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Gutenberg > Emanuel Geibel >

Echtes Gold wird klar im Feuer

Emanuel Geibel: Echtes Gold wird klar im Feuer - Kapitel 1
Quellenangabe
typedrama
booktitleWerke
authorEmanuel Geibel
editorDr. R. Schacht
year1915
publisherHesse & Becker
addressLeipzig
titleEchtes Gold wird klar im Feuer
pages663-681
created20070329
sendergerd.bouillon
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Emanuel Geibel.

Echtes Gold wird klar im Feuer.

Ein Sprichwort.


Personen.

Prinz Lothar, Oberst eines Ulanenregiments.

Helene, Schauspielerin.

Anna, deren Schwester.

Ein Jäger des Prinzen.

Die Handlung spielt in einer deutschen Residenz im Herbste des Jahres 1871.


Helenens Wohnung. Geschmackvoll eingerichtetes Zimmer mit Sofa, Lehnsesseln, zierlichem Schreibtisch usw. Auf dem Kamin eine Uhr zwischen Blumenvasen. Im Hintergrunde eine offene Flügeltür, die in den Garten führt. Der Haupteingang liegt rechts, links gegenüber ebenfalls eine Tür.

Erster Auftritt.

Helene, später Anna.

Helene (die Rolle der Iphigenie studierend).
»Leb wohl! O wende dich zu uns und gib
Ein holdes Wort des Abschieds mir zurück!
Dann schwellt der Wind die Segel sanfter an,
Und Tränen fließen lindernder vom Auge
Des Scheidenden. Leb wohl! und reiche mir
Zum Pfand der alten Freundschaft deine Rechte! –
Lebt wohl! –«
                      Ich denk', es geht. Und was noch fehlt,
Das gibt im Feuer des Zusammenspiels
Mir wohl des Augenblicks Erregung ein. –
Wär's nur erst Zeit! – Vier ganze Stunden noch,
Bis sich der Vorhang hebt. Am besten tät' ich,
An andres jetzt zu denken. Könnt' ich's nur!
Doch Furcht und Hoffnung lassen mich nicht ruhn;
's ist wie ein Fieber fast – Wie prächtig dort
Am hohen Lindengang die Astern blühn!
Ich geh' und pflück' mir eine Schale voll –
(Nimmt eine Schale vom Kamin und wendet sich gegen die Flügeltür.)
»Heraus in eure Schatten, rege Wipfel
Des alten heil'gen« – Nein! Genug! Genug!
Das ew'ge Wiederholen ist vom Übel;
Ich bin ja sicher. – Horch, da kommt zum Glück
Die Schwester, so verplaudern wir die Zeit.
(Anna tritt auf, rechts.)
Willkommen, Anna! Aus der Stadt zurück?
Mit meiner Rolle ward ich eben fertig.
Trafst du den Bruder?

Anna.                               Ja, vergnügt und fleißig
Wie stets. Sein schönes Bild, der schlafende
Endymion, rückt munter fort.

Helene.                                       Und sonst,
Was gibt es Neues?

Anna.                           Wenig Gutes heut.
Nur ein Gerücht vom Hof, das ich dir gern
Verschwiege, wär's nicht schon in aller Mund.

Helene. Vom Hof? Und das erregt dich so? So sprich,
Was ist es denn?

Anna.                       Man sagt, daß Prinz Lothar,
Den wir so gut wie schon verlobt geglaubt
Mit Klara Holmfeld, plötzlich andern Sinns
Geworden sei und, statt das letzte Wort
Zu sprechen, kühl von ihr zurück sich ziehe.
Seit vierzehn Tagen ließ er im Hotel
Der Gräfinmutter sich nicht sehn.

Helene.                                             Mein Gott,
Was sagst du da? Die arme, arme Gräfin!
Seit letztem Winter weiß ich ja, wie sehr,
Wie innig sie ihn liebt. Das wär' ein Schlag,
Der bis ins Herz sie träfe. Doch wie kann
Er von ihr lassen, die das reizendste
Geschöpf auf Erden ist? Ich faß es kaum.
Was ist denn vorgefallen?

Anna.                                   Und du hast
Von allem keine Ahnung?

Helene.                                 Ich? gewiß nicht.

Anna. Man sagt noch mehr.

Helene.                               Was sagt man?

Anna.                                                         Ist dir nichts,
Gar nichts bewußt, was im Gemüt des Prinzen
Die jähe Wandlung dir erklären könnte?
Du sahst ihn doch so oft in letzter Zeit.

Helene. Mein Gott, wie sprichst du denn? Du denkst doch nicht –
Torheit!

Anna.           Daß du ihm nicht mißfielst, ist sicher.

Helene. Nun ja, auch er hat mir den Hof gemacht
Wie hundert andre. Und ich leugn' es nicht:
Ich sah ihn gerne, doppelt, weil er stets
Sich in den Schranken feinster Sitte hielt.
Er ist ein Mann von Geist, wie sollt' ich mich
Nicht einer Huld'gung freun, von der ich wußte,
Sie galt nicht mir, sie galt der Künstlerin.

Anna. Die Welt spricht anders, Kind.

Helene.                                           Was spricht sie nicht!

Anna. Ich fürchte, diesmal traf sie's.

Helene.                                           Wär' es möglich?
Er könnt' um meinetwillen – Nein, nein, nein!
Wie magst du nur so furchtbar mich erschrecken!
Es kann, es darf nicht sein. O, welchen Sturm
Hast du in meinem Herzen aufgerührt!
Mir schwindeln die Gedanken. Güt'ger Himmel,
Wie faß ich mich! Und in dem Zustand soll
Ich auf die Bühne, soll die Priesterin,
Die hohe, ruhig klare Jungfrau spielen!
Grausame, mußtest du denn unbedacht,
Du kennst mich ja, in diesem Augenblick
Den Feuerbrand in meine Seele werfen,
Der keine Rast mir gönnt?

Anna.                                     Vergib, ich sagte
Nur, was du wissen mußtest, eh's vielleicht
Auf anderm Weg zu deinen Ohren kam.
Nicht vor den Menschen durfte solch ein Wort
Dich überraschen. Doch ich weiß, wie stark
Du bist, wie rasch und kräftig dein Gemüt
Aus heftigster Erschütterung sich stets
Zur Klarheit wieder durchringt. Kämpf' auch dies
Im stillen mit dir aus, und laß mich dich
Gefaßt und ruhig finden, wenn ich dir
Gewand und Schleier für den Abend bringe.
(Geht bis zur Türe links und kehr noch einmal zurück.)
Helene, sei du selber! (Ab.)

Zweiter Auftritt.

Helene (allein).                   Wär' es wahr?
Er liebte mich? Er dächt' im Ernste dran,
Sich frei zu machen, nur daß ich ihm ganz
Gehören könnte? – Meine Seele bebt
Bei dem Gedanken. Nein, hinweg, hinweg,
Verführerische Bilder! Kann mich denn
Ein sinnlos Stadtgeschwätz so ganz verwirren?
Kein leidenschaftlich Wort entfiel ihm je,
Nicht eins – Und seine Braut – o, wer sie kennt,
Dies echteste Juwel der Weiblichkeit,
Der liebt sie, muß sie lieben. Nein, es ist
Unmöglich.
                  Aber wenn's nun dennoch wäre?
Was dann? O güt'ger Himmel, soll ich dann
Das neidenswerte Los, das ungesucht
Gleichwie aus Wolken in den Schoß mir fiel,
Undankbar von mir stoßen? Bin ich nicht,
Wo's um das ganze Glück des Lebens geht,
Mir selbst die Nächste? – –
                                        Aber war ich denn
Unglücklich, als ich nie zu hoffen wagte?
Floß nicht in wunschlos stiller Heiterkeit
Mir Tag um Tag hin? Freilich, wenn er kam,
Da ward mir frei und leicht, und was ich Bestes
In meiner Seele trug, das drängte froh
Sich auf die Lippen mir – doch war er drum
Mein eins und alles? Hab' ich nicht die Kunst,
Für die ich leb' und die ich nimmermehr
Zu missen wüßte? – Sie ertrüg' es nie,
Ein Bruch mit ihm würd' auch ihr Leben brechen,
Zu tief hab' ich in ihr Gemüt geschaut.
Mir aber wäre seine Liebe nur
Ein schöner Sonnenglanz –
                                        Und doch! Und doch!
O Gott, wie schwer ist der Verzicht! Warum
Tritt denn dies Glück, das unerreichbar ich
Gewähnt, so nah, so blendend vor mich hin,
Wenn ich entsagen soll? – O, wär's kein Traum:
Ich fürcht', ich könnt' es nicht.

Dritter Auftritt.

Helene, Anna, später ein Jäger.

Anna (rasch eintretend, links).             Um Gottes willen!
Des Prinzen Wagen kommt den Platz herauf,
Er will zu dir. Nimm ihn nicht an! Nicht jetzt!
Du glühst und zitterst ja –

Helene.                                   Nein, nein! Es muß
Entschieden sein. Zur Ruhe muß ich kommen,
Und Ruhe find' ich nicht, bis ich ihn sah.

Anna. Bedenk', Helene –

Helene.                           Wär's denn morgen anders?
Ein Tag nur mehr der ungewissen Qual.
Nein, laß mich; die Gewißheit wird den rechten
Entschluß ins Herz mir geben.

Jäger (von rechts, anmeldend).         Seine Hoheit
Der Prinz Lothar.

Helene.                     Ich laß ihn bitten.

(Jäger ab.)

Anna.                                                   Darf
Ich ruhig dich verlassen?

Helene.                               Geh nur, geh!
Und glaub, ich werde handeln, wie ich muß.

(Anna ab, links.)

Vierter Auftritt.

Helene. Prinz Lothar (rechts)

Helene. Willkommen, Prinz! Sie überraschen uns
Zu ungewohnter Stunde. Darf ich fragen,
Welch günst'ger Stern zur Zeit der fürstlichen
Hoftafel Sie in unsre Hütte führt?

Prinz. Zunächst die Dankbarkeit! Ich konnt' es länger
Mir nicht versagen, Ihnen auszusprechen,
Wie tief, wie bis ins Herz Kordelia
Vorgestern mich entzückt.

Helene.                                 Gefiel ich Ihnen?
Das macht mich stolz und glücklich. Freilich tat
Der große Dichter wohl das Beste, Prinz;
Doch tut mir's wohl, aus Ihrem Mund zu hören,
Daß ich das edle Bild, das er entwarf,
Nicht ganz verfehlt.

Prinz.                           Der allgemeine Beifall
Sagt' Ihnen mehr. O, es muß köstlich sein,
Im Dichterwort den Schatz der eignen Brust
Wie durchgeschmolznes Gold hervorzuströmen
Und im Bewußtsein des Gelingens dann,
Umwogt vom Jubel der Bewunderung,
Als aller Liebling stolz sich zu empfinden,
Als Fürstin, der bezwungen jedes Herz
Entgegenschlägt.

Helene.                   Dies Glück, mein gnäd'ger Prinz,
Ist nicht so übergroß. Zwar leugn' ich's nicht,
Der laute Beifall freut mich, und ich könnt'
Ihn kaum entbehren; weckt er doch und steigert
Die Kraft in mir, so wie ein günst'ger Hauch
Des leichten Fahrzeugs Segel schwellt und treibt.
Allein das weitre trifft nicht zu. Ich kenne
Nur allzugut den Wert der Huldigungen,
Die man mir sonst wohl zollt, und öfters schon
Befiel mich ein Gefühl der Scham dabei.
Nein, sei'n wir offen, Prinz! Was ist es denn,
Was an uns Armen, die wir uns dem Dienst
Melpomenes geweiht, dem großen Schwarm,
Zumal der Männerwelt, so sehr gefällt?
Das Herz etwa, das keiner kennt? Der Geist,
Den auf zwei Stunden uns der Dichter borgt,
Und der, sobald der Vorhang niederrauscht,
Vielleicht verflog? Gewiß nicht. Doch die Kunst,
Das Feuer der Begeistrung? – Ach, ich hab'
Es einst geglaubt und will es wieder glauben,
Sobald ich mit den Damen des Balletts
Der Menge Gunst nicht mehr zu teilen habe.
Nein, was sie anzieht, ist der Zauberkreis
Von Glanz und Duft, der schillernd uns umgibt,
Die Doppelwelt von Wirklichkeit und Schein,
Das sind die Reize, die die Schminke leiht,
Die freie, fremde Tracht, die unsern Wuchs
Verhüllt und zeigt, das reichgelockte Haar,
Das oft so falsch ist wie die Edelsteine
An unserm Königsschmuck, das sind sogar,
Ja, lachen Sie, die zierlichen Sandalen,
Nach denen man, ich weiß es nur zu wohl,
Die großen Gläser gleich Geschützen richtet,
Kurz, alles, was die Sinne reizt und täuscht.

Prinz. Wie ungerecht Sie sind!

Helene.                                 Ich rede von
Der Mehrzahl, Prinz. Und freilich stünd' es schlimm
Um uns und unsre Kunst, wenn alle so
Gesonnen wären. Wer vermöchte dann
Mit freud'gem Herzen nach dem Kranze noch
Emporzustreben? Nein, ich weiß zum Glück:
Ein kleines Häuflein gibt's von Auserwählten,
Für das wir unsern Ernst und Eifer nicht
Umsonst verschwenden, das im Schauspiel noch
Ein leidenschaftlich Schicksal miterleben
Und aus dem Borne der Erschütterung
Verjüngte Kraft des Lebens trinken will.
Die sind's, für die wir spielen; wen'ge nur,
Allein ihr echtempfundner Anteil hält
Uns schadlos für den Unverstand der Masse.

Prinz. Zu diesen wen'gen, hoff' ich, zählen Sie
Auch mich, Helene.

Helene.                         Sicherlich.

Prinz.                                           Und glauben,
Daß das kein eitler Sinnenrausch, was mich
Ergreift, wenn ich bewundernd Ihrer Kunst,
Dem reinen Abbild Ihres Wesens, lausche.
Nein, keine Wallung des erregten Bluts
Trübt dies Gefühl. Ich schaue nur und bin
Beglückt im Schauen. Was als dämmernd Bild
Unklar mir vorgeschwebt, was nur im Wort
Der Genius schuf, das tritt, zur lautersten
Gestalt geworden, mir durch Sie entgegen
Und schließt die Tiefen mir des Lebens auf.
Der Geist der Poesie hat wiederum
Die Priesterin, die seiner wert, gefunden
Und reißt, durch Ihren Mund geoffenbart,
Unwiderstehlich mich dahin.

Helene.                                     Sie schwärmen
Und schätzen meinen Funken von Talent
Viel, viel zu hoch. Warum mich so beschämen!
Sie wissen doch, der Vorwurf, den vorhin
Ich auszusprechen wagte, traf nicht Sie.
Nein, Ihnen könnt' ein andrer Irrtum nur
Gefährlich werden, Prinz, von dem man sagt,
Daß grade die Begeistrungsfähigsten
Am ehsten ihm verfallen.

Prinz.                                   Und der wäre?

Helene. Daß sie die Rolle, die ihr innerstes
Gemüt erschüttert, mit der Künstlerin,
Die dargestellte Leidenschaft mit dem,
Was jene selbst im Busen trägt, verwechseln
Und, von der Dichtung adelnder Gewalt
Getäuscht, aus ihr ein Ideal sich schaffen,
Ein glänzend Bild, das leider nur zu oft
Mit keinem Zug der Wirklichkeit entspricht.

Prinz. Das sagen Sie mir, deren ganzes Spiel
Die vollste Wahrheit ist? Ich kann's nicht glauben;
Nein, Sie verleumden sich und Ihre Kunst.
Ein Trug nur wär' es meiner Phantasie,
Wenn in dem reinen Bild ich, das Sie mir
Von Desdemonen, Julien, Imogen
Vor Augen zaubern, Ihres eigensten
Gefühles Pulsschlag zu vernehmen glaube
Und in Kordeliens rührender Gestalt
Entzückt Sie selbst erkenne? – Nimmermehr!
Nein, solcher Seelenhauch lernt sich nicht an.
Sie fühlen, was Sie spielen.

Helene.                                   Ja, ich fühl's.
Und mehr, ich leb' es. Aber lassen Sie
Mich, wie die Tochter Lears, wahrhaftig sein.
Ich leb' es nur im Augenblick. Verklagen
Sie drum die Bretter, wo das höchste Schaffen
Zuletzt ein wundervoll Empfangen bleibt.
Die Fülle naht und strömt dahin im Nu;
Sie festzuhalten weiß ich nicht. Der Sturm
Der Leidenschaft, in dem ich wonnevoll,
Mir selbst entrissen, weltvergessen schwebe,
Ist nur der Hauch, der aus des Bläsers Mund
Das Erz des Horns erschüttert, daß es tönt.
Sobald er nachläßt, bin ich wiederum
Ein stumm Metall. Mit des Gewandes Schmuck,
Mit dem Kothurn, der mich getragen, fällt
Die priesterliche Hoheit von mir ab,
Und nichts bleibt übrig als ein großes Kind,
Das Hunger hat und dem ein schmackhaft Mahl,
Ein Kelch mit Schaum, von Schwesterhand kredenzt,
Willkommner deucht als alle Poesie.
Ich wollte nur, Sie hätten mich am Abend,
Da ich Kordelien gespielt, gesehn.
So ausgelassen lustig war ich nie.

Prinz. So kehren Sie den Satz des Dichters um,
Die Kunst ist Ihnen ernst, das Leben heiter.
Doch wird das stets so bleiben? Überfiel
Bei solchem jähen Wechsel Sie noch nie
Ein bang Gefühl von Heimweh, ein Verlangen
Nach still begrenztem Glück?

Helene.                                       Mein Prinz, es gehn
In jedem Menschendasein Licht und Schatten
Wohl Hand in Hand, und auch das meine blieb
Nicht ohne Wunsch. Doch darf ich redlich sagen:
Was ich ersehnt, lag stets in meiner Welt.
Die Kunst, die ich erwählt, ich geb' es zu,
Weiß nichts von Rast, und manchen Seufzer hat
Sie mir erpreßt. Doch nimmer könnt' ich drum
Ihr treulos werden, nimmer jenen Schatz
Von reinen Freuden, den verschwendrisch sie
Mir zuströmt, um ein ander Los vertauschen –
Wo fänd' ich's auch!

Prinz.                             Nur eine Frage noch,
Helene, die Ihr hoher Sinn dem ernst
Teilnehmenden verzeihen mag – Sie haben
Bis heute nie geliebt?

Helene.                           Wenn Lieben heißt
So viel als Nichtentbehrenkönnen, nie.

Prinz. Und trät' ein Mann nun, dem von Herzen Sie
Vertrauen könnten, vor Sie hin und böte
In treuer Neigung Ihnen Herz und Hand?

Helene. Luftschlösser, Prinz!

Prinz.                                   Und wenn sie Wahrheit würden?
O reden Sie, Helene! Wenn ein Freund,
Der Sie versteht und liebt, sein Los auf immer
An Ihres knüpfen, alles, was er hat
Und ist, beglückt mit Ihnen teilen möchte?
Was dürft' er hoffen? – Reden Sie!

Helene.                                               Mein Prinz,
Wie soll ich –

Prinz.                   Ich beschwöre Sie.

Helene.                                             Nun denn!
Ich würd' ihm dankbar sein mein Leben lang,
Aus tiefster Seele dankbar –

Prinz.                                       O Helene!

Helene. Doch sprechen würd' ich: Legen Sie dies Glück
In andre Hände, die es mehr verdienen
Und besser würd'gen. Mein Zigeunerblut
Erträgt die Fessel nicht, und wäre sie
Von Gold und wäre sie von Rosen nur.

Prinz. Das kann Ihr Ernst nicht sein.

Helene.                                           Er ist's; ich kenne
Mich selbst und weiß, die eigenste Natur
Verleugnet straflos keiner. Setzen Sie
Den Meerfisch, der im Sturm des Salzgewogs
Vergnügt dahinspielt, in den prächtigsten
Süßwasserteich, was wird sein Schicksal sein?
So würd' auch ich, aus meinem Element
Entrückt, verkümmern, niemandem zum Glück
Und glücklos selber. Lassen Sie mich drin,
Solang es mich noch trägt.

Prinz.                                     Und dann, Helene? –
Gedachten Sie an Ihre Zukunft nie?

Helene. Auch dafür ist gesorgt. Zwar weiß ich kaum,
Wie ich dereinst ein Leben ohne Kunst
Ertragen soll – doch darben werd' ich nicht
Und auch nicht einsam sein. Die treue Schwester,
Die jetzt mein Haus besorgt und für mich spart,
Verläßt mich nie, und unser Kleeblatt füllt
Mein Zwillingsbruder. Ach, Sie glauben nicht,
Wie lieb, wie gut, wie ganz mein Stolz er ist.
Kaum hat er ausgedient, und schon erwarb
Ihm sein Talent als Maler Ruf und Gönner.
Erst jüngst gewann ein Bild von ihm den Preis;
Gewiß, Sie hörten schon von ihm?

Prinz (in Gedanken.).                           Von wem?

Helene. Mein Prinz, Sie sind zerstreut. Was mußt' ich auch
Von Dingen plaudern, die so ganz entfernt
Von Ihrem Kreise liegen? Freilich meint' ich,
Das sei für jeden, was so menschlich ist.

Prinz. O, Sie beschämen mich und nennen mir
Zugleich den Mangel, dran mein Leben krankt.
Das ist's ja, was so tief nach unverfälschtem
Gefühl mich schmachten läßt, daß nie, fast nie
In jenem Kreis, den Sie den meinen heißen,
Die reine Menschlichkeit zu Worte kommt.
Vorzeiten merkt' ich's kaum. Doch jetzt, nachdem
Der große Krieg mit seinem Glück und Elend
Die taube Rinde mir vom Herzen schlug
Und Echt und Unecht mich erkennen lehrte,
Jetzt geht in jener Welt des ew'gen Scheins,
In der ich atmen soll, die Luft mir aus.
Form ist dort alles, Sitte; vorgeschrieben
Ist jedes Lächeln, jedes Wort bewacht.
Die Grüße, ja die Schritte sind gezählt.
Das Auge selbst, des Herzens Bote sonst,
Wagt nicht zu sprechen, weil ein Blick der Neigung
Ausfallen könnte. Wer vermöchte dort,
Wo alles Wesen unterm Kleid erstickt,
An Liebe noch, an Leidenschaft zu glauben!
(Bitter.)
Da sucht man draußen denn ein Glück und findet
Die Tür verschlossen. – Doch ich halte Sie
Zu lang' schon auf –

(Bricht auf.)

Helene.                         Nein, gehn Sie nicht so, Prinz.
Nicht so verstimmt!

Prinz.                           Wie soll ich heiter sein
Im Augenblicke, da mein höchster Wunsch
Mir fehlschlug und ich dran verzweifeln muß,
Jemals den Schatz, den ich gesucht, zu heben?

Helene. Sie suchten ihn vielleicht am falschen Ort,
Und an der Stätte, wo er schon für Sie
Bereit lag, gruben Sie nicht tief genug –
Wer weiß!

Prinz.             Was meinen Sie?

Helene.                                     Ich habe nie
Hofluft geatmet, nie den Formelzwang
Der großen Welt gespürt. Dach ahn' ich wohl,
Wie schwer, wie selten dort ein tief Gefühl
Sich offenbaren mag. Doch fehlt es drum,
Weil's unentschleiert bleibt? Sieht stolze Scham
Nicht leicht der Kälte gleich? Und hüllt sich nicht
Die Furcht, zu viel zu sagen, oft in Schweigen?
Nein, Sie verklagen jene Höhn, auf die
Das Schicksal Sie gestellt, mit Unrecht, Prinz,
Wenn Sie des echten Lebens bar sie nennen.
Wie manche schon, die dort als Sternbild glänzt,
Fand ich, wenn sie ihr Hofkleid abgelegt,
Als echte Gönnerin der Kunst, als edle
Beschützrin mühvoll ringenden Talents,
Als Trösterin verschämter Armut wieder!

Prinz. Jawohl, die Welt erfährt's, und es ist süß,
Sich rühmen lassen! Solcher Edelmut
Täuscht wie das Trauerkleid, bei dem die Schöne
Nur denkt, wie gut die schwarze Tracht ihr steht.
Man gibt, weil man erkennt: Geburt verpflichtet,
Man trocknet Tränen, wie man Blumen pflückt,
Um sich zu schmücken. O, verteid'gen Sie
Nicht diese Region des falschen Prunks,
Wo ew'ge Kälte herrscht! Zur Kirche gehn sie,
Weil Frommsein Mode ward, und schließen Ehen,
Weil Serenissimus es wünscht. Das Herz
Hat nichts damit zu schaffen.

Helene.                                       Prinz, Sie sollten
So hart nicht reden, selbst im Unmut nicht;
Gerade Sie am wenigsten. Ich habe
Beweise –

Prinz.               Meines Irrtums?

Helene.                                     Ja, mein Prinz.

Prinz. Sie machen mich begierig –

Helene.                                       In der Tat?
Nun wohl, so lassen Sie ein Beispiel sich
Erzählen, das ich selbst erlebt und das
Den schönen Glauben mir, den ich verfechte,
Zur freudigsten Gewißheit schuf. Ich will
Mich kurz zu fassen suchen. Wollen Sie
Ein ruhig Ohr mir schenken?

Prinz.                                         Reden Sie!
Nur allzugern ja würd' ich meine Zweifel
Durch Sie zerstreut sehn.

Helene.                                 Vor'gen Winter war's.
Sie standen damals bei dem Heer in Frankreich,
Das um Paris die Eisenfessel schlug.
O, welche Zeit war das für uns, voll Angst
Und Hoffnung, wußte jede doch im Feld
Den Sohn, den Bruder, den Geliebten stündlich
Von tödlich drohender Gefahr umringt.
Ach, alle unsre Wünsche waren dort!
Hier aber regten tausend Hände sich,
Den armen Opfern, den Verwundeten
Erquickung, Heilung, Linderung zu schaffen.
In Scharen zu den Lazaretten strömten
Die Edelsten der Fraun und walteten,
Von keines Elends Graus zurückgeschreckt,
Der schönsten Pflicht der Weiblichkeit; da galt
Kein Name mehr, kein Standesunterschied.
Wer menschlich fühlte, kam, wer sich geschickt
Zum Helfen zeigte, fand von selbst den Platz,
Und in einmütiger Begeisterung,
Die Ordnung schuf und Unterordnung lehrte,
Gedieh das große Liebeswerk zum Heil.

Prinz. Ich weiß, ich weiß, Sie selbst –

Helene.                                             Auch ich bezwang
Den Drang des Herzens nicht, und in die Reihe
Der Pflegerinnen trat ich. Ach, ich habe
Dort Schreckliches gesehn, und aller Krieg
Ward mir seitdem ein Greul; doch süß auch war's,
Wenn aus dem Aug' uns der erschöpften Dulder
Ein Blick des Danks, ein Hoffnungslächeln traf.
Das war der Preis, um den wir schwesterlich
Wetteiferten, und freudig darf ich 's sagen,
Wir alle taten unsre Pflicht –

Prinz.                                         Gewiß,
Am meisten Sie.

Helene.                   Nicht ich, mein Prinz; doch eine
Tat mehr als alle – ach, ein hold Geschöpf,
So sanft und doch so stark zugleich, wie Gott
Kein zweites schuf. Rastlos bei Tag und Nacht
Umschwebte sie, ein lichtes Engelsbild,
Die Lagerstätten, dem Verzagenden
Hier Trost einsprechend, dort mit leiser Hand
Dem Wunden dienstbar, dort dem Fiebernden
Die saft'ge Frucht, den kühlen Becher reichend.
Sobald sie eintrat, war's, als ging' ein Hauch
Des Friedens durch den Saal, die düstern Stirnen
Erhellten sich, und wo sie nahte, ward
Die Klage stumm, als bannte schon der Anblick
Der unermüdlich Helfenden den Schmerz.

Prinz. Sie malen mir ein reizend Bild. Und wer,
Wer war dies Ideal?

Helene.                         Ich sollte sie
Noch tiefer kennen lernen. Ein Geschick,
Ein günst'ger Zufall, wenn Sie wollen, führt'
In übermächt'ger Stunde uns zusammen.
Die Kunde war gekommen, daß Paris
Gefallen, daß der unglücksel'ge Krieg
Beendet sei; wir aber saßen spät
Am Abend noch im Vorsaal, miteinander
Die Linnen ordnend für den nächsten Tag.
Da scholl von allen Türmen Glockenton,
Und durch die Gassen wogte Fackelschein
Und Chorgesang: Nun danket alle Gott!
Und überwältigt vom gewalt'gen Klang
Des nie so tief empfundnen Liedes brach ich
In heiße Tränen aus und jauchzte mit,
Daß nun die Qual vorüber, und daß Gott
Mein Flehn erhört und gnädig mir den Liebling,
Den teuren Bruder mir beschirmt. Da schloß
Sie plötzlich stürmisch mich an ihre Brust,
»Die Freude«, rief sie, »macht zu Schwestern uns,
Was berg' ich denn mein Glück! Auch mir, auch mir
Kehrt der Geliebte wieder. O, wie hab' ich
Um ihn gesorgt, gebangt! Denn von den Kühnen
Der Kühnste war er stets, in jedem Kampf,
Bei jedem schwersten Wagestück voran.«
Und nun, dahingerissen vom Gefühl,
Entwarf sie mir, in stolzer Wonne glühend,
Ein Bild des Helden – keines Dichters Kunst,
Nur grenzenlose Liebe schildert so.
O wie beglückt erschien mir da der Mann,
Dem solch begnadet Wesen solchen Schatz
Von Inbrunst, Huld und Treue schenkte! Prinz,
In jener Stunde lernt' ich, daß das Herz,
Das Frauenherz nicht kälter im Palast
Als in der Hütte schlägt.

Prinz.                                 O sprechen Sie
Jetzt auch das letzte aus! Sie blieben mir
Den Namen schuldig. Eine Ahnung sagt
Mir, was ich kaum zu hoffen wage. Nennen
Sie mir den Namen!

Helene.                         Gräfin Klara Holmfeld.

Prinz. O Klara, Engel! – Und? (Stockt.)

Helene.                                   Der Glückliche? –
Ja, Prinz, wenn er's nicht weiß, sie nannt' ihn nie.
Doch ihre Schildrung, mein' ich, paßt genau
Auf einen, der sein Glück wohl kaum verdient,
Weil er daran gezweifelt –

Prinz.                                     O mein Gott!
Wie faß ich alles das! Sie konnte doch
So stumm, so scheu tun –

Helene.                                   Doch wohl erst, nachdem
Ihr Schweigen sie verwirrt. Ein weiblich Herz
Voll treuer Neigung bietet sich nicht an.
Erraten will es sein und alles nur
Der unbestochnen Wahl der Liebe danken.
Was sollt' es in der Ungewißheit Pein,
Vielleicht im Stolz gekränkter Hoffnung, tun,
Als sich verhüllen?

Prinz.                         Müssen Sie denn stets
Recht haben? – O, in welch ein Labyrinth
Hab' ich in meiner Blindheit mich verstrickt!
Bestürzt, erschüttert, bis ins Innerste
Verworren steh' ich da. Um Ihre Liebe
Zu bitten kam ich, und Sie wecken mir
Ein totgeglaubt Gefühl im Herzen auf,
Das, plötzlich neu belebt, gewaltsam mich,
Was leugn' ich's? wie ein Heimweh überfällt.
An allen meinen Wünschen werd' ich irr'
Und weiß nicht mehr, was tun, was lassen – o,
Wie lös' ich diesen Zwiespalt!

Helene.                                       Schenken Sie
Mir Ihre Freundschaft, Prinz. Ich hab' es mir
So oft ersehnt, mit unbefangnem Sinn
Und freier Seele durch das Reich des Schönen
Von treuer Hand geleitet hinzugehn;
Dies reine Glück, gewähren Sie es mir.
Dem Zug des Heimwehs aber folgen Sie,
Er führt zum Heile.

Prinz.                           O, was machen Sie
Aus mir, Helene?

Helene.                     Einen frohen Mann,
So hoff' ich, der erkennt, wie reich er ist.

Prinz. Und könnten Sie den Wankelmüt'gen wirklich
Noch achten, der nach einem Sterne griff,
Und dann, des holden Irrtums innewerdend,
Zur Rose, die an seinem Wege blüht,
Zurück sich wendet? Könnten Sie's?

Helene.                                                 Ich will
Die Stunde segnen, da sein Glück er fand,
Mein teurer, teurer Freund!
(Der Jäger tritt ein, rechts.)
                                          Der Wagen, Hoheit.

Prinz. Soll warten!

Helene.                 Nein, mein gnäd'ger Prinz! Ich darf
Sie nicht mehr halten. Unsre Bühnenordnung
Ist gar zu strenge. – Glück auf Ihren Weg!

Prinz. So leben Sie denn wohl! Und Dank – Dank – Dank!

(Ab mit dem Jäger.)

Fünfter Auftritt.

Helene allein. Später Anna.

Helene. Leb wohl, leb wohl, und ahn es nie, in welche
Versuchung du mich führtest. Gott sei Dank!
Nun ist's vorüber, und ich darf mit mir
Zufrieden sein, weiß ich das eine doch:
Ich werde niemals, was ich tat, bereun.
Was wollt ihr, Tränen? Ach, die Wehmut sitzt
Mir noch im Auge; doch mein Herz ist leicht,
Frei, wie der Vogel, der ins Sonnenlicht
Sich aufschwingt aus dem Käfig. – Jetzt erst ganz
Gehör' ich dir, geliebte Kunst, und will
Dir ernst und freudig dienen, dir allein.
(Sie macht einen Gang durchs Zimmer.)
»Heraus in eure Schatten, rege Wipfel
Des alten, heil'gen, dichtbelaubten Haines,
Wie in der Göttin stilles Heiligtum,
Tret' ich noch jetzt« –

(Anna kommt rasch von links; sie trägt Gewand und Schleier über dem Arm, den Kranz in der Hand.)

Anna.                               Helene, Schwesterherz!
Du hast gesiegt! Der Prinz fährt drüben vor
Am gräflichen Hotel –
                                Und du?
Du hast geweint und lächelst doch? –

Helene.                                                   Ich habe
Zwei Glückliche gemacht. Was willst du mehr! –
Jetzt auf die Bühne! Iphigenie
Ist fertig. Gib den Schleier, gib den Kranz!
Ich darf ihn heute ohne Vorwurf tragen.

(Der Vorhang fällt.)








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