlsäußerungen verriet sich sofort; sie konnten also nur Wahrheit dadurch ausdrücken und Schmeichelei konnte bei ihnen keine Wurzel schlagen. Ich verstand und sah die Weisheit dieser Vorschrift allmählich ein, obzwar sie mir selbst verhaßt und peinlich war, da es sehr demütigend ist, bei Menschen Lachen zu erregen, wenn man ganz andere Gefühle zu erwecken wünscht. Indessen erzog ich meine Kinder in dieser Sitte. Ich überzeugte mich nämlich, daß es unmöglich ist, zu lügen, wenn man aus dem Stegreif eine Sing- und Tanzmusik erfinden muß, die dem Anlaß entspricht. Wenn nämlich die Seele dichtet, muß der Leib ihren Regungen folgen. Und wenn man sich bemüht, seine Gefühle noch so sehr zu verheimlichen – die Unwahrheit kommt sofort zum Vorschein und niemand kann getäuscht werden. Die Schmeichelei gelingt nicht, denn der Angeschmeichelte merkt das Spiel und der Lügner ist entlarvt. Ich möchte wohl, daß diese Sitte in England und ganz besonders am Hofe eingeführt wäre; doch sehe ich die Unmöglichkeit ein, denn die Bewohner der oberen Welt finden gar zu leicht aus Ernstem und Gediegenem sofort alles Frivole und Leichtfertige heraus; das Gute und Nützliche aber, das in einer komischen und zum Lachen reizenden Form auftritt, finden sie nicht.

Am folgenden Tag erhielt der Statthalter das gewünschte Orakel mit einem Brief vom Abdala, in dem er ersucht wurde, uns den Inhalt des Orakels Wort für Wort mitzuteilen. Es lautete: »Wenn jener Riese, der die Neugeborenen hervorgebracht hat, imstande ist, sie zu ernähren, so muß er darin die Allmacht des Helion sehen und sich ihm hiefür dankbar erweisen. Der Diener Helions erwartet ihn mit seinen Kindern am Eitage der nächsten Auferstehung. Falls er dies Gebot nicht befolgen sollte, so würde Gott ihn durch Unfruchtbarkeit bestrafen.« Als ich dies von Hochmut und Dummheit strotzende Orakel gelesen hatte, war mein Entschluß schnell gefaßt. Ich sagte meiner Frau: obwohl sie sicherlich nicht, wie diese dumme Drohung sagte, ihre Milch verlieren würde, wollten wir doch der Aufforderung Folge leisten, ja müßten es, weil man uns sonst als Undankbare und Gottlose ansehen würde. Offenbar glaubte der Abdala, dem dies alles wunderbar vorkam, daß es uns ebenso vorkommen mußte. Jedenfalls verlangte er unbedingten Gehorsam und er hätte alle Frömmler gegen uns aufgehetzt, wenn wir sein Orakel mißachtet hätten. Dies aber war keine Kleinigkeit, da der Haß der Frömmler in jener Welt unerbittlich und grausam ist.

Ich sagte dem Statthalter, meine Frau würde dem Gebote willig folgen, ich würde sie begleiten und wir sähen dieses Gebot als besondere Gnade an. Äußerst zufrieden schickte der Statthalter dem Abdala einen Boten und gab ihm unsere Fügsamkeit schriftlich bekannt. Er fand Mittel und Wege, die lästigen Besuche von uns fernzuhalten, was Elisabeth besonders angenehm war, da sie sich für die angesagte Zeremonie stärken mußte. Sie fühlte sich ganz wohl, aber die ganze Stadt behauptete, sie wäre seit sechs Tagen tot, da niemand sie seit dieser Zeit gesehen hatte und man der Meinung war, unsere Milchgeber wären durch Geld bestochen, lügenhafte Angaben zu machen. Die Frauen unserer Menschenrasse sind in jener Welt von allen hier oben bei uns den Geburten folgenden Übelständen frei. Uns machte nur der fast ununterbrochene Schlaf unserer Kinder besorgt, da sie nur dann wach wurden, wenn ihre Mutter sie an die Brust legte. Als sie sie aber nach einem Megamikrenjahr entwöhnte, verließ sie plötzlich der Schlaf und sie haben in ihrem Leben nie wieder geschlafen. So war es bei allen unseren Kindern.

Dreiviertel Stunden nachdem helle Trompetenklänge den Beginn des Eitages verkündet hatten, erschien Elisabeth mit mir vor dem Statthalter, die Kinder schliefen, an ihre Schultern gelehnt. Wir bestiegen einen Wagen, der für uns besonders gebaut worden war und waren in einer Viertelstunde im Tempel. Mit Mühe bahnten uns die Diener einen Weg durch die von dem wunderbaren Ereignis angezogene Menge, die sehen wollte, was sich ereignen würde. Das Volk bleibt sich überall gleich; es will alles sehen, was seine Neugier erregt und schwatzt dann darüber in dem Sinne, wie es das Ereignis sich in seiner Einbildung vorgestellt hat. Es verläßt den Schauplatz ebenso unwissend wie es ihn betrat, aber es hat nun das Vorrecht, das Gesehene einem jeden zu erzählen, der nur zuhören will.

Der Abdala erwartete uns auf einem Throne, unter einem violetten Baldachin sitzend, in seiner ganzen Goldpracht, mit der Mitra und den leuchtenden Pantoffeln. Als er meine Frau sah, deren Leib schon wieder ganz normal aussah, fragte er sie, wie es denn so rasch gekommen wäre. Sie erwiderte ihm, der Umfang ihres Leibes habe sich so stark vergrößert, weil sie ihre Kinder darin getragen habe. Hierauf zeigte sie ihm die Kinder; sie teilte ihm weiter mit, daß sie sie von mir empfangen und drei Jahre lang getragen habe. Dies sei die notwendige Zeit, damit sie sich vollkommen entwickeln und genügende Kraft gewinnen könnten, um die Luft einzuatmen und das Licht zu ertragen. Der Abdala war auf eine so genaue und in der Megamikren-Sprache ziemlich gut ausgedrückte Antwort nicht gefaßt gewesen; er erhob seine Augen zum phosphoreszierenden Globus und sprach salbungsvoll: »Du hast es mir gesagt, o allwissender Helion!« Dann fügte er hinzu: »Sage mir, Riese, bist du willig, bald zwei andere Wesen zu entwickeln?« – »Ich kann darauf nichts Bestimmtes erwidern,« antwortete Elisabeth, »denn dies hängt nicht von meinem Willen ab, sondern von dem Willen Gottes, meines Schöpfers, dem ich mich stets füge.« Wieder sah er den Globus an und sagte: »Du bist der Herr über alles, was besteht.« Und weiter fragte er: »Wird auch dein Unzertrennlicher bald ähnliche Wesen zur Welt bringen?« Sie erwiderte ihm: »Ganz bestimmt nicht.« Und singend wiederholte er diese Worte: »Ganz bestimmt nicht.« Und das ganze Volk sang ihm nach: »Ganz bestimmt nicht.« Nach einer Weile fragte er sie wiederum: »Wie gedenkst du diese Wesen zu ernähren?« Sie antwortete: »Mit meinem Blute, das in meine Brüste steigt, sich in Milch verwandelt, mit der ich sie ernähren kann.«

Als der Abdala diese Worte hörte, erhob er sich und sang in der Art einer Euphonie einen Vers aus einer alten Prophezeiung, die allen megamikrischen Theologen wohlbekannt war und folgendermaßen lautete: »Wenn das Blut rot wird wie Milch und sich in eine Flüssigkeit verwandelt, die weiß ist wie das Blut, dann wird man aus den Tiefen ein unbekanntes und uns mit Unheil bedrohendes Geschlecht emporsteigen sehen.« – Hundert, aus den unterirdischen Gewölben aufsteigende Stimmen sangen diese Wörter nach, die uns wirklich überraschten, da sie nicht nur prophetischen Klang hatten, sondern Wahres zu sagen schienen und uns bis ins Innerste erschütterten. Der Abdala fragte hierauf Elisabeth, ob ihre Kinder nicht vielleicht erwachen könnten, um von seiner heiligen Milch zu saugen. Meine Frau nahm die Frage ganz ruhig hin und sagte, sie wäre sicher, daß ihre Kinder diese Gnade mit größter Dankbarkeit entgegennehmen würden.

Ich gestehe, Mylords, daß diese ihre Einwilligung mich sehr unangenehm berührte und ich beschuldigte innerlich meine Frau einer großen Unbesonnenheit. Sie aber übergab ganz ruhig mir die kleine Wilhelmine und näherte Jakobs Lippen den schlaffen Brüsten des Oberpriesters, an denen das Kind sofort mit fünfmaliger Unterbrechung ruhig zu saugen begann. Es lag dabei auf den Händen seiner Mutter und richtete seine schwarzen Äuglein auf den Milchspender. Wilhelmine tat sodann das gleiche, während im Tempel ein tiefes Schweigen herrschte, da niemand wußte, wie dies zu deuten wäre, ob es Gutes oder Schlechtes für uns zur Folge haben würde, für uns, die das Volk so sehr haßte und die es so gerne vernichtet gesehen hätte, da es nicht begriff, wie man uns dulden könnte.

Der Abdala aber drückte mit seinen Füßen auf eine Feder, worauf eine Tür sich auftat und befahl uns, ihm durch die Tür zu folgen. Wir kamen in eine Sakristei, deren Mitte, bis an den Rand mit Wasser gefüllt, ein goldenes Bassin einnahm. Er forderte uns auf, unsere Kinder bis an den Hals hineinzutauchen, wir taten es und dazu sang ein voller Chor fünf Minuten lang. Dann erschienen vier Alfakinen, die unsere armen Kleinen trockneten, abrieben und beräucherten. Die Kinder schliefen nicht, weinten nicht und machten uns dadurch wahrhafte Freude. Der Statthalter sprach hierauf mit Elisabeth, die auf seinen Rat den Abdala um die Ehre bat, seine heilige Brust küssen zu dürfen; er erwies diese Gnade sowohl ihr wie mir und entließ uns huldvoll.

Sobald wir nach Hause kamen, teilte der Statthalter uns mit, daß der Abdala einen Boten in die Hauptstadt geschickt habe, um dem Bischof die näheren Umstände dieses nie dagewesenen Ereignisses bekanntzugeben. Unsere Kinder blieben einen ganzen Tag wach und wollten auch nicht einen Tropfen Muttermilch saugen. Ich erfuhr später, daß die Gnade, die der Abdala meinen Kindern erwies, indem er sie stillte, die ganze Stadtbevölkerung in solches Staunen versetzte, daß niemand, der es nicht gesehen hatte, es glauben wollte. Wie konnte sich, sagten sie, der Abdala so tief erniedrigen und seine Milch jenen zwei Ungeheuern anbieten, von denen kein Geistlicher behaupten konnte, daß sie einem der Sonne entstammenden Geschlecht angehören? Wer wie der Statthalter seine uns feindliche Gesinnung kannte, war darüber noch mehr erstaunt. Wir erfuhren später, daß der Oberpriester dies alles nur aus äußerst feiner politischer Berechnung tat. Hätten unsere Kinder zufällig die Brust des Abdala nicht angenommen, so hätte er uns für die Kinder des bösen Teufels erklärt, jedenfalls hätte dies einen greifbaren Beweis unserer Abstammung von einem anderen Geschlecht geliefert. Die abergläubigen Frömmler meinten, der ganzen Zeremonie liege ein Geheimnis zugrunde, das uns schließlich vernichten werde. Alle diese frommen Wünsche erfüllten sich zwar nicht, aber sie verfehlten nicht ihren Eindruck auf das Volk. Der Haß gegen uns stieg immer mehr und hätte uns sehr gefährlich werden können, wenn uns nicht Gott selber als Werkzeuge seiner unerschütterlichen Ratschlüsse in jene Welt gesandt hätte.

Die ganze Stadt sprach nur von diesem wunderbaren Fall. Elisabeth, die man bereits für tot hielt, die wegen ihrer sterilen Brust von allen verachtet worden war, deren Körperbau als minderwertig angesehen wurde, wuchs nun zum fruchtbaren Riesen empor, der die zwei jungen Riesen zur Welt brachte, der plötzlich seinen Brüsten die zur Sättigung der beiden neuen Wesen nötige Nahrung entlockte; der die Jungen binnen drei Jahren in seinem Leibe so weit entwickelt hatte, wie die Megamikren erst nach den ersten zwölf Jahren ihres Lebens es waren. Alle diese Gründe verschafften ihr die Anerkennung des Volkes, vermehrten aber das Mißtrauen gegen mich. Sie blieben fest bei der Behauptung, was an meinem Körperbau interessant und beachtenswert sein könnte, wäre nur eine unnütze Zierde; ich wäre somit ein wahres Ungeheuer, da man auf meiner Brust keine Anzeichen meiner Ernährungsfähigkeit sähe; infolgedessen dürfte ich auch keinen Anspruch darauf erheben, ernährt zu werden und man müßte mich deshalb Hungers sterben lassen. Von der Natur zum Betteln verurteilt, konnte ich nur ein Verdammter, ein vom Schöpfer verworfenes Wesen sein, das für Verbrechen, die ich oder meine Vorfahren begangen hätten, zu solchem Elend verdammt wäre.

Die Ärzte, die dies Ereignis ganz besonders aufregte, redeten ununterbrochen darüber und zogen ihre Schlüsse. Ihre Kenntnis der Natur und der Bedingungen für die Erhaltung des eigenen und die Hervorbringung neuen Lebens, veranlaßte sie folgendes zu behaupten: die Zeugungskraft Elisabeths könnte niemals ohne eine Vereinigung aktiv werden, da aber diese Vereinigung nur mit mir stattfinden könnte, so wäre es unmöglich, daß nicht auch ich dieselben Eigenschaften besäße. Diese Ansicht wurde allgemein als richtig anerkannt und man erwartete stets, daß auch mein Leib stärker würde, wie der meiner Frau es geworden war. Nur dadurch erhielt sich noch einige Achtung der Megamikren für mich, sonst hätte man mich für das verachtungswürdigste Wesen der Welt angesehen.

Es ist nicht so leicht, wie man sich dies vorstellt, den Begriff von zwei Geschlechtern Gehirnen beizubringen, die stets nur ein Geschlecht gekannt haben und natürlich der Meinung sind, daß jedes lebendige Tier sich durch sich selbst fortpflanzen könne. Erst nach und nach, als sie sahen, daß ich stets den gleichen Umfang behielt, sahen sie ihren Irrtum ein und kamen zu dem Schlusse, daß die ihnen völlig unbekannte Welt, in der wir geboren seien, anderen Naturgesetzen unterliege als die ihrige.

Die Nachricht von dem geschehenen Wunder verbreitete sich nach und nach in allen Städten des Königreichs, und während der Zeit die wir noch beim Statthalter verbrachten, war sein Haus stets voll von fremden Leuten, die aus weiter Ferne kamen um uns zu sehen, die Beschaffenheit und den Lebenstrieb unserer Kinder zu untersuchen, ohne jemals begreifen zu können, wie sie zur Welt kamen, wie sie schon so groß sein konnten, und wie es geschah, daß Elisabeths früher milchlose Brust plötzlich sie zu nähren imstande war, zumal da die Flüssigkeit, die sie saugten, weiß, folglich Blut war. Als Milch hätte sie ja nur rot sein können; sonst hätte man alle vernünftigen Regeln der Wissenschaft für falsch erklären müssen. Megamikren, denen wir nicht widerwärtig waren, wurden als schwachsinnig angesehen.

Die zahlreichen Besuche begannen uns zu langweilen, doch belustigten uns ihre Bemerkungen und die Reden, die sie untereinander tauschten, da ihre Religion es ihnen verbot, Fragen an uns selber zu richten. Es war ihnen freilich gestattet, Wünsche zu äußern, und das taten sie auch, doch ließ ich sie reden ohne darauf einzugehen. Es war notwendig, sie in der Unwissenheit zu lassen, damit sie uns ihre Teilnahme erhielten, und diese Gelegenheit war uns erwünscht, um ihr feines Begriffsvermögen und ihre Denkungsweise kennenzulernen, indem wir auf die Methoden achteten, um Licht in die Finsternis ihrer Unkenntnis zu bringen. Wieviel Unsinn hörten wir da! Erst nach vielen Jahren teilte ich einigen, die ich dessen für würdig hielt, Einzelheiten über unsere Naturveranlagung mit. Unser Vorsatz, das strengste Schweigen über die Art und Weise unserer Fortpflanzung zu beobachten, erwies sich später als sehr weise und wir hielten darum an ihm fest. Wir legten dies auch unseren Kindern nahe und ich hoffe, daß die Megamikren darüber niemals mehr erfahren werden, und daß dieser Punkt ihnen stets gleich unklar bleiben wird. Die Pflicht, darüber zu schweigen, wird meinen Weisungen gemäß allen meinen Nachkommen an ihrem Hochzeitstage durch ihre Eltern auferlegt; ich befahl sogar, daß sie sich durch ein Gelübde dazu verpflichten sollten. Da auch den Megamikren durch ein Religionsgebot empfohlen wird, über dieses Thema zu schweigen, so trug unser Schweigen nur dazu bei, die Achtung vor uns zu erhöhen, und niemals hat ein Megamikre versucht, uns dies Geheimnis durch List als einen Beweis freundschaftlichen Vertrauens zu entlocken. Eine Vorschrift, deren Beobachtung Selbstgefühl und Ehre verlangen, wird selten verletzt.

Man sollte meinen, daß ein so großes Zartgefühl die Frucht sehr guter Sitten sein müsse, und ich gestehe, daß es mir anfangs sehr widerspruchsvoll erschien, bei einem Volk, das nackt einhergeht. Man kann sich ein solches schwer als rücksichtsvoll vorstellen. Die Nacktheit der Megamikren läßt sich aber mit der unserer Wilden nicht vergleichen, sie ist die Frucht ihrer Unschuld, und verletzt daher niemals den Anstand oder die geringste Vorschrift gesellschaftlicher Sitte. Jeder, der weiß, daß die Mittel, die man oft anwendet, um den Verlockungen der Sinne zu entgehen, nur um so mehr die Einbildung erhitzen, wird es verstehen, daß die Nacktheit der Megamikren, anstatt ihrer Zurückhaltung und Schamhaftigkeit ein Hindernis zu sein, im Gegenteil diese Gefühle mächtig fördert und beschützt, da man nicht erst zur Heuchelei seine Zuflucht zu nehmen braucht.

Der Megamikre erfährt das Geheimnis der ehelichen Verbindung erst in dem Augenblick, da er mit seinem Unzertrennlichen aus dem Käfig entlassen wird. Dieser Augenblick wird als Eintritt in die Welt betrachtet. Verliebter Natur wie er ist, legt er diesem Geheimnis die größte Wichtigkeit zu und diese wird durch das ihm abverlangte Gelübde noch mehr gesteigert. Er darf mit niemandem je darüber reden. Aber mit wem könnte er auch davon sprechen? Es gibt keinen Megamikren, der irgendwo ohne seinen Unzertrennlichen erscheinen würde, folglich kann er nicht verlockt werden, irgend jemandem irgend etwas diesem Unbekanntes mitzuteilen, ohne gleichzeitig daran denken zu müssen, daß er dadurch zum Meineidigen wird.

Jetzt aber muß ich Ihnen, Mylords, erzählen, was so ein Megamikrenpaar eigentlich ist. Es sind zwei im gleichen Augenblicke erzeugte und geborene Wesen, dazu geschaffen, miteinander das Leben zu verbringen und gleichzeitig zu sterben. Beide wurden von einem Paar erzeugt und geboren, das unter denselben Bedingungen erzeugt und geboren wurde wie sie selbst. Diese Definition wird Ihnen rätselhaft vorkommen; deshalb muß ich sie Ihnen etwas näher erklären. Zwei Megamikren-Geschwister werden im Alter von zwölf Ernten aus ihrem Käfig herausgeholt, der ähnlich wie unsere Papageienkäfige von allen Seiten das Licht einläßt und dessen Inneres durch Metallstäbe oder Korbgeflecht oder Holzgitter in zwei Teile geteilt ist. Dort werden sie im Augenblicke ihrer Geburt untergebracht und sind nun vereinigt und doch getrennt. Sie erhalten Lehrer, die sie in Religion, Geographie, bürgerlichem, Straf- und Naturrecht unterrichten. Man bringt ihnen von allen Wissenschaften die Grundlagen bei, aber auch nicht mehr, da man sie nicht ihre Zeit verlieren lassen will, indem man sie Wissenschaften lehrt, für die sie sich niemals interessieren werden. Die Megamikren sind nämlich der Ansicht, daß ein jeder nur den Beruf richtig ausfüllen kann, zu dem er Neigung hat. Sie lassen ihnen deshalb volle Freiheit, um nach ihrer Entlassung aus dem Käfig ihren Beruf nach ihrem Gutdünken zu wählen. Man belehrt sie über alles, ausgenommen die Naturgeschichte ihrer Entstehung. Wenn sie ihre Lehrer über dies Thema befragen, das alle Kinder aller Welten stets zu interessieren pflegt, erhalten sie die Antwort, daß Neugierde ein Verbrechen sei, wenn sie die Angelegenheiten anderer betrifft. Die Geschichte ihrer Entstehung sei eine solche Angelegenheit, da sie selber nicht daran beteiligt seien. Dieser Grund muß genügen, um die Neugierde eines Kindes in Zaum zu halten, dem man vorher beigebracht hat, daß ein Verbrechen etwas Furchtbares ist. Man lehrt ihnen weiter, daß Neugierde nicht eine Leidenschaft, sondern ein Wunsch der Seele sei, die danach trachtet, sich nach Möglichkeit über alles aufklären zu lassen, was zu ihrem eigenen Wohlergehen beitragen kann, daß somit die Neugier als Wissensgier lobenswert sei, und daß sie sich von ihr wohl leiten lassen dürfen, indem sie ihren Lehrern alle nur möglichen Fragen stellen. Man unterrichtet sie in Geometrie, Mathematik und Harmonielehre, und weist sie darauf hin, daß Physik die Königin in allen Wissenschaften ist, da Chemie, Naturgeschichte, Botanik und Landwirtschaft ihr untergeordnet sind. Die Geographie wird ihnen täglich beigebracht, sie frischt ihre Geister auf, und die Kleinen sind unersättlich, stets Neues auf diesem Gebiete zu erfahren, da es die Welt betrifft, in der sie leben und glücklich sein sollen. Man zeigt ihnen ihre Erde im verkleinerten Maßstabe und erregt in ihnen den Wunsch, das Original zu sehen, das von ihrem Schöpfer, dem Vater des Lichtes, beleuchtet wird, zu dem kein Megamikrenkind den Blick zu erheben vermag, wenn es nicht die Augen mit einem Schleier beschützt, der den Glanz der Strahlen mildert. Geographie ist die einzige Wissenschaft, in der sie ohne Ausnahmen alle gleich gründlich und genau unterrichtet werden.

Man läßt sie einen kleinen Katechismus auswendig lernen. Auf diesem Gebiete dürfen sie keine Fragen stellen, man sagt ihnen sogleich, die Allerweisesten wüßten nicht mehr darüber, als was in diesem Büchlein stände, und ich muß gestehen, daß es ein Kunstwerk in seiner Art ist, denn es belehrt den Geist und flößt ihm für alle kommenden Gelegenheiten die nötige Achtung vor den Religionsvorschriften ein. Eine Achtung, die sie zur Beschaulichkeit anregt und die zu starke Neugierde dämpft.

Sobald die jungen Megamikren den Käfig verlassen haben, nehmen ihre Väter sie bei der Hand und führen sie zu Tisch, um sie zum erstenmal an der gemeinsamen Mahlzeit teilnehmen zu lassen. Sie sind bereits so schön und so entwickelt wie alle anderen. Bei Tisch sitzen sie ganz still und ahmen aufmerksam alles nach, was die anderen tun. Der einzige Unterschied in ihrem Betragen besteht darin, daß sie sich nicht gegenseitig Milch verabreichen können, da diese sich in ihren Brüsten erst in der sechsten bis zehnten Stunde nach ihrer Verbindung bildet. Es sei denn, daß man diese um eine Ernte hinausschiebt. Genährt werden sie einstweilen von ihren Vätern, die gerne an diesem Tag ihren Kindern zuliebe fasten. Man erweist ihnen diese Auszeichnung aber nur, wenn sie rot sind; sind sie gefleckt oder andersfarbig, dann gelten sie als Bastarde, werden verleugnet und nur von Milchgebern gestillt. Von dieser Verschiedenfarbigkeit, ihren Eigenschaften und Folgen werde ich Ihnen bei einer anderen Gelegenheit erzählen.

Nach der Mahlzeit singen sie mit den anderen und tanzen zum erstenmal. Die Anwesenden sprechen über ihre Grazie und was man in dieser Hinsicht für die Zukunft von ihnen erwarten darf. Bis dahin weiß man das nämlich nicht, da den Megamikren nicht gestattet ist, den Kindern Tanzlehrer zu geben, so wenig wie man bei uns Lachen und Weinen lehrt. Der Tanz ist in jener Welt von der Art, daß man keiner Lehrer bedarf um ihn zu können, denn obwohl der Körper die Gefühle ausdrückt, so dürfen diese nur der Seele entspringen, und die Seele kann Grazie nicht erlernen.

Diese beiden jungen Megamikren sind gegenseitig in einer Weise verliebt, die ich Ihnen, Mylords, gar nicht zu beschreiben imstande bin. Zusammen auferzogen wissen sie von Anfang an, daß sie dazu bestimmt sind, bis ans Lebensende beisammen zu sein. Sie sind von einer Begierde entstammt, deren Quelle in der Gattung selbst liegt, die vor der eigenen Vernichtung ebensosehr zurückschreckt, wie sie eine ununterbrochene Fortdauer begehrt. Von einer Begierde, deren Folgen ihren Absichten entsprechen müssen. Stellen Sie selber, Mylords, sich die Liebe dieser beiden Wesen vor, denn ich vermag nicht, Ihnen einen Begriff davon zu geben. Diese von der Natur bereits entflammte Liebe wird noch durch ihr Erziehungssystem gesteigert und so hoch gespannt, daß das geringste Mehr ihren Tod verursachen müßte.

In diesem Zustande werden sie von ihrem Väterpaar in eine Kammer geführt, wo sie ihrem ununterbrochenen Bunde das Siegel aufdrücken sollen. Die Väter gebieten ihnen, sich nebeneinander zu setzen und lassen sie geloben, über alles zu schweigen, was zwischen ihnen beiden beim nachfolgenden Alleinsein geschehen wird. Dann wendet sich der Höhergestellte der unzertrennlichen Väter an den einen von den beiden und sagt ihm folgendes: »Du wirst das Recht der Sprache und das Vorrecht in der Geschäftsführung haben.« Der zweite der Väter sagt hierauf zum zweiten: »Du wirst für das Innere des Hauses und für die Wirtschaft sorgen, denn du bist schöner als dein Bruder.« – Dann singen sie ihnen zweistimmig: »Laßt Kinder entsprießen, edel gleich euch! Seiet eines in zwei Körpern, euch ewig zu lieben!« Die Söhne erwidern nichts darauf, da die Fähigkeit der Sprache ihnen in dem Augenblicke, in dem sie sich auf das Hochzeitssofa setzen, genommen wird. Sie kehrt ihnen erst am Anfang des folgenden Tages zurück. Nach diesem Gesang verlassen die Väter sie; sie sind sicher, daß ihre Gebote befolgt werden, da Natur und Instinkt die Jungen dazu treiben. Am folgenden Tag empfangen die Neuverbundenen den Besuch ihrer Väter, die sie zärtlich küssen und sie fröhlich und zufrieden sehen, da sie Unzertrennliche geworden sind. Besonders fromme Megamikren führen sie dann in den Tempel, wo sie zum erstenmal die Brust des Abbalas küssen. Hierauf werden sie in die Sakristei geführt, wo ein AIfakin ihnen alle Pflichten vorliest, die die Religion ihnen auferlegt, ihnen die Befolgung der bürgerlichen Tugenden ans Herz legt, und ihnen warm empfiehlt, bei allen wichtigen Angelegenheiten ihre Zuflucht zum unfehlbaren Orakel zu nehmen.

Nach Hause zurückgekehrt, beziehen sie die Wohnung, die die Väter ihnen vorbereitet haben. Nach zwei Bränden des grünen Holzes bittet das junge Paar ihr Väterpaar, in ihr Zimmer zu kommen, wo die beiden Paare einander gegenüber Platz nehmen. Hierauf gibt das junge Paar dem älteren zwei Eier von der Größe unserer Hühnereier, die soeben aus ihrem Munde herausgekommen sind. Diese Eier kommen aus einer in ihrer Brust befindlichen Gebärmutter durch ein Verbindungsrohr, das zwischen Speiseröhre und der Luftröhre endet und wahrscheinlich in der oberen Mündung des Magens seinen Ursprung hat. Der Schließmuskel, den sie passieren, erweitert sich durch eine leichte Anstrengung und zieht sich sofort wieder vollkommen zusammen. Hocherfreut tragen die Väter diese Eier in das Käfigzimmer, legen sie in zwei Holzschüsselchen, die zwölfmal so groß wie die Eier sind; sie sind mit Polsterchen aus dem feinsten und weichsten Purpurhanf gefüttert und ausgelegt. Diese Schüsselchen werden in eine rote Flüssigkeit gelegt, die man in den Quecksilberbergwerken findet und die von Natur heiß ist und beständig sich auf demselben natürlichen Wärmegrad erhält, nämlich auf dem der Muttermilch, wie sie aus der Brust hervorkommt. Nach Verlauf von zwei Bränden des grünen Holzes gehen die Söhne mit den Vätern an den Käfig, decken die Schüsseln ab, finden die Eier um das Zwölffache vergrößert, untersuchen sie mit den Fingern, zerschlagen sie und entnehmen ihnen zwei kleine Megamikren. Sind diese rot, ohne jegliche Beimengung einer anderen Farbe, dann ist die Freude des Hauses ganz besonders groß und man trägt sie in den Doppelkäfig, wo man sie bis zu ihrer Reife läßt, also für eine Zeit von zwölf Ernten. Ist aber nur der eine Megamikre rot, so bringt das der Familie viele Sorgen und muß – aus Gründen, die ich Ihnen, Mylords, später erklären werde – dem Abdala mitgeteilt werden. Sind sie beide nicht rot, doch ganz gleicher Farbe, so ist man darüber weder freudig erregt noch traurig gestimmt. Solche Megamikren sind zwar von Natur aus unfruchtbar und darum unadelig, sie werden aber je nach ihrer Geistesveranlagung entweder für eine Wissenschaft oder eine Kunst oder ein Handwerk bestimmt und schon im Käfig dazu erzogen. Sind sie verschiedenfarbig gefleckt, lachen die Megamikren mit ihren Freunden darüber; sie werden zwar ebenfalls bis zum zwölften Jahr aufgezogen. Doch erhalten sie nur einen Religions- und einen Geographielehrer. Sobald sie aus dem Käfig entlassen und als Unzertrennliche obwohl Unfruchtbare nach dem Ritus miteinander verbunden worden sind, verwendet man sie zu verschiedenen untergeordneten Beschäftigungen: auf dem Lande zum Bebauen der Felder, als Knechte und Stallburschen, als Diener in den zahlreichen Ämtern, kurz zu allen Berufen, die sich für andere, deren Geist gebildet wurde, nicht eignen.

Mögen sie aber rot oder von irgendeiner anderen Farbe sein – alle werden mit der größten Vorsicht angerührt und auf die Betten gelegt, die sich in jeder der beiden Nischen des Käfigs befinden. Im Verlaufe der ersten zwei Brände bedürfen die winzigen Wesen nur des Abreibens und Salbens. Sie wachsen ungemein schnell und sind nach sechs Ernten bereits zwölf Zoll lang. Bis zu diesem Alter werden sie nur von Milchgebern gestillt und bedürfen keiner Suppen; die Milch genügt ihnen. Von diesem Alter an bekommen sie auch Suppen.

Auf diese Weise treten nun alle Megamikren, seien es Edle, seien es Bastarde, in die Welt ein und werden darüber belehrt, daß ihr Lebenslauf nach einhundertzweiundneunzig Ernten endet, von denen die letzten sechs Ernten kaum noch leben genannt werden dürfen, da sie in dieser Zeit wieder ganz kindisch werden.

 << Kapitel 6  Kapitel 8 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.