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Eduard und Elisabeth bei den Megamikren

Giacomo Casanova: Eduard und Elisabeth bei den Megamikren - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorGiacomo Casanova
titleEduard und Elisabeth bei den Megamikren
publisherBenjamin Harz Verlag
printrun1. - 5. Tausend
translatorHeinrich Conrad
year1923
firstpub1923
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectidb346cf11
created20061112
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Diese Antwort, von der ich dem König eine Abschrift sandte, war dem Weihbischof sehr angenehm und befriedigend, obwohl sie ihm reichlich Anlaß hätte geben können, seine Theologen über die Rechtgläubigkeit meiner Schlüsse zu befragen. Alles was ich tat und schrieb, wurde sofort nach Heliopalu gesandt. Der Bischof versäumte nie, diese ihm von der Kanzlei des großen Oberpriesters besonders aufgetragene Pflicht zu erfüllen.

In jenen Tagen ließ der herrschende Bischof den Spruch veröffentlichen, den die theologische Fakultät über den Sonnenflug des Daches unserer Kiste erlassen hatte, und schickte mir eine Abschrift desselben, samt einer dazu gehörenden Abhandlung des Physikerkollegiums. Er schickte mir auch sein Orakel, durch das er erklärte, in dieser Angelegenheit sei der Große Genius allein Schiedsrichter. »Gott«, sagte dieses Orakel, »bedient sich zur Belehrung der Menschen in so wichtigen Angelegenheiten keiner anderen Organe, als der Stimme des höchsten Stellvertreters des Helion.«

Hier nun der Inhalt des Schriftstückes des Physikerkollegiums:

»Wir können Ursachen nur dann erforschen, wenn wir die Wirkungen beobachtet haben, und wir können dieselben Ursachen nur gemäß den mit unseren Systemen zusammenhängenden Grundsätzen feststellen.

Daß ein Teil der Kiste, die aus Blei oder ihm ähnlichen Stoff bestand und deren Gewicht nach der Aussage vereidigter Sachverständiger etwa viertausend Pfund betrug, vor den Augen des geschätzten königlichen Statthalters und einer großen Menschenmenge zur Sonne hinaufflog, ist eine unbestrittene Tatsache. Unsere Ansicht hierüber konnte sich nur aus der Prüfung des Phänomens ergeben und wir kamen zu der Überzeugung, daß es natürlich sein kann, und zwar aus folgenden Gründen:

Das Dach ist zur Sonne emporgestiegen, weil diese es angezogen hat. Diese Anziehung konnte nur durch eine Sympathie stattfinden. Da jedoch Sympathien nur gegenseitig sein können, so kann man bestimmt behaupten, daß, wenn die Kiste der Riesen größer oder stärker gewesen wäre als die Sonne, das Dach die Sonne zu sich angezogen hätte. Zwei sich frei bewegende, gleich starke, voneinander getrennte Körper müssen, sobald sie ihre gegenseitige Anziehung empfunden haben, sich miteinander vereinigen, indem beide schleunigst in gerader Linie den halben Weg zurücklegen. Dies ist geradeso natürlich und selbstverständlich, wie uns bei einigen anderen Körpern die gegenseitige Abstoßung natürlich erscheint. Die physische Ursache dieser Anziehung muß eine diesen Körpern innewohnende Kraft und Fähigkeit sein, sonst müßte eine äußere Kraft ihnen diesen Antrieb geben. Wir kennen aber weder diese Kraft noch deren Mittel, wir sehen sie nicht und können sie nicht annehmen, da wir sie nicht für notwendig erachten. Wir haben bisher nicht gewußt, daß die Sonne außer ihrer bekannten göttlichen Fähigkeit auch in bezug auf die Anziehungskraft noch neue Möglichkeiten besitzt. Daß sie die feuchten Teile der Luft emporzieht, vermögen wir zwar nicht zu sehen, doch sind wir wohl zu dieser Annahme berechtigt. Wer sonst, als die Sonne, sollte viermal im Jahr den Regen, nachdem er gezwungen wurde, an die Oberfläche der Erde und der Flüsse emporzusteigen, zu sich emporziehen.

Zum erstenmal haben wir nun in dieser Welt die Anziehungskraft unseres wohltätigen Planeten auf einen festen und sehr schweren Körper festgestellt. Dies ist eine Entdeckung, mittels deren wir andere werden machen können, wenn uns Gott die hierzu notwendige Erleuchtung gibt. Die Theologie wird uns vielleicht auf Wahrheiten hinweisen, zu denen emporzusteigen uns unsere Wissenschaft nicht gestattet.«

Des weiteren, Mylords, lasse ich nun hier die Beschlüsse der theologischen Fakultät folgen, welche stets »Schlußfolgerungen« genannt werden:

»Der Hauptfehler aller Physiker ist aller Welt bekannt. Nachdem sie durch das Studium der Natur einige den Ungebildeten unbekannte Ursachen entdeckt haben, ist ihr Hochmut so weit gestiegen, daß sie sogar das als natürlich annehmen wollen, was sich durch die von ihnen selbst angeführten Gründe als übernatürlich erweist. Mit gekünstelter Bescheidenheit geben sie zu, daß der Aufstieg der viertausend Pfund schweren Bleikiste zur Sonne nur unter der Voraussetzung natürlich sein kann, daß man im Planeten einen Magnetismus annimmt, wie jener es ist, den man in bezug auf Feuchtigkeit und Regen kennt.

Es wird also ihrer Meinung nach als sicher angenommen, daß unser wohltätiger Planet die Ausdünstungen, ohne daß sich sein Wille dabei bekundet, zu sich emporzieht und zwar einzig und allein durch eine ihm innewohnende Wirkung seiner Materie auf diese Ausdünstungen. Wir wollen gerne zugeben, daß es, um ein Wunder anzuzweifeln, notwendig ist, die Sache als natürlich darzustellen. Warum aber hat denn die Sonne, falls die Anziehung des Daches der Kiste eine ihrer Materie natürliche Eigenschaft ist, nicht die anderen Stücke Blei, aus denen die Kiste zusammengefügt war, mit emporgezogen, da doch diese ebenfalls ihren Strahlen ausgesetzt und noch dazu weniger schwer waren?

Wir staunen, daß die vom Physikerkollegium verfaßte Schrift, in welcher Harmlosigkeit unter der biedersten Sprache sich geltend zu machen bestrebt ist, die Widerlegung dieses weisen und wichtigen Einwurfes unterläßt. Weniger scheinbare Bescheidenheit und etwas mehr Religiosität würde diesen Gelehrten gut anstehen. Sie sind nur in bezug auf ihre Systeme dogmatisch.

Wir sind der Ansicht, daß der Aufstieg des oberen Bleiteiles der Kiste der Riesen ein Wunder war. Und wenn dies auch eine natürliche Wirkung einer uns bisher unbekannten, zum erstenmal tätigen Ursache gewesen wäre, so folgern wir daraus nur dieses: Wenn Gott es zugelassen hat, daß dies Phänomen vor den Augen der Menschen sich ereignet, so wollte er ihnen dadurch nur seinen Willen offenbaren. Bitten wir voller Demut seine göttliche Majestät, uns hierüber aufklären zu wollen, und ehren wir einstweilen ganz besonders jene beiden Wesen, die bereits den Augenblick ihrer Ankunft durch ein so außerordentliches Ereignis bemerkenswert machten, die einen Toten erweckten, und die eine Moral und Denkungsart bekundet haben, welche in bezug auf das höchste Wesen der unseren gleich ist, wie auch ihre Religion in den uns von ihnen offenbarten Punkten mit der unseren übereinstimmt.

Es ist wahr, daß wir von ihrer Existenz nichts wußten, und dieselbe sogar für unmöglich hielten. Die Vernunft gebietet uns aber, sie um so höher zu schätzen, da sie herkamen, um uns zu beweisen, daß wir nicht alles wissen. Vielleicht werden sie uns beweisen, daß wir uns noch in vielen anderen und vielleicht wichtigeren Ansichten irren. Bemühen wir uns, ihre Freundschaft zu erwerben, um sie geneigt zu machen, uns zu belehren.«

Sie sehen daraus, Mylords, daß wir uns kaum noch mehr wünschen konnten, um glücklich zu sein. Hätten wir auch noch die Erlaubnis erhalten, uns von den Früchten zu ernähren und hätten wir nicht mehr käufliche Seelen um Nahrung betteln müssen, dann wäre unsere Zufriedenheit vollkommen gewesen.

Wir hofften eine weitergehende Erlaubnis aus Heliopalu zu erhalten, wenn der große Helion meine in jenen Tagen verfaßte Antwort und alle anderen Nachrichten über uns erhalten hätte. Ich schrieb dem Bischof einen Danksagungsbrief und beschwor ihn, die Güte zu haben, alle uns angehenden Angelegenheiten dem Großen Genius zukommen zu lassen und ihn um sein Orakel zu ersuchen. Ich teilte ihm gleichzeitig mit, daß ich dem Großen Genius demnächst antworten würde und daß der König ihm mein Schriftstück durch seinen am heiligen Hof beglaubigten Minister übergeben lassen würde. Ich bat ferner, ihm eine Abschrift meiner Antwort übersenden zu dürfen, da mir sehr daran läge, daß ihm alle meine Absichten bekannt blieben.

Dem großen Oberpriester der Megamikren-Religion schrieb ich folgendes:

»Wir, Eduard und Elisabeth Alfred, christlicher Religion, Bruder und Schwester, Mann und Weib, versichern Euch, o heiliger Genius, folgendes: Als Ihr durch Euer Orakel zum Beweise der Heiligkeit unsrer Sendung die Vollführung eines Wunders verlangtet, glaubten wir fest, daß nur Gott, der Alleinherrscher der Natur, dies tun könnte. So überließen wir uns in diesem Gedanken vollkommen seinem heiligen Willen und fühlten uns glücklich, als er uns zu Werkzeugen seiner unwiderruflichen Beschlüsse zu machen geruhte. Indem wir uns nun der ewigen Vorsehung des Herrn aller Herren der Erde überließen, gelang es uns, den Weihbischof seiner Familie lebend und vollkommen gesund wiederzugeben, nachdem sein Tod festgestellt worden war. Dies ist Eurer Heiligkeit ja durch den Bericht des Bischofs dieses Reiches mitgeteilt worden.

Dieses Ereignis hat unsre Mission bestätigt und gekennzeichnet und uns selbst überzeugt, daß wir hier nicht zu unserem Unglück oder durch einen Zufall, sondern auf Befehl Gottes herkamen, dessen Ziel uns aber noch unbekannt ist. Eurer tiefen Weisheit und hohen Einsicht wird es jedoch vielleicht nicht verhüllt bleiben.

Zum Beweise, o heiliger Vater, daß alles, was wir über das Vorhandensein unsrer Welt gesagt haben, keine Erfindung ist, können wir nur wiederholen, was wir bereits darüber vor der theologischen Fakultät unter Vorsitz des Bischofs ausgesagt haben. Vor demselben hochgeschätzten Kollegium haben wir auch unsre Ansicht verteidigt, daß es unser Recht war, uns von den geheiligten Früchten zu ernähren. Doch wollen wir Eurer Heiligkeit unsre Meinung darüber noch ausführlicher vorlegen. Wir werden unser Recht wahren, wenn man uns einen Garten mit heiligen Bäumen als unbeschränktes Eigentum gibt. Das Zischen der Schlangen wird den Megamikren ganz gleichgültig sein. Warum sollten sie sich auch über das Zischen dieser bösen Ungeheuer beunruhigen, wenn dasselbe für sie keine bösen Folgen haben wird? Dafür verbürgen wir uns aber. Möge Euren Kindern unsere Versicherung zur Beruhigung gereichen, daß wir uns niemals anderer Früchte bemächtigen werden, als jener, die auf unseren eignen Bäumen wachsen werden. Es hieße Widernatürliches verlangen, daß die Schlangen kein Zeichen ihres Zornes geben sollen, wenn sie sehen, daß man sich ihrer gewöhnlichen Nahrung bemächtigt. Von uns zu verlangen, daß sie nicht zischen sollen, hieße so viel, als uns sagen: Wir gestatten euch, euch von diesen Früchten unter der Bedingung zu ernähren, daß die Schlangen es euch aus freien Stücken erlauben. Dies ist aus dem Grund unmöglich, daß die Ungeheuer keine vernünftigen Menschen, sondern wilde Tiere sind, die man nur aus Aberglauben und Gott lästernder Ungerechtigkeit existieren läßt.

Die heiligen Mysterien und das geheiligte Zeremoniell unserer Religion können wir nur Euch selber, heiliger Vater, oder einem von Euch ernannten Stellvertreter mit ruhigem Gewissen enthüllen. Es ist Gottes Wille, daß einer so reinen Seele wie der Eurigen keine der Wahrheiten geheim bleibt, die den Sterblichen bekannt sind.

Wir wollen einstweilen unsere Zeit dazu anwenden, unser Wissen zum Nutzen Eurer Kinder zu gebrauchen und dadurch die Gnade, um die wir Euch ersuchen, zu verdienen.

Wir beten den ewigen Schöpfer an, der alles was existiert, erschaffen hat, und knien vor Eurer Majestät und bitten um Euren väterlichen und göttlichen Segen. Wir flehen Euch an, uns mit Nachsicht als Eure ergebensten Kinder ansehen zu wollen, solange es Gott gefallen wird, uns als Untertanen Eurer Macht hier zu belassen.«

Der König sandte diesen Brief seinem Minister in Heliopalu, indem er ihn beauftragte, denselben dem Großkanzler des heiligen Monarchen zu übergeben. Er erteilte ihm ausführliche Verhaltungsmaßregeln, die alle seiner Fürsorge und Güte für uns entsprangen. Nach vierzehn europäischen Monaten erhielten wir die Antwort auf unser Schreiben, über welche ich Ihnen, Mylords, zu seiner Zeit berichten werde.

An dem Tag, an welchem Elisabeth die Kinder entwöhnt hatte, waren wir in das schöne und vom König geschenkte Haus eingezogen. Wir besaßen auch einen großen Garten, doch hielt der Bischof, trotz aller Zuneigung, die er für uns hatte, sich für verpflichtet, uns vier von seinen Gärtnern zu schicken, die über die Sicherheit der Schlangen zu wachen hatten. Der Groß-Gärtner sagte uns, der König könne sich über diese Vorsichtsmaßregel des Bischofs keineswegs beleidigt fühlen, da dieser nur seine Pflicht tue und so lange tun werde, bis wir Besitzer eines Gartens seien, der keiner Kontrolle der megamikrischen Kirche unterliege.

Am zweiten Tag des neuen Jahres fand die Inauguration des Globus im Haupttempel mit großem Pomp und in Gegenwart einer zahllosen Menschenmenge statt. Auf den Antrag des Bischofs wurden die beiden Theologen vom theologischen Kollegium begnadigt und in ihre früheren Ämter eingesetzt.

Am vierten Tag des neuen Jahres kamen sie, mir dafür zu danken und ich versäumte meinerseits nicht, dem, der mir die vier Bände ihrer Weltgeschichte geschenkt hatte, meinen wärmsten Dank auszusprechen. Das Lesen derselben bot mir in den Ruhestunden einen wahren Genuß. Dreißig europäische Jahre verwandte ich darauf, dies seltene Werk, das ich dort zurücklassen mußte, zu übersetzen und mit Kommentaren zu versehen, und ich versichere Ihnen, Mylords, dies Werk ist die einzige Sache, die ich bedauere, dort zurückgelassen zu haben. Keine unserer kostbaren Möbel, alle meine Reichtümer, meine dort erworbene Macht und Bedeutung, nichts erweckt meine Sehnsucht, als nur dies eine Werk, das zu vermissen mich ernstlich betrübt. Im übrigen bin ich nicht einmal um meine Kinder besorgt, die ich alle in der blühendsten Gesundheit zurückgelassen habe. Mit der Unmöglichkeit sie wiederzusehen, haben wir uns längst schon abgefunden.

Als wir nun Besitzer eines so schönen und geräumigen Hauses waren, richteten wir uns mit aller Bequemlichkeit darin ein. Ich wies den Dienern den obersten Teil desselben zu, nahm für mich den folgenden Stock und bestimmte für meine Frau eine Wohnung im dritten Stockwerk, das mit dem tieferliegenden, das meine Kinder bewohnten, verbunden war. Meine Frau richtete sich ein Laboratorium zum Verfertigen von Essenzen und eine Werkstatt für ihre Musikinstrumente ein. Ich wohnte beim Garten, zu welchem ich eine kleine Treppe emporsteigen mußte. Ich wandelte einige Kammern in Laboratorien um und richtete im obersten Stock eine geräumige, gedeckte, aber dem Tageslicht zugängliche Schmiede ein, unter welcher, der Amboße wegen, sich keine bewohnten Räume befanden. Von den dreihundert Dienern und Milchgebern, die wir hatten, behielten wir nur dreißig, die sich so abwechselten, daß ein jeder neun freie Tage hatte. Zehn andere Paare besorgten die Küche und die übrigen Wirtschafts- und Hausarbeiten; alle wurden vom König bezahlt.

Die von meiner Frau verfertigten Mandolinen wurden bald zum bevorzugten Instrument der Megamikren aller Klassen. Alle, die solch eine besaßen, schätzten sich glücklich. Wir verschenkten sie nur. Doch waren die hierauf erhaltenen Gegengeschenke zwanzigmal soviel wert, als das Instrument. Meine Frau verwandte unsere begabtesten Ernährer zur Anfertigung der Instrumente. Die von ihr Erwählten waren sehr stolz darauf und entzückt, dies Handwerk erlernen zu dürfen. Einige von ihnen baten später um ihre Entlassung, eröffneten Läden und wurden in kurzer Zeit reich. Die Vornehmen wollten aber nur solche Mandolinen haben, die Elisabeth selbst verfertigt hatte und die ihren Namenszug trugen, den zu fälschen niemand sich herausnahm. Die uns für Mandolinen gemachten Geschenke bestanden in wertvollen Möbeln, in Metallen, Diamanten, Hanfteppichen, Stahlspiegeln, Leuchtern, Hand-Leuchterchen und in phosphorgefüllten Lüstern.

Ein altes Buch, das der Unzertrennliche des Gouverneurs meiner Frau geschenkt hatte, lehrte sie aus den wohlriechendsten Blumen deren Essenzen auszuziehen. Durch eine langsame Gärung entzog sie den einfacheren Blumen ihren Duft in flüssiger Form. Ein Tropfen davon genügte, um einen Megamikren, der sich damit die Hände einrieb, ganz zu parfümieren. Jede dieser Essenzen hatte eine besondere Eigenschaft. Elisabeth arbeitete selbst in ihrem Laboratorium eingeschlossen. Sie regulierte das Feuer, verkittete die Retorten, verteilte, klärte, füllte und versiegelte die Fläschchen und schrieb die Namen und Eigenschaften der Essenzen auf die Etiketten. Alle bestanden aus einem Mischmasch, dessen Bestandteile niemand erraten konnte. Ein Elixier zum Beispiel verschaffte eine dem Schlaf ähnliche Ruhe dem Körper und dem Geiste, man konnte aber dieselbe ohne jegliche Sinnesbetäubung genießen. Ein anderes verhinderte das Einschlafen, wenn jemand aus Lasterhaftigkeit zuviel getrunken hatte. Ein anderes gab Kraft, noch ein anderes stärkte das Gedächtnis, ein anderes wieder vermochte die Beredsamkeit eines Redners zu steigern. Doch am meisten gesucht und verlangt waren jene, die die Stimme süßer oder stärker oder heller oder wohlklingender machten. Sehr geschätzt waren auch jene Essenzen, welche die Lustigkeit erregten, Mut einflößten und Traurige aus den sie überwältigenden Gefühlen aufrütteln und beruhigen konnten. Und denken Sie nicht etwa, Mylords, daß bei all diesen Tränken ein Betrug obwaltete. Sie verschafften stets die gewünschte Wirkung.

Das Elixier, das am meisten Glück machte und allein genügt hätte, um uns reich zu machen, war der Megenthos. Diesen Namen gab ich ihm, und seine Wirkung trat in keiner Weise vor jenen zurück, über die einige Schriftsteller uns belehren, und welche man als fabelhaft bezeichnet. Er vermochte die Gemütsart des Menschen in vollstem Gleichgewicht aufrechtzuerhalten, es war ein unfehlbares Mittel gegen Langeweile und Traurigkeit. Wir beschenkten damit den König, den Bischof, den Weihbischof und den Groß-Gärtner, der sich dafür bereit erklärte, eine Kiste mit allen Arten unserer Essenzen dem Statthalter zu senden, den wir in einem Danksagungsbrief ersuchten, uns mit einer günstigen Gelegenheit unsere ältesten Kinder zuzusenden. Denn obwohl es damit noch ein bis zwei Jahre Zeit gehabt hätte, erschien es uns doch besonders wichtig, sie selber zu erziehen.

Wir waren nun sehr reich, aber wir wären sehr arm gewesen, wenn wir für unsere Ernährung selbst hätten sorgen und die Miete unseres schönen Hauses hätten zahlen müssen. Die Möbel allein hätten den Wert von 60000 Unzen überstiegen. Außerdem muß man den Lohn für jeden unsrer Diener zu fünfzig Guineen jährlich, unsere Tafelfreuden zu 500 Guineen veranschlagen. Die Miete für unser Haus hätte etwa 1000 Guineen im Jahr betragen. Woher hätten wir uns 20000 Guineen verschafft, um leben zu können? Dabei war der Unterhalt unserer Ältesten noch nicht mit eingerechnet, die auf Kosten des Königs in Alphapol lebten.

Die Stunde, zu welcher wir saugen mußten, war uns stets eine tiefe Demütigung. Dazu kam noch die Frechheit einiger von den käuflichen Seelen, die für ihre Dienste als Milchgeber nicht genügend bezahlt zu werden behaupteten. Ebenso war es für mich demütigend, wenn ich dem König eine neue Schwangerschaft meiner Frau ankündigen mußte. Das ganze Jahr war ich mit ganz anderen Versuchen beschäftigt als meine Frau. Ich hatte mich nämlich entschlossen, Pulver zu verfertigen, da ich es für das einzige Mittel hielt, die verbotenen Früchte pflücken zu können, ohne daß man die Schlangen zischen hörte. Es blieb mir eben nichts anderes übrig, als sie zu töten.

Durch die Vermittlung des Groß-Gärtners verschaffte ich mir verschiedene Arten Schwefel, die jedoch alle weiß waren, dann roten Salpeter, da es keinen anderen gab, und viel graue Koble. Ich begann damit meine Experimente zu machen. Über das Schießpulver und seine Zusammensetzung war mir weiter nichts bekannt, als daß dies seine drei Bestandteile waren. Mein hier anwesender Vater hatte mir dies einmal gesagt. Hätte ich das nicht gewußt, so hätte ich es nie verfertigen können. Den besten Salpeter fand man an den Wölbungen von Kellergeschossen, die an Flüsse grenzten. Lange und große Geduld, Arbeit und Ausdauer hatte ich nötig, um Herr dieser Errungenschaft zu werden, doch gelang es mir schließlich. Sieben Erdenjahre dauerten diese mit steter Gefahr verbundenen Bemühungen. Doch endlich erreichte ich mein Ziel und danke Gott dafür aus vollem Herzen. Wie viele Experimente zerstörten vor dem die Hoffnungen meiner Arbeit! Doch ich verzweifelte nie. Sobald ich das Richtige erreicht zu haben glaubte, zündete ich es an und das Pulver brannte auch gut, aber langsam. Ich versuchte die Dosis des einen oder anderen Bestandteiles zu vergrößern, die Kraft des Pulvers verringerte sich aber nur dadurch. Auch wenn ich die einzelnen Dosen verringerte, nahm die Wirkung des Pulvers nicht zu. Meine liebe Frau, die wegen meiner Versuche um meine Gesundheit bangte, versuchte mich von diesem Vorsatz abzulenken. Doch ich konnte mich dazu nie entschließen. Ich hätte dann auf jegliche Hoffnung verzichten müssen, und ein Mensch wird dann unglücklich, wenn er zu hoffen aufhört. Am meisten besorgt war ich, daß einer von den drei Stoffen in der Megamikrenwelt unwirksam sein könnte, doch meine Angst schwand, nachdem ich mich überzeugt hatte, daß sie derselben Natur waren wie bei uns.

Nach 100000 von Proben und Versuchen glückte mir eine Zusammenstellung, in die ich gerade am wenigsten Vertrauen gesetzt hatte. An einer glühenden Kohle entzündete sie sich ungemein rasch und mit starker Rauchwirkung. Ich hätte mir beinahe das Gesicht verbrannt, da ich auf diese Wirkung gar nicht gefaßt war. Meine Freude war unbeschreiblich. Ich hatte mir die angewandte Dosis aufgeschrieben und erneuerte das Experiment, das bestens gelang. Dieses Pulver hatte eine blaßrötliche Farbe.

Besonders erstaunt war ich aber, als ich eine Pistole gegen ein Brett abfeuerte und es keinen Knall gab. Ich betrachtete dies als ein Wunder und würde es noch als ein solches ansehen, wenn mir nicht vor vier Monaten ein Sachverständiger im Arsenal von Venedig gesagt hätte, daß dergleichen auch bei uns ohne Schwierigkeit gelingen kann.

Als ich zu diesem Resultat kam, war ich bereits Besitzer von mehr als 1000 Pistolen aller Kaliber, die ich von meinen Schmieden hatte verfertigen lassen, welche mit der größten Geschicklichkeit alles von mir Gewünschte aus Eisen machten. Niemand konnte ahnen, was ich mit diesen Maschinen anfangen wollte. Niemand kannte weder deren Zweck noch deren Handhabung. Die Schmiede mußten naturgemäßerweise neugierig sein, doch fragten sie mich nie danach. Später werde ich noch auf all dieses zurückkommen.

Zur bestimmten Zeit wurde meine Frau von unserem vierten Kinderpaar entbunden, das ich Robert und Pauline nannte. Drei Monate später stellte der König uns wieder 100 neue Milchgeber zur Verfügung.

Fünf Monate nach ihrer Geburt erhielten der Bischof und der König das Orakel aus Heliopalu und einen an mich gerichteten Brief, den man mir mit einer Abschrift des Orakels übergab. Der Große Genius sagte, die Heiligkeit unserer Mission sei durch die vollbrachten Wunder, durch unsere heroischen Taten und unsere Moral bestätigt worden. Man schulde uns infolgedessen, wenn nicht göttliche, so doch die höchsten menschlichen Ehrenbezeigungen. Die verbotenen Früchte samt den Bäumen der uns gehörenden Gärten seien unser Eigentum. Unser Recht darauf sei unbestreitbar und er sei sicher, daß wir Mittel und Wege finden würden, seine Kinder nicht durch das grauenhafte Zischen der verfluchten Rasse, die sie bewache, erschrecken zu lassen. Er befahl, man möge uns betreffs der hierzu anzuwendenden Mittel volle Freiheit lassen. – Die Folge dieses Befehls war, daß der Bischof die Wächter aus unserem Garten abrief.

Der Brief des Großkanzlers des Großen Genius lautete: »Der Große Genius hofft, daß Ihr nach Abhaltung des Jahrhundertfestes, zu dem der Bischof für Euch einen Thron im Haupttempel zu errichten beauftragt ist, mit Eurer ganzen Familie zu ihm kommt. Er stellt Euch hiermit den Lehensstaat Eins zur Verfügung, der 1375 Meilen von der Hauptstadt entfernt ist, und in welchem Ihr als Alleinherrscher frei und unabhängig leben werdet, da er Euch diesen Lehensstaat mit Erbrecht in Eurer Familie bis ans Ende der Welt verleiht. Nach den Feiertagen wird der Bischof Euch das Diplom darüber aushändigen. Diesen Befehl erhielt der Große Genius von Gott selbst und führt ihn hiermit aus, indem er mich beauftragt, Euch die Versicherung seines besonderen Wohlwollens und seiner steten Gnadenbereitschaft mitzuteilen.«

Dieser Brief setzte uns in Staunen. Ich sah mich also zum Fürsten erhoben. Mehr Glück und Reichtum hätte ich mir kaum träumen können. Ich durfte jedoch nichts annehmen, ohne vorher die Zustimmung des Königs erhalten zu haben, dem ich so vieles zu verdanken hatte und der mich als seinen Untertanen betrachten konnte. Meine Frau war nicht weniger überrascht, doch sagte sie nichts und dachte nur viel nach.

Wir entschlossen uns, am folgenden Tag zu Hofe zu gehen und ersuchten daher um eine geheime Audienz. Als ich eben im Begriff war, dem ersten Staatssekretär einen Brief mit der Bitte um Angabe einer Stunde für die Audienz abzusenden, kam ein Edelmann im Auftrage des Bischofs, um uns in aller Form dessen Besuch für die zweite Stunde des folgenden Tages anzusagen. Nach dieser Mitteilung sang und tanzte er und entfernte sich, ohne unsere Antwort abzuwarten. Ich sandte den Brief nicht ab, und da bereits die elfte Stunde erklang, so speisten wir und verbrachten die Ruhestunden mit Überlegungen, wie wir uns bei dieser Angelegenheit zu verhalten hätten.

Kaum hatte die zwanzigste Stunde geschlagen, ja die Tempelklänge, welche den neuen Tag ansagten, waren noch nicht verklungen, so erschienen zwölf vom König abgesandte Edelleute, um im Auftrag Seiner Majestät den Bischof bei uns zu empfangen. Der ganzen Stadt war sein bevorstehender Besuch bei uns bereits bekannt. Eine große Zahl Diener brachte vom Hofe alles, was zur Errichtung eines Thrones für den Bischof notwendig war. Der König schickte uns auch Musikanten und fünfzig Körbe der teuersten Wohlgerüche zum üblichen Diopasma. Tausend königliche berittene Leibgardisten bildeten Spalier in unserer Straße, um Seiner Eminenz freien Weg zwischen der Menschenmenge bis zu unserer Wohnung offenzuhalten. Wir schauten diesem ganzen Getriebe wortlos zu und ließen alles geschehen, um so mehr, da all dies wie selbstverständlich getan wurde und niemand ein Wort an uns richtete.

Schlag zwei Uhr ersuchte der Zeremonienmeister des Königs uns, sich mit ihm zur Eingangstür unseres Hauses zu begeben, um dort den hohen Besuch zu empfangen. Wir taten das denn auch. Tanzend und singend geleiteten wir ihn bis zum Throne, worauf ein Konzert erklang, das aber nur eine Viertelstunde dauerte. Sodann sprach der Bischof uns mit folgenden Worten an:

»Ich bin vom Großen Genius beauftragt, Euch zum Jahrhundertfest in den Haupttempel einzuladen, wo ein ähnlicher Thron für Euch errichtet sein wird wie der, der vor einhundertvierzig Jahren für den König des zweiundsiebzigsten Reiches errichtet wurde. Nach der Feier werde ich Euch das Diplom übergeben, das Euch, zum Beweis der Zuneigung unseres Herrn, als herrschende Fürsten des Lehensstaates Eins einsetzt. Ich werde Euch auch 200000 Unzen übergeben und Ihr werdet dann im Tempel die große Philelie anstimmen und sie mit allen Anwesenden zu Ende singen. Diese nur dem König zukommenden Ehrenbezeigungen sind ein weiterer Beweis der Gnade des Großen Genius.«

Der Zeremonienmeister sagte uns, daß wir als einzige Antwort nur zum Danksagungsgesang zu tanzen hätten, und der bischöfliche Sekretär übergab mir den schriftlichen Wortlaut der Ansprache. Wir tanzten und sangen und geleiteten Seine Eminenz nach den üblichen Räucherungen bis zu ihrem Wagen, dabei ununterbrochen tanzend und singend.

Ganz erschöpft und außer uns kamen wir in unsere Zimmer zurück. Doch wir erlangten nach kurzer Zeit unsere Denkfähigkeit wieder. Der Brief des Ministers, der Empfang, das Zeremoniell des Besuches, die Ansprache des Bischofs, diese neue Wendung unseres Schicksals, das uns plötzlich aus abhängigen Bettlern zu Herrschern machte, all das war so unerwartet und unvorbereitet über uns gekommen, daß es uns einfach betäubt hatte. Aufmerksam lasen wir die Ansprache des Bischofs. 200000 Unzen, meinte meine Frau, das ist mehr als der Metallwert des Globus, den wir dem Tempel geschenkt haben. Ein Lehensstaat ist ein Geschenk, das man nicht erwidern kann, und es gehört zu denen, die man nicht zurückweisen kann. Der Verstand verbietet es einem ja auch.

Meine Frau hatte vollkommen Recht. Ein solches Geschenk ließ sich durch gar nichts vergelten und die Vernunft hätte uns die Annahme desselben geboten, wenn nicht der Preis gewesen wäre, den man dafür von uns verlangte. Das Diplom und die erwähnte Geldsumme sollten uns erst nach unserer Teilnahme am Jahrhundertfest übergeben werden und wir hatten die Pflicht, vor der ganzen Versammlung die Philelie anzustimmen. Dies alles schien dem Großen Genius nicht gleichgültig zu sein, da er es voraus verlangte. War es denn aber uns gleichgültig? Es hieß unseren Glauben verleugnen. Der Psalm, den man Philelie nannte, sagte etwas, was wir nicht fühlten, was unseren Ansichten widersprach, was wir positiv falsch nennen mußten. Hätte uns die Herrschermacht glücklich gemacht, wenn wir uns durch den steten Vorwurf unseres Gewissens im Innersten erniedrigt fühlen mußten? Hätten wir uns danach ebenso lieben und achten können? Kann man noch lieben mit dem Gefühl, daß man ein Verbrecher, ein Feigling, ein Verleumder, ein Verräter ist? Und hätten wir denn ohne gegenseitige Liebe glücklich sein können? Ich glaube es nicht!

»Es handelt sich also darum, meine Liebe,« sagte ich zu meiner Frau, »unser Glück zu verkaufen. Sage mir, ob du glaubst, daß die Herrschaft über die Welt genügen könnte, um uns für diesen Verlust zu entschädigen? – Was sagt denn dieser Psalm. Er lautet folgendermaßen:

›Wir beten dich an, o unsterbliche Sonne! Du bist es, o sichtbarer Gott, der uns auf den Befehl des unsichtbaren und unbegreiflichen Gottes aus dem Nichts emporgezogen hat, der uns am Leben erhält. Du, der unter der glänzendsten und strahlendsten Gestalt, unter der schönsten Form unbeweglich inmitten der herrlichen Welt stehst, die du erschaffen hast. Du, Sonne, die du durch dein strahlendes Licht, das kein sterbliches Auge jemals anzusehen vermochte und nie vermögen wird, uns die Unbegreiflichkeit deiner Natur offenbarst, erhöre und erfülle die Bitten, die wir an dich, an diesem Beschauungstag, einmal im Jahrhundert dir zusenden. Vergib uns unsere Sünden und gib uns die Tugenden, deren wir bedürfen, um sie nicht wieder zu begehen. Bedenke, daß unsere unsterblichen Seelen ein Teilchen deiner unsterblichen Wesenheit sind und daß, wenn du sie nach diesem kurzen Leben unglücklich werden läßt, die Unsterblichkeit, die du ihnen zur Erlangung der Seligkeit geschenkt hast, ihnen zur größten Qual gereichen wird. Bedenke, daß sie aufhören werden dich zu lieben und dein unheilvolles Geschenk verfluchen werden. Bedenke auch, daß du ihre Verdammnis nicht zulassen kannst, ohne einem Teil deines Selbst einen ewigen Schandfleck aufzudrücken.‹«

Meine Frau hörte still zu, dachte nach, vergoß einige Tränen und sagte schließlich: »Wir werden an der Jahrhundertfeier nicht teilnehmen. Wir werden nicht die Vasallen jenes Herrn werden, der uns im Tempel einen Thron errichten ließ. Wir würden ja unglücklich werden. Die Religion läßt sich nicht verleugnen, denn kein Schatz, keine Würde der Welt vermag sie zu ersetzen. Ein Glaubensloser könnte das Geschenk des Großen Genius annehmen und dabei glücklich sein, aber ist wohl der Zustand eines glaubenslosen Menschen beneidenswert?«

Besuche kamen und dauerten den ganzen Tag fort. Alle mächtigen Höflinge, sogar der Minister des Königs, kamen uns zu begrüßen. Traurig, niedergedrückt, müde vom achtstündigen Tanzen und Singen, setzten wir uns zu Tisch. Die Ruhestunden vergingen, ohne daß wir fähig gewesen wären, miteinander zu sprechen. Den folgenden Tag um die zweite Stunde gingen wir zu Hofe. Der König empfing uns mit seinem Unzertrennlichen. Kaum, daß wir bei ihm eingetreten waren, sagte er uns: »Wir werden zum Jahrhundertfest uns alle vier in einem Wagen zusammen hinbegeben, und der ganze Hofstaat wird uns folgen.«

Ich antwortete ihm: »Sire, wir sind der uns vom Großen Genius und von Eurer Majestät erwiesenen Gnade unwürdig. Wir können an der Feier nicht teilnehmen.«

»Ihr könnt es,« erwiderte der König, »da nur ich Euch an der Teilnahme hindern könnte.«

»Die physische Macht«, sagte ich, »ist kein Beweis für die moralische Macht. Sie kann letzterer nur widersprechen, und die moralische Macht kann sich nur erhalten, wenn sie auf die physische Macht verzichtet. Wir können keinen Götzendienst treiben. Die Worte der Philelia zu wiederholen, hieße für uns einen solchen Götzendienst begehen, selbst wenn wir den Worten in unserem Innern eine widersprechende Deutung geben würden. Ein Ehrenmann kann nur die Religion haben, zu der er sich auch durch äußeren Kultus bekennt. Eine innere Abgötterei kann trotz widersprechendem äußeren Kultus getrieben werden, doch die äußere Handlung kann die wirkliche Religion nicht unbefleckt lassen, da diese keine Lüge dulden kann. Sire, wir vermögen nicht zu lügen, und alles, was die Philelia enthält, erscheint uns von unserem Standpunkt aus als eine Lüge. Wir werden an dem Jahrhundertfest nicht teilnehmen.«

Nie habe ich so bestürzte Megamikren gesehen, als das Königspaar es nach diesen Worten war. Der König schritt lange schweigend auf und ab, und sah nur zuweilen seinen Unzertrennlichen an. Einige Male blickte er mich an und seine Augen schienen zu sagen: du bist mir unbegreiflich. Schließlich wandte er sich an mich und sagte, daß wir uns vom Tempelbesuch nur unter der Bedingung freimachen könnten, daß wir unsere Bedenken in bezug auf das hohe Lied bekanntgeben und dem Großen Genius mitteilen müßten. Nur dieser vermochte unsere Skrupel zu billigen. Wir sollten sie dem Orakel unterbreiten und es anrufen. »Schreibet ihm, und sendet Eure Antwort durch die Vermittlung des Bischofs, nachdem Ihr sie vorher mir vorgelegt habt.«

Nach diesen Worten verließ er uns tiefbetrübt und wir kehrten nach Hause zurück. Hier die Antwort, die ich dem Bischof zur Beförderung nach Heliopalu geschickt habe:

»An Euch, o heiligster und weisester Genius, Herr und Oberhaupt der in dieser Welt herrschenden Religion, wenden wir uns, um Euch zu ersuchen, Euer Orakel möge die Schwierigkeiten ebnen, die aus der uns auferlegten Pflicht entstehen, im Tempel einen Psalm an die Sonne richten zu müssen, die von Euch und allen Megamikren als Schöpfer anerkannt wird. Habt Erbarmen mit uns, erleuchtet uns mit Euren Lehren, höret nicht auf, uns zu segnen und an unsere Untertänigkeit zu glauben. Entweder werden wir Euere Lehrsätze und Ansichten anerkennen, oder Ihr selbst werdet unsere Gründe als stichhaltig ansehen. Ihr werdet von uns nicht die Übertretung unserer Glaubenslehre verlangen, der selbst bei drohender Lebensgefahr zu gehorchen wir geschworen haben.

Unsere Gründe: Erstens: Wir dürfen die Sonne weder als »unsterblich« noch als »Gott« bezeichnen, da wir sie nur als Gottes Schöpfung betrachten können und es uns nicht bekannt ist, daß Gott ihr die Unsterblichkeit verlieh.

Zweitens: Wir dürfen nicht sagen, daß die Sonne uns aus dem Nichts emporgezogen hat, da wir wissen, daß unser erster Vater von Gott erschaffen wurde. Wir können auch nicht sagen, daß diese Welt von der Sonne erschaffen wurde, da wir fest daran glauben, daß Gott selbst sie gemacht hat. Auch können wir sie nicht um die Vergebung unserer Sünden anflehen, da wir nicht durch sie die Sonne erregt zu haben glauben, sondern den Zorn Gottes.

Drittens: Wir glauben auch nicht, daß unsere Seelen ein Teilchen der Sonne oder ihrer Ausstrahlungen sind. Nicht sie ist es, von der wir Vergebung und Mitleid nach dem Tode erhoffen und Bestrafung fürchten. Alles was wir erhoffen und befürchten, hängt nur vom immateriellen Gott ab, der sich selbst und dann erst Euch mit allem, was existiert, erschaffen hat.

Wir flehen Gott an, er möge Euch in der Beurteilung unserer Ansichten uns gegenüber wohlwollend stimmen, wie wir es durch die Unschuld unserer Herzen und die Reinheit unserer Gedanken zu verdienen glauben.«

Dies war meine Antwort, welche der König genehmigte und über welche er dem Bischof tiefstes Schweigen bis zum Entschluß des Großen Genius befahl. Diese Antwort kühlte unser Verhältnis zum Großen Genius bedeutend ab und dies dauerte zehn europäische Jahre fort.

Ziemlich still verlebten wir diese Zeit und trachteten, uns in den erwählten Kunstfertigkeiten immer mehr zu vervollkommnen. In der Antwort, die ich dem Großkanzler des Oberpriesters sandte, dankte ich untertänig für die uns vom Großen Helion gemachte Schenkung, die anzunehmen ich mich, wegen meiner Weigerung in betreffs der Anstimmung der großen Philelie, nicht für würdig halten könne. Ich fügte hinzu, daß ich nichtsdestoweniger Gott danke, weil ich ihm durch diese unerhörte Weigerung meine Ergebenheit beweisen könne. Ich erfülle damit nur meine Pflicht und diese zöge ich allen Gütern der Erde vor.

Einen Monat später wurde das Jahrhundertfest gefeiert und die ganze Stadt erzählte sich die abenteuerlichsten Geschichten über unser Fernbleiben. Dies war uns jedoch ganz gleichgültig.

Die Zahl unserer Besucher verringerte sich. Nur der Groß-Gärtner blieb. Unser treuer Freund kam oft zu uns, er war aber sehr betrübt, daß wir nun nicht zu Fürsten erhoben würden. Im Stillen mißbilligte er unsere Handlungsweise, doch war er zu vorsichtig, um seine Gedanken zu verraten.

Sechs Monate nach diesen Feierlichkeiten gebar Elisabeth das fünfte Zwillingspaar, das ich Wilhelm und Therese nannte. Sie entwöhnte sie am ersten Tag unseres sechsten Jahres.

Acht Tage später erschien unser lieber Freund, der Groß-Gärtner, bei uns, mit unseren lieben ältesten Kindern Jakob und Wilhelmine. Groß war unsere Freude. Sie waren nun vier Jahre und drei Monate alt, doch waren sie bereits so entwickelt, wie bei uns Kinder von neun Jahren. Ein Brief des Statthalters rührte uns herzlichst. Er beschrieb uns seine und seiner Familie Betrübnis im Augenblicke, als sie sich von den kleinen Riesen trennen sollten. »Sie waren«, so schrieb er, »unser Glück und alle unsere Freunde vergötterten sie.« Wir dankten ihm aus tiefstem Herzen für alles Gute, das er ihnen getan, und schickten ihm herrliche Geschenke.

Jakob und Wilhelmine waren außerordentlich schön. Er war braun, sie blond, beide alabasterweiß mit herrlich roten Wangen. Die armen Kleinen, die stets nur mit Megamikren verkehrt hatten, sahen uns ganz erstaunt an und zogen sich ängstlich vor uns zurück, als wir ihnen entgegentraten. Wir aßen sie förmlich mit unseren Küssen auf und erstickten sie mit Liebkosungen. Wir redeten sie englisch an, da wir vergaßen, daß wir, um uns verständlich zu machen, sie in der ihnen eigen gewordenen Sprache anreden müßten. Erst in der Gegenwart ihrer jüngeren Geschwister wurden sie unbefangener. Binnen einem Jahr lernten sie vollkommen englisch sprechen, lesen und schreiben. Meine Frau wurde ihre Lehrerin und brachte ihnen auch das, was wir die »christliche Lehre« nannten, bei. Dies ist ein ganz kurzer Katechismus, auf den ich noch zurückkommen werde.

Wir benachrichtigten den König von der Ankunft der »kleinen Riesen« und baten ihn um Erlaubnis, sie ihm vorzustellen. Er ließ uns die Stunde bekanntgeben, zu welcher er sie holen lassen werde.

Der Anblick dieser beiden reizenden kleinen Wesen entzückte das königliche Paar, um so mehr, als sie in allem bewandert zu sein schienen. Ganz unbefangen sprachen sie mit den Majestäten, belustigten sie und verdienten ihre Bewunderung durch ihre einfachen und naiven Anschauungen und Beobachtungen. Sie sagten ihnen ohne jegliche Scheu, daß sie hungrig seien und berührten dabei die königlichen Brüste. Wir stürzten hinzu, um die Kinder unter tausend Entschuldigungen zurückzuweisen, doch die guten Fürsten ließen sie gewähren und lachten über diese kindliche Offenheit. Vor unserer Verabschiedung bat der König uns, ihm die Kleinen öfter zu schicken. Er würde sie jedesmal durch einen seiner Edelleute holen lassen.

Wiederum gebar Elisabeth ein Zwillingspaar und ich nannte sie Theodor und Franziska. Da wir bereits reich genug waren, um für uns selbst sorgen zu können, dachten wir daran, den König von der Erhaltung unserer Ernährer zu befreien, umso mehr, da diese bei uns verschiedene Handwerke erlernten und wir deshalb so viele, wie uns nötig waren, um billiges Geld haben konnten. Der König gestattete es uns und ließ uns dafür jedes megamikrische Jahr eine Pension von 10000 Unzen auszahlen. Zu Beginn des siebenten Jahres unseres Aufenthaltes richtete meine Frau zwei Wohnungen, die an die ihrige grenzten, für unsere Kinder ein. Sie brachte in ein neben meinen Wohnräumen befindliches Zimmer unsere beiden ältesten Knaben, die sie nicht mehr mit ihren Schwestern zusammenlassen wollte, da sie bereits anfingen, sich in sie zu verlieben. Ich war völlig damit einverstanden und zu Neujahr eines jeden Erdenjahres vermehrte sich die unter meiner Aufsicht stehende Jungenschar um ein Mitglied. Elisabeth lehrte ihren Töchtern die von ihr ausgeübten Kunstgewerbe und ich unterrichtete meine Söhne in der Schmiedekunst und der Verarbeitung von Salpeter und Schwefel, aus welchen wir Pulver verfertigten.

Wir gingen selten aus, da wir von der Bevölkerung nicht mehr so hoch geachtet wurden wie früher, seitdem sie erfahren hatte, daß wir uns geweigert hatten, in den Tempel zu gehen, um nicht der Sonne bei dem Jahrhundertfest huldigen zu müssen.

Diese vier Jahre verbrachten wir so still, daß man beinahe nicht mehr von uns sprach. Doch erschien uns die Zeit nicht lang, da unsere Beschäftigungen und die Erziehung unserer Kinder uns völlig in Anspruch nahm. Nur der Groß-Gärtner kam noch uns besuchen und speiste einmal in jeder Auferstehungszeit mit uns. Man sprach nicht mehr über unsere Angelegenheit am Hofe von Heliopalu und wir gingen zu Hofe, nur wenn der König uns berief, was äußerst selten vorkam. Meine ältesten Kinder, die ungemein rasch wuchsen, gingen öfters hin, doch nie aus eigenem Antrieb.

In diesen Jahren kamen Heinrich, Karl und David zur Welt und ich nannte ihre Zwillingsschwestern: Judith, Barbara und Johanna. Zu Beginn meines zehnten Aufenthaltsjahres kündigte ich Jakob und seiner Schwester Wilhelmine an, daß ich sie am ersten Tage des folgenden Jahres vermählen werde. Auf Drängen meiner Frau entwarf ich ein diesbezügliches Gesetz, das auch von meinen Nachkommen genau innegehalten wurde, bis ich mich gezwungen sah, es teilweise zu ändern.

Der Neujahrstag der Riesen wurde zum einzigen Tag bestimmt, an welchem zu heiraten gestattet war. Die Vermählten mußten Zwillinge und zur Zeit der Hochzeit neun Jahre und drei Monate alt sein. Sie waren dann schon so entwickelt, wie man es hier mit vierzehn Jahren ist. Dieser Tag war der Gedächtnistag an jenen, an dem wir beim Statthalter erwachten. Wir berechneten unser Jahr zu 720 megamikrischen Tagen, was genau 36o von unseren Tagen gleichkam. So kam es, daß alle Frauen unseres Geschlechts stets am gleichen Tage entbunden wurden und nie einen anderen Geburtshelfer hatten als ihren Gatten.

Die schönsten Einrichtungen lassen sich in einer Welt erreichen, in der sie die Natur durch unveränderliche Regelmäßigkeit unterstützt.


Als der Bischof starb und unser Freund, der Auferstandene, seine Stelle einnahm, riet der König uns, ihm einen offiziellen Besuch zu machen. Er war der Ansicht, daß ich mich bemühen müsse, von dem uns zugeneigten treuen Bischof eine besondere Unterredung zu erreichen, um unsere Angelegenheit am Hofe zu Heliopalu zum Abschlüsse zu bringen. Er bewies uns, daß für unsere sichere Versorgung notwendigerweise uns die Ernährung mit den verbotenen Früchten, trotz dem Zischen der Schlangen, gestattet werden müsse; sonst würde unsere Existenz immer bedenklicher und schließlich doch unmöglich werden.

»Eure Familie«, sagte er uns, »vermehrt sich unaufhörlich. Was werdet Ihr in hundert Ernten machen, wenn Ihr mindestens 3000 Nachkommen haben werdet? Ihr werdet Hungers sterben müssen, da Ihr keine Megamikren mehr finden werdet, die willig wären, Euch zu stillen, oder sie werden solche Preise dafür verlangen, daß Ihr sie, auch wenn Ihr noch so reich sein würdet, nicht zahlen könntet. Wie würdet Ihr es anfangen, 150000 Milchgeber halten zu können? Woher würdet Ihr sie nehmen wollen?«

Dies war buchstäblich die Wiederholung des uns ununterbrochen quälenden Gedankens, doch durfte und konnte ich meine Weigerung, den Psalm an die Sonne zu singen, nicht widerrufen. Ich war aber auch noch nicht im Besitze des Mittels, das Zischen der Schlangen zu verhindern, wenn ich mich ihrer Früchte bemächtigen wollte.

Der König sorgte dafür, daß unser Besuch beim Bischof mit fürstlicher Pracht stattfand, und wir wurden auch wie Fürsten empfangen. Der würdige Herr verdankte uns das Leben und hatte uns durch sein Geschenk bewiesen, wie sehr er an demselben hing. Er liebte uns aufrichtig, hatte für uns eine tiefe Verehrung und hielt uns für machtvoller, als wir es in Wirklichkeit waren. Mit Betrübnis sah er infolge der Bedingung aus Heliopalu sich lahmgelegt und an der Zuwendung vieler Wohltaten, die er uns zugedacht hatte, verhindert. Er hielt diese Bedingung für unrecht und meinte, wir hätten so viele Zeugnisse von der Religiosität unseres Geistes abgelegt, die an unserm Edelmut nichts zu zweifeln und zu wünschen ließen. Er verdammte auch den Eigensinn, womit man uns den Genuß der Früchte, solange als die Schlangen noch zischten, verweigerte. Er war der Ansicht, daß man sie ruhig hätte zischen lassen sollen.

Einige Tage später sagte er mir bei einer geheimen Unterredung, er hoffe, daß der Große Genius schließlich auf der Bedingung für unsere Ernährung, sowie auf der Forderung, das hohe Lied im Tempel anzustimmen, nicht weiter bestehen werde, wenn der König seinen Gesandten in Heliopalu beauftragen würde, diese Angelegenheit in seinem Namen mit dem Großkanzler des göttlichen Monarchen zu erörtern und zum Abschluß zu bringen. Er sagte mir auch, es gelte nicht zu bitten, sondern gute und triftige Staatsraison hierfür vorzubringen.

Ich teilte die Ansicht des Bischofs dem König mit und er antwortete mir in seiner Güte, daß er bereit sei, alles für uns zu tun, ich möge ihm nur die Beweisgründe angeben, die er dem Großen Genius unterbreiten solle, und ihm also sagen, wieso die Staatsinteressen es verlangten, daß er sich um unsere Angelegenheiten kümmere. Ich dankte dem König für sein Wohlwollen und sprach die Hoffnung aus, ihm in kurzer Zeit triftige und beachtenswerte Gründe angeben zu können.

Wir verbrachten diese Zeit in erfolgreichen Arbeiten für unsere besonderen Gewerbe. Die von meiner Frau fabrizierten Essenzen fanden immer mehr Beachtung. Zu dieser Fabrikation allein benötigten wir 500 Megamikren, da wir nicht nur die Hauptstadt und das Reich, sondern auch nahe und ferne Länder damit versorgten. Dorthin brachten sie Zwischenhändler und verkauften sie sehr teuer. Die Bestellungen mehrten sich so, daß ich um den Garten herum Magazine und Laboratorien zur Destillation und zur ordentlichen Aufstellung der verschiedenen Fläschchen bauen lassen mußte. Dieser Artikel allein brachte uns jährlich über 100000 Guineen ein.

Der Unterricht unserer Kinder lag uns auch sehr am Herzen. Mit vier Jahren konnten sie bereits lesen, doch kostete es uns eine unendliche Mühe, ihnen das richtige und saubere Schreiben der Megamikrensprache beizubringen. Die sieben Farben zwangen den Schreiber, die Feder auf eine ganz eigene Art zu handhaben, die sich nur nach langen Zeitverlusten und mit mühevollen Versuchen erlernen ließ. Auch für Megamikren war dies eine schwer zu erlernende Kunst. Deshalb waren die Schreiber dort sehr teuer und man mußte auf bestellte Schriftstücke und Abschriften stets sehr lange warten. Außerdem machte die Furchenschrift den Gebrauch noch mühsamer. Dies brachte mich auf den Gedanken und zu dem Entschluß, die Schreibart ganz zu ändern, und es dahin zu bringen, daß die ganze Welt, von unserer Hauptstadt angefangen, nur dieser sich bediene. Nachdem ich mir die neue Methode angeeignet hatte, beschloß ich mit meiner Frau, daß unsere Kinder fortan nur so schreiben sollten. In kurzer Zeit erlernten sie diese Schreibweise, die auf folgendem beruhte:

Auf einem viereckigen und länglichen megamikrischen Papierblatt zeichnete ich drei parallele, um ein Zwölftel eines Zolls voneinander entfernte, horizontale Linien, mit einem Abstand von je einem drittel Zoll zeichnete ich drei andere, und so weiter bis zum Ende des Blattes. Diese drei Linien dienten mir dazu, die Buchstaben dazwischenzuschreiben, ohne genötigt zu sein, sie erst durch Farben erkenntlich zu machen und zu unterscheiden. Es war also etwas Ähnliches wie unsere Notenschrift. Das A zum Beispiel, anstatt rot gezeichnet zu werden, wurde unterhalb der untersten Linie geschrieben. Auf der untersten Linie selbst schrieb man jene Buchstaben, die sonst orangefarben erschienen, in den ersten Zwischenraum gehörten die gelben, auf die Mittelzeile die grünen, im zweiten Zwischenraum kamen die sonst blauen, auf der obersten Linie standen die indigofarbenen und über denselben die violetten. Diese Schreibart gefiel den farbigen Kindern des Königs sehr. Sie kamen uns oft besuchen und schrieben kleine Briefchen an unsere Kinder, die ihnen in einer Viertelstunde darauf antworteten, was sonst mit Verwendung der Farbfeder eine volle Stunde Zeit erfordert hätte. Diese Schrift lief wie die englische von links nach rechts.

Die Furchenschrift wurde abgeschafft. Der König fand die neue Schreibart hübsch, einfach und nachahmenswert und begann, sich ausschließlich nur dieser Schrift zu bedienen. Auch die Höflinge sahen sich gezwungen, sie zu erlernen. In weniger als zwei europäischen Jahren war sie von allen Stadtbewohnern angenommen, die Alfakinen ausgenommen, die erst viel später, nach Einholung der Orakelaussprüche, sich zu derselben bekehrten.

Die Berufsschreiber sahen sich gezwungen, ihre alte Schreibart aufzugeben und die bei ihnen bestellten Schriftstücke um einen achtmal geringeren Preis anzufertigen als früher. Dafür gewannen sie an Zeit und Bestellungen, so daß sie dabei nicht zu kurz kamen. Die von ihnen erhobenen Klagen waren also unzutreffend, ihre an uns gerichteten Verwünschungen ungerecht. Ich bereitete jedoch einen Schlag vor, der sie wirklich hart treffen und mich für die früheren unberechtigten Anklagen rächen sollte. Da hatten sie dann allerdings allen Grund, mir nie verzeihen zu wollen. Von der neuen Schreibart wirklich und ohne Entschädigung betroffen wurden die Verkäufer der vielfarbigen Tinten. Sie richteten infolgedessen an den König eine Bittschrift, in der sie um Gerechtigkeit gegen uns flehten, worüber der König nur herzlich lachte.

Sobald ich meine neue Schreibmethode mit Beifall aufgenommen sah, wandte ich meine ganze Aufmerksamkeit der Papiermacherei zu. Die Papiermühle, die ich in Lincoln beim Mylord Bridgend, Ihrem Großvater, gesehen hatte, war mir noch im Gedächtnis.

Mit der Bewilligung des Königs kaufte ich in der Nähe des Flusses ein Landhaus. Beschleunigte den Lauf des Wassers durch ein Wehr und baute dort eine Mühle, die ich durch das Wasser treiben ließ. In dem Hause richtete ich alle Räume zweckmäßig ein. Ich hatte eine Faulbütte, in welcher die Lumpen zersetzt wurden, ein vom Wasser bewegtes Stampfwerk, das die mit Schneidemessern versehenen Stampfen enthielt, und überhaupt alles, was zum Papiermachen nötig ist.

Kaum gab ich bekannt, daß ich alle alten und zerrissenen Hanffetzen kaufte und dafür ein wenig mehr bezahlte als die Maurermeister, die sich derselben zur Verstärkung der Häuserfundamente bedienten, so brachte man mir davon eine Menge in allen Farben. Aber alle waren der Größe nach so übereinstimmend, daß sie nicht sortiert zu werden brauchten. Ich ließ nur die Stücke zertrennen und die allerfeinsten beiseite legen. Die Faulbütte befand sich im zweiten Stock. Binnen einer Ernte hatte ich ein Papier, das sich als vorzüglich und tadellos erwies. Diese Fabrikation kostete mir ungeheuer viel Arbeit, erforderte viel Geduld und viel Geld, doch war ich sicher, daß sie sich in kurzer Zeit rentieren würde.

Ein in meinem Dienst stehender Megamikre erbot sich, mir das Alleinrecht des Einkaufens der Lumpen zu verschaffen und versicherte mir, daß ich sie auf diese Weise zu einem besonders niedrigen Preise werde erwerben können. Ich tat aber gerade das Entgegengesetzte. Um mir die notwendige Quantität zu sichern, ließ ich bekanntmachen, daß ich die Lumpen um ein Fünftel über den gewohnten Preis bezahlte. Den schlechten Berater entließ ich sofort.

Später erfuhr ich, daß dieser Mensch sich rot zu färben verstanden hatte, und zwar so gut, daß man ihn für einen Edelmann hielt. Eine Zeitlang gelang ihm dies, doch schließlich machte er bankrott, man arretierte ihn, und als man ihn ins Bad steckte, sah man zur allgemeinen Bestürzung, daß er einen blauen Kopf, einen buntscheckigen Körper und gelbe Arme hatte. Sein Unzertrennlicher blieb aber rot und niemand begriff etwas davon, zumal da sie edle Kinder hatten.

Von meiner Papierfabrikation teilte ich anfangs niemandem etwas mit. Sogar der König, der mich in jener Zeit wohl zwanzigmal besuchte, erfuhr nichts und er war so edel und tugendhaft, seine Neugier nicht merken zu lassen, doch sagte er mir später, er habe bestimmt etwas Derartiges erwartet. Die aufgenommenen Arbeiter führten meine Befehle aus, ohne zu verstehen, woran sie arbeiteten. Meine vier ältesten Söhne waren stets in der Fabrik und überwachten die Arbeit nach meinen Weisungen.

Als mein Papier tadellos war, schrieb ich an Seine Majestät, daß ich ihr ein kleines Geschenk machen möchte. Als Antwort ließ mich der König durch einen Hofwagen abholen. Ich begab mich mit Jakob (Elisabeth stand vor ihrer Niederkunft) zu ihm. Jakob war noch keine neun Jahre alt, doch bereits so entwickelt, wie ich es gewesen war, als ich in jene Welt kam.

Als ich dem König mein Papier vorlegte, das sehr blaßrötlich, sehr fein und herrlich glänzend war, mußte ich ihm zuerst sagen, was es sei. Der Monarch nahm es schweigend, betrachtete es, schrieb darauf und war von der Güte und Schönheit sehr überrascht. Ich sagte ihm, daß es nur an ihm liege, mein Papier in Mode zu bringen, und versicherte ihm, daß es binnen zehn Jahren einer der bedeutendsten Zweige des Handels in seinem Reiche sein werde, da die ganze Welt es werde haben wollen.

Des Erfolges sicher, vergrößerte ich die Fabrik, vermehrte die Zahl der Faulbütten, der Stampfen, der Mühlen und, sobald ich mit großen Lumpenvorräten versehen war, verdoppelte ich die Zahl meiner Arbeiter.

Das neue Papier brach sich rasch Bahn. Ich bestimmte seinen Preis und eröffnete in der Fabrik selbst eine Verkaufsstelle. Bald sah ich aber, daß diese sich zu weit vom Mittelpunkte der Stadt befand, und der König, als ob er meine Gedanken erriete, gab mir einen großen Laden in der Hauptstraße, den ich mit Ware füllte. Einer meiner Megamikren, dessen Geschicklichkeit und Gewissenhaftigkeit mir bekannt waren und für den man mir bürgte, setzte ich als Leiter des ganzen Verkaufes im großen und im kleinen ein.

Mittlerweile war meine Frau bereits von ihrem zehnten Zwillingspaar, Simon und Faustine, entbunden und es kam der Tag von deren Entwöhnung. Es war der letzte Tag unseres zehnten Aufenthaltjahres. Am darauffolgenden Tag vermählte ich Jakob mit seiner Schwester Wilhelmine, in die er so verliebt war, daß ich um seine Gesundheit besorgt war; denn die Fabrik nahm uns so sehr in Anspruch, daß ich ihm nicht täglich gestatten konnte, seine Mutter in der Stadt zu besuchen. Nach seiner Verheiratung übergab ich ihm die Oberaufsicht über den Verkauf in meinem Laden und bestimmte zu seinem Unterhalt ein Zehntel des ganzen Gewinnes.

Ich wollte, daß die Heirat meines ältesten Sohnes mit dem größtmöglichen Aufwand stattfinde. Ich gab daher allen meinen Freunden bekannt, daß das Jahr unserer Religion an diesem Tag beginne, daß es aus vier Ernten bestehe und daß an jedem dritten Tag jeder vierten Ernte von nun an wenigstens eine Hochzeit stattfinden werde. Ich hatte dies auch dem König mitgeteilt. Der Monarch freute sich über den Zuwachs unseres Vermögens und die Früchte unserer geschickten Kunstfertigkeiten. Doch bemitleidete er uns auch im stillen, da er wohl einsah, wie bedauernswert wir in bezug auf unsere Ernährung waren.

Er verlor aber seine Zeit nicht. Er sandte dem Großen Genius zwölf Kisten von unserem Papier und eine Kiste mit den von meiner Frau verfertigten Essenzen, die er bei uns bestellen ließ, ohne uns ahnen zu lassen, daß er selbst der Käufer derselben sei. Er benachrichtigte seinen Gesandten in Heliopalu von allem und beauftragte ihn, mit dem Großkanzler des Großen Genius darüber zu verhandeln und ihm klarzulegen, daß das Wohl des Reiches unsere feste Ansiedelung erheische, die aber eine sehr unsichere sein würde, so lange wir gezwungen blieben, unsere Nahrung den Megamikren abzukaufen. Er sagte ihm, die Errichtung der Papierfabrik sei nur ein kleiner Beweis unserer Talente, und es sei nicht ratsam, uns fallen zu lassen, noch uns aufs Äußerste zu treiben. Er trug ihm auf, die Aufmerksamkeit des Großen Genius auf den Zuwachs unserer Familie zu lenken, die sich zwar langsam vermehrt habe, von nun an aber sehr schnell wachsen werde, so daß die uns mit der Zeit notwendig werdende große Zahl der Ernährer zu einer Schande der Kinder der Sonne ausarten und zu einem skandalösen Beispiel werden würde; denn alle Welt wisse, daß die Bastarde der Hauptstadt ihre Milch den Fremden verkaufen müßten, die doch nichts sehnlicher wünschten, als die Erlaubnis zu erhalten, sich von einer Frucht nähren zu dürfen, die ihnen ihren Religionsvorschriften gemäß mit gutem Recht zukäme. Den Megamikren aber könne aus dieser Erlaubnis kein Nachteil erwachsen.

Am ersten Tag des Jahres kam zur Hochzeit Jakobs die auserlesenste Gesellschaft aus der Hauptstadt in unser Landhaus. Der Bischof, den ich mit meinem schönsten Papier beschenkt hatte, sandte seinen Protosymellen, der König schickte mir seinen ersten Koch, seinen Küchenchef und seine Musik und äußerte den Wunsch, daß das Fest auf seine Kosten gefeiert werde. Er gab mir schriftlich den guten Rat, die Neuvermählten am darauffolgenden Tage dem Bischof vorzustellen, und ich befolgte seine Weisung.

Das Fest war herrlich. Es waren vierundzwanzig Tische zu vierundzwanzig Gedecken und an jedem saß ein Paar Farbiger, denen die Roten aufs höflichste entgegenkamen; diese ehrenwerten Bastarde waren Gelehrte, reiche Geldleute und Beamte der geistlichen Körperschaften. Das Brautpaar saß zwischen meiner Frau und mir, die übrigen Mitglieder unserer Familie mußten zu Hause bleiben und auch diese Regel wurde später zum Gesetz erhoben und gehörte zu unserem Ritus. Meine 1400 Papierfabrikarbeiter wurden ebenfalls bewirtet und bekamen stets für diesen Tag ihren Lohn ausbezahlt, ohne daß sie zu arbeiten brauchten. Dies war das erste von mir gestiftete Fest; andere führte ich mit der Zeit noch ein.

Im Augenblick, als wir uns zu Tisch setzen wollten, erschien der hellrote Zeremonienmeister des Königs mit seinem Unzertrennlichen, sang und tanzte und übergab mir einen roten Mantel, der mir bis zu den Fersen herabwallte, mit Ärmeln, die bis zu den Ellbogen reichten; am Halse wurde er mit einer Diamantschnalle geschlossen. Einen ähnlichen Mantel übergab er meiner Frau, nur waren dessen Ärmel blau. Der Zeremonienmeister hielt uns eine schöne Ansprache, in der er uns im Namen seines Herrn die schmeichelhaftesten Sachen sagte und hüllte uns selbst in diese Ehrenzeichen ein, die uns der Gunst des Königs versicherten. Meine Frau bekam außer dem Mantel auch die große Eromide, die ebenso blau war wie die Ärmel des Mantels. Dies war eine Art Tunika, wie die Kardinale sie bei großen Gelegenheiten unter dem Meßgewand tragen, nur mit dem Unterschied, daß sie unterhalb des Busens anfing, die halben Füße verdeckte und auf beiden Seiten aufgeschlitzt war. Diese Eromide, die ich so nenne, weil sie weder die Arme noch die Schultern berührte, war aus dem feinsten Linnen angefertigt und meiner Frau besonders sehr lieb, weil sie ihren Leib verhüllte, der, wenn sie schwanger war, einen keineswegs schönen Anblick bot. Der liebenswürdige Megamikre nahm unsere besten Danksagungen höflichst an und entfernte sich sodann. Singend und tanzend geleiteten wir ihn bis zum Ausgangstor.

Ermüdend war es für uns, die nun folgenden Beglückwünschungen der ganzen Gesellschaft entgegenzunehmen. Der Groß-Gärtner sagte mir heimlich, diese Auszeichnung erhebe uns in den hohen Adel; wir hätten von nun an bei Hofe den Vortritt vor allen anderen Edelleuten.

Es ist mir nicht möglich, Ihnen, Mylords, die lustige Stimmung zu beschreiben, die an unserem Tische, an welchem wir mit dem Brautpaar saßen, herrschte. Die Komplimente, die die Megamikren meinen armen Kindern machten, waren solcher Art, daß sie die Heiterkeit aller Tischgenossen erregten, aber das junge Paar zur Verzweiflung brachten, weil sie sie entweder nicht verstanden oder sich nicht trauten, auf diese einzugehen. Obwohl es ihnen sonst an Geist nicht fehlte, fühlten sie sich so überglücklich, daß es ihnen nicht möglich war, mit Geistesblitzen den Anwesenden zu imponieren Sie schauten sich von Zeit zu Zeit an, sahen uns dann und die ganze Gesellschaft an, die sich vergebens bemühte, sie zum Reden zu bringen. Sie spürten keinen Hunger und aßen nichts, sie ersehnten nur das Ende der Mahlzeit, wie sie mir später lachend anvertrauten.

Zum Schlusse der Mahlzeit kamen die Einreibungen an die Reihe und ich sah voraus, daß der in jener Welt übliche Brauch die Galanterie zu weit führen könnte. Wir hatten darüber bereits mit meiner Frau gesprochen und ich versprach ihr in dieser Angelegenheit, die sie sehr beunruhigte, beschwichtigend einzugreifen. Ich übernahm es, an die bereits von den sehr starken, auserlesenen Wohlgerüchen angeregte Gesellschaft eine kleine, wohlgewählte und überdachte, ehrerbietige Rede zu halten. Sie rief die gewünschte Wirkung hervor. Kurz und bündig sagte ich ihnen folgendes: »Göttliche Versammlung aller Tugenden, sehr edle und sehr gelehrte Megamikren! Ich sehe mich gezwungen, Euch um die Erlaubnis zu bitten, an diesem Tag des Glückes an einem Brauch unserer Welt festhalten zu dürfen, den unsere Vorfahren stets beobachtet haben. Jede Reibung ist bei uns an einem Hochzeitstage nicht nur den Neuvermählten, sondern der ganzen Familie verboten!«

Ich brauchte nichts mehr zu sagen. Sie klatschten mir Beifall, lachten viel und begnügten sich meinem Wunsche gemäß mit Küssen, die man ihnen nicht verbieten konnte, die aber, wie ich merkte, dem jungen Paar lästig fielen, da beinahe 600 Eingeladene anwesend waren.

Nach einem reizenden Konzert, einer herrlichen Dichtung, deren Schöpfer, der Meister der Phonik, zuweilen mitsang und die nur wir leider nicht verstanden, schlug man uns einen Spaziergang im Garten und eine Besichtigung der Papierfabrik vor.

Trompetenklänge kündigten die Stunden der Ruhe an und alle entfernten sich, ohne sich zu verabschieden; dies war dort Sitte, sobald die Gästezahl hundert überstieg.

Wir führten das Brautpaar in ihr neues Zimmer, wo wir es umarmten und mit tausendfachen Segenswünschen allein ließen. Hierauf zogen wir uns in unsere Wohnung zurück, wo wir uns im Alkoven ausruhten, nachdem wir unsere neuen Schmuckkleider abgelegt hatten.

Ich stand im fünfundzwanzigsten Lebensjahre und trug bereits einen langen Bart, da ich mich, trotz den Bitten meiner Frau nicht entschließen konnte, mich zu rasieren. Mit der Zeit erkannte ich die Vorteile, die die Barttracht mir brachte, so daß ich mich entschloß, sie nicht nur beizubehalten, sondern zum Gesetze zu machen, daß der älteste Sohn jeder Familie den Bart solle wachsen lassen. Alle anderen Alfrede begannen am ersten Tage ihres fünfzehnten Lebensjahres sich zu rasieren und taten dies dann täglich. Diese Vorschrift war und blieb stets in hohen Ehren und wurde streng beobachtet.

Mit dem Klang der Trompete, die den neuen Tag ankündigte, erschienen vor uns die Neuvermählten, die vor Glück und Zufriedenheit strahlten; sie überschütteten uns mit Liebkosungen und wir fanden, daß sie wieder zu sich gekommen waren. Wir hüllten uns in unsere Mäntel und gingen alle vier zu unserem Freunde, dem Bischof, der uns zu der vom König erhaltenen Auszeichnung beglückwünschte, die uns allerorts die höchste Achtung verschaffte. Er sagte uns, er habe nicht eine Stunde gezögert, diese Neuigkeit dem Großen Genius mitzuteilen. Er umarmte das junge Paar aufs innigste, was sie erwiderten, und überschüttete sie mit allen Segen und Segenswünschen, die seine Frömmigkeit ihm eingab. Er ersuchte meine Frau, ihm eine bestimmte Essenz zu schicken, die nach seiner Ansicht die Eigenschaft besaß, ihm eine sanfte Betäubung zu verschaffen, in welcher er auf Wunsch ein Orakel geben konnte, ohne bis zur Berauschung Milch trinken zu müssen; meine Frau sandte sie ihm umgehend. Er hieß uns in den Tempel eintreten, wo zwei von seinen Geistlichen uns zu Plätzen führten, die nunmehr für uns bestimmt waren, wie wir zu unserem Erstaunen hörten, da man uns hiervon nicht benachrichtigt hatte. Diese Sitzplätze bestanden aus zwölf Sesseln, die im Halbkreis zu beiden Seiten des von uns geschenkten Globus standen. Dort sitzend, konnten wir den Anwesenden nur den tiefsten Respekt einflößen und diese Vorsichtsmaßregel war sehr angezeigt, da nach unserer Weigerung, den Psalm an die Sonne zu singen, unsere Religion allgemein verdächtig erschien. Kaum sah man uns dort in den Mänteln, als die Nachricht von unserem Nachgeben sich verbreitete und man als sicher annahm, daß wir bei der nächsten Gelegenheit mit den anderen das hohe Lieb singen würden.

Vom Tempel begaben wir uns zum König, um ihm unseren Dank auszusprechen und um uns der vornehmen Welt in unseren Mänteln zu zeigen. Alle Minister und der ganze Adel machten uns Platz, obwohl wir mit einem in den bescheidensten Tönen gesungenen Liedchen auftraten. Die Neuvermählten zeichneten sich durch ihren Tanz aus. Sie nahmen die Glückwünsche des königlichen Paares und aller Würdenträger entgegen, die abwechselnd bald Jakob, bald Wilhelmine ansprachen, worauf diese in feinem Hofton antworteten. Sie waren die einzigen von unseren Kindern, die stets die Megamikren-Sprache besser beherrschten als die englische. Vom Hofe fuhren wir zu dem Hause, das ich dem jungen Paare bestimmt hatte. Es war dasselbe, worin das Papiergeschäft sich befand; meine Frau hatte ihnen darin eine schöne Wohnung einrichten lassen. Ich rief den Megamikren, den ich als Leiter des Geschäftes eingesetzt hatte, und stellte ihm meinen Sohn als meinen Bevollmächtigten vor, den er als meinen Oberaufseher anzuerkennen und dem er jeden Tag über alles Bericht zu erstatten habe. Der Megamikre begrüßte ihn, ging in seine Wohnung und ich sagte meinen Kindern, sie seien nun selbständig in ihrem Heim, ich gebe ihnen zehn vom Hundert des Gewinnes vom Papierabsatz zu ihrem Unterhalt und lasse ihnen vollkommene Freiheit, indem ich mir nur vorbehalte, ihnen von Zeit zu Zeit Ratschläge zu geben. Jakob antwortete mir, dies sei ein Recht, das dem Besitzer niemals bestritten werden könne. Es folgten wieder Segenswünsche und es flossen einige Tränen der Rührung. Wir trennten uns, Elisabeth fuhr in unser Haus in der Stadt und ich kehrte in die Fabrik zurück. Nachdem ich so lange gewohnt gewesen war, nackt herumzugehen, fühlte ich mich anfangs durch den Mantel belästigt, doch gewöhnte ich mich bald an denselben.

Die Papierfabrikation war nicht meine einzige Beschäftigung. Einen großen Teil meiner Zeit nahmen meine Schmieden in Anspruch; die von mir bereits verfertigte Zahl der Waffen war überraschend groß und alle waren sehr schön, tadellos gearbeitet und ohne Zweifel besser, als man sie hier macht, da der mit Zinn gegossene Stahl mir ein Metall für die Läufe gab, das den stärksten Experimenten Widerstand hielt, selbst wenn sie bis zur Mündung geladen waren. Meine Frau war die einzige, der der Zweck dieser Waffen bekannt war; die Neugierde der Megamikren mußte sehr groß sein, doch kam es niemals vor, daß man mich darüber befragte. Ihre anständige Gesinnung ging sogar so weit, daß sie nicht einmal den Mechanismus der Waffen sich näher ansahen, aus Furcht, man möchte sie für neugierig halten.

In diesem Jahr gelang es mir, endlich ein tadelloses Pulver zu entdecken. Ich verwahrte es in einem besonders dazu in einem Winkel meines Gartens gebauten Turme, wo es jeder Gefahr fern war. So fremd mir das Feld der Pyrotechnik war, so gelang es mir doch, durch große Geduld und immer neue Versuche ein Pulver herzustellen, wie man sich ein besseres weder wünschen noch herstellen könnte. Ich weiß aber nicht, ob es möglich wäre, hier ein gleich gutes zu erzeugen; die Bestandteile sind nämlich von ganz verschiedener Güte. Die Kohle ist bei den Megamikren graublau und gänzlich frei von Alkalien, der Schwefel ist weiß und der Salpeter rot, doch würde ihre Farbe bedeutungslos sein, wenn sie nicht von deren Qualitäten abhängig wäre. Ich befreite den Salpeter vom Salzgehalt, indem ich ihn löste und zum Gerinnen brachte, so daß er wie Kristall aussah. Mit ebensolcher Sorgfalt befreite ich den Schwefel von allen seinen fremdartigen Bestandteilen, denn die Qualität des Pulvers wird verringert, wenn der nachlässige Arbeiter irgendeine der Natur des Schwefels fremde Materie an ihm haften läßt. Indem ich diese drei Ingredienzen in einem großen Mörser zusammenmischte, unterließ ich es nie, sie mit einer Essenz wohlriechender Kräuter zu befeuchten, die ich durch Gärung säurehaltig machte; mein Pulver wurde dadurch nicht nur von dem abstoßenden Geruch befreit, der vielen Leuten Übelkeit verursacht, sondern duftete sogar sehr angenehm. Indem ich nun meine Masse durch ein Sieb trieb, bildeten sich kleine weiße Kügelchen, welche starkgepreßte Luft enthielten und dadurch mein Pulver im höchsten Grade explosiv machten. Ein von mir gemachter Versuch bewies mir, daß jedes Pulverkügelchen sich zum zweitausendfachen Volumen seiner Größe ausdehnte. Wollte ich meinem Pulver etwas von dieser Kraft abnehmen, so fügte ich ihm eine winzige Gabe Kohlenpulver hinzu. Vier Pfund meines Salpeters, ein Pfund Kohle und neun Unzen Schwefel waren die Dosis, welche die Wirkung meines Pulvers unfehlbar machte. Ich nahm dabei an seiner, obgleich augenblicklich erfolgenden Wirkung drei Momente wahr. Der erste ist die Entzündung der Kohle, der zweite die des Schwefels und der letzte die des Salpeters, der sich nicht entzündet, sondern zerschmilzt.

Die Erfindung des Pulvers beweist das Göttliche des menschlichen Geistes; ich weiß zwar, daß zur Entdeckung der Eigenschaften seiner Bestandteile viel der Zufall beigetragen hat, doch würden wir nie das Pulver gehabt haben ohne das Wissen, den tiefen Beobachtungssinn, die Geduld, das Studium und die Ausdauer, die dem schaffenden Geist zur Seite standen, das Ziel zu erreichen, das er sich vorgesetzt hat. Ob diese Erfindung das Glück oder Unglück der Menschheit vermehrt hat, ist eine andere Frage; sollte aber das Pulver sogar die Vernichtung der ganzen Welt verursachen, so bleibt es nichtsdestoweniger ein Wunderwerk der Macht des menschlichen Geistes.

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