Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Giacomo Casanova >

Eduard und Elisabeth bei den Megamikren

Giacomo Casanova: Eduard und Elisabeth bei den Megamikren - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorGiacomo Casanova
titleEduard und Elisabeth bei den Megamikren
publisherBenjamin Harz Verlag
printrun1. - 5. Tausend
translatorHeinrich Conrad
year1923
firstpub1923
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectidb346cf11
created20061112
Schließen

Navigation:

Seitdem ich die Notwendigkeit einer festen Niederlassung in jener Welt für mich und meine Nachkommenschaft ins Auge gefaßt hatte, erkannte ich, daß nur die geheiligten Früchte unsere natürliche Nahrung werden konnten, somit ist es wohl begreiflich und natürlich, daß ich an die Mittel und Wege dachte, wie das Gezücht zu vernichten wäre, das sich von ihnen ernährte. Ich konnte meine Hoffnung nur auf Schußwaffen setzen und war deshalb eifrig bemüht, mir eine möglichst große Menge von solchen zu verschaffen. Ich lernte das Eisen Härten und so fein bearbeiten, daß nach sechs Jahren kein Schmied es mit mir aufnehmen konnte. Doch meine Nachkommen, von denen jetzt etwa 200000 Schmiede von Beruf sind, brachten es in dieser Fertigkeit noch weiter und überboten mich. Es ist eine wahre Freude für einen Vater, in den Künsten, die er selbst betrieben und seinen Söhnen beigebracht hat, sich von diesen überholt zu sehen; nur ein schlechter Vater könnte darum neidisch sein.

Nachdem es mir gelungen war, die neue Schreibart mit nur einer Tinte in Mode zu bringen, und als mein Papier an Güte dem besten europäischen gleich war, begann ich, an die Einrichtung einer Druckerei zu denken. Diese Kunst war mir unbekannt, doch hatte ich ebensowenig über die anderen Sachen gewußt, deren Vollführung mir bereits gelungen war. Einen Begriff hatte ich davon, es genügte mir zu wissen, daß es eine mögliche Sache war. Ich rechnete auf meine Intelligenz und Vernunft, die meine Erfahrung erleuchten und leiten sollten, und auf meine Geduld, die mich am Erfolg nicht verzweifeln lassen würde. Wer nichts unternimmt, dem kann auch nie etwas gelingen. Ich glaube jedoch, daß ich meine Zeit umsonst verloren hätte oder daß meine Bemühungen erfolglos geblieben wären, wenn ich nicht vorher die Schreibart mit einer Farbe eingeführt hätte. Um in sieben Farben zu drucken, hätte man jedes Blatt siebenmal unter die Presse legen müssen und man hätte somit zum Drucken beinah ebensoviel Zeit verwenden müssen wie zum Schreiben, wo eben die Raschheit der Vervielfältigung die Anwendung der Druckerei so nützlich macht. Da ich nur einfarbigen Druckes mich zu bedienen brauchte, so war ich voll guter Hoffnung, widmete mich dieser Arbeit mit dem Vorsatze zu siegen und zweifelte nicht an dem Erfolg.

Diese Druckerei aber, Mylords, kostete mir mehr Mühe als die Zusammensetzung des Pulvers, denn obwohl das letztere mehr Zeit in Anspruch nahm, so bot es mir eine Zerstreuung; bei der rein materiellen Einrichtung der Druckerei aber stellte die böse Langeweile meine Geduld auf die härteste Probe, da diejenigen, die meine Befehle auszuführen hatten, kein meinen Belehrungen entsprechendes Begriffsvermögen besaßen. Machte ich ihnen darüber Vorwürfe, so antworteten sie mir, ich müßte eben meine Belehrungen ihrem Begriffsvermögen anpassen; ich sah ein, daß sie recht hatten, wurde ruhiger und verdoppelte meine Geduld. Ich begann meine ersten sechs Buchstaben so zu gießen, daß sie als Gießform dienen konnten; ich machte große, punktierte, verschiedenartig akzentuierte Buchstaben, alle gleich tief und gut ausgehöhlt. Zuerst machte ich eine kleine Modellpresse, Linien, Formrahmen, Kanteln, Setzschiffe, mit Schrauben versehene Winkelhaken und etwa zehnmal mußte ich meine Versuche mit der Druckfarbe wiederholen, ehe ich das Richtige traf. Sodann war es mir ungemein schwer, den Arbeitern das Setzen begreiflich zu machen. Später vermochten sie als Drucker nicht anders als umgekehrt zu lesen. Sie würden es nicht glauben, wie oft meine Arbeit mißlang, ehe mir z. B. das Licht aufging, daß man das Papier befeuchten muß, ehe man es unter die Presse legt. Trotz hundertfachen Schwierigkeiten und falschen Griffen gelang es mir aber schließlich in meinem Zimmer, auf der Handpresse eine kleine Rede zu drucken. Ich erreichte mein Ziel, nachdem ich zur unumstößlichen Überzeugung gelangt war, daß ein Ungeduldiger nie etwas im Leben erreichen wird, daß aber im Gegenteil ein Mensch, der auszuharren versteht, alles zu erreichen vermag, was überhaupt hinieden erreichbar ist. In dieser Zeit gebar meine Frau ihr elftes Zwillingspaar, Johann und Thekla. An demselben Tag erlebten wir die Freude, daß meine Tochter Wilhelmine auch ein Zwillingspaar zur Welt brachte, ein Kind männlichen und ein Kind weiblichen Geschlechts, das eine dunkelhaarig, das andere blond, die Jakob taufte und ihnen unsere Namen: Eduard und Elisabeth gab. Ich besuchte die junge Mutter, die ich bei bester Gesundheit traf. Dieses Ereignis zeigte mir den natürlichen Gang meiner Nachkommenschaft an.

Am ersten Tag meines zwölften Aufenthaltjahres vermählte ich Richard mit Anna und das Fest, das ich bei dieser Gelegenheit veranstaltete, war nicht minder glänzend als das erste. Mit Jakob nahm auch Wilhelmine, die am Tage zuvor ihre Kleinen entwöhnt hatte, an dem Hochzeitsmahl teil, bei dem sie in Schönheit strahlte und mehr noch durch ihren Geist glänzte. Man neckte sie mit der Verlegenheit, in der sie vor einem Jahr da saß, und sie war die erste, darüber zu lachen, wobei sie sich ganz witzig zu verteidigen wußte. Bald wurde sie von der ganzen Stadt vergöttert. Ich brachte mein zweites Kinderpaar ebenfalls in dem Hause unter, worin sich das Papiergeschäft befand. Sie bezogen eine für sie eingerichtete Wohnung und ich bestimmte zu ihrem Unterhalt ein zweites Zehntel der Einkünfte des Geschäftes. Richard wurde Teilhaber, Jakobs Mitarbeiter, dessen Arbeit als Oberaufseher sehr aufreibend war. Der König war über diese Einrichtung höchst erfreut; er sah in diesem sich von Tag zu Tage vergrößernden Handel einen Vorteil für die Finanzen seines Staates und für eine bedeutende Zahl seiner Untertanen, die sich dabei ihren Lebensunterhalt verdienten. Der Vorteil des Staates beruhte auf dem Ausfuhrzoll. Man zahlte nicht viel, aber die große Zahl der Sendungen glich die Billigkeit der Taxe aus. Eine Gebühr, deren Einführung den dortigen Königen schändlich erschienen wäre, ist das bei uns übliche Wegegeld, das man als Verstoß gegen den Begriff der Freigebigkeit der Könige betrachten und das einzuführen die Monarchen als demütigend ansehen würden; sie wollen von ihren Völkern als genügend reich und großmütig betrachtet werden, um die Landstraßen auf ihre Kosten zu erhalten, anstatt den Reisenden diese unbillige Last aufzubürden. Sie sehen ihr Reich als ihr Haus an, in welches der Besitzer wohl das Recht hat, den Eintritt nach seinem Belieben zu verwehren, es doch niemals aber zulassen kann, daß ein Fremder sagt: Ich kann hineingehen, wann ich will, denn ich habe bezahlt.

Die durch meine Fabrik vor dem Ruin stehenden Fabrikanten des früher gebrauchten Papiers richteten an den König eine Bittschrift, in welcher sie ihn um die Aufrechterhaltung aller ihrer Privilegien ersuchten, wonach nur Angehörige ihrer Zunft Papier fabrizieren durften. Auf Grund dessen baten sie Seine Majestät, uns die Papierfabrikation zu untersagen. Eine Woche später sandte der König ihnen ein Dekret, mittels dessen er ihnen gestattete, ein dem unseren ähnliches Papier zu fabrizieren, und gleichzeitig erließ er an meine Fabrik ein strenges Verbot, ein Papier, wie es die Megamikren verfertigten, zu erzeugen. Diese beiden Dekrete belustigten die ganze Stadt, doch die alten reichen Fabrikanten und die Wiederverkäufer wurden unsere Feinde.

Ungefähr um diese Zeit erhielten der König und der Bischof das uns betreffende Orakel aus Heliopalu. Der Große Genius gestattete unsere feste Ansiedlung in seiner Welt und somit den Genuß der geheiligten Früchte, sogar trotz dem Zischen der Schlangen, doch müßte diese Erlaubnis noch von der Versammlung der 500 Abdalas des Reiches bestätigt werden. Die denselben zur Erörterung vorgeschlagenen drei Fragen lauteten:

Erstens: Ist es statthaft, daß in der Sonnenwelt eine mit der Gabe der Vernunft begabte Menschenrasse sich ansiedelt, welche die Sonne nicht als Herrn der Welt, in der sie zu wohnen wünscht, anerkennen will.

Zweitens: Darf man dieser Menschenrasse den Eintritt in den Haupttempel an den Beschauungstagen gestatten, an welchen die Söhne Gottes die Philelie singen, ohne daß die neue Rasse ihre Stimmen mit denen der Anwesenden vereint?

Drittens: Darf man ihnen erlauben, sich von den geheiligten Früchten zu nähren, die seit dem Beginn der Welt den Schlangen als Nahrung dienten und diesen als Eigentum überlassen wurden; dürfen sie trotz dem Zischen der Schlangen, das die Kinder der Sonne hören könnten, die Früchte von den Bäumen pflücken?

Die Einberufung dieses Reichskonzils war nur vom Monarchen abhängig und der Große Genius hätte sie nie vorgeschlagen, wenn nicht der königliche Gesandte in Heliopalu das große Interesse seines Herrn an unserer Angelegenheit ganz besonders hervorgehoben hätte. Der König ließ dem Bischof, unserem Freund, durch seinen Minister mitteilen, daß im Laufe von zwei Ernten das zum Beherbergen von 500 Abdalas nötige Gebäude bereit sein werde, daß das Konzil seine Beratungen am vierten Tag der vierten Ernte beginnen könne und daß er dem Konzil eine Dauer von vier Ernten bestimme. Der Bischof nahm diesen Befehl mit großer Genugtuung entgegen, da er die besten Gründe zur Hoffnung hatte, daß die Konzilväter die Wünsche des Königs berücksichtigen würden. Er schickte ein Rundschreiben an alle Abdalas des Reiches und der König ließ an alle Statthalter seiner 500 Städte schreiben und beauftragte sie, den Abdalas ihre Reise möglichst leicht und bequem zu machen.

Sobald ich erfahren hatte, wann das Konzil abgehalten werden sollte, faßte ich meine Entschlüsse, wie ich mich zu verhalten hätte. Entweder waren die Beschlüsse für mich günstig, dann nährte ich mich in aller Gemütsruhe von den geheiligten Feigen, ohne mich um das Zischen der Schlangen zu kümmern; oder das Konzil fällte seinen Spruch gegen mich, dann hatte ich genügend Pulver und Schußwaffen, um alle diese Bestien, die auf meinen Bäumen saßen, niederzuschießen und wir hätten für unsere damalige Zahl genügend Früchte zum Lebensunterhalt gehabt. Die vier Monate Frist benutzte ich dazu, mein Arsenal an doppelläufigen Pistolen zu vermehren und die Gebote unserer Religion, unsere Gebete und einen Anbetungskultus niederzuschreiben, um den Zweck unserer Anbetung klarzumachen.

Diese Schrift sandte ich zuerst dem Bischof, indem ich ihn bat, sie dem ganzen Konzil vorzulegen, sobald es sich versammele. Ich dachte auch daran, den Papierhandel noch blühender zu machen. Wir hatten eine große Zahl Bestellungen außerhalb des Reiches und ich sah ein, daß die Errichtung einer Fabrik in einer der vier Grenzstädte uns von großem Nutzen sein könnte. Ich teilte meine Meinung dem König mit, der mir antwortete, auch er habe bereits daran gedacht, doch sei er der Ansicht, daß jetzt nicht die geeignete Zeit sei, mich aus der Hauptstadt zu entfernen. Ich erwiderte ihm daraufhin, mein Sohn Adam besitze so viel Geschäftssinn, daß ich sicher sei, man könne ihm an meiner Stelle die Einrichtung der Fabrik überlassen. Er könne mit seiner Schwester reisen, sobald sie miteinander verheiratet wären, was in einer Ernte, am Anfang meines dreizehnten Aufenthaltjahres stattfinden sollte. Zu dieser Zeit gebar meine Frau das zwölfte Zwillingspaar, das ich Matthias und Katharine nannte. Ich fragte den König, wo nach seiner Meinung die Errichtung einer neuen Fabrik am geratensten wäre und er antwortete mir: da es sich um eine der vier Grenzstädte seines Reiches handle, sei die mir bereits bekannte die beste hierzu; der Statthalter sei ja ein Freund unseres Hauses und werde schon aus Neigung zu uns alle königlichen Befehle um so williger ausführen. Entzückt über diesen Rat sang ich dem König eine Danksagung, die seine Heiterkeit hervorrief, da es mir nie gelang, die zahlreichen feinen Schattierungen der Megamikren-Sprache zu erlernen, noch mit meiner starken Stimme die Übergänge im Gesang zart genug zu machen.

Sofort begann ich alles zu dieser Reise Nötige zu veranlassen. Ich teilte meinem Sohn Adam meinen zu seinen Gunsten gefaßten Entschluß mit und er fügte sich gerne meinen Anordnungen, obwohl es ihm doch schwer fiel, sich von uns zu trennen. Ich gab ihm alle notwendigen Instruktionen, alle Zeichnungen, deren er bedürfen könnte, und 100 uns ergebene Megamikren, die nicht nur ihn und seine Frau ernähren sollten, sondern auch mit ihrer erprobten Geschicklichkeit alle seine Anordnungen leicht begreifen und ausführen konnten. Vier von ihnen waren tüchtige hydraulische Architekten und vorzügliche Mechaniker. Ich versicherte ihm, daß es ihm an Betriebskapital nicht mangeln werde und legte ihm nahe, seine Hauptaufmerksamkeit der genauen Buchführung zuzuwenden und sich in allen wichtigen und folgenschweren Angelegenheiten an den Gouverneur zu wenden, dessen Ortskenntnisse seiner Güte, seiner Ehrlichkeit und der Freundschaft, die er mir und meiner ganzen Familie entgegenbrachte, gleichzustellen seien. Ich sicherte ihm ein Viertel der Einkünfte der Fabrik zu, was ihn in wenigen Jahren reich machen mußte. Eva, seine hübsche, blonde Schwester, hörte alle meine Weisungen mit an und schmiegte sich weinend an ihre Mutter, da sie an den Abschied von ihr dachte. Meiner Frau redete ich Mut zu, obwohl ihr das Herz brach, da sie diese Tochter ganz besonders lieb hatte. Ich sagte meinem Sohn ferner, die Zeit nahe heran, wo unsere Lage sich ändern müsse, indem das Konzil uns die Erlaubnis, uns trotz dem Zischen der Schlangen mit den Früchten zu ernähren, geben oder versagen werde. Ich versprach ihm darüber meine genauesten Weisungen mitzuteilen, die er buchstäblich auszuführen habe; ich empfahl ihm bis dahin die größte Vorsicht und verbot ihm, sich an den geheiligten Früchten zu vergreifen, indem ich ihm als abschreckendes Beispiel erzählte, wie es uns dabei ergangen war. Ich befahl ihm, mir jede Pentamaine mit einer Tinte zu schreiben, diese Schreibart dem Gouverneur und der ganzen Gesellschaft zu unterbreiten und nicht zu gestatten, daß seine Untergebenen sich einer anderen bedienten, da eine der größten Wohltaten für jene Welt von dieser Verhaltungsregel abhinge. Ich dachte dabei an die Einführung der Buchdruckerkunst, die überall hingreifen müßte, aber nicht die Welt beherrschen konnte, bis nicht die vielfarbige Schrift abgeschafft war; dies war leicht zu erreichen, obwohl stets jeder neuen Tat die Vorurteile im Wege stehen. Sie hindern oft die einfachsten und nützlichsten Erfindungen, sich Bahn zu brechen, da in den Augen eines Abergläubischen nichts auf der Welt leicht und einfach ist. Lange verharrten die Geistlichkeit und ihre Anhänger in der Meinung, daß die Sonne, die ewige Mutter der Farben, als Lichtspenderin dieser neuen Schreibweise unhold sein müsse.

An demselben Tage gebar meine Frau ihr zwölftes, Wilhelmine ihr zweites, Anna ihr erstes Zwillingspaar, von dessen beiden stets eins blond, eins braunhaarig und jedes von anderem Geschlecht war.

Vier Tage später äußerte der König den Wunsch, ich möge ihm Adam und seine schöne Zukünftige vorstellen; er war mit ihren gescheiten und einsichtsvollen Anschauungen sehr zufrieden, die weit über ihr zartes Alter hinausgingen. Er sagte mir, ich brauche meinem Sohn nur die nötigen guten Weisungen und alle ihm unentbehrlichen Arbeiter und Dienstleute zu geben und er selber werde alle Kosten und Zurüstungen ihrer Reise auf sich nehmen. »Er wird«, sagte er, »einen Brief mitnehmen, den ich eigenhändig dem Statthalter schreiben werde, und er wird alle ihm zum Bau nötigen Mittel und ein Wohnhaus erhalten. Ich werde dies heute noch dem Statthalter bekanntgeben; er wird Reisemarschälle bekommen, die ihn jeder Sorge entheben werden.«

Alles dies geschah und wurde pünktlichst ausgeführt. Sie fuhren drei Tage nach ihrer Hochzeit ab, von unseren Segenswünschen und Tränen begleitet.

Es wäre zwecklos, Ihnen, Mylords, die Freude des Gouverneurs zu beschreiben und den von ihm erhaltenen Brief zu wiederholen. Er teilte mir mit, daß alle Befehle, die er zu allererst vom König erhielt, noch vor der Ankunft des jungen Paares ausgeführt wurden, daß er ein großes Haus am Ufer des Flusses gekauft und alle nötigen Anordnungen getroffen hätte, damit es während des Baues der Fabrik nie am nötigen Geld mangele. Über die neue Schreibweise sagte mein lieber Freund mir nichts, doch bediente er sich derselben, womit er seine Meinung klar genug offenbarte.

Nach der Abreise der Neuvermählten errichtete ich in sechs Monaten eine Druckerei, wie sie herrlicher in keiner Stadt Europas zu finden ist. Sie hatte 500 Druckpressen und wurde von 5000 Megamikren bedient, die als Setzer, Arbeiter bei den Pressen, der Kasse, der Druckschwärzefabrikation, in den Papierlagern und bei der Korrektur beschäftigt waren. Die Anstalt bestand aus zwanzig Sälen, die alle mit Tageslicht erleuchtet waren. Dem König war mein Projekt unbekannt, er sah stets ruhig zu, wie das ihm unbegreifliche Gebäude entstand und äußerte mir gegenüber nicht ein Wort, das auf seine Neugier hätte schließen lassen, wozu das Gebäude dienen sollte. Diese stoische Ruhe täuschte mich jedoch nicht und die Abwesenheit jeder Neugier blieb mir unwahrscheinlich. Ich fühlte, daß dem König mein Benehmen rücksichtslos erscheinen mußte, und ich beurteilte es selbst so, doch mußte ich bei diesem Verhalten verbleiben. Das Gelingen wichtiger Sachen hängt von ihrem Gang ab und sie mißlingen, wenn der Leiter nicht den vorgezeichneten Weg einhält. Sobald man der Kraft eines beabsichtigten Schlages sicher ist, muß man seines Erfolges sicher sein, doch muß man alles ins Werk setzen, um den Stoff, den er treffen soll, wohl vorzubereiten. Hier lag der Erfolg an der gutgehüteten Überraschung und ich kann Ihnen versichern, Mylords, daß mir dies wunderbar gelang.

Aus diesem Grunde wartete ich die dreizehnte Niederkunft meiner Frau ab, deren Zwillinge ich Ludwig und Charlotte nannte, und behielt während des ganzen Jahres meinen vierten Sohn Robert bei mir, um ihn in alles, was die Druckerei anbelangte, einzuweihen, damit er imstande wäre, die Leitung und Oberaufsicht darüber zu übernehmen, falls ich mich dieser Tätigkeiten entledigen wollte. Am ersten Tage meines vierzehnten Aufenthaltjahres sollte er heiraten.

Drei Tage nach der Entbindung Elisabeths versammelten sich die 500 Väter zum Konzil; in geschlossenem Konsistorium hielten sie ihre Sitzungen zweimal in jeder Fünftagwoche und das Ergebnis derselben blieb für alle ein Geheimnis; man wußte nur, daß sie äußerst stürmisch verliefen. Die uns gesicherte Gunst des Königs war allen Menschen bekannt, doch würde diese Gewißheit auf die Beschlüsse der Abdalas keinen Einfluß gehabt haben, wenn nicht die königliche Großmut sie geblendet hätte. Seine Majestät trug die Kosten ihrer Reise und versorgte die Tische des Konklave aufs reichhaltigste; außerdem waren diese geistlichen Herren sicher, daß sie, wenn ihre Beschlüsse den Wünschen des Monarchen entsprächen, weitere große Beweise seiner Großmut zu erwarten hätten.

Mein Sohn Robert, den ich drei Tage vor Adams Abfahrt getraut hatte, war nach sechs Monaten imstande, geradesogut wie ich die Druckerei zu leiten. Ich brachte ihn mit seiner Frau in einer herrlichen, an die Druckerei angrenzenden, mit Phosphor erleuchteten Wohnung unter.

Eine Ernte nach dem Schluß des Konklaves wurde das erste Dekret publiziert, dessen Inhalt uns vollkommen zufriedenstellen konnte. Es lautete:

»Obgleich diese Menschenrasse, deren Existenz uns unbekannt war, nicht den Helion als ihren Vater anerkennt, so soll dies kein Hindernis ihrer Ansiedelung in dessen Welt sein. Helion hat ihr seine Neigung bewiesen, indem er das Dach der Kiste, in welcher sie eingeschlossen war, zu sich emporzog.«

Zu Beginn der dritten Ernte publizierte das Konzil das zweite Dekret folgenden Inhalts: »Der Eintritt in den Tempel wird der neuen, vernunftbegabten Menschenrasse zu jeder Zeit gestattet, ausgenommen an den Tagen, an denen man die Philelie singt.«

Gegen Ende derselben Ernte ersuchte das Konsistorium den König um die Verlängerung des Termines der Sitzungen um eine Ernte, was ihm bewilligt wurde. An einem schönen Morgen benutzte ich die erste Tagesstunde, um mich im Vorzimmer des Königs einzufinden; ich wurde sofort unangemeldet zu ihm eingelassen; dieses Privilegium und einige andere verdankte ich meiner Auszeichnung. Ich kam allein, da meine Frau im achten Monat der Hoffnung war. Der König empfing mich sehr freundlich und meinte, er freue sich, mich zu sehen, da er gerade mit seinem Unzertrennlichen von mir spreche. Er gab mir einen soeben erhaltenen, mit einer Tinte geschriebenen Brief des Gouverneurs zu lesen, der ihm die tadellose Instandsetzung der Fabrik mitteilte und Adam sehr lobte, der als Leiter derselben sich bereits alle Herzen erworben habe. Ich dankte Seiner Majestät für die mir erwiesene Gnade, ohne ihr zu sagen, daß ich dies alles bereits wußte, da Adam mir am Ende jeder Fünftagwoche einen langen Brief schrieb. Es ist nicht notwendig, Herrschern stets so genaue Antworten zu geben, wie wir sie anderen geben möchten, besonders wenn wir sie dadurch verstimmen könnten. Sogar die heilige Schrift sagt uns: »coram rege noli videri sapiens«, und es ist der heilige Geist, der uns diesen Rat erteilt, ein Beweis, daß man die Politik eine göttliche Weisheit nennen kann: sie erlaubt die Lüge nicht, meint aber, daß man die Wahrheit nicht zu sagen braucht, wenn man es für bequemer hält. Seine Majestät sprach mir weiter von den Dekreten des Konzils, die er der ganzen Welt bekannt machen wollte, und sagte mir, daß seit einigen Tagen 10000 Schreiber daran arbeiteten. Ich antwortete bescheiden, daß ich der Ansicht wäre, daß diese Ausgabe, falls sie dem König nicht besonders angenehm sei, überflüssig wäre. Der König erwiderte: »Weit davon entfernt mir angenehm zu sein, ist dieser Schreiberluxus mir sehr lästig, doch ist mir diese Ignorantenbande notwendig. Wenn ich ein Edikt, irgendeinen Befehl publizieren will, dann übergibt mein Minister die Kopie desselben meiner Kanzlei, wo sie im Skribentensaal einer solchen Zahl von Schreibern diktiert wird, wie Kopien benötigt werden. Nachdem das Edikt geschrieben ist, wird es den Revisoren zur Korrektur übergeben, doch findet man auch dann noch Fehler. Es ist ein kostspieliger Jammer, dem nicht abgeholfen werden kann.«

Ich bat den König, mir zu gestatten, den Schreibersaal, falls dies kein Verbrechen wäre, zu besichtigen. »Sollte es ein Verbrechen sein,« antwortete der König, »so lasse ich Euch morgen vom Konzil entsühnen!« Mit diesen Worten nahm er mich zwischen sich und seinen Unzertrennlichen. Wir stiegen drei Stockwerke empor und gelangten in einen schönen Saal. Derselbe war rund, hatte achtzig geometrische Schritte Durchmesser, war vierundfünfzig Fuß hoch und enthielt zwanzig Reihen Pulte. Er konnte tatsächlich 10000 Sitzplätze fassen. In der Mitte des Saales war eine runde, fünfundzwanzig Fuß hohe Tribüne, von welcher aus der Minister diktierte. Das zur Beleuchtung des großen Saales nötige Licht entströmte der Tribüne und den Logen. Der Saal war prachtvoll.

Ich bat nun den König, mir eine Gnade zu erweisen, und ehe ich den Satz beendete, war sie bereits gewährt. So sprach ich zum König: »Ernennen Sie mich, Sire, zu Ihrem Hauptkopisten und ich verspreche Ihnen vier Dinge: erstens, daß alle, die mit einer Tinte schreiben können, meine Schrift klar und leserlich finden werden; zweitens, daß alle Kopien derselben Hand entstammen werden; drittens, daß sie fehlerlos sein werden, sofern das Original keine Fehler hat, und viertens, daß ich mich verpflichte, von dem Edikt, wenn es nicht mehr als vier Seiten in Folio einnimmt, Eurer Majestät 10000 Kopien an dem Tage zu liefern, der der Übergabe des Originals an mich folgt, aber ich mache Euere Majestät darauf aufmerksam, daß fortan Ihre 10000 Schreiber völlig überflüssig sein werden.«

Höchst erstaunt warf der König einen Blick auf seinen Unzertrennlichen; dann sah er mich ernst an, ohne ein Wort zu sagen. Nach drei Minuten sprach er: »Ihr seid bereits mein Hauptkopist, da ich, bevor ich Eure Bitte hörte, sie Euch schon gewährt habe; doch wisset Ihr denn auch, um was es sich handelt? Und habe ich selber richtig begriffen, zu was allem Ihr Euch mir gegenüber verpflichtet habt?« Kaltblütig wiederholte ich ihm alles und nun antwortete er:

»Vom Standpunkt der Vernunft scheinen Eure Versprechungen ganz absurd zu sein, ich will jedoch meine Vernunft mit Füßen treten und meine Ehre für sicher halten, indem ich sie Euch anvertraue. Heute früh soll mein Minister mir ein Edikt vorlegen, das ich gestern entworfen habe. Es bezieht sich auf Religion, Polizei und Ihre Angelegenheiten und ich wünsche, daß 500 Kopien davon dem Konsistorium zugeschickt werden, da es dazu angetan ist, den Eifer der Väter anzuspannen und ihre Bereitwilligkeit, meine Wünsche zu erfüllen, zu mehren; 1000 sollen in der Hauptstadt publiziert und 500 sollen in die 500 Diözesen meines Reiches geschickt werden. Alles muß in einer Pentamaine fertiggestellt sein. Was werden Sie mir jetzt darauf erwidern?« – »Ich will Eurer Majestät versichern, daß ich morgen die gewünschten 2000 Kopien überbringen werde, wenn mir Eure Majestät heute noch ein mit einer Tinte deutlich geschriebenes Original zuschicken lassen wollen.«

Den Gesichtsausdruck des Königs kann ich Ihnen unmöglich beschreiben. Wir waren noch im Saal, als der Minister, ein Blatt in der Hand, eintrat. Der König nahm es, las es durch und sagte zum Minister mit eisiger Kälte: »Es ist gut. Ich selbst werde an die 2000 Kopien denken. Gehen Sie.« Durch diesen Lakonismus äußerst betroffen, zog der Minister sich zurück, schwer gekränkt, da er der Alleinbefehlende im Saale der Schreiber war und die merkwürdige Sprechweise des Königs ihn vermuten ließ, daß er in Ungnade gefallen sei. Dann übergab der König mir das Blatt, legte seinen rechten Arm um die Schulter seines Unzertrennlichen und entfernte sich, mir einen bedeutungsvollen Blick zuwerfend.

Wie auf Flügeln getragen lief ich in die Druckerei. Ich ließ zu allererst zweitausend Bogen befeuchten und beschloß, die für das Konsistorium bestimmten 500 Edikte in 24° zu drucken und sie in Form kleiner Hefte zu falzen. Ich verwandte hierzu vier Setzer und zwei Pressen. Zum Drucken der 1500 Plakate, die auf einem Blatt gedruckt werden mußten, stellte ich die doppelte Zahl von Setzern und Pressen an. Bei jeder Presse stellte ich drei Megamikren an, einen zum Abziehen der Blätter, den zweiten zum Auftragen der Druckfarbe, den dritten zur Aufnahme der Blätter. Ich wählte die teuerste blaue Drucktinte, die auf meinem zartrosa Papier am schönsten glänzte, und ich schmückte jedes Edikt mit dem Wappen des Königs, das sehr sorgfältig und zart in Kupfer gestochen war. Sobald die Konzepte entworfen und zusammengestellt waren, ließ ich die Bogen den Korrektoren übergeben, die sämtlich von Beruf Gelehrte waren. Der zweite Probedruck wies noch Fehler auf, der dritte, den ich meinem Sohn unterbreiten ließ, obwohl der Leiter hierfür verantwortlich war, wies noch vier Fehler auf; um ganz sicher zu gehen, verlangte er einen vierten Probedruck, der tadellos ausfiel, obwohl er, um von dessen Vollkommenheit überzeugt zu sein, den Korrektoren eine halbe Unze für jeden aufgefundenen Fehler versprochen hatte. Nach neunstündiger Arbeit sah ich die 1500 Kopien und die 500, in 24° auf Seilen zum Trocknen aufgehängt, was zwei Stunden in Anspruch nahm; in zwei weiteren Stunden falzte man die 500 Büchlein. So kam der Schluß der zur Ruhe bestimmten Zeit heran, welche die fiktive Nacht der Megamikren ist. In sechzehn Stunden war also das Werk vollbracht. Ich ließ den Arbeitern für die Nachtarbeit den sechsfachen Tageslohn auszahlen. Dies ist dort Vorschrift. Zufrieden, wie es ein Ehrenmann in einem solchen Fall nur sein kann, ruhte ich bis zur zweiten Stunde aus, sandte meine Diener mit dem in ein großes Tuch eingewickelten Paket voraus, bestieg dann meinen Wagen und begab mich ins königliche Vorzimmer, von wo ich meine Leute wegschickte.

Als der königliche Unzertrennliche, den wir hier Königin nennen würden, mich erblickte, sagte er mir voller Güte: »Ihr seid wohl gekommen, um eine Zeitverlängerung zu erbitten, was Euch der König, dessen Gutmütigkeit Ihr kennt, sicher gestatten wird.« Als einzige Antwort verneigte ich mich tief vor ihm und, da im selben Augenblick der König eintrat, sagte ich ihm, ich hätte im Vorzimmer ein Paket zurückgelassen, das ich ihm zu Füßen legen möchte. Er ließ es bringen, auspacken und schickte dann alle weg. Es ist ein besonderes Vergnügen, wenn man jemanden überrascht und gleichzeitig erfreut sieht. Der König las das große Blatt, während sein Unzertrennlicher das Büchlein durchsah. Die Schönheit des Druckes, der Farbe, des Papiers, des Wappens gefiel ihnen überaus und sie fanden die in Buchform gedruckten Edikte ganz besonders hübsch, doch stieg ihre Überraschung aufs höchste, als sie sahen, daß alle dieselbe Handschrift trugen. Ernst und verwundert sahen sie bald sich, bald mich sprachlos an. Endlich ergriff der König das Wort: »Um meiner Vernunft willen muß ich Euch fragen: ist dies ein göttliches Werk?« – »Nein, Sire, es ist ein menschliches und ich lade Eure Majestät höflichst ein, sich hiervon zu überzeugen und selber zu sehen, wie es zustande gebracht wurde und wie es auch weiter stets gemacht werden wird, da ich die Ehre habe, Eurer Majestät Hauptkopist zu sein.« Nun konnten die Majestäten ihre königliche Würde nicht mehr aufrecht halten; sie umarmten und küßten mich trotz meinem Bart; sie waren einfach trunken vor Freude. Der König ließ seinen Minister rufen und sagte ihm im kältesten Ton: »Hier haben Sie mein Dekret in 500 Büchlein für die Väter des Konzils und hier 1500 Plakate, von denen 1000 für meine Stadt, 500 für mein ganzes Reich bestimmt sind. Ich wünsche, daß sie heute noch zweckmäßig verwendet werden.« Der Minister, der ein übernatürliches Werk zu sehen glaubte, erwiderte, er könne sich vor einem Werke Gottes, des Allherrschers, nur verneigen. »Ganz wohl,« sagte der König, »doch müssen Sie wissen, daß dies die Arbeit eines Menschen ist. Ich entlasse hiermit alle meine 10000 Schreiber und alle Revisoren; sie müssen sich anderweitig Beschäftigung suchen. Es ist mein Wille, daß dies noch heute früh geschieht und daß Sie durch meinen Kanzler ein Patent ausfertigen lassen, durch welches ich den Schreibersaal dem edlen Riesen Eduard Alfred, meinem ersten Staatssekretär, unterstelle.« Der Minister entfernte sich, indem er sich die Pakete nachtragen ließ. Der König sagte mir hierauf, er werde am folgenden Tag, um vier Uhr, zu mir kommen.

Ich fuhr zuerst in die Druckerei, um dort alles bestens in Ordnung bringen zu lassen, und beauftragte Robert, meiner Frau zu sagen, sie möge sich mit allen unsern Kindern zu der bestimmten Stunde bei mir einfinden und meine verheirateten Kinder samt ihren Kindern ebenfalls in die Druckerei bestellen. Ich wollte dem König diesen hübschen Anblick geben. So geschah es auch. Alle männlichen Familienmitglieder standen hinter mir, alle weiblichen hinter Elisabeth, die sehr froh war, ihren starken Leib unter ihrem Cromide verhüllen zu können, ein Vorrecht, das ihre drei verheirateten Töchter leider nicht hatten. Wilhelm machte in unserer Gegenwart der Therese, die er am Neujahrstag heiraten sollte, ein graziöses Kompliment. Er glänzte durch seine Begabungen für die Schmiedearbeit, besonders in Stahl.

Der König erschien zur angesetzten Stunde. Was zu allererst seine Aufmerksamkeit auf sich lenkte, war der eigentümliche Bau der Säle, in denen die Pressen sich befanden. Ich baute sie auf dem für den ersten Stock ausgehöhlten Terrain empor, wie ich es für meine Schmieden tat, deren Amboße auf starken Fundamenten ruhen mußten; ebenso hätten meine Pressen mit der Zeit den Fußboden eingedrückt, wenn sich unter ihnen Hohlräume befunden hätten. Aus diesem Grunde war auch die Druckerei wie die Schmiede von Tageslicht beleuchtet. Alles, was ich den Majestäten zeigte, rief deren höchste Bewunderung hervor, doch war meine Zufriedenheit besonders groß, als Robert, ohne mir vorher ein Wort davon gesagt zu haben, dem königlichen Paar ein zwölfzeiliges Gedicht vorlegte, das ein Lobgesang auf sie war. Es war nur reine Musik, für deren Autor er galt, da der größte Dichter der Stadt, der es gemacht hatte und dafür bezahlt worden war, sich nie getraut hätte, sich dessen zu rühmen, weil er seine Indiskretion mit einer schweren Geldstrafe hätte büßen müssen. Dies alles erfuhr ich von Robert selbst, den ich, obgleich seine Keckheit mich erfreute, zurechtwies, indem ich ihm mit Güte sagte, ein junger Mann wie er solle nie verschmähen, meinen Rat einzuholen. Der Hauptcharakterzug aller meiner Nachkommen ist Mut, der sich bis zur höchsten Kühnheit emporschwingt, ohne jedoch zu Tollkühnheit zu werden. Der König fand die Musik herrlich, seine Freude aber wurde besonders groß, als er ihn Typen nehmen und zusammensetzen sah, doch natürlich umgekehrt, so daß das Lied für einen Uneingeweihten nicht leserlich war. Seiner Sache sicher, unterließ es Robert, eine Korrektur zu lesen, und legte es in die Presse, machte hundert Abzüge, ließ sie trocknen und übergab sie dem König. Dies alles geschah in anderthalb Stunden. Ich muß bekennen, daß ich zwar den edlen Mut meines Sohnes bewunderte, aber doch befürchtete, daß in dem Liede Druckfehler enthalten sein könnten. Ich tadelte ihn innerlich, wenn ich auch nicht wagte, ihn zu verurteilen. Ich atmete erst wieder auf, als ich die Sicherheit gewann, daß das Blatt keine Fehler enthielt. Besonders schön daran war, daß der liebenswürdige Mensch sich zu seinem Geschenke an den Monarchen einer Phosphordruckfarbe bedient hatte, die zwar sehr kostspielig, aber ganz neu und prachtvoll war. Ins höchste Staunen versetzte er mich aber, als ich ihn sagen hörte: »Majestät, ich erlaube mir, um eine Gnade zu bitten.« Ich sah meine Frau an, die wie eine Statue da stand. Eine Gnade!... »Sprecht,« erwiderte der König, »sie wird Euch gewährt werden.« – »Gestatten Eure Majestät, daß ich zur großen Freude meines ehrwürdigen Vaters Eduard oberhalb der Eingangstür eine große Tafel mit den Worten: »Königliche Druckerei« anbringe.« Der König antwortete: »Ich werde mich freuen, wenn durch diese Tafel die ganze Welt erfährt, daß diese Druckerei mir gehört, doch sollt Ihr hiermit gleichzeitig wissen, daß Ihr mein königlicher Drucker und mein Sekretär seid, daß Euch der ganze Grund und Boden gehört, auf welchem die Druckerei errichtet ist, und daß Ihr außerdem jede Ernte 1000 Unzen erhalten werdet.« Nach diesen Worten sang meine ganze Familie, von allen meinen Megamikren begleitet, im Chor das soeben gedruckte Lied.

Der König war vom Gesehenen und Gehörten aufs höchste erfreut und befahl 2000 Unzen unter meine Leute zu verteilen.

Meine erste Druckschrift machte in der Stadt das größte Aufsehen. Jeder urteilte darüber je nach seinen Ideen, Grundsätzen und Vorurteilen; die größten Dummheiten aber sagte darüber nicht das stets nur überall gleich unwissende und vorurteilsvolle Volk, sondern fast der ganze Klerus, der darauf beharrte, in meinen Druckschriften Wunder zu sehen. Der Bischof, unser Freund, der als einziger das Vorrecht hatte, täglich die Kirchenversammlung verlassen zu dürfen, ließ mich zu sich rufen und bat mich im besten Glauben, ihm zu verraten, woher die wunderbare Schrift käme. Ich verheimlichte ihm nichts und sagte ihm, ich würde den König um die Erlaubnis bitten, ihm alles zeigen zu dürfen. Der König antwortete mir, er wisse keinen Grund, weshalb und warum er mir verbieten wolle, meine Druckerei nach meinem Belieben zu zeigen. So wurde der Bischof zufriedengestellt und war nun imstande, dem Klerus und dem ganzen Konzil die Sache als etwas zwar göttlich Sinnreiches, aber doch ganz Natürliches darzustellen.

Meine Frau brachte ihr vierzehntes Zwillingspaar zur Welt: Leopold und Sophie, und an demselben Tag wurden alle meine verheirateten Töchter gleichfalls entbunden.


Drei Monate nach der Heirat Wilhelms mit seiner Schwester Therese wurde das vierte und letzte Dekret der Väter bekanntgemacht. Es lautete:

»So wie uns das sichtbare Wesen, das den Riesen Alfred das Leben gab, unbekannt ist, ebenso unbekannt ist diesen das unsere; die Quelle des Lichtes wild sie erleuchten, einstweilen befiehlt uns Gott den Frieden zu lieben und nach unseren Kräften unangetastet zu erhalten. Die Moral der Riesen gleicht der unseren und ist sogar in etlichen Punkten strenger als diese. Dies muß sie achtungswert in unseren Augen machen und sie müssen uns würdig erscheinen, daß ihnen unsere Wahrheiten offenbart werden. In den einundsechzig Jahren, die sie nunmehr unter uns wohnen, war ihr Benehmen in jeder Hinsicht tadellos, abgesehen von dem Verbrechen, das sie in Alphapoli begangen und abgebüßt haben, das aber nur ihrer Überzeugung zuzuschreiben ist, daß sie berechtigt seien, sich von allem, was die Erde, ihre Mutter, hervorbringt, nähren zu dürfen. Der sehr heilige Genius von Heliopalu scheint diese Tatsache für möglich anzusehen, indem er ihnen die Erlaubnis gegeben hat, sich von den geheiligten Früchten zu nähren. Warum könnten auch die Riesen nicht Kinder der Erde sein, während wir Kinder der Sonne sind? Das heilige Konzil kann sich somit nur dem unfehlbaren Orakel des Großen Genius unterordnen und die Auslieferung der Früchte anerkennen; doch beharren wir auf der Bedingung, daß das gräßliche und erschreckende Zischen der vermaledeiten Rasse nie zu den Ohren der Kinder der Sonne dringen darf. Keine noch so hohe Macht der Riesen wird es je erreichen können, daß man nicht einen Schrei haßt, der alle, die ihn hören, erzittern und erschauern läßt. Die Riesen sollen also ihre Maßregeln treffen und an die Mittel denken, wie sie die Schlangen dazu bewegen können, ihre Nahrung gutwillig mit ihnen zu teilen, oder sie schweigend nehmen zu lassen, trotz allem Zorn, den sie werden empfinden müssen, wenn sie sich der Früchte beraubt sehen. Sollten die Riesen auf keine der angegebenen Weisen, unter denen zu wählen ihnen freisteht, die Bedingung erfüllen können, so werden sie vom versammelten heiligen Nationalkonzil ersucht, folgendes zu bedenken: Wenn ihre Vermehrung in derselben Weise wie jetzt ein Jahrhundert lang fortschreitet, werden die Kinder der Sonne berechtigt sein, selbst gegen Bezahlung ihnen Nahrung zu verweigern; auch die Macht der Kirche würde niemanden zwingen können, ihnen gegen seinen Willen Nahrung abzugeben. Somit würden dann die Riesen gezwungen sein, entweder Hungers zu sterben, oder unsere Welt zu verlassen, oder den Schlangen den Krieg zu erklären, was das schwerste Unglück für uns bedeuten würde. Das heilige Konzil ersucht das Oberhaupt der Riesen, im Laufe eines Brandes des grünen Holzes eine entsprechende Antwort auf dieses heilige Dekret zu geben, das durch die Gnade Gottes und des Heiligen Stuhles der allgemeinen Religion unfehlbar und unwiderruflich ist.«

Sogleich nach der Publizierung dieses Dekretes stattete ich dem Bischof mit meiner Frau einen Dankbesuch ab und veröffentlichte eine Epistel, worin ich allen Vätern, die ein paar Tage darauf, vom König reich beschenkt, in ihre Diözesen abreisten, meinen Dank aussprach. Obwohl das letzte Dekret dem Wunsch des Königs nicht vollkommen entsprach, mußte er es doch als vernünftig und folgerichtig ansehen.

In Zeit von zwei Fünftagwochen ließ ich alle Dekrete des Konzils drucken und erließ eine Kundmachung, wie ich mich den Beschlüssen gegenüber verhalten würde. Ich machte aus dem ganzen ein Duodezbändchen, verteilte 4000 Exemplare desselben in der Hauptstadt und versandte 6000 an alle Städte des Königreiches. Vorher aber ging ich zum König, las ihm das ganze Büchlein vor und erbat seine Erlaubnis zur Veröffentlichung desselben. Der Schluß meiner Erklärung lautete: »Zufolge der heiligen und väterlichen Ratschläge, die das heilige Konzil mir in seinem letzten, geschätzten Dekret gab, bin ich entschlossen, mich der für mich und meine Rasse entsprechenden, natürlichen Nahrung zu bemächtigen und die Schlangen im Namen Gottes des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes außerstande zu setzen, die Kinder der Sonne durch ihre Schreie zu erschrecken. Ich gebe hiermit dem ganzen Volke bekannt, daß ich mit Erlaubnis des Beherrschers dieses Reiches, mit Vollmacht des Großen Genius von Heliopalu und der Versammlung der 500 Väter, mich mit meiner Familie von der uns natürlichen Speise ernähren werde, als deren Herrn mich die Muttererde einsetzte. Ich verpflichte mich auf Glauben und Ehre, daß kein Zischen der verfluchten Untiere, unseres gemeinsamen Feindes, die Megamikren beunruhigen wird, und ich bestimme zum ersten Tag, an welchem ich mich dieser Nahrung bedienen werde, den ersten Tag der dreiundsechzigsten Ernte meines glücklichen Aufenthaltes in diesem Reich. Dieser Tag soll von nun an bei uns als großer Festtag angesehen werden, an welchem sowohl die Herrschaften wie die Diener sich jeder Arbeit enthalten sollen. Allen Megamikren, die mich bis dahin genährt haben, danke ich hiermit, verabschiede sie und hebe den Lohn auch jener auf, die sich mir bis an ihr Lebensende verpflichtet haben. Ich gebe ferner hiermit allerorts bekannt: falls nach dem erwähnten Tag ein junger oder erwachsener Riese sich herausnehmen würde, selbst gegen Bezahlung, Megamikrenmilch zu genießen, so würde ich ihn in Acht und Bann tun, wozu ich das Recht habe, da ich nach Gottes Willen das sichtbare Haupt unserer Religion bin. Diese Exkommunikation soll jedoch nur dann die bösen Folgen eines Fluches haben, wenn es sich um ein bewußtes Vergehen handelt; denn das Saugen als Scherz, als gesellschaftliches Kompliment, als Höflichkeit, wird stets ohne weiteres gestattet.«

Welche Wonne für mich, Mylords, als ich die Freude und Überraschung des liebenswürdigen Königs und seines Unzertrennlichen sah! Er beherrschte sich aber soweit, mich über die Art meines Verhaltens nicht zu befragen, obwohl ihm sicherlich hundert Fragen auf der Zunge schwebten; auch ich mußte meine ganze Selbstbeherrschung aufbieten, ihm nichts zu verraten, da ich ihn aufrichtig liebte und doch schweigen mußte. »Ihr bittet«, sagte er mir, »mich um die Erlaubnis, einen Plan auszuführen, für dessen Erfüllung und Vollbringung ich gerne eine Million in Gold bezahlen würde. Gehen Sie, mein Lieber, und mögen Sie sich bei dem Gedanken an die tausendfachen Redereien ergötzen, die meine Untertanen hierüber machen werden, und das Erstaunen des Hofes von Heliopalu, wenn in zwei Ernten ihn diese Nachricht erreicht.«

Nach Hause zurückgekehrt, ließ ich meine Erklärung verteilen und berief nebst meiner Frau unsere verheirateten Söhne Jakob, Richard, Nobert, Wilhelm sowie Theodor, der zu Neujahr heiraten sollte, zu einer Beratung zusammen. Ich schloß die Frauen von dieser Konferenz aus, da es sich um ein Geheimnis handelte und sie dasselbe wohl nicht aus Bosheit, doch aus Gutherzigkeit, Schwäche oder Leichtsinn hätten verraten können. Es handelte sich um eine zu bedeutende Sache; übrigens war es nicht notwendig, sie ihnen mitzuteilen, und dieser Grund gab bei einer so wichtigen Angelegenheit den Ausschlag. Als meine lieben Söhne vor mir standen, sprach ich folgendes zu ihnen:

»Unsere Religion, meine lieben Kinder, verlangt, daß wir nicht lügen; doch dieses Gebot zwingt uns nicht, alle Wahrheiten zu enthüllen, um so weniger, wenn eine solche Offenbarung uns in ein Unglück stürzen könnte. Daß ich nur euch zu mir berief, und selbst eure lieben Frauen von dieser Unterredung ausschloß, geschieht deshalb, weil ich euch ein höchst wichtiges Geheimnis mitzuteilen habe. Ihr müßt mir schwören, eher zu sterben, als es irgend jemandem zu verraten. Schwöret nun, indem ihr eine Hand auf unsern hier liegenden Hagiograph legt, daß ihr nicht durch Enthüllung dieses Geheimnisses unser aller Untergang herbeiführen werdet, und merkt euch, daß ihr durch einen Verrat Eidbrüchige werden würdet und daß ein Meineidiger nach diesem Leben von der Teilnahme an der Glorie Gottes, der ihn erschuf und ihm eine unsterbliche Seele gab, ausgeschlossen ist.« Sie schworen alle und hörten mir aufmerksam zu. Ich aber sprach weiter:

»Zwei Stunden, bevor der morgige Tag beginnt, werdet ihr euch hier einfinden und werdet euch in meiner Gegenwart üben, mit den Pistolen auf zwei Scheiben zu schießen, die achtzehn Fuß von euch und zwölf Fuß von der Erde entfernt sind. Diese beiden Scheiben werden sechs Zoll Durchmesser haben und ihre Mittelpunkte werden zwei Fuß voneinander entfernt sein. Ich werde euch zu diesem Zwecke doppelläufige Pistolen geben, die nur ein Schloß, einen Hahn, eine Zündpfanne und ein Zündloch haben. Dieses führt in einen Lauf, der sich aber in zwei Röhren spaltet, deren Mündungen in einer Ebene liegen. Diese beiden Läufe mit gemeinsamer Pulverladung müssen sich also gleichzeitig gegen die Ziele entladen, auf die ihr sie gerichtet habt. Ihr werdet von heute an bis zum Tage vor Beginn der nächsten Ernte euch zu diesem Zwecke täglich zur selben Stunde einfinden und eure Übungen mit dem Trompetenklang, der den Beginn des neuen Tages ankündigt, unterbrechen. Jeder von euch wird vier Pistolen und eine Patronentasche bekommen und wird die Waffen vor dem Weggehen auf den großen Tische des Gartensaales legen, dessen Schlüssel ich bei mir habe. Auf dem Tische werden Zettel mit euren Namen liegen und jeder wird seine Waffen neben seinem Zettel niederlegen, da es von großer Wichtigkeit ist, daß nicht die Waffen des einen mit denen eines anderen verwechselt werben. Ihr werdet eure Pistolen mit einer Ladung Pulver laden, da dieses nur die untere Höhlung des Laufes einnehmen und ausfüllen soll. Ihr werdet aber die Pistole mit zwei Ladungen von je drei Kugeln, eine Ladung für jeden Lauf, laden. In euren Patronentaschen werdet ihr Kugeln und die nötigen Maße finden. Sobald ich mich überzeugt habe, daß ihr soweit eingeübt seid, mit euren Kugeln stets gleichzeitig die beiden Scheiben zu treffen, dann werden wir gleichzeitig die zwölf Schlangen niederschießen, die sich auf den sechs Bäumen des kleinen Gartens bei meiner Werkstatt befinden. Im Gartenhaus werden Tragbahren vorhanden sein, auf denen wir die toten und von den Bäumen heruntergefallenen Schlangen in die Kalkgruben tragen können, die sich in diesem Garten wie in allen megamikrischen Gärten vorfinden, in welche die nach vierundzwanzig Ernten eines natürlichen Todes gestorbenen Schlangen hineingeworfen werden. Ihr habt wohl bemerkt, daß die Schlangen sich stets nebeneinander und ihre Köpfe stets parallel in der gleichen Entfernung halten, in der ihr die Scheiben nebeneinander sehen werdet. Ihr müßt nun darauf achtgeben, daß ihr aus einer Entfernung von achtzehn Fuß auf die Tiere schießt, was ihr durch ein wenig Übung rasch erlernen und ausrechnen könnt. Sobald die Schlangen tot sind, werden wir uns von den geheiligten Früchten zu ernähren beginnen und werden dann dabei bleiben. Wir müssen so handeln, um sicher zu sein, daß die Schlangen nicht zischen, wenn wir die Früchte pflücken. Die Gärtner werden selbstverständlich bald sehen, daß auf den Bäumen keine Schlangen mehr sind, doch werden sie nicht wissen, daß wir sie getötet haben, und noch weniger, daß wir sie in den gelöschten Kalk geworfen haben, aus welchem ihre Körper niemals wieder auftauchen werden. Außerdem werden wir den Garten so lange verschlossen halten, bis wir in allen unseren Besitzungen den Schlangen den Garaus gemacht haben, man wird nur durch die Werkstatt herausgehen können, doch werde ich den Dienern befehlen, diesen Ausgang überhaupt zu verwehren. Haben wir alle unsere Häuser von den Schlangen gesäubert, dann kümmere ich mich nicht mehr darum, wenn die ganze Stadt erfährt, daß es keine Schlangen mehr bei uns gibt. Sind unsere Besitzungen von den Schlangen befreit, so sind wir der Nahrung für fünf Jahre sicher. Inzwischen werde ich neue Gärten erwerben, die wir dann wieder von den Untieren säubern werden. Nach der Erfahrung, die wir im kleinen Garten machen, werden wir das Haus in der Stadt, dann den Garten der Papierfabrik und schließlich den der Druckerei von den Bestien befreien. Dies war, meine Kinder, der Entschluß, den ich notwendig nach dem, was das Konzil in seinem letzten Beschluß in bezug auf das Zischen der Schlangen verkündet hatte, fassen mußte. Übrigens mache ich mir um ihre Vernichtung keine Gewissensbisse, da ich Herr bin über alles, was mir gehört, und auch der Große Genius erklärt hat, daß ich mit den Schlangen tun darf, was ich will, wenn nur niemand ihr Gezisch hört. Daß ich mich dabei zurückhalten muß, ist nur durch einen Glaubensartikel der Megamikren bedingt, der ihnen verbietet, irgendein Lebewesen des Lebens zu berauben, und durch einen zweiten, noch abergläubischeren, der verbietet, einem anderen Körper Blut zu entziehen. Deshalb ist die strengste Geheimhaltung unseres Vorgehens unumgänglich notwendig, sonst könnte uns der Klerus sehr unangenehme und lästige Scherereien machen und wir sind noch nicht mächtig und zahlreich genug, um uns ihrer Macht widersetzen zu können; auch muß ich noch einen König schonen, der uns liebt, und dem ich um keinen Preis Grund zu Sorgen geben möchte.«

Nach dieser Rede küßten unsere Söhne uns die Hand, versicherten uns ihres Gehorsams und ihrer Ergebenheit und entfernten sich.

Allein mit meiner Frau zurückgeblieben, sah ich sie besorgt und nachdenklich. »Darf ich wissen,« fragte ich sie, »was deine Seele beunruhigt?« –»Ja, leider muß ich dir bekennen, mein Lieber,« erwiderte sie, »daß ich nicht imstande wäre, diese elenden Würmer zu töten, die sich uns gegenüber keiner Schuld bewußt sind und die mit ihrem sanften menschlichen Blick so zu bezaubern wissen, daß ich nicht sicher bin, ob unsere Kinder den Mut haben werden, sie zu erschießen. Könnte man sie töten, ohne sie anschauen zu müssen, dann würde ich sorglos sein; und doch hängt die Sicherheit des Treffens vom guten Zielen auf ihre schönen Köpfe ab. Ich bin sicher, daß ich in Ohnmacht fallen würde, wenn ich mir diesen Zwang auferlegen wollte. Sieh sie dir gut an, mein Lieber, und du wirst in ihren Augen einen Zauber, eine Anziehungskraft bemerken, die eine übernatürliche Macht zu verraten scheinen.«

Ich beruhigte sie, so gut ich konnte, küßte sie und sagte ihr, daß ein einziger Gedanke all die angebliche Anziehungskraft der Schlangenaugen zerstöre, nämlich, daß sie mit derselben bezaubernden Miene von Zeit zu Zeit ihre Bäume verließen, um einige unschuldige Megamikren zu erdrosseln. Der sanfte Blick dieser Ungeheuer belehre den Menschen, wie gefährlich es ist, einer Neigung zu folgen, für die man keinen anderen Grund angeben kann als ein bezauberndes Gesicht.

Meine Söhne kamen pünktlich in den Garten der Werkstatt, wo wir die Schießübungen begannen und wohin ich eine große Kiste Waffen und alle hierzu nötigen Vorräte, auch die Scheiben in der nötigen Höhe und Entfernung angebracht hatte. Ich übergab ihnen die Pistolen. Diese waren achtzehn Zoll, ihre Läufe aber zwölf Zoll lang. Sie bestanden aus einem Stück; ihre Läufe waren so gebohrt, daß der Mittelpunkt der einen Mündung von dem der anderen Mündung fünfzehn Linien entfernt war. Die beiden Ladungen wurden gleichzeitig abgefeuert und schlugen auf achtzehn Fuß Schußweite zwei Fuß voneinander entfernt ein. Die Schußweite mußte aber genau achtzehn Fuß und die Entfernung der Ziele genau zwei Fuß sein. Waren die beiden Ziele einander näher, so mußte die Schußweite verringert, umgekehrt mußte sie vergrößert werden. Wenn der Schütze genau zielte und ein festes Handgelenk hatte, konnte er nicht fehlschießen. Er mußte genau in die Mitte zwischen beide Scheiben halten, dann saßen die beiden Schüsse bestimmt in der Mitte der Scheiben. Meine Kinder brauchten, um die Schlangen zu töten, diese nicht anzusehen, sondern mußten genau in die Mitte zwischen die beiden Köpfe zielen.

So begannen wir also unsere Übungen, die wir ein Vierteljahr nach unserer Zeitrechnung fortsetzten. Wir hätten uns übrigens so viele Mühe gar nicht zu geben brauchen. Kaum berührte man den Drücker, die Pistole gerade vor sich haltend, so schlugen die sechs Kugeln geräuschlos, drei in die eine, drei in die andere Scheibe ein. Was mich bei diesen Schießproben besonders erfreute, war die Leichtigkeit, womit meine Söhne begriffen, in welcher Entfernung sie schießen mußten, je nachdem ich die Entfernung der Scheiben voneinander vergrößerte oder verkleinerte. Waren die Scheiben zwei Fuß voneinander entfernt, so war der Schütze bei einem Abstand von achtzehn Fuß seines Schusses sicher, war der Abstand der Scheiben verschieden, jedoch immer in gleicher Höhe, so mußte man die Entfernung zu schätzen wissen. Dies verstanden meine Kinder ausgezeichnet.

Als der Tag der Ausführung da war, begab ich mich mitten in der Ruhezeit mit meinen Kriegern in den kleinen Garten; jeder stand mit einer Pistole bewaffnet vor mir. Ich sprach zu ihnen: »Meine lieben Söhne, nach zweiundsechzig Ernten ist endlich die Zeit gekommen, da wir uns von der Demütigung, von unseren Dienstboten ernährt zu werden, befreien können. Wir werden dadurch eine ungeheure Geldsumme ersparen können, die in der letzten Zeit 10000 Goldunzen in jeder Ernte betragen hat. Es wird uns endlich freistehen, uns mit dieser Frucht zu ernähren, mit der keine andere an köstlichem Wohlgeschmack sich vergleichen läßt, doch nur unter der Bedingung, daß die Megamikren nicht das Zischen der Schlangen hören, wenn wir uns der Früchte bemächtigen. Das von mir erwählte Mittel ist das einzige, dies zu verhindern. Es ist ausgeschlossen, daß die Schlangen, von je drei Kugeln am Kopfe getroffen, noch Kraft und Zeit zum Zischen finden. Wir sind sechs, und außer den Pistolen, die wir hier in der Hand haben, sind noch sechs andere Pistolen für alle Fälle bereit, obwohl ich diese Vorsicht für überflüssig halte. Vorwärts also, jeder stelle sich unter seinen Baum und ziele auf die Bestien, und sobald ich Feuer! rufe, sollen alle auf einmal schießen. Der Sieg ist uns sicher, denn für uns ist die Vernunft wie die göttliche Vorsehung, um deren Beistand wir jetzt bitten wollen."

Wir knieten nieder und sagten unser tägliches Gebet, worauf ein jeder sich auf seinen Platz begab. Es bereitete mir eine große Freude, meine Kinder so voller Eifer zu sehen. Sie fühlten sich durch die Notwendigkeit, um des lieben Lebens willen die Megamikrenmilch saugen zu müssen, sehr gedemütigt, um so mehr, als sie oft Unverschämtheiten von den sie ernährenden Dienern zu hören bekamen, die uns frech antworteten; sie wußten wohl, daß ihre Milch uns viel notwendiger wäre, als ihnen unser Gold, und die uns oft durch Drohungen zwangen, ihren Lohn zu erhöhen. Meine Söhne waren daher entzückt, vor einem Ereignis zu stehen, das den Beginn eines glücklicheren Lebens bezeichnen sollte. Jeder stand vor einem Baum; es waren deren sechs, wie wir, und es war nie vorgekommen, daß auf einem Baum sich mehr als zwei Schlangen befunden hatten. Mit ihrer Fortpflanzung verhielt es sich nämlich folgendermaßen:

Nachdem sie vierundzwanzig Ernten gelebt haben, geben die Schlangen je ein Ei von sich, das aus ihrem Schlund in der Größe eines Straußeneies herauskommt. In neun Fünftagewochen wächst dieses Ei bis zur Größe eines Kinderkopfes, birst und die Schlange kommt heraus. Sofort danach sterben die alten Schlangen und fallen unter ihren Baum, von wo die Gärtner sie in die Kaltgrube schaffen. Die Jungen wachsen in zwei Ernten zur Größe der Gestorbenen empor und sterben wie jene nach vierundzwanzig Ernten.

Als sie uns sahen, zogen die Schlangen sich, wie gewöhnlich, ein wenig zurück, doch verfolgten sie uns mit ihren Augen, deren sanfter Blick schwächere Seelen empfindsam stimmen konnte. Ich stand vor dem letzten Baum zu meiner Rechten; den letzten Baum zu meiner Linken hatte ich Theodor zugewiesen, der noch keine vollen neun Jahre alt war, seine Brüder standen vor den anderen. Als ich sie alle bereit sah, rief ich: »Feuer!« und sah im selben Augenblick, ohne daß unsere Schüsse das geringste Geräusch gemacht hätten, alle zwölf Untiere von den Bäumen fallen und meine Kinder auf mich zulaufen. Rasch holten wir die Tragbahren und trugen die Leichen in die Grube. Am meisten Arbeit machte uns das Entfernen der Blutflecken von den Stellen, wo die Bestien hingefallen waren. Ihr Blut war ebenso rot wie das unsere; dies war den Megamikren gänzlich unbekannt, da es in 30000 Jahren ihrer Zeitrechnung kein einziges Mal vorgekommen war, daß eine Schlange verwundet wurde. Wir bedeckten die Blutflecken mit Erde, wuschen die Tragbahren rein und trugen sie an Ort und Stelle zurück. Sodann musterten wir die Bäume durch und fanden ein aus Blättern gebildetes Nest, das auf zwei Ästen an den Stamm angelehnt war und worin sich zwei Eier befanden, die bereits dreimal so groß als Straußeneier waren. Wir warfen sie sofort in den Kalk. Dann umarmte ich meine Söhne und befahl ihnen, sich am nächsten Tag zu derselben Stunde im Garten der Papierfabrik einzufinden.

Dieser Garten hatte von vierundzwanzig Bäumen zwei Alleen, zwischen welchen ein Haus stand. Ich brauchte somit nur zwölf Bäume in zwei Teile zu scheiden, da wir nur sechs auf einmal säubern konnten; ich befürchtete das Zischen der sechs zurückgebliebenen Schlangenpaare, wenn sie die fallenden Leichen ihrer Mitschlangen bemerkten; ich mußte deshalb diese sechs Bäume so verdecken, daß sie von den sechs anderen aus nicht gesehen werden konnten. Zu diesem Zweck befahl ich meinen Dienern, zwei Gestelle in der Mitte der Alleen zu errichten und sie mit sechs Reihen Latten zu beschlagen; ich ließ diese mit Papierbogen bedecken, unter dem Vorwande, daß ich die Qualität der letzteren durch den Einfluß der Luft verbessern wolle. Die dicht beieinander stehenden Latten ließen sich so gut mit Papier behängen, daß die Aussicht auf die zweite Hälfte der Allee vollkommen verdeckt wurde.

Um Sie, Mylords, nicht mit zu großer Ausführlichkeit zu langweilen, sage ich Ihnen nur kurz, daß wir auch diese achtundvierzig Schlangen glücklich aus dem Wege schafften, bevor die Trompete erscholl, worauf wir sehr zufrieden, obgleich sehr müde, nach Hause gingen. Meine Vorsicht, uns mit dreifachem Waffenvorrat zu versehen, erwies sich glücklicherweise als unnötig, alle Schüsse trafen, dank der Güte meines Stahls, der beim Aufschlagen des Hahns reichlich Feuer sprühte, denn das Feuer kommt nicht aus dem Stein, wie der große Haufe glaubt. Am folgenden Tag säuberte ich den Garten der Druckerei und am letzten den meines Hauses in der Stadt, wo meine Frau sich überwand, bei der gefahrlosen Erekution anwesend zu sein; sie bewunderte das ordnungsmäßige Vorgehen und den pünktlichen Gehorsam meiner Söhne, die sie hierfür herzlich umarmte und segnete. Sie sagte mir, die Schlächterei sei deshalb gelungen, weil die Schießenden nicht gezwungen gewesen seien, zwischen die Augen der Schlangen zu zielen, was es ihnen sonst sicherlich unmöglich gemacht hätte, auf sie zu schießen. Ich fand, daß sie recht haben könnte. Ich überdachte nun die Mittel und Wege, wie ich meinem Sohne Adam zu Anfang des kommenden Jahres dieselben Vorteile verschaffen könnte. Sie werden bald hören, wie mir dies gelang.

Am 1. August gab ich ein großes Gastmahl, wobei ich und meine Kinder zum erstenmal vor allen Eingeladenen je fünf Früchte aßen, während die Megamikren säugten. Dies war das zweite Fest, das ich einfühlte. Ich hatte bei Tische alle meine Kinder und Enkelkinder um mich, selbst die jüngsten, welche erst neun Monate alt waren. Wir waren vierundvierzig; wäre Adam mit uns gewesen, so wären wir fünfzig gewesen. Sechs Tische zu vierundzwanzig Gedecken standen vor dem unseren und es saßen daran die erlesensten unserer Freunde, die uns schweigend zusahen und meine Macht bewunderten, da sie bereits von den Gärtnern wußten, daß diese nicht das leiseste Zischen gehört hatten. Man sah nicht mehr um uns die Ernährerbande, die ich an demselben Morgen davongejagt hatte, sondern an ihrer Stelle nur einfarbige Diener, lauter begabte Menschen, denen ich den doppelten Lohn bezahlte. Dies konnte ich leicht tun, da ich seit diesem Tag 50000 Pfund Sterling jährlich weniger ausgab. Elf Diener trugen uns in elf Körben 220 Feigen auf, die sie auf meinen Befehl eine Viertelstunde ehe wir uns zu Tisch setzten gepflückt hatten; sie erzählten allen, daß sie meinem Auftrag zufolge sich zitternd den geheiligten Bäumen genähert hätten, in der Furcht, sich eines Verbrechens schuldig zu machen, daß sie jedoch bald Mut gefaßt und alle Bedenken aufgegeben hätten, als sie auf den Bäumen keine Schlangen mehr gesehen. Diese Tatsache rief ein solches Staunen hervor, daß die sonst bei allen Festen herrschende Fröhlichkeit dadurch beeinträchtigt wurde. Eine Art von neuem Respekt, von sehr ernsten Gedanken begleitet, dämpfte sie. Der sich meinen Gästen bietende Anblick ließ sie einen gänzlichen Umschwung nicht nur im Moralischen, sondern auch im Physischen ihrer Welt voraussehen. Sie sahen uns als Wesen von einer unbegreiflichen Veranlagung an.

Am folgenden Tag ging ich zum König, jedoch ohne meine Frau; denn ich hatte ein Gesetz aufgestellt, das den schwangeren Frauen verbot, in den drei letzten Monaten ihre Häuser zu verlassen, ausgenommen am ersten Tag des Vierteljahrs zum Feste der Nahrung. Ich bat den König um die Erlaubnis, fünf meiner Söhne nach Alphapoli schicken zu dürfen, um ihren Bruder Adam zu unterrichten, wie er sich von den geheiligten Früchten und von den Zapfen der Anazesen nähren könnte, welch letztere ich seit längerer Zeit besaß. Gleichzeitig teilte ich ihm einen Plan mit, der meiner Meinung nach zur Hebung des Handels in seinem Reich bedeutend beitragen könnte. Ich sagte ihm, falls er damit einverstanden wäre, könnten meine fünf Söhne mit Adam in den drei anderen Grenzstädten je eine Papierfabrik und Druckerei errichten. Hierdurch würde dieser nützliche Handel vermehrt und der Versand erleichtert werden, der bereits so rege war, daß meine Papierfabrik und die in Alphapoli nicht mehr alle von auswärts einlaufenden Bestellungen ausführen konnten. Diese gingen von den entferntesten Reichen ein, weil das Papier nicht nur von der besten Qualität, sondern auch billiger war als das alte. Ich bat ihn auch, bereits im Fach unterrichtete Megamikren aussenden zu dürfen, um in mehr als fünfzig Städten seines Reiches, die beständig darum ersuchten, Druckereien zu errichten, und ersuchte ihn um seine Zustimmung, im Büro seiner Finanzen mich als Erfinder des Druckes eintragen zu lassen und dadurch meine Rechte zu wahren. Ich machte ihn darauf aufmerksam, daß dies Recht, wenn es königliches Recht geworden wäre, die Steuereinnahmen um ein bedeutendes erhöhen würde und zwar ganz einfach dadurch, daß man auf jede Druckschrift eine kleine Steuer legte, die jeder gerne zahlen würde, da durch die Einführung der Druckerei jedes Schriftstück viel billiger werde. Ich erlaubte mir aber, ihm zu raten, alle Druckschriften von Zensoren, die die Druckereien zu bezahlen hätten, überwachen zu lassen. Diese Zensoren sollte der König aus den Reihen der von Seiner Majestät entlassenen Revisoren der Schreiberei auswählen.

Der König hörte mir mit der größten Aufmerksamkeit zu und sagte mir dann, er könne mir für alles, was ich ihm sage, nur dankbar sein; meine Söhne dürften sich in allen Grenzstädten seines Reiches niederlassen und seine Gouverneure würden ihnen dabei an die Hand gehen. Er werde meinen Söhnen die nötigen Weisungen zukommen lassen und ihnen auch offene Briefe an alle seine Schatzmeister mitgeben. Er fand meinen Plan bezüglich der Druckereien äußerst beachtenswert und sagte, er werde zu Zensoren solche ernennen, die sich mit einem von mir unterschriebenen Zeugnis vorstellten, worin ich ihre Begabung für solches Amt bestätigte. "Auf diese Weise", sagte er, "werden sie Euch, der ihren Ruin heraufbeschwor, verzeihen können, da sie nichts anderes gelernt hatten und nicht wissen, wovon sie leben sollen. Laßt mich auch Euch zu Eurer neuen Lebensstellung beglückwünschen. Die Schlangen werden nicht zischen, da sie verschwunden sind, wie man in der ganzen Stadt mit allen möglichen Kommentaren erzählt. Man sagt: Wenn Euch dies Wunder gelungen sei, so haltet Ihr dies auch schon vor zweiundsechzig Jahren bewirken können. Bevor Ihr jedoch Euch hierzu entschlossen, hättet Ihr alle anderen Mittel zur Erlangung der Nahrung versucht, die Euch nach der Vorschrift Eurer Religion gebührte; man lobt und bewundert eure Klugheit und Vorsicht und der Hof von Heliopalu wird äußerst verwundert sein über diese Nachricht, die ihm ein neues Beispiel Eurer Macht vorführt, die weit über die Macht aller Sterblichen hinausgeht. Alle Welt staunt und fragt sich, nachdem sie das Verschwinden der Schlangen festgestellt hat, wohin diese wohl geraten sein könnten? Und da man darüber im unklaren ist, so befürchtet man allgemein, die Schlangen könnten sich noch irgendwie an meinem Reiche rächen wollen.«

Der König bemerkte meine Verlegenheit und sprach, um mich derselben zu entheben, sogleich lächelnd weiter: »Denkt nur nicht, daß ich die Meinung jener Dummköpfe teilen könnte, und seid versichert, daß mein Geist sich nicht im mindesten beunruhigt, die Schlangen könnten sich an uns rächen. Solange Ihr hier seid, werde ich mich vollkommen sicher fühlen, denn ich haßte diese Untiere von jeher, habe sie nie gefürchtet und würde mich für den glücklichsten aller Herrscher halten, wenn man sagen könnte, daß die Schlangen sich auf der ganzen Welt, außer in meinem Reich, befinden. Ja, mein Lieber, ich betrachte diese Epoche als die glorreichste meiner Regierung; sollte aber Eure Macht, die Schlangen zu entfernen, sich nur auf Eure eigenen Bäume erstrecken, so braucht Ihr nur ein Wort zu sagen und ich mache Euch zum Besitzer aller Bäume, die mein Eigentum sind. Ich hoffe, Ihr habt nicht gedacht, ich könnte Euch darob zürnen oder deshalb beunruhigt sein; Ihr würdet unrecht haben. Als der Bischof dies Wunder erfuhr, kam er ganz erschrocken zu mir, um meine Meinung darüber zu hören; ich verheimlichte ihm meine Denkungsart ebensowenig wie die Freude, die ich darüber empfand; es gelang mir, seine Bedenken zu zerstreuen, und er sandte an seinen Hof einen Eilboten mit dem Bericht über dies Wunder; denn ein solches ist es unstreitbar, oder wir sind die Unwissendsten aller Lebenden. Mein Minister, der zwar ein Ehrenmann, aber furchtbar abergläubisch ist, kam, mir seine Angst vor der nächsten Zukunft mitzuteilen, doch ich antwortete ihm: wenn es wahr wäre, daß unsere Religion diese Untiere verfluche und als unsere einzigen Feinde betrachte, dann müßten wir es als eine Gnade Gottes ansehen, daß er uns vernunftbegabte Wesen gesandt hätte, die die Macht besäßen, uns von ihnen zu befreien. Die Erhaltung der Schlangen in unserer Welt sei nur ein schmählicher Beweis von der Schwäche unseres Geistes, der sich von elendem Aberglauben im Bann halten lasse.«

Ich vermochte auf diese Rede nichts zu antworten, da die sich drängenden Gefühle mich der Sprache beraubten. Ich warf mich auf die Knie vor diesen engelhaften Wesen, dankte ihnen für das mir geschenkte Vertrauen und versicherte ihnen, ich würde gerne mit meinem Leben meine und meiner Familie Ergebenheit beweisen und würde ohne ihre Erlaubnis niemals ihr Reich verlassen. Sie sangen mir ein göttliches Duett, das Wonne in meine Seele goß, obwohl ich es nicht verstehen konnte. Als ich im Begriff war, mich zu entfernen, übergab der König mir ein Schriftstück und sagte mir, ich möge es zu Hause lesen; sein Unzertrennlicher aber überreichte mir ein Päckchen mit den Worten, es enthalte ein Geschenk für meine Frau.

Sobald ich nach Hause kam, war es mein erstes, meiner lieben Frau das Paket zu übergeben und das Schriftstück zu lesen. Es war ein Dekret des Kollegiums der Thesmotheten, dessen Oberhaupt der König war; es erklärte alle meine Häuser als frei von dem Aufsichtsrecht, das der Regierung über alle Privathäuser zustand. Das vom königlichen Unzertrennlichen meiner Frau gemachte Geschenk bestand in einem aus der königlichen Kanzlei hervorgegangenen, vom König unterzeichneten Diplom. Sie las es für sich durch und rief von Dank überwältigt: »Laß rasch, rasch einspannen, ich will zu ihren Füßen sterben, ich darf nicht einen Augenblick zögern, mein Tod nur kann den Grad meiner Empfindungen bezeichnen!« Ich verstand nichts von diesem Ausbruch und begann das Schriftstück zu lesen. Sie lief unterdessen wie närrisch in der Wohnung herum, fiel auf die Knie, dankte dem wahren und allmächtigen Gott und sogar der Sonne für die ihr erwiesene Gnade. Das Dekret enthielt für alle jetzt und künftig lebenden weiblichen Riesen das Recht, die Cromide zu tragen, und zwar vom Alter von sechsundzwanzig Ernten an bis an das Ende ihres Lebens. Diese Cromide verlieh ihnen gleichzeitig den Adelstand, wodurch sie am Hofe und überall den Vortritt vor ihren Männern hatten. Es war eine schöne und edle Handlung, doch fand ich die Verzückungen meiner Frau ein wenig übertrieben; ich küßte sie und meinte, es würde wohl früh genug sein, wenn sie dem königlichen Unzertrennlichen nach ihrem Wochenbett dafür danke. Meine Kälte erzürnte meine schöne bessere Hälfte und sie rief: »Ist es möglich, daß du die Tragweite dieser Wohltat nicht ermessen kannst? Ich schwieg bis jetzt, aber diese allgemeine, unanständige, abscheuliche, unsinnige Nacktheit war das Unglück meines Lebens. Jetzt bin ich nun glücklich und wünsche mir nichts mehr und ich will meinen wärmsten Dank diesem menschlichen Engel aussprechen, den Gott erleuchtet haben muß, da ich meine Sorge niemandem verriet. Ich bitte dich, mein Lieber, laß sofort alle meine Töchter holen, sie sollen Zeuginnen meiner Freude sein und mich alle zu Hofe begleiten, um sich mit mir diesem guten Geist zu Füßen zu werfen; denn ein guter Geist ist es ganz sicherlich!«

Ich erfüllte ihren Wunsch und eine Stunde später waren meine Töchter um ihre zärtliche Mutter versammelt. Ich bestellte sofort die vorschriftsmäßigen Cromiden: hellblaue für die Mädchen, während die verheirateten Frauen die Farben nach ihrem Geschmack wählten; keiner jedoch außer meiner Frau war gestattet, den Mantel zu tragen. Die Ansprache, die meine Frau an sie hielt, belustigte mich sehr. Wilhelmine, Anna, Pauline und Therese waren die verheirateten; Franziska, Judith und Silvia Mädchen, von denen die letztere als Jüngste gerade in das vom Diplom vorgeschriebene Alter von sechsundzwanzig megamikrischen Jahren eintrat, vor welchem ein Mädchen nicht würdig war, dieses Gewand zu tragen, das europäische Koketterie nicht hübscher hätte erfinden können. Meine Frau sprach also zu ihnen:

»Meine lieben Töchter! die Sterblichen, die nach Gottes Vorschriften leben, glauben fest, in seiner göttlichen Vorsehung die Belohnung ihrer guten Werke zu finden. Soeben wurde uns durch die Güte des Herrschers eine Wohltat erwiesen, die alles übersteigt, was wir uns hätten wünschen können, und ich bin überzeugt, daß sie euch ebenso wie mich mit der größten Dankbarkeit erfüllen wird. Ihr werdet mit mir zu Hofe gehen, um dem König und ganz besonders seinem Unzertrennlichen für dies Geschenk zu danken, dessen geringster Vorzug darin besteht, daß es alle unserer Familie entstammenden Frauen adelt und ihnen dadurch die Achtung aller Megamikren sichert.«

Nach dieser Ansprache, die die höchste Neugierde meiner Töchter erweckte, las sie ihnen das Diplom vor und fragte Wilhelmine, ob sie sich je eine größere Wohltat habe träumen lassen. »Das nicht, Mama,« antwortete sie, »aber – ich bitte dich vielmals um Entschuldigung – ich verstehe nicht, worin die Bedeutung dieses Geschenkes liegt, das mir nur als ein Luxusgegenstand erscheint. Adelig sein ist viel wert, doch liegt mir nichts daran, adeliger zu sein, als mein Mann. Denn ehrgeizig bin ich, Gott sei Dank, nicht.« – »Aber, meine Liebe, ist denn dir nicht das Vorrecht sehr angenehm, den ganzen Leib mit der Cromide verhüllen zu dürfen?« – »Das schon, besonders wenn ich in anderen Umständen bin; aber dies ist ja doch recht belanglos!«

Meine Frau ist zu gescheit, als daß sie noch weiter auf die Sache eingegangen wäre! Sie hatte sich von ihrer Begeisterung überwältigen lassen und kam erst wieder zu sich, als die naiven Antworten unserer Töchter ihr die Wahrheit in klarerem Lichte zeigten. Nun beruhigte sie sich und sah mich lächelnd an. Sie fragte auch die anderen und merkte, daß alle derselben Ansicht waren wie ihre älteste Schwester. Silvia, die jüngste, aber sagte: »Meine gute Mama, ich werde diese Cromide aus Gehorsam tragen, weil ich sehe, daß dir daran liegt, aber sie wird mir sehr unbequem sein.« Wir mußten über ihren Ausspruch herzlich lachen. Tatsache ist es, daß diese Cromide mit der Zeit in meinen Töchtern einen bösen Sinn für Koketterie entfachte, der bei nackt gehenden Völkern ausgeschlossen ist.

Da ich auch meinem Sohn Adam die Mittel verschaffen mußte, daß auch er sich von den Früchten nähren könnte, dachte ich viel und ernst nach und wurde wankelmütig durch schwarze Gedanken, die mich überwältigten und die mir Furcht einflößten. Folgenschwer und peinlich wäre die Verlegenheit gewesen, in welche ein Zischen beim Abschießen uns gebracht hätte. Ich konnte nicht vollkommen sicher sein, daß die Schlächterei, trotz der Geschicklichkeit meiner verheirateten Söhne, die ich hinsenden wollte, ohne Fehlschuß gelingen würde, wenn ich nicht dabei wäre. Außerdem durfte auf keinen Fall verraten werden, daß wir das Zischen der Schlangen dadurch verhinderten, daß wir ihr Blut vergossen; denn ihre Tötung wäre allen verabscheuungswürdig erschienen. Nichts konnte leichter geschehen, als daß einer von den Gärtnern zufällig in den Garten kam und die Schützen auf der Tat ertappte, oder sah, wie die Schlangen in die Gruben getragen wurden. Dabei mußte der Anblick des roten Blutes bei den Megamikren die Überzeugung hervorrufen, daß die Schlangen unsere Verwandten wären und daß wir derselben Rasse entstammten. Dann wäre es mit dem Frieden aus gewesen, da es nicht mehr möglich gewesen wäre, den Unwissenden und Beschränkten, deren Geist vom Aberglauben beherrscht war, Schweigen zu gebieten, zumal in Alphapoli, wo die Geister noch furchtsamer waren und wo noch der liebe Abdala regierte, der uns in den Kerker geworfen hatte, woran wir noch jetzt mit Grauen dachten.

Alle diese Gedanken bewogen mich, ein Mittel zu suchen, die Schlangen ohne Blutvergießen zu vernichten, da sie nun einmal getötet werden mußten, nicht nur, um ihr Zischen zu hindern, sondern auch unserer Sicherheit wegen. Es handelte sich darum, sie nicht dort leben zu lassen, wo wir unsere Nahrung fanden. Diese Betrachtungen und Grübeleien nahmen meine ganze Zeit bis zur Niederkunft unserer Frauen ein. Sie gebaren alle, wie gewöhnlich, glücklich und am gleichen Tage Zwillingspaare, von denen ich das meinige, fünfzehnte, Andreas und Esther nannte.

Ich will Ihnen jetzt, Mylords, von dem schweren Unternehmen berichten, das auszuführen ich mehr Geduld brauchte, als ich von Ihnen verlange, um davon zu hören.

Wählend ich an der Zusammenstellung des Pulvers arbeitete, mußte ich vielfache Versuche mit Schwefel anstellen; denn ich schrieb das Mißlingen der Pulverherstellung der nicht genügend guten Zubereitung des Schwefels oder Salpeters zu.

In meinem Dienste standen geübte megamikrische Chemiker, die in der Metallurgie, im Bergwesen, im Analysieren mineralhaltiger Erden, in der Erkenntnis ihrer nützlichen und unbrauchbaren Bestandteile große Erfahrung hatten. Ich befand mich einmal mit zweien von ihnen in einer Schwefelgrube, von wo ich einige Schwefelstücke von verschiedener Farbe mitnahm, sowie auch einige Stücke eines rötlichen Stoffes, der kein Schwefel war. In meinem Laboratorium angelangt, bekam ich Lust, ein Stück der rötlichen Substanz in einem Schmelztiegel aufs Feuer zu stellen; der anwesende Diener warnte mich vor diesem Versuch, indem er sagte, diese Materie sei nicht entzündbar, die ihr entsteigenden Dämpfe würden mich augenblicklich ums Leben bringen, wenn ich sie einatmete. »Es ist ein unbeeinflußbarer Stoff,« meinte der Megamikre. »Sie würden ihm nie seine Säuren entziehen können, nicht einmal durch hundert Sublimationen. Sie können dieselben nur vermehren: es ist das Gift, das alle Metalle angreift, selbst Silber und gelbes Gold; denn nur das rote Gold widersteht ihm. Wenn er Metalle zu vergiften vermag, um wieviel leichter gelingt ihm dies bei Pflanzen und Tieren. Jeder feste Stoff, der nicht entzündbar ist, aber sichtbar raucht, kann nur lebentötend wirken, denn das Feuer ist das erste Belebungsmittel in der Natur und kann, wenn es sich in einem Körper befindet, nur durch die Flamme sein Vorhandensein bekunden. Die Giftigkeit der Flüssigkeiten könnt Ihr durch ein anderes Mittel feststellen: seht sie durch ein gutes Mikroskop an und wenn Ihr keine Bewegung, nicht die leiseste Zirkulation darin bemerkt, so ist es ein Beweis, daß die Flüssigkeit ein Gift ist, denn der Mangel an Bewegung bekundet das Nichtvorhandensein lebender Wesen, und dies ist ein Zeichen, daß die Flüssigkeit nicht das göttliche Feuer birgt, das das Hauptprinzip des Weltlebens ist. Hat etwas dies Lebensprinzip nicht, dann kann es nur eine Quelle des Todes sein, denn eine Mittelstufe zwischen Leben und Tod gibt es nicht. Laßt mich Euch noch sagen, daß die Bewegung, die Ihr in klaren Flüssigkeiten bemerkt, in denen Ihr keine Tiere seht wie im Wasser, nichtsdestoweniger durch Lebewesen hervorgerufen wird, die jedoch so klein sind, daß kein Mikroskop der Welt sie zu entdecken vermöchte. Diese Bewegung läßt sich aber nur durch das Vorhandensein von Lebewesen erklären. Leben ist weiter nichts als Bewegung, die Ursache dieser Bewegung kann nur das innere Feuer der Natur sein, die als Ganzes auch ein ungeheures Lebewesen ist, und da alles Existierende nur die Wirkung einer Ursache ist, so wollen wir als erste Ursache einen unbegreiflichen Gott anbeten, der die Quelle aller Quellen ist und dessen ewige Quelle nur in ihm selber liegen – nur ihm selber bekannt sein kann.«

Dies war, Mylords, die gedankentiefe Rede dieses weisen Megamikren, der bis zu seinem Tode bei mir verblieb. Er war ein Bastard des Bischofs; sein Kopf war sonnenblumengelb, sein ganzer Körper apfelgrün; sein Unzertrennlicher war violettrot. Er gab mir in bezug auf Chemie Aufschlüsse, die unserer Welt noch gänzlich unbekannt sind und die ich veröffentlichen zu können hoffe, denn welchen Wert hätte die Wahrheit, wenn sie nicht offenbart würde?

Ich wollte mich durch ein Experiment von der Wahrheit dessen, was mir der Megamikre sagte, überzeugen. Ich legte ein Stück von diesem bösartigen Stoff in ein Schüsselchen und stellte es aufs Feuer; dem ersten ihm entsteigenden Rauch setzte ich zwei Vögel aus, die auf der Stelle tot niederfielen. Ich glaube, daß diese Materie nichts anderes als unser Arsenik ist; denn ein Venetianer beschrieb mir gleiche Wirkungen von Arsenikdämpfen. Über die Kraft dieses Stoffes nachdenkend, kam ich zu der Überzeugung, daß er mir zum Töten der Schlangen nützlich sein könnte; sie würden zum Zischen weder Kraft noch Zeit genug haben und wir hatten dann weder die Mühe, sie zu begraben, noch brauchten wir über die Art ihres Todes Rechenschaft abzulegen, denn dazu konnte man uns nicht zwingen; übrigens hätte niemand sich je getraut, uns hierüber zu befragen. Ich begann nun darüber nachzudenken, wie ich mir eine bedeutende Menge dieser Dämpfe verschaffen könnte, und dies gelang mir ziemlich leicht auf folgende Weise: Ich legte in einen Schmelztiegel eine entsprechende Quantität des roten tauben Gesteins und bedeckte den Tiegel mit einer Glocke, deren Rauminhalt zwanzigmal so groß war wie der des Schmelztiegels. Am Rande dieser Glocke befanden sich in gleicher Entfernung vier drei Zoll lange, offene Hähne, deren Spitzen einen halben Zoll schräg abwärts gebogen waren. Der untere Rand der Glocke schloß sich dicht an den Tiegel an, so daß die Luft weder hinein- noch herauskommen konnte als durch die vier Öffnungen der Hähne. Ich verband mit diesen Hähnen vier hermetisch verschlossene Pumpen. Jede von diesen Pumpen war achtmal so groß als die Glocke. Jede von ihnen hatte einen Kolben, der, um möglichst leicht zu sein, innen hohl war und an dessen Ende sich ein Kettchen befand, woran ein einzelner Mensch ihn an sich ziehen oder zurückschieben konnte; zog man den Kolben heraus, so blieb sein Ende doch immer noch in der Pumpe stecken. Nachdem ich dies alles zusammengebracht und mich wohl versichert hatte, daß keiner meiner Diener den von mir verfolgten Zweck ahnen konnte, rief ich meine vier verheirateten Söhne, stellte einen jeden an eine Pumpe und ließ sie auf Kommando langsam den Kolben an sich ziehen. Nun stellte ich den Schmelztiegel mit Arsen auf glühende Kohlen und sobald sich Dämpfe zu entwickeln begannen, setzte ich das kleine Kohlenbecken unter die Glocke und den Schmelztiegel darauf, so daß er sich vollkommen an die Glocke anschloß. Die Hähne ohne Saugheber, da solche nicht nötig waren, waren bereits mit den Pumpen verbunden. Ich ging dabei sehr umsichtig vor, um nicht von den Dämpfen erstickt zu werden. Es ist jene schreckliche Aporrhoea, deren Zusammensetzung noch niemand festgestellt hat. Die Glocke hatte außer den vier Hähnen in ihrem oberen Teil ein mit einem Ventil versehenes Rohr, das ich nach meinem Gutdünken mittels eines langen Stäbchens öffnen oder schließen konnte. Diese Rohrspritzen schlössen sich somit an die Glocke an, die den Tiegel bedeckte, und ich beobachtete das offene Ventil, um mich durch die aufsteigenden Dämpfe zu überzeugen, daß die Glocke bereits voll von denselben war. Sobald ich dies merkte, befahl ich meinen Kindern, den Kolben möglichst langsam und vorsichtig anzuziehen, und schloß das Ventil. Ich überzeugte mich, daß die Sache vorzüglich gelang und daß unmöglich die Luft eindringen konnte, es wäre zwecklos gewesen, meine Söhne den Kolben stärker anziehen zu lassen; sie hätten sich umsonst bemüht: ohne die Dämpfe wäre es ihnen nie gelungen, den Kolben zu bewegen, da die Luft auf keine Weise in die Glocke dringen konnte, wenn man nicht etwa mittels einer Luftpumpe die Glocke entleerte. Wählend sie die Kolben anzogen, öffnete ich für einen Augenblick das Ventil, doch schloß ich es sofort wieder, als ich den Dampf ausströmen sah, wovon die Spritze voll war. Ich wußte nun, daß meine Spritzen unmöglich noch Luft außer dem Dampf einsaugen konnten. Als vier Kolben soweit herausgezogen waren, wie es überhaupt möglich war, brauchte ich meinen Kindern nicht zu sagen, daß sie aufhören sollten, da auch sie merkten, daß die Spritzen voll waren. Ich öffnete nun die Fenster des Laboratoriums und zog die Kohlenpfanne unterhalb der Glocke hervor, desgleichen den Schmelztiegel, den ich mit einer Zange vom Feuer nahm und löschte. Das verlöschte Arsenik dampfte nicht mehr, dann schraubte ich die Spritzen von den Hähnen los und verstopfte sie mit Pech. Zum Schlusse blieb mir nur noch übrig, meinen Söhnen das strengste Schweigen aufzuerlegen, da unsere Ehre und unser Leben davon abhingen. Ich schloß mein Laboratorium zu und jeder ging seinen Geschäften nach.

Als ich mich nun im Besitz der Dämpfe sah, richtete ich alle meine Gedanken auf das Mittel, die Köpfe der Schlangen damit so zu treffen, daß sie ersticken, bevor sie ihr Zischen ausstoßen könnten; sie mußten die Dämpfe einatmen, um sofort tot zu sein. Hierüber fing ich erst an nachzudenken, als ich im Besitze der Dämpfe war. Ich hatte die Ausführung zunächst als möglich angenommen, aber nur theoretisch, ohne klaren Begriff, wie ich mich des Mittels bedienen sollte. In dieser Weise ging ich stets vor. Um mein Ziel zu erreichen, hielt ich an dem Grundsatz fest, mich in die Notwendigkeit zu versetzen, vorwärts zu gehen. Hatte ich mich einmal auf etwas eingelassen, so ließ ich nicht mehr davon ab.

Wer bei wichtigen und schwierigen Unternehmungen zuerst einen fertigen Plan des Werkes entworfen, alle Schwierigkeiten aus dem Wege geschafft sehen will, der erreicht niemals etwas und bleibt schließlich auf halbem Wege stehen, da jede unvorhergesehene Schwierigkeit, jedes Hindernis ihn verwirrt und um seinen ganzen Mut bringt und zwar nur deshalb, weil er darauf nicht gefaßt war. Solche unfruchtbaren Geister sind nicht imstande, auf der Stelle einen Ausweg zu finden. Der Mann, dem alles gelingt, muß ein vorzüglicher Rechenmeister sein, der dem Zufall soviel einräumt, wie notwendig ist: es ist der mutige Mensch. Mut ist kein wilder Herzensdrang, der den Menschen oft in den Abgrund stürzt, sondern eine Eigenschaft der Seele, die voller Vertrauen und Entschlossenheit dem Zufall und den Gefahren trotzt und vorwärts schreitet.

Ich hatte einen genügenden Vorrat an Gewehren von drei, vier und fünf Fuß Länge und verschiedenem Kaliber, alle mit einem Lauf, aber mit zwei zylindrischen, divergierenden Bohrungen, die, wie meine Pistolen, gleichzeitig zwei tödliche Schüsse abzugeben vermochten. Nachdem ich mich entschlossen hatte, mich meiner vier Fuß langen Gewehre von halbzölligem Kaliber zu bedienen, sah ich, daß ich sie nur dann mit der tödlich wirkenden Aporrhoea laden könnte, wenn ich diese in Zylinder füllte, deren Durchmesser dem Kaliber meiner Gewehre gleich war. Zu diesem Zweck verwandte ich die äußerst feine Haut, deren man sich im Handel zur Verfertigung der Phosphor-Kügelchen bediente, die, wie ich Ihnen bereits erzählte, im inneren Handel der Megamikren als Geld dienten. Ich ließ einige megamikrische Schneider holen und diese verfertigten mir im Laufe von vier Fünftagwochen über 1000 fußlange Schläuche, die sehr fest genäht und an dem einen Ende offen waren, zwecks Einführung des Stoffes, den ich Hineinzutun gedachte, was nach der Meinung der Megamikren nur der kostbare Phosphor sein konnte.

Im Besitze der leeren Schläuche füllten ich und meine vier Söhne dieselben mit dem Dampf, wozu wir, zehn Stunden täglich arbeitend, einen Brand brauchten. Ich war höchst erfreut, daß meine Söhne auf diese Weise die Handhabung eines Mittels erlernten, das meine eigene Erfindung war und dessen sie sich auch nach meinem Tode würden zu bedienen wissen. Ich nahm einige bereits den Löchern der durch Ventile verschlossenen Spritzen angepaßte Saugheber und ließ am anderen Ende des Hebers mit einem leichten Kitt die Naht der umgestülpten Wursthülle bestreichen. Sobald die Wurst an der Spritze haftete, drückte Jakob ein wenig den Stempel an und sofort sah ich den Schlauch vollgeblasen; er konnte nur mit dem giftigen Dampf gefüllt sein. Ich nahm die Wurst ab und schloß sie mittels desselben Kittes; auf diese Weise behandelte ich alle vorhandenen Würste, deren Vorrat auf lange Zeit ausreichen mußte. Die 1000 Würste hatten kaum den achten Teil einer Pumpe entleert, woraus man auf die Größe der Pumpen schließen kann. Nun dachte ich an die Mittel, die Kraft der Aporrhoea zu erproben. Meiner Meinung und Berechnung nach mußte ihre Wirkung unfehlbar sein; doch hatte ich beim Anfertigen des Pulvers bereits gelernt, daß die boshafte Erfahrung sich oft ein Vergnügen daraus macht, die Berechnungen des schärfsten Verstandes Lüge zu strafen. So ist nun der Mensch: er kann denken, urteilen, Schlüsse ziehen und seine Seele mit allen Spitzfindigkeiten ermüden, die sein Geist ihm vorstellt, und er kann trotzdem nie seiner Sache sicher sein, solange ihn nicht die Erfahrung belehrt hat.

Um diese Erfahrung zu gewinnen, wollte ich allein meine Versuche machen. Allein im Garten der Druckerei, zwei Stunden vor dem Beginn des Tages, versorgte ich mich mit drei oder vier Gewehren und acht bis zehn Würsten, stellte zwei Ziele zwei Fuß voneinander in gleicher Höhe von zwei Klaftern auf. Diese Ziele waren zwei Drahtkäfige mit je sechs Vögeln. Ich lud eins meiner Gewehre mit Pulver und steckte zwei Schläuche ein, die ich vorher mit Kampferfett eingerieben hatte. Dann stellte ich mich in einer Entfernung von achtzehn Fuß auf und legte das Gewehr an, doch mußte ich erst noch neun Fuß zurückgehen, um gut zielen zu können. Die drei Richtkörner meines Gewehres lagen erst richtig, als ich mich in einer Entfernung von siebenundzwanzig Fuß befand. Dies ließ mich am Gelingen meines Versuches zweifeln, denn ich fürchtete, daß die Haut der Wurst zu rasch vom Pulver verbrannt werde und der Dampf nicht mehr bis zu meinem Ziel gelangen werde. Meine Zweifel erwiesen sich aber als unbegründet, die Schnelligkeit, womit das Pulver den Schlauch verbrennt, ist gleich jener, die es zum Durchlaufen des Raumes bis zum Ziel braucht; sollte dabei ein Unterschied sein, so ist er so klein, daß er ganz belanglos bleibt. Nach dem Schuß lief ich zu den Käfigen und sah die Vögel anscheinend tot darin liegen. Genau senkrecht unterhalb der Käfige lagen die verbrannten Wursthäute. Ich mußte mich überzeugen, ob die Vögel tot oder nur betäubt waren. Ich nahm sie deshalb aus dem Käfig heraus, legte sie aufs Gras und ging aus dem Garten, dessen drei Türen ich verschloß, nämlich die ins Haus, die auf die Straße führende und die, durch welche die Gärtner von ihren Kammern aus in den Garten gelangen konnten. Diese dritte Tür befand sich nur in unseren Häusern seitdem wir keine Schlangen mehr beherbergten.

Die Gärtner hatten seitdem bei mir keine anderen Rechte mehr als solche, die ich ihnen freiwillig einräumte; sie erwarteten stets, daß ich mindestens die eine Hälfte von ihnen entließe, oder daß ich ihren Lohn auf die Hälfte herabsetzte. Ich tat keines von beiden und meine Gärten waren die schönsten und bestgepflegten der Hauptstadt. Die Megamikren sind im allgemeinen gutmütig, doch die Gärtner und die Milchgeber sind unglaublich freche Kerle. Wir ertrugen ruhig ihre Unverschämtheiten, aber die göttliche Vorsehung rächte uns; sie erlöste uns von der Tyrannei der Milchgeber und dämpfte die Frechheit der Gärtner.

Am folgenden Tag sah ich alle zwölf Vögel an derselben Stelle tot liegen; ich warf sie in die Grube. Aber dieser Versuch genügte mir noch nicht. Ich mußte mich überzeugen, ob ich mit meinen Schläuchen auch die Schlangen zu töten vermochte; ich hatte ja nur Vögel des Lebens beraubt. Ich wußte aber nicht, wie ich dies machen sollte, da wir ja keine Schlangen mehr in unseren Gärten hatten, und meine Macht gegen die auf fremden Bäumen hausenden Schlangen auszuüben, war mir nicht gestattet.

Da beschloß ich, das Recht auszunützen, das mir mein Diplom der Thesmotheren zubilligte. Ich durfte bei Versteigerungen gegen bare Zahlung liegende Güter erwerben. Ich beauftragte nun einen Sachwalter, bei der nächsten Versteigerung am Tage des Schmetterlings ein kleines Landhäuschen, eine Meile von der Stadt, für mich zu kaufen. Mein Befehl wurde ausgeführt; ich besichtigte es und fand zwei kleine Gärten, deren jeder mit vier Bäumen bepflanzt war. Ich kehrte am folgenden Tag mit meinen vier Söhnen dorthin zurück, ließ eine Kiste mit Gewehren und Munition hintragen und schickte die vier Gärtner in die Stadt. Sobald wir allein waren, verständigte ich meine Söhne über mein Vorhaben und lud vor ihnen die Gewehre, deren Handhabung ich ihnen zeigte. Hierauf schossen wir gleichzeitig aus einer Entfernung von siebenundzwanzig Fuß und die Schlangen fielen tot zu Füßen der Bäume nieder. Sofort begaben wir uns in den zweiten Garten und in einer halben Stunde war alles erledigt. Nun schickte ich Robert in die Druckerei, um die Gärtner zu holen, die ich unter irgendeinem Vorwand dorthin geschickt hatte, zeigte ihnen, als sie kamen, die sechzehn toten Schlangen und befahl ihnen, diese in den gelöschten Kalk zu werfen. Sie sagten mir, von Schreck überwältigt, es sei ihnen verboten, meinen Befehl auszuführen ohne ein eidliches Zeugnis der Nachbargärtner zu haben, daß diese kein Zischen gehört hatten. Ich antwortete ihnen, sie möchten nach den Gesetzen handeln, und fuhr mit meinen Söhnen zu meiner Frau, da ich nur in ihrer Gegenwart zu diesen sprechen wollte. Ich sagte ihnen, auf diese Weise würden wir von nun an die Schlangen vertilgen; am achten Tag unseres neuen Jahres würde ich sie alle, mit allem Notwendigen versehen, nach Alphapoli senden, um durch dieses Mittel Adam in den Besitz der neuen Nahrung zu setzen und um meine anderen Aufträge auszuführen. Ich legte ihnen wiederum die größte Geheimhaltung und die geschickteste Ausführung ans Herz, damit sie nicht gesehen würden und alle Vorsichtsmaßregeln träfen, um sicher zu sein, daß die Schlangen tot niederfielen, bevor sie zischen könnten. Elisabeth sagte ihnen, sie werde für die Zeit ihrer Abwesenheit ihre Familien zu sich nehmen, und ich fügte hinzu, daß ein jeder mit seiner geliebten Frau reisen dürfe; sie sollten diese Nachricht ihren Frauen mitteilen, ohne jedoch das Geheimnis der Schlangentötung zu verraten. Sie versprachen uns pünktlichsten Gehorsam und gingen nach Hause.

Als wir allein waren, beglückwünschte meine Frau mich zu meiner neuen Vertilgungsmethode, machte mir aber einige Vorwürfe über die Geheimnistuerei ihr gegenüber. Als sie dann ein wenig nachgedacht hatte, lachte sie und fragte mich, was ich mit dem kleinen Häuschen machen wolle. Ich erwiderte ihr, ich hätte es nur erworben, um den Versuch anzustellen und hätte sonst keine Verwendung dafür. »Dann schenk es mir,« bat sie. – »Sehr gerne, mein Engel, doch wirst auch du nichts damit anzufangen wissen.« – »Das ist Nebensache,« erwiderte sie, »willst du es mir schenken oder nicht?« – »Aber ja, herzlich gerne; heute noch wirst du den Übertragungsakt erhalten.« Drei Stunden später händigte ich ihr den Akt ein und am folgenden Tag ging ich in der ersten Stunde zum König.

»Ich freue mich sehr, Euch zufrieden zu sehen,« sagte er zu mir, »Ihr scheint ja meine armen Untertanen um den Verstand bringen zu wollen. Alle waren schon überzeugt, daß die Schlangen sehr wütend, aber doch ohne Zischen Euere Gärten verlassen hätten und fest entschlossen wären, sich an der fremden Rasse zu rächen, die sich ihrer Nahrung bemächtigt hätte. Man behauptete, diese Rache werde in erster Linie meine Familie und den gesamten Klerus treffen. Man sagte, niemand würde Euch in seinen Schutz nehmen wollen, Ihr müßtet zu Entschädigungen, Bußen, Gefängnis und was weiß ich noch, verurteilt werden. Nun hat das alles sich geändert! Die sechzehn toten Schlangen, an denen keine Wunde zu sehen war, haben die Denkungsart all dieser Klugschwätzer gewandelt und alle Welt hat eine heilige Scheu vor Eurer Macht. Der Bischof ist überzeugt, daß Gott Euch zwecks Vertilgung der Schlangen hierhergeschickt hat; er sandte einen Boten nach Heliopalu, denn was Ihr gestern vollbracht habt, ist etwas Großes und Bedeutungsvolles. Seitdem die Welt besteht, hat man noch nie eine Schlange anders als ihres natürlichen Todes sterben sehen. Wenn Ihr die Macht habt, alle Schlangen dieser Welt auf diese Weise zu töten, dann rate ich Euch, dies dem Großen Genius in klaren Worten bekanntzugeben, und ich zweifle nicht, daß er Euch seine Zustimmung dazu geben und daß man Euch göttliche Ehren erweisen wird, denn was Ihr vollbringt, geht über die Macht eines Sterblichen hinaus.«

Ich verneigte mich tief vor dem König und sagte ihm, ich vollbringe dies alles auf ganz natürliche Weise, obgleich ich dabei der göttlichen Gnade und Hilfe mir wohlbewußt sei; übrigens würde ich nichts getan haben, wenn ich nicht seiner königlichen Zustimmung sicher gewesen wäre. »Wenn die Sache sich so verhält,« antwortete er mir, »dann erlaube ich, daß Ihr in meinem Reiche alles tut, was Euch gefällt; denn wenn von Eurem Willen es abhängt, so bin ich sicher, daß Ihr niemals etwas wollen werdet, was auf meinen Ruhm den leisesten Schatten werfen könnte.« Ich küßte seine Hand und sagte ihm, daß meine fünf Söhne sich zur Reise nach Alphapoli und von dort nach den anderen Grenzstädten vorbereiteten, und daß sie in der zweiten Fünftagwoche der nächsten Ernte abreisen sollten. Er sagte mir, in seiner Kanzlei sei alles zur Ausfolgung der Vollmachten bereit und alles solle auf seine Kosten geschehen; auch wollte er die Stunde der Abreise der fünf schönen Riesenpaare wissen, um in einem seiner Landhäuser, zwei Meilen von der Stadt, meine Reisenden zu erwarten und mit ihnen zu frühstücken.

Ich ging nach Hause, um alles Nötige vorbereiten zu lassen. Ich füllte einen Wagen mit Geschenken für den Statthalter: Essenzen und kostbaren Möbeln, einen zweiten Wagen belud ich mit Waffen und Munition: Pulver, Hautschläuche und Kugeln. Eine Kiste füllte ich mit fünfzig sehr geschmackvollen Exomiden, die meine Frau für die verheirateten Töchter hatte anfertigen lassen; ich legte dazu hundert Ränzel hinein, die nach meinen Angaben fertiggestellt waren; man konnte in sie für eine Fußwanderung alles hineintun, was man brauchte. Eine sehr nützliche Erfindung meiner Frau, ein Zeugnis ihres Geistes und Herzens, bestand in einem Topf mit 200 eingemachten Früchten, die unsere Söhne vor dem Hunger bewahren sollten. Sie hatte aus der Samenmilch der Anazosen ein Mus bereitet, das die Feigen frisch erhielt. Dies war eine sehr wichtige Erfindung, die sich auf Reisen äußerst nützlich erwies; wir hätten sonst nämlich Schlangen töten müssen, die anderen Leuten gehörten, und das hätte uns in viele böse Geschichten verwickelt.

 << Kapitel 10  Kapitel 12 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.