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Ebroin

Felix Dahn: Ebroin - Kapitel 5
Quellenangabe
pfad/dahn/ebroin/ebroin.xml
typefiction
authorFelix Dahn
titleEbroin
booktitleVom Chiemgau ? Ebroin ? Kämpfende Herzen
publisherBreitkopf & Härtel
seriesGesammelte Werke - Erzählende und poetische Schriften
volumeZweite Serie: Band 2
illustratorHugo L. Braune / H. Grobet / Hans W. Schmidt
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20110410
modified20160412
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II. Abteilung.

Erstes Buch.

I.

Jahre waren ins Land gegangen. Heißer Sommer lagerte auf den schattenlosen Plätzen von Paris.

Da finden wir in dem Bau Leodegars in dieser Stadt den Hausherrn in eifrigem Gespräche wandelnd mit Hektor, dem Patricius von Marseille. »Komm,« hatte der Prälat nach Aufhebung der reich besetzten, reicher noch geschmückten Tafel dem Gastfreund zugerufen, »komm, laß uns da unten im immerfrischen Grün wandeln, lustwandeln. Ja, lustwandeln,« wiederholte er behaglich, die wohlgepflegte Hand in der dunkelbraunen Marmorschale spülend, die ihm, duftenden warmen Wassers gefüllt, ein schön gewandeter junger Diener hinhielt. »Denn es ist eine Lust, all' der Dinge zu gedenken, die sich nun gestaltet haben in Neuster und Burgund. Und eine Lust auch ist es für den Bauherrn und den Gärtner, dem Freunde zu zeigen, was er da unten alles gebaut, wiederbelebt, geschaffen, gepflanzt hat. Oft muß ich's mit Behagen denken: wie würde sich jener Abtrünnige – Julian! – wundern und ärgern, müßte er mit ansehen, was ich aus seinem Phöbostempel geschaffen. Er rühmte, daß hier an der Seine Lorbeer und Myrte überwintern um seine Götterbilder her: – nun grünt der Lorbeer, glänzt der Marmor mir! Einem Bischof der Kirche, die er vernichtet zu haben wähnte! Der arme Narr von einem Asketen. – Hast du den aufwartenden Knaben bemerkt, seinen Wuchs? Ein wahrer Ganymed! Aber du hast nur Augen für die schöne Aurelia. Komm nun in den Garten, er wird dir gefallen.«

»Ich begreife,« entgegnete der Gast, wie er staunend, bewundernd von dem Speisesaal aus durch eine Reihe von reich und edel geschmückten Gemächern an romanisch-byzantinischen Rundbogen der seltensten Marmorarten vorüber endlich über eine zu beiden Seiten von antiken Götterstatuen bewachte Freitreppe in den parkähnlichen Garten gelangte, »ich begreife, mit welchem Stolz der Bauherr – wie du treffend sagst, – den Umbau betrachtet und herzeigt den stolzen Neubau, den er im Reich der Franken so glänzend durchgeführt hat wie an diesem Haus und Garten. Aber bitte, berichte mir von den Neubauten im Staate Genaueres. Du gedenkst: unmittelbar von jenem Hoftag hinweg, von dem Schlachtfeld sozusagen deines großen Sieges, hast du mich nach Byzanz geschickt, die längst rückständigen Geldzahlungen einzuheischen, die wir für Waffenhilfe gegen Goten und Langobarden zu fordern haben! Soeben erst in Marseille eingetroffen . . .«

»Leider mit leeren Händen,« seufzte der Bischof. (Sieh diese neue Lilienart: feuergelb! Papst Vitalian sandte mir die Zwiebeln aus Monte Casino. Nicht geschenkt. Ich mußte ihm dafür die beiden Daumen der heiligen Consortia schicken. Ach, hätte die Gute doch vier Daumen gehabt!) »Leider sag' ich. Denn so glänzend alles im Reiche bestellt ist, – mit dem Gelde hapert es hart. Kein Wunder! Die eine Hand, die mir geblieben, ist eine Verschwendehand, die Erwerbehand hab' ich, so scheint's, verloren. Und ich muß viel, viel mehr ausgeben als ich habe. Wie ich das mache? Davon zuletzt! Es ist nicht hübsch. – Frage, so kommen wir am raschesten ins klare.«

»Ich staune über mancherlei. Unter Majordomus Hermengar reise ich ab: – ich komme wieder und finde als Majordomus . . .« »Niemanden!« lächelte der Prälat. »Ja, siehst du, das kam so. Dieser Herzog Hermengar, den uns die Heilige – sie soll jetzt bei Mondlicht unaufhörlich Gesichte haben! – als Abschiedsgeschenk vermacht hatte, ist ein vortrefflicher Kriegsmann, überhaupt ein ganz vortrefflicher Mann, aber das Gegenteil von einem Staatsmann. Der verhält sich zur Staatskunst wie der Nordsturm zum Flötenblasen. In den ersten paar Wochen hatten ihn Oheim Dedo – du, der versteht sich auf feine Nadelstiche! – und . . . nun ein anderer dermaßen verärgert, indem wir immer ›ja‹ sagten und ›nein‹ thaten, daß er uns alsbald eines Morgens, glutroten Kopfes, das vielbeneidete Elfenbeinstäbchen des Majordomats vor die Füße warf und sich wieder den Heerbefehl an der Gotengrenze erbat. Den gaben wir ihm gern, aber jenes Stäblein . . .« »Nun?« forschte Hektor eifrig. »Ja,« lächelte Leodegar, »das Stäblein schlag' dir aus dem Sinne, du Helmumflatterter. Das Stäblein ließen wir liegen, wo es fiel und wehe der Hand, die es ergreifen wollte.« – »Warum nahmst du's nicht selber auf?«

»Ein Bischof! An weltliche Dinge rühren? Und zumal so vor aller Welt? O der Sünde! Nein, es geht auch ohne Majordomus. Ich heiße ganz bescheiden: ›Leiter des Palastes‹: ›rector palatii‹: und leite in der Stille Reich, Palast, König und Kirche.« – »Und dieser König: wie läßt er sich an?«

Leodegar zuckte die Achseln: »Er ist ein Merowing! Das sagt alles. Das heißt doch aber nur: er ist ein Merowing im sechsten Grad von Chlodovech, ein Merowing des untergehenden Geschlechts. Er ist daher schlau, verschmitzt, falsch wie nur ein echter Merowing, – ein Sprößling Chlodovechs! – sein kann. Daneben dumm bis zum Blödsinn wo irgend der Glaube, wollte sagen der Aberglaube, ins Spiel kommt. Wollüstig, gewaltthätig, recht- und ruchlos, rachsüchtig, bösartig: – aber feig, wo er auf Kraft trifft. So ist der Knabe Childerich.« – »Er folgt dir doch unbedingt?« »Bis jetzt – ja. Ich möcht' es ihm auch raten,« drohte der Bischof finster. »Es giebt gar viele Klöster noch außer Luxeuil und noch mancher Merowingensproß steht zur Verfügung, muß ich diesen einmal scheren lassen: zum Beispiel sein jüngerer Bruder Theuderich. Noch hält es: – aber es könnte brechen. Zum Glücke sieht er nichts von allerlei Schatten im Reiche, die der Glanz meiner Herrschaft wirft, ah werfen muß. Aber höre weiter. Du mußt doch erfahren, wie wir das Ergebnis jenes Siegestages festgelegt, gesichert, ja gesiegelt – buchstäblich gesiegelt! – haben für alle Zeiten. Der Sieg ward erfochten von zwei Verbündeten: den Bischöfen und dem Weltadel: billigerweise mußte die Siegesbeute unter sie geteilt werden. Die Beute aber ist der Staat. So hab' ich denn auf dem nächsten Hoftag eine Reihe von Gesetzen beschließen lassen, die sind . . . nun, die sind nicht übel,« schmunzelte er. »Man sagt, der Vater dieser Gesetze sei kein schlechter Jurist . . .« – »Ein gefürchteter, sagt man.« – »Nun, du wirst sie im einzelnen kennen lernen: zum Beispiel, der Graf muß aus dem Gau sein, dessen Graf er werden will, seine Amtslehen müssen in diesem Gaue liegen.« »Nicht schlecht,« lachte der Patricius und strich das nach Römerart glatt geschorene Kinn. »So vererbt sich das Amt mit den Gütern und wir werden Könige im kleinen, denen in ihren kleinen Königreichen der König im großen nichts zu sagen hat.« »Ja, ja,« meinte der Bischof fast verdrießlich, »so treibt ihr's, ihr Herrn Seniores. Schon klagt man über die zahllosen Gewaltherrn in ganz Neuster und Burgund.« – »Wer klagt? Doch nicht ihr Bischöfe?« »Bewahre! Wir suchen's euch nachzuthun. Auch in der Erblichkeit,« lachte er cynisch. »Nein: aber die kleinen Freien, die Bauern! Sind sie einmal aufgestört, kommen sie nicht wieder zur Ruhe mit Klagen und Anklagen und Begehren.« Hektor stampfte mit dem Fuß: »Winseln diese Hunde immer noch?« – »Sie bellen sogar! Zum Glück hab' ich ihnen einen Maulkorb angelegt, – daß sie nicht mehr beißen können. Und das ist gut. Denn viele sind wuttoll vor . . . nun ja, vor Verzweiflung. Ein Majordomus wie dieser Ebroin und sie zerfleischen uns.«

»Wann nun aber einmal ein Majordomus wiederkommt?« Die Frage klang besorgt. »So lange ich lebe, kommt keiner mehr. Kehrt aber doch einmal einer wieder, nun, ich hab' ihn durch jene neuen Gesetze gefesselt für alle Zeit. Nicht mehr der König ernennt, der Adel wählt ihn.« – »Gut.« – »Jedesmal aus einem anderen Geschlecht.« – »Sehr gut.« – »Der Adel wählt ihn nur auf Zeit.« – »Noch besser.« – »Er setzt ihn beliebig ab.« – »Am besten.« – »Jedes Adelsgeschlecht – der Reihe nach – soll also einmal daran kommen.« – »Vortrefflich! So wird das ein Schattenamt – neben einem Schattenkönig. In Wahrheit herrscht . . .« »Ihr: – der Adel,« lächelte Leodegar verbindlich.

»Höre,« forschte der Edeling, plötzlich stehen bleibend. »Doch gewiß nicht wir – der Adel – allein? Ihr Bischöfe habt euch sicher nicht vergessen bei der Teilung der Beute. Was hast du für euch . . .?« »Komm,« erwiderte der Wirt schmunzelnd, »speereschüttelnder Hektor, Stolz der Troer und des Frankenadels, versuche diese köstliche Erdbeere,« er bückte sich und holte die große, gelbrötliche Frucht unter den breiten dunkelgrünen Blättern hervor. »Eine neue Art: der Abt des Johannesklosters in Monza in Italia sandte sie mir. Süß wie Aurelias Kuß, nicht? So! – Nun, daß ich lediglich für euch, gar nicht für uns gesorgt, – das würde mir ja dein heller Scharfsinn doch nicht glauben. Also: ein paar kleine Sicherungen mußte ich freilich wohl für die heilige Kirche aussinnen. Ich glaube, es gelang. Du wirst das alles lesen. Denn ich habe das ganze Gesetz: – ›das Gesetz von Autun‹ – dort hielt ich den Reichstag ab – nenn' ich es – zusammenschreiben lassen auf ein Pergament: das hab' ich, wie vom König, von allen Bischöfen des Reichs, von allen Senioren beschwören, von allen Bischöfen aber auch noch segnen und weihen lassen, und neben dem großen Königssiegel hab' ich sechs der kostbarsten Reliquien in Silberkapseln an golddurchwirkten Schnüren daran aufgehängt: – ich sage dir, die sechs Kapseln sind sechs Kunstwerke: Hab' ich doch selbst die aufgepreßten Zierraten gezeichnet, freilich nach heidnischen Mustern, die ich in diesem alten Phöbostempel fand. Hat ein Vermögen gekostet: – etwa zehn Bauernhöfe wert! Tiefes hochheilige Weihtum, jetzt den Reliquien selbst an Würde gleich, hängt an goldenen Ketten, an sicherster Stätte: in der Basilika zu Autun über den Gräbern der heiligen Märtyrer. Wehe der Hand, die daran rühren wollte, Patricius, und sei sie noch so edlem Blut entsprossen.« Hier traf der Blick der stechenden schwarzen Augen so drohend, daß der Laie sich erschrocken bekreuzte: »Ja, der wäre der Hölle verfallen!« brachte er zagend hervor. Zufrieden mit dem erzielten Eindruck, fuhr der Leiter des Palastes fort: »Solange sie keinen Führer finden unter den Großen, sind sie nun ungefährlich, die Kleinen. Wenigstens solange ich lebe. Und was nach mir kommt: – was kümmert's mich? Was ist mir dieses Reich der Franken? – Die Scholle, auf die mich der Zufall der Geburt gesetzt. Die heilige Kirche bindet sich nicht an die Gliederung der Völker: – warum soll ich es thun?« »Jedoch,« meinte der Römer, »der Staat . . .« »Ist des Teufels, wie die Kirche des Herrn. Komm' du mir nicht mit den Heiden, . . . ausgenommen,« sprach er und strich wohlgefällig mit der flachen Hand über die Hüfte eines Eros, der aus dem dunkeln Grün einer Lorbeerhecke die weißen Marmorglieder hob, »mit ihrer Schönheit. Ihr Staat aber . . .? Weißt du, was Sankt Augustinus lehrt? Nur so viel Recht und Berechtigung haben Gesetz und Staat, als die lex aeterna, das heißt die Lehre der Kirche, ihnen zuteilt. Es kann also nie einen Widerstreit zwischen Staat und Kirche geben, wie dieser plumpe Hermengar behauptete, da er mir die Befreiung der Kirchen von der Grundsteuer nicht bewilligen wollte: denn wo der Staat mit der Kirche in Streit gerät, da ist er ja an sich schon im Unrecht.« – »Diese Befreiung der Kirche von der Landsteuer, – du hast sie durchgesetzt?« – »Ich sollte meinen! Herr Hermengar spaltet wieder Gotenhelme, dafür taugt er, nicht Rechtsbegriffe, dafür tauge ich. – Aber freilich, auch dies hat viel bös Blut gemacht. Und wahr ist es: unter den unaufhörlichen Spenden an Kirchen und Adel ist der Königsschatz, den Vanning gefüllt hatte, aufs neue geleert, das Fehlende – die Kosten meines Hofhaltes, meiner Bauten, meiner Kunstliebe überhaupt, die Bestechungsgelder an die Großen in fremden Landen, zu Metz, Byzanz, Pavia, Toledo, – all' das muß eingebracht werden durch die Steuern und Fronden der Kleinen. Mein Schatzmeister, Bruder Gairinus, hat sie verdreifacht, verfünffacht. Es langt nicht! Die Bauern können's nicht mehr. Sie laufen lieber in die Wälder, lassen den Pflug auf dem Acker stehen, der ihnen doch nichts trägt, sie rotten sich dort zusammen in Räuberbanden . . .« »Das ist ja,« meinte Hektor erschrocken, »wie zu den Zeiten der alten Ahnen, wie in dem Aufruhr der Bacauden.« Leodegar zuckte die Achseln: »Kann's nicht ändern. Bischöfe und Seniores verlangen mit Recht ihren Beuteteil. Und ich: – nun, knausern hab' ich nicht gelernt, du auch nicht! Mögen sie hungern, wir müssen üppig schmausen! Das Volk? 's ist gar kein Rechtsbegriff: – und was ist des ›Volkes‹ Wert? Der Thor, Ebroin, er hat's erprobt. Das Volk, dem er – wirklich! – ich weiß es aus seinem Munde: nicht Lüge, nur Wahn ist es von ihm! – helfen wollte – hat ihn mir in die Hand und in den Kerker geliefert. Nieder, was in die Niederung gehört! Aber da bringt Ganymed den Nachtrunk: bester Räter aus dem Castrum Rametzanum, dort an der Etsch – schon Augustus trank ihn gern –! Ein Heilô den Seniores und der Kirche, dem Adel des Geblütes und des Geistes! Sie sind von Gott dem Herrn sichtbarlich berufen zu herrschen, zu glänzen . . .« »Und zu genießen, wie du zu sagen liebst, denn das ist deine Dreieinigkeit!« schloß Hektor, ihm Bescheid trinkend: »Du selbst zugleich ein Edeling und ein Priester höchsten Ranges. – Und so werde ich denn keine Fehlbitte thun an meinen hohen Verbündeten. Es handelt sich nämlich um Aurelia . . .«

Leodegar blieb stehen, hob die Augenbrauen ein wenig und blies leise vor sich hin: »Puh! Schon aus? Das letzte war doch, daß du sie der frommen Muhme entführtest. Auf Frauenraub steht Exkommunikation und – nach deinem römischen Recht – der Tod. Ich habe das Verfahren auf Kirchenbann auf deinen Wunsch niedergeschlagen, habe sogar – was verboten! – die Ehe zwischen dem Entführer und der Entführten verstattet: – und jetzt soll wohl die Ehe angefochten werden? Ich hörte so was von einer jüngeren Schwester? Ja? Ei, das geht etwas rasch! Die Gemeinde von Marseille wird ein Ärgernis nehmen: – aber das ist sie an dir gewohnt. – Nun, es wird sich wohl ein kanonischer Rechtsgrund austüfteln lassen.« – »Nicht doch! Nicht das! Und was die Schwester betrifft – Aureliana heißt sie – so ist Aurelia . . . nun, sagen wir: nachsichtig.« »Ja, ja, man kann den Frauen die Eifersucht nicht früh genug abgewöhnen. Sie ist ja Sünde! Schließlich – sieh hier an der besonnten Südwand die beiden Aprikosen an Einem Zweig: du hast recht: man soll nicht trennen, was Gott verbunden!« Und er pflückte beide und verzehrte sie, mit Wohlbehagen ihre Süße schlürfend, eine nach der andern.

»Aber nun höre,« hob Hektor wieder an. »Die fromme Muhme – der Satan brenne sie für ihre Frömmigkeit! – hat in ihrem Testament zwar ihre beiden Nichten zu einzigen Erbinnen eingesetzt . . .« Nun blieb der Bischof abermals stehen und lachte ihm ins Gesicht: »Na, höre, mehr kannst du doch eigentlich nicht verlangen. Du hast beide hübsche Mädchen und beider Geld . . . was . . . was willst du denn nun noch?« – »Ah, die dumme Gans hat – als sie starb, kam's zu Tage! – ein Drittel ihres unermeßlichen Vermögens den Armen der Kirche ihres Geburtsortes vermacht.« – »Ei, Freundchen, gönne ihnen das Drittel.« – »Um keinen Preis! Bedenke, hunderttausend Solidi!« – »Und zweimalhunderttausend – plus der beiden schönen Weiber – hast du: ist dir das nicht genug?« – »Nein.« – »Nun, dich ehrt deine Offenheit. Ohm Dedo würde seinen Martial anführen: Fortuna multis dat nimis, satis nulli, das Glück giebt vielen zuviel, genug keinem!« Der Geburtsort ist . . .?« – »Clermont.« Abermals hemmte Leodegar rasch den Wandelschritt. »Oh . . . Oh . . .« pfiff er leise vor sich hin. »Praejectus also, mein alter Widersacher, ist zuständig zur Klage? Ei, das reizt mich.« – »Herrlich!« »Das heißt,« der Bischof begann, kopfschüttelnd, aufs neue zu wandeln, . . . »die Sache hat ihre Dornen! Zwar gerade die feine Rechtsfrage würde mich anziehen. Man müßte,« er grübelte vor sich hin, »man müßte die alte wurmstichige falcidische Quart aus dem römischen Recht . . . was verstehen unsere Richter viel davon? Große lateinische Brocken machen ihnen gewaltigen Eindruck. – Allein es wäre wieder Wasser – Vollwasser! – auf die Mühle der Unzufriedenen. Wieder eine ›Beraubung‹ (– unrichtig: zum Raub gehört Gewalt! –) der kleinen Freien zu Gunsten des Weltadels, würden sie schreien. Und wenn dies Geschrei immer wieder zu den Ohren des Königs dringt . . .« – »Ich denke, er folgt dir?« – »Ja, ja. Doch scheint er in der letzten Zeit manchmal des Vormundes müde, so freien Spielraum ich ihm lasse für seine . . . Freuden. Mitten durch seine Liederlichkeiten dringt manchmal ein anderer Ton: – ich weiß, woher der klingt!« – »Woher?« – »Aus Chelles. Die Heilige und die alte Betschwester Leutrud schreiben ihm fromme Briefe, bisher unschädliche: ich lese sie ja alle heimlich vor ihm: aber in dem letzten haben sie ihm von der Not der Freien vorgejammert, die im ganzen Reiche unter dem Steuerdruck seufzen! Ja, und – denke nur! – am Schlusse hieß es: ›erwäge, daß dem Königtum der Adel über die Krone zu wachsen droht, während deine einzige wahre Stütze gerade gegen diesen Adel jene verzweifelnden kleinen Freien sind‹.« – »Bei Sankt Martin! Das ist nicht mehr Frömmigkeit, nicht mehr Weibergewäsch, das ist . . .« – »Staatskunst. Seine – Ebroins! – Staatskunst! Ich kenne sie inwendig und diese Weiblein haben sie auswendig gelernt. Denke nur, das Königsbürschlein stellte mich ordentlich zur Rede und verlangte meine Meinung über diesen Satz.« – »Nun, du wirst ihn . . .« – »Ich hab' ihn nur an die zweitausend Bauern erinnert, mit denen jener Hochverräter den Willen des Hoftages brechen wollte. Ich hab' ihn erinnert, wie dieser Bauerntrotz sich schon gegen seinen großen Ahn, den ersten Chlodovech, erdreistete: – die Geschichte jenes Kruges von Soissons, – ein frecher Heermann zerschlug ihn, als ihn der König über seinen Beuteteil hinaus verlangte – sie blieb ihm nicht erspart, das magst du glauben. Nun, das half für diesmal. Aber auf wie lange wirkt's? Mischt sich freilich mein alter Feind Praejectus ein, dann erheischt es die Selbsterhaltung . . . Was ist's, was meldest du, Akoluth?« Der reichte unter tiefer Verneigung auf flacher goldener Schale ein kleines Pergament hin.

»Ein Breve? Vom König? Du verstattest, daß ich lese: . . . ›Begieb dich sofort zu mir und lade durch Eilboten den Patricius Hektor von Marseille. Er ist schwer verklagt – auch du bist mit bezichtigt – durch den ehrwürdigen Bischof von Clermont.‹«

Beide zuckten zusammen.

»Gut,« sprach Leodegar, sofort gefaßt. »Das ist ein Trompetenstoß: er ruft zum Kampf. Komm, tapfrer Hektor! Hier gilt's mehr als jene paar Solidi: das wird der Kampf auf Tod und Leben.«


II.

Mehrere Tage waren hingegangen über die Verhandlungen, die zwischen dem Kläger Praejectus einerseits, dem Beklagten Hektor und dessen Rechtsbeistand Leodegar andrerseits vor dem König waren geführt worden.

Nach Vernehmung von Zeugen, Verlesung und Vergleichung von Urkunden war auf den dritten Dienstag nach Pfingsten abermals ein Gerichtstag in dem Palatium zu Paris anberaumt worden: – in weitgestreckter Frist, den Parteien Zeit zu lassen, noch andere Beweismittel beizuschaffen. Ein geschäftiges Mühen von abreitenden und einsprengenden Boten aus dem Königspalast, dem Hause Leodegars, dem Kloster des Iren Columba, in dem Praejectus abgestiegen war, ließ erkennen, wie eifrig der wichtige Handel betrieben wurde. Denn in der That, nicht mehr bloß um jenes fromme Vermächtnis handelte es sich.

Die festgesetzte Stunde war lange verstrichen, die Urteiler, die Parteien und ihre Begleiter harrten schon ungeduldig auf den breiten Stufen der Freitreppen, die zu dem Palast hinaufführten, die Sommersonne brannte heiß auf diesen Marmor und die Bänke der Urteiler, als endlich die Vorhänge rauschten, die in das Innere führten und unter Voranschritt des Pfalzgrafen der Merowing erschien. Schleifenden Ganges kam er geschlichen: er versank und verschwand in dem für Erwachsene bemessenen Königsmantel, den die goldgestickten Bienen allzulastend beschwerten. Mit einem müden Nicken des Kopfes erwiderte er die ehrdienigen Grüße der Versammelten: es war ihm sichtlich eine Mühe, die schweren Lider der Augen aufzuschlagen: die Jahre unüberwachten, ungezügelten Lebens hatten offenbar in der Zerstörung dieses jungen Lebens starke Fortschritte gemacht. Wie er die paar Stufen des mit Purpur ausgeschlagenen, von einem Purpurbaldachin gegen die Sonnenstrahlen überdachten Thrones hinanstieg, strauchelte er über das lange Schwert, – das unnütze! – das ihm vom breiten, goldgestickten Wehrgurt niederhing: er wäre gefallen, hätte nicht Leodegar, hinzuspringend, ihn mit seinem Einen Arm gehalten, ja den schon Gleitenden wieder aufgerichtet.

Ein finstrer Blick ward sein Dank: »Höchst überflüssiger Eifer, rector palatii,« sprach der Knabe. »Voreilig! Zur Schau getragen! Der Enkel Chlodovechs bedarf nicht der Stütze auf seiner Ahnen Thron. – Entschuldige,« fuhr er in ganz anderem Tone fort, »ehrwürdiger und teurer Herr Bischof von Clermont, daß ich dich warten ließ. Mein Arzt hat verboten, mich zu wecken. Da ich des Nachts nicht Schlaf finde, muß ich lang in den Tag hinein . . . O, schiebt mir ein Kissen hinter den Rücken: – er schmerzt. Nun, beginne oder vielmehr fahre fort in deiner Klage, Praejectus.«

Die vielen Jahre hatten das Haar des Bischofs völlig mit Silber überhaucht, seine Haltung war nun die eines alten Mannes: aber die großen, durchdringenden blauen Augen hatten ihren hellen Glanz behalten und die Stimme ihren kräftigen Wohlklang.

»Herr König, der Fürsprech des Beklagten hat zuletzt vorgebracht, auch wenn das von ihm angefochtene Testament der Domna Benigna zu Recht bestände, – kraft Eurer Herrschergewalt hättet Ihr zu verhüten, daß soviel Geld den nächsten Erbinnen entzogen und den Armen zugewendet werde.« »Jawohl,« rief Leodegar. »Wie sagt die Lex Romana?princeps legibus solutus‹ das heißt: der Herr König steht über Gesetz und Recht und: ›regis voluntas . . .‹ oder, was dasselbe ›salus publica suprema lex esto‹ des Königs Wille (der stets gleich ist mit dem öffentlichen Wohl) ist oberste Richtschnur des Handelns.«

Das schien dem Knaben da oben auf seinem Purpursitz gar wohl zu gefallen: freundlich nickte er jetzt dem Unterbrecher zu. »Mit Urlaub, Herr König, das war niemals Recht im Volk der freien Franken,« sprach da der Pfalzgraf Bodilo, Aigulfs Nachfolger, »und solche Rechtsbelehrung muß ich schelten.« »Bist du gefragt?« zischte der König und ballte die dünnen Finger um den Drachenknopf der rechten Armlehne. »Nein! Aber meines Amtes ist's, ungefragt den richtigen Gang des Rechts vor dem Hofgericht zu überwachen: und ich wache schärfer als Aigulf.« Der bleiche Jüngling drückte die Augen zu: »Warte nur: Hähne, die zu laut krähen, krähen nicht lange,« murmelte er aus halbgeschlossenem Munde. »Ich aber sage dir, Herr König,« fuhr Praejectus fort, »du sollst ein König sein nicht nur für die Großen und Reichen, vorab ein Schirmer und Schützer der Kleinen und Armen, die sich selbst nicht schützen können: das gelobtest du in deinem Königseid und das sollst du halten oder wehe deiner Seele nach dem Tode!«

Der Kranke zuckte zusammen.

»Die Not der Kleinen in deinem Reich ist aber himmelschreiend! Die Bauern um Clermont, um Rouen, um Poitiers, um Tours, um Orleans haben's nicht mehr ertragen. Sie haben zu den Waffen gegriffen!« »Aufruhr? Infidelitas!?« rief der bleiche König und fuhr empor. »Ich darf's nicht entschuldigen, aber ich muß es begreifen,« schloß der Kläger. »Bah,« rief Hektor, ans Schwert schlagend. »Ich sprenge diese Haufen von Knüttel- und Sichelträgern mit meinen siebzig Vasallenreitern allein auseinander.«

Da winkte Praejectus und aus den ihn verdeckenden Priestern seiner Begleitung trat ein stattlicher Krieger in voller Waffenrüstung hervor.

»Herzog Hermengar!« rief der König erstaunt. »Du hier? Du solltest ja die Feinde an der Gotenmark zurückwerfen!« – »Sie sind geworfen. Aber schleunig rief mich von dem Siegesfeld bei Nimes zurück der Hilfeschrei deines Schatzmeisters . . .« »Was ist mit meinem Bruder?« forschte Leodegar bestürzt. »Geschlagen ist er, aufs Haupt geschlagen von den verzweifelten Bauern, die er in ihren Wäldern bei Orléans aufsuchte, sie selbst als Schuldknechte zu greifen, nachdem er ihnen das letzte Rind, den Pflug und das elende Bett genommen. Schwer verwundet liegt er zu Orléans: mit Mühe rettete ich die noch Übrigen seiner Schar. Schaff' Hilfe, Herr König, oder diese Flammen schlagen über dir zusammen.« »So übel hat man mich bisher beraten?« grollte der und sah drohend auf den Leiter des Palastes. »Und in solcher Zeit will man den Armen von Clermont entreißen, was ihnen frommer Sinn gespendet hat?« rief der Bischof. »Gemach,« entgegnete Leodegar unerschüttert: »›Justitia fundamentum regnorum‹. Auf gerechtem Gericht ruht alles Königtum. Die beiden Nichten sind die nächsten, die einzigen Familienerben: ihnen gehört die ganze Erbschaft: – denn jenes Testament oder doch das zugefügte Vermächtnis ist – falsch.«

»Falsch? Falsch?« ging es da mit staunendem Gemurmel durch den Umstand. »Gieb acht, was du sagst,« warnte der Pfalzgraf. »Auf diesem Wort, kannst du es nicht beweisen, steht . . .« »Ehrlosigkeit, ich weiß,« entgegnete der Fürsprech.

»Ich schelte die Urkunde falsch mit meinem Schwert,« rief Hektor. »Kampflich steh' ich für die Schelte ein.« »Wo ist das Pergament?« fragte der König. »Hier,« sprachen Kläger und Beklagter zugleich. Und beide reichten ihm je ein Exemplar der Urkunde auf den Thron, sie auf seinen Schos legend.

»Seht nur genau hin, Herr König! In beiden Exemplaren – Praejectus vertraute mir das seine auf kurze Zeit an – ist die Zeile, die das Vermächtnis enthält, mit andrem Atrament – jüngerem – geschrieben oder doch übermalt.« »Unmöglich!« rief Praejectus. »Das hab' ich vorher nie wahrgenommen.« »Doch ist es so,« sprach der König. »Sieh her: . . . dies ist doch dein Exemplar? Das mit dem Bischofkreuz gezeichnete?« – »Jawohl. Eben erst gab mir's Leodegars Tabellio zurück: ich zog es noch nicht aus der hölzernen Hohlrolle. Was . . . was sehen meine Augen? Wirklich . . . das ist andre Tinte . . .« »Und ebenso in unsrem,« sprach Leodegar mit dem Finger auf die Zeile deutend. »Schau nur her, Kläger.« Aber Praejectus starrte noch immer auf das Pergament . . . »Das . . . das war früher nicht. Das ist . . . Zauberei. Oder« – nun richtete er plötzlich die leuchtenden Augen auf den Bischof von Autun »oder . . . Schlimmeres.« »Was soll das heißen?« rief der laut. Aber die Entrüstung schien gemacht und er senkte dabei die schwarzen Wimpern. »Ich . . . ich wage nicht . . . noch nicht,« fuhr der Ehrwürdige fort, seine Stimme bebte . . . »gegen einen Bruder im hohen Amt . . . Aber ich begreife nicht . . .« Da sprach Bodilo, der Pfalzgraf: »Mit Gunst, Herr König: beide Urkunden sind nur Abschriften: beglaubigte zwar, aber doch nur Abschriften. Wo ist die Urschrift?« »Verloren, leider verloren!« erwiderte Leodegar achselzuckend. »Ja, verloren,« wiederholte Praejectus. »So muß auch ich annehmen. Zwar fand ich in dem Nachlaß der frommen Frau – all' ihre Urkunden hatte sie vor ihrem Tode mir versiegelt zur Aufbewahrung übersandt – einen schmalen Pergamentstreifen, – hier ist er, Herr König, – auf dem offenbar geschrieben stand, wo die Urschrift – zur sichern Behütung – hinterlegt war: ›in Kloster . . .‹ hieß es: allein der Name des Klosters ist abgerissen: ich fand nur einen kleinen Fetzen, die Buchstaben darauf waren unleserlich. Ich sandte nun umher an alle Klöster, um Clermont, um Marseille . . . vergeblich.« »Nun, unmöglich,« höhnte Hektor, »können wir warten, bis alle Klöster des Frankenreichs ihre modernden Urkunden durchstöbert haben. Herr König, ich heische ein Urteil des Hofgerichts.« Da eilte ein Geistlicher des Praejectus in den Palast und flüsterte ihm ins Ohr: hochauf horchte der. »Jawohl,« fuhr Hektors Fürsprech fort, »die beiden allein vorgelegten Abschriften sind gefälscht: es liegt also kein Testament vor und jede der beiden Nichten erbt die Hälfte. Ich heische das Urteil des Pfalzgerichts.« »Rasch, rasch,« rief Praejectus dazwischen. »Herein, herein mit ihr.« »Was unterbrichst du die Verhandlung?« grollte der König, dem das lange Sitzen verleidet war. »Herr König,« warf der Pfalzgraf ein, »noch ist der Beweis in vollem Schreitegang. Laß den Kläger gewähren. Welch' neue Beweismittel bringst du noch vor?« »Eine Urkunde,« rief der, »und eine Zeugin. Platz! Platz! Gebt Raum dort an der Thür: Platz für die Königin Balthildis.«


III.

»Was will die Nonne wieder in der Welt?« grollte Hektor leise. »Wer hat ihr verstattet, ihr Kloster zu verlassen?« zürnte Leodegar laut. »Es steht unter dem Bischof von Paris. Ich werde den fragen, ob er . . .« »Nicht weiter, Rektor,« entgegnete der König. »Ich habe es vor sieben Tagen unmittelbar unter die Krone gestellt. Willkommen, heilige Frau Mutter! Was führt dich hierher?« Erschöpft sank die Frau auf eine Polsterbank, die ihr die Geistlichen des Praejectus hinschoben: man sah an ihrem langen weißen Nonnengewand die Spuren hastigen Rittes über schmutzige Wege. »Was mich – gegen meinen Willen! – aus der Stille des Klosters hierher führt? Die Pflicht, mein Sohn, die Pflicht, für die Wahrheit, für die bedrohten Armen Zeugnis abzugeben. Sobald der Bote dieses ehrwürdigen Dieners Gottes dort mit seiner Frage mich erreichte: – er meldete, heute schon falle hier die Entscheidung! – raffte ich mich auf, holte die mir anvertraute Urkunde aus dem Altarschrein, wo wir sie verwahren, und eilte – mit Verstattung der Frau Äbtissin – so rasch mich das Maultier tragen konnte, hierher, ohne Rast, ohne den Zügel zu ziehen. Hier ist die Urschrift des Testaments meiner alten Freundin Benigna. Und nun erfüll' ich zugleich die Bitte der Sterbenden: sie beschied mich an ihr Lager, sie beschwor mich, mit aller meiner Macht dafür einzustehen, – ich war damals noch Regentin dieses Reiches! – daß das Drittel ihres Vermögens, wie sie es in dieser siebenfach versiegelten Urkunde – seht hin, die Siegel sind unverletzt! – bestimmt habe, doch auch gewiß den Armen von Clermont zukomme: denn sie fürchte alles von dem Patricius Hektor. Ich leistete ihr den Eid, den sie verlangte, und stehe jetzt hier, ihn zu erfüllen. Schirme das Recht, mein König und mein Sohn.«

Da durchdrang gewaltige Aufregung das Pfalzgericht: Leodegar erbleichte, Hektor griff trotzig ans Schwert.

Mit zitternden Händen zerschnitt der König mit dem Kurzschwert, das ihm der Pfalzgraf reichte, die Verschnürung, die, unter den Siegeln hinlaufend, das Pergament zusammenhielt, entfaltete es und las: . . . »den dritten Teil aber meines Nachlasses vermache ich den Armen der Kirche zu Clermont unter Verwaltung des hochehrwürdigen Bischofs dort und ich bedrohe mit dem Fluche der ewigen Verdammnis Hektor, den Gatten meiner Nichte, und jeden sonst, der diese fromme Zuwendung anficht und jeden seiner Helfershelfer bei solchem Frevel und den Herrn König . . .« – erschrocken schlug der ein Kreuz. »Und den Pfalzgrafen und das ganze Pfalzgericht, das dieses Recht der Armen brechen wollte. Und dieses Vermächtnis hab' ich auch in die beiden Abschriften dieses Testaments genau eintragen lassen, die ich für den Bischof von Clermont und für meine Nichte Aurelia heute habe schreiben lassen. Diese Urschrift aber habe ich, wie ich in einer Schedula in meiner Urkundenvase verzeichnet habe, in dem Kloster Chelles unter der Obhut meiner gnädigen Gönnerin, der Frau Königin Balthildis, hinterlegt, deren Treue und Frömmigkeit ich die genaue Ausrichtung empfehle. Gott gnade meiner Seele in Ewigkeit. Amen!«

Tiefes, eisiges Schweigen folgte auf diese Verlesung, die der König in wachsender Erregung zu Ende führte. »Herr Rektor des Palastes,« rief er nun aufspringend, mit einer Schnellkraft, die überraschte, »und du, Patricius, was sagt ihr hierzu?« Und drohend hob er die Urkunde empor: sie knisterte in seiner vor Zorn bebenden Hand.

Hektor fand kein Wort; finster sah er zu Boden.

Leodegar aber hatte sich gefaßt: er warf das schwarze Haupt trotzig in den Nacken und sprach: »Ich verlange, daß man augenblicklich den Schuldigen verhafte, meinen Geheimschreiber Dessavus. Aber rasch! Denn er verlangte dringend Urlaub: – im Gefühl wohl der Gefahr. Vielleicht ist er schon entflohen.« »Du aber sollst uns nicht entfliehen, Fälscher,« schrie der König außer sich »und nicht dein Geselle. Auf, Lanzenträger, ergreift beide und führt sie in die Kerker des Palastes – in dasselbe Loch,« grinste er, »wohin ihr damals Ebroin gebracht habt. Denn, – wie hat er doch gesagt, der gelehrte Bischof? – ›Justitia fundamentum regnorum‹.


IV.

In dem düsteren unterirdischen Gewölbe der alten römischen Wasserheizung, in das nur durch eine schmale Ritze im Gemäuer einiges Dämmern drang, gab sich Hektor dumpfer Verzweiflung hin. Unablässig durchmaß er mit hastigen Schritten den engen Raum, seufzend, stöhnend, fluchend. »Ah,« rief er, »jede Waffe haben sie mir abgenommen. Sonst hätte ich ein Ende gemacht. Aber diese Mauern sind hart genug: – ich werde mir den Schädel daran einrennen.«

»Das wirst du bleiben lassen,« meinte sein Schicksalsgenosse gleichmütig, sich in einem Winkel des achteckigen Raumes niederlassend und den Rücken an die Wand lehnend. »Es würde deine Seele reuen, sähe sie – vom Fegefeuer aus – mich alsbald aus dieser Finsternis wieder zu Licht und Glanz aufsteigen.« – »Fegefeuer! Ach nein! Arger Bischof! Dein schlimmer Rat, dem ich – wie immer – allzuwillig folgte . . .« – »Bitte: der eigenen Geldgier bist du gefolgt. Ich mahnte, den Armen jenes Scherflein zu gönnen.« – »Hat mein Leben in Gefahr, meine Ehre in Schmach, meine Seele in die Hölle – fürcht' ich – gebracht.« – »Die Hölle! Ihr dummen Laien! Ihr wollt durchaus nicht begreifen, daß Sankt Petrus, der die Macht hat, zu lösen, nicht unerbittlich ist. Ich habe längst im Leben für die Heiligen soviel gespendet und in meinem Testament für meinen Todesfall bestimmt, daß ich sicher bin, ich habe mich von der Hölle losgekauft, ich mag nun noch beginnen, was ich will. Ohne diese Überzeugung« – ein Schauer durchschüttelte ihn – »müßt' ich freilich verzagen, verzweifeln, vergehen vor Angst! – Also mit der Hölle hat das gute Wege. Und dieser Aufenthalt hier ist allerdings keine luftige Sommerlust wie die auf unsern schönen Villen. Aber er wird nicht lange dauern.«

»Woher weißt du . . .?« – »Genug, ich weiß. Und sind wir erst wieder frei und da oben im Licht, dann –« er sprang plötzlich auf und ballte die Faust, »dann – wehe unsern Feinden! Praejectus! Nichts ist dir geschenkt! Und die Heilige, wenn sie nicht bald stirbt, – nicht ganz geschwind! – kommt mir in ein Kloster, dessen Schlüssel ich führe.« – »Aber die Urkundenfälschung?« – »Hat natürlich mein Schreiber verübt: – und der ist schon seit vorgestern über die Berge nach Italien. So können sie ihn nicht auf der Folter fragen. Wir aber sind eben von ihm getäuscht worden.« – »Wird der König das glauben?«

Leodegar stampfte mit dem Fuß. »Der Abgrund verschlingt den Knaben Childerich, bevor er uns weiter schaden kann. Dies Gebilde, das Werkzeug meiner Hand, es sträubt sich gegen mich? Hei, fort mit der Mischung von elender Mannesschwäche und knabenhaftem Trotz.«

»Du willst ihn . . .?« – »Stürzen will ich ihn! In ein Kloster mit dem Undankbaren!« – »Wahrlich, dein kühnes Planen ist erstaunlich. Du liegst hier im Kerker und schickst andere ins Kloster.« – »Ich habe seinen Nachfolger schon bereit.« – »Wer . . . wen? Aber wie müßig, solches zu bereden!« – »Meinst du? Ich aber sage dir: zwar noch die Mitternacht, aber nicht die Morgenröte mehr findet uns hinter dieser Eisenthüre.«


V.

Und also geschah's.

Bald nach Mitternacht ward draußen auf dem mit Granitquadern belegten Gange vor dem Achteck des Gewölbes, das als Kerker diente, ein leiser Schritt vernehmbar, den nur die schlummerlos und eifrig Harrenden hören konnten: bald ward ein Schlüssel angesteckt: er knarrte nicht: – er war in Öl getaucht: – geräuschlos öffnete sich das Schloß, geräuschlos ging die schwere Pforte nach außen auf, eine Hand griff herein und zog den zunächst Stehenden über die Schwelle: es war Leodegar. Hektor zögerte, zu folgen: »Wohin? Es kann ein Mordbote des Königs sein!« »Schweig, bei allen Heiligen!« flüsterte der Bischof zurück. »Schweig! Gieb mir die Hand. So! Nun bücke dich. Die Wasserleitung ist niedrig.«

Nach zwanzig vorsichtig getasteten Schritten standen sie abermals vor einer Thüre: diese war bereits angelehnt, ihr Führer stieß sie auf: da leuchteten von dem dunkeln Himmel die Sterne auf sie herab: tief sogen sie die weiche Luft der Sommernacht ein, die sie nun statt der dumpfen, feucht moderigen in den ewig triefenden Wassergewölben begrüßte.

Eine zweite Gestalt trat hinter den dichten, dunkeln Ligusterbüschen hervor: nun erkannte Hektor, daß sie außerhalb der Mauer des Schloßgartens angelangt waren: ein Pferd wieherte, eine Waffe klirrte: er fühlte, wie ihm ein Wehrgehänge mit einem Schwert umgegürtet ward. Bald saßen die Flüchtlinge auf zwei raschen Rossen und stoben die große Straße hinab, die gegen den Strom hin führte – ohne Laut: die Hufe waren mit Stroh umflochten. Wo die Straße an den Fluß stieß, lag am Ufer ein Nachen: der Ferge empfing sie schweigend: vorsichtig wurden die Gäule, dann die Reiter eingeschifft, bald schossen sie stromabwärts dahin.


Als die Sonne über die Höhen von Saint Quen emporstieg, waren sie schon lang in Sicherheit und trabten was die Pferde laufen konnten auf der guten alten Römerstraße in der Richtung nach Rouen gen Nordwest. »Höre,« rief Hektor, nun seine Neugier nicht mehr zügelnd, »wären wir unschuldig, – ich glaubte an Wunder . . . So aber . . .! Erkläre dieses . . . Unerklärliche!« – »Sehr einfach. Schon seit Jahren war ich darauf gefaßt, einmal bei einem Umschwung des Glücksrades in jene Tiefen geschleudert zu werden. Oder vielleicht einen Freund daraus befreien zu wollen. Oder auch etwa einen dort in Untersuchung gehaltenen Feind rasch verstummen lassen zu müssen. Der Kerkerwart und seine beiden Söhne beichteten mir einen Raubmord, den sie gemeinsam an einem Gefangenen verübt hatten. Ich sprach sie los unter der Bedingung, daß sie mich, käme ich je dorthin, erlösten in der ersten Nacht. Sie hielten Wort. Die fromme Menge aber wird in unserer wunderhaften Befreiung einen Beweis unserer Unschuld sehen. Schon gar mancher Engel des Herrn, der Gefangenen die Kerkerthüre erschloß, trug wohl statt der Flügel – die richtigen Schlüssel. Aber horch! Von dort – aus dem Gehölz her – zur Linken der Straße – tönen Stimmen: – da tritt ein Mann – schon sind es zwei, vier – aus dem Dickicht vor den Waldeingang: – sie haben uns gesehen: sie rufen uns an.« »Wer mag das sein?« sprach Hektor und griff ans Schwert. »Sollen wir halten?« »Laß sehen!« sprach der Bischof sich vorbeugend. »Gewaffnet sind sie: – wohl Wachen oder Späher . . .? Jetzt tauchen noch mehrere auf. Aber es sind keine Reiter darunter. Ich meine, wir jagen mitten durch sie hin.« »Ja,« so stimmte Hektor bei, sich umwendend, »denn da von rückwärts, wo wir herkommen, taucht ebenfalls ein Haufe aus dem Waldessaum auf: Waffen blitzen dort im Morgenlicht.« »Also vorwärts. Und durch!« rief der Bischof und beide sprengten, was die müden Gäule noch laufen konnten, gerade aus auf der Straße, die durch den Wald vor ihnen führte.

Aber nun ward plötzlich dieser Wald lebendig.

Aus jedem Busche, hinter jedem Baum und Strauch hervor, auf beiden Seiten der Straße sprangen Männer, schlecht gewaffnet, aber gewaffnet, ohne Helm, Brünne und Schild, jedoch mit Knütteln, Sensen, Sicheln, Dreschflegeln bewehrt, und – was hier gefährlicher war! – mit Bogen und Pfeil.

»Halt! Steht! Halt, in des heiligen Hungers Namen!« schrie es den beiden Reitern entgegen und – bald – nach. Die trieben die Rosse mit lautem Zuruf an. Sie kamen aber nicht weit.

Ein Pfeil traf Hektors Pferd, ein mächtiger Stein das des Bischofs: beide Tiere stürzten. Im Augenblick waren sie umringt von dem tobenden Haufen. Beide Flüchtlinge ergriff eisiger Schreck bei dem Anblick.

Denn nicht Menschen, – böse Dämonen schienen es, die einen höllischen Tanz um sie aufführten: Weiber unter die Männer gemischt und gräßlicher, grimmiger anzuschaun als diese: alle in Lumpen gehüllt, Haar und Bart verwildert, barhäuptig, bararmig, barfüßig, die Gesichter vom Hunger, vom Elend, vom Haß abgemagert, entstellt, angefressen; die tief eingesunkenen Augen glänzend im Glanz des Fiebers, die hageren Finger wie Krallen gegen die Ergriffenen ausgestreckt; ein teuflisches Gejohle und Gehöhn, nicht Worte einer Sprache, schlugen an ihr Ohr. Gleich die ersten Männer und ein Weib, die sie erreichten und ihre kostbaren Gewände wahrnahmen, schwangen ohne weiteres die breiten Gürtelmesser über sie: – das Weib hob drohend eine Spindel, deren eherne Spitze, scharf zugefeilt, blitzte.

Da gebot eine rauhe Stimme von rückwärts:

»Halt! Laß, Nachtfahre! Brüder, laßt noch! Erst sehen, wer die bunten Vögel sind.« »Laß sie mich am Spieße braten!« gellte das Weib. »Lebend sind sie vielleicht mehr wert als tot. Wer seid ihr?« rief der Führer, ein baumstarker, vierschrötiger Kerl, der, die ungeschlachten Glieder im übrigen von ungegerbten Fellen mangelhaft verdeckt, um die Schulter wie eine Schärpe einen reich mit Gold gestickten schmalen Purpurstreifen geschlungen hatte, in dessen Knoten eine lange krumme Sichel baumelte; in der Rechten trug er eine dreispitzige Mistgabel. »Sprecht, wer seid ihr, feine Herren?«

»Schweig!« warnte Leodegar. Aber es war zu spät.

»Elender,« schrie Hektor den Führer an und zog das Schwert, »wie kommst du zu diesem Purpur? Ich erkenne ihn an den goldenen Buchstaben. Das ist . . .« »Das war das Banner des Schatzmeisters Gairin . . . Mit dieser Faust riß ich's seinem Bandalar aus der Hand. Aber ich habe zu fragen, – nicht du. Wer seid ihr? Redet oder . . .« Und drohend hob er die blutgefärbte Gabel.

»Wir sind eure Freunde,« hob Leodegar an: »denn ihr tragt diese Waffen doch gegen den König? Wohlan, wir sind Gefangene, soeben ihm entsprungen. Schützt uns: – er ist unser Feind wie der eure.«

Aber nun hatte der andere Haufe, von hinten, von Südosten heraneilend, die Stelle erreicht.

»Zu rechter Zeit zusammengetroffen, Blutigel,« rief dessen Führer, ein buckliger kleiner Knirps, ein Kelte aus Aremorica, von brandrotem Haar den dicken Kopf umstarrt. »Wie versprochen! Jetzt geht's gemeinsam auf Rouen. Aber wen habt ihr da?«

»Wir wissen's noch nicht, Brandhahn. Der da ist ein Priester: . . . seht die Verscherung.« Da warf sich der Rotkopf vor Leodegar auf beide Kniee, ließ die scharfgeschliffene Sense, die er auf der Schulter trug ins Gras fallen und flehte weinerlich: »Deinen Segen, heiliger Vater, deinen Segen, bevor ich dich vielleicht abwürgen muß.« »Hui,« rief da ein Dritter der Neuangekommenen, den Dreschflegel hebend, »aber der andre da, der mit dem Schwert, – ei, das ist Hektor von Marseille! – Ich kenn' ihn! Er hat sich meinen alten Vater als Schuldknecht eingefangen.« »Was? Hektor? Der Patricius?« schrie da eine heisere Stimme. Und aus dem hintersten Haufen sprang, von Ruß über und über bedeckt, barhäuptig und barbeinig bis ans Knie, herzu ein riesenlanger Köhler. Sein struppiges schwarzes Haar war, eine Wunde zu bergen, um den runden Kopf mit einem roten Lappen zusammengebunden. »Hund! Wo hast du meine Schwester hingeschleppt?« Und er schwang den wuchtigen Schürbaum hoch in der Luft und zerschmetterte dem laut Aufschreienden den Schädel. Sein Blut spritzte in Leodegars Gesicht.

»Brav, Reißewolf! Nun nieder auch der Priester!« schrillte das Weib. »Hilf mir doch, Raubrabe, trauter Buhle!« Auf diese Mahnung trat ein hübscher Bursche vor und zückte den Dolch gegen Leodegar. »Alles, was du willst, süß' Schätzlein!« lachte er. »Halt! Nein, Nachtfahrt! Zurück, Raubrabe, du zärtlicher Bräutigam! Nicht doch!« gebot der Schwarzkopf, »Er sagt, er sei dem König entsprungen. Fesselt ihn! Aber fest! Die Arme, auch die Fußknöchel bindet ihm zusammen. Und werft ihn auf meinen Leiterwagen. Und schickt ihn dem König zurück nach Paris. Der zahlt wohl hohen Preis für ihn. Und jetzt vorwärts, ihr Brüder in Sankt Hungers Orden, vorwärts gegen Rouen!«


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