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Eduard und Elisabeth bei den Megamikren

Giacomo Casanova: Eduard und Elisabeth bei den Megamikren - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorGiacomo Casanova
titleEduard und Elisabeth bei den Megamikren
publisherBenjamin Harz Verlag
printrun1. - 5. Tausend
translatorHeinrich Conrad
year1923
firstpub1923
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectidb346cf11
created20061112
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Dem Grafen von Waldstein

Herrn auf Dux und anderen Gutsherrschaften,

Kämmerer S. k. u. k. M.

Herr Graf!

Kein Mensch auf der Welt, nicht einmal jener, der dieses Wert erfunden haben könnte, vermag zu entscheiden, ob es eine wahre Geschichte oder ein Roman ist, denn es ist nicht ausgeschlossen, daß eine rechtschaffene Feder eine wahre Begebenheit niederschreibt, in der Meinung, sie zu erfinden, sowie sie Unwahres berichten kann, obgleich sie nur die Wahrheit zu sagen glaubt. Aus dieser Voraussetzung kann folgende Schlußfolgerung gezogen werden: Ohne genügende Beweise wird man weder etwas leugnen noch glauben können. Der Leser muß unbekümmert alles, was ihm wahrscheinlich erscheint, für Wahrheit halten, und als falsch alles bezeichnen, was seiner Vernunft anstößig ist. Wenn Sie also, Herr Graf, finden, daß der Inhalt dieses Buches nicht möglich ist, so glauben Sie es ganz ruhig, schaden wird es Ihnen nicht, umsoweniger, weil alles Gute darin mit der Weltgeschichte nichts zu tun hat. Da ist zum Beispiel ein englisches Buch »Robinson Crusoe«: man hält es nur darum für einen Roman, weil man keine Beweise für die geschichtliche Wahrheit hat, aber als Roman wird es um so höher geschätzt. Vor fünfunddreißig Jahren sagte mir der französische Geschichtsschreiber Herr Duclos, die von Abbé de S. Real geschriebene Geschichte der venezianischen Verschwörung könne nur als eine Fabel angesehen werden, woher er sie haben könne. Ich antwortete ihm: dieser Leitsatz könne richtig sein, nichtsdestoweniger aber sei diese Verschwörung eine geschichtliche Tatsache und, was mehr bedeute, der Bericht sei sehr genau.

Wenn der Icosameron, den ich Ihnen, Herr Graf, vorlege, eine wahre Geschichte ist, so werden Sie daraus entnehmen, daß die Welt im Innern der Erde das irdische Paradies jenes Garten Eden ist, dessen tatsächliches Vorhandensein wir nicht bezweifeln können, obwohl es uns unbekannt ist, wo er sich befindet. Einige Gelehrte haben schon behauptet, er könne wohl im Innern der Erde sein, doch ist niemand danach suchen gegangen; Juden sowohl wie Christen scheuten sich natürlich vor dem Versuch, ihn zu entdecken, weil sie wußten und wissen, daß Gott Cherubim mit Feuerschwertern aufstellte, um einem jeden den Eintritt zu verwehren (Genesis Kap. III. V. 24). Die Neugierde hätte wohl darauf kommen können, das Paradies in der Mitte des Erdballes zu suchen; vielleicht aber fürchtete man, anstatt des Paradieses die Hölle zu finden. Viele behaupten nämlich, daß dort ihr Platz sei: Tertullian zweifelt nicht daran, der heil. Augustin ist derselben Meinung und sagt: das Feuer in der Erdmitte entsteht durch ein Wunder Gottes. Dadurch fällt die Behauptung von Swinden, es sei unmöglich, daß im Innern der Erde die nötige Menge Salpeter sich befinde, um dieses Feuer ewig zu erhalten: mit tiefer Sachkenntnis meint er, daß die Hölle sich nur im großen Hohlgewölbe der Sonne befinden könne, obgleich König David das Gegenteil gesagt hat.

Wie dem auch sein mag, wir können an der Hand dieser Geschichte darüber disputieren und dürfen offen, ohne unsere Religion zu verletzen, sagen, was reine Vernunft und klarer Sinn uns eingeben. Die Scharfsichtigen werden uns nicht auslachen, dafür steh' ich Ihnen, und das Brummen jener, die Petrarca gente cui si fa notte avanti sera nennt, wird nicht imstande sein, unsern Disput zu unterbrechen. Wir werden nicht albern stolz behaupten, daß wir zur Gewißheit gelangen werden; wir werden aber zum Zweifeln gelangen; und Sie wissen wohl, daß die allergelehrtesten Menschen jene sind, die viel zweifeln. Wer zweifelt, weiß nicht, dafür irrt er aber sich nie: ein denkendes Wesen, das von der Materie umgeben ist, kann nie behaupten, etwas sicher zu wissen. Wir dürfen aber von unserer Vernunft Gebrauch machen. Glücklich, wem die Vernunft zur Unterhaltung dienen kann.

Wenn Gott unsere Erde zu dem Zwecke erschaffen hat, damit sie bewohnt werde, ist es dann wahrscheinlich, daß er gewollt habe, nur ihre äußere Fläche solle bewohnt werden und nicht auch die innere Höhlung? Nein. Der Bienenkorb ist nicht dazu gemacht, damit die Bienen dessen Außenwand bewohnen; die Muschel birgt das Weichtier in ihrem Innern; und die Seele, der Geist, der Sitz der Leidenschaften und der Tugenden wurden durch den Schöpfer nicht am, sondern im Menschen untergebracht; ausgenommen sind nur die Sarmaten, deren Tugend nach Tacitus veluti extra ipsos war. Der berühmte Kern der Erde, über den so viele Philosophen tastende Vermutungen aufgestellt haben, ist eine Notwendigkeit und kann nur ihr bewohnbarer Teil sein, von Gott dazu erschaffen, damit wir ihn ewig bewohnen; er ist der Garten Eden, aus dem uns der Ungehorsam gegen den Allmächtigen vertrieben hat. Wenn es heißt, daß Er uns herausjagte, so waren wir eben drinnen, und das Äußere des Inneren können nur dessen Wände sein, die Rinde, der äußere Umkreis. Als wir nun uns unwürdig machten dort im Innern zu hausen, als wir verdächtig waren, vom Baume des Lebens gekostet zu haben, um unsterblich zu werden (Genesis Kap. III. V. 22), da wurde unser rebellisches Geschlecht von Gott dazu verdammt, außerhalb der Mauern des schönen Gartens sich niederzulassen. Und da sind wir nun. Dabei wundert mich besonders, daß wir uns stets Bewohner dieser Welt nannten, während in Wirklichkeit dieser Ausdruck uns gar nicht zukommt: er kann nicht auf Vertriebene passen, wir sind rechtmäßige und eigentliche Ansiedler nur auf der Oberfläche des Erdballs, auf der wir, da er selbstverständlich hohl ist, herumkriechen – gestatten Sie den Ausdruck. Es ist wahr, mir haben uns vielfach ausgezeichnet, wir haben aus allem Nutzen zu ziehen gewußt, haben ziemlich schöne Dinge vollbracht auf dieser undankbaren Erde, die eher dazu geeignet erscheint, überschwemmt und von Fischen bewohnt zu werden, als Menschen zu beherbergen. Wir haben uns durch herrliche Werke hervorgetan: wir haben unfruchtbare Erdflächen beackert, einigen Flüssen ihre Grenzen angewiesen, Meeren Dämme entgegengebaut, Sümpfe getrocknet, Berge durchbohrt und abgetragen, Straßen und Städte gebaut, überhaupt die Baukunst zu Ehren und zu großer Würde gebracht, tief in der Erde gewühlt, um ihr Metalle zu entnehmen, wir haben ihr sozusagen den Bauch aufgeschlitzt. Wir haben die Chemie, die Künste und sogar die Wissenschaften erfunden, wir haben Gesetze gemacht, Verbrechen verabscheuen und die Tugend triumphiren lassen, ja, wir haben es soweit gebracht, uns von der Göttlichkeit des menschlichen Geistes zu überzeugen und dadurch auf den kürzesten und gradesten Weg zur Betrachtung der Allmacht und unbegreiflichen Größe des Schöpfers zu gelangen. Gott muß sich also sozusagen gefreut haben, als er sah, welch nützlichen Gebrauch wir von dem ungefügen Geschenk gemacht haben, das er uns zur Strafe gegeben hatte. Wenn wir unsere Erde ansehen und sie schön finden, – müssen wir da nicht sofort bedenken, daß es nur durch das ist, was wir aus ihr gemacht haben. Ja, wir. Dieser Gedanke aber soll uns nicht stolz machen, sondern uns dazu anregen, Jenem zu danken, der uns die Gelegenheit gab, uns in all diesem Elend auszuzeichnen.

Und indem wir uns mit diesem Allem abfanden, gewöhnten wir uns an all den Jammer unseres Lebens in dieser Wohnstätte, die doch nur ein Verbannungsort ist; gewöhnten uns so sehr, daß die meisten von uns nichts mehr als störend betrachten, was unser Glück beeinträchtigt; wir ertragen die Krankheiten, denen wir unterworfen sind, ertragen Pest, Kriege, Hungersnot, Überschwemmungen, Erdbeben, wir ertragen den Gestank der Nebel, die Blitze des Himmels, das Toben der Winde, den verpestenden Einfluß des Hundssternes. Wir ertragen übermäßige Hitze, die starken Fröste, die wilden Tiere, die stets bereit sind, uns zu verschlingen, die Insekten, deren die Luft voll ist, und die (wenn es wahr ist, daß sie aus uns entstehen, wie die Flöhe, die Läuse, die Wanzen), nicht unrecht haben, uns zu stechen, um uns die Nahrung zu entnehmen, die wir ihnen schulden. Man muß zugeben, daß wir sehr gutmütige und leichtblütige Menschen sind, da fast alle ungern sterben und viele sich willig verpflichten würden, unter denselben Verhältnissen wieder auf die Welt zu kommen.

Alle diese Armseligkeiten, Herr Graf, sind bei den Megamikren nicht vorhanden. Nun werden Sie mich fragen: wie konnten, wenn dieses Land das irdische Paradies sei, Eduard und seine Schwester trotz der Wache haltenden Cherubim (Engel, die nach der Namensbezeichnung den Ochsen gleichen sollen) und dem göttlichen Bannspruch dorthin gelangen?

Ich kann Ihnen hierauf als philosophischer Theologe antworten. Erstens kann Gott kein unwiderrufliches Urteil aussprechen; und zweitens kann der Schöpfer zu seiner größten Ehre einem unserer sterblichen Menschenpaare erlaubt haben, dorthin zu gelangen und wiederzukehren, um uns davon zu berichten und dadurch unseren Glauben zu stärken, der nur gar zu schwach und wankelmütig ist. Bedenken Sie auch, daß das göttliche Erlösungswerk jeden bösen Einfluß der ersten Sünde vernichtet haben muß und daß die Ledigsprechung von einer Schuld mit der Aufhebung der für sie bestimmten Strafe verbunden sein muß. Eduard ließ dort fünf Millionen Kinder zurück, die er während der achtzig Jahre niemals krank werden noch altern sah. Vielleicht wollte Gott ihnen die Unsterblichkeit wiedergeben. Was wissen denn wir?

Kommen wir nun auf die Megamikren zurück, die Eduard als Herren jener Welt fand. Was ist das für ein neues Menschengeschlecht, von dem wir nie etwas gehört haben, deren Vorhandensein niemand geahnt hat, das nicht von Adam abstammen, mit der Erbsünde nichts Gemeines haben kann und somit mit der Menschwerdung Gottes nichts zu tun hat? Dürfen wir vermuten, daß es das vom ersten Menschenpaare abstammende Geschlecht sein könnte, von dem der 26. Vers des ersten Kapitels der unfehlbaren Genesis spricht? Der heilige Geist nennt uns deren Namen nicht, er läßt uns nur im folgenden Verse 27 wissen, daß dieser Mensch zwei Wesen bildete, dessen jedes Männchen und Weibchen war, marem et feminam fecit deus. In Vers 28 sagt er ihnen: füllet die Erde, implete; meinen Sie, daß das Wort füllen gleichbedeutend mit decken sein könnte? Würden Sie von einem grün angestrichenen Ei sagen, es sei mit grüner Farbe gefüllt? Sie würden sagen: mit grün bedeckt. Gott hat die Megamikren und uns nicht erschaffen, damit wir die Erde bedecken, sondern damit wir sie füllen. Die Erstgeborenen sind dortgeblieben und wir wurden hinausgejagt. Gott schuf unsern Ältervater Adam, nachdem die erste Woche schon verstrichen war.

Doch bevor ich meine Gedanken weiter ausführe, beschwöre ich Sie, Herr Graf, gütigst beachten zu wollen, daß ich trotz meiner zuversichtlichen Sprache Ihnen nur Vermutungen vortragen will. Ich versichere Ihnen gleichzeitig, daß, wenn auch meine Reden die Wahrheit streifen würden, die strengste Kritik darin nie das Geringste finden wird, was den von den Mysterien abhängenden Glauben unserer Religion irgendwie verletzen könnte. Gott gab Adam den Befehl, nicht vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen zu kosten; hierauf schläferte er ihn ein und schuf durch eine für uns unbegreifliche Zauberei Eva, der, wie wir annehmen müssen, Adam das Verbot Gottes mitteilte. Diese Schöpfung, die wir im 7. Vers des zweiten Kapitels finden, hat nichts mit jener ersten zu tun, die uns im 26. Vers des ersten Kapitels so ganz nebenbei berichtet wird und wovon in der ganzen heiligen Schrift nie wieder die Rede ist; die Geschichte der Erbsünde bilde den Inhalt des ganzen dritten Kapitels. Man sollte sich aber nicht wundern, daß die Bibel nirgends mehr des zuerst geschaffenen Menschenpaares erwähnt; denn sie ist das Buch unserer Religion, dessen Vollkommenheit nicht im geringsten davon abhängt, daß wir irgend etwas über das erste Menschengeschlecht erfahren: denn wir haben mit diesem nichts gemein. Außerdem kommt es mir weder schicklich noch wahrscheinlich vor, daß es Gottes Absicht gewesen sein könnte, das Innere dieser Welt leer zu lassen, wir können es daher ohne jegliches Bedenken für bewohnt halten.

Seien Sie aber darauf vorbereitet, in der Welt der Megamikren verschiedene gewöhnliche Irrtümer anzutreffen, denn sie sind eben auch Menschen; dafür werden Sie bei ihnen überall Erhabenes finden, wo es sich um ihre Lehren handelt: um Gott, das Geistige, die Schöpfung, die Unsterblichkeit der Seele, denen ihre Natur widerspricht, die Seelenwanderung, um die so viele Philosophen sich mühten. Sie werden bei ihnen unsere Glaubenssätze von der Ewigkeit finden, Belohnungen und sehr vernünftig abgestufte Strafen; der Gerechte ist stets sein Lebenlang und auch nachher glücklich, der Ungerechte immer unglücklich. Sie werden vom herrlichen süßen Tode der Megamikriten hören, dem achtzehn Monate ununterbrochener Freuden vorausgehen. Die Dauer ihres Lebens ist für alle gleich bemessen, daher jedem bekannt. Sie werden dort Herrschaft und Abhängigkeit finden, und Gesetze sind nur in beschränkter Zahl vorhanden, da es nur solche gibt, die zum Glück des Menschen notwendig sind; alle sind ohne Erläuterungen im Gegensatz zu den unseren, die dadurch nur noch unverständlicher werden. Sie werden dort fast dreihundert Herrscher bewundern können, die alle glücklich sind dank ihrer Erziehung, die sie belehrt, daß sie nur dann glücklich sein können, wenn sie von ihren Untertanen geliebt werden; und Sie werden mit Terenz sagen! »et errat longe – qui imperium credat esse gravius, aut stabilius vi quodsit quam illud quod amicitia adjungitur«. Sie werden dort ein Menschengeschlecht finden, das, um vollkommen und beneidenswert zu sein, nicht erst in zwei Geschlechter geteilt werden muß; das, um seine Kräfte wieder zu stärken, nicht erst zu schlafen braucht; das sich von der eigenen Milch ernährt; und das, um essen zu können, nicht erst warten muß, bis die Natur es mit Zähnen versorgt, diesen unhaltbaren, oft ungleichen Knochen, die auf unserer Erdoberfläche zwei Drittel der Lebenden verlassen, ehe sie das elende Greisenalter erreicht haben. Sie werden dort einen ewigen Tag, einen ununterbrochenen Frühling vorfinden.

Die Liebe kann bei den Megamikren nicht eigentlich Leidenschaft genannt werden, denn es ist ein Gefühl, das keinem Wechsel unterliegt, weder verringert noch verändert wird, und man kann sie als die wirkliche Substanz ihres Lebens bezeichnen, denn ihr ganzes Leben ist nur eine Liebe, die gleich feurig fünfundvierzig Jahre fortbesteht, nachdem drei Jahre vergangen sind, um sie zu entfachen. Die zwei Wesen, die ein unzertrennbares Paar bilden, kommen auf die Welt, um zu lieben und sterben in der Liebe, denn sie geben einander die lebhaftesten Liebesbeweise bis zum letzten Augenblick ihres Lebens. Ihr sanftes Erlöschen kann man nicht Sterben nennen, sondern nur einen leichten Übergang, denn dieselbe Liebe wird in der Ewigkeit unsterblich fortleben. Wir sollen nach dem Wortlaut der heiligen Schrift selbzweit einen Körper bilden, die Megamikren aber sind eins in zwei Körpern.

Sie werden dort mit Staunen Bäume sehen, auf denen unzählige Schlangen sich befinden, die unser Held mit Hilfe seiner vielen Kinder vernichtete, dem Aberglauben zum Trotz, obzwar nichts ihm bewiesen hatte, daß dieses Schlangen vom Geschlecht jener seien, die die Eva verführte; denn sie sprachen nicht.

Wenn Sie, Herr Graf, auf die Sprache der Megamikren achtgeben, so werden Sie bemerken, wie weit sie alle Ihnen bekannten übertrifft, denn sie ist eine wahre Musik in Prosa, deren weiche Harmonie durch keine Konsonanten gestört wird: es ist ein ununterbrochenes Tönen mit Zwischenräumen zwischen jedem Klang, jedoch mit einer so zarten Abstimmung, daß nur ein sehr empfindliches Ohr es merken kann. Die höhere Musik des Kontrapunktes ist ihre Poesie, die keiner Worte bedarf wie die unsrige: der Megamikre braucht sie nicht erst durch die Ohren zu empfangen, sie findet ihren graden Weg zur Seele durch einen sechsten Sinn, den wir nicht haben und den Gott in ihre äußere Haut legte. Diese Musik kann nur durch wirkliche Dichter erzeugt werden, die dort ebenso selten sind wie bei uns: sie bildet für die Megamikren ganze Erzählungen, die man durch Worte nicht wiedergeben kann Unser Held Eduard, seine Schwester und Gattin Elisabeth und ihre Nachkommen empfanden beim Zuhören nur die Empfindung, die sie ausdrückte: Freude, Schmerz, Staunen, Empörung, Mitleid und Rührung, ohne begreifen zu können, um was es sich handelte. Man sagt, die Sprache der Griechen habe Mut eingeflößt oder zur Liebe entzündet und den Zorn besänftigt; und dies glaube ich wohl, denn die unsere erlustigt, rührt und stimmt zum Weinen, wie sie auch einschläfernd wirkt, wenn sie schlecht ist, und das ist sie oft, weil unsere Herren Musiker keine Poeten sind und weil unsere Dichter elende Reimschmiede sind, die nicht einmal wissen, was der schöne Name bedeutet, den sie sich geben.

Der Tanz ist bei den Megamikren im höchsten Grade ausgebildet: man grüßt nur mit Tanzschritten und drückt dadurch seinen Gedanken aus, und dies ist ein einfaches Mittel, wodurch man sich vor Schmeichelei, Lüge und jener verfluchten Verstellung schützt, die wir für lobenswert halten und sogar zu den Tugenden rechnen, während sie sich bei genauer Beobachtung als reine Hinterlist herausstellt. Cicero sagt uns »quo quis versatior et callidior est, hoc invisior et suspectior detracta opinione probitatis«. Die Megamikren pflegen sehr sorgfältig die schönen Künste und ganz besonders betreiben diese glücklichen Sterblichen das Studium der Physik, Geometrie, Mechanik und Jurisprudenz; alle sind sie Geographen und Musiker: außerdem verschafft ein gründliches Studium denen, die es wünschen, die nötigen Kenntnisse im Handelswesen, das alle geselligen Völker beglückt und die Quelle der Industrie ist, die nur durch Gedeihen des Handels befördert werden kann.

Da es nicht möglich ist, Herr Graf, daß ein Menschengeschlecht leben kann ohne sich zu ergötzen, so besteht das Vergnügen der Megamikren darin, daß sie jagen, ohne das Wild zu töten, daß sie fischen, ohne den Fischen ihre Freiheit zu rauben. Dem Schwimmen ergeben sie sich mit einer von uns ungeahnten Begabung, da die Natur sie mit besonderen inneren Organen ausgestattet hat, die ihnen erlauben, wie Fische im Wasser zu atmen. Die Reichen haben Lauben in den Flüssen, die in meinem englischen Original »Fischotterbauten« genannt werden. Dort unterhalten sie einander durch sehr beredte Gebärden und mit einer ungemeinen Geläufigkeit.

Pferderennen gehören zu ihren beliebtesten Vergnügungen und der edelste Sport der Begüterten ist, in ihrer freien Zeit Pferde zu zähmen und abzurichten. Sie besitzen hundert verschiedene Arten von Pferden, darunter auch fliegende, die Ihnen jedoch kaum besser als die anderen gefallen werden, denn sie haben nur die ihnen von der Natur angeborene Intelligenz. Diese unschuldigen Unterhaltungen der Megamikren werden Sie sicherlich begeistern und Ihnen die Worte entlocken: »o miseri quorum gaudia crimen habent!«

Sie werden finden, daß die gelehrtesten Naturwissenschaftler Chemiker sind; alle Chemiker sind Apotheker und alle Apotheker sind gute Köche. Sie werden von einer unbeweglichen Sonne hören, der die ganze dortige Natur ihr Leben verdankt und von einem stets gleichen System, das erzeugend und wohltuend wirkt, als kleinste seiner Wohltaten den roten Regen bringt, der in seiner Farbe den Gewässern ihrer Flüsse gleicht und viermal im megamikrischen Jahr, nachdem ein Wind vorausgegangen ist, die Atmosphäre erfrischt, indem er nicht wie bei uns vom Himmel herabkommt, sondern in der Art von Springbrunnenstrahlen aus der Erde herausquillt.

Sie würden dort keine verpestete oder von zu starken Winden bewegte Luft zu atmen haben und hätten nicht auf einem Boden zu wandern, der Überschwemmungen unterliegt, die die Gaben der Ceres und Flora zerstören und die hübsche Ordnung zunichte machen, die uns lächelnde, fruchtbare Felder, zartgefärbte Bäume, Blumen und Gräser in unseren Gärten zukommen lassen.

Man streitet auch in jener Welt, Herr Graf, denn die Menschen sind auch dort verschiedener Meinung und wollen stets recht behalten, aber es gibt dort keine Kriege oder doch nur ganz zufällige, denen man das Widernatürliche wohl anmerkt; es ist nicht wie bei uns, wo die Kriegsvorbereitungen zu den ersten Pflichten eines Herrschers gehören, wo man einen Krieg auf eine den Megamikren ganz unbekannte freundschaftliche Weise anzuspinnen versteht, während man zum Morden bereits entschlossen ist. Eduard hat allerdings den Krieg bei den Megamikren eingeführt, aber er mußte dies tun, sonst wäre er der Gewalt zum Opfer gefallen, und ein Engländer stirbt eher, als daß er sich ergibt. Sie werden gerade daran sehen, was wirklicher, unbestrittener Edelsinn ist, dem jeder Streit fern liegt und der der Natur entsprossen ist. Sie werden sehen, wie die Bestrafung der Lüge der Triumph der Wahrheit ist, die Bestrafung der Nacktheit der Triumph der Schamhaftigkeit. So triumphiert auch die Wissenschaft über die indiskrete Neugierde, die durch freche Fragen entfacht wird. Die Schönheit jener Welt wird Ihnen erst beweisen, daß dies schöne Europa, das Sie besichtigt haben, nur ein buntes Allerlei ist, ein unfertiges, aus verschiedenartigen, wenn noch so prachtvollen, doch zueinander nicht passenden Stoffen zusammengeflicktes Kleid.

Diese glücklichen Megamikren, die Ihnen nach meiner Beschreibung wohl genügend imponiert haben, sind recht kleiner Gestalt: sie sind nicht größer als eines Ihrer Beine, deshalb werden sie Megamikren oder Großkleine genannt; sie werden jedoch vor Ihren Augen an Größe gewinnen, Sie werden sich an ihre Kleinheit so sehr gewöhnen, daß Sie schließlich zu der Ansicht kommen werden, sie seien eigentlich größer als wir, und ihre Könige seien majestätischer als die unseren, obgleich die letzteren vier Ellen hoch zu sein geruhen; wenn dies wahr ist, denn ich weiß es nicht bestimmt und will niemandem zu nahe treten. Die eigentliche Majestät eines Herrschers beruht ja auf seinen Tugenden, seiner Großmut und Gerechtigkeit, denen sich die Milde paart: Qui piger ad poenas princeps, ad praemia velox, quique dolet quoties cogitur esse ferox.

Die kleine Gestalt der Megamikren könnte Sie zum Nachdenken über die Größe von Adam und Eva anregen, die nach der Ansicht einiger alter Rabbiner Riesen gewesen sind; dies waren sie nun jedenfalls im Vergleich zum erst geschaffenen Menschenpaar. Sie werden auch an Hand der Heiligen Schrift über eine zur Seele sprechende Musiksprache Ihre Schlüsse ziehen können. Wir lesen (Genesis Kap. II V. 19), daß Adam allen Tieren die ihnen entsprechenden Namen gab, d. h. also nur solche, die sie richtig bezeichneten. Jene Namen und jene Ursprache sind vergangen, selbst dem Noah waren sie schon unbekannt; sonst hätte er sie den Menschen nach der Sintflut mitgeteilt. Diese schöne Sprache konnte nur eine Musiksprache sein, da wir nicht begreifen können, daß Worte, wie wir sie auszusprechen gewohnt sind, die Macht haben könnten, uns einen Begriff der Form einer uns unbekannten Sache beizubringen; ich meine aber, ein Gesang kann diese Macht haben und zwar durch die Vermittlung des sechsten Sinnes, den Adam vielleicht besaß, den er aber nach dem Willen Gottes seinen Nachkommen nicht vererbte.

Die Megamikren, Herr Graf, haben Laster, die durch Mißbrauch der Leidenschaft entstehen; Sie werden aber sehen, daß dies kein Makel, sondern nur Staub ist. Alle Leidenschaften der Megamikren sind nur vorhanden, um sie glücklich zu machen: sie gleichen unseren giftigen Pflanzen, aus denen man Arzneien verfertigt; alles hängt ja nur von der guten Erziehung ab, und der Mensch versteht aus allem seinen Vorteil zu ziehen: nisi parent, imperant. Einige reiche Megamikren lassen sich vom Ehrgeiz beherrschen; sie werden aber dafür nicht verdammt, sich auf ihre alten Tage langweilen zu müssen, wie wir dies in Venedig, Rom, Neapel und Wien sehen. Auch die unrechtmäßige Liebe macht einige von ihnen unglücklich, sie trachten aber, sich von ihr zu befreien, da sie deswegen ausgelacht werden. Bei den Megamikren gibt es nur ein Geschlecht: da alle Männchen und zugleich Weibchen sind, so sind sie eben weder Männchen noch Weibchen, und wir begreifen daher, daß die Fortpflanzung nicht mehr von dem einen der beiden Individuen als vom andern abhängig ist. Sie sind alle gleich und so sind auch bei ihnen die Triebe gleich. Sie dürfen sie aber nicht als Zwitter bezeichnen, denn damit würden Sie einen sehr schmutzigen Begriff verbinden und ihnen unrecht tun; denn sie sind es in Wirklichkeit nicht, und obwohl Sie es nicht sehen werden, können Sie sich dies leicht vorstellen; denn obzwar Eduard in seinem Stil sehr züchtig ist und auf jede Weise die Schamhaftigkeit des Lesers zu schonen weiß, verhindert er doch einen klugen Menschen nicht, zu verstehen, was er zu wissen braucht.

Der Körperbau eines Megamikren bietet einen Anblick, den wir schön nennen, und der die zärtlichste Liebe zu erwecken imstande ist; die Fortpflanzung ihrer Rasse ist eine angenehme Folge dieser Schönheit, obgleich sie mit dem, was ihren Reiz bildet, nichts zu tun hat.

Sie werden dort drinnen auch die Armut treffen, aber sie ist nicht schmutzig, und Sie werden sie ruhig hinnehmen, da Sie merken werden, daß sie sich überall vorfinden muß, wo Reichtum herrscht, und Sie werden den Reichtum nicht verdammen, wenn Sie sehen, daß er die Belohnung für wirkliche Tugend und wirkliche Verdienste ist. Die Megamikren haben eine Seele und eine Vernunft wie wir Menschen, und sie sind wie wir mit Fleisch umhüllt; aber ihre Natur macht sie uns überlegen und ihre Sitten, die ihrer Erziehung entsprechen.

Ich mache Sie noch darauf aufmerksam, daß die übermäßig zahlreiche Familie unseres Helden Sie nicht abschrecken möge; Sie werden weder etwas Unerhörtes noch Abgeschmacktes darin finden, wenn Sie ruhig lesen und Ihrem Geist jede Voreingenommenheit fernhalten, denn Voreingenommenheit täuscht die Vernunft.

Und nun muß ich Ihnen, Herr Graf, noch von den Eigenschaften der Gabe sprechen, die ich Ihnen und gleichzeitig dem Publikum übergebe. Es ist die Übersetzung eines englischen Manuskriptes; verlangen Sie aber nicht von mir, Ihnen das Original vorzuzeigen, denn ich bin nicht sehr stark im Englischen und fürchte strenge Kritik. Ich schenke Ihnen dies Werk, nicht indem ich es Ihnen widme, sondern indem ich es Ihnen als einen Wertgegenstand übergebe, auf den Sie ein Recht haben; denn um dies Werk zu schreiben, habe ich eine Zeit benützt, die nach dem mir von Ihnen verliehenen ehrenvollen Titel hätte anders benützt werden können. Die feste Überzeugung, daß das Lesen dieses Werkes Ihnen eine angenehme Zerstreuung bieten werde, gab mir den Ansporn, es binnen sechszehn Monaten fertigzumachen.

Als ich beschloß, Ihnen ein Geschenk dieser Art zu machen, sah ich klar, daß ich nicht verhindern konnte, es auch der allgemeinen Kritik zu unterwerfen; somit überliefere ich es der Gnade oder Ungnade, den Launen oder Vorurteilen, dem feinen oder barocken Geschmacke des Weltalls, denn, ob das, was ich Ihnen biete, auch der Mühe wert ist, das kann ich nicht wissen, ohne zu hören, was man darüber sagen wird pro captu lectoris habent sua fata libelli. Ein Curio wird mit dem alten Terenz sagen: Ne iste magno conatu magnus nugas dixirit; ein anderer wird behaupten, ich hätte dies Werk nur deshalb für eine Übersetzung ausgegeben, um mir einen Schlupfweg zu sichern, einen Ausweg gegenüber der Kritik der Aristarchen, die ich gerne verdienen möchte: mögen sie aber, wenn nur nicht Sie, Herr Graf, mir das sagen, was der Kardinal Hippolyte von Este dem Ariosto sagte, so will ich mich mit allem zufrieden erklären. Sie sind der einzige Mensch auf der Welt, der anfangs September des Jahres 1785 daran gedacht hat, meiner Wanderschaft Einhalt zu tun, indem Sie mir Ihre schöne Bibliothek anvertraut haben. Ich hatte es mein Lebenlang als einen Spaß angesehen, niemals den Ort zu bestimmen, wo meine Gebeine zu Staub werden sollen; denn dieser Gedanke hat mich stets empört. Dank Ihnen aber sehe ich jetzt meiner angenehmen Auflösung im böhmischen Chantilly in Ihrem Schlosse zu Dux entgegen.

Ich wollte nicht, Herr Graf, Ihnen mein Buch mit einer faden Widmung anbieten, die Sie verachtet hätten; denn was ist eine Widmung. Widmungen mißfallen mir alle sogar mehr noch als Grabreden, denn diese haben wenigstens das Gute, daß sie ihre Helden nicht mehr langweilen können. Hätte ich Sie denn durch eine formelle Widmung mehr geehrt? Hätte ich dadurch meinem Buche einen größeren Ruf gemacht, mehr Absatz verschafft? Weder das eine noch das andere. Die Menschen lesen lieber Satiren als Lobreden und haben damit auch vollkommen recht: die besten Bücher sind jene, die am wenigsten gelesen, am schwersten verkauft werden: was aber nicht sagen will, daß ich damit ein Urteil über die Vorzüge des meinen abgeben möchte. In einer nach dem üblichen Brauch gemachten Zueignung hätte ich alle Ihre erlauchten Ahnen aufzählen müssen; ich hätte, ohne mich von der Wahrheit zu entfernen, ganz besonders über den berühmten Herzog von Friedland sprechen müssen. Es wäre mir nicht schwergefallen, an Hand sehr wichtiger Dokumente sein Verhalten zu verteidigen, und an seinem tragischen Ende den Heroismus seiner Tugenden zu beweisen. Was hätte ich aber damit erreicht? Ich hätte nichts Neues berichtet, wenn ich geschrieben hätte, daß sein Blut in Ihren Adern fließt, und daß sein Bildnis das einzige ist, das Ihren Augen lieb ist, das einzige Gemälde, das alle, die Ihnen nahestehen, in Ihrem Schlafzimmer sehen können. Ich hätte Ihnen vielleicht durch die Erinnerung an die traurigen Folgen seines Mutes mißfallen; denn ohne die heldenhafte Größe seiner Seele hätten Sie eine halbe Million Renten mehr gehabt, die das Recht des Stärkeren Ihrer Familie entrissen hat, die auch ohne jenen Großen ruhmvoll genug ist.

Hätte ich in meiner Widmung von Ihnen gesprochen? Selbstverständlich. Wie könnte es auch anders sein? Ich hätte sagen müssen, daß Sie alle Tugenden besitzen, und Sie hätten mir dafür ins Gesicht gelacht; denn obwohl Sie den Keim alles Guten in Ihrer Seele und in Ihrem Blut haben, so wissen Sie doch selbst am besten, daß Ihnen gar nicht daran gelegen ist, vor der Welt als Muster der Keuschheit, der Bescheidenheit oder der Demut und Geduld zu gelten. Sie sind nicht dazu berufen, Ihre Güter den Armen zu schenken, noch haben Sie Neigung, als Märtyrer für die Religion zu sterben, oder den Heldentod für Ihr Vaterland zu finden. Hätte ich aber Ihre wirklichen Tugenden gepriesen, so würden Sie meinen Weihrauch verschmäht haben; denn ich hätte nur sagen können, daß Ihre Gefühle stets der Ehre entsprechen, der Sie vor allem andern huldigen und von der Sie durchdrungen sind; daß Ihr Haus mehr Ihren Freunden als Ihnen gehört; daß Fröhlichkeit überall dort herrscht, wo Sie sich befinden; daß Ihr Geist sich zu den höchsten Werken der Literatur zu erheben weiß; daß die schwersten Autoren viele von Ihren Mußestunden ausfüllen und daß Ihre Vergnügungen jene sind, die von den größten Geistern des Altertums gepriesen worden sind. Ich hätte Ihrer edlen Liebhaberei für die Pferde erwähnen müssen, und ich hätte Ihrer Kenntnisse von der Natur dieses redlichen Freundes des Menschen, dieses Beschützers der berühmtesten Kriegshelden gedacht. Es stand in meinem Belieben, vom Kastor und seinem Bruder Pollux zu sprechen, die vergöttert wurden und durch die Freundschaft mehr noch als durch Blutbande vereint waren: Castor gaudet equis, ovo prognatus eodempugnis. Ich hätte sagen können, daß das Altertum keine höhere Tugend Castors hervorzuheben wußte, jene, die ihn als unerreichbaren Pferdezähmer preist und das ihn deshalb zu den Göttern zählte mit Pollux, der das Glück hatte, der erste aller Athleten zu sein: palmaque mobilis terrarum dominos ehavit ad Deos.

So sah, Herr Graf, die Tugend vor dreitausend Jahren aus; sie bestand im Mut, in der Stärke und in der kriegerischen Tapferkeit. Was Männer heutzutage emporhebt, beruht auf ganz anderen Dingen und Sie beneiden sicherlich nicht die Dioskuren um ihr Los. Sie lieben die Kinder Apollos um der Literatur willen, wie Sie andererseits die verlockende Harmonie der Lobgesänge vermeiden; aber Sie verdienen doch Lobredner, weil Sie Ihre Freunde lieben wie Augustus und Mäcenas den Horaz liebten. Ich achte und ehre Sie, Herr Graf, wie ich es muß und ich bitte Sie, nicht zu glauben, daß ich gemeint hätte, durch diesen Brief Ihr Ansehen vermehren zu können; ich wollte dadurch nur die Gefühle aussprechen, die Sie in mir erweckt haben. Ein Name, der in ganz Europa so bekannt ist wie der Ihrige, würde vollkommen genügen, um mein Buch in der Gegenwart zu ehren; was ihm einen Platz in der Zukunft sichern kann, das hängt ja nicht von Ihnen ab; sollte ihm dies nicht gelingen, so werde ich mir selber Gerechtigkeit widerfahren lassen, ohne um feige Ausreden zu betteln.

Seien Sie glücklich, und um es vollkommen zu sein, folgen Sie der strengsten und ernstesten aller Schulen, den Lehren Epikurs, der der weiseste und tugendhafteste aller Meister des Altertums war. Er wird Sie lehren, daß Sie nur dadurch glücklich werden können, daß sie sich Freuden verschaffen, dabei aber jene meiden, die es nur dem Schein nach sind, oder auch solche, die lästige Folgen veranlassen: nocet empta dolore voluptas. Wirkliche Lust darf nie schädlich werden; doch werden Sie vor kleineren Plackereien nicht zurückschrecken, wenn Sie merken, daß sie die Quellen eines wirklichen Glückes werden können; denn wir genießen die Gegenwart, indem wir dabei die Zukunft stets vor Augen behalten, selbst wenn wir rückwärts gehen. Dies war die Moral des großen Philosophen, der bis zum non plus ultra der Weisheit gelangt wäre, wenn er begriffen hätte, daß die Freuden der Götter unabhängig von der Materie sein können. Er konnte sich die geistige Substanz nicht vorstellen, weil er es nicht für möglich hielt, daß sie für Freuden empfänglich sein könnte; er konnte sich nur die von den Sinnen abhängigen Freuden vorstellen, und deshalb stellte er Gott als ein sinnliches Wesen dar. Obgleich dieser Fehler ein wesentlicher ist, ist darum doch seine Moral rein und nur darauf bedacht, den Menschen glücklich zu machen.

Die besonderen Mittel nun, die Sie anwenden müssen, um die ganze Glückseligkeit zu erlernen, die das Leben des Sterblichen geben kann, die vermag niemand Ihnen anzugeben; Sie müssen sich darin an sich selbst halten, denn niemand kann besser als Sie selbst ermessen, was Sie dazu nötig haben. Bereiten Sie sich nur stets das Glück, weislich zu prüfen. Denn dies ist ein Glück und zwar ein großes. Die Ihnen angeborene Fröhlichkeit ist etwas so Wichtiges, daß Sie mit allen Mitteln trachten sollten, sie in ihrer ganzen Kraft zu erhalten; denn ich glaube sogar, daß Ihre Gesundheit davon abhängt. Wer sagen würde, daß Sie stets fröhlich sind, weil Sie gesund sind, würde sich irren; man muß Ihre Gesundheit nicht als Ursache, sondern als Folge Ihres Frohsinns betrachten; denn Heiterkeit ist eine Geistesgabe, die viel mehr Einfluß auf den Körper hat, als der Körper auf sie ausüben könnte. Ihr ganzes Wohlergehen hängt somit nur von Ihnen selbst ab, Herr Graf; Sie sind freier Herr, das höchste Glück zu erreichen und sich im Stande zu erhalten, es zu genießen und alle jene auszulachen, die das Vorhandensein dieses Glückes bezweifeln möchten.

Ich habe die Ehre mit der tiefsten Ergebenheit und den innigsten Empfindungen und der hochachtungsvollsten Zuneigung mich zu zeichnen Herr Graf

Dux, den 29. September 1787

als Ihr untertänigster und gehorsamster Diener

Jaques Casanova de Seingalt.

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