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Eduard und Elisabeth bei den Megamikren

Giacomo Casanova: Eduard und Elisabeth bei den Megamikren - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorGiacomo Casanova
titleEduard und Elisabeth bei den Megamikren
publisherBenjamin Harz Verlag
printrun1. - 5. Tausend
translatorHeinrich Conrad
year1923
firstpub1923
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectidb346cf11
created20061112
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Einleitung

Unweit des St. Georg-Kanals, in der Richtung von Monmouth saßen eine Stunde nach Sonnenuntergang beim Kamin im schönen Hause des Grafen von Bridgend zwei gute Alte, Jakob Alfred und seine Frau Wilhelmine, als sie einen schönen jungen Mann ins Zimmer eintreten sahen, der eine sehr hübsche junge Frau am Arme führte: dies geschah am 15. Februar (alten Stils) des Jahres 1615. Sobald die beiden Unbekannten einen Blick auf die Greise geworfen hatten, blieben sie stehen, aber eine Minute später riefen sie gleichzeitig aus: »Sie sind es, daran ist kein Zweifel!« Mit diesen Worten warfen sie sich den alten Leuten zu Füßen, überschütteten sie mit den zärtlichsten Liebkosungen, küßten sie und benetzten sie mit Freudentränen. Jakob und Wilhelmine waren ganz erstaunt über diesen Gefühlsausbruch ihnen ganz unbekannter Personen und entzogen sich ihm, indem sie sich erhoben. Nachdem sie mit der größten Aufmerksamkeit das schöne Paar betrachtet hatten, redete sie der ehrwürdige Greis mit folgenden Worten an: »Aber wer sind Sie denn? Wie kommen Sie dazu, uns mit so ungewohnter Zärtlichkeit zu überschütten und eigenmächtig und unbekannt unser Haus zu betreten? Woher kommen Sie? Was wollen Sie? Sagen Sie uns das rasch und befriedigen Sie unsere begreifliche Neugierde, oder entfernen Sie sich, denn wir haben bereits genug Sorgen und werden unwillkürlich mißtrauisch in diesen Zeiten, wo man die letzte Verschwörung den Katholiken in die Schuhe schiebt und unter diesem Vorwand die armen Jesuiten ausweist.«

»Ich bin«, antwortete der junge Mann (und sein Gesicht drückte ehrliche Aufrichtigkeit aus) »Euer Sohn Eduard.«

»Und ich«, fügte die schöne Unbekannte hinzu, »bin Eure Tochter Elisabeth.«

Und wiederum eilten sie auf die alten Leute zu, um ihre zärtlichen Liebkosungen zu erneuern; doch der weise Jakob schob sie zurück und sprach zu ihnen voller Entrüstung und mit gebieterischer Stimme: »Wie traust du dich, Unverschämter, uns Unwahrscheinliches glauben machen zu wollen? Und du, Dirne, die mit ihm unter einer Decke steckt, um diesen dummen Schwindel zu bekräftigen, sag, wie willst du diese Behauptung aufrechterhalten?«

Elisabeth: »Ihnen, lieber Vater, will ich nur die Wahrheit sagen; und Sie, teure Mutter, will ich bitten, uns etwas aufmerksamer betrachten zu wollen.«

Wilhelmine: »Lieber Mann, ich bin wirklich außer mir. Diese zwei Menschen sind ja zwei Ebenbilder, lebende Porträts unserer beiden Kinder, die wir vor einundachtzig Jahren beweint haben, als sie mit dem Schiff Bolsey untergingen, das in Norwegen durch den Malstrom verschlungen wurde, durch diesen schrecklichen grausamen Meeresstrudel, der alle Schiffe, die sich ihm nähern, in seine Tiefen herabzieht.«

Eduard: »Ganz richtig.«

Jakob: »Was? Ganz richtig? Du bist entweder ein Narr ober du hältst uns für blödsinnig. Du Haft dich natürlich als geschickter Betrüger, der du bist, sehr genau über alles unterrichten lassen; denn allerdings hatten wir einen Sohn und eine Tochter, die dieselben Namen führten, die ihr euch gebt: aber selbst wenn wir nicht sicher wären, daß sie damals verunglückt sind, – wie erkühnt ihr euch, ihr frechen Menschen, euch für jene auszugeben, da ihr doch augenscheinlich nicht das Alter habt, das unsere Kinder heute hätten, wenn sie noch lebten? Du würdest fünfundneunzig und deine Schwester dreiundneunzig Jahre alt sein; nicht wahr, meine gute Frau? Und wie alt seid ihr denn? Man sieht ja, daß keines von euch älter als fünfundzwanzig ist.«

Elisabeth: »Aber abgesehen von unserem Alter, erkennt Ihr, lieber Vater, unser ganzes Wesen nicht wieder?«

Jakob: »Ich gebe wohl zu, daß eine überraschende Ähnlichkeit mich ganz stutzig macht und ich vor Staunen gar nicht zu mir komme; aber selbst wenn du mir das Zeichen, den Biß des Hundes, der meine arme Elisabeth am linken Ellbogen verletzt hat, vorweisen würdest, so hätte ich auch dann noch nicht die Kraft, an das zu glauben, was mein Verstand als wahnwitzig und falsch annehmen muß.«

Wilhelmine: »Und mein armer Eduard hatte oben am rechten Schenkel ein großes Muttermal in Gestalt einer Ananas.«

Elisabeth: »Hier, lieber Vater, ist das Zeichen, dessen Ihr Euch so gut erinnert.« Jakob: »Ich sehe es, es ist wirklich stark.«

Eduard: »Und Sie, liebe, gute Mutter, schauen Sie her und sagen Sie mir, ob es nicht das Muttermal ist, von dem Sie soeben sprachen.«

Wilhelmine: »Ja, ich sehe es. Oh, lieber Mann, es kann doch kein Traum sein! Wir schlafen doch nicht!«

Eduard: »Ihr werdet Euch nun wohl daran erinnern, daß wir uns in Plymouth eingeschifft haben, als ganz England wegen der Abtrünnigkeit Heinrichs des Achten in Aufruhr war. Unser Oheim soll mit allen, die an Bord des Volsey waren, untergegangen sein.«

Elisabeth: »Wir glauben, wir sind die einzigen, die durch einen Zufall, der an ein Wunder grenzt, dem Tode entgangen sind. Wir wissen, daß wir so alt sind, wie Sie sagen, obgleich Gott uns in eine Welt gelangen ließ, wo man die Zeit auf eine ganz andere Art berechnet; als wir aber trachteten, dies festzustellen, kamen wir bis auf einige Monate auf dieselbe Zahl.«

Jakob: »Das klingt ja wie der Anfang eines Märchens. Nun wollt Ihr uns weismachen, daß Ihr einundachtzig Jahre in einer anderen Welt zugebracht habt! Das müßte allerdings so sein, denn nur in einer anderen Welt könnte es geschehen, daß die Zeit nicht die Macht besäße, Sterbliche alt zu machen.«

Eduard: »Regen Sie sich nicht so sehr auf, lieber Vater, und bereiten Sie sich vor, aus unserem Munde viele Wunder zu hören, an die Ihr niemals glauben würdet, wenn nicht gerade unser junges Aussehen Euch schon darauf vorbereitete. Die Frische unserer Wangen soll Bürgschaft dafür sein, daß alles, was wir Euch erzählen werden, reine Wahrheit ist.«

Wilhelmine: »Er hat recht; alles, was wir sehen, ist ja gar zu merkwürdig. Ich fühle mich schon bereit alles zu glauben, was unsere lieben Kinder uns erzählen werden, laß uns nun, mein lieber Mann, hören, was sie alles erlebt haben.«

Jakob: »Frau, du faselst. Ich zähle hundertundneun Jahre und du bist hundertundsieben Jahre alt; und nachdem wir diese lange Zeit als vernünftige Menschen gelebt haben, sollen wir nun zu Narren gehalten werden und an etwas Unwahrscheinliches glauben?«

Wilhelmine: »Aber, was wir sehen, das ist wahrhaft vorhanden.«

Jakob: »Ich beschwöre dich, laß mich daran wenigstens bis morgen zweifeln, denn mir ist ganz wirr im Kopfe von dieser seltsamen Begebenheit.«

Eduard: »Gut, Vater, bis morgen; dieser Aufschub ist ganz vernünftig; aber versprechen Sie uns, uns morgen anzuhören.«

Elisabeth: »Sie werden Unglaubliches hören. Tatsachen, auf die niemals ein Bewohner der äußeren Erdfläche gekommen ist.«

Voller Staunen stand der gute alte Jakob lange da und warf nur wortlos seiner Frau und den beiden Eindringlingen Blicke zu. Endlich gab er sich dem ihn überwältigenden Gefühl hin. Das Nachdenken weckte in ihm die natürlichen Empfindungen wieder und rührte ihn; er mußte weinen; seine Frau weinte mit ihm; die Unbekannten folgten ebenfalls ihrem Beispiel, und nun hätte nichts mehr ihren Gefühlsaufwallungen Einhalt tun können. Den Tränen folgte eine unendliche Herzensfreude, und ihre gegenseitigen Gefühle äußerten sich in Liebkosungen, die schließlich den braven Alten zwangen, seiner Fröhlichkeit in ungewohnter Weise Luft zu machen; er lachte aus vollem Halse. Das alte Mütterchen zog zwei Sessel ans Feuer heran und hieß an ihrer Seite die beiden merkwürdigen Wesen Platz nehmen, die sie vom Paradies herabgestiegen wähnte, denn nur dort konnte sie sich diesen Zustand von ewiger Jugend vorstellen.

Ein Bauer und eine alte Frau waren Zeugen dieser Szene; die Alte war in ihrer Kindheit eine unzertrennliche Freundin der Elisabeth gewesen und mußte ungefähr deren Alter haben. Sie konnte sich nicht entschließen zu glauben, was doch ihre Augen sahen: als sie sie jung sah, obwohl sie doch alt sein mußte, erwachte in ihr ein Unwillen, der ihre Seele zerfraß; sie glaubte fest an Teufelswerk, und so ging sie, von diesem Gedanken beherrscht, hinaus, einen katholischen Priester zu benachrichtigen, der sich heimlich im Dorfe aufhielt. Unterwegs erzählte sie das Vorgefallene allen Nachbarn, denen sie begegnete; alle lachten sie aus, aber nichtsdestoweniger liefen sie alle, von Neugierde getrieben, zu Jakob Alfred.

Bald überfüllten sie die ganze Wohnung.

Mylord, Graf Bridgend, über diesen ungewöhnlichen Lärm erstaunt, kam mit seiner Frau, seinem Sohn und seiner Tochter herunter, und traf gerade in dem Augenblick ein, als der Priester erschien. Nachdem dieser erfahren hatte, um was es sich handelte, gebot er Ruhe und sagte, diese beiden Menschenwesen könnten wohl geschickte Hexenmeister sein, denen er jedoch bald jede Teufelei austreiben werde, sobald er in Stola und Meßgewand und mit den heiligen Reliquien, die er besitze, wiederkehre; man möge sie nur bis dahin aufhalten und gut bewachen. Zwei eifrige und unerschrockene Katholiken, die sich dort befanden, versicherten ihm, sie würden sie, falls sie nicht etwa Geister wären, nicht entschlüpfen lassen. Sie stellten sich bei der Tür auf, während er zurücklief, um die Waffen zu holen, die seine Religion ihm zu gebrauchen gebot. Lord Bridgend, der weder an Engel noch an Teufel glaubte, lachte; die Mylady hatte Angst, ihr Sohn Lord Tarnton, der nicht wußte, was Teufelaustreiben bedeutete, und der von Elisabeths Schönheit entzückt war, wollte auf den frommen Pater losgehen und ihn durchprügeln, und Lady Stanhope, seine fünfzehnjährige Schwester, der Eduard besonders gefiel, war ganz betrübt zu erfahren, daß er so alt und möglicherweise nur ein schwarzes Gespenst sein könne.

Die beiden Gegenstände des allgemeinen Staunens bemühten sich durch ihre bescheidene Haltung den Mut ihrer Eltern aufrechtzuerhalten und durch eine edle Unerschrockenheit deren Sorgen zu verscheuchen. Bald war der Priester mit allen seinen Geräten zur Stelle; er gab sich redliche Mühe, die vermeintlichen Schwarzkünstler zu entlarven. Da er aber kein Zeichen sah, das seine Vermutungen bestätigte, meinte er endlich, die Unmöglichkeit, ihre teuflische Abstammung festzustellen, sei im Glaubensmangel einiger anwesender Ketzer zu suchen, die ihn durch ihre Heiterkeitsausbrüche störten. Er ersuchte nun alle jene, die nicht an den Vorrang der römischen Kirche glaubten, sich zu entfernen, und man tat ihm diesen Gefallen. Er verdoppelte seine Beschwörungen und Belehrungen: als er aber sah, daß diese jungen Alten allen seinen Anstrengungen widerstanden und weder heulten noch sich auf die Erde warfen, noch auch nur ein Wort auf hebräisch sagten, da verlangte er Schreibzeug und stellte ihnen eine Bescheinigung über ihre ganz natürliche, von jedem Drucke freie Menschlichkeit aus. Er entschuldigte sich und ging seiner Wege, Eduard aber und Elisabeth empfingen die Glückwünsche der ganzen Gesellschaft, die sie auf die freundlichste Weise entgegennahmen.

Graf Bridgend, der von Natur sehr neugierig war, begann die Neuankömmlinge mit allen möglichen Fragen zu überschütten, auf die beide abwechselnd antworteten; je mehr die Antworten den Fragen entsprachen, wuchs aber die Neugierde des Fragenden, da ihm alle möglichen Voraussetzungen in den Sinn kamen, die er nicht sofort aussprechen konnte. Mylord war nun der Ansicht, daß der Saal, in dem sie sich befanden, obgleich geräumig, doch nicht imstande war, die Menge zu fassen, die immer größer wurde; er entschloß sich rasch und lud die ganze Familie ein, in seiner Wohnung zu Abend zu essen. Er war um so freundlicher, als er in seiner Gier, alles zu erfahren, fürchtete, daß die übergroße Zahl der Zuhörer den Herrn Eduard veranlassen würde, nur eine den Umständen angemessene Erzählung vorbringen. Er aber wollte alles erfahren, wo sie diese vielen Jahre zugebracht hätten, als der Volsey vom Malstrom verschlungen wurde, und noch mehr interessierte ihn, wie sie sich so jung erhalten hatten.

Seine Einladung wurde angenommen. Mylord beeilte sich nun, Elisabeth seinen Arm zu reichen. Eduard bot den seinen der Lady und ihnen folgten die zwei Alterchen (so nannte man nämlich Jakob und Wilhelmine), die sehr langsam gingen und zum ersten Stock stiegen. Die übrigen Leute, die im Saale gewesen waren, gingen nach Hause.

Sehr gelegen kam dem Grafen Bridgend in diesem Momente Lord Karl Burgleigh, Neffe des verstorbenen Großschatzmeisters und Verwandter von Robert Cecil, Grafen von Salisbury. Dieser Edelmann liebte Lady Caroline, die man auch geneigt war ihm zur Frau zu geben. Er wohnte fast ständig auf einem seiner Güter bei Chester. Eine Viertelstunde später wurde die Gesellschaft durch die Ankunft des Admirals Howard von Nottingham erfreut, der aus Spanien kam, wo er Botschafter gewesen war. Es war derselbe, der im Jahre 1588 mit dem Vizeadmiral Drake die Flotte Philipps des Zweiten vernichtete, die dieser König so unrichtig die unüberwindliche Armada nannte. Sie bestand aus hundertfünfzig Schiffen, war mit zwanzigtausend Soldaten, achttausend Matrosen, zweitausend Ruderern bemannt und führte zweitausendsechshundert schwere Geschütze. Hocherfreut über diesen Sieg feierte die Königin ihn nach Art der Römer, indem sie eine große Zahl Medaillen zur ewigen Erinnerung an diese glorreiche Tat prägen ließ.

Als man dem Admiral Eduard und Elisabeth als zwei Menschen vorstellte, die dem Schiffbruch des Volsey im Malstrom vor einundachtzig Jahren glücklich entgangen wären, empfing er sie mit Lachsalven. Er erinnerte sich, von diesem Unglück einigemale in seiner Familie reden gehört zu haben. Der Kommandant des Volsey, der ebenfalls dabei verunglückte, war sein Großonkel, der Graf von Surrey gewesen; wie sollte er da nicht lachen, als er so junge Leute vor sich sah! Sein Staunen hatte aber keine Grenzen, als man ihm sagte, es handle sich um keinen Scherz. Da war seine Neugierde der der anderen gleich. Lord Bridgend aber sprach nun zu Eduard:

Mr. Bridgend: »Wir hoffen, Herr Eduard, daß Sie unsere Neugier wohl entschuldigen und befriedigen werden, ohne auch nur die kleinsten Einzelheiten auszulassen, denn bei solch einem Abenteuer muß uns doch alles interessieren. Falls eine Stunde dazu genügt, so könnten Sie schon vor dem Abendessen uns damit erfreuen.«

Eduard: »Wenn Sie, Mylord, aus unserem Munde alles zu erfahren wünschen, was uns seit einundachtzig Jahren widerfahren ist, seitdem wir unsere Heimatsinsel verlassen haben, so glaube ich wohl, daß wir Sie binnen drei Wochen zufrieden stellen können, wenn Sie uns täglich drei Stunden lang anhören wollen. Einstweilen kann ich, wenn Sie wünschen, sogleich damit beginnen; ich bin natürlich stets bereit, meine Erzählung zu unterbrechen, sobald deren Weitschweifigkeit Sie ermüden sollte, oder wenn etwa Ihre Geschäfte Sie abrufen.«

Mr. Bridgend: »Ich werde alle andere Beschäftigung hintenansetzen, um Ihnen zuzuhören, und Sie werden mir durch Ihre Erzählungen ein großes Vergnügen bereiten.«

Lady Bridgend: »Ihre hier anwesende Schwester wird Sie an dies oder jenes erinnern können, das Sie vielleicht vergessen.«

Elisabeth: »Ich werde ganz darauf bedacht sein, Mylady; wir werden nichts auslassen.«

Burgleigh: »Ich vermute, Sie sind bereits ganz im Einverständnis über den uns zu erzählenden Roman; nichtsdestoweniger versichere ich Ihnen, daß ich ebenso aufmerksam zuhören werde, als ob es sich um eine wahre Geschichte handelte.«

Eduard: »Alles, was ich erzählen werde, Mylord, wird nur gar zu wahr sein: Betrogen werden nur jene sein, die es nicht glauben werden.«

Howard: »Genau dieselbe Antwort gebe ich allen denen, die an den Begebenheiten zweifeln, deren Zeuge ich auf meinen langen Reisen war. Aber wenn alles richtig ist, so glaube ich, daß der Mann, der diese neue Welt, von der Sie uns erzählen wollen, für England erobern könnte, mit dem höchsten Ruhm bedeckt zur Ewigkeit eingehen würde. Ich will dem König berichten. Wenn ein Geschwader von Nutzen sein könnte, würde ich sofort bereit sein, allen Gefahren zu trotzen, um die Ehre zu haben, es befehligen zu dürfen. Ich würde es aber nicht wagen, dieses Unternehmen ohne Ihre Führung, Herr Eduard, in Angriff zu nehmen; ich wäre gern bereit, mit Ihnen die Ehre des Sieges zu teilen.«

Eduard: »Ihr Anerbieten, Mylord, ehrt mich ungemein; Ihr Wunsch ist edel und stolz; aber dies Unternehmen ist nicht ausführbar. Die Welt, aus der wir kommen, ist sicher, der unsrigen niemals zum Opfer zu fallen. Sie werden dies einsehen, wenn Sie meine Beschreibung hören. Erlauben Sie mir nur noch in bezug auf die Möglichkeit einer Eroberung dieser neuen Welt Ihnen offen meine Meinung zu sagen. Sie besteht aus achtzig Monarchien, zehn Republiken und aus zweihundertsechs Lehensstaaten, von denen einige so groß sind wie ganz England. Ich liebe die Freiheit dieser Welt, sei es, daß sie in ihrem Zustand erhalten bleibt, sei es, daß sie dereinst meinen Nachkommen zur Beute fällt. Ich bin den Menschen dort zu Dank verpflichtet, denn sie retteten mir vor einundachtzig Jahren das Leben und ich bin nicht der Mann, ihnen das mit solchem schnöden Undank zu vergelten. Ich wünsche ihnen alles Gute und Gott ist mein Zeuge, wie sehr ich wünsche, daß meine Kinder stets mit ihnen in Frieden leben. Sagen Sie mir, ehrenwerter Lord, was haben denn die braven Megamikren Böses getan, was an England verbrochen, daß mein Vaterland sich für berechtigt halten sollte, sie zu unterwerfen, kaum daß es von ihrer Existenz gehört hat? Sie brauchen uns nicht. Wie kann aber irgend jemand das Recht haben, sich eines Staates zu bemächtigen, über den er niemals zu verfügen hatte? Ich sehe wohl ein, daß Ihnen, Mylord, dieser Gedanke von Ihrem unerschrockenen Mut, Ihrer Vaterlandsliebe, Ihrer Begierde nach dem höchsten Sieg und größtem Mut eingegeben wird. Ich sehe dies ein, doch beschwöre ich Sie, Mylord, mich zu entschuldigen, wenn ich nicht Ihrer Ansicht zu sein vermag! Ich bin in jener Welt auferzogen, wo man nicht versteht, wie es einem Menschen zum Ruhme gereichen kann, andere Menschen unglücklich zu machen.

Übrigens ist die innere Welt schon deshalb nicht zu erobern, weil sie von Natur keine Grenzen und Küsten hat; man kann nur durch die Erdrinde zu ihr gelangen, und da ist sie verteidigt durch Abgründe, die Schwerkraft, durch Gewässer, Luft und Feuer. Aber selbst wenn nicht die Natur das Eindringen hindern würde, welche Macht könnte es jetzt unterjochen, da sechshunderttausend Engländer in ihr leben, die verpflichtet sind, sie zu verteidigen? Sie würden dort eine ungeheuer starke Artillerie antreffen, Sie würden dem ganzen Mut unserer Nation und einem vom Sophismus nicht angekränkelten Geist begegnen, dem Sie niemals den Gedanken klar machen könnten, daß es zu ihrem Vorteil gereichen würde, sich unterjochen zu lassen und einen anderen Herrn anzuerkennen als ihre eigenen Gesetze und Herrscher.«

Burgleigh: »Ich bin wirklich betrübt, Mylord, daß diese Erklärung des Herrn Eduard Ihren Wünschen und Ansichten nicht entspricht. Sie klingt etwas wild. Es ist die Rede eines Menschen, der von unterhalb der Erde kommt. Aber trösten Sie sich: es gibt noch unbekannte Länder in unserer Welt, die sich nicht vom Fleck rühren; die können Sie entdecken gehen, sobald Sie Lust haben und können sie als guter Engländer der britischen Krone einverleiben. Diese armen Länder! Welch Unglück für sie, unbekannt zu sein! Wie können sie überhaupt existieren, ohne englisch, spanisch oder französisch zu sein! Man muß sie der Barbarei entreißen, in die sie sicherlich versunken sind. Gehen Sie nur hin, sie dem Nichts zu entreißen, und wenn Sie mich mitnehmen wollen, will ich gerne sterben oder mit Ihnen siegen.«

Howard: »Ich danke Ihnen; Sie werden mich begleiten; ich nehme Ihr Ehrenwort an. Nichtsdestoweniger muß ich Ihnen sagen, daß die aufrichtige und freie Rede des Herrn Eduard mir sehr gefallen hat; er sprach zu mir als Gentleman und als Philosoph; Ihre Glosse aber hat mich eher gelangweilt. Aber sagen Sie mir, mein lieber Herr Eduard, wieso sechshunderttausend waffenfähige Engländer in jener Welt vorhanden sein können?«

Eduard: »Das sind alles meine Kinder, Mylord, bis zur siebenten Generation herab, und dies hier ist meine Frau; alles andere werden Sie nach und nach erfahren. Jetzt muß ich aber Mylords Neugierde befriedigen. Krankheiten sind etwas sehr Seltenes bei den Megamikren, und noch seltener ist dort das Elend. Morgen werde ich weiter Ihre Neugierde stillen, die mich ungemein ehrt, und Sie werben der Reihe nach erfahren, womit diese Völker sich beschäftigen, worin ihre Lebensfreuden bestehen und wie sie regiert werden. Sie werden von ihren Gesetzen, Studien, Wissenschaften, Sitten und Glaubenslehren hören. Und dann werden Sie alle von Ihrem Irrtum zurückkommen, daß man den Megamikren dort einen Besuch abstatten könnte.«

Bridgend: »Wir werden ja sehen! Seien Sie schon jetzt versichert, mein Freund, daß ich alles für wahr halten werde, was Sie mir erzählen wollen! erstens weil ich Sie für einen ehrlichen Mann halte, der nicht imstande ist, unser Vertrauen zu mißbrauchen, zweitens weil ich glaube, daß Sie viel zu tun hätten, wenn Sie alle diese Zustände, die den Inhalt Ihrer Erzählung bilden sollen, erst erfinden müßten, und zwar so gut erfinden, daß Sie in uns stets gespannte Zuhörer finden. Einstweilen können Sie mit Ihrer Schwester dem Beispiel der ganzen Gesellschaft folgen und schlafen gehen. Morgen werden wir alle zusammen zu Mittag essen, und dann werden Sie mit Ihrer Erzählung beginnen; Sie werden diese abbrechen, wo es Ihnen gut dünkt, und auf diese Weise werden Sie es jeden Tag halten, bis Sie fertig sind. Von morgen an wird mein Haus für jedermann geschlossen sein, selbst für Nachrichten vom Parlament, für Boten vom König, von meinem Vaterland und von meinen Verwandten. Ich will, mein lieber Freund, daß nichts imstande sei, die Liebenswürdigkeit zu unterbrechen, die Sie uns erweisen, indem Sie uns Ihre Abenteuer berichten und uns dadurch belehren und erfreuen.«

Diese Anordnung fand allgemeinen Beifall, und nach dem Punsch zogen alle sich zurück.

Bevor er sich schlafen legte, ließ aber Graf Bridgend zwei junge Schreiber von seiner Güterverwaltung holen und befahl ihnen, sich bereit zu halten, um im Nebenzimmer, hinter einem dünnen Teppich versteckt, alle Worte Eduards niederzuschreiben. Sie besaßen nämlich die Kunst, mit unglaublicher Geschwindigkeit alles nachzuschreiben, was ein Redner noch so schnell sprach. Einer von ihnen hätte wohl dazu genügt, doch bestellte Mylord vorsichtshalber alle beide dazu.

Menschen, die diese Gabe haben, sind heutzutage in England nicht mehr selten. Der Graf gebot ihnen die strengste Diskretion, damit Eduard von ihrem Auftrag nichts erfahren und etwa seine schlichte Erzählung ändern mochte, die Mylord ganz unverfälscht zu besitzen wünschte.

Aus Zartgefühl zeigte aber Lord Bridgend, als Eduard mit seiner Erzählung fertig war, diese ohne sein Wissen niedergeschriebene Arbeit vor, indem er sagte, er fühle sich nicht berechtigt, sie zu behalten und sich anzueignen. Eduard schien über den ihm gespielten Streich ganz erfreut zu sein und bat nur um eine Kopie des Niedergeschriebenen, um es eventuell dem weiteren Publikum zugänglich machen zu können, nachdem er es durchgelesen und mit etwaigen Verbesserungen versehen hätte. Dies geschah, doch wurde diese Geschichte dem Publikum niemals mitgeteilt.

Ein Jahr darauf verkaufte Eduard die herrlichen Karfunkel, die er besaß, an einen Armenier, der sie für das Haus Serpos erwarb, das seine Handlungsniederlagen in Hiulpha, einem Vorort von Ispaham hatte. Nikolaus Seriman brachte sie dem Groß-Mogul, und jetzt gehören diese kostbaren Edelsteine dem Herrscher von China. Dafür erhielt Eduard eine ungeheure Menge roher Diamanten, die er an eine Gesellschaft in London um zweihunderttausend Pfund Sterling verkaufte. Er kaufte dafür ein Gut in Davonshire, das er testamentarisch einem gewissen Artur Alfred, dem Urenkel eines Bruders seines Vaters vermachte. Dieses Gut wurde vom unglücklichen Karl dem Ersten zu einer Pairschaft erhoben, und Arturs Enkel Richard Alfred führte fortan diesen Titel; er war jener berühmte Graf von Tiverton, dessen Ratschläge des Königs Leben hätten retten können, wenn das Schicksal ihm erlaubt hätte, diesen zu folgen. Das Gut bringt jetzt der Familie zwanzigtausend Pfund Sterling jährlicher Rente.

Der alte Jakob, Eduards Vater, starb drei Jahre nach der Rückkehr seiner Kinder; seine Frau Wilhelmine überlebte ihn um vier Jahre. Eduard und Elisabeth blieben immer im Hause des Grafen von Bridgend, wo sie ungemein rasch alt wurden, denn bereits zehn bis zwölf Jahre nach ihrer Ankunft zeigten sich schon Spuren des Verfalles auf ihren Zügen. Da sie katholisch waren, äußerte Lady Bridgend den Wunsch, daß sie in der Schloßkapelle beigesetzt würden, wo alle Neugierigen eine Grabschrift lesen können, die berichtet, in welchem Alter beide am selben Tage starben. Es steht nicht erwähnt, daß Elisabeth drei Jahre jünger war als ihr Bruder und Mann; es ist aber nicht das erstemal, daß eine Inschrift dieser Art der Kürze wegen eine wichtige Tatsache verschweigt. Diese Grabschrift lautet:

Hier ruhen die Gebeine von Eduard Alfred und von seiner Schwester und Gattin Elisabeth. Sie starben am selben Tag des Jahres 1629, im Alter von hundertundzehn Jahren. Achtzig Jahre lebten sie im Innern der Erde, wo sie auf ihre achte Generation und auf mehr als vier Millionen Nachkommen blickten.

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