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Eduard und Elisabeth bei den Megamikren

Giacomo Casanova: Eduard und Elisabeth bei den Megamikren - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorGiacomo Casanova
titleEduard und Elisabeth bei den Megamikren
publisherBenjamin Harz Verlag
printrun1. - 5. Tausend
translatorHeinrich Conrad
year1923
firstpub1923
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectidb346cf11
created20061112
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Nachdem wir unsere Betten verlassen hatten, legten wir uns auf ein Sofa und dachten über den langen Schlaf nach, in den wir nach der ungewohnten, von unseren Gastgebern uns so freigiebig gespendeten Nahrung versunken waren. Aus der Gleichheit ihrer Gestaltungen zogen wir den Schluß, daß sie Männer sein müßten, die das Vorrecht hätten, in ihrem Busen die köstliche Milch zu bergen, die wir eingesogen hatten. Nun waren wir neugierig, auch die Frauen zu sehen, da ohne solche eine Fortpflanzung uns unmöglich erschien.

Nach einiger Zeit stand ich auf, um nachzusehen, ob es keine Tür oder sonst irgendeine Öffnung gebe, aus der man hätte rufen können, und als ich neben dem Alkoven neben einem Verschlag ein sorgfältig bearbeitetes Viereck sah, das zwei Fuß groß war und in dessen Mitte sich ein Kettengriff befand, legte ich die Hand darauf und als ich ihn an mich zog, hörte ich ein angenehmes Läuten, das eine Minute lang dauerte. Das Viereck senkte sich, und wir sahen den Roten im weißen Mantel und blumenbekränzten Häubchen mit seinem Begleiter hereintreten. Sie sangen und tanzten vor uns, dann umfaßten sie unsere Füße, zogen uns zum Sofa und luden uns ein, neben ihnen Platz zu nehmen. Sie sagten uns sehr vieles, was wir leider nicht verstehen konnten, doch war uns der harmonische Klang ihrer Sprache sehr angenehm. Nachdem er uns eine lange Rede gehalten hatte, übergab er uns ein Schriftstück, worin alles, was er uns gesagt hatte, in allen Farben niedergeschrieben war. Als ich ihre Sprache erlernt hatte, übersetzte ich die Schrift ins Englische; ich kann sie Ihnen hier wiederholen, da ich sie treu im Gedächtnis behalten habe.

»Als wir euch besinnungslos in den unbezwinglichen Schlaf versinken sahen, waren wir darüber nicht erstaunt, denn die Nahrung, die ihr begehrt hattet, wäre genügend gewesen, um zwanzig Kinder der Sonne zu betäuben. Wir hätten euch darauf aufmerksam gemacht, wenn wir auch nur daran hätten denken können, daß euch die Wirkung einer solchen Unmäßigkeit unbekannt wäre, oder daß ihr dieser unterliegen würdet, denn eure Natur schien ja der unseren weit überlegen und gegen eine so unglückliche Wirkung unempfindlich zu sein. Der Schlaf kann sich bei uns nur derer bemächtigen, die sich um die Fähigkeit zu denken gebracht haben, indem sie von dieser Nahrung mehr als notwendig ist zu sich nehmen. Trunkenheit ist uns durch göttliche Vorschrift verboten. Unser bürgerliches Gesetz aber bestraft sie mit Verlust der Ehrenrechte und indem es Diebstahl, an einem Schlafenden begangen, für straflos erklärt, selbst wenn der Dieb sich aller Möbel bemächtigt haben sollte. Stehlen ist bei uns nur in den Wohnungen Schlafender erlaubt; in jedem anderen Fall wird es sehr streng bestraft. Ein anderer Grund, der uns im Zaum hält und uns hindert, uns diesem Laster zu ergeben, ist der, daß der schwarze Schlaf eine so gefährliche Lähmung in unserm Blute hervorruft, daß wir merklich altern und daß die uns bestimmte Lebenszeit wesentlich verkürzt wird. Diese Lebensdauer beträgt sonst 192 Ernten. Wir haben während der Zeit eures Schlafes drei Metamorphosen der schwarzen Raupe beobachtet, um euch die nötige Hilfe angedeihen zu lassen, falls eure Trunkenheit euer Leben bedrohen sollte; als aber unsere Ärzte uns versicherten, daß euer Puls ganz normal schlage und daß jede Gefahr ausgeschlossen sei, ging ich in den Tempel und ersuchte den Abdala, das Orakel zu befragen, was ich tun sollte. Ich habe die erhaltenen Vorschriften buchstäblich befolgt.

Man befahl mir, euch in meine Wohnung hinübertragen zu lassen und euer natürliches Erwachen abzuwarten. Das tat ich. Man befahl mir auch, euch zu sagen, daß Trunkenheit bei uns anstößig und lebensgefährlich sei. Ich antwortete darauf dem heiligen Herrn, daß dies mir nicht möglich sei, da ihr nicht verstehet, was die Sprache Gottes dem Geiste des Menschen sage; er bedeutete mir aber, es sei einerlei, ob ihr meine Rede und Warnung versteht oder nicht; es handele sich nur darum, daß euch dies gesagt werde und daß ich es euch schriftlich gebe – was ich hiermit tue. Er befahl mir, euch sofort die besten Sprachlehrer zu geben, damit sie euch lehren, unsere Sprache zu verstehen und zu sprechen. Er beauftragte mich auch, dem König, unserem Herrn, eure Ankunft mit allen begleitenden Umständen mitzuteilen. Ich habe jedoch nicht erst den Befehl des Abdala abgewartet, um diese Pflicht zu erfüllen, sondern sogleich, als eure Kiste ans Land geschleppt wurde, einen Kurier an den König abgesandt und einen zweiten, als ich euch außerhalb der Kiste sah. Ich soll auch euch bekanntmachen, daß ich der erste Vertreter Seiner Majestät bin und zwar als Gouverneur dieser Stadt, die eine seiner vier Grenzstädte ist, daß es zu meinem Amt gehört, über euer Tun ein Register zu führen; und daß ich euch deshalb ersuchen muß, mir, sobald ihr dazu imstande seid, mitzuteilen, wie es geschah, daß ihr zu uns kamt, wer euch hierher gesandt hat, wer ihr seid und was ihr bei uns wollt; denn trotz dem Wunder, das geschah, als das Dach eurer Kiste zum Reich der Seligen emporstieg, sehen wir es als ein sehr schlechtes Zeichen an, daß ihr unsere heilige Sprache nicht versteht. Dies beweist uns sehr klar, daß ihr nicht aus der Sonne stammt, die die Mutter aller vernünftigen Wesen ist.«

Dies, Mylord, war alles, was die Schrift uns kundgab. Bedenken Sie, daß Sie, denen ich deren Inhalt mitteilte, damit Sie unsere Geschichte leichter verstehen, jetzt mehr wissen, als wir zu der Zeit wußten, da wir die Schrift in die Hand bekamen. Morgen werben Sie erfahren, was die 192 Ernten eines Megamikren sind, was die schwarzen Raupen und deren Metamorphosen sind und was uns im Verlauf unserer Geschichte zustieß. Beide guten Megamikren küßten uns und gingen.

Nachdem der Gouverneur sich entfernt hatte, traten vier Gefleckte ein und drückten auf eine Feder, worauf sich eine Tür öffnete, die in einer der vier Spiegelwände angebracht war. Wir kamen auf diesem Wege in einen durch Lampen, die mit derselben Flüssigkeit gefüllt waren, erleuchteten schönen Saal. Dieser war viereckig und an seinen vier Wänden waren unten vier marmorne Becken angebracht, deren Ränder in gleicher Höhe mit dem Fußboden sich befanden, der mit einem herrlichen Teppich in den geschmackvollsten Farben bedeckt war. Die Wannen waren oval, vier Fuß lang und breit und ebenso tief. Man lud uns ein, hineinzusteigen und in demselben Augenblick wurde Wasser aus goldenen Hähnen eingelassen und zwei Gescheckte beeilten sich, mich zu waschen, während zwei andere denselben Dienst meiner Elisabeth in einer anderen Wanne erwiesen. Dann trockneten sie uns ab und rieben uns mit Kräutern ein, deren wohlriechende Düfte wir mit Freude einatmeten. Das größte Vergnügen aber machte uns ein Dienst, dessen wir sehr bedurften und um den wir sie jedoch nicht zu ersuchen gewußt hätten. Sie kämmten uns mit hölzernen Kämmen und frisierten uns mit ungemeiner Geschicklichkeit und mit viel Geschmack. Sie ließen uns ein halbes Dutzend dieser Kämme zurück, was uns sehr angenehm war.

Zwei allerliebste Gefleckte kamen nun herein, deren vielfach in allen Schattierungen gefärbte Haut uns zum Lachen reizte. Sie brachten weiße Hauben, die den ihnen angeborenen Stirnhauben ähnlich waren, legten sie auf unsere Stirn und befestigten sie hinten an unseren Haaren mit Agraffen von Diamanten, die in rotes Gold gefaßt waren. So bedienten sie uns in der vorsorglichsten Weise. Dann führte man uns in ein kleines Kabinett, wo man uns allein ließ und wo sich die äußerst sauberen unentbehrlichen Toilettenräume befanden. Sodann kamen wir in einen Saal, wo wir unsere Gastgeber an einem Tisch sitzen fanden; sie sangen zu einer Begleitung, die von verschiedenen Musikinstrumenten ausgeführt wurde. Bei unserem Eintritt standen sie auf, ohne jedoch ihr Konzert zu unterbrechen und luden uns zum Sitzen ein. Nach dem Konzert kamen zwei Gelbe und zwei Blaue hinein und legten vier Bücher auf den Tisch. Zwei von diesen waren mit buntfarbigen Zahlen beschrieben. Die anderen waren weiß und schienen unbeschrieben zu sein. Das Papier der Megamikren wird aus Gräsern hergestellt, die getrocknet, zerstampft und mit Leim versetzt, dann angefeuchtet und wiederum getrocknet werden; es ist leicht, handlich geformt und so dicht, daß es im Notfall auch in England gebraucht werden könnte. Dann brachte man ein großes Tintengeschirr, worin sich sieben Becher mit verschiedenfarbiger Tinte befanden. Die Farben waren genau die des gläsernen Prismas, worin sich das Licht bricht. Neben dem Tintenfaß lagen einige Schreibfedern aus leichtem Holz, von denen jede an der Spitze sieben kleine Trichterchen hatte, die einzeln benützt werden konnten, ohne daß man dabei mit einer der anderen das Papier berührte. Jedes Trichterchen enthielt eine der sieben Tintenfarben und war so gut damit gefüllt, daß man einen ganzen Tag hätte schreiben können, ohne aus dem Tintenfaß nachfüllen zu müssen.

Nun sollten wir die erste Sprachstunde erhalten. Man begann damit, uns die auf der ersten Seite eines der Bücher befindlichen sechs Zeichen zu zeigen, von denen jedes siebenmal und immer in einer anderen Farbe dargestellt war.

Diese sechs Zeichen waren die sechs Vokale der Megamikren, die das ganze Alphabet bilden und aus denen alle ihre Wörter bestehen. Einer von den Anwesenden las uns deutlich und langsam dies Alphabet vor, das aus 42 verschiedenen Stimmausströmungen bestand, nämlich sechs mal sieben, da jeder Vokal in sieben verschiedenen Tonabstufungen gesprochen wird. Das zweitemal las ich mit ihm; hierauf kam meine Frau an die Reihe; sie wurde wegen ihrer Aussprache gelobt, die man der meinigen vorzog. Die Megamikren waren ungemein erstaunt, als wir schon beim drittenmal das ganze Alphabet ohne Nachhilfe zu lesen vermochten. Es war eine Skala von sieben Noten, jedoch wie die Quart bei den Griechen und Römern verteilt. Man fing mit C an, sprang zur vierten über, dann zur siebenten, dritten, sechsten, zweiten und fünften. Diese Ordnung sollte bedeuten, daß es sich nicht um Musik, sondern um eine singende Sprache handelte. Die Farbenfolge der Schriftzeichen war im gleichen Sinne zusammengestellt.

Erfreut sahen unsere Gastgeber uns an. Die Bücher wurden zugeklappt und unsere Lehrer entfernten sich sehr zufrieden.

Eine Laune Elisabeths bereitete unseren Freunden eine sehr angenehme Überraschung. Sie sang nämlich plötzlich eine italienische Aria cantabile; daraufhin küßten sie sie. In ihrer Begeisterung griffen sie zu den auf dem Tisch liegenden Instrumenten, von denen eins einer Laute, das andere einer Flöte entsprach; Elisabeth sang hierzu, während ich sie mit meiner Tenorstimme begleitete. Der unzertrennliche Begleiter des Gouverneurs drückte uns seine Dankbarkeit durch den Vortrag einer Euphonie aus; so nennt man ein sehr melodisches Lied, das von einer einzigen Stimme ohne Musikbegleitung gesungen wird.

Plötzlich ein Klingeln, das einen Besuch anzeigte; die Tür tat sich auf, zwei Hochrote traten ein und wurden mit großer Liebenswürdigkeit empfangen. Alle sechs gingen wir nun hinaus, auf bequemen Treppen, deren Stufen nur einen Zoll hoch waren und gelangten in einen Hof, wo ein sehr schöner offener Wagen unserer harrte. Zwölf herrliche Vierfüßler waren in drei Reihen vorgespannt. Ein einziger amarantfarbener Kutscher mit grünem Kopf hielt die Zügel in seiner Linken und bediente sich sehr geschickt mit der Rechten einer Riemenpeitsche; wenn er nach rechts wenden wollte, rief er I –A; wenn er U–A rief, wandten die Pferde sich nach links. Ein französischer Matrose sagte mir vor acht Tagen, Karrenpferde in seiner Heimat hörten genau auf dieselben Töne, nur schlugen sie dabei gerade die umgekehrte Richtung ein. Jene zwölf Tiere waren unseren schönen dänischen Windhunden von der kleineren Sorte ähnlich; sie waren vierzehn Zoll hoch, von violetter Farbe und schienen lauter Männchen zu sein.

In einer Viertelstunde sehr rascher Fahrt brachte unser Gefährt uns vor die Tür der Kathedrale. Das Tor war nicht hoch, da die Gestaltung der dortigen Welt es dem Ebenmaß nicht erlaubt, durch Tore zu glänzen. Wir gingen dann eine Rampe hinunter, die sich spiralförmig wand und, soweit dies notwendig war, mit phosphorischen Laternen erleuchtet war. Die sanft absteigende Rampe zog sich fünfmal um den Tempel herum, bevor sie zu dessen Eingang führte. Der Tempel war vierzig Klafter hoch und hatte fünfzig Klafter Durchmesser; er wäre ganz kugelförmig gewesen, wenn er nicht einen flachen Boden gehabt hätte, der den fünften Teil seines Umkreises einnahm; er war aus verschiedenfarbigen Holzwürfeln regelmäßig zusammengesetzt und zwar mit solch künstlerischer Sorgfalt, daß die Fugen gar nicht zu bemerken waren. Eine leuchtende Kugel von einem Klafter Durchmesser erhellte den Tempel in der Mitte; fünfhundert gut verteilte Lampen, die oberhalb von fünfhundert Bogen angebracht waren, zeigten die Herrlichkeit des Baus und beleuchteten die Abbildungen von den fünfhundert Städten der Monarchie. In der Mitte des Fußbodens, genau unter der Leuchtkugel, befand sich eine Art Brunnen, der von vierundzwanzig kleinen, zwei Fuß von einander entfernten Säulen eingefaßt war.

Nach einem kurzen Vorspiel hörten wir unterirdische Klänge einer Symphonie und gleichzeitig sahen wir vierundzwanzig Megamikren emporsteigen, deren Schulter und Brust mit einem roten, vorn offenen Mantel bedeckt waren; oberhalb der Haube hatten sie gelbe Halbmonde und an den Füßen gelbe Baboschen; sie schienen alt zu sein. Nach ihnen kamen achtundvierzig Megamikren, die alle Farben außer Weiß und Rot vertraten, aus dem Brunnen hervor; sie zeichneten sich durch runde Laternen aus, die sie auf den Köpfen trugen, in der Hand hielten sie große Papierblätter, auf denen die Musik, die sie vortragen sollten, geschrieben war. Sie umkreisten in schöner Ordnung die vierundzwanzig zuerst Erschienenen und die Musik begann; gleichzeitig öffnete sich der untere Teil der Lichtkugel und wir sahen auf einem glänzenden Halbmond einen Megamikren herabsteigen, der wie eine goldene oder vergoldete Statue aussah. Es war der Abdala. In seinen Händen hielt er oberhalb des Kopfes die beiden Spitzen eines zweiten Halbmondes, der im Durchmesser einen Fuß lang und dabei einen halben Zoll breit war; er war aus einem einzigen Rubin herausgeschnitten. Langsam wurde er herabgezogen bis er zehn Fuß oberhalb des Bodens anhielt. Er stand auf einem Becken, dessen vier Ecken an vier Schnüren hingen.

Hierauf erhob sich aus dem Brunnen bis zum Becken ein mit Stufen versehener Thronsessel, auf dem der Oberpriester Platz nahm. Nun begann das große Konzert, das eine Stunde dauerte. Jeder Gesang endete mit einem Refrain, den alle Anwesenden wiederholten. Beim zweiten Refrain erlaubten wir uns, unsere Stimmen denen des Volkes beizumischen. Die Überraschung war so groß, daß wir die einzigen waren, die bis zum Schluß sangen. Der Abdala stieg wieder zur Lichtkugel empor, die Priester zogen sich unter den Klängen einer unterirdischen Orgel in den Brunnen zurück, wir aber sahen einer großen Zahl von Ministranten zu, die überall im Tempel auf goldenen Schüsseln Pflanzen und Blumensträuße von allen Megamikren einsammelten; dann wurden sie verbrannt und erfüllten den Tempel mit sehr angenehmem Geruch. Eine kurze Weile blieb der Tempel nur von der Lichtkugel erleuchtet; die fünfhundert Lampen schienen erloschen zu sein. Die Alfatinen sagten zwar nicht, daß dies ein Wunder sei, doch ließen sie das Volk bei seiner Meinung. Später erfuhr ich, daß durch einen Druck auf eine Feder alle diese Lampen mit kleinen Schildchen bedeckt wurden. Hierauf gingen alle hinaus, wir bestiegen den Wagen und kehrten nach Hause zurück.

Die Straßen waren alle schön, breit, geradlinig, oben mit Teppichen verdeckt; zu beiden Seiten befanden sich Häuser und Läden. Diese Straßen sind gewöhnlich nur zwei Klafter breit und tief in die Erde hereingegraben, die ihren Boden bildet; denn sie sind nicht gepflastert; dieselbe Erde bildet die äußeren und inneren Mauern ihrer Häuser; diese Erde ist, wenn sie nicht bearbeitet wird, beinahe so hart wie Stein; nur ist sie stets sehr porös. Zwischen dem Gesims der Häuser und den Rändern der Teppiche, die die Straße von oben bedecken, bleibt nur ein freier Raum von einem halben Fuß; unter dem Gesims aber befinden sich aneinandergereihte Fenster. Die Teppiche sind mittels Schnüren in Abständen von zehn Klaftern am Gesims angebracht. Diese Vorrichtung verhindert, daß das Licht zu blendend wirkt, sowohl auf der Straße wie in den oberen Stockwerken der Häuser, die stets nur von der Dienerschaft der Reichen oder von Leuten bewohnt werden, die nicht in der Lage sind, sich Phosphor kaufen zu können. Unbedeckt sind dort nur große Plätze und Dorfstraßen.

Als wir dem Wagen entstiegen, betraten wir einen großen Saal, der voll von Menschen aller Farben war. Der Gouverneur und sein Begleiter setzten sich auf eine Art von zweisitzigem Thron. Während der drei Stunden, die sie dort saßen, unterhielten wir uns damit, die Sitten dieses glücklichen Volkes zu beobachten und darüber nachzudenken. Alle Anwesenden kamen uns anzuschauen und wir bemühten uns, so zu tun, als ob wir dies nicht merkten; wir bedauerten, daß wir die über uns gemachten Witze, die sie zum Lachen anregten, nicht verstehen konnten. Ihr Lachen ist reizend und gefiel uns sehr, obgleich sie auf unsere Kosten lachten. Wir bestrebten uns, ihnen immer voller Achtung entgegenzutreten, da wir wußten, wie wichtig dies war. Während dieser drei Stunden war der Gouverneur damit beschäftigt, Prozesse zu entscheiden; denn Sie dürfen nicht glauben, daß die Megamikren das Vorrecht hätten, stets in allem gleicher Meinung zu sein, Überall, wo vernünftige Menschen sich befinden, muß die Eigenliebe auch Voreingenommenheiten und verschiedene Meinungen hervorrufen, die natürlich Streitigkeiten zur Folge haben. Nach beendigter Tagung ging der Machthalter mit uns in einen kleineren Saal. Wir nahmen vor einem Instrument Platz, auf dem zwölf Megamikren durch Anschlagen von Tasten eine so herrliche Symphonie hervorbrachten, wie sie bei uns in England ein Orchester von dreißig Instrumenten kaum hätte bieten können.

Wir waren vierundzwanzig an der Zahl, die diesem schönen Konzert beiwohnten und saßen auf einem Sofa dicht vor dem Musikinstrument. Dieser Sitz war zwei Fuß breit und hatte zwölf Fuß Umfang; er diente zugleich auch für die Mahlzeiten. Diese bestanden aus fünf Gängen, die stets alle auf einmal aufgetragen wurden. Jede Schüssel enthielt eine rote Suppe, die weder flüssig noch ganz fest war; es war eine Art Brei, doch war dessen Geschmack weder dem der Bohnen, noch der Linsen, noch dem irgendeines anderen Gemüses ähnlich; es war eine Art in Wasser gekochten Mehles, dessen ganze Schmackhaftigkeit in der Zubereitung bestand. Diese Speise war weder heiß noch kalt, sondern angenehm lau; der verschiedenartige Geruch verlockte, von einer jeden zu kosten, und alle waren von köstlichstem Geschmack.

Das Mehl, woraus man diese Breisuppen macht, stammt von einem runden, roten Korn, das man alle drei Monate zu gleicher Zeit mit dem Hanf erntet. Dazu werden stets drei Tage verwendet, das heißt dreimal zwanzig Stunden; am ersten Tage wird geerntet, am zweiten gesät, am dritten geht man in den Tempel. Der erste dieser Tage ist gewöhnlich der letzte ihres Jahres; der zweite ist der erste des neuen. Drei von unseren Monaten sind für sie ein Jahr, oder, was dort gleichbedeutend ist, eine Ernte. Diese drei Tage sind ihre einzigen Feste, ihr Karneval, ihre Orgien; nach vierzehn Arbeitsstunden verbringt man die anderen sechs, die sonst zum Ausruhen bestimmt sind, in Freuden, Maskeraden, öffentlichen Spielen und allen möglichen sonstigen Unterhaltungen. Während dieser drei Tage denkt man nicht an Ruhe. Jeder Megamikre ist durch eine Vorschrift seiner Religion zum Arbeiten verpflichtet; durch Arbeit werden nach ihrer Meinung Festtage geheiligt; einige Raststunden erlauben sie sich nur an Werktagen.

Das Korn, woraus sie ihr Mahl zubereiten und das sie sehr sorgfältig mahlen, ist einer der drei Hauptreichtümer der Megamikren, darum werden auch dort die Grundbesitzer höher geschätzt als diejenigen, deren einziges Gut Gelehrsamkeit ist. Die Köche sind dort sehr geachtete Persönlichkeiten; sie sind zugleich Apotheker und Chemiker von Beruf, denn sie müssen nicht nur die guten Kräuter und Blumen kennen, sondern auch die Kunst verstehen, Wohlgerüche aus ihnen zu bereiten. Sie müssen auch die Bestandteile ihrer Mischungen kennen, um stets neue Speisen zu erfinden, deren Zusammenstellung ihr Geheimnis bleibt. Sie dürfen nicht einer Küche vorstehen, bevor sie dazu die Bewilligung des Ärztekollegiums erhalten haben, das dort aus sehr gelehrten und hochgeschätzten Männern besteht, und müssen sich vorher einer Prüfung der allgemeinen Botanik unterzogen haben. Dies hat nun zur Folge, daß wirklich hervorragende Köche in jenem Lande sehr selten sind, daß sie sehr teuer bezahlt werden und deshalb auch sehr reich sind. Die auf den Tischen stehenden Mehlspeisen werden mittels heißen Wassers warm erhalten, das sich in Zwischenwänden der Schüsseln befindet; alle Anwesenden bekommen vom Haushofmeister eine gleiche Portion zugeteilt und es kommt sehr selten vor, daß jemand noch um eine zweite Portion von einer ihm besonders schmeckenden Speise ersucht. Dieses Mehl ist, wenn es nicht entsprechend zubereitet wird, ganz geschmacklos und sogar ungesund, so daß selbst die Armen es nicht anders als mit billigen Kräutern gekocht essen, solche Kräuter werden ihnen oft von den Reichen als Almosen gegeben; sie bieten einen zwar genügenden, doch ziemlich unangenehmen Ersatz für die Milch. Alles Gute ist eben überall selten und deshalb auch teuer. Bei jeder Mahlzeit saugt ein jeder Teilnehmer die Milch seines Nachbars, der ihm darauf den gleichen Dienst erweist und deshalb zu seinem unzertrennlichen Kameraden wird, ohne den er sich auch nirgends zeigen würde. Wenn die Megamikren zum fünftenmal getrunken haben, kommt die Reihe an den Nachtisch. Das Mus ist ihre Speise, die Milch ihr Trunk, und wie wir Menschen ohne zu essen nicht leben können, so vermögen es die Megamikren nicht ohne zu trinken; das reine Wasser aber ist ihnen als Trunk durch eine religiöse Vorschrift verboten. Wer nach dem Mus keine Milch trinkt, setzt sich einer tödlichen Magenkrankheit aus; es unterbleibt daher niemals. Das Saugen dauert stets nur eine Minute und geschieht bei Tisch gleichzeitig; dann küssen sie sich herzlichst. Sie unterhalten sich bei Tisch genau wie es auch bei uns üblich ist. Ihre Teller sind aus Gold, aus Porzellan, aus glasierter Erde oder aus Holz; ihr Besteck besteht aus fünf Löffeln und einer Kristallflasche, die mit einer Schraube verschlossen ist; ihre Tischtücher sind von rotem Linnen, und so fein, wie wir sie nicht schöner haben könnten. Ihre Speisen können nie von einem Tag auf den andern aufbewahrt werden, denn nach sechs Stunden bildet sich auf ihnen ein Schimmel von abstoßendem Aussehen und Geschmack. Der Nachtisch besteht aus einem Körbchen mit Kräutern, das man vor jeden hinstellt; dann machen alle gleichzeitig die zugeschraubten Flaschen auf, und lassen daraus ein wenig von dem darin enthaltenen roten Pulver auf den Inhalt des Körbchens fallen, der sich sofort entzündet; eine herrliche hellblaue Flamme entsteigt ihm und erfüllt das Zimmer mit köstlichem Wohlgeruch. Nach fünf Minuten sind die Kräuter zu Asche geworden, und das Gastmahl, das eine Stunde gedauert hat, ist zu Ende. Jetzt, Mylords, nachdem Ihnen bereits die Art und Weise bekannt ist, wie die Megamikren essen, will ich Ihnen von uns berichten, die wir dabei saßen, ohne davon so viel zu wissen, wie Sie jetzt durch meine Erzählung.

Vom Beginn der Mahlzeit an hielt schon die ganze Gesellschaft die Augen auf uns gerichtet, und alle sahen uns erstaunt an, als sie bemerkten, daß ich nicht nach dem ersten Mus meine Lippen an Elisabeths Brüste legte. Wir wußten nicht, wie wir uns benehmen sollten und saßen verwirrt und beschämt da, ohne zu wissen, wie wir sie befragen sollten, was doch notwendig zu sein schien. Sie begriffen nicht, weshalb ich nicht von meiner Unzertrennlichen die mir gebührende Nahrung nahm, da sie doch deren feste Behälter auf ihrer Brust sahen, obgleich sie recht klein waren, da sie ja erst zwölf Jahre zählte. Als sie aber sahen, daß an mir solche Brüste nur angedeutet waren, wurden sie ganz stutzig. Sie dachten sich nun, ich wollte vielleicht nicht an ihr saugen, da ich nicht imstande sei, ihr dies auf gleiche Weise zu vergelten. Als dieser Gedanke dem Gouverneur kam, sagte er ein Wort zu seinem Begleiter, und dieser ließ zwei blaue Megamikren eintreten, die Elisabeth liebkosten und sie dann stillten. Dann näherten sie sich mir, und da sie nicht wußten, wie sie sich verständlich machen sollten, nahmen sie meinen Kopf und legten ihn an Elisabeths Brust; sie schienen sehr gekränkt zu sein, als sie sahen, daß ich auf ihre Idee nicht einging und wohl eher wünschte, sie möchten mir denselben Dienst erweisen wie meiner Elisabeth. Der Gouverneur sprach daraufhin zu seinem Freunde, der ihm mit sehr ernster Miene antwortete, und die ganze Gesellschaft schien seiner Meinung zu sein. Ich bemerkte Betrübnis im Gesichtsausdruck einiger Megamikren. Als wir ihre Sprache erlernten, wiederholte der Gouverneur uns ihr ganzes Gespräch.

Als die Megamikren uns zum erstenmal erblickten, war es nicht unsere Größe, die sie am meisten ins Staunen versetzte, auch nicht unsere Hautfarbe, und nicht unser Erscheinen in einer bleiernen Kiste, die ihnen als aus der Erde herausgewachsen zu sein schien, obgleich dieses Phänomen ihnen ganz neu und unerhört war, war das, was sie in das größte Staunen versetzte, unsere Körpergestaltung. Sie sahen, daß ich mit Ausnahme des Busens und der Stirn ihnen gleichgeformt war, nur daß ich in der Mitte des Bauches das Zeichen der Entbindung, den Nabel hatte, den sie nicht haben, da sie auf eine andere Weise als wir auf die Welt kommen. Sie konnten es nicht fassen, wie die Natur ein Wesen ohne die ihm nötigen Nahrungsbehälter schaffen konnte, da sie keine Ahnung davon hatten, daß man die Nahrung von wo anders entnehmen könnte; sie sahen auch vollkommen ein, daß ich von Elisabeth das nicht verlangen konnte, was ich ihr nicht wiedergeben konnte, und dachten darüber nach, von wo sie, die doch davon zu geben vermocht hätte, die ihr notwendige Nahrung nahm. Und dafür fehlte wiederum ihr das, was sie von mir und von ihnen deutlich unterschied. Sie urteilten also, daß sie ein Tier von einer ganz anderen Gattung als ich sein müsse.

Diese Wesen, meinten sie, müssen entweder von der Natur das Privilegium erhalten haben zu leben, ohne sich von ihrer eigenen Milch zu nähren, oder sie entnehmen diese einer anderen Quelle, die uns unbekannt ist, die wir aber mit der Zeit, falls jene unter uns zu leben vermögen, zu erfahren hoffen. Es schien ihnen einfach unsinnig zu sein, annehmen zu wollen, daß wir die Absicht hegten, uns von ihrer Milch ernähren zu lassen, da es nicht möglich schien, daß täglich zehn Megamikren sich bereit finden ließen, uns aus Freundlichkeit zu stillen, oder daß die Regierung uns die Milch schenkungsweise geben wolle, oder daß wir reich genug wären, um sie uns kaufen zu können. In ihren Augen waren wir zwei monströse Wesen, denen gegenüber sie zu nichts verpflichtet waren, und die ihnen nie nützlich sein konnten. Sie konnten sich auch nicht vorstellen, daß mir unseren Durst mit ihrem roten Wasser zu stillen vermöchten, da es nur im Verein mit dem Mehl gekocht als Nahrung dienen konnte, rein getrunken dagegen ungesund, übrigens auch durch ein Gottesverbot ausgeschlossen war; ein Verbot, das niemand zu überschreiten versuchte, da er kein Vergnügen davon gehabt hätte. Denn nirgends denkt man daran, ein Gesetz zu übertreten, wenn nicht die Übertretung die Quelle einer Freude zu werden verspricht.

So redeten die Megamikren untereinander und dachten über die Unmöglichkeit uns zu ernähren nach; hätten wir damals schon ihre körperliche Beschaffenheit gekannt, so hätten wir ihrer Denkungsart nur beistimmen können, und hätten wir gewußt, daß unsere Ernährung täglich zehn Megamikren zum Hungern verurteilte, so wären wir sicher weder so ungerecht gewesen, dies zu verlangen, noch so unehrlich, darauf einzugehen; aber wir ahnten ja nichts davon. Wir wußten nicht, daß sie gerade Milch zur Lebensnahrung benötigten; ebensowenig, daß, wer Milch genießt, ohne einem andern Milch wiederzugeben, verdammt ist. Allenfalls ist es erlaubt, daß jemand, der sie nicht wiederzugeben vermag, sie verkauft, oder aus Wohltätigkeit hergibt. Jene, die uns beim Herauskommen aus der Kiste gestillt hatten, waren sehr reiche Megamikren und taten es teils aus Gutherzigkeit, teils aus besonderer Freundlichkeit. Sie wären imstande gewesen, sich an diesem Tage die Milch von einem Armen zu kaufen; doch sie fasteten lieber, als daß sie Aufsehen erregten. Denn es wäre eine Sünde gewesen, sich in die Notwendigkeit zu versetzen, Milch zu kaufen, um die bloße Laune eines anderen zu befriedigen. Die Megamikren, die uns später gestillt haben, waren stets Arme, die man dafür bezahlte, oder Verurteilte, oder Begnadigte, von denen ich Ihnen noch berichten werde.

Der Machthalter gab entsprechende Befehle; man schickte nach Milchgebern, die neben uns Platz nahmen und uns nach jedem Mus stillten, wozu sie fünfmal soviel Zeit brauchten wie zum Ernähren ihrer Volksgenossen. Dies verlängerte die Mahlzeit um zwanzig Minuten, was jedoch die allgemeine Fröhlichkeit nicht störte. Nach dem Räuchern rieben die Diener uns alle mit duftenden Kräutern ein; dieser Zeremonie hätten wir uns gerne entzogen, da sie uns zum Lachen reizte; doch mußten wir dem Beispiel der anderen folgen, von denen die Einreibung als fünfte Lebensbedingung betrachtet wird. Bei den Gastmählern, die man die Feste der großen Freude nennt, bei ihren entzückenden Landpartien und bei Hochzeitsfeiern, entbindet man die Diener dieser Pflicht und reibt sich gegenseitig ein, indem man die dazu erwählt, die man auszeichnen will. Es ist ein Höflichkeitsakt, wie wenn bei uns jemand auf einem Spaziergang einer Dame den Arm anbietet, wozu er seine eigene Frau nur im Notfall auserwählen wird. Die armen Leute dort reiben einander mit Feldgräsern und Feldblumen ein, die sie umsonst finden; die Reichen kaufen sie und müssen sie oft sehr teuer bezahlen, wenn es sich um besondere Pflanzenarten handelt. Deshalb blüht dort die Gärtnerei. Die teuersten Kräuter und die schönsten Blumen blühen dort ununterbrochen, nicht weil sie sich immer fortpflanzen, sondern weil die Megamikren ihr Leben zur höchsten Vollkommenheit zu bringen wissen. Um eine Blume so lange am Leben zu erhalten, wie dies erforderlich ist, muß der Gärtner die Erde stets feucht erhalten und sie regelmäßig mit dem Wasser begießen, das sich stets in der Nähe von Kräuter- und Blumenanpflanzungen befinden muß. Die dortige Erde hat die Eigenschaft, das Wasser sofort aufzusaugen. Das Stocken im Wachstum oder das Aufhören jener Bewegung, die sich bei Kräutern durch Zittern, bei Blumen durch langsame harmonische Bewegungen äußert, wird immer dem Unverstande ober der Nachlässigkeit des Gärtners zugeschrieben. Diese Lebensäußerung hört bei diesen kostbaren Pflanzen sonst nur auf, wenn sie geschnitten werden.

Wir verließen den Saal und gingen in einen großen viereckigen Garten mit zwölf Alleen hinüber. Diese Alleen waren mit Teppichen überdacht, die auf Säulen ruhten, die zwar nicht von Vibourius erfunden, aber doch hübsch und gut ausgedacht waren. Neben jeder gedeckten Allee lief eine unbedeckte von derselben Breite, deren Boden ein auserlesenes Beet mit Arabesken aus Laubwerk und kleinen exotischen Pflanzen bildete, zwischen denen die schönsten Blumen emporwuchsen. Diese Alleen waren nicht wie bei uns durch Hagebuchengänge eingeengt, die den Ausblick nach rechts und links verwehren, sondern von obeliskartig zugestutzten Anazesen voller Piniennüsse begrenzt, deren köstlicher Geschmack den zahnlosen Megamikren damals unbekannt war; mit der Zeit lehrten wir sie diese Frucht schätzen und die damit zubereiteten Speisen zählten dann zu den auserlesensten.

Eine besonders lange Allee, viermal so breit wie die anderen, teilte diese in zwei Teile, war unbedeckt und regelmäßig mit drei Klafter hohen Bäumen besetzt, was die größte dort erreichbare Höhe bedeutete. Menschen, von denen die größten zwanzig Zoll lang waren, mußte sie allerdings fabelhaft erscheinen. Diese Bäume nennt man die »heiligen«; sie sind mit Ausnahme der Anazos die einzigen fruchtbringenden Bäume; alle anderen bringen nur Laubwerk hervor. Diese Früchte dienen als einzige Nahrung großen Schlangen, die fortwährend auf den Bäumen leben, deren Äste und Blätter ihnen ein bequemes Lager bieten. Die Megamikren betrachteten diese Ungeheuer als ihre natürlichen Feinde, doch störten sie ihre Ruhe nicht, aus Furcht, sie könnten herunterkommen und ihren Zorn äußern, was die Vernichtung der unglücklichen Megamikren zur Folge gehabt hätte. Nur im Zorn erwiesen die Schlangen sich nämlich als Fleischfresser. Diese Bäume wurden also aus diesem Grunde besonders verehrt; die bedeutendsten Gärtner wurden dafür bezahlt, um sie durch Diener versorgen zu lassen und die mächtigen Herren ließen aus Luxuslaune ihre Landgärten von diesen Bäumen vollpflanzen. Jeder voll ausgewachsene Baum trug siebenhundertzwanzig Früchte und diese Zahl erneuerte sich bei jeder Ernte, die beiden Schlangen also, die auf dem Baum lagerten, hatten täglich zwei Früchte als Nahrung, da die Zeit von einer zur anderen Ernte hundertzwanzig Tage zu zwanzig von ihren Stunden oder zwölf von unseren Stunden beträgt. Die Schalen dieser Früchte, deren Saft die Schlangen ausgesaugt hatten, ihre Ausleerungen und abgeworfenen Häute fielen unter die Bäume und die Gärtner trugen diesen Unrat in eine mit gelöschtem Kalk gefüllte Grube, die sich zu diesem Zweck am Ende jedes Gartens befinden mußte. So sorgte man für diese Geißel, die unnütz war und doch aus Furcht und mehr noch aus Aberglauben verehrt wurde, was ich erst nach Jahren ihnen auszureden vermochte. Wenn diese Ungeheuer nach vierundzwanzig Jahren, die sechs Jahren unserer Rechnung gleich sind, starben, dann fallen sie von den Bäumen herunter und werden in dieselben Gruben versenkt. Sie sind drei Fuß lang und sechs Zoll dick; es sind gesteckte und beschuppte Reptilien, deren Köpfe den menschlichen ganz ähnlich sind, doch haben sie weder Hals noch Haare; nichts kann aber mit der Anmut ihres Blickes verglichen werben, er ist bestrickend für jeden, der sie anzuschauen sich traut. Sie haben Zähne aus weißen Knochen, die sehr scharf sind, die man aber nie sieht, da sie ihren Mund stets geschlossen halten; der einzige Klang, den sie hervorbringen, ist eine Art Zischen, das das Blut erstarren und die Zähne knirschen läßt und die Megamikren in die Flucht jagt, sobald sie es hören. Man sollte wähnen, daß die Angst vor diesen Untieren sie verhaßt machen müßte, doch ruft der ohnmächtige Haß stets Ehrfurcht hervor und führt sogar zur Vergötterung; der Grund ist der, daß der Haß Rache verlangt, die eine starke Leidenschaft ist. Wenn sie nun nicht imstande ist, das gehaßte Objekt zu vernichten, bedrückt sie den Geist, der sich ihrer entledigt, indem er sie in eine mildere Leidenschaft verwandelt, die seiner Natur und seiner Kraft besser entspricht. Das Volk war geneigt gewesen, den Schlangen einen religiösen Kultus darzubringen, doch erhoben dagegen die weisesten ihrer Theologen Einspruch, indem sie behaupteten, daß das Dogma vom guten und bösen Prinzip nur Kindern Schreck einflößen könne und eine dem Verstande widersprechende Abgötterei sei. Die Vermehrung dieses Ungeziefers geschieht durch zwei Eier, die so groß sind wie die unserer Truthähne, die sie kurz vor ihrem Tode ausbrüten. Obgleich ich ihre Körper aufmerksam beobachtet habe, bemerkte ich nie, daß sie in zwei Geschlechter geteilt waren.

Der Spaziergang in diesem Garten machte uns viel Freude, wir hörten mit Entzücken dem Gezwitscher tausender von Vögeln zu, die um uns herumflogen und sangen, ohne irgendwelche Furcht vor uns zu haben, da dort ihre Freiheit nirgends gehemmt wird und man es als ein Verbrechen ansehen würde, sie zu töten. Man ist dort fest überzeugt, daß die Vögel ihre Sprache haben, und viele Megamikren erlernen sie so weit, daß sie imstande sind, mit ihnen zu reden und richtige Antworten von ihnen zu erhalten; meinen Kindern gelang dies jedoch nicht.

Von diesem Garten aus gelangten wir durch ein Außentor in eine große Straße, wo die ganze Gesellschaft sich empfahl. Unsere Gastgeber luden uns sodann ein, einen schönen Wagen zu besteigen, vor dem kein Gespann sich befand. Der Gouverneur lenkte ihn selbst, indem er auf Federn drückte. Der Wagen schwang sich nach seinem Wunsch nach rechts oder links, rasch oder langsam vorwärts. Alle Reichen haben dort solche Wagen, die sie mit der größten Leichtigkeit aufziehen, wie wir dies mit unseren Uhren tun. Sie können in diesen Wagen die weitesten Reisen unbesorgt machen, denn da der Erdboden dort überall gleich ist, so unterliegt die Kraft des Wagens keinen wechselnden Einflüssen, als höchstens dem der verschiedenen Belastung; da den Besitzern aber die Tragkraft ihrer Wagen bekannt ist, so überlasten sie sie niemals.

Wir fuhren über eine große Straße, zu deren beiden Seiten sich Läden befanden, die alle Arten von Handwerkern und Künstlern beherbergten. Einige waren mit Tischlerarbeiten gefüllt, sowohl in Holz verfertigten, zum Beispiel Türen, Fenstern, Fußböden, Kästen, Tischen und Täfelungen, als auch mit Gegenständen aus Zinn, zum Beispiel mit Schrauben versehenen Formen, Spritzen und allerlei dergleichen mit Ausnahme von Tafelgeschirr. Ich sah Schmiede, Schlosser, sehr viele Klempner und Läden, wo man alles zu kaufen bekam, was Zimmerleute, Wagner, Küfer und Landleute an Werkzeugen brauchen. Man fand dort Hacken, Äxte, Zangen und Gartenmesser zum Schneiden und Putzen der Bäume. Ich sah auch schöne Läden, die alles enthielten, was zur Optik gehört, was zum Schmelzen von Metallen nötig ist, was zum Anfertigen von Musikinstrumenten gebraucht wird; ich sah Messerschmiede Scheren, Federmesser und jegliche Arten von Messern anfertigen. In besonders geräumigen Verkaufsläden sah ich die auserlesensten Möbel: Sessel, Sofas, Konsolen, Betten aus Holz und Metall, Sofaüberzüge aus Leinen mit verschiedenartigen Arabesken bestickt und mit eingewebten Blumen geschmückt. In anderen Läden sah man Räder zum Schleifen verschiedenfarbiger Diamanten, die bereits von anderen Arbeitern vorgeschnitten waren. Man bearbeitete auch die sehr harten Galaktiten, die dadurch glänzend, obwohl nicht durchsichtig wurden. Zahlreich waren dort vertreten die Schuster und Korbflechter und noch zahlreicher die Verkäufer von Schüsseln und Tellern, die aus verschiedenfarbigem Porzellan, aus Holz, aus Stein verfertigt werden; von Löffeln und Strohhalmen zum Einsaugen und Essen der Breisuppen. Sehr schön waren die elegant ausgestatteten Läden der Lackierer, Kunsttischler und Kunstdrechsler, die allerlei eingelegte Arbeiten machten; geräumig die Läden der Buchhändler, die Manuskripte, Papier, Federn und Tintenfässer mit bunter Tinte verkauften. Drucker gab es aber nicht, da die Buchdruckerkunst dort unbekannt war. Wir sahen Glaser, Spiegelfabrikanten und Farbenhändler, die Farben in Stücken, in Pulver und als Flüssigkeit, mit Wasser oder Gummi versetzt, verkauften; auch Fruchtsafthändler, die auch zu Würfeln eingekochte Säfte feilboten, wodurch ihre Suppen den verschiedenen Geschmack erhielten; sie hatten solche zu allen Preisen, und die teuersten waren in goldenen Behältern verschlossen. Man sah auch Kranzbinder und sehr viele Händler mit Kräutern und Blumen. Die Glasfabrikanten zeichneten sich besonders durch die Anfertigung von Lüstern, Lampen und Leuchtern aus, die alle mit Behältern für den Phosphor versorgt waren. Die seltensten, aber auch prachtvollsten Läden waren jene, in denen man den Phosphor auf Rechnung der Königskammer im großen verkaufte. Die Geschäfte werden dort, wie bei uns, durch Tausch oder gegen Münzen abgeschlossen. Die Münzen sind dort von zweierlei Art: aus einem roten, schmelzbaren, durchsichtigen und unverderblichen Metall, wie es bei uns das Gold ist, und in Form von Kügelchen aus sehr feinem, durchsichtigen Leder, die mit Phosphor gefüllt und dann so geschickt zusammengenäht werden, daß die Flüssigkeit nie entweicht. Das kleinste dieser Kügelchen wiegt eine, das größte hundert Unzen. Eine Unze der phosphorhaltigen Flüssigkeit kostet vierundzwanzig Unzen roten Goldes und eine Unze roten Goldes kostet vierundzwanzig Unzen Silber. Eine Silber-Unze ist die geringste Münze in jener Welt.

Da ich die dortigen Lebensverhältnisse gründlich erforscht habe und mich auch über die Preise der notwendigsten Eßwaren, über die Tagelöhne der Arbeiter, wie auch über die Gewerbetreibenden gebotenen Erleichterungen unterrichten ließ, so kann ich Ihnen, Mylords, versichern, daß das Leben in jener Welt nicht teuer ist und daß zum Bettler nur jemand wird, der nicht arbeiten will, was aber dort sehr selten vorkommt, denn die Megamikren scheuen die Langeweile über alles.

Diese schöne Straße lief in einen geräumigen hochgelegenen Platz ein. Die scharfe Steigung hätte den Wagen zum Stehen gebracht, wenn nicht der Gouverneur durch einen Druck auf eine Feder aus den Rädern des Wagens eiserne Spitzen hätte austreten lassen, die stark genug waren, ein Rutschen zu verhindern. Dieser Platz wurde vom Flusse umströmt und war von einem tiefer liegenden bedeckten Weg umgeben, zu dem man mittels einiger Stufen gelangte. Wir gingen zu Fuß hinunter. Weite Bauplätze dehnten sich dort aus, auf denen man Schiffe verschiedener Art zimmerte, und große Schuppen, worin man Teppiche für Schiffe, Straßen und für die Böden kleiner und großer Wohnungen webte.

In mehreren Magazinen machte man Kabeltaue und allerlei Seile und Schnüre. Wir besichtigten dort auch Säle, in denen man physikalische Experimente machte, Maschinen zusammenstellte, andere, wo gelehrte vom Staate bezahlte Chemiker die Jugend unterrichteten, die sich im Apothekerwesen ausbilden wollte, um dadurch die Kochkunst zu erlernen; denn es gibt dort keine Kranken, die einen Apotheker nötig hätten. Nur Professoren, die in dieser Kunst ausgebildet sind, dürfen ambulante Küchen betreiben, in denen Leute, die sich keine Köche halten können, ihr Essen kaufen.

Wenn die reichen Herren dort große Einkäufe und Bestellungen in Teppichen, Barken oder Phosphor machen und nicht sofort zahlen können, so finden sie Kredit nur gegen Hypotheken, die sie auf ihre Güter, Häuser oder Gärten aufnehmen. Sie nennen den Termin, bis zu dem sie sich zur Zahlung verpflichten; wenn sie zur angesagten Zeit nicht zahlen, so verkauft das Gericht auf Antrag des Gläubigers das mit der Hypothek belastete Gut; will der Gläubiger Aufschub gewähren, so hat er das Recht, ein Prozent jährlich an Zinsen zu nehmen, doch ist es nicht gestattet, Zinseszinsen zu nehmen, und wenn auch die Schuld Jahrhunderte alt wäre. Zinsenwucher sowohl wie die Verpfändung von Einkünften ist den Megamikren durch ein kirchliches Gebot verboten, denn nichts ist ihnen so verhaßt als die Belastung von Erbschaften und Schulden. Was ein Adliger niemals verkaufen oder mit Hypotheken belasten darf, ist die Gerichtsbarkeit, denn dazu gehört die Erlaubnis des Königs, die niemals erteilt wird.

Ihre Pferde und deren Erhaltung sind sehr kostspielig; sie fressen Gras, altern rasch und sterben alle an Trübsinn. Es ist das einzige Tier, das nie seine Stimme hören läßt, und diese Stummheit soll nach der Ansicht der Megamikren die Ursache ihrer hypochondrischen Laune sein. Ein Pferd lebt nie länger als achtundvierzig Megamikrenjahre; sie werden wie alle Tierleichen in Kalkgruben geworfen.

Wir bestiegen den Wagen und fuhren an den Fluß, über den wir auf einer schönen und großen Fähre an das andere Ufer befördert wurden, wo ein zwölfspänniger Wagen uns erwartete. Er brachte uns in zehn Minuten zu einem kleinen Kanal, über den wir, ohne aus dem Wagen zu steigen, auf einer von zwölf Rudern fortbewegten Fähre hinübergelangten. Außer Fähren gibt es dort auch schöne Brücken, die über Flüsse und Kanäle führen; sie sind für solche Leute bestimmt, die nicht die Mittel haben, sich den Weg durch die Überfahrt in Barken abzukürzen. Wir betraten sodann einen Palast und wurden in einem Saal, der durch einen großen Kandelaber mit goldenem Fußgestell erleuchtet war, mit wohlduftendem Rauch empfangen. Dann sahen wir den Abdala eintreten, der rechts und links von zwei Alfakinen gestützt wurde. Sein ganzer Leib strahlte, wie wir es schon im Tempel gesehen hatten; diesen Glanz bewirkt eine aus phosphorischem Lack hergestellte Schminke, mit der man auch Leinwand bestreichen kann. Nachdem er eine Begrüßung an uns gesungen hatte, setzte er sich; wir blieben stehen, und der Statthalter hielt ihm eine sehr ernste Ansprache. Wie ich später erfuhr, wies er darauf hin, daß er genötigt sei, uns zu ernähren und sich um die hierzu erforderlichen Mittel an das Kirchenoberhaupt wende. Der Abdala ließ eine Glocke erklingen, worauf zwölf Alfakinen mit Priesterbinden eintraten und uns mit sich führten. Nach einer Stunde ließ man uns wieder eintreten und der Statthalter erhielt die zustimmende Antwort des Abdalas. Hierauf traten wir den Rückweg an. Wir sahen unsere Wirte erst am nächsten Tage zur Mittagsstunde wieder. Sie traten mit zahlreicher Gefolgschaft bei uns ein. Nach einem viertelstündigen Instrumentalkonzert, das stets den Mahlzeiten vorausging, setzten wir uns zu Tisch. Sie behaupteten, diese Art von Musik wirke appetitanregend. Freude erleuchtete die hübschen Gesichter unserer Gastgeber, als zehn gefleckte Megamikren hereinkamen und hinter Elisabeth und mir Platz nahmen; es waren die von Abdala zu unserer Ernährung gesandten Leute. Sie schienen sehr ängstlich zu sein, doch beruhigten sie sich, als die Anwesenden sie freundlich ansprachen. Man hatte zehn Megamikren täglich zu unserer Ernährung bestimmt und da ein Tag bei ihnen aus zwanzig Stunden besteht, von denen jede sechsunddreißig Minuten lang ist, so entsprach dieses genau unseren zwölf Stunden. Diese Bestimmung hatte der Abdala getroffen. Es war entschieden die geringste für uns notwendige Zahl von Ernährern. Zwar hatten wir uns das erstemal an derselben Megamikrenzahl berauscht; doch geschah dies, weil wir erstens beide Brüste eines jeden bis auf den letzten Tropfen geleert hatten, während man gewöhnlich die Brust nur bis zur Hälfte leert, und zweitens, weil wir damals nur gesaugt hatten, ohne Musgerichte dazwischen zu essen. Jetzt aber muß ich Ihnen, Mylords, von unseren Ammen erzählen und wie diese braven Menschen beschaffen waren, die unseretwegen hungern mußten.

Die Religion aller Megamikren kennt nur ein einziges Oberhaupt. Den großen Helion oder Genius der Sonne, den Ausleger des göttlichen Willens. Sie halten ihn für unsterblich, obwohl er einen Anfang hatte. Er ist sehr mächtig, denn ihm gehört ein Königreich, und er gebietet über vier große und vier kleinere Lehensstaaten. Sein Reich war von jenem, worin wir uns befanden, um den halben Durchmesser ihres Globus entfernt. Jedes Königreich, jeder Freistaat, jeder Lehensstaat hat in seiner Hauptstadt einen nur vom großen Helion abhängigen Bischof, der sozusagen dessen Minister ist. Alle anderen Städte der Königreiche, Republiken und Lehensstaaten haben Abdalas, die den Bischöfen untergeordnet sind. Der Abdala der Stadt, in der wir uns befanden, gab dem Bischof die Nachricht von unserer wunderbaren Ankunft und berichtete regelmäßig durch besondere Boten alles, was auf uns Bezug hatte. Er hatte die wundervolle Auffahrt des Daches unserer Kiste zur Sonne empor in so lebhaften Farben geschildert, daß er nicht umhin konnte, uns die Nahrung zu liefern, deren wir bedurften, um am Leben zu bleiben; er mußte befürchten, daß der Statthalter es übernehmen würde, uns im Namen des Königs mit dem Notwendigen zu versorgen, und daß dadurch die geistliche Behörde jedes Recht auf unsere Personen verlieren würde. Ohne das Wunder der Kistensonnenfahrt wären wir ohne Zweifel der königlichen Oberhoheit unterworfen gewesen. So sah der Abdala sich verpflichtet, für uns zu sorgen, zum wenigsten bis zum Empfang der Antwort seines Bischofs. Mit Zustimmung seines Rates befahl er nun, daß von den Megamikren, die in den geistlichen Gefängnissen gehalten werden, täglich zehn ins Haus des königlichen Statthalters geschickt würden, um uns zu stillen, hierauf aber wieder an den Ort ihrer Bestrafung zurückgeführt werden sollten; dank dieser Anordnung griff unsere Ernährung die Kasse der Geistlichkeit keineswegs an.

Nun aber erscheint es angemessen, Ihnen zu sagen, wie es kam, daß der Abdala eine so große Zahl von Gefangenen zu seiner Verfügung hatte.

Die von Natur sehr frommen Megamikren sind schüchtern und abergläubisch, daher in allem sehr unentschlossen, stets schwankend und skrupelvoll; die Folge davon ist, daß sie sich niemals etwas Wichtiges zu unternehmen trauen, ohne vorher durch den Abdala oder dessen Vertreter das Orakel zu befragen. Der Orakelverkündiger darf die Frage erst nach zwölf Stunden beantworten, da man ihm Zeit lassen muß, den Spruch erst von Gott zu empfangen, der ihm seinen Willen nur im Traum offenbart. Der fromme Geistliche muß sich also rasch den nötigen Schlaf verschaffen; dies geschieht dadurch, daß er sich einen Rausch antrinkt, indem er eine doppelte Dosis Milch saugt. Zu diesem Zweck muß also der Hofstaat des Abbalas zu seiner Verfügung stets Ammen haben. Die Reichen, die ein Orakel wünschen, können für die Beschaffung einer armen Berufsamme zahlen; wie aber die Wünsche Mittelloser erfüllen, deren Zahl natürlich stets größer ist als die der Reichen, und die noch mehr als diese eines Rates bedürfen. Es mußte um so mehr dafür vorgesorgt werden, da zwar jeder Abdala seinen Unzertrennlichen hat, der ihm den Rausch verschaffen kann, zugleich aber auch dieser sich einen antrinken mußte, denn es besteht die unantastbare Vorschrift, daß die erhaltene Nahrung stets mit dem gleichen Maß erwidert werden soll. Wozu aber dem Unzertrennlichen einen zwecklosen Rausch verschaffen? Die stets den Armen gutgesinnte Gerichtsbarkeit sendet deshalb alle Schuldigen in die geistlichen Gefängnisse, und die Strafe besteht darin, daß sie ihre Milch den Alfakinen spenden. Diese Strafe dauert drei Tage bei leichteren, bis zu zehn Tagen bei schwereren Übertretungen, je nach dem Urteil der weltlichen Richter, die die Schuldigen ins Gefängnis schicken, oder der Alfakinen, wenn der Gefangene sich eines Vergehens gegen geistliche Gebote schuldig gemacht hat. Die Verurteilung darf niemals zehn Tage überschreiten, weil sonst der Megamikre seine Milch für immer verlieren würde und sich die zum Leben nötige Nahrung erbetteln müßte. Vermögende Schuldige entziehen sich dem Zwang, die Alfakinen ernähren zu müssen, dadurch, daß sie eine entsprechende Buße zahlen. Niemals geschieht es, daß ein Megamikre ohne seinen Unzertrennlichen ins Gefängnis geschickt wird; der letztere muß also dieselbe Schuld abbüßen wie der andere, da es nach den dortigen Ansichten nicht möglich erscheint, daß er nicht desselben Verbrechens schuldig wäre, zum wenigsten nicht darin eingewilligt hätte. Es ist ja sehr wahrscheinlich, daß der Unzertrennliche oft vollkommen unschuldig ist; doch glauben Sie nicht, daß er sich der Mitstrafe zu entziehen sucht; im Gegenteil er erträgt sie mit Ruhe und Ergebenheit; ein Beweis für die harmonische Eintracht ihrer Verbindungen. Die weltlichen Richter sind verpflichtet, alle Sträflinge in die Tempelgefängnisse einzuliefern, mit Ausnahme der Staatsverbrecher und der wegen Schulden Verhafteten.

Die Alfakinen steigen in der Achtung des Volkes so hoch, indem sie behaupten, daß die Strenge des Gesetzes sie zwingt, beinahe totberauscht zu sein, um sich den schwarzen Schlaf zu verschaffen. Sie behaupten aber, daß sie sich willig opfern, um nur den Sterblichen sich nützlich zu erweisen, die ohne Erleuchtung durch ihr Orakel nur Dummheiten machen würden. Zur Kritik neigende Megamikren behaupten, daß zwar die Trunkenheit die sichtbaren Reize der Jugend bald verwische, dafür aber die Lust des Rausches die stärkste überhaupt denkbare Lust sei; sie wollen dadurch das Verdienst der Alfakinen verkleinern; diese aber lassen sie ruhig reden. Die Frommen hingegen versichern, dieses Augenblicksvergnügen sei eine wahre Bußübung seitens der Alfakinen, denn sie beraubten sich zum Wohl der Allgemeinheit des Vergnügens frommer Betrachtung – einer Seelenlust, die viel stärker sei, als das vergängliche Vergnügen, seine Vernunft im Rausch zu ersticken. Daß ihr Schlaf durchaus verdienstlich und Gott wohlgefällig sei, gehe offenkundig daraus hervor, daß das höchste Wesen ihnen in diesem Zustand seinen Willen anvertraue. Fromme Gefangene geben daher lieber ihre Milch her, als daß sie zahlen; sie glauben dadurch an der verdienstlichen Handlung der Alfakinen teilzuhaben. Aufgeklärtere meinen allerdings, es könne wohl auch eine Regung ihres Geizes sein, die die Frommen dazu treibe.

Dieser Schlaf ruft nicht nur häßliche Merkmale des Alters an Gesicht und Körper hervor, sondern verursacht auch sehr oft tödliche Schlaganfälle; dies erhöht natürlich beim Volk das Ansehen der Alfakinen noch mehr, denn die Opfer dieser Schlaganfälle können nur als Märtyrer angesehen werden. Die Seele eines auf diese Weise plötzlich gestorbenen Alfakinen geht nach ihrer Meinung auf geradestem Wege zur Sonne ein, um fortan in den ewigen Wonnen der Glückseligkeit zu schwelgen.

Der Glaube an die Unsterblichkeit der Seele ist bei den Megamikren ebenso alt wie ihre Welt. Er bestand schon vor der Erschaffung ihres Geschlechts, aber er hat nichts mit dem platonischen System gemein, das sie sicherlich nie gekannt haben. Der Glaube an einen Gott, als an ein unsterbliches, immaterielles, unerschaffenes Wesen fällt ihrem Begriffsvermögen leichter, als der Glaube an die Seele, deren Existenz, obgleich immateriell, doch beschränkt ist und die niemals in das Nichts zurückkehren kann, aus dem sie geschaffen wurde. Sie verstehen und begreifen vollkommen die reine Spiritualität; es fällt ihnen daher nicht schwer, zu sagen, daß die Seelen der Glückseligen sich zwar in der Sonne befinden, trotzdem aber dort keinen Platz einnehmen können, da die Voraussetzung für das Einnehmen von Platz das Vorhandensein eines materiellen Körpers wäre; infolgedessen können die Seelen sich sowohl im Menschen wie sonst nur übersinnlich befinden, und da ihre Grenzen nur übersinnlich sind, so ist das Dasein der Seele viel schwieriger zu begreifen, als selbst das Dasein Gottes, dessen Unermeßlichkeit selbstverständlich ist, sobald man seine Unkörperlichkeit angenommen hat. Das Dasein der Seele ist daher, eben weil sie örtlich beschränkt ist, doppelt so schwer zu begreifen wie das Dasein Gottes. Man kann sie jedoch nur auf diese Weise folgern.

Die Megamikren glauben an einen unerschaffenen, unsterblichen, einzigen, aber an Substanz wie an Allmacht aus drei Einheiten bestehenden, unsichtbaren, nicht körperlichen, sondern nur geistigen Gott, der überall ist. Da er unmöglich nicht überall sein kann, der in der Leere sowohl wie in der Fülle überall vorhanden ist, sogar in den Orten, die von der Materie ausgefüllt sind, deren Undurchdringlichkeit für ihn nicht vorhanden ist, so ist es nur folgerichtig, wenn sie annehmen, daß eine geistige Betätigung seines allmächtigen Willens das ganze Weltall mit allem, was daran materiell und immateriell ist, erschaffen und ihm Gestalt, Leben und Bewegung gegeben hat.

Auf die Einzelheiten eingehend, sagen sie, Gott habe vor allem eine unermeßliche Anzahl immaterieller Intelligenzen geschaffen. Ihren Schöpfer anzuschauen, war das höchste Gut und Glück dieser Wesen, bis Gott sich entschloß, sie durch ihr Verdienst die Möglichkeit einer Teilnahme an seiner Herrlichkeit erlangen zu lassen. Zu diesem Zweck schuf er die Sonne, die durch ihr Erscheinen das Weltall verdichtete, in dem sie in gleicher Entfernung von der sie umkreisenden festen Materie eine weite Atmosphäre bildete. Diese feste Materie aber befruchtete sie, so daß die ganze von ihren Strahlen beschienene Oberfläche sich mit lebenden Wesen füllte.

Unter den tausendfachen Arten von Tieren, die, dank der Sonne, die Materie erzeugte, bemerkte Gott ein rotes Paar, dessen besonders vorteilhafte Gestaltung ihm ermöglichte, alle Tugenden auszuüben, alle Wissenschaften zu begreifen, da dieses Paar in seinem Kopf ein Organ besaß, durch das es sich an die Gedanken seines Geistes erinnern und worin es alle erworbenen Kenntnisse aufschreiben konnte. Gott sah nun, daß diesem Organe nur noch die Vernunft fehlte, um Gedächtnis zu werden; außerdem besaß das Paar einen wenn auch nur materiellen Willen und einen sehr entwickelten Instinkt. Da sprach Gott: »Hier ist das glückliche Wesen, durch das ich meinen Seelen ermöglichen will, vollkommen glücklich zu werden, und hier sind die Seelen, die dieses Paar ebenfalls vollkommen glücklich machen werden. Diese Körper werde ich meinen göttlichen Intelligenzen geben, denen ich dafür befehlen werde, sie durch die Vernunft zu leiten und die Fehler zu verhindern, die sie während ihres natürlichen Lebenslaufes begehen könnten, wenn sie ihrem durch die Sinne verwirrten Willen folgten. Bleiben sie dann meinen Geboten und den ihnen von mir auferlegten Pflichten treu, dann werden sie nach ihrer Loslösung von diesen Leibern in die Ewigkeit übergehen dürfen, um an meiner Glorie teilzunehmen. Sie sollen das Erinnerungsvermögen behalten, das sie sich auf Erden während ihrer untrennbaren Vereinigung mit den sterblichen Hüllen zu ihrer göttlichen Natur hinzuerworben haben. Zugleich werde ich auch das irdische Tier glücklich machen, das dadurch unsterblich werden wird, indem es im Gedächtnis und mittels diesem sich mit der Seele eins fühlt, ohne die es mit seinem Tode zu Staub würde. Dies materielle Geschöpf wird immer lasterhafte, von seinen Leidenschaften abhängige Neigungen haben, die sich gegen seine Pflichten und gegen die ihm von mir gegebenen Gebote auflehnen werden; doch wird die Seele über ihm wachen, ihm stets die nach der kurzen Lebensfrist seiner harrende Belohnung in Erinnerung bringen und es zur Pflichterfüllung aneifern. Und das Geschöpf wird sich von der Seele beeinflussen lassen, denn wenn es sich auflehnt, werde ich der Seele unumschränkte Macht geben, es vom Bösen abzuhalten. Wenn aber die Seele, die ihr von mir gegebene Macht mißbraucht, wenn sie sich ihrer nicht bedient, um das irdische Tier auch gegen seinen eigenen Willen zu retten, wenn sie selbst den Verlockungen und bösen tierischen Neigungen unterliegt, wenn sie nicht die meisten Neigungen des Individuums, dem ich sie zugewiesen, als ihre Feinde betrachtet, so werde ich sie durch ewige Verdammnis dafür bestrafen; ihre Hölle aber wird das Gedächtnis eben jenes Wesens sein, das mit ihr gelebt hat und weiter leben wird. So wird sie sich stets erinnern, daß sie sich durch ihre schlechte Aufführung nicht nur um die versprochene Belohnung, nämlich ihren Anteil an meiner ewigen Glorie, gebracht hat, sondern auch das früher genossene Glück, mich anschauen zu dürfen, verloren hat, und sie wird mich keiner Ungerechtigkeit beschuldigen können, da ich ihr die Macht gab, die Taten und sogar die bösen Absichten des von ihr belebten Leibes zu lenken und somit ihr Heil zu finden. Die Strafe des Wesens, das den Regungen seiner göttlichen Seele widerstanden hat, wird darin bestehen, daß es durch das beiden gemeinsame Gedächtnis sich selber zur Seele geworden sieht, deren Schmerzen mitfühlt und sich selbst haßt, indem es sich als die Ursache seines ewigen Unglücks haßt. Die Höllenstrafe dieser verdammten Geister wird darin bestehen, daß diese grausam peinigenden Gedanken sie nie verlassen. Sie wirb bestehen in einer steten Sehnsucht, einer zu späten Reue und in der Vorstellung, baß sie sich selbst auf ewig in der Hölle befinden, die in der Mitte zwischen Erde und Sonne liegen wird, wo sie nichts werden sehen können und wo sie immer an die verscherzte Seligkeit denken müssen, ohne Hoffnung, sie je erreichen zu können, ihrer irdischen Güter verlustig und sogar ohne den schwachen Trost von den dort zurückgelassenen Lieben jemals etwas erfahren zu können.«

Gott, – sagen die Megamikren weiter – gab der Seele alle diese Gebote während der zwölf ersten Lebensjahre des ersten Menschen, dem sie eingehaucht wurde. Ihr dies vor ihrer Absendung mitzuteilen, wäre zwecklos gewesen, da sie noch kein Gedächtnis besaß. Deshalb kann ein mit seiner Seele vereinter Megamikre sich nicht seines Daseins vor seiner Entstehung entsinnen. Das Erinnerungsvermögen des Megamikren kann nur nach seinem Tode ein wesentlicher Teil seiner Seele werden, und dann ist er mit ihr vollkommen zu einem und demselben Wesen geworden. Der Megamikre ist hienieden glücklich, wenn er sicher ist, daß die Vernunft nichts anderes als seine Seele ist; wer davon nicht überzeugt ist und ihr nicht stets blindlings folgt, der ist für die Ewigkeit verloren.

Die Megamikren beten die Sonne an, weil sie in ihr den Schöpfer erkennen und weil sie glauben, daß sie ihnen aus eigenem Willen tausend Wohltaten erweist, die zu erweisen ihr von dem Allmächtigen, der sie schuf, nicht befohlen wurde. Sie ist, nach ihrer Meinung, sehr mächtig, sehr weise und von ihr empfing der erste Megamikre das Gesetz der religiösen und bürgerlichen Ordnung, obwohl die Handhabung der letzteren den weltlichen Gerichten obliegt.

Sie sagen, Gott wirke unaufhörlich, der Mensch aber wisse nicht, was Er tue und wie Er handle, da Gottes Wirken nur von diesem selbst begriffen werben könne; Gott selbst würde nicht imstande sein, dem Menschen die Gabe des Verstehens ohne die Gabe des Wirkens zu erteilen; bei Gott müsse Verstehen und Wirken einerlei sein. Die Allmacht besteht nach ihnen in der Fähigkeit, alles Begreifbare und Wirkliche auch zu machen; nur was Gott nicht begreift, vermag er nicht zu machen. Es ist aber nicht mit seinem Wesen vereinbar, daß er etwas nicht begreift außer sich selber.

Gott kann nicht seinesgleichen erschaffen, weil er sich selbst nicht begreifen kann, und er kann sich selber nicht begreifen, weil er nicht seinesgleichen schaffen kann. Diese Behauptung ist durchaus folgerichtig; denn nur in Gott allein ist mit dem Begreifen die gleichzeitige Vollziehung verbunden. Ob Gott sich begreifen kann oder nicht, ist für die Megamikren keine Streitfrage. Sie sagen: Um eine Sache vollkommen zu begreifen, muß man deren Entstehung begreifen: da Gott keinen Anfang hat, so ist es unmöglich, daß er sich begreift. Sie sagen, die Befolgung der Gebote Gottes sei die einzige Huldigung, die man Gott darbringen könne; denn der Mensch könne keinen Kultus erfinden, der ihm angemessen sei. Sie behaupten, Gott anzubeten, indem sie die von ihm erschaffene Sonne anbeten, und halten alle, die dies als Götzendienst bezeichnen, für Dummköpfe. Sie sagen, der Ungläubige, das heißt jemand, der sich nicht vorstellen kann, daß es einen Gott gibt, könne nicht zu den denkenden Wesen gerechnet werden. »Denkend« sei jemand nur, wenn er die Unmöglichkeit des Nichtvorhandenseins einer Ursache des Denkens fühle, diese Ursache könne aber nur Gott sein. – Sie geben allerdings zu, daß dies auf eins herauskomme: denn diese große Fähigkeit könne der Materie nur von Gott verliehen sein.

Unsere zehn Milchgeber bedienten uns sehr gut und die Musgerichte waren vorzüglich. Wir aßen für zehn und brauchten zum Saugen fünfmal so viel Zeit wie ein Megamikre.

Unsere Gastgeber lachten eines Tages sehr, als einer unserer Milchgeber seine Lippen an Elisabeths Brust legte und von ihr zurückgestoßen wurde. Er geriet darüber in Wut und warf ihr eine Menge Schimpfworte an den Kopf, die die ganze Gesellschaft belustigten.

Zwei Wochen nach unserer Ankunft befanden wir uns mit unseren Gastgebern im Garten, als wir zu unserem Erstaunen einen großen Vogel auf uns zufliegen sahen; als er uns näher kam, merkten wir, daß es kein Vogel, sondern ein geflügeltes Pferd war. Zwei Megamikren saßen auf ihm; es hielt dicht vor dem Gartentor des Gouverneurs an, der den vornehmen Ankömmlingen sofort entgegeneilte. Neugierig folgten wir ihm. Sie stiegen ab und übergaben ihm ihr seltsames Flugtier. Er küßte dessen eine Flügelspitze und führte es sogleich in einen besonderen Stall, den er verschloß und vor dessen Tür er zwei Megamikren als Wache postierte. Sodann ging er wieder seinen Gästen entgegen, sang und tanzte vor ihnen mit seinem Unzertrennlichen. Alle vier gingen dann in ein Zimmer, wo sie länger als eine Stunde verblieben. Hierauf stiegen sie in einen geschlossenen Wagen und begaben sich zum Abdala, bei dem sie bis zur Mahlzeit blieben, zu der der Gouverneur die vornehmen Megamikren der ganzen Stadt eingeladen hatte. Wir sahen alledem zu, ohne das geringste davon zu verstehen. Doch ließen uns ihre stets auf uns gerichteten Blicke vermuten, daß wir den Gegenstand ihres Gespräches bildeten.

Nach dem Mittagessen näherten sie sich uns, betasteten uns und sprangen sodann mit unseren Gastgebern in den Fluß, offenbar, um die Stelle zu sehen, wo wir in der Kiste waren gefunden worden. Als sie zurückkamen, wurden sie abgetrocknet und mit wohlriechenden Pflanzen eingerieben, wonach der Obergeometer und der Obergeograph der Stadt ihnen aufs Pferd halfen. Sie führten das edle Tier zu einer Rampe, wo sie seine Flügel losließen. Die Besucher aber flogen davon, von den Freudenrufen der ganzen Bevölkerung begleitet, die ihnen glückliche Reise wünschte und fröhliche Lieder dazu sang. Wir verfolgten sie mit den Blicken so lange, bis wir sie aus den Augen verloren.

Der Flieger war ein königlicher Geheimschreiber, der mit seinem Unzertrennlichen dem Gouverneur einen uns angehenden Befehl des Königs, seines Herrn, zu überbringen hatte. Als der Abdala dem Statthalter seine Absicht mitteilte, unsere Angelegenheit dem Bischof zu unterbreiten, damit dieser sie dem großen Helion vorlege, beeilte der Statthalter sich, durch einen besonderen Eilboten sein Urteil hierüber dem König zu unterbreiten, und da der König wie alle Herrscher der dortigen Welt, geflügelte Pferde besaß, so übersandte er auf diese Art auf dem kürzesten Weg dem Gouverneur seinen Willen. Er befahl ihm, falls der Abdala uns die Nahrung verweigern sollte, uns auf Staatskosten zu verpflegen und zwar so lange, bis man das Orakel vom großen Helion bekäme. Er empfahl ihm, uns in der Sprache der Megamikren unterrichten zu lassen, um uns an den Hof zu senden, sobald wir diese erlernt hätten. Vier Tage später erhielt der Abdala durch einen Boten vom Patriarchen den Auftrag, für unsere Ernährung zu sorgen, unser Tun und Wirken scharf zu beobachten und sich sogar zu bemühen, uns in seine Gewalt zu bringen, falls der Gouverneur Lust bekommen sollte, sich unser zu entledigen. Der Statthalter erfuhr dies durch einen Spion, den er im Hause des Abdala hielt. Der Bischof sagte, er würde dem Abdala seine weiteren Befehle erteilen, sobald er den Willen des großen Helion erführe.

Auf diese Antworten wartend, lebten wir gemütlich weiter, lernten die Sprache, begleiteten oft unsere Gastgeber zum Flusse, wo wir ihnen zusahen, wie sie hinabtauchten, da wir selbst diese Fähigkeit nicht besaßen. Wir lernten aber ziemlich gut, auf dem Wasser zu schwimmen, was uns sogar Vergnügen machte und wofür wir später noch Gott zu danken hatten; denn hätten wir dies nicht erlernt, so wären wir heute nicht hier, Mylords.

Die reichen Herren besaßen an der tiefsten Stelle des Flusses ausgegrabene Kabinen, die sie Fischotterbaue nannten, und in denen sie oft einige Ruhestunden genossen; dies bot ihnen ein großes Vergnügen, das die Armen nicht kannten, da solche Kabinen sehr viel Geld kosteten und die Erlaubnis, sie zu bauen nur von der Regierung erteilt wurde.

Es wurde mir nie gestattet, einen toten Megamikren zu sezieren. Das tut mir sehr leid; ich hätte dadurch den Mechanismus ihrer Gestaltung kennengelernt und viel Neues erfahren über ihre Fähigkeit, im Wasser zu atmen, wie auch über ihre Fortpflanzung, die ganz anders ist als die unsere. Die Fische und Vögel, die sie fangen, werden nie getötet; sie haben kleine Käfige, um darin die Vögel, kleine Teiche in ihren Gärten, um darin die Fische zu halten, und fangen sie nur zum Vergnügen. Sie reiten auch auf die Jagd; eines Tages nahmen sie uns aus Höflichkeit in einem Wagen mit, um dies anzusehen. Das Wild wurde gehetzt und sobald die Hunde es eingefangen hatten, wurden sie geherzt, die Beute aber wurde losgelassen. Ich sagte Hunde; eigentlich waren diese jagenden Tiere keine richtigen Hunde; doch waren sie diesen durch den Instinkt verwandt. Das Wild war von verschiedener Gattung, doch so klein, daß ich es nur mit unseren Mäusen vergleichen kann. Wir konnten dieser Jagd kein Vergnügen abgewinnen, da wir zu groß waren, um ihre Pferde zu reiten, und ihnen im Wagen nicht folgen konnten; die Jagd zu Fuß aber wäre zu ermüdend gewesen.

Das erste, was wir erfuhren, als uns ihre Sprache vertraut wurde, war die überraschende Tatsache, daß wir dem Volk Gegenstand des Hasses und der Angst waren. Einige Sophisten, die trotz dem Beschluß ihrer rechtgläubigen Theologen, an der Lehre vom guten und bösen Prinzip festhielten, behaupteten, wir könnten nur zwei Ungeheuer sein, die die gottesfeindliche dunkle Macht aus den Tiefen der Erde entsandt hätte; wir könnten nur Unheil verkünden, da aus unserer eigentümlichen Gestalt ersichtlich sei, daß wir nicht aus der Sonne hervorgegangen seien. Dieses Volksgerede war nicht ganz unsinnig; bei uns auf der Erde hätte man es wohl nicht besser gemacht, vielleicht noch ärger sogar. Hätte dieser Eindruck fortgedauert, so hätte dies für uns schlimme Folgen haben können, doch traten Ereignisse ein, die die Volksmeinung zu unseren Gunsten umstimmten. Die böse Meinung über uns flößten ihnen die Alfakinen ein, indem sie einigen Megamikren das Orakelurteil verweigerten; sie behaupteten, nicht genügend Milch zum Hervorrufen des schwarzen Schlafes zu haben, seitdem sie zu unserer Ernährung Milchgeber senden mußten. Dies genügte selbstverständlich, um gegen uns die ärmere Klasse und abergläubische Frömmler aufzuhetzen, die auf der ganzen Welt die gefährlichsten Menschen sind. Auch der Abdala liebte uns nicht und ließ uns während vier Ernten – was einem unserer Jahre entspricht – die Nahrung nur aus Politik zukommen, um ein Anrecht auf uns zu haben und zu verhindern, daß wir von der weltlichen Behörde abhängig würden; denn seiner Meinung nach konnte der große Helion mit dem uns bereiteten Empfang nicht einverstanden sein. »Was sollen wir,« sagte er, »mit diesen beiden Maschinen anfangen, die uns keinen Nutzen bringen und deren Erhaltung uns so teuer zu stehen kommt?«

Wir sahen selbst die uns drohende Gefahr ein und hofften nur auf einen glücklichen Zufall, der das schlimmste von uns abwenden möchte. Wir begriffen sehr wohl, daß wir uns dieser Welt unentbehrlich oder doch wenigstens sehr nützlich machen mußten, um unsererseits dort glücklich sein zu können. Darum dachten wir auch darüber nach, auf welche Weise dies zu erreichen wäre.

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