Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Giacomo Casanova >

Eduard und Elisabeth bei den Megamikren

Giacomo Casanova: Eduard und Elisabeth bei den Megamikren - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorGiacomo Casanova
titleEduard und Elisabeth bei den Megamikren
publisherBenjamin Harz Verlag
printrun1. - 5. Tausend
translatorHeinrich Conrad
year1923
firstpub1923
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectidb346cf11
created20061112
Schließen

Navigation:

Meine erste Bewegung ging dahin, eins der Löcher zu öffnen; doch wie groß war unsere Bestürzung, als wir klares Wasser zu uns eindringen sahen! Schnell schraubte ich das Fernglas wieder hinein, doch nicht ohne vorher von diesem merkwürdigen Wasser zu kosten; meine Frau äußerte denselben Wunsch und wir fanden es trinkbarer als das Wasser der Themse. Sodann stärkten wir uns wieder mit Branntwein. Alle diese Bewegungen brachten uns wieder zu uns und wir fühlten uns imstande, dem Tode noch eine Weile trotzen zu können. Doch hielten wir ihn für unentrinnbar, denn wir mußten uns auf dem Grunde eines Meeres oder Flusses befinden, und es schien keine Möglichkeit vorhanden, von dort zu entkommen.

Neugierig, wie spät es sein könnte, sah ich zu meinem größten Staunen, daß es zwölf Minuten vor eins war. Wir hatten also kaum zweieinhalb Stunden alle diese Qualen ertragen, während es uns vorgekommen war, als wäre wenigstens ein Tag vergangen. Wir glaubten, daß wir unser Leben der zweimaligen Wanderung des Magneten verdankten; wir versuchten ihn von der Stelle, wo er sich jetzt befand, zu entfernen, doch alle unsere Anstrengungen waren vergeblich.

Wir lagen auf einem Flußgrund, der sich nach unserer Befreiung als ein marmorharter Stein erwies. Wir fanden später unter den gelehrtesten Megamikren nicht einen, der uns hätte sagen können, daß unterhalb des Ortes, wo wir uns befanden, ein Durchlaß anzunehmen wäre, durch den wir dahin hätten gelangen können. Man sah nur lange Adern im Gestein, die jedoch nicht so aussahen, als ob sie Zeichen von einem Durchbruch wären. Doch ist es sicher, daß wir nie dorthin gelangt wären, wenn nicht dieser Grund sich geöffnet und sodann durch eine Kraft sich wieder geschlossen hätte, die wir niemals haben ausfindig machen können.

Nachdem wir etwas Branntwein getrunken hatten, flößte uns die unerwartete Neuheit unserer Lage neuen Mut ein. Wir glaubten hoffen zu dürfen, daß die Vorsehung uns Mittel geben werde, uns aus dieser Lage zu befreien. Nachdem wir mit ihrer Hilfe so viele Gefahren überstanden hatten, schien die, worin wir uns jetzt noch befanden, uns nicht unüberwindlich. So denken alle »pejora passi«. Doch wenn uns das Glück hold sein wollte, so mußte es sich beeilen, denn wir waren dem Unterliegen doch schon nahe. Wäre die Kiste kleiner gewesen, so waren wir bereits tot.

Wir kauerten nieder, denn wir waren nicht imstande, aufrecht zu stehen und befanden uns in einer Art von Todeskampf. Da bemerkten wir zwei rotgefärbte Wesen, die unsere Kiste drei bis viermal umkreisten. Sie näherten sich ihr, betrachteten sie aufmerksam und berührten die Ferngläser. Das hätte uns nicht erstaunt, wenn es Fische gewesen wären, doch unsere Verwunderung war groß, als wir bemerkten, daß diese kleinen Wesen uns sehr ähnlich sahen. Sie schienen Männer zu sein, doch hatten sie weibliche Brüste; auf dem Kopf hatten sie eine Art Hüte, die ihre Augen verdeckten, bis zu ihren Ohren reichten und auf der Stirn zurückgebogen waren. Die beiden Wesen verständigten sich miteinander durch Zeichen und entfernten sich dann, um jedoch bald wieder zurückzukehren, diesmal in Begleitung von einigen anderen, die ihnen ganz ähnlich sahen, doch andersfarbig waren. Sie waren alle genau eine Elle hoch. Wiederum besahen sie unsere Kiste. Um ihre Neugier noch mehr zu spannen, zogen wir die Ferngläser zur Hälfte ein, nachdem wir sie zuerst herausgestoßen hatten. Hierauf entfernten sie sich alle. Dieses Hin und Her flößte uns Vertrauen ein.

Nach kaum einer Viertelstunde sahen wie uns von einer erstaunlichen Menge dieser Wesen von verschiedenen Farben umringt, nur waren keine Weißen und keine Schwarzen unter ihnen; die Mehrzahl war gefleckt. Rote wie jene, die wir zuerst sahen, waren sehr selten. Sonst waren ihre Gestalten ganz so ebenmäßig wie die unseren und sie hatten hübsche Gesichter; ihr Alter schien uns zwischen zehn und zwölf Jahren zu sein, trotz ihrer Große, die jene eines Säuglings war; ihre Haare waren kurz und teils gelockt, teils gekräuselt und wie die Haut verschiedenfarbig, die der Roten aber waren von einem sanften Grün; oberhalb der Brauen hatten alle jene bereits erwähnten Kopfbedeckungen, die in der größten Breite kaum zwei Zoll maßen; sie liefen nach den Ohren immer schmäler zu und waren, wie wir später erfuhren, ihnen angeboren, ein Knorpel von etwas größerer Steife als unsere Ohren es sind und von der Form einer halben Ellipse.

Diese niedlichen Persönchen schwammen wie Fische und brauchten doch dazu weder Schwanz noch Flosse; sie schwangen ihre Händchen, purzelten und zappelten mit solcher Leichtigkeit, wie wenn das Wasser ihr wahres Element wäre; wir hatten große Furcht vor ihnen. Wir bemerkten das Staunen zweier Roter über die Händesprache eines von denen, die wir zuerst gesehen hatten. Er berührte gestikulierend die Spitzen unserer Ferngläser. Als wir merkten, worüber sie sprachen, zogen wir wieder die Ferngläser aus und ein, und dieses Wunder brachte sie auf den Schluß, daß unsere Kiste irgendein Untier sei oder lebende Wesen enthalten müsse. Die Gebärden, mit denen sie ihre Gedanken aussprachen, waren so rasch und mannigfaltig, daß wir vermuteten, dies wäre ihre Sprache, da sie im Wasser doch nicht anders reden könnten. Zwei Rote näherten sich uns, um die Bewegungen der Gläser zu beobachten. Ihr Auftreten und die Bereitwilligkeit, mit der man ihnen Platz machte, brachte uns auf die Vermutung, daß sie Vorgesetzte der anderen seien. Wie wir später erfuhren, stellten sie fest, daß die Kiste bewohnt sei und auf eine geheimnisvolle Weise aus der unendlichen Materie hervorgegangen sein müsse. Die Sache wurde für sehr wichtig und höchst beachtenswert erklärt. Als unendliche Materie bezeichnen die Megamikren das Weltall, das sie sich als einen dichten und unendlichen Sumpf vorstellen, dessen Mittelpunkt überall, dessen Peripherie nirgends ist. Nach ihrer Lehre hat sich ihre einzige Welt stets innerhalb des Weltallsumpfes bewegt und wird sich stets fortbewegen, obgleich ungleichmäßig, denn trotz ihrer Schwere kann sie nicht in einer bestimmten Richtung einem Ziel zustreben. Als die beiden Roten davonschwammen, folgten ihnen alle anderen, deren Zahl wohl auf zehntausend angeschlagen werden konnte. Ich bemerkte, daß die beiden Roten vor ihrer Entfernung jenen Teil unserer Kiste, den ich von nun an ein Dach nennen werde, sorgsam besichtigten, die Linsen unserer Ferngläser und deren Einfassung berührten und dabei fortwährend gestikulierten. Da unsere Errettung vom Ergebnis ihrer Besprechung abhing, will ich ihren Inhalt, den ich nachträglich erfuhr, als ich ihre Sprache erlernte, gleich jetzt mitteilen.

Nachdem sie zu dem Schlusse gekommen waren, daß die Kiste von lebenden Wesen bewohnt sein müßte, dachten sie daran, uns die Möglichkeit zu geben, ihnen unsere Wünsche auszusprechen und ihnen mitzuteilen, durch welche Umstände wir dahin gelangt und wer wir seien. Nach dieser vernünftigen, menschlichen und ihrer Neugier entsprechenden Schlußfolgerung faßten sie den Beschluß, der uns das Leben rettete. Wir schmachteten, wir schwammen im Schweiße und konnten tatsächlich nicht mehr atmen.

Einige Augenblicke später sahen wir zwei von diesen kleinen Wesen unser Dach herabsteigen in Begleitung einer ganzen Schar, die um die Kiste herumzappelte. Einer von den beiden hielt das Ende eines Strickes oder vielmehr eines Dinges, das uns wie ein Strick vorkam, aber keiner war; es war nicht dicker als ein Spazierstock, in der Länge aber mußte er bis übers Wasser reichen, denn wir sahen das zweite Ende nicht. Der Begleiter des Wesens, das den vermeintlichen Strick hielt, hatte in den Händen eine viereckige Schachtel, in der sich ein Messer, ein Hammer und einige andere Werkzeuge befanden.

Er begann an einem der Ferngläser des Daches herumzuhantieren und eine Viertelstunde später gab uns dieses Glas kein Licht mehr. Wir begriffen nichts von diesen Arbeiten, doch sahen wir durch das andere Fernglas, daß die beiden Männlein sich in senkrechter Linie von uns entfernten, wobei sie immer den Strick hielten. Nichts war selbstverständlicher, als daß wir das nicht mehr Licht spendende Glas entfernten. Als wir aber das Fernglas einzogen, zogen wir auch gleichzeitig drei Klafter des Strickes mit und wir hätten noch weiter ziehen können, wenn er nicht so dick geworden wäre, daß er nicht weiter durchschlüpfen konnte. Wir meinten nun, es wäre die Absicht jener Menschenköpflein, uns hinaufzuziehen, doch war dies in Anbetracht der Schwere der Kiste unmöglich, auch hätten wir bis dahin dem Tode nicht mehr entrinnen können. Bei diesen traurigen Betrachtungen wollte ich den Strick wieder vom Fernrohr entfernen, er war aber so stark mit der Einfassung verbunden, daß mir dies nicht gelingen konnte. Ich zog nun ein Messer aus dem Etui mit den chirurgischen Instrumenten, um den Strick durchzuschneiden, da sah ich, daß es kein Strick, sondern eine Art harten Schlauches, ein richtiger Kanal war.

Doch welch eine Freude empfanden wir, welch süße Tränen der Rührung vergossen wir, als wir bald merklich einen aus der Spitze dieser Pumpe hervordringenden Wind zu fühlen begannen, dessen Wirkung in einer Minute die schlechte Luft unserer kleinen Behausung reinigte und uns das freie Atmen gestattete, uns die Kräfte wieder gab, uns mit Zuversicht erfüllte, daß wir nicht elend sterben, daß wir aus unserer Kiste herauskommen und daß wir noch glücklich und zufrieden würden leben können. Wir machen uns keine spezielle Tugend daraus, daß wir niederknieten und dem Allmächtigen unseren Dank aussprachen, denn was mit uns geschah, war ein sichtliches Wunder. Wir konnten nur nicht begreifen, wieso diese Leute, die selbst keiner Luft bedurften, da sie wie die Fische lebten, hatten erraten können, was uns am meisten Not tat, denn es kam uns nicht in den Sinn, daß sie dies nur zu dem Zwecke getan hatten, um uns die Möglichkeit zu geben, mit ihnen zu sprechen, indem wir unsere Stimmen durch den Schlauch erschallen ließen.

Plötzlich hörten wir eine Art Gesang, der aus dem Schlauch kam, und wir näherten diesen unseren Ohren. Von Zeit zu Zeit vernahmen wir sehr angenehme Tonfolgen, die dem Gezwitscher eines Kanarienvogels oder einer Nachtigall ähnlich war, doch verstanden wir nicht, was dies bedeuten sollte. Wir mußten nicht, was wir mit jener Musik anfangen könnten.

Unsere Befreier kamen oft wieder von oben herunter, auf das Dach der Kiste; dann stiegen sie wieder empor, um uns ihre Absicht mitzuteilen, doch war dies vergebens. Es kam uns nicht einen Augenblick in den Sinn, englische Worte in den Schlauch hineinzurufen, denn es wäre ein wahnwitziger Hochmut gewesen zu glauben, daß diese Wesen unsere Sprache verstehen würden. Da wir von ihnen Musik hörten, so sang meine Schwester, die eine sehr liebliche süße Stimme hatte, einige Töne in den Schlauch hinein; aber niemand antwortete und vier Stunden vergingen, ohne daß wir etwas Neues hörten. Wir tranken ein wenig Branntwein und den Rest unseres Wassers. Das rote Flußwasser stand uns ja stets zur Verfügung.

Endlich sahen wir eine Menge Menschen zu uns herabsteigen. Einige hielten Maschinen, deren Zweck uns unbekannt war. Sie versammelten sich um die Kiste und horchten aufmerksam auf die Befehle, die zwei Gelbe ihnen zu geben schienen. Die Untergebenen, die ihre Gebärden augenscheinlich wohl verstanden, begannen in die beiden gegenüberliegenden Seiten der Kiste, die den beiden Ufern des Flusses zu entsprechen schienen, Löcher zu bohren. Sie bedienten sich dabei mit großem Geschick kleiner Bohrmaschinen, mittels denen sie in Schachbrettform fünfzig Löcher in fünf Reihen machten. Diese Löcher hatten vier Zoll Tiefe in einer schiefen, von unten nach oben gehenden Richtung. Sie schraubten dann gleich lange Nägel hinein, die einen Ring als Nagelkopf hatten und befestigten an jedem Ring eine feste und dünne Schnur. Hierauf schwammen hundert Gefleckte, jeder mit dem Ende einer Schnur in der Hand, den Fluß hinauf, fünfzig gegen das rechte, fünfzig gegen das linke Ufer zu. Stellen Sie sich, Mylord, unsere Freude vor, als wir nun errieten, was sie zu tun beabsichtigten.

Wie wir später erfuhren, hatten sie, an den Ufern angekommen, die Schnüre an Kräne gebunden, die sie auf den zwei gegenüberliegenden Ufern angebracht hatten und nun gleichzeitig in Bewegung setzten, und zwar so geschickt, daß wir, ohne ein einziges Mal das Gleichgewicht zu verlieren, nach zweistündiger Arbeit an die Oberfläche des Wassers gelangten. Der Fluß war hundert Klafter tief.

Zu unserer größten Verwunderung traf uns ein Sonnenstrahl durch das oberhalb unserer Köpfe angebrachte Glas, das ich nun heraus schraubte; auch schob ich den uns nicht mehr nötigen Schlauch hinaus. Die genaue senkrechte Richtung dieses Sonnenstrahls bewies mir, daß in dieser Gegend, in die uns Gott gesandt hatte, in diesem Augenblick gerade Mittag war. Wir bemerkten von einem Fernrohr, das ich in meiner Hand behielt, keinen Schatten. So sagte ich meiner Schwester, wir befänden uns in der heißen Zone, unter dem ersten Breitegrad, doch könnte ich nicht angeben, ob auf der nördlichen oder südlichen Halbkugel. Auch darin erblickten wir eine Gnade der göttlichen Vorsehung, daß wir gerade bei Tagesanbruch in den Fluß hineinflogen; denn wenn dies bei fallender Nacht geschah, wären wir gestorben. Nachdem wir Gott für alle diese uns erwiesenen Gnaden gedankt hatten, stellten wir unsere Uhren auf zwölf Uhr. Es waren gerade acht Stunden verflossen, seitdem wir den Malstrom verlassen hatten; dort mußte jetzt schon Abend sein. Die Stunden genau ausrechnen zu wollen, wäre ganz unnötig gewesen, denn wir befanden uns in der Mitte derselben Erdkugel, die wir in unserer schnellen Reise durchflogen zu haben meinten.

Da die Kiste bereits zur größeren Hälfte aus dem Wasser herausgezogen war, so konnten äußere Kräfte ihr nichts mehr anhaben. Das Ufer lag kaum zwei Zoll oberhalb des Flußbettes und die Mehrzahl der Schnüre war schon ganz parallel gespannt. Wir schraubten alle Ferngläser, die sich nicht mehr im Wasser befanden, heraus und betrachteten mit Verwunderung das schöne Land. Wir sahen zwar auf beiden Seiten des Flusses nur ein flaches Land sich erstrecken, das mit kurzem verschiedenfarbigem Gras bewachsen war, hie und da zerstreute Gruppen kleiner Bäume, kleine Baracken und kein einziges großes Gebäude, und doch schien uns diese Aussicht sehr hübsch, wenn auch eintönig. Sogar die zart rosig angehauchte Atmosphäre gefiel uns, und die köstlichen Klänge, die wir hörten und die uns den Lüften zu entströmen schienen, ließen uns vermuten, daß wir in den Garten der Wonne hinabgestiegen seien, den Gott dem Adam anwies, als er ihn erschaffen hatte und den man das irdische Paradies nennt; wieder vergossen wir Freudetränen und konnten vor Überschwang des Gefühls nicht sprechen: Übermaß der Gefühle nimmt dem Menschen die Fähigkeit, sie auszudrücken; aber die Huldigung, die unser Schweigen dem Allmächtigen darbrachte, war vollkommen, denn sie konnte nicht größer sein. Wäre da ein frecher Mensch gekommen und hätte gesagt, daß wir das Leben nur einem reinen Zufall verdankten, ich glaube, wir hätten ihm das Herz aus dem Leibe gerissen. Wir waren sicher, daß diese kleinen Wesen Mittel finden würden, uns zu befreien, nachdem sie sich schon so sehr bemüht hatten, uns aus dem Wasser zu ziehen. Unsere Zuversicht gründete sich auf die Neugierde, die sie ohne Zweifel antrieb. Eine unzählige Volksmenge bewegte sich auf den Ebenen rechts und links vom Flusse; sie waren alle nackt; meine Schwester war der Ansicht, daß es nur Engel sein könnten. Sie sprachen nicht mehr durch Gebärden; ihre Sprache war ein Gesang, der aber keinen musikalischen Regeln zu folgen schien; sie war harmonisch und glich einem Vogelgezwitscher.

Acht bis zehn kleine Boote kamen nun in unsere Nähe, alles mit großen und kleinen Dauben beladen, die durch Weidenruten oder ähnliche Wanzen miteinander zu zwei, vier und sechs verbunden waren. Die niedlichen Bootsmänner, die alle von Geburt an Schwimmer waren, warfen sich ins Wasser, nahmen die Dauben und befestigten sie unter der Kiste, indem sie sehr geschickt kleine mit großen verbanden, und gebogene für das Vorder- und das Hinterteil wählten. Dies ging so flink, daß sie in weniger als einer Stunde ein Boot gemacht hatten, das vollkommen der Größe und Schwere unserer Kiste entsprach und dessen Ränder ihrer Höhe angepaßt waren. Eine gut arbeitende Pumpe entleerte das Boot vom Wasser, sodann wurden alle Nägel entfernt, von denen die Schnüre nach den Krähnen gingen. Sie hatten so genau das Maß genommen, daß die Ränder des Bootes einen Fuß über die Wasseroberfläche des Flusses herausragten. Zwölf Ruderer beförderten es in ein unweit des Ufers befindliches Bassin, von wo sie es ans Land zogen und in die Mitte der Ebene schleppten. Dort nahmen sie schnell alle Dauben auseinander, so daß die Kiste nur auf den drei letzten stehen blieb, die den Boden der Barke bildeten; das Bassin bildete einen Kreis von ungefähr zweihundertsiebzig Grad; ringsum war er von Schiffen und Booten besetzt, von denen einige sehr elegant waren.

Mit Herzklopfen erwarteten wir den Schluß unseres Abenteuers. Wir überlegten, ob es geraten sei zu sprechen, doch entschlossen wir uns zum Schweigen, aus Furcht unsere Befreier zu erschrecken und vielleicht in die Flucht zu treiben. Was uns in Erstaunen versetzte, war die Sonne, deren Strahlen stets gleich senkrecht auf uns niederfielen. Einige Minuten, nachdem wir von dem uns umschließenden Boot befreit waren, das uns die Aussicht auf die herrlichen Felder versperrt hatte, sahen wir die uns umgebende Menge sich entfernen und dafür eine große Anzahl anderer Wesen, die langsam und in schöner Ordnung schritten, sich uns nähern. Alle waren nackt, mit Ausnahme von zweien, die an der Spitze marschierten, und die wir an den Ehrenbezeugungen, die man ihnen erwies, als die Führer erkannten; diese trugen blendend weiße Mäntel, die ihnen vom Rücken bis zu den Fersen herunterwallten und vorne offen waren; ein weißes Tuch umgürtete ihren Leib, von der Brust herab bis zu den Schenkeln. Diese beiden Persönlichkeiten waren rot.

Sie näherten sich der Kiste, betrachteten sie mit der größten Aufmerksamkeit und besahen sich ganz besonders die Schraubenmuttern der Ferngläser. Auf einen angenehmen, gesangartigen Klang, der der Kehle eines von ihnen entstieg, näherten sich acht Gescheckte der Kiste und bildeten einen Kreis, indem jeder seine Arme um den Nacken seiner beiden Nachbarn schlang; sechs stiegen flink auf die Schultern der acht Männlein, drei andere auf jene sechs, zweie auf die der drei und einer sprang auf diese zwei; auf den letzten kletterte dann die Respektsperson im weißen Mantel und ließ sich auf unserem Dach nieder. Er mußte über so viele Menschenstufen steigen, da die Kiste inwendig sechs, nach außen aber sieben Fuß maß; ihm folgte sein Begleiter und beide legten sich auf den Bauch und schauten in die Löcher hinein. Wir bemerkten, daß sie sich zuerst mit einem klagenden Ausruf zurückwarfen und sich die Nase zuhielten. Ein Jahr später erfuhren wir, daß sie gesagt hatten: Oh! was für ein Gestank! Da sahen wir sechs von den Gesteckten von fünf- bis sechshundert Mann begleitet, die siebzig Karren zogen, von denen jeder acht Kubikfuß Kalk enthielt; sie luden ihn ab und errichteten einen Schacht, dessen vier Seiten je zwei Fuß von der Kiste entfernt waren. Bevor sie diesen Schacht so hoch geführt hatten, daß er uns jede Aussicht versperrte, sahen wir eine noch zahlreichere Menschentruppe ankommen; je zwei und zwei trugen vierhundert mit einem Stab versehene Kübel mit einer roten Flüssigkeit, die wir nicht für Wasser halten konnten, da sie wie eine halbstarre Masse zitterte. Binnen zwei Stunden wurde der Schacht bis zur Höhe unserer Kiste hinaufgeführt, und wir vermochten nichts mehr zu sehen, da vier Megamikren von der Höhe des Schachtes herabstiegen und mit Holzpflöcken alle Öffnungen unserer Kiste verstopften, mit Ausnahme jener, die sich oberhalb unserer Köpfe befanden und uns zum Atmen notwendig waren. Zwei oder drei Minuten später hörten wir ein dumpfes Geräusch, das alle Augenblicke unterbrochen wurde; dies dauerte eine Stunde. Dann hörten wir nichts mehr und blieben von tiefstem Schweigen umgeben. Stellen Sie sich, Mylord, unser Staunen und unsere angstvolle Ungewißheit vor, als eine, zwei, vier, acht, sechzehn, zwanzig Stunden vergingen, ohne daß wir etwas erfuhren, hörten oder sahen. Die Ungeduld, die Langeweile, der Hunger und die Verzweiflung bemächtigten sich unser wieder und zerrissen uns die Seele. Daß man uns völlig verlassen hätte, mußte uns unmöglich erscheinen; doch die Wahrscheinlichkeit schwindet vor der sie verneinenden Wirklichkeit. Wir waren tatsächlich verlassen und wohl für immer, denn weshalb sonst ließe man uns so lange allein? Weshalb hatte man die Öffnung unserer Fernrohre zugestopft? Wir meinten, sie hätten die beiden oberen nur aus Versehen offen gelassen. In was für eine Flüssigkeit aber hatten sie uns eingetaucht? Ob wohl unsere Vermutung sich bewahrheitete, daß sie den Brunnen mit der roten Flüssigkeit gefüllt hatten, die wir sie tragen sahen? Wenn sie uns befreien wollten, weshalb hatten sie nicht die Kiste in Stücke zersägt? Sie taten dies wohl darum nicht, weil wir ihnen Furcht eingeflößt hatten und weil sie unsere Ausdünstung fürchteten, die ihnen die Pest hätte bringen können. Wahrscheinlich hatten sie den Brunnen mit der Flüssigkeit gefüllt, um dies zu verhüten, und der rote Stoff würde wohl die Eigenschaft haben, uns mit der Kiste zu vernichten und gleichzeitig sie zu schützen. So boten wir alle unsere Erfindungsgabe auf, uns selber jede Hoffnung zu entziehen. Grübelei, die nach Gewißheit strebt, wenn es auch die eines Unglücks sein sollte, vermehrt die Trübseligkeit nicht; denn in solchen Fällen gibt es nichts Schrecklicheres als die Ungewißheit. Die Beharrlichkeit des Geistes, die die Augenscheinlichkeit eines unabwendbaren Unglückes nicht anerkennen will, ist öfter die Folge von Schwäche des Herzens, als von Stärke der Vernunft.

Wir stellten aber auch Vermutungen auf, die unseren Wünschen entsprachen und uns einen Schimmer von Hoffnung gaben. Dieses Volk, sagten wir uns, wird wohl eine Religion haben und Priester, deren Rat man jetzt einholt. Sie brauchen vielleicht all diese Zeit, um den Willen Gottes von irgendeinem Orakel zu erfragen und so zu erfahren, wie sie sich dieser Bleikiste gegenüber zu verhalten haben, die in ihren Augen so groß ist wie ein Haus, und worin wir den Gebietern, die uns sahen, wie schreckliche Ungeheuer vorgekommen sein müssen. Diese Erscheinung muß alle ihre philosophischen Anschauungen erschüttert und ihren phantasievollen Theologen, an denen es auch bei ihnen sicher nicht mangeln wird, viel Stoff zu sophistischen Betrachtungen gegeben haben. Endlich sagten wir uns, daß die Neugierde hoffentlich doch den Sieg davon tragen, und daß man uns trotz aller Gegengründe am Ende doch herausziehen werde.

Zwanzig oder dreißig Stunden, während denen der ununterbrochene Stand der Sonne senkrecht über unseren Häuptern mir zeigte, daß es in diesem Lande immer Tag war, genügten mir, da ich einige physikalische Kenntnisse besaß, um meiner Unwissenheit ein System anzupassen, wie dies die größten Philosophen stets getan haben. Ich sagte meiner Schwester, daß wir uns im Kerne unserer Erde befänden, und daß wir die ersten wären, die dorthin gelangt seien. Wie viele Wunderdinge könnten wir da sehen! Wenn wir nur auch wieder hinaus könnten! Wir hatten die Möglichkeit, die gelehrtesten von allen Sterblichen unserer Art zu werden; doch was hätte uns dies genützt, da wir nachher nicht imstande sein konnten, unsere Erfahrung und unser Wissen der Oberwelt mitzuteilen? Da wir nicht zurückkehren konnten, um mit dem erworbenen Lichte unsere wißbegierigen Mitmenschen zu erleuchten? Was hätten wir also mit unserem Wissen getan? Alles mußte ja mit uns wieder untergehen.

Nach vierundzwanzig Stunden wandte sich unser Schicksal. Dreiundzwanzig Stunden, nachdem der Schacht errichtet worden war, überraschte uns ein Ereignis, das für uns die schlimmsten Folgen hätte haben können. Das Dach unserer Kiste begann einzustürzen; sein Zusammenbruch schritt langsam vorwärts und ließ uns das Traurigste befürchten, denn seine Schwere war viel größer, als nötig gewesen wäre, um unsere Schädel einzudrücken, und dies wäre bestimmt geschehen, wenn unsere Befreier noch eine Viertelstunde gezögert hätten, uns zu erlösen.

Einer ihrer Leiter stieg auf den Schacht und sprang, wie wir später erfuhren, von dort auf unsere Kiste herab, die er, auf dem Bauche liegend, mit einem kleinen Eisen sondierte. Als er fand, daß sie genügend dünn geworden war, überzeugte er sich, daß man sie schon leicht in Stücke zerschneiden konnte, ohne sie länger zerschmelzen zu lassen. Wie ich weiter erfuhr, war diese Flüssigkeit ihr Quecksilber, dessen Wirkung jedoch der des unseren bedeutend überlegen ist; Sie wissen wohl, daß dieses flüssige Metall, in mehr oder weniger größerer Menge angewandt, alle anderen aufzulösen vermag. Nun durchbrachen sie rasch die Brunnenwand vier Zoll oberhalb des Bodens und das ganze Quecksilber floß heraus mit zehn Elfteln von dem Blei der Kiste. Sie fingen alles auf, ohne einen Tropfen zu verlieren und konnten dies um so leichter, da das Quecksilber dickflüssiger geworden war. Dann rissen sie eine ganze Seite des Schachtes nieder und sechzehn von ihnen näherten sich uns mit acht Pfählen von sechs Fuß neun Zoll Länge. Mittels dieser stützten sie das Dach ringsherum, das jetzt nur noch drei Zoll dick war, da sie die weise Vorsicht gehabt hatten, den Brunnen nur bis zur Höhe von sechs Fuß und neun Zoll mit Quecksilber zu füllen. Die Breite des nunmehr überstehenden Dachrandes betrug fünfeinhalb Zoll; dies beweist, daß das Quecksilber elf Zwölftel von der Dicke des Bleies, das Dach ausgenommen, zerschmolzen und in sich aufgenommen hatte.

Als sie sicher waren, daß die Pfähle die Decke sicher stützten, die mindestens wohl zwanzig Zentner wog, brachen sie mit Hacken eine Öffnung in die Kiste, so daß wir vom Kopf bis zu den Knien zu sehen waren. Die beiden Vornehmen erschienen nun in dieser Tür und als sie unsere Gesichter sahen, die den ihrigen recht ähnlich waren, schienen sie erstaunt, doch nicht erschrocken zu sein, denn sie fanden, daß wir gutmütig aussahen. Nachdem sie uns eine gute Viertelstunde lang schweigend betrachtet hatten, sprachen sie miteinander und stimmten dann ein Lied an, das sehr freundlich klang und sicherlich etwas Bestimmtes bedeuten sollte, das wir aber nicht zu verstehen vermochten. Unser Schweigen schien sie sehr zu betrüben, und nun boten sie uns duftende Kräuter und hübsche Blumensträuße an, nach denen Elisabeth die Hand ausstreckte; ich folgte ihrem Beispiel. Dann sangen sie wieder eine wundervolle Melodie und schritten zurück, indem sie uns mit sehr zuvorkommenden Zeichen ersuchten, ihnen zu folgen. Das verstanden wir, doch wir wollten, um sie zu beruhigen, ihnen erst unsere Unterwürfigkeit und Friedfertigkeit beweisen.

Als sie meinten, wir verstehen sie nicht, ließen sie den Brunnenschacht vollends niederreißen und die Kiste von allen vier Seiten öffnen. Alles geschah nach ihren Befehlen, doch im Augenblick, als man die letzten Hackenschläge oben gegen die Wand, unmittelbar unter dem Dach, führte, ereignete sich etwas Merkwürdiges und Eigentümliches, das sowohl uns wie alle anderen Anwesenden ins größte Staunen versetzte. Die Decke, an der der Magnet immer noch festhielt, löste sich plötzlich von den vier Ecken der Kiste, an der sie noch befestigt war, stieg senkrecht empor und zwar so schnell und mit solcher Gewalt, daß sie eine Minute später aus aller Augen gänzlich entschwunden war, und da man sie nicht wiederkehren sah, so waren alle sicher, daß sie sich in der Sonne verloren hatte, die der Mittelpunkt ihres Weltenraumes ist. Diese Annahme war auch ganz richtig, denn die Sache hätte sich gar nicht anders verhalten können.

Dieses Ereignis beweist den Physikern unserer Welt die wirkliche, bisher verborgene Ursache der dem Magneten eigenen Neigung; es ist eine unüberwindliche Anziehung, die bei uns mit geringerer Stärke wirkt, sei es wegen der großen Entfernung von der machtvollen Wirkung des anziehenden Zentrums, sei es wegen der verschiedenen ihn davon trennenden, dazwischenliegenden Körper. Wir, die wir wußten, daß das Eisen es ist, das die Anziehungskraft auf den Magneten ausübt, haben daraus den bestimmten Schluß gezogen, daß die Sonne der Megamikren nichts anderes ist, als eine Eisenkugel oder eine Zusammensetzung der wichtigsten Bestandteile dieses Metalls, das wir vielleicht noch nicht genau kennen. Wenn die Kiste, worin wir uns befanden, im ganzen nur so viel gewogen hätte wie das Dach, das der Magnet mitnahm, so hätte der Magnet uns auf die Sonne gebracht, als wir in deren Bereich auf dem Grunde des Flusses angelangt waren. Das Blei, welches am Emporsteigen nicht mehr hinderte, wog zweitausend Pfund, doch ist es sicher, daß die Kraft des Magneten genügen mußte, achttausend Pfund zu heben; denn wie ich einige Jahre später berechnete, mußte die Kraft, die nötig war, um das Dach von den Seitenecken loszureißen, im Augenblick des Aufstieges seine Schwere um das Vierfache übersteigen.

Dieses erstaunliche Phänomen brachte die bestürzte Menge zum tiefsten Schweigen. Die Physiker der Megamikrenstadt, die sich am Ort befanden, wußten sich dies auch nicht zu erklären und trauten sich nicht, irgend etwas vorzubringen, um der Pflicht ihres Berufes durch Angabe einer natürlichen Ursache gerecht zu werden; das Volk aber, das sich aus Physik gar nichts macht und nicht einmal glauben will, daß alles auf Erden eine natürliche Ursache haben muß, behauptete, es sei ein untrügliches Zeichen Gottes gewesen, der dadurch der Welt seinen Willen habe offenbaren wollen. Zwei anwesende Theologen bestätigten diese Meinung mit salbungsvoller Miene. Nun handelte es sich darum, zu erfahren, was Gott, der also zu ihnen sprach, damit sagen wollte; dies schien ihnen klar, denn wozu dient eine Stimme vom Himmel, wenn man nicht versteht, was sie bedeuten soll? Dies Geheimnis konnte nur dem Abdala bekannt sein, und so liefen sie auf der Stelle zu diesem, um sein Orakel zu hören und danach zu handeln. Dieses Ereignis hätte übrigens überall gewirkt, wo es eine herrschende Religion gibt, die von einer guten Polizei wohlweislich unterstützt wird. Unterdessen zerstückelte man die Überreste der Kiste.

Als wir uns nun frei und ungehindert sahen, entschlossen wir uns, ein paar Schritte auf die Vornehmen zuzugehen, die bei diesem Anblick einen Hymnus anstimmten, der unsere Seelen erfreute. Dann sangen alle im Chor, und die zwei Herren tanzten vor uns voller Grazie. Nach ihnen tanzten alle, von den Klängen einer bezaubernden Stimme begleitet. Wären wir nicht so müde und hungrig gewesen, so hätten wir bestimmt geglaubt, am Aufenthaltsort der Seligen angelangt zu sein. Wir hätten erfahren, daß nicht die Hölle, sondern das Paradies sich im Innern der Erde befindet. Bei dieser Gelegenheit muß ich Ihnen auch sagen, daß der Tanz der Megamikren nicht von hörbarem Gesang begleitet zu sein braucht, seine Bewegungen genügen, um den Augen eine ebenso bezaubernde Harmonie darzubieten, wie es die Musik tut. Wenn die berühmten Tänzer bei uns sich einfallen ließen, ohne Begleitung einer Instrumental- oder Vokalmusik zu tanzen, sie würden uns wie Narren oder Betrunkene vorkommen.

Als wir nun vor den Vornehmen standen, machten wir ihnen eine tiefe Verbeugung, wie wir die anderen sie hatten machen sehen. Dieselbe bestand aus einer Verneigung, die vom Unterleib bis zum Kopf einen Bogen beschrieb, wobei mit gerundeten Armen die Hände zum Munde gebracht und mit den mittleren Fingern die Lippen berührt wurden. Diese Begrüßung heißt Anbetung im vollsten Sinne des Wortes. Die beiden Vorgesetzten unterschieden sich von den andern nur durch ihre weißen Mäntel und durch die schönen Blumen, die in einem halbkreisförmig gelegten Kranz ihre reizenden Gesichtchen vor den Sonnenstrahlen schützten. Sie trugen auch noch als Auszeichnung vor den anderen weiße Pantoffeln, während die Roten grüne trugen, die Andersfarbigen aber sich darin an keine Regeln zu halten brauchten.

Der äußere Bau ihrer Körper war, wie ich Ihnen bereits gesagt habe, dem des unsrigen gleich. Nur war die Farbenverteilung merkwürdig. Die Roten hatten große, blaue Augen mit roter Regenbogenhaut und grünem Augapfel. Sie hatten grüne Lippen und grüne Zähne, und statt mit Zähnen war jeder Kiefer mit dreißig weißen Kügelchen besetzt. Diese Kügelchen waren nicht aus Knochen, sondern aus einem ziemlich starken Knorpel. Ihre Nägel waren grün wie ihre Lider und wie ihr schönes, welliges und lockiges Haar, das ihren ganzen Kopf bis zum Nacken bedeckte, wo es eine Art Wulst bildete.

Als wir zuerst ihre Brüste sahen, hielten wir sie für Weiber, denn ihr Busen erhob sich unterhalb des Halses, endete ebenmäßig bei der Magenhöhle und hatte in der Mitte grüne Brustwarzen. Doch bei näherer Beschauung entpuppten sie sich als Männer. Später erfuhren wir, daß sie weder das eine noch das andere waren.

Dort bei den Megamikren braucht man weder das eine noch das andere zu sein, und man hat keinen Begriff davon, daß die Menschheit in zwei Geschlechter geteilt ist. Wir haben diese Wesen Androgynen genannt, um ihnen einen Namen zu geben, der sie entsprechend bezeichnet, sowie um unsere Übersetzung an den Gattungsnamen anklingen zu lassen, den sie selber sich geben und aus den vier Vokalen AOIE besteht. Sie nennen sich auch EAIE, und dies brachte uns darauf, sie als Megamikren zu bezeichnen, um die Größe ihres Geistes und die Kleinheit ihrer Gestalt anzudeuten; doch müssen Sie nicht glauben, daß sie den platoschen Androgynen ähnlich seien; sie sind ganz anders. Man kann sie überhaupt nicht vergleichen, ihre Gestaltung ist eigentümlich und allen unseren Naturforschern ganz unbekannt. Wir haben auch an ihnen jenen Teil nicht gesehen, mittels dessen nach unserer Annahme das Kind im Mutterleibe seine Nahrung erhält; nur aus Unwissenheit haben wahrscheinlich Bildhauer und Maler an Adam und Eva dieses Zeichen abgebildet, das sie nicht haben konnten, da sie ja nicht von einer Mutter geboren waren. Wir betrachteten sie sehr aufmerksam, und sie prüften uns ebenso, als einige Diener kamen und zu unseren Füßen die Waffen niederlegten, die sie in den Taschen der Kiste gefunden hatten.

Nach so vielen überstanden Mühen, und nachdem wir so viele Stunden hindurch keine andere Nahrung gehabt hatten als nur den hitzigen Branntwein, konnten wir uns begreiflicherweise kaum noch auf den Füßen halten. Ich war der Erste, der meiner Schwester den Gedanken eingab, daß wir uns auf den schönen Rasen setzen könnten, der mit buntfarbigen Kräutern bewachsen war, und dessen augenscheinliche Elastizität ein bequemes Lager verhieß. Und man konnte sich wirklich nichts weicheres wünschen; als nun einer von den Vornehmen uns auf dem Grase liegen sah, sang er einige Worte seinem Begleiter zu, der die nötigen Befehle weitergab, und wir sahen zehn oder zwölf Läufer davoneilen, die in einer Viertelstunde mit kleinen und großen verschiedengeformten Polstern zurückkehrten. Sie bildeten daraus neben uns zwei sehr bequeme Lager, wozu sie wenigstens fünfzig solche kleine Matratzen verwandten.

Auf ein Wort, das man ihnen sagte, kamen zwei Gefleckte schüchtern heran, beugten sich und legten ihre kleinen Hände auf unsere Schuhe. Als sie sahen, daß wir sie gewähren ließen, wurden sie furchtlos und zogen uns dieselben herunter, worauf sie uns bis auf die schmutzigen Hemden entkleideten. Stellen Sie sich vor, Mylord, wie beschämt wir dastanden, nicht unserer Nacktheit wegen – denn sie alle waren nackt – aber des Schmutzes wegen, der den Zuschauern mißfallen und ihnen eine sehr schlechte Meinung über uns einflößen mußte. Während der ganzen Zeit dieser Beschäftigung sang und tanzte die ganze Versammlung und aus der sprechenden Harmonie verstanden wir, daß sie sich unserer Willigkeit und Unterwürfigkeit freuten, die sie nicht erwartet hatten.

Als wir ausgezogen waren, gab man einen anderen Befehl und wir sahen am Rande des Bassins zahlreiche Wasserstrahlen in Bewegung gesetzt, die zwanzig Schritte im Umkreise und zehn Schritte in die Höhe schossen und niederfallend einen vollen Regen bildeten, der in der Sonne ein herrliches Farbenspiel bildete. Sie luden uns ein, von diesem Bad Gebrauch zu nehmen, und wir taten es mit wahrer Wonne. Zehn bis zwölf der herzigen Geschöpfe umkreisten uns singend, um uns von Kopf zu Fuß zu waschen, indem sie bis zu unseren Schultern emporstiegen; Sie vollzogen diese Arbeit mit dem größten Zartgefühl, wobei sie die Länge unserer Haare bewunderten, die blonden Elisabeths und noch mehr meine schwarzen, die ihnen wie ein wahres Wunder vorkamen. Ganz besonders versetzte sie in Staunen der sichtliche Unterschied zwischen meiner Schwester und mir. Sie sahen an mir, was meiner Schwester fehlte und an ihrer Brust das, was ich nach ihren Begriffen ebenfalls hätte besitzen sollen; diese Mängel ließen uns ihnen als ganz merkwürdige Wesen erscheinen. Als die Waschungen beendet waren, hörte der Regen auf und nun begannen sie uns mit der größten Geschicklichkeit mit roten, sehr weichen Tüchern abzutrocknen. Dann führten sie uns wieder zu unserer Lagerstatt, wo sie uns mit Gräsern und Blumen abrieben, deren köstlicher Geruch uns in unserer Erschöpfung stärkte.

Kaum hatten wir uns ausgestreckt, als wir das Herannahen einer großen Menge hörten. Zahlreiche Menschen begleiteten einen Wagen, der von zwölf Vierfüßlern gezogen war, die zwar unseren Pferden nicht ähnlich waren, doch demselben Zweck dienten. Dieser Wagen hielt zehn Schritte vor uns an und sechs Personen, von denen jeder anderer Farbe war, entstiegen ihm. Sie näherten sich uns, währenddem sie zu einem der Gebietenden sprachen. Rings um den Knorpel, der ihre Stirn umgab und den ich von nun an Haube nennen werde, hatten sie eine durchsichtige Kugel; sie trugen ganz bunte Pantoffeln. Wie wir später erfuhren, waren es Alfakinen, die der Abdala ausgesandt hatte, um das ihm gemeldete Wunder in Augenschein zu nehmen. Diese sechs Wesen erschienen uns alt und häßlich; sie hatten schlaffe Brüste und rauhe Stimmen. Nachdem sie lange mit den Vorgesetzten und einigen anderen gesprochen hatten, wandten sie sich zu uns und redeten uns an, worauf wir uns als Antwort erhoben und sie mit einer Verbeugung begrüßten. Dann legten wir uns auf die Seite nieder, da es uns unmöglich war, auf dem Rücken liegend, das starke Licht der Sonne zu ertragen. Die Alfakinen schienen mit uns ganz zufrieden zu sein, schrieben ein Protokoll, baten die Gebieter, es zu unterzeichnen, grüßten uns und entfernten sich, vom Gesang der ganzen Menge begleitet.

Wir bemerkten, daß man nicht nur unsere verschiedenen Gerätschaften, sondern auch unsere Kleidungsstücke neben uns hinlegte; wir gaben ihnen durch Zeichen zu verstehen, daß wir für den Inhalt der Taschen dankbar seien; um ihnen jedoch zu beweisen, daß wir uns zur Nacktheit bekehrten, warfen wir alle unsere Lumpen weit von uns; dies schien ihnen sehr zu gefallen, denn sie gaben ihrer Freude durch einen schönen Chorgesang Ausdruck. Dann näherten zwei Gefleckte sich uns und nahmen auf Befehl eines der Vorgesetzten Maß unserer Füße, um uns Pantoffeln anzufertigen. Die von uns weggeworfenen Kleider trugen sie davon, und wir haben uns nie mehr darum gekümmert, was aus ihnen geworden ist. Elisabeth war zwar besorgt, weil sie ihre Röcke weggegeben hatte, doch hat weder sie, noch haben später ihre Töchter an dem sonst gewöhnlichen Übel zu leiden gehabt, das ihr die Kleider unentbehrlich gemacht hatte. Mit großer Aufmerksamkeit besichtigten sie unsere Pistolen; sie konnten sich nicht vorstellen, wozu sie dienen könnten. Sie besahen unsere Uhren, doch schienen sie ihnen nicht sehr zu gefallen, obwohl sie deren Zweck offenbar kannten. Wir achteten bei dieser Gelegenheit auf den Tonfall ihrer Reden und prägten uns die Harmonie ihrer Sprache ein. Sie besteht nur in den sechs Vokalen: a, e, i, o, ü, u; Konsonanten haben sie gar nicht und ihr Gehörorgan ist so empfindlich, daß der Klang eines Konsonanten sie belästigt. Am meisten interessierten sie sich für die mathematischen und chirurgischen Geräte, obgleich sie nicht begreifen konnten, wozu sie wohl dienten. Unsere Miniaturbilder aus Elfenbein gefielen ihnen ganz besonders und erweckten ihr Staunen; sie betrachteten sie immer wieder, auf uns schauend und die künstlerische Ausführung bewundernd. Sie öffneten meine Brieftasche, und die darin befindlichen Papiere erregten ihre Aufmerksamkeit. Sie sahen unsere Ringe, doch beachteten sie sie nicht besonders, obwohl sie nicht wertlos waren, denn wir haben sie jetzt in Venedig um fünfhundert Guineen dem Herrn Viola verkauft, einem ehrlichen Juden, der gut englisch spricht. Die Ringe, die Sie, Mylord, jetzt an unseren Fingern sehen, hat seit unserer Rückkehr noch niemand gesehen; wir zeigten sie nicht, um dem Gerede darüber zu entgehen, denn sie gelten bei Kennern für die größte Seltenheit, und ihr Wert ist unermeßlich; sie bilden in der Tat unser ganzes Vermögen, und wir wünschen einen Herrscher zu finden, der sie uns wird bezahlen können. Es sind vier Karfunkel, sie strahlen eigenes Licht aus und sind imstande, ein finsteres Zimmer zu erleuchten. Bemerken Sie auch, Mylord, daß sie sowohl oben wie unten in Facetten geschliffen sind; dadurch wird der Stein um die Hälfte kleiner, als wenn er wie die Diamanten der Oberwelt bearbeitet worden wäre. Nachdem die Gebieter unser schönes Haus bewundert hatten, berührten sie auch unsere Zähne und waren sehr erstaunt, daß sie aus Knochen bestanden.

Inzwischen verschmachteten wir schon vor Durst, doch wußten wir nicht, wie wir ihnen dies sagen könnten und ebensowenig, wie wir ihn selbst stillen sollten. Endlich nahm meine Schwester eine Flasche in die Hand, führte sie an die Lippen und stellte sich sehr ungehalten darüber, daß sie leer war. Ich tat desgleichen. Daraufhin sprachen die Vorgesetzten untereinander, umarmten sich, tanzten vor uns, sangen ein hübsches Liedchen und streckten sich neben uns aus. Nie hätten wir geahnt, was ihre Absicht war, wenn sie uns dies nicht augenscheinlich gezeigt hätten. Sie küßten uns aufs zärtlichste, erfrischten unsere trockenen Lippen mit den ihrigen, die überaus zart waren und näherten dann unsere Lippen den Spitzen ihrer Brüste, wobei sie immer wieder ihre Freude bezeugten. Wir zögerten nicht einen Augenblick; doch waren Hunger und Durst nicht der wichtigste Grund, der uns dazu trieb, es galt auch, durch die Annahme dieses Freundschaftsbeweises sie von der Gegenseitigkeit unserer Gefühle zu überzeugen, und hätte es uns das Leben kosten sollen, wir hätten es angenommen, um ihnen zu zeigen, daß wir weder undankbar noch weniger höflich seien als sie, denn eine Weigerung hätte sie beleidigen und ihnen eine schlechte Meinung von uns beibringen können; sie hätten uns vielleicht verachtet und uns dann zum allermindesten Hungers sterben lassen. So sogen wir ihre Milch ein, indem wir gut aufpaßten, daß wir nicht mit unseren Raubtierzähnen ihre zarte Haut verletzten. Welch köstlicher Geschmack, welch herrliche Nahrung bietet die Milch der Megamikren, Mylord!! Sie befriedigte unseren Geschmack wie unseren Geruch und erweckte in unseren Sinnen alle Wonnen, deren wir fähig waren, alle Freude, die wir wünschen konnten in einem Maße, wie noch nie eine Speise uns je auch nur die geringste Vorstellung gegeben hatte. Diese Wirklichkeit verführte unsere Vernunft zu den unglaublichsten Phantasien. Uns dünkte, die uns bekannten Überlieferungen der Mythologie seien also doch keine Fabeln, wir seien tatsächlich im Lande der Unsterblichen und die Milch, die wir schlürften, sei der Nektar oder die Ambrosia, die auch uns die Unsterblichkeit verleihen werde, deren jene Wesen zu genießen schienen. Ein Gesang, der die Lüfte mit einer göttlichen Melodie erfüllte, schien uns diese angenehme Vermutung zu bestätigen.

Nach fünf Minuten entschlüpfte unseren Lippen die Brust, der wir dieses herrliche, lebenrettende Naß verdankten, die Brust war entleert. Unsere Megamikren gaben uns wieder hundert Küsse und reichten unseren Lippen die zweite Brust, die wir wie die erste entleerten. Wir wußten ihnen unseren Dank nicht anders zu bezeigen, als daß wir sie unsererseits mit Küssen bedeckten, ehe sie uns verließen. Unsere Überraschung war aber groß, als wir zwei andere sich neben uns legen und uns dieselben Freundschaftsbeweise geben sahen, wie die ersten sie betätigt hatten; wir nahmen ihre Gaben an und dann die eines dritten, vierten und fünften Megamikren. Dieses Mahl dauerte eine Stunde und ich glaube, daß wir nie geendet hätten, wenn wir nicht zu unserem Schreck einige Tropfen Milch bemerkt hätten, die aus ihren Brüsten auf die unseren fielen, sie sahen aus wie Blut. Dieser Anblick stillte unseren unersättlichen Appetit. Wir gaben ihnen zu verstehen, daß wir vollkommen satt seien.

Einige Diener boten sodann unseren lieben Ammen Kräuter und Blumen in schönen Körben an. Alle zehn nahmen sie, streuten sie über uns und rieben unseren Körper damit ein. Der herrliche Duft dieser Pflanzen erweckte in uns neue Wonne, aber der Sinn, womit wir diese am meisten genossen, war weder der Geruch, noch der Geschmack, wie man hätte glauben sollen, sondern ein sechster, den andern fünf ganz unähnlicher Sinn, welchen wir mittels unserer Nerven und unseres Blutes empfanden, auf die er durch die Berührung unserer Haut wirkte. Dieser Sinn, von dem ich Ihnen nur einen schwachen Begriff geben kann, ist bei den Megamikren die Urquelle des Nahrungssaftes, ihm verdanken sie, daß sie immer jung und gesund bis zu dem Lebensende bleiben, das die Natur ihnen vorgezeichnet hat, das jeder von ihnen kennt und das sie zu erreichen sicher sind, falls sie nicht etwa die Lebensvorschriften verachten, die man ihnen in der Zeit ihrer Erziehung beigebracht hat. Ich erfuhr, daß der letzte Augenblick ihres Lebens in einem Paroxysmus dieses Sinnes gipfelt, den wir nicht besitzen, da die ihn bildende Urquelle uns fehlt. Vielleicht würde auch unsere Religion nicht damit einverstanden sein und würde einer Freude Einhalt tun wollen, die, nachdem sie uns die Jugend erhalten hätte, schließlich unser Tod wäre.

Nach den Einreibungen mußte unsere schwache Natur sich unfähig bekennen, noch mehr solche für uns ganz neue Genüsse zu ertragen. Diese Erschöpfung äußerte sich in einem tiefen Schlaf, der sich unser bemächtigte und uns so fest in seinen Banden hielt, daß die guten Megamikren alles mit uns machten, was sie wollten, ohne daß uns irgend etwas aus dem Schlummer zu wecken vermochte, der uns zwar lebend erhielt, sich jedoch aller unserer animalischen Fähigkeiten bemächtigte. Was alles währenddem mit uns geschah, dies erfuhren wir erst, als wir ihre Sprachen erlernten, und ich werde Ihnen später darüber berichten.

Jetzt will ich Ihnen nur die Eindrücke schildern, die ich empfand, als ich wach wurde. Das erste, was ich erblickte, war meine Schwester, die neben mir im tiefsten Schlafe lag; ich hörte sie nicht atmen, und so glaubte ich zuerst, sie sei tot; erst nach und nach vermochte ich meine Gedanken zu sammeln. Die Erstarrung, in der ich gelegen hatte, hatte meine Sinne angegriffen und stumpf gemacht; nur langsam kam ich zu mir. Meine Sehkraft war der erste Sinn, der seine Tätigkeit wieder aufnahm und alles, was ich um mich her sah, war mir neu. Ich sah ein Zimmer und merkwürdig geformte Möbel; eine Beleuchtung, die weder vom Sonnenlicht, noch von Lampen oder Fackeln herrührte, versetzte mich in solches Staunen, daß ich mich noch weniger zurechtfinden konnte; bis ich mich alles dessen besann, was uns seit der Abreise von London zugestoßen war, verging wohl eine halbe Stunde; ich begann, an alles zurückzudenken: an die Abreise, an den Schiffbruch, an das Untertauchen, an die erlittenen Qualen, an die Welt, in die wir geraten, an den uns bereiteten Empfang und die genossene Nahrung, an die Megamikren, die sie uns gegeben hatten – mit einem Wort, an alles, was uns beide anging. Es war mir, als hätte ich einen langen wirren Traum gehabt, dessen eigentümliche Einzelheiten mir langsam wieder in den Sinn kamen. Trotz allem Nachdenken aber fand ich mich schwer zurecht; ich kämpfte mit Zweifeln, die sich in meinem Innern erhoben und mir alles als Wahn und Narrheit vorstellten. Das Erwachen meiner Schwester kam mir endlich zur Hilfe. Sie selbst hätte noch mehr Zeit gebraucht, sich zurechtzufinden, wenn ich ihr nicht geholfen hätte, sich an alles nach und nach zu erinnern; ich mußte dabei ganz vorsichtig verfahren; es gibt Fälle, wo unser Begriffsvermögen geschont werden muß, eine Überfülle von Eindrücken kann um den Verstand bringen, wie Speisestücke, die ein Schlemmer in seiner ungeduldigen Gefräßigkeit verschlingt, ihn ersticken können. Als wir schließlich uns ganz zurechtgefunden hatten, sahen wir auf unsere Uhren; sie waren jedoch stehengeblieben und wir konnten nicht wissen, seit wie lange sie nicht mehr gingen.

Als mir nun merkten, daß wir aus der höchsten Not in eine Lage geraten waren, die zwar ganz eigentümlich war, aber noch sehr glücklich zu werden versprach, wurden wir wieder von Rührung übermannt, wir weinten und betrachteten dankbar Gottes Werte, vor allem anderen das schöne Licht, das unser herrliches Zimmer beleuchtete. Um die Quelle dieses Lichts zu entdecken, standen wir auf und waren entzückt, weiße Schuhe vorzufinden, die, obgleich ohne Schnallen, doch sehr gut sich an die Füße schmiegten. Der Raum schien uns parkettiert zu sein, doch als wir zu gehen anfingen, sahen wir, daß dieser hübsche Boden ein Teppich war, der unter unseren Füßen leicht nachgab. Die Beleuchtung des Zimmers, das weder Fenster noch Oberlicht hatte, kam aus den vier Wänden. Es bildete ein regelmäßiges Achteck von neun Fuß Höhe und vierundzwanzig Fuß Durchmesser; unsere nebeneinandergestellten Betten standen in einem Alkoven, den man durch Vorhänge verdecken konnte und der zwölf Fuß tief und achtzehn Fuß breit war. Das ganze Zimmer war mit kleinen Polstersesseln ausgestattet, die wir kaum hätten benützen können, es standen aber außer ihnen rechts und links Sofas darin, die acht Fuß lang und zwei Fuß breit waren, auf denen wir also auch hätten schlafen können; sie waren nur fünf Zoll hoch, da sie für Leute geschaffen waren, deren Größe achtzehn Zoll kaum überschritt. Es gab da auch ziemlich große Tische, deren Höhe ebenfalls der Größe ihrer Schöpfer und Herren entsprach und auf denen Maschinen herumlagen, die man uns später als Musikinstrumente bezeichnete.

Die Beleuchtung der Zimmer kam aus vier großen Platten, die neun Fuß hoch und breit waren und die leuchteten ohne zu blenden. Sie bestanden aus jenem Glase, das wir seiner Klarheit wegen als Kristall bezeichnen und waren mit Stahl unterlegt; zwischen der Kristallplatte aber und der Stahlplatte lag eine dünne Schicht einer phosphorischen Masse, die flüssig war, wie Quecksilber. Die vier anderen Wände enthielten die Phosphormasse nicht, sondern bestanden aus vier herrlichen Stahlspiegeln, die mit den schönsten venezianischen Spiegeln hätten wetteifern können. Diese Spiegel waren neun Fuß im Quadrat und wechselten mit den Lichtwänden ab. Der Phosphor wird flüssig in der Erde gefunden, er ist das teuerste Mineral und gehört nur den Herrschern, doch bildet es nicht deren größten Reichtum. Untertanen können ihn kaufen, denn er ist nicht nur das übliche Geld wie bei uns Gold, Silber und Kupfer, sondern er ist auch Handelsware.

Wir hatten unsere Uhren aufgezogen und wohl eine Stunde mit dem Beschauen der verschiedenen im Zimmer befindlichen Gegenstände zugebracht. Wir waren allein, hätten gerne jemanden gesehen, doch sahen wir weder Fenster noch Türen. Hinter unseren Betten fanden wir einen kleinen Kasten, in dem alle unsere verschiedenen Gegenstände untergebracht waren; doch hatten wir keine Kleider und waren ganz nackt. Dies machte uns verlegen; nicht daß wir an Kälte gelitten hätten oder es als Unanständigkeit empfunden hätten, uns so vor unseren Gastgebern zu zeigen; denn die Erziehung der Megamikren läßt eine solche Vorstellung nicht aufkommen, aber dieser Zustand setzte uns selber einer Versuchung aus, der wir unmöglich widerstehen konnten, da wir zusammen leben mußten. Die Natur ließ uns keine Zeit, darüber nachzudenken. Wir waren ganz allein und konnten nicht etwas befürchten, was unsere Unschuld uns nicht ahnen ließ. Hätten wir es vorausgeahnt, so würden wir niemals ein Gesetz gebrochen haben, das zu achten wir geboren und erzogen waren; und wir wären vielleicht eher gestorben, als daß wir es überschritten hätten. Plötzlich waren wir Mann und Frau geworden ohne irgendwie dagegen angekämpft aber auch ohne den Wunsch geäußert zu haben, es zu werden. Können wir dadurch die Natur beleidigt haben? Es war die Natur ja gerade, die uns dazu trieb, ohne daß unser Wille dazu beitrug! Und wenn unser Wille dabei nicht im Spiele war, kann unsere Vereinigung ein Verbrechen in den Augen Gottes gewesen sein, der doch diese Natur erschaffen hat? Wenn es ein Verbrechen war, wie die Religion, in der wir geboren und aufgewachsen sind, uns möchte glauben machen, dann möge Gott uns die Gabe geben, Abscheu davor zu empfinden, damit wir es, wenn nicht bereuen, doch wenigstens betrauern können. Wenn es aber ein Verbrechen war, wie hätte ein Gott der Rache es zulassen können, daß die Wirkung dieses Verbrechens eine Fortpflanzung war, wie man sie fruchtbarer sich nicht denken kann? Diese Fortpflanzung wurde vielleicht zu unserer zeitlichen Strafe. Wenn es sich so verhält, so frage ich, ob wir uns glücklich oder unglücklich darüber fühlen sollen, daß diese vermeintliche Strafe uns nie irgendwie betrübt hat, daß wir im Gegenteil sie stets als das größte Gut betrachtet haben, nachdem wir uns unzertrennlich vereint hatten, und indem wir einer unwiderstehlichen Triebkraft und Sinnesverwirrung nachgaben, von deren Möglichkeit wir nie zuvor eine Ahnung gehabt hatten. Glauben Sie nicht, daß wir nach dieser Handlung verwirrt und bestürzt gewesen wären oder uns geschämt hätten. Sie könnten dies vermuten, aber Sie würden sich irren. Keines von diesen demütigenden Gefühlen bemächtigte sich unser, weder Reue noch Gewissensbisse trübten je die Ruhe unserer Seelen, und wir lieben einander heute geradeso wie an jenem Tage.

Die Zahl unserer Nachkommen, die zur Hälfte männlichen, zur Hälfte weiblichen Geschlechts sind, überstieg bei unserer Abreise vier Millionen. Diese glückliche Nachkommenschaft stammt von vierzig Töchtern, die meine Frau während vierzig Jahren gebar und zwar jedesmal als Zwillinge mit einem Jungen zugleich. Sie war zwölf Jahre alt, als wir dorthin kamen, und war bis in ihr 52. Jahr fruchtbar. Die Zwillingsbrüder meiner Töchter wurden stets deren Ehemänner, 40 Jahre hindurch, und ich war der erste, der ihnen das Beispiel der heiligen Treue gab, die in der Ehe die Gatten einander mit Ausschluß jeden anderen Wesens sich schulden. Und so ist bei meinem Stamme in all den vielen Jahren weder das Verbrechen selbst, noch ein Verdacht oder eine Versuchung zum Ehebruch vorgekommen; denn infolge eines Vorurteils, das ich ihnen einimpfte, glaubten sie immer, ihre Verbindungen seien unzertrennbar und sogar von der Natur bestimmt, die sie zur gleichen Zeit auf die Welt kommen ließ. Ich habe mich wohl gehütet, ihnen zu sagen, daß dies in England ganz anders aufgefaßt wird, oder gar ihnen zu erzählen, daß ihre Verbindungen dort als scheußliches Verbrechen gelten würden, denn sie hätten es mir doch nicht geglaubt. Ich lehrte sie die Anbetung eines einzigen Gottes in der heiligen Dreifaltigkeit und ein natürliches Gesetz in einzelnen Vorschriften, von denen ich Ihnen berichten werde, wenn es so weit ist. Wenn also meine Söhne als Gerechte leben, so werden sie ihr Heil finden, wie von den Menschen vor der Sintflut diejenigen es gefunden haben, die ohne Todsünden gelebt haben, und wie alle jene, die in der Liebe und in der Furcht Gottes gelebt haben, bevor noch das Gesetz der Gnade gegeben war.

Da ich sicher war, daß nach der Menschwerdung Christi der Weg zum Himmel nur durch die Wiedergeburt durch das Wasser und den heiligen Geist zu erlangen ist, so habe ich alle meine Kinder getauft und ihnen die Taufe der ihren für die Zukunft anempfohlen. Alle meine männlichen Nachkommen habe ich stets einen Monat nach der Geburt beschnitten und habe ihnen nahegelegt, diese meine Vorschrift zu befolgen, was sie auch getan haben und sicherlich stets tun werden. Diese letzte Vorschrift habe ich ihnen aber nicht als eine göttliche hingestellt, sondern nur als etwas zur Reinlichkeit des Menschen Nötiges. Meine Beschneidung kann eigentlich nur Einschneidung genannt werden, denn sie ist nur eine einfache Lösung des Bändchens und keine Verstümmelung; ich hielt sie für das Gedeihen der Fortpflanzung für angezeigt, sowie auch, um neue Nachkommen vor gewissen Leiden zu schützen, denen nur die Unbeschnittenen unterliegen. Während der 80 Jahre, die wir dort verblieben sind, sahen wir kein Kind sterben oder an der geringsten Krankheit leiden, wie auch alle Entbindungen stets glücklich verliefen. Eine derartige Fruchtbarkeit hat uns zuweilen mißfallen, auch hätten einige Beispiele unsere Kinder unsicher machen und dadurch ihren Stolz ein wenig bändigen können. Sie sind fest überzeugt, daß der Mensch nicht stirbt und daß ich ihnen das Gegenteil davon nur sagte, um sie zu erschrecken. Als ich ihnen als überzeugendes Beispiel die Megamikren nannte, die auch sterben und zwar im Alter von 48 Jahren nach unserer Rechnung, so meinten sie, die Sterblichkeit der Megamikren bildete keineswegs den Beweis für die Notwendigkeit des Todes der christlichen Alfredskinder.

In einigen Tagen werden Sie erfahren, wie wir dort zur Herrschaft gelangten, und Sie werden sehen, daß im natürlichen Lauf der Dinge nach hundert Jahren unsere Kinder die Beherrscher der ganzen inneren Erde sein werden, die in der Tat natürlich nicht größer ist als die unsere, da sie das nicht sein kann, aber insofern bedeutender ist, da sich dort wenigstens dreißigmal so viel bewohnbare Orte befinden als bei uns, und da es keine unerforschten Gegenden, keine Meere, keine Wüsten, keine unfruchtbaren, keine unbebauten, keine infolge Kälte oder übermäßiger Hitze verlassenen Länder gibt. Ich bin in der Lage, Ihnen alle Gesetze und Sitten der verschiedenen Nationen der Megamikren und alle Erzeugnisse jener Welt zu beschreiben, denn ich habe sie mehrere Male mit meiner unzertrennlichen lieben Elisabeth durchwandert.

Die Zahl der Megamikren beläuft sich auf 30 000 Millionen und bleibt dabei aus Ursachen, die ich Ihnen später angeben werde; die Zahl meiner Nachkommen wird die ihrige in hundert Jahren übersteigen, wenn nicht ein Naturgesetz ihrer Vermehrung Einhalt tut, wie ein vor 22 Jahren eingetretenes Ereignis sie um die Hälfte verringert hat. Andere von uns nicht vorausgesehene Ursachen können und werden sie wahrscheinlich noch verringern, sonst würde in 300 Jahren die dortige Welt nicht mehr imstande sein, sie zu erzeugen. Alle meine Nachkommen sprechen englisch so gut wie wir, schreiben englisch und lesen und schreiben die Sprache der Megamikren, die nur eine einzige haben. Einige Megamikren, die getrachtet haben, unsere Sprache zu erlernen, brachten es so weit, sie verstehen und schreiben zu können, aber sprechen konnten sie sie nicht, weil ihnen die dazu gehörenden Organe mangeln; denn sie sind nicht imstande, alle Konsonanten auszusprechen, sondern können nur B, M, P und F aussprechen.

Alle meine Kinder wissen, so wenig wie die Megamikren, etwas vom Altwerden, von Krankheiten, von Schlafbedürfnis und von der Notwendigkeit, sich von Fleischspeisen, Fischen oder Gemüsen ernähren zu müssen. Ihre Hauptnahrung besteht in einer sehr zarten Frucht, die man verbotene Frucht nannte, die alle Megamikren verehrten und zu berühren sich nicht trauten, und die sie heute nicht mehr verehren und vor der sie sich nicht mehr fürchten. Außerdem essen sie auch verschiedene Speisen, die mit Mehl zubereitet sind, das ihr wichtigstes Nahrungsmittel ist. Die Unbeweglichkeit ihrer Sonne ist die Ursache des ununterbrochenen Tages und das Fortbestehen einer Jahreszeit, die dem angenehmsten Frühling in Europa gleich ist. Ihre Sonne muß unbeweglich und ständig sein, denn sie übt einen gleichmäßigen Druck auf die ganze sie umgebende Atmosphäre, sowie auf den ganzen Umkreis der festen Erde aus, die von ihr überall gleich weit entfernt ist. Ihr Licht ist so blendend, daß man nicht straflos in sie hineinschauen kann; eine Lähmung des Sehnervs und gänzliche Erblindung könnte die Folge davon sein. Die weise Natur hat die Megamikren davor durch die ihnen angeborene knorpelige Haube geschützt, über die sie sich also nicht beklagen dürfen. Ich bin der Ansicht, daß jene Welt der große Magnet, die Anziehungskraft ist, die es bewirkt, daß alle auf unserer gewölbten Oberfläche befindlichen Körper festen Halt darauf haben. Einige von unseren Physikern haben dies im allgemeinen vermutet, doch da keiner von ihnen der Ursache nachgehen konnte, so vermochte auch niemand bestimmt zu behaupten, daß eine im Mittelpunkt des Erdkernes befindliche abstoßende Kraft einem anderen Menschengeschlecht es ermöglicht, sich auf der Rundung eines hohlgewölbten Bodens im Gleichgewicht zu erhalten. Die vollkommen kugelförmige Gestalt dieser Hohlrundung beweist uns, daß die Entfernung zwischen uns und den Megamikren dort weniger groß ist, wo die Erde, auf der wir uns befinden, plattgedrückt ist.

Die Megamikren reisen sehr selten und zwar aus zweierlei Gründen. Erstens, weil ihre Religion ihnen die Neugierde verbietet; dieses Gebot ist eine sehr weise Vorsicht, wenn es sich um eine sündhafte Neugierde handelt, doch wird die Frömmigkeit überall zum Vorurteil, wenn sie sich schwacher Köpfe bemächtigt, und Schwachsinnige sind nirgends selten. Ihr zweiter Grund ist der, daß ihre Welt fast überall gleichförmig ist, so daß es sich, wie sie sagen, nicht lohnt, eine Sünde zu begehen, um sie zu besichtigen. Die einzigen, die viel reisen, sind die Geschäftsleute, deren Neugierde nie verdächtig oder auffällig ist, da ihr einziger Grund Gewinnsucht ist und in jener Welt alles ihrem Spekulationssinn dienen darf; denn die Herrscher ziehen stets Nutzen davon, wenn etwas aus- oder eingeführt wird. Sie haben für ihre Reise zu Wasser wie zu Lande die denkbarsten Bequemlichkeiten; zu Lande wird der Verkehr durch Posten vermittelt, die jeder Herrscher unterhält. Sie laufen nach allen Richtungen und haben in Entfernungen von je fünf Meilen Station, wo die Tiere gewechselt werden; zu Wasser befördern Kähne zu sehr mäßigen Preisen die Kaufleute und deren Waren, dieser Verkehr ist sehr rege, da ihre ganze Welt vielfach von Kanälen durchschnitten ist. Da ihre Erde überall gleichmäßig bevölkert und bewohnt ist, so genießen sie auch den Vorteil, überallhin auf dem kürzesten Wege gelangen zu können; sie irren sich darin nie, da sie bis zu ihrem zwölften Jahr, das unserem dritten gleichkommt, gründlich erzogen werden und während dieser Zeit, außer in der Moral auch in Geographie unterrichtet werden; außerdem gibt es keine Stadt, wo nicht auf freiem Platz ein großer Globus aufgestellt wäre, auf dem alle Orte verzeichnet sind, so daß alle, die es brauchen, sich orientieren können. Es ist nicht möglich, dort eine Reise zu machen, ohne eine Kurve auf der Hohlrundung durchzuwandern, ganz so wie es bei uns nicht möglich ist, die Wölbungen unserer Oberwelt zu vermeiden; doch verhindert das nicht, daß die Megamikren ähnlich wie wir stets in gerader Linie gehen; denn, wie jedermann weiß, ist ein Kreis nichts anderes als ein Viereck mit unendlich vielen Seiten.

Man übersieht dort die ganze Oberfläche, ohne daß der Blick durch irgendeinen hervorragenden Gegenstand gehemmt wird. Die Gleichmäßigkeit ihrer Ebenen wird nur hier und da durch kleine Wäldchen angenehm unterbrochen, die aus sogenannten heiligen Bäumen gebildet werden, den Grund dieser Benennung werde ich Ihnen morgen sagen. Alle Städte, alle Landhäuser, überhaupt alle Behausungen, sind unterirdisch angebracht, mit Ausnahme der Beobachtungstüren, doch ist auch deren Erhebung nur unbedeutend, da sie zur Feststellung der Entfernungen in einer Welt, wo jeder entfernte Gegenstand höherliegt als der Standort des Beobachters, nicht nötig sind.

Die ganze Fläche jener Welt ist in Maße eingeteilt, die man dort O E nennt, und die wir Top nennen werden; alle Topen sind vollkommen quadratisch und von fließenden Bächen eingefaßt; die Grenzlinien konvergieren und divergieren abwechselnd vier bis sieben Zoll, dies ist erforderlich, um die Vierecke der Topen möglichst gleich zu machen, da es unmöglich ist, die Oberfläche einer Kugel regelmäßig mit gleichen Quadraten zu bedecken. Auf größeren Straßen sind diese Bäche oder Kanäle überbaut. Jeder Top bildet ein Viereck von 100 Klaftern, folglich enthält er deren 10 000 auf seiner Fläche und in einem jeden befinden sich wenigstens acht unterirdische Wohnhäuser für sechs oder acht Paare Megamikren, die den Top bebauen; man findet nicht einen einzigen, der brach läge. Sie sehen, Mylord, mit welcher Genauigkeit und Leichtigkeit jeder Megamikre, der zählen kann, imstande ist, die Größe der Erde zu berechnen und deren Verteilung zu regeln; und zählen können dort alle.

Die Häuser der Bauern sind klein und viereckig, doch haben sie drei Stockwerke, von denen jedes vier Fuß hoch ist; in ihrer nächsten Nähe befinden sich die Stallungen für das Vieh und die Scheunen und Schuppen, in denen sie die Früchte der Erde aufbewahren. Der erste Stock ist der einzige, der durch das Tageslicht erleuchtet wird, das schräg durch die kleinen Fenster eindringt; diese sind als Luftlöcher unter dem stets nur mit Balken ohne Fries versehenen Gesims untergebracht.

In den Städten dagegen nimmt die Architektur einen hohen Rang ein. Man sieht große und schöne Bauten und die sogenannten Königshäuser, die sich gewöhnlich in allen Städten vorfinden, wo auch ein Abdala wohnt, sind sehr reich ausgestattet und sehr geräumig. Es sind Paläste, deren Tiefe, Länge und Breite hundert Klafter beträgt, die genau einen Kubiktop groß sind; ihre Oberflächen sind mit Höfen, Gärten, Kanälen und Wäldchen bedeckt, die alles in sich bergen, was Industrie, Wissenschaft und Luxus bieten können, um die Wünsche eines geistreichen, sinnlichen und prachtliebenden Herrschers zu befriedigen. Ein einziger solcher Palast enthält oft 10 000 Herrschaftswohnungen, die ebensoviele sehr bequeme Häuser bilden; dazu Wohnräume für 100 000 Diener, die alle voneinander getrennt sind; 100 große Säle von 8 Klaftern Höhe und 32 Klaftern Höhe im Quadrat; in diesen finden zauberhafte Konzerte statt, von denen ich Ihnen noch berichten werde. Die Tiefe kann aber nie 100 Klafter überschreiten, da dann die sumpfige angrenzende, von ihnen undurchdringlich genannte Materie beginnt, die sie vor meiner Ankunft für die den Rest der Welt bildende hielten.

Es gibt dort Reichtum und Armut, Mein und Dein wie bei uns, und aus diesem Grunde befinden sich im Innern aller Städte, unterhalb der Wälle, Häuser, in denen die Armen aus Barmherzigkeit aufgenommen werden; sie sind den Häusern der Bauern ähnlich, doch ohne Stallungen und Scheunen. Diese Mitleidsgabe beruht auf einer Vorschrift ihrer Religion, nach der die Edlen und Reichen niemals dulden dürfen, daß das Elend ein Megamikrenpaar soweit bedrückt, daß sie nicht täglich wenigstens einige Stunden in diesem Raum ruhen können. Man zieht dort die Finsternis der Tagesklarheit vor; das ist ganz natürlich, denn was man immer besitzt langweilt, und das Tageslicht kostet nichts, während man Geld braucht, um die Dunkelheit herzustellen. Verbrecher werden dort stets nur zu hellen Kerkern verurteilt, wenn ihnen nicht mildernde Umstände zugute kommen.

Ich habe in einigen Hauptstädten jener Welt Globen von verschiedener Größe gesehen, in die man hineingehen kann, um die genaue Abbildung der Erde zu sehen. Diese Kugeln sind durch eine runde Laterne erleuchtet, die im Scheitelpunkt an einem Seil aufgehängt ist. Diese Laterne entspricht im Verhältnis zu dem Globus der Größe der diese Erde bescheinenden Sonne. Sie ist aus Eisen verfertigt und inwendig hohl, eine Linie von ihrem Umfang entfernt mit Glas überzogen, unter dem sich Phosphor befindet. Die größten von diesen Globen gehören den Herrschern, sie haben bis zu 90 Klaftern Durchmesser und kosten so viel wie ein ganzes Königshaus. Man geht um diese Globen auf ganz schmalen Treppenwegen herum, die durch eine Menge miteinander in Verbindung stehender Spiralen um das Gebäude führen. Die Böden dieser Wege sind mit Hanfteppichen bedeckt. Die Weber, die größte Handwerkerklasse, bilden dort den zahlreichsten Stand; doch sind sie mit Ausnahme ihrer Vorsteher nicht die reichsten. Der Hanf wird als ein untergeordneter Arbeitsstoff betrachtet, da man aus ihm die Teppiche verfertigt, die die Fußböden aller Wohnungen bedecken, nur das Dach der Häuser wird aus Holz oder aus gebrannten Ziegeln gemacht.

Da der Meridian der Megamikren stets und überall gleich ist, so hatten sie es nicht nötig, Breitegrade und geographische Längelinien sich auszudenken, doch haben sie sich Maße verfertigt, indem sie einen willkürlichen Punkt bestimmten, über den ich Ihnen später berichten werde. Den Durchmesser der Sonne haben sie auf eine Weise berechnet, die wenigstens nach meiner Ansicht die allereinfachste ist. Sie befestigten senkrecht ein Teleskop und neigten es dann so weit, daß sie nicht mehr die Sonne sahen, deren Körper sie hinderte, den ihnen gegenüberliegenden Ort der Erde zu sehen; nun bezeichneten sie die Stadt oder das Dorf, das sie auf diese Weise zu sehen bekamen und verfuhren dann ebenso auf der gegenüberliegenden Seite. Da ihnen die Entfernung zwischen diesen zwei Orten bekannt war, so stellten sie fest, daß die Entfernung der beiden Divergenten gleich dem doppelten des Durchmessers der Sonne war.

Der Umfang der Megamikrenwelt beträgt 21 380 geographische Meilen und sein Durchmesser ungefähr 6690; somit ist dieser Durchmesser 184 Meilen kleiner als der bei uns am Äquator berechnete. Sie fanden bei der Berechnung der Sonne, daß die Enden der Divergenten 1344 geometrische Meilen voneinander entfernt waren; also berechneten sie den Durchmesser der Sonne auf 672, ihren Radius auf 336 Meilen. Die Entfernung des Mittelpunktes ihrer Sonne von ihrer Erdoberfläche muß 3395 Meilen betragen, doch sind hiervon die 336 Meilen des Radius abzuziehen, und so verbleiben 3059 Meilen, was zehn Halbmesser und 35 Meilen ausmacht. Der Durchmesser ihrer Sonne muß der 32. Teil des Umfanges ihrer Welt sein. Ein König zeigte mir einmal einen Globus, der 100 Klafter Durchmesser hatte; der Durchmesser seiner Laterne, den ich selbst gemessen habe, betrug neun Klafter und vier Fuß.

Die Oberfläche ihrer Welt umfaßt 145 170 290 geometrische Meilen. Achtzig Königreiche und zehn Republiken besitzen jede ein Territorium von 110 Meilen Länge und 1100 Meilen Breite, was jedem dieser Staaten 1 210 000 Quadratmeilen Land verschafft; die übrigen drei Millionen Meilen nehmen größere und kleinere Vasallenstaaten ein, deren Zahl sich auf 216 belauft, alle diese Vasallenstaaten sind dreieckig. Es gibt keinen Vasallenstaat, der weniger als 60 000 Quadratmeilen Land und zehn Millionen Untertanen hätte; einige von ihnen haben je 50, acht andere sogar je 90 Millionen Untertanen. Diese Lehnsfürsten erkennen dem Monarchen oder der Republik, in deren Bereich sich ihre Staaten befinden, nur das Recht der Oberherrschaft zu; in allem übrigen sind sie eigene Herren, sie haben sogar ihre eigene Gesetzgebung.

Alles, was ich Ihnen soeben vorgetragen habe, Mylord, ist nur reine Wahrheit; hieraus folgt die Tatsache: wenn der Durchmesser unserer Erdkugel 6874 geometrische Meilen beträgt, dann sind wir von der inneren Welt nur 92½ Meile entfernt, und ich kann Ihnen nach meiner Erfahrung versichern, daß ich mich nur um eine Kleinigkeit in meiner Berechnung irren kann. Der Weg, den ich auf der Hinreise machte, läßt mich keine Schlüsse ziehen, denn da ich die Luft durchquerte, so war dabei jede genaue Berechnung ausgeschlossen; dafür habe ich auf meiner Rückreise sehr viel gelernt. Wenn wir so weit sind, werden Sie dies selbst einsehen; doch muß ich Sie darauf vorbereiten, daß Sie keine Anhaltspunkte finden werden, um den Weg zum Lande der Megamikren festzustellen; es bieten sich dabei Schwierigkeiten, die an physikalische Unmöglichkeit grenzen.

Ich vermute, daß die Welt, aus der wir kommen, vollkommen von dem übrigen Teil der Erde abgeschlossen ist, und ich glaube sogar, daß deren glückliches physikalisches System nur dadurch sich erhält und fortbesteht, daß ihre Luft sich der unseren durch keine Öffnung mitteilen kann. Gegen die beiden Mächte, die sie so eingeschlossen halten, vermag der Mensch nicht zu kämpfen.

 << Kapitel 4  Kapitel 6 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.