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Ebroin

Felix Dahn: Ebroin - Kapitel 3
Quellenangabe
pfad/dahn/ebroin/ebroin.xml
typefiction
authorFelix Dahn
titleEbroin
booktitleVom Chiemgau ? Ebroin ? Kämpfende Herzen
publisherBreitkopf & Härtel
seriesGesammelte Werke - Erzählende und poetische Schriften
volumeZweite Serie: Band 2
illustratorHugo L. Braune / H. Grobet / Hans W. Schmidt
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20110410
modified20160412
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Zweites Buch.

I.

Und abermals waren viele, viele Jahre vergangen.

Da schritt an einem düstern Herbstabend ein stattlicher wettergebräunter Mann in voller Waffnung den schilfreichen Bach entlang, der ein kleines Allod vor den Thoren von Poitiers gen Westen hin begrenzte; sorgsam bemüht stützte und führte er bei jedem Schritt eine Frau, die, vorgebeugt, ängstlich tastend, die Füße setzte. – »Lehne dich fester auf meinen Arm, Mutter. Du strauchelst leicht. Ich meine, die lieben, schönen Augen sind noch schwächer geworden in diesen Jahren.« »Es mag wohl sein,« sprach die Frau, einen Seufzer erstickend.

»Du sollst und mußt doch jetzt dich nicht mehr mühen mit Weben, Spinnen und Nähen.« – »Das geht gar nicht mehr recht. – Es kommt wohl von andrem.« – »Vom vielen Weinen?« – »Vielleicht! Wie sie mir eines Tages – auf vier Jagdspeeren – deinen Vater tot brachten, der mich gesund und stark verlassen – ach, es war gar so hart!« – »Und ich war fern in den Bergen der Wasconen!« – »Ich weinte viel, bis ich mich in Gottes Willen ergeben hatte.« – »O Mutter, wie bist du gut! Und wie beneidenswert fromm! Wer glauben könnte wie du!« – »Still, still, Lieber! Man muß glauben.« – »So? Muß man? Wenn man aber nicht kann?« – »Man kann schon, wenn man ernsthaft will. Und daß du wollest und könnest, – darum bete ich ohn' Unterlaß, lieber Sohn.« – »Mutter, du bist eine Heilige. Du gehörst gar nicht in diese Welt!« rief er, blieb stehen und küßte sie zärtlich auf die Stirn. – »Ich meine auch zuweilen: ich gehöre eher in ein Kloster: da könnt' ich noch viel Gutes thun. Ich verstehe gut, Kranke zu pflegen. In der Welt draußen bin ich zu nichts mehr nütz! Dir großem, starkem Mann kann ich nicht mehr wie weiland dem Knaben, war er krank, die fiebernden Schläfe kühlen.« – »O hätt' ich vor Wochen deine liebe Hand auf der Brustwunde gefühlt, die mir der Wasconenpfeil gebracht! Die Hand – diese Hand allein!« – er küßte sie – »hätte – ohne Salbe! – den Schmerz gestillt.« – »Mein Kind, mein großes, tapfres Kind, – das sie den Schrecken der Wasconen nennen! Schon sollen sie in den Heerlagern der Krieger Lieder zu deinem Lobe singen: o wie bin ich stolz auf dich.« – »Gutes Mutterherz, es wird dir wohl thun, zu hören, daß mir nicht die Siegeskränze das Liebste sind, was ich da unten an Garonne und Adour gewonnen habe: es gelang mir Ruhe und Sicherheit herzustellen in den lang und schwer von Räubern heimgesuchten Grenzdörfern: das danken mir freudig die armen Leute dort, ich gewann ihre Liebe, ihr Vertrauen. Ja, auch der Kinder Herzen: sie sahen es mir an, daß ich sie lieb habe, die kleinen Krausköpfe, und zuletzt liefen sie meinem Rappen entgegen, wann ich durch die Gassen ritt, und reichten mir die weichen Patschhändchen hinauf auf den Sattel.« – »Du bist mein goldener Bub mit dem guten und starken, ob auch recht zornheißen Herzen. Ich will schon beten für dich Tag und Nacht, daß du gut bleibst.« – »Und eine solche Mutter soll ich – fort von mir! – ins Kloster gehen lassen. O nein! Ich bin doch recht allein.« – »Mein Ebroin, nicht eine Mutter brauchtest du zur Gesellin: – eine Frau, eine gute Frau von tiefer Seele und milder Art. Hast du noch nie . . .?« – Ebroin zuckte die Achseln: »Hab' noch keine gesehen, die mir gefallen hätte: – die ich mit meiner Mutter vergleichen könnte. Mir ist, ich habe das gar nicht, was zur Weibesliebe gehört! Mich ekelt's an, wie's die andern treiben – am Hofe zu Paris und in den Provinzen, Geistliche ganz wie Laien. Pfui!«

»Das ist mein Bub: – rein ist er geblieben bis heute!« rief die Frau glücklich strahlenden Auges und drückte die Rechte, die an seinem Arme lag, auf sein Herz. »Aber wir sind zur Stelle. Das ist die Hütte Thiemos, des alten Schäfers, weiland deines schlimmen Lehrers in allerlei Heidentum,« drohte sie, scherzhaft den Finger hebend. »Er hat mir immer wiederholt in diesen Monaten, wann ich ihn zu pflegen kam, du müssest, müssest noch einmal zu ihm kommen, bevor er sterbe: – denn er ist dem Tode nahe. Er müsse dir sagen, was nur er wisse und was er auch mir nicht vertrauen könne: – mich würde es nur quälen, die Sache zu ordnen seiest du allein berufen. Schreiben kann er ja nicht. – Komm, laß uns eintreten.«

Tief mußte der hochgewachsene Ebroin das behelmte Haupt neigen, durch den niedrigen Eingang der Schilfhütte an das Strohbett des Siechen zu gelangen; der erkannte ihn nicht: es war dunkel und der Alte fieberte, »Ah,« sprach der sich halb aufrichtend, »welchen seiner Helden schickt mir Wotan, mich aufzumahnen zur letzten Fahrt? Ach, nicht zu ihm empor – nach dem Strohtod: hinab – nach Hel.« »Mein Sohn ist's, Thiemo,« sprach die Frau und führte den Krug Milch an seine Lippen, den jener ihr getragen. – »Ich bin's, Ebroin, dein Schüler. Aber ach, leider kann ich an Wotan so wenig glauben wie an . . .« – er unterdrückte den Schluß mit einem Blick auf die Mutter. »Weißt du noch, wie du mich den ersten Wundsegen gelehrt hast und mir das Heilkraut gewiesen?« – »Ebroin! Ah, ja dich senden mir wahrlich die Götter. Deine Hand! Beide Hände! O daß ich dir's noch sagen darf! – Frau Leutrud – gute, vielgute, – bitte – laß mich mit ihm allein.«


Lange, recht lange ward der Mutter die Zeit, die sie vor der Hütte, auf einem Binsenhaufen sitzend, verbrachte. Einmal hatte sie einen lauten Aufschrei ihres Sohnes zu hören vermeint. Dann war es ganz ruhig geworden.

Schwermütig klang das leise Rauschen des Baches in dem Schilf des Ufers, die Fledermaus schwirrte dicht über sie hin und von der Heide her klang zuweilen der klagende Ruf des Stoppelvogels.

Die Sonne war hinter dem dunkeln Tannenwald schon gesunken, als Ebroin aus der Hütte trat; er trug ein nacktes Schwert in der Hand. Sein offenes, männlich schönes Antlitz war – sie sah's mit Schrecken, mit Grauen – wie versteint, so verfinstert wie der düstere Tannenhag da drüben.

»Komm, Mutter!« sprach er mit tonloser Stimme, sie sanft erhebend. »Es ist aus. Morgen früh verbrennen wir ihn – samt seiner Schilfhütte.« – »Er ist tot? Ach, ohne Reue und Buße!« – »Ja. Und ohne die Priester wollen wir ihn darum auch bestatten: in Feuer: – nach der Ahnen Sitte.« – »Was . . . was hast du da? Ein Schwert! Thiemos Schwert?« – »Nein. Du kennst es, dies Schwert, so dunkel es schon ist. Sieh den Hirschhorngriff! Hier, schau dir's genau an.« Und er hielt es ihr hart vor die Augen. – »Deines Vaters Schwert! Es galt als verloren. Leer hing die Scheide am Wehrgurt, da sie ihn mir brachten, vom bösen Hirsch zu Tode gestoßen.« »Ja,« sprach Ebroin grimmig, »böse war er, dieser mörderische Hirsch. Aber ich habe Kraft, noch schlimmere Untiere niederzubrechen. Komm, Mutter.« – »Was . . . was planest du?« – »Ist es gethan, wirst du's erfahren. O Vater, Vater! Hör's . . .!« Und er hob die geballte Faust gegen den dunkelnden Himmel, an welchem die ersten Sterne aufstiegen.


II.

Wenige Wochen darauf tagte zu Saint-Denis, dem reichen Kloster, nicht ganz zwei Stunden nördlich von Paris, eine Anzahl von geistlichen und weltlichen Großen von Neustro-Burgund, um allerlei innere Angelegenheiten des Reiches zu beraten: aber auch Gesandte des australischen Hofes zu Metz wurden erwartet, Mißhelligkeiten über den Lauf der Grenze zwischen Soissons und Reims zu begleichen, die unter beiden Teilreichen ausgebrochen waren.

Ebroin, jetzt schon lange Graf von Agen und Domesticus des königlichen Palatiums, traf dort gar manchen der ehemaligen Hofgenossen: seinen treuen Vanning, der ein paar Feldzüge unter seinem Heerbann mitgemacht hatte, Hektor, der dem Vater als Patricius von Marseille gefolgt war, Gairin, nun Graf von Tours. Leodegar wurde noch erwartet.

»Du,« meinte Vanning, wie er mit dem Freunde traulich bei einem Kruge Garonneweins beisammen saß, »du, der hat's weit gebracht: – weiter als wir alle. Und rascher! Sein Oheim Dedo hat ihn gar geschwind zum Diakon, darauf bald zum Archidiakon geweiht, man weiß, daß er ihn zum Nachfolger, wenn nicht zu Höherem, bestimmt hat. Das reiche Kloster Sankt Maxentius bei Poitiers beherrscht er als Abt, nächstens soll er das erledigte Bistum Autun erhalten! Nun, du kennst ja seine Künste.« »Und seinen Geist und seinen Eifer!« – »Nun ja! Und sein weites Gewissen! Man muß sagen: seltsam hat sich der Bursch verändert. Schöner ist er nicht geworden, aber unheimlicher in diesen Jahren. Als ich ihn neulich im Palaste traf – häufiger als die Kirchen besucht er ihn! – erkannte ich ihn fast nicht wieder. Hoch ist er in die Höhe geschossen, aber hager, mager, spindeldürr dabei geworden; ganz gelbfahl im Gesicht: in tiefen Höhlen eingesunken liegen ihm die kohlschwarzen Augen, die meist von den streng niedergeschlagenen langen dunkeln Wimpern verdeckt sind: aber zuweilen lassen sie stechende Blicke hervorschießen wie zuckende Schlangen. Von der hohen kahlen Stirn ist das schwarze Haar ganz kurz nach rückwärts geschoren, hell glänzt darin die kreisrunde, weiße Tonsur. Die schmalen Lippen sind stets fest geschlossen: – erbarmungslose Härte liegt auf diesem Mund; aber erhebt er die vor lauter Wohllaut flötende Stimme, – sie ist zum Sprechen wie zum Singen viel geschult! – so schmeichelt sie sich in Ohr und Herz: an den wachsweißen Fingern der wohlgepflegten, feingliedrigen, linken Hand glitzern ihm kostbare Ringe und über der reichen Priesterkleidung – aus den kostbarsten Stoffen! – trägt er, auf der rechten Schulter von einer alten römischen Goldspange gehalten, ein schwarzes Mäntelein von kostbarster Seide, den häßlichen Stummel des rechten Armes zu verhüllen.« – »Nun, du hast ihn dir so genau angesehen, als wolltest du ihn malen!« – »Mit den Augen des Hasses: die sehen heller als die der Liebe.« – »Hassen! Warum hassest du ihn!« »Weiß nicht,« erwiderte Vanning achselzuckend, nachdem er bedächtig einen langen Zug gethan. »Vom ersten Sehen an! Ich mein', aus angeborener Feindschaft der Natur. So etwa wie der treue Hund die falsche Katz!« – »Ich habe ihn noch nicht gesehen, aber viel, viel des Rühmlichen von ihm gehört. Er hat, erzählte man im Palatium, auch das weltliche Recht, zumal die Lex Romana, so gründlich erforscht, – gleich nach seinem Unfall – daß er sogar von den rechtskundigsten Laien am Pfalzgericht als ein ›schrecklicher Richter‹ gefürchtet wird. Das arg verrottete Kloster des heiligen Maxentius hat er mit eiserner Strenge zur Zucht zurückgeführt, als Archidiakon von Poitiers all' dessen verlorene Güter in schwierigen Rechtshändeln zurückgewonnen. Ich bin . . .« – »Verliebt bist du in ihn – immer noch! Wär' dir besser, du wärst in ein schönes Mädel verliebt. Sie gucken dir eifrig nach, reitest du durch die Straßen von Paris auf deinem wasconischen Rapphengst . . .« Ebroin schüttelte den Kopf: »Hab' andres, ganz andres zu denken, nichts von Liebe, sondern von . . . – Sage, weißt auch du nicht, wohin der Römer Valerius geraten, der lange Zeit Vicegraf von Poitiers war? Niemand kann mir von ihm berichten. Wo mag er stecken?« – »Weit von hier, glücklicherweise! Ist auch ein schlimmer Gesell, wie die Priester. Rasch zur Hand mit dem Dolch. Der Boden ward ihm wohl zu heiß hier zu Lande. Da hat er sich einer Gesandtschaft angeschlossen, die schickte Leodegar in Sachen seines Klosters nach Rom: – ohnehin des Valerius Heimatstadt: – lange Zeit sollen die Boten dort noch zu thun haben.«


III.

Zur gleichen Stunde des Herbsttages – weiße Spinnwebfäden schwebten vor dem sanften Wind durch die Luft und die herrlichen Buchen auf den schönen Hängen der Seine-Ufer färbten sich schon stark mit Rot – ritten von Paris her auf Saint-Denis zu zwei Krieger, deren hellere Farbe an Haar, Haut und Augen und höherer Wuchs sie auf den ersten Blick als Austrasier erkennen ließ.

Ganz langsam – im Schritt – ließen sie die gewaltigen Streithengste gehen, außer Hörweite der in weitem Abstand folgenden Begleiter; denn sie waren tief in wichtiges Gespräch versunken. »Nein,« sprach der Jüngere von ihnen, das Haupt schüttelnd, daß die Falkenflügel auf dem Helmdach schwankten, »nicht lieb, wie dir, Vetter Pippin, – leid ist mir dieser Ritt durch das Land und in die Hofpfalz der Neustrier. Deutlich spürt man's den Hochmütigen an: – Blick und Ton verraten es! – sie schauen auf uns herab als auf ›Barbaren‹, etwa wie wir auf Wenden und Avaren. Weil ich nicht lesen und schreiben kann, – du hast es ja gelernt in der Klosterschule zu Stavelot – bespöttelte mich ein bunt gekleideter Patricius: – Hektor, glaub' ich, hieß er. Hätte ihm gern den Höhnemund eingeschlagen.« »Dadurch würdest du ihn schwerlich überzeugt haben, Vetter Martinus!« lächelte der andere, die lichtblonden Locken zurückstreichend, die ihm dicht aus dem Adlerhelme quollen. »Was gehen sie uns überhaupt an, diese halbverwelschten Neustrier? Ich verstehe sie gar nicht, – so viele lateinische Brocken mischen sie in ihre Rede! Nicht ausstehen kann ich die Hochmütigen! Warum suchen wir sie auf, in ihrem eingebildeten Dünkel, in ihrem prahlenden Reichtum, in ihrem üppigen Paris? Hier ward weiland König Dagobert verdorben, der wacker war, solange er zu Metz unter unsrer Ahnherren Arnulf und Pippin Zucht und Aufsicht lebte. Ich meine, der Starke genügt sich selbst! Schau, wie drüben überm Rhein die Herzoge der Thüringe, Alamannen, Bajuvaren sich auf eigne Kraft gestellt haben: – so sollen wir's auch machen!«

»So? Und das Reich der Franken fällt dann auseinander, das ruhmvolle Werk, das seit zwei Jahrhunderten unsre Väter mit soviel Kraft und Klugheit aufgebaut haben? Nein, wahrlich, das soll nicht geschehen, kann ich's verhüten! Was uns vereint mit den Neustriern und Burgunden? Nun, ich meine vor allem die heilige Kirche, der Glaube an Christus den Herrn!« Und andächtig schlug er ein Kreuz. »Die drüben überm Rhein, die du nanntest, an der Unstrut, an dem Neckar, an dem Inn, – meiner Treu, mehr Heidnisches steckt noch in ihnen als Christliches! Näher doch stehen uns Uferfranken die andern Franken. Auch du, Vetter, thätest besser, öfter in die Kirche, seltener auf die Jagd zu gehen.« – »Mir bekommt die Waldluft besser als der Weihrauchschmack,« brummte der Hüne, streckte die gewaltigen Glieder und blies in den breiten roten Bart. »Freilich,« fuhr Pippin fort, »allzuviel Welsches, zuviel römische Üppigkeit, Verschlagenheit, auch schon Verweichlichung, hat die Leute in Paris, Orléans, Marseille ergriffen: mit dem vielen Wissen, mit der hohen Reife, darin sie uns überlegen, auch schon die Fäulnis. Aber was folgt daraus? Nicht, daß das Frankenreich zerfallen soll: – es muß beisammen bleiben, schon um der heiligen Kirche willen! – sondern daß« – hier sah er sich vorsichtig um nach den Begleitern und fuhr dann leiser fort – »daß wir, wir Austrasier zu Metz fortab, nicht mehr, – wie lange Zeit geschehen – die Neustrier von Paris aus, das Ganze beherrschen.« – »Eia, Vetter, das gefiele mir wohl, die Hoffärtigen zum Gehorsam unter uns zu beugen. Aber es ist kühn, Vetter, sehr kühn.«

»Doch nicht allzukühn!« – und nun blitzten die hellblauen Augen in schönem Feuer – »Nichts ist zu hoch für unser, für der Arnulfingen gotterlesenes Geschlecht, bis zu den Sternen dürfen den Flug wir wagen! So hat unser großer Ahn, der heilige Bischof Arnulf, in seiner Sterbestunde geweissagt, – seinem verklärten Auge hat, bevor es brach, Sankt Petrus, unsres Hauses besondrer Schutzpatron, die Zukunft entschleiert. Ja, nicht bloß über Neuster und Burgund müssen wir Arnulfingen, gestützt auf die frische Kraft der Ostmänner, herrschen: – hei, wär' ich nur erst Majordomus beider Reiche! – die störrigen Bajuvaren, Alamannen, Thüringe zwänge ich wieder zum Gehorsam heran, den heidnischen Friesen und Sachsen ließ ich das Wort des Heils verkünden, und ich würde nicht ruhen, bis ich auch das reiche, schöne Aquitanenland bis an die Gotenmark hin, das sich seit lang dem Neustrier zu Paris entzogen hat, wieder mit dem Reich verbunden hätte. Hohes, Höchstes schwebt mir vor: – zum Heil der Kirche wie des Frankenreichs. Denn die gehören zusammen, wie sich der Himmel über die Erde wölbt! Und mit der Heiligen Hilfe werd' ich es erreichen.« – »Wenn du nicht lange vorher stürzest auf diesem steilen, schwindelnden Pfad. Denk' Orimoalds, unsres Ohms! Glänzend war sein Aufstieg: – blutig war sein Ende.« Pippin schlug ein Kreuz: »Und gerecht war seine Strafe. Er hatte dem Merowing Treue geschworen, als aber König Sigibert gestorben war, da stieß er dessen Knaben Dagobert, der seinem Treuschutz befohlen war, vom Thron – spurlos verschwand das Kind! – und wollte seinen eignen Sohn zum König erheben. Solche Untreue büßte er mit Recht im Tode. Die Austrasier lieferten ihn gefangen dem neustrischen König zu Paris in die Hände. Nein, nein, den Merowingen soll der Königsstab bleiben: – nur das Schwert des Reiches mag für sie führen ein stärkerer Arm.« »Dieser Arm!« rief Martin stolz, auf des Freundes Schulter klopfend. »Und wahrlich, er ist stark genug.« »Nur, wenn Gott ihm Kraft giebt und Sankt Peter,« sprach Pippin demütig, »Denn nur auf Gott und die heilige Kirche hab' ich all' meine Hoffnung gesetzt für dies arme, viel geplagte Reich der Franken – und zumal für unser Haus. Und ich vertraue: Frömmigkeit, demütiger Glaube ist am Ende auch die beste Staatskunst. Wohl weiß ich! es leben in diesem Neuster und Burgund hochbegabte Männer, das Palatium zu Paris wird von Geistlichen und von weltlichen Großen geleitet, die mir, an Geistesgaben weit überlegen, an Heldenschaft nicht nachstehen: aber ich weiß auch: sie sind angefault . . . fast alle! – Und die's noch nicht sind, müssen's werden – in solcher Luft und im Ringen mit solchen Nebenbuhlern! Laß doch sehen, ob Arglist, Sünde und gewissenlose Überhebung nicht niederzuschlagen sind wie mit dem Flammenschwerte der Cherubim durch frommes Gottvertrauen und Reinheit des Herzens. In einer Art von Testament hat Sankt Arnulf seinen Nachkommen befohlen, von Geschlecht zu Geschlecht auf Gott zu bauen und sich in Glauben, Worten und Werken aufs innigste zu schließen an seine heilige Kirche, an die ehrwürdigen Bischöfe vor allem und deren Haupt in Rom. Dann, weissagte er, werden wir zwar gar oft im Anfang unsrer Laufbahn straucheln, aber wir sollen nicht verzagen! Ausdauer, zäheste Ausdauer zieme zumeist dem christlichen Helden und durch frommen Glauben und durch ausharrenden Mut würden wir das Herrlichste erreichen. In solchem Vertrauen will ich leben, ringen, straucheln, wieder aufspringen, siegen oder sterben. Amen! Dir, Herr Christus, und dir, Sankt Peter, befehl' ich mich und all' meine Nachkommen.« Und er ließ die Zügel fallen, faltete beide Hände flach in frommem Gebet und hob sie zum Himmel empor.

Da trat die sinkende Sonne aus dem Westgewölk hervor und übergoß mit verklärendem Licht die hochragende Heldengestalt auf dem weißen Roß.

Mit Staunen, fast mit Ehrfurcht sah es sein Begleiter.

»Schau,« rief Pippin, »da winken uns grüßend entgegen die Türme des Klosters von Saint-Denis: wie sie strahlen in rotgoldenem Licht! Sankt Dionysius, – von Stund an nehme ich auch dich an als meinen und meines Hauses besonderen Schutzherrn. Reiche Gaben verheiße ich dir: – würdige uns deiner Gnade für und für.«


IV.

Am Abend des folgenden Tages hatten in der königlichen Villa, die neben den Klostergebäuden zu Saint-Denis stand, die Vertreter von Neuster-Burgund und die von Austrasien die Verhandlungen über die Grenzfragen zu befriedigendem Abschluß gebracht. Für Neuster-Burgund hatte König Chlodovech – Frau Nantechild war vor kurzem gestorben – Leodegar und Ebroin bestellt. Ohne besonderes Amt am Hof hatten die beiden allmählich das Vertrauen des jungen Fürsten mehr als alle andern Palatine gewonnen. Der Priester war ihm von der Mutter noch besonders empfohlen worden. Sie luden nun – nach dem Ende der Beratungen – die beiden austrasischen Gesandten zum Abendschmaus ein, wofür dem Archidiakon von Poitiers die Mönche von Saint-Denis gern ihren schöngeschmückten Speisesaal, ihre Küche und den reichgefüllten Keller zur Verfügung stellten.

»Der Wein macht aufrichtig und geschwätzig,« sprach Leodegar zu dem Genossen, während sie die Gäste erwarteten. »›Condita verax aperit praecordia Liber‹, ›Verschlossene Herzen erschließt der aufrichtige Weingott‹, pflegt Ohm Dedo aus seinem Lieblingsdichter anzuführen. Laß doch sehen, ob wir diesem plumpen Rotbart da nicht einiges ablocken unter den Bechern.« »Wird wohl nicht viel Wichtiges wissen,« meinte Ebroin. »Es ist der richtige austrasische Barbar: tapfer, kraftvoll, aber der – ohnehin wenige! – Geist ohne Schulung.« – »Gewiß! Aber er ist ja doch der Vetter, der Vertraute des andern. Und dieser Pippin ist nicht ungefährlich. Ob seine Frömmigkeit echt oder geheuchelt ist?«

»Sie ist ohne Zweifel echt. Ich sah ihn beten in dem kleinen Oratorium.« – »Und bist du sicher, er hat dir nichts vorge . . . betet?« – »Immer voll Mißtrauen!« – »›Traue niemand, auch dir selber nicht!‹ lehrt Ohm Dedo.« – »Er konnte nicht ahnen, daß ich die Kapelle betreten . . .« »Um selbst zu beten?« fragte der Archidiakon schlau. »Wozu diese Fangfrage? – Nein, um ihn zu suchen: zur Fortsetzung der Beratung. Er lag auf den Knieen vor dem Reliquienschrein und betete laut.«

»Wofür?« forschte der andere rasch. »Für das Heil des Frankenreichs: – des ganzen, nicht nur Austrasiens, wie er den Heiligen recht deutlich einschärfte.« – »Siehst du? Er will also das Ganze beherrschen! Der Mann ist gefährlich. Von echter Frömmigkeit beseelt, – mag denn sein: – aber zugleich von einem Trachten, von einer Staatskunst, von einem Ehrgeiz, die mehr als Austrasien umspannen! Gewiß weiß Martinus der Bär manches von den Plänen des Fuchses Pippin, von seinen Zwecken und von den bereitgestellten Mitteln. Laß sehn, ob er nicht ausplaudert. Da kommen sie, die hochgewachsenen Herren!«

Nun war das reichliche Mahl beendet und die Dienerschar aus dem Saale gewiesen. Leodegar hatte das Vortisch- und Nachtischgebet mit seiner wohlgeschulten, einschmeichelnden Stimme so ergreifend gesprochen, daß es die beiden Austrasier – sogar den minder kirchlich gesinnten Riesen – tief gerührt hatte. Jetzt begann er, den hohen Römerbecher – Julian hatte einst daraus getrunken – voll würzigen Rhoneweines Martinus reichend: »Nun wollen wir, tapfrer Arnulfing, ein jeder das Heil des Gutes trinken, das ihm das Höchste auf Erden. Was ist dein liebster Wunsch?«

Der Angeredete hatte schon während des Schmauses nicht selten und nicht kurz getrunken: seine vollen Wangen glühten bereits, wie er den schweren Goldpokal – ein Geschenk Frau Nantechilds an Saint-Denis – zu den Lippen führte, ohne Besinnung rief er sofort: »Mein liebster Wunsch? Daß ein austrasischer Hausmeier hier zu Paris sitze und euch und alle drei Reiche beherrsche! Nicht wahr, Vetter Pippin?«

Leodegar warf seinem Nachbar Ebroin einen bedeutsamen Blick zu: er hatte die beiden Gäste sich und Ebroin gegenüber und zwar so gesetzt, daß die Neustrier der durch die Rundbogenfenster voll hereinfallenden Abendsonne den Rücken, die Gäste das Antlitz zukehrten. Der Aufgerufene nahm den Becher aus des Unvorsichtigen Händen und trank schweigend, aber eine Blutwelle stieg ihm in die Schläfe.

»Nun, Graf Pippin,« begann Ebroin, gleichsam tröstend, »laß es dich nicht zu sehr verdrießen, daß der Vetter sein – und auch wohl dein – Geheimnis hervorgesprudelt hat. Ich schelte dich nicht um solches Planes willen, ich lobe dich darum. Oder doch für den ersten Teil, wohl den Hauptteil: die Zusammenfassung des ganzen Frankenreiches in einer starken Hand.« »Du sagst es,« antwortete Pippin, die großen blauen Augen voll aufschlagend. »Man sieht dir's an: das ist dein Ernst,« meinte Leodegar. »Ich lüge nie, Archidiakon.« »Ich auch nicht!« rief Martin mit schwerer Stimme. »Und so sag' ich's nun! Bei mir ist's umgekehrt: – was liegt mir viel an Neuster und Burgund? Und was haben wir mit euch feinen Herrn gemein? Meinetwegen bricht alles auseinander: Aquitanien, Neuster, Burgund, unser Ostland in Gallien und die Stämme überm Rhein. Aber, soll doch schon einmal all' das zusammengehören, dann will ich, daß ein Austrasier die Zügel führt, in die ihr – ihr Neunmalklugen – knirschend beißen müßt!«

Damit streckte er die beiden starken Arme vor sich auf den runden Tisch von dunkelgrünem Marmor, legte die großmächtigen Hände übereinander und ließ auf diese das weinschwere Haupt sinken; bald atmete er in den tiefen Zügen des Schlafenden.

Mit feinem Lächeln auf den schmalen Lippen begann jetzt der Priester: »Dieser Staatsmann wird nun nichts mehr verraten von den geheimen Plänen, die wir etwa noch enthüllen. Wohlan, nützen wir den Augenblick: seien wir offenherzig: – das schönste Gut vertrauender Seelen. ›Kein schöner Glück als ein vertrausam Herz!‹ so sagt ein Dichter. Ich will vorangehen mit dem Beispiel: denn mir ist all' Mißtrauen fremd und verhaßt.« Ebroin furchte die starken Brauen, drückte die Lippen zusammen und blickte unwillig auf ihn. »Die Wiedervereinung der Teilreiche in Einer Hand ist auch mein Wunsch und – ich darf das verraten – auch meines Freundes! Wenigstens vor Jahren war das! Nicht so, mein Ebroin?«

Lauernd lag der scharfe Blick der schwarzen Augen auf dem so Überraschten. »Er ist es noch. Ich habe keinen Grund, es zu verbergen,« erwiderte der. »Und ich füge gleich hinzu: begreif' ich auch den Wunsch eines Austrasiers, – eines Arnulfingen zumal, dessen Vorfahren wiederholt sein Land beherrscht haben! – daß dieser Herrscher über das ganze Frankenreich ein Austrasier sei . . .« »Ein Arnulfing; versteht sich!« warf Leodegar ein, das Antlitz Pippins scharf musternd, aber diese steten Mienen änderten sich nicht. – »So muß ich doch unserem Gast offen sagen: das ist unmöglich.« »Und warum?« fragte der, ihn ruhig und groß ansehend, – »Weil . . .! Ich will annehmen, ein Austrasier – ein einzelner – steht wirklich an Begabung, an Geist den Unsern gleich, –« »Es ist nicht eben wahrscheinlich,« lächelte Leodegar boshaft.

»Schwerlich doch erreicht er uns an Bildung, an Schulung dieses Geistes.« – »Wir haben – wie ihr – gelehrte Mönche, Bücher, reiche Klöster . . .« – Ebroin zuckte die Achseln: »Glaub' es wohl: reich an geistlichen Büchern, gelehrt in Theologie. Aber Kunde in weltlicher Wissenschaft? In weltlichen Geschäften? Im Schriftwesen? Im Recht? wie zum Beispiel dieser Archidiakon? Schwerlich! Das aber ist nötig heutzutage für des großen Reiches Beherrschung. Und wär' all' das auch anders, wär's, wie du glaubst oder doch wünschest, – dieser austrasische Majordomus in Paris . . . denn um dies Amt allein doch handelt es sich . . .« »Auch er denkt nur an den weltlichen Beamten,« so schoß es durch des Archidiakons hohe Stirn. – »Warte, du Thor! Du sollst lernen, daß der Priester den Palast und das Reich beherrschen kann wie die Kirche.«

»Er könnte doch nicht sich halten: – nicht ein Jahr, nicht ein halbes!« – »Und warum nicht, Graf von Agen?« – »Weil er, Graf von Trier, ein Feldherr wäre ohne Heer. Nie würden wir Neustrier, nie die Burgunden sich gutwillig dem – vergieb das Wort! – ›barbarischen‹ – so würden sie ihn schelten – Gebieter fügen.« – »Ich glaub's. Drum müßte er sich auf seine ›Barbaren‹ stützen, die Austrasier.« – »Und da eben liegt's. Verzeih: – ich will dich nicht kränken! – aber das ist unmöglich. Sollte wirklich einer von Euch, zum Beispiel deines Vaters Sohn, zu jener steilen, stolzen Höhe aufsteigen können: – du ständest ganz allein. Denn nun und nimmer werdet ihr Ostleute euch aus eurer tapfern, aber dumpfen ›Barbarei‹ – es giebt kein ander Wort dafür! erheben zu jener Bildung, die wir Neustrier und Burgunden seit zwei Jahrhunderten gewonnen, von den Römern – mit deren Blut – geerbt haben. Ich sage es ja nicht, uns zu rühmen oder euch zu schmähen: aber wir sind Italien, wir sind all' dem, was die Römer hier geschaffen und hier gelassen haben, so viel näher in unsrem schönen warmen Land als ihr auf euren magern Schollen und vollends die Überrheiner in ihren feuchtkalten Waldsümpfen. Die Olive grünt uns an der Durance, die Traube glüht uns an Loire und Garonne. Da horch, wie dein Vetter schnarcht! Und das ist doch ein Arnulfing wie du! Saufen, fressen, dreinschlagen – das versteht ihr – auch das letzte! – meisterlich. Aber damit, werter Gast, beherrscht man nicht einen Staat wie das Frankenreich.« »Recht hat er,« dachte Leodegar, »ganz recht. Aber warum den Blondkopf warnen? Laß es ihn doch versuchen und daran zu Grunde gehn.«

Lange schwieg Pippin und sah nachdenklich vor sich hin. »Glaubte ich deinen Worten,« hob er nun mit tiefem Ernst an, »du stolzer Neustrier, ich legte heute noch das Schwert ab und träte in das Kloster, das ich zu Echternach errichten will. Denn das rasche Sinken dieses zerrissenen Reiches mit ansehen und es nicht hemmen können, – das ertrüg' ich nicht. Hemmen aber kann es und das Reich retten kann nicht eure angefaulte verweichlichte Überbildung . . .« »Herr Graf!« drohte Ebroin zornig.

»Retten kann es – mit Gottes Hilfe! und unter guter Führung – nur unsere, der Austrasier, und der so stolz verachteten Überrheiner frische Kraft!« »Das ist ein Wahn,« rief da Leodegar zum erstenmal dazwischen. »Wir Neustrier und Burgunden müssen's machen und müssen dann herrschen im Reich der Franken. Hier meine Hand, Ebroin, der Burgunde reicht sie dem Neustrier zum Bund auf Schutz und Trutz.« »Ja, in diesem Glauben,« rief der, begeistert einschlagend, »wollen wir treu zusammenstehen, Leodegar. In diesem Glauben – frei bekenne ich's vor dem Gast aus dem Nordosten – will ich ringen all' mein Leben lang.« »Und dieser Glaube wird der Irrtum, wird das Unheil deines Lebens sein!« sprach Pippin nachdrucksam, warnend die Hand erhebend.


V.

Nachdem die beiden Austrasier sich verabschiedet hatten – schwer wankte Martin, auf den Vetter gestützt, nach Hause – schritten die beiden neuen Verbündeten Arm in Arm hinaus in die kühle Luft des Herbstabends, in dem wohlgepflegten Klostergarten auf und nieder wandelnd.

Das Gespräch, die Entdeckung ihrer vollen Übereinstimmung in den letzten Zielen hatte beide mächtig erregt, zumal den heißblütigen und in Selbstbeherrschung gar wenig geschulten Ebroin. »Leodegar,« hob er an, plötzlich stehen bleibend in dem dunkeln Cypressengang, »Nachbarsohn, alter Spielgenoß und Nebenbuhler, es thut mir wohl tief im Herzen, daß wir uns so ganz gefunden, auf dem gleichen Weg, zu dem gleichen Ziel für dieses Reich der Franken und sein Wohl.« »Blöder Thor!« dachte der Priester, »als ob das mein Ziel wäre. Und dein Weg? Wir wollen ihn flugs erforschen, dir ihn zu versperren.« – »Sieh, Freund, man hat mich oft vor dir gewarnt. Erst heute wieder . . .« – Er ging mit Vanning bis an den Speisesaal. »Warte, du dummer Tropf! Wenn du so gefährlich und geschäftig bist, soll dich deine Einfalt nicht schützen. Ich schick' ihn aus, Steuern einzuheben bei den Bretonen. Von solchem Auftrag kommt man nicht leicht lebend zurück.« – »Vor deiner abgrundtiefen Falschheit, vor deiner Gewissenlosigkeit, die vor keinem Mittel, keinem Verbrechen zurückscheut . . .« »Vanning, mach' dein Testament,« lächelte Leodegar in sich hinein. – »Gilt es, deinem maßlosen Ehrgeiz, deiner schrankenlosen Herrschgier zu dienen. Ich habe ja auch vom Knaben an manche Proben erlebt deiner . . . nun, sagen wir: Schlauheit.« – »Ja, Freund, ein dummer Verbündeter wäre dir ein schlechter Genoß auf deinem gefährlichen Wege zur Macht.« – »Ich will alles vergessen, will den Warnungen nicht folgen. Hier, vor den unzähligen Sternen, die da schweigend auf uns niederschauen, verspreche ich dir: ich will dir ein treuer Helfer sein an dem gemeinsamen Werk: ein Neustrier oder Burgunde zu Paris Beherrscher des gesamten Reichs.« – »Ich nehme es an! Und zwar ein Neustrier: das heißt du. Denn ich – sieh, auch das ist eine Sicherung für dich vor meiner viel gescholtenen Arglist! – denn ich, der Priester, kann ja nach den Canones niemals das Amt bekleiden, das allein die Herrschgewalt verleiht: den Majordomat. Ich bin schon ganz zufrieden,« flötete die einschmeichelnde Stimme, »gönnst du mir dann – wie jetzt ohne Amt! – ein wenig Einfluß auf das Palatium!«

»Ich würde doch des treuesten Helfers, des klügsten Ratgebers nicht entraten wollen – können! Aber wir wollen erst den Bären erlegen, ehe wir sein Fell verteilen. Harte Arbeit wird's geben. Nur durch die Waffen wird Austrasien, werden diese Arnulfingen zum Gehorsam gebracht.« – »Gehorsam?« Und nun klang die Stimme ganz anders. »Nicht leben dürfen sie.« »So blutgierig, Priester des Herrn?« meinte Ebroin. »Wer uns hemmt, fällt,« erwiderte der und stieß den Stab, den er in der Hand hielt, heftig auf den Sand des Gartenpfades. »Wenn du das nicht willst, laß uns scheiden . . . sofort.« »Ich werde wollen müssen,« seufzte Ebroin. »O, ich kann auch hart sein – hart – wie dies Schwert. Des Vaters Schwert!« Und fast zärtlich drückte er dessen schlichten Griff.

»Aber,« fuhr Leodegar fort und trachtete, trotz des Dunkels, das sie dämmernd umgab, in den Mienen des Genossen zu lesen, »wie denkst du dir – abgesehen vom Krieg mit Austrasien – die Wege, die dich zur Macht führen sollen?« »Nicht um meine Macht handelt es sich,« rief Ebroin unwillig, »um das Heil des Reichs!« – »Wohl, wohl, das ist doch nur eine andere Wortwendung: – eine Redensart!« »Durchaus nicht,« zürnte Ebroin. »Mir ist's nur ums Reich! Nur dieses Ziel kann die Gewalt, ja die vielleicht häufigen, blutigen Gewaltthaten entschuldigen, zu denen wir wohl gezwungen werden. Dächte ich anders, ertappte ich mich auf solcher Selbstsucht, wie du sie bei mir annimmst, – heute noch gäbe ich all' meine Pläne auf!« – »Er belügt sich selbst, der Wirrkopf, der Hitzkopf! Als ob es in der Menschenbrust noch andres geben könnte als Selbstsucht!« dachte der Archidiakon. – »Ich glaube mich von früher zu erinnern,« sprach er nach einigem Besinnen, »du hast – zum Heile des Reichs! – einen gar kühnen Gedanken gefaßt . . . Begreiflich bei den Geschicken deiner Eltern, deiner harten Knabenzeit . . . Aber nun, gereift, hast du vielleicht die Unmöglichkeit . . .?« »Nein, nicht doch!« rief Ebroin so leidenschaftlich, daß der lauernde Beobachter stutzend stehen blieb. »Ah,« dachte er, »das ist also der Trieb, der Drang, der ihn zumeist beherrscht.« »Die Errettung des geringen Volkes,« fuhr Ebroin begeistert fort, »seine Erlösung aus der Knechtschaft, zu der Bischöfe, Äbte, Weltgroße die freien Männer herabgedrückt haben, die Wiederherstellung der alten Rechte und des Wohlstands des Volkes und daher die Zertrümmerung – mit scharfem Schwert! – der Herrschaft dieses selbstischen, zucht- und meister-losen, dieses reichsverderberischen Adels, die Herausgabe des ungeheuren Reichtums an Land und Leuten, den Kirchen und Klöster planmäßig seit zwei Jahrhunderten an sich gebracht: – das ist mein heißester Wunsch, mein liebstes Ziel.« – »So, so! – Es ist sehr hoch gesteckt.«

»Ich erreich' es oder gehe unter auf dem Wege dahin.« »Das sollst du, gefährlicher Schwärmer,« grollte Leodegar. – »Es ist ein grundstürzend Beginnen.« – »Jawohl! Aber dieser Grund, auf dem der Adel seine Zwingherrschaft gebaut hat, ist nicht der Boden des Rechts, ist Gewalt und Unrecht. Wohlan denn: Gewalt wider Gewalt: aber Gewalt zum Zwecke des Rechts.« – »Der Sklavensohn will sich am Adel rächen! Na warte!« – »Und,« beteuerte Ebroin, lodernd vor Eifer, »zum Heile des Reichs. Denn nur auf einem starken Stande freier Bauern kann sich auch ein starkes Königtum aus seiner jetzigen Ohnmacht wieder heben.«

»Das fehlte gerade noch,« lächelte der geistliche Edeling in sich hinein. – »Der Majordomus, der Führer des Adels, herrscht jetzt an des Schattenkönigs Statt in Palast und Reich. Vom Adel erhoben, vom Adel getragen muß er des Adels Willen thun, der Seniores Vorteile wahren wie gegen das Volk so gegen die Krone.« – »Aber du willst ja selbst Majordomus werden?« – »Ja, jedoch wahrlich nicht, um des Adels Sache zu führen. Nein, als Majordomums befreie ich das Volk und die Krone von der Herrschaft der Seniores. O wie will ich, ein Schwert in der Hand des Staats, diese übermütigen Häupter niederschlagen, beugen sie sich nicht dem Wohl des Ganzen.« – (»Und deiner Willkür, Bauernbub.«) – »Deine Hand nochmal, Leodegar: du wirst mir nicht fehlen, nicht versagen auf meinen steilen Pfaden?« »Ich schwöre:« – und er reckte die Hand empor – »wahrlich, du sollst Leodegar finden auf jedem deiner Wege! Sieh, Freund, schon die Pflichten, die Bande der Dankbarkeit fesseln mich ja unauflöslich an dich. Du hast mir das Leben gerettet! Anfangs – ich gesteh' es – wußte ich dir des nur wenig Dank. Dem Krüppel war das Leben verleidet. Aber bald sollte ich lernen – durch geistlichen Zuspruch! –: auch der Priester kann doch viel Gutes thun auf der Welt. Und auch wohl ein wenig des Guten genießen: denn dein Scharfsinn würde mir doch nicht glauben, daß ich darauf ganz verzichten will. Welches Glück ist es zum Beispiel schon, dir so auf deinen Wegen folgen, helfen zu können! – Aber nun schwöre auch du mir: – volles Vertrauen, aufrichtiges Aufdecken all' deiner geplanten Schritte: – erhebe gleich mir die Hand zu Gott.« – »Ich schwöre nicht. Mein Schwur würde dich nicht stärker sichern als mein Wort. Ich kann nicht glauben an euren Gott.« – »Ich ahnte das schon lange, Unseliger!« – »Sollte der scharfe Grübler Leodegar an all' die dummen Mirakel glauben, die uns in der Capella gelehrt wurden?« »Nun,« lächelte der, »mit Auswahl. Aber nicht um diese Mirakel handelt es sich, sondern . . .« – »Du hast recht. Um Tieferes und Höheres. Wohlan: der Eltern grausam Geschick, – des Vaters jähes, unverdientes Ende, – gar viel, was ich selbst erlebt und was uns aus Büchern gelehrt ward, – hat mich überzeugt: es ist nicht wahr, nicht möglich, daß ein allmächtiger und allgütiger Vater da oben über den Wolken die Geschicke der Menschen lenkt: denn unzählige Male siegt das Böse, muß das Gute blutig untergehn. O mein Vater . . . ich gedenke dein!« »Also ein Gottesleugner,« dachte der Priester, »das muß man sich merken! – Warum dann aber« . . . – forschte er eindringlich, »du glaubst nicht an Himmel und Hölle?« – Ebroin schüttelte den Kopf: »Ich glaube an mich selbst und an mein Schwert.« – »Warum dann aber das Gute thun, obwohl es uns schaden, das Böse meiden, obwohl es uns nützen würde?« – »Oh, Archidiakon! Welch niedrige Gesinnung! Also aus feiger Furcht vor der Hölle, aus schlauer Berechnung auf die Paradiesesfreuden handelst du? Nein! Was Mannesehre, Mannespflicht gebeut, spricht mir vernehmlich, spricht laut gebietend mir eine Stimme in der Brust und der Gedanke in meiner Stirn. Nicht Priester, nicht heil'ges Buch brauch' ich dazu! Ich muß Neidingsthat meiden, Heldenthat thun. Ich kann nicht anders! – Es ist aber spät geworden! Gute Nacht, Bundesgenoß!« Und er enteilte raschen Schrittes in heißer Erregung.

Kühl bis ans Herz hinan sah ihm der Archidiakon nach: dann hob er den Zeigefinger drohend in die Nachtluft und sprach leise vor sich hin: »Nun bist du ganz in meiner Hand, starker Ebroin. Ja, du sollst kämpfen: – aber für mich, an Stelle meiner verlornen Rechten. Du sollst Austrasien zum Gehorsam zwingen unter den Mann, der zu Paris das Palatium beherrscht. Aber am Tage nach deinem Siege über jenen Pippin, – oder früher schon, muß es sein: – sollst du fallen, Hochverräter, Volksverhetzer, Gottesleugner.«


VI.

In jener Oktoberwoche ward zu Sankt-Denis der berühmte Jahrmarkt abgehalten, der sich an den Gedenktag des Heiligen, den neunten Oktober, schloß.

Da strömten überall her, auch aus weiter Ferne, die Kaufleute zusammen, sicher, zahlreiche Abnehmer versammelt zu finden: Warenhändler, die tauschten oder kauften, Vertreter der reichen, kostbare Dinge für den Schmuck ihrer Basiliken, für den glanzvollen Gottesdienst bedürfenden Bischofskirchen und Klöster, auch viele Weltgroße, welche die in jene Zeit fallende Herbstversammlung im Palatium zu Paris oder in einer der benachbarten königlichen Villen besuchten.

Da kamen die Bretonen vom Nordwesten mit ihren kunstvollen Geweben, die Aquitanier, ja sogar die Westgoten von Garonne und Durance mit ihrem schon damals gepriesenen »Provencer«-Öl und ihren dunkeln feurigen Weinen von Toulouse und Narbonne, auch die Überrheiner fanden sich ein: Alamannen, Bayern: jene mit ihren schon seit zwei Jahrhunderten vielgesuchten gelbbraunen Rindern, diese mit ihrem goldgelben Weizen vom Donaugau; die Friesen vom Norden brachten ihre ausgezeichneten Mäntel aus erlesener Wolle, die Sachsen ihre starken Rosse. Aber auch an menschlicher Ware gebrach es nicht. Kriegsgefangne oder durch Schuldknechtschaft in Unfreiheit geratene Männer und Weiber in großer Zahl wurden, Herden gleich, von den – meist jüdischen – Händlern herangetrieben: die Männer, hintereinander, an den Armen zusammengebunden mit starken Seilen auf beiden Seiten der Straße und vorn und hinten quer den Zug schließend, in der Mitte des so gebildeten Vierecks die Frauen und Mädchen; der Händler mit ein paar Wächtern zu Pferd schloß oder führte den Zug: große Hunde umkreisten wie eine Trift Schafe den Haufen mit lautem Gebell, duldeten, anspringend und beißend, nicht, daß einer zurückblieb oder aus der Reihe wich.

Ein solcher Sklavenzug näherte sich am Morgen des folgenden Tages von Nordwesten her – von der Straße von Rouen – den ersten Häusern von Saint-Denis.

Es war ein rauher Tag: der kalte Herbstwind drang durch die geringe und dünne Gewandung der Unfreien: die Männer schalten und fluchten, die Weiber stöhnten und weinten.

Nun gab es einen Aufenthalt: unter den letzten Bäumen des Gehölzes, das die Schar eben durchschritten, stockte es: Frauen und Mädchen drängten sich zu Hauf, waren auch durch die laut tobenden Hunde nicht von der Stelle zu bringen! da brach sich der Herr der meisten in der Herde – ein alter Jude mit spitzem grauem Barte – Bahn: er trieb seinen Esel mit der neunsträngigen Geißel von der Spitze des Zuges, wo er geritten, zurück in die Mitte: unsanft ließ er die in Bleikugeln auslaufenden Stricke auch auf den Köpfen und Rücken der Schreienden tanzen, bis er den dichten Knäuel durchdrungen hatte: »Was treibt ihr da, ihr Bestien? Warum geht's nicht vorwärts? Durch eure Faulheit hab' ich schon den halben Tag des Marktes verpaßt. Gott meiner Väter, du weißt es, wieviel hundert Solidi das ausmacht! Was ist hier los?«

»O Herr,« klagte eine ältere Frau, »wir können nicht mehr. Die ganze Nacht hindurch – wie den gestrigen Tag – hast du uns vorwärts getrieben: – nicht einen Augenblick des Schlafes! – Da, diese junge Angelsächsin, das arme zarte Kind, hat's nicht mehr ausgehalten. Da liegt sie, ohnmächtig, zusammengebrochen unter der Tanne – halb tot . . .«

»Wart', ich will sie auferwecken und wäre sie ganz tot wie jener Lazarus, den euer falscher Messias, der Zimmermannssohn, erweckt hat: 's ist aber nicht wahr!« Und er hob die sausende Geißel.

Da fiel ihm sein jüngerer Genosse in den Arm, der sich nun auch herangedrängt hatte. »Gott du gerechter,« rief er, »Manasse, bist du besessen? Die Blonde da ist unser bestes Stück. Hast du vergessen, daß sie zur Hälfte mir gehört? Ach, schmerzlich viele Solidi hab' ich dafür bezahlt im Hafen von Dovera dem alten Levi von Jork. Gott verderb' ihm das Geschäft und die Knochen im Leibe! Grausam hat er gefeilscht und gehandelt. Willst du zerstören durch einen Schlag das süße Fratzengesicht, das uns einbringen soll einen Gewalthaufen Goldes? Das sollst du nicht! So wahr ich bin geheißen Mardochai! Steh' auf, Kleine, in Güte. Oder – noch lieber! – ich trag' dich. Das magst du aber nicht, spröde Jungfrau! Schreist ja schon, wenn ein Mann dich anlangt. Steh' auf.« –

»Ich kann nicht!« lispelte da eine holde, wohllautreiche Stimme. »Erbarmen!« Und ein wunderschönes Mädchen – oder noch ein Kind? – mit engelhaft sanften Zügen hob ihm stehend aus ihren Lumpen zwei alabasterweiße Arme entgegen. – »Du sollst aber! So komm! Vorwärts! Ich greife dich, süße Last!« Und grinsend streckte der junge Jude die schmutzigen Hände nach ihrer entblößten Schulter aus.

»Zurück, du Hund! Hand von dem Mädchen!« rief's da hinter ihm. Und über den Waldgraben auf die Straße setzte ein Reiter auf hohem weißem Roß, in glänzender Waffenrüstung: er schwang drohend den Schaft des Speers über dem Rücken des angstvoll Emporschauenden. Ein paar berittene Begleiter langten nun auch auf der Straße an. »Armes Kind,« sprach der Führer, sich von dem hohen Roß zu dem Mädchen herabbeugend, das einen Blick tiefsten, innigsten Dankes aus ihren lichtblauen Augen zu ihm emporstrahlen ließ. »Wie kamst du in solche Not? Du bist ja wie vom Himmel herabgestiegen! Wie heißest du?« – »Balthildis.« – »Wo kommst du her?« – »Aus der Insel der Angelsachsen!« – »Geraubt? Dann befrei' ich dich sofort!« Und er hob den Speer.

»Geraubt! Gott du gerechter!« »Geraubt! Gott meiner Väter,« riefen die beiden Händler wie mit einer Stimme. »O großmächtiger Herr Graf, –« hob Manasse an, »denn ich kenn euch wohl: ihr seid der Graf Hermengar von Bordeaux und manchen schweren Zoll habt Ihr mir Bettelarmem abgedrückt auf dem Hafendamm der Garonne dort . . .« »O grausam tapfrer Herr,« fiel Mardochai – aus vorsichtiger Entfernung! – ein, »sehen wir zwei beiden aus wie Männer, die da rauben die Mädchen?« – »Wir sind Männer des Friedens!« – »Wie alle Söhne Abrahams.« – »Handel und Wandel ist unsere karge Lebsucht.« – »Wai geschrieen, wie werden wir rauben!« – »Mir wird schwach in der Knie, seh' ich von weitem ein eisern Schwert.« – »Nicht geraubt! Ehrlich gekauft haben wir die Blonde im Hafen von Dovera.« – »Für teures, teures, ach teures Geld.«

»Ist's wahr, Kleine?« fragte der Reiter, freundlich auf das Mädchen herabschauend und ohne auf die beiden Jammerer weiter zu achten. »Es ist,« klagte diese, das Köpfchen leise senkend, aber ohne das leuchtende Auge von dem Erretter zu lassen. »Mein Vater, ein freier Ceorl von mehr als fünf Hufen, geriet tief in die Schuld eines Juden zu Jork. Der ließ sich den Vater, die Schwester, mich in Knechtschaft zusprechen. Er führte uns nach Dovera. Dort wurden wir auseinander gerissen, – verkauft an drei Käufer.«

»Und wir beiden,« fuhr Manasse fort, »wir haben erstanden hier dies weiße Täubchen, Ihr findet Wohlgefallen an der Kleinen? Kein Wunder! Wäre gerade was für so einen schönen, stolzen Herrn.« – »Kauft sie uns ab, wie sie daliegt unterm Tannenbaum!« – »Wir lassen sie billig.« – »Brauchen wir sie nicht noch zu schleppen auf den Markt und dort noch zu füttern.« – »Sie ist wohl ein süßer Bissen: – seht nur, wie weiß der Nacken,« näselte er süßlich.

»Schweig, Hund von einem Juden. Gewiß, sie wäre eine gute Gürtelmaid für meine liebe Ehefrau Friedrun.« Da schoß dunkles, heißes Rot in das bleiche Antlitz des Mädchens: die langen goldnen Wimpern senkten sich: sie sah dem Retter nicht mehr in das wohlgebildete und von edlem, gütigem Ausdruck verschönte Antlitz, das dunkelbraunes Haar, aus dem Helme flutend, umwogte.

»Aber ich muß – nach einem Auftrag für den Grafen von Rouen – als Gesandter des Königs schleunig an den Hof der Goten nach Toledo. So kann ich selbst, liebe Kleine, nicht weiter für dich sorgen. Doch sollst du mir wahrlich nicht hier am Wege verschmachten, du holdes Geschöpf . . .« Da errötete sie noch viel tiefer und schloß beide Augen. »Und nicht schnöden Gelüsten verfallen. Hier, trink, du Arme« – und er hielt ihr die Feldflasche an den Mund, die er hinter sich auf den Sattel geschnallt trug – »trink.« Und er sprang ab und hob sie auf, seine Haare streiften ihre Stirn.

Nun schlug sie die wunderschönen Augen wieder auf, wieder traf ihn der dankbegeisterte Blick. »Dein Heil, o hoher Herr! Und deiner Gattin! Und der heilige Augustinus schütze dein edles Haupt für und für. Und ich will für dich beten jeden Abend und jeden Morgen.« Sie trank lang und gab ihm das Gefäß zurück.

»Schad' um diese Knospe!« dachte er. »Welch' rauhe Hand mag sie brechen? – Steig' ab, Manno, hebe die Jungfrau auf deinen Braunen und führe sie – sicher! – bis auf den Markt zu Saint-Denis: – dann reite uns eilig nach. Wir erwarten dich in Rouen. Lebwohl, du viel liebes Kind. Und alle Heiligen mögen dich beschützen.«

»Herr,« rief sie ihm nach, »dein werd' ich dankbar denken bis zum letzten Hauch!« – Thränen stürzten aus ihren Augen: sie erhob sich auf die Knie und sah ihm nach. Und als sie ihn so nicht mehr erblicken konnte, stand sie vollends auf und spähte ihm nach, auf die Zehen gereckt, bis die dichten Waldbäume sie auch seine Helmspitze nicht mehr erschauen ließen.


VII.

Am Abend dieses Tages stürmte in Vannings Gemach im Palatium Ebroin, Sein Antlitz glühte, heißes Rot und fahle Blässe wechselten jäh.

»Um Gott,« rief Vanning, aufspringend von seinem Abendwein. – »Hilf, Sankt Martin! Ebroin, was ist dir?« – »Vanning, Freund, Bruder! Hilf mir! Steh' mir bei. Es gilt mehr, weit mehr als mein Leben. Gieb mir . . .« – »Mein Blut für dich, mein Herzblut!« – »Nein! Geld! Sehr viel Geld, unsinnig viel Geld!« – »Wieviel?« – »Viertausend Solidi.« – »Du rasest! Wofür?« – »Für ein Weib! Was sag' ich? Für einen Seraph! Nein doch, für eine der Elbinnen, der berückend schönen, Wahnsinn des Verlangens entzündenden, von denen der alte Thiemo Wunder erzählte.« – »Und der Muntwalt fordert so hohen Brautschatz?« – »Nichts Muntwalt! Ihr Herr, ihres Leibes Eigentümer . . .« – »Ebroin! Eine unfreie Magd!« – »Nein! Sie ist frei geboren! In Schuldknechtschaft verkauft! Ich sah sie – ich sprach sie kurz – vor der Basilika des Heiligen liegt sie – in Lumpen gehüllt – auf den Steinstufen. Ich muß sie haben! Nein doch!« er stampfte mit dem Fuß auf den Estrich. »Nicht das ist's, was mich treibt! – obwohl ich, seit ich sie gesehen; nichts mehr, nichts sehe als ihren holden Reiz, die sanfte Anmut ihrer Züge! Aber nein! Frei kaufen muß ich sie. Erretten vor dem Scheußlichsten!«

»Kaufen: – eben für dich!« meinte Vanning, gutmütig lächelnd. »Nein! Bei meiner Treu! Ich lasse sie frei, sowie sie mein. Ich bringe sie zu meiner Mutter. Verflucht sei meine Hand, rühre ich sie an, bis sie sich freiwillig als Braut mir verlobt!« – »Das ist mein Ebroin! Wie heißt sie?« – »Ach, ich vergaß zu fragen, in ihrem Anblick, ihre Not versunken! Aber Eile; Eile drängt. Denke nur, der Freigelassene des Apronius zu Soissons . . .« – »Pfui, des alten Wüstlings, des scheußlichen Greises, der in seinen siebzig Jahren sich siebzig Buhlen hält?« – »Hat bereits Hand auf sie gelegt. Heute Nacht noch trifft sein Patronus von Epinay her ein. Der unermeßlich Reiche bezahlt leicht das Doppelte. Mit Mühe setzte ich's bei ihren Verkäufern durch, daß sie bis morgen um die sechste Stunde warten wollen: bring' ich bis dahin das Geld, soll ich die Vorhand haben.«

»Aber! Bis morgen Mittag! Diese Summe! Ich – ich habe nicht hundert Solidi hier. Gern wollt' ich – denn ich sehe ja, dich verzehrt die Glut, mehr noch die Angst! – mein ganzes Vatererbe drum verkaufen: – aber das dauert Wochen und reicht noch lange nicht.« – »Und meine arme Scholle noch viel weniger!« – »Geh' doch zu den reichen Kaufleuten auf der Messe hier, den Juden aus Paris, zu Simon, zu Marcus, zu Hamann auf dem Markte.« – »Bin bei allen gewesen. Sie lachten! Wie werden sie denn dem bettelarmen Grafen von Agen, aus dem vielleicht einmal in vielen Jahren was Reicheres werden kann, Geld leihen!« – »Und . . . ich rat' es ungern! – dein neuer Freund und Bundesbruder Leodegar? Der hat immer Geld wie Heu: – er selbst, sein Oheim, seine Kirche!« – »Ich war bei ihm – zu allererst! Er ist nicht zu finden – soll im Palatium in Paris sein. Ach, ich sehe keine Hilfe! Ich muß diese Perle zertreten lassen von jenem Scheusal!« Und er warf sich ächzend auf einen Stuhl.

Aber gleich sprang er wieder auf.

»Nein,« schrie er, »das nicht. Das soll ihr Los nicht sein. Ich dachte daran, sie mit Gewalt zu befreien. Ganz unmöglich! Der Markt ist in beiden Zugängen mit Ketten abgesperrt: der Graf von Paris, Leodegars Nachfolger, der die reichen Marktzölle erhebt und mit seinem Kopfe für den Marktfrieden haftet, hat beide Zugänge mit je hundert Speeren besetzt. Unmöglich also! Aber Apronius soll sie nicht besudeln mit seinen Händen. Ich reite ihm entgegen in den Wald von Epinay, durch den muß er in wenigen Stunden. Ich fordre ihn zum Kampf und schlag' ihn tot.« – »Der wird sich dir stellen! – Und wenn?« entgegnete Vanning. »Und was dann? Dann bist du nicht um einen Solidus reicher und statt des einen Wüstlings kauft sie nach der sechsten Stunde ein andrer. Das hilft dir nicht. Geld mußt du haben.« Da blitzte Ebroins Auge plötzlich auf, unheimlich ward der Ausdruck seiner Züge. »Recht hast du, Freund. Aber einen furchtbaren Rat hast du – ohne es zu ahnen! – in meine Seele geblasen, in mein tobend, rasend, wahnsinnig Gehirn. Tot zu schlagen den Käufer ist nicht nötig! Und hilft nicht! Aber, Vanning, hasse mich, verachte mich – aber sein Geld! – Ich weiß, er führt es mit sich: der Freigelassene prahlte damit – sein Geld nehm' ich ihm ab im finstern Walde, jage hierher zurück und kaufe sie nach Sonnenaufgang frei – mit seinem Gelde!« – »Ebroin! Das ist . . .« – »Straßenraub. Ich weiß. Darauf steht Friedlosigkeit, ja das Schwert. Aber Raub entehrt nicht, wie Diebstahl! Ich thu's! Ich muß! Ich kann nicht anders. Leb' wohl, Vanning. Vergiß mich.« »Im Gegenteil,« rief der und griff nach Helm und Schwert. »Ich begleite dich. Der Alte reist doch nicht allein. Du brauchst einen Helfer.«


VIII.

Der Wald von Epinay-sur-Orge war von Untergehölz und Gebüsch so dicht durchwachsen, daß kaum die alte breite Römerstraße, die, von Soissons her nach Paris führend, ihn durchzog, genügend frei gehalten werden mochte.

In dieser nebligen Oktobernacht drang der halb volle Mond kaum durch die hohen Wipfel der hart nebeneinander ragenden düstern Ulmen und der breitästigen Eschen: das welke Laub fiel geräuschlos bei jedem leisen Windhauch auf die Helme, auf die Schultern, auf die Pferde der beiden Reiter, die, im dichten Buschicht, hart an dem südlichen Ausgang des schmalen Brückleins über den kleinen Waldbach hielten, der von Osten her seinen Weg in die Seine suchte.

Der dicke Nebel verstattete kaum den Blick über die kurze Brücke hin: – was nördlich derselben lag oder daher kam, entzog sich der Wahrnehmung völlig.

»Es dauert lang, allzulang!« sprach Ebroin ungeduldig. »Soll ich rechtzeitig eintreffen, haben wir, nachdem es geschehen, mehr als zwei Stunden scharf zu reiten. Laß uns ihnen lieber noch ein Stück entgegentraben, die Sache früher zu vollenden . . .« – »Und vor lauter Ungeduld den Platz hier verlassen, den wir weislich gewählt? Nein! Hier, auf der engen Brücke, können sie uns nicht entwischen, kann zumal der den Geldsack trägt, nicht damit ins Land, in den Nebel, in die Nacht hinaus jagen. Auch nützt ihnen in solchem Gedräng am wenigsten die Übermacht, die sie sicher haben werden.« – »Fürchtest du sie, so laß mich allein.« – »Das hab' ich nicht verdient.« – »Verzeih', vergieb! – Ich bin nicht ganz . . .« – »Bei Sinnen, seit du sie gesehen. Jawohl! Aber ich begreif's, nachdem auch ich sie im Vorbeireiten erschaut, die rührende, zarte Gestalt, in ihren ärmlichen Fetzen vor der Kirchenthüre knieend und die wunderbaren Augen im Gebet gen Himmel gerichtet. Aus eitel Mitleid schon reut es mich nicht, dir zu helfen.« – »Still! Horch! Ich meine, ich höre Geräusch, dort, jenseit der Brücke.« – »Ja. Aber das sind nicht Hufschläge. Es knackte in den Büschen: – es war wohl ein Wolf, der nächtlich streifend durch das Dickicht brach: – jawohl. Da heult er in der Ferne.« Eine Weile schwiegen beide. – »Aber jetzt! War das nicht ein Lachen?«

»Jawohl! Aber die Eule war's, dort, in dem Ulmenwipfel. Da streicht sie ab: der Mond wirft den Schatten ihrer breiten Flügel auf die Straße. – Doch nun, horch auf. Ja, das sind Hufschläge. Zähle! O weh, Freund, das sind gar viele Pferde. Der Vorsichtige hat sich Geleitspeere bezahlt beim Grafen von Paris. Drei – Sechs – Neun – Zwölf.«

»Und wären's hundert – drauf!« Und er band das schwarze Tuch, das nur die Augen durch zwei Löcher blicken ließ, über den Ohren fester und riß das Schwert unter dem braunen Mantel hervor; Vanning, ebenfalls verlarvt, that desgleichen; sie hatten die langen Speere nicht mitgenommen zu dem erforderlichen Ringen um das Geld – Mann an Mann.

Nun tauchten nördlich der Brücke zahlreiche dunkle Schatten auf; an der Spitze ritten zwei Vollgewaffnete.

»Eh, Hartbrand: Wolf und Eule: – was ist das für Angang?« – »Der Wolf, Willfried, rannte gegen uns: – übeler. Die Eule bäumte zur Rechten auf: – guter!« – »So hebt sich's. – Sieh! Da kommt ein Steg, ganz schmal! Wie eine Mausefalle. »Halt,« rief er laut, nach hinten sich wendend, die Hand hoch erhebend. »Schritt! Ganz langsam. Eine Brücke! Langsam sag' ich.« »Langsam,« wiederholte sein Nebenmann und beide drehten sich auf ihren Sätteln mahnend nach rückwärts.

Diesen Augenblick benutzten die Freunde: ohne Wort oder Ruf sprengten sie überraschend gegen die beiden Wegführer an: der eine fiel vom Sattel, der andre hielt sich mühsam an der Mähne in der Schwebe: die nächsten beiden Reiter waren unbewaffnete Knechte: schreiend drückten sie sich zu beiden Seiten an das Brückengeländer: nunmehr kam ein Freigelassener: er zückte den Speer gegen Ebroin: Vanning schlug ihm die Waffe aus der Hand, daß sie weit über das Brückengeländer ins Wasser flog.

»Apronius!« schrie nun Ebroin den nächsten Reiter auf reich gezäumtem Maultier an, »gieb dein Geld . . . Dann geschieht dir nichts! Wo ist der Geldsack!« Und er hob das Schwert gegen sein Antlitz. »O – ah – Erbarmen! – Ich . . . ich führe ja kein Geld mit,« rief der Alte, »Friede! Friede!« zog aber zugleich einen langen Dolch aus dem Gürtel.

»Hier ist der Sack!« rief Vanning und griff nach einem schweren Lederschlauch, der mit einem Riemen quer über den Rücken eines ledig gehenden Esels gebunden war. Er durchschnitt mit scharfem Hieb den Riemen und riß,– nicht ohne Anstrengung und Zeitverlust – die schwere Last auf den Hals seines Rosses. »Ich hab' ihn! Zurück! Nach Hause!«

Aber mittlerweile hatten sich die beiden germanischen Wegführer aufgerafft: beide drangen zu Fuß auf Ebroin ein, der sich ihrer mit Mühe erwehrte.

»Halt ihm den Gaul am Zügel, Willfried. Laß ihn nicht von der Stelle.« – »Hab' ihn schon.« Und Ebroin war festgebannt auf der Brücke, auf deren Nordseite nun noch drei gewaffnete Geleitsreiter eintrafen, die vorwärts drängten. Vanning kam dem Freunde zu Hilfe: mit der Zügelhand zugleich den Ledersack auf den Sattel vor sich drückend, rannte er den Mann über den Haufen, der Ebroins Hengst am Zaume hielt.

Aber da blitzte im Mondschein etwas über Vannings vorgebeugtem Nacken: es war der Dolch, den Apronius zu tödlichem Stoß über dem Ahnungslosen zückte. »Ah, gieb acht!« schrie Ebroin. Jedoch Vanning konnte nicht wahrnehmen, was ihn von hinten bedrohte: er schien verloren: – da stieß Ebroin dem Alten das Schwert in die Kehle: – lautlos stürzte der aus dem Sattel.

»Mord! Mord!« klagten seine Sklaven.

»Nieder, du Mörder!« rief der noch aufrecht stehende Germane vorn und schwang die Streitaxt gegen Ebroin. Vanning ersah's und spaltete ihm Sturmhaube und Stirn mit einem sausenden Schwerthieb. »Jetzt aber rasch, rasch davon! Was starrst du vor dich?« rief er Ebroin zu, der auf des toten Greises verzerrtes Antlitz niedersah, das im bleichen Mondlicht von der Erde auf zu ihm emporzudräuen schien. »Zurück! Rasch!«

Und er gab dem Pferd Ebroins mit der flachen Klinge einen Schlag auf den Hinterbug – weitaus griff der Rappe; beider Rosse Hufschläge donnerten über die Brücke zurück, bald auf der harten Straße: schon hatte sie der dichte Nebel verschlungen: die Begleiter des sterbenden Römers waren um ihn voll beschäftigt.

»Blut! Raub! Mord!« rief Ebroin gegen den schweigenden Himmel hinan. »O du Vielholde! Teuer bist du erkauft!«


Zwei Stunden darauf sprengten, von Staub und Schmutz der Straße die Rosse und die Mäntel über und über bedeckt, die raschen Reiter auf den Marktplatz von Saint-Denis.

Die beiden Sklavenhändler und ihre lebendige Waare bedeckten noch dicht die Stufen der Basilika; aber der Platz oben auf der Estrade hart vor der Thüre, wo die feine Gestalt der Angelsächsin gekniet hatte, war leer.

Ebroin sah's: »Sie wird drinnen – in der Kirche – beten!« sagte er, sich selbst beschwichtigend: denn das Herz drohte ihm zu stocken, »Hier, Jude,« rief er, auf den Ledersack deutend, den Vanning vor sich auf dem Sattel trug. »Hier das Geld – und mehr als du verlangt! Wo ist die Jungfrau?« »Wer weiß, ob sie das noch ist?« grinste der Jüngere, Ebroin hatte nicht verstanden:, er wandte sich an den Alten. »Wo . . . wo ist das Mädchen?« – »Wie soll ich wissen? Wo wird sie sein? Wohin sie hat gebracht ihr Herr!« – »Ihr Herr? Du bist ihr Herr.« – »Gewesen. Ist sie doch verkauft!« »Was?« schrie Ebroin, »verkauft. Du Schuft: – noch ist die sechste Stunde nicht voll.« »Mag sein. Aber der Preis, den hat geboten der andre,« fiel Mardochai ein, »der war voll. Hat er doch geboten tausend Solidi mehr als wir verlangten.«

Ebroin versagte die Sprache: er starrte lautlos vor sich hin. »Und wer – wer ist der Käufer?« fragte Vanning, sein Pferd dicht herantreibend. »Weiß ich's? Ist mir ganz gleich.« »Wer . . . wer . . .?« stammelte Ebroin leichenblaß. – »Nu, was soll'n wer's nicht sagen dem jungen Herrn, will er's gar so gern wissen? Vielleicht verkauft sie ihm der andre zurück – das heißt: nach ein paar Wochen. Ist gewesen ein stolzer, stattlicher Herr. In kostbarem schwarzem Gewand: ein schwarzseiden Mantelchen, Hat er nur eine Hand. Und sein Säckelmeister hat ihn genannt: Herr Archidiakon Leodegar.«

Da schrie Ebroin laut auf und stürzte besinnungslos vom Pferd auf das Pflaster des Marktes.


IX.

Viele Wochen darauf – der Schnee lag auf den entblätterten Platanen der Gärten zu Paris – saß in einem dunkel verhangenen kleinen Schlafgemach des Palatiums dort am Bett eines Kranken eine sorgsame, angstvolle Pflegerin: sie träufte ihm aus einer flachen Phiole dunkle Tropfen auf die brennenden Lippen.

»Dank, Mutter, Dank!« hauchte er, ihre Hand streichelnd. »Dank für all' deine Sorge. Zum zweitenmal schuld' ich dir mein Leben.« – »Gott dem Herrn dankst du die Genesung, mein Ebroin, Ach, als ich vor Monatsfrist über diese Schwelle trat – mit dem treuen Vanning . . .« – »Wo ist er? Wo . . .? Ich will ihm danken!« – »Verschwunden! Spurlos verschwunden ist er, sobald er mich an dieses Bett gebracht hatte. Er kam mir schon unterwegs so seltsam vor – wie nicht recht bei Sinnen. Er stammelte wirre Worte, – schalt sich einen argen Sünder, sprach von Blutschuld, Raub, Reue, Buße . . .« »Ah,« seufzte der Kranke tief auf. »Auch er – auch seine Seele hab' ich . . .! Und umsonst, umsonst.« Und er barg das glühende Antlitz in den Kissen.

»Was ihn nur so quälen mag?« dachte die Mutter. »Rätselhaft waren die Worte, die er im Fieber raunte Tag und Nacht! – Komm, mein Kind, beruhige dich.« Und sie strich ihm mit einem essiggetränkten Linnentuch über die heiße Stirn. »Du sollst dich nicht aufregen durch die eigenen Gedanken, riet der gute Arzt. Wie mag ein Jude nur so gütevoll sein! Schlafen sollst du oder beten!«

»Ja, wer das könnte! Im Schlafen träum' ich alles nochmal. Im Beten fluch' ich Gott und mir und . . . ihm.«

»Du sollst deine Feinde segnen, nicht ihnen fluchen, Kind. Als ich dich damals im Fieber tobend fand, – Hirnfieber, sagte der alte Zacharias – da schien wenig Hoffnung, daß du . . .« – »O wär' ich doch gestorben!« – »Sprich nicht so. Gott hat noch Großes mit dir vor. Sonst hätte er dich nicht wie durch ein Wunder hergestellt. Und du wärst in deinen Sünden dahingefahren – ohne Beichte, ohne . . .« – »Beichte! Ja, Mutter, du hast recht. Beichten! Das wird mich erleichtern, mehr kühlen, mehr als der Kühltrank des Arztes. Beichten! Aber nicht den Priestern! Dir, liebe Mutter, dir will ich beichten, das schwere Gewissen zu entlasten. Du sollst alles wissen und dann mich . . . verdammen, mich verlassen!« »Mein wilder Bub,« sprach sie, seine Wangen liebkosend. »Ja, sprich! Schütte dich aus. Wie weiland der Knabe gethan, wann er mir auf meinem Schos seine kleinen Leiden und Schmerzen, seinen Zorn geklagt über Verunrechtung durch die Seniores, durch Leodegar.«

»Leodegar!« schrie der Kranke und fuhr in die Höhe. »Er sei . . .! Aber nein, erst soll die Mutter alles hören. Ach, dein Bub ist nicht mehr das wilde, heiße, aber brave Herz, frei von Schuld. Ich bin . . .! Ich kann's nicht sagen, was ich geworden bin. Höre! Ganz nahe dein Gesicht, dein Ohr an mein Kopfkissen! Ich kann's nicht laut sagen.«

Und die alte Frau schob sich nun eng heran, er umschlang ihren Hals mit beiden Händen und erzählte ihr, – unter vielem Stocken und Seufzen – ohne sich zu schonen, alle Vorgänge jener Nacht und jenes Morgens.

Wohl zuckte die fromme Frau zuweilen zusammen vor Grauen, aber sie bezwang ihr Entsetzen, des Kranken zu schonen: auch wich die Entrüstung in dem Mutterherzen gar bald dem Mitleid. »Nun,« schloß er, sie freigebend und erschöpft auf das Lager zurücksinkend, »nun weißt du alles, Mutter. Jetzt schüttle den Staub von deinen Schuhen, verlaß das wohlverdiente Schmerzenslager des Räubers, des Blutbefleckten . . .« – »O nein, mein Sohn! Jetzt gehör' ich erst recht an deine Seite, jetzt, da deine Seele mehr leidet als dein armes Gehirn. Unablässig will ich für dich beten. Und daß du dem Priester beichtest, dazu dräng' ich dich nicht, so tief mich dein Unglaube schmerzt: seine Lossprechung würde dich ja nicht trösten und sie würde dem Ungläubigen gar nicht werden. Auch ich, deine Mutter, spreche dich noch nicht frei: noch nicht! Erst sollst du, da dich Gott in seiner Gnade genesen ließ, durch ein wackres Leben zeigen, daß du solche Gnade verdienst: du sollst Gutes thun, Großes verrichten mit den Gaben deines von Gott geschenkten Geistes, Gutes und Großes wirken an diesem deinem Volk der Franken, zumal an den Armen und Elenden, denen deine Eltern und du selbst solang angehört haben, du sollst ein Wohlthäter, ein Erretter werden der Bedrückten. Dann, bist du das geworden, dann wird dich der Segen von Tausenden freisprechen von der Schuld jener raschen That. Und auch deine Mutter, denn die beste Buße ist das Bessermachen.«

»Die beste Buße ist das Bessermachen!« rief der Kranke und Thränen weicher Rührung traten in seine Augen, »Ein goldig Wort! Ich will's befolgen. Aber siehst du, Mutter, dein Wunsch, ich möge die Liebe zum Weibe kennen lernen, – ach, er ist mir nicht zum Heil, zum Unheil in Erfüllung gegangen. Und doch! Daß ich sie nur sehen durfte, hat mein ganzes Leben mit Sonnenglanz erfüllt: von dieser Erinnerung will ich zehren bis ans Ende. – Wo mag sie sein? Was mag aus ihr geworden sein? Leodegars Gemahlin! Aber ob er das wollen wird? Ob der Gewaltthätige nicht . . .? Er ist Priester. Zwar darf er mit des Bischofs, mit des Papstes Verstattung die Ehe schließen . . .« – »Mein armer Sohn! Den Trost muß ich dir nehmen. Er kann nicht die Ehe schließen. Er ist einstweilen Bischof geworden, Bischof von Autun.«

»Er steigt rasch,« seufzte Ebroin. »Und ich . . .«

»Auch du bist gestiegen« – (es reizt ihn wieder das Weltliche, Gott sei Dank! dachte die Mutter). »Schau her: Vanning erzählte, als er dich, den Bewußtlosen, in dies Gemach geschafft, habe er diese Charta vorgefunden. Der König hat dich – der alte Waltharich ist gestorben – zu seinem Mariskalk ernannt. Hier, lies.« Eifrig griff Ebroin nach der Rolle. »Ah, am Tage vor dem Raub, vor der Blutschuld! Und in diesem Amte hätte man mir das Geld geliehen! Grausame Unvernunft des Zufalls! Aber der Mariskalk hat den Heerbefehl über die ganze Reiterei des Palastes. Das ist Macht, Waffengewalt: – das ist der Weg zu höchsten Heldenehren. O Mutter, Mutter! Die erste Freude wieder! Und du, du hast sie verkündet. Sie thut mir wohl, ich fühl's. Die beste Arzenei! Komm, bitte – hilf mir – langsam aus dem Bett. Ich will, ich muß aufstehen, – der Mariskalk muß zu Roß!«


X.

In der gleichen Stunde schritt in das Schreibgemach des Bischofs von Autun dessen Bruder Gairin, der Graf von Tours.

Staunend blieb der Eintretende am Eingang stehen, sich in dem weiten Raum umsehend: »Nun, hochehrwürdiger Herr Bruder,« begann er, »meinen Glückwunsch! Glück zu allem, was du in diesen Monaten unserer Trennung geschafft, erreicht, vollendet hast. Auch zu diesen Veränderungen hier im Bischofsbau! Ich kenne ihn ja von früher. Aber welche Pracht, welcher Schmuck, welcher Geschmack, welch' Kunstverständnis! Ich sah's mit Staunen, Schritt für Schritt, von den Thorflügeln, von dem Atrium an, bis hierher in dein Geheimgemach: – das ist die Krone des Ganzen. Römische Reliefs – griechische Vasen! – Was seh' ich? Eine nackte Marmorgöttin! Ei, ei, Herr Bischof!«

Langsam erhob sich Leodegar von den purpurfarbenen Kissen des Pfühls, auf dem liegend er gelesen hatte: er ließ eine Urkunde in das kostbare Bronzebecken gleiten, das neben dem Kopfende stand und zahlreiche Pergamente enthielt; sein dunkelrotes Hausgewand aus feinster friesischer Wolle war an Halsöffnung, Ärmeln und Saum reich, aber geschmackvoll, nicht überladen, mit Gold gestickt. Glänzende römische Kameen hielten, in goldene Spangen gefaßt, die weißen Sandalen über dem feinen Knöchel zusammen. Der Bischofsring am vierten Finger seiner Hand trug einen bärtigen Kopf, den er für Sankt Petrus ausgab, aber er wußte, es war ein Poseidon.

Alle seine Regungen und das Spiel seiner Mienen waren noch viel mehr als früher berechnet, bemessen, salbungsvoll. Langsam und würdereich war denn auch die leise Bewegung, mit der er dem Bruder die Hand hinhielt, – nicht gar weit sie entgegenreckend: »Willkommen,« sprach er, den zierlich geschnittenen, schmallippigen Mund kaum zu einem Flüstern öffnend, »im Namen des Herrn!« Gairin stutzte: dann lachte er: »Na höre, alter Genoß im Dienste von Bacchus und Venus: jetzt, – hier, – mit dem Bruder allein, – brauchst du nicht so feierlich . . . Komödie zu spielen.« »Ist nicht Komödie gespielt,« entgegnete Leodegar, immer gleich sanft und gleich verhalten. »Es darf nicht Komödie sein, es muß zweite Natur werden. Eben deshalb,« und nun lächelte er mit überlegener Ironie, »muß ich stets in der Übung bleiben.« »Nun, meinetwegen. Mir wär's zu langweilig. Aber mir kann's recht sein, ich muß es ja nicht mitmachen. Ich eile hierher aus meiner Grafschaft, dir zu danken: denn du doch gewiß hast bei dem König durchgesetzt, daß mir – trotz meiner jungen Jahre! – das ehrwürdige Amt des Seniskalk am Hof verliehen wurde? Nicht?« – »Es mag wohl sein!« – »Dann Dank dir, Bruder.« – »Keine Ursach. Hab's nicht um deinetwillen gethan. Aber bitte, setze dich – ich muß dir darüber – und von noch anderem! – vieles sagen. Du bist erschöpft von der Reise. Bevor wir zur Tafel schreiten – ich habe täglich gegen hundert Gäste – eine Erfrischung.«

Er trat an die Wand, von dunkelrotem rätischem Marmor getäfelt: da war unter einem neuen silbernen Kreuz ein alter goldener Adler angebracht, der noch den Donnerkeil des Zeus in den Fängen trug: er drückte leise auf den heidnischen Blitzstrahl: – draußen erklang ein silberheller Ton: zwei Akoluten glitten geräuschlos durch eine unsichtbar in die Nebenwand eingefügte Pforte und neigten in stummer Demut die glattgeschornen Häupter.

Kaum vernehmbar, so leise, befahl der Bischof: »Den Wein aus den römischen Vignen Sankt Pauli. Und die korinthischen Becher. Und Pfirsiche aus dem Warmhaus des Klostergartens.«

So geräuschlos wie sie gekommen, verschwanden die Aufwärter; mit unbegreiflicher Schnelligkeit brachten sie das Befohlene, setzten es auf den Rundtisch von grünem Malachit und glitten hinweg wie schwarze Schatten. Der Wirt winkte dem Gast, sich zu setzen; der bekam so die Marmorstatue voll zu schauen. »Ein entzückendes Weib! Höre, Bruder! Zur Enthaltung verurteilt sein und immer dieses Geschöpf vor sich haben . . .« – »Die? Die ist ja von Stein. – Übrigens geloben wir nur Ehelosigkeit.« – »Wo hast du die Statue her?« – »Aus Arles. Dort hatte sie ein dummer Bischof – es giebt auch solche! – zerschlagen wollen, hatte auch schon angefangen – du siehst, die Arme fehlen. Zufällig kam mein Capellanus dazu, verhütete die Vollendung der Barbarei und erbot sich, ›das heidnische Scheusal‹ dem frommen Gottesmann aus den Augen zu schaffen: – der gab sie mit Freuden: – ohne Entgelt! Der Esel! Der verstümmelte Rumpf ist noch mehr wert als alle Kirchen von Arles samt ihren toten Reliquien und lebenden Priestern. Schau, was meine Erholung ist zwischen dem Messelesen und den vielen Rechtshändeln des Bistums«: und er öffnete den Deckel eines prachtvollen antiken Sarkophags, griff hinein und hob einen aus weißem Marmor gemeißelten nackten Frauenarm hervor: »Ich muß doch dem schönen Weib die Arme wieder geben. Desto uneigennütziger von mir, da sie mich nie in diese Arme schließen wird. Oheim Dedo, dem ich ja all' meine Bildung wie in Wissenschaft, so in Kunst und Kunstgewerk verdanke, hat den linken zu ergänzen übernommen. Wollen sehen,« lächelte er, »wer's naturgetreuer machen wird. Freilich, der Ohm hat längere Erfahrungen . . .«

»Aber der Neffe frischere,« lachte Gairin. »Ei, wie köstlich munden diese Pfirsiche.« – »Ja! Persien hat der Herr gesegnet, obwohl es nicht an ihn glaubt. Im frommen Gallien gedeihen sie nicht so gut. Wie ungerecht von den Heiligen!« »Was ist aber das?« forschte der Seniskalk neugierig. »Eine Art Brettspiel? Allein mit gar verschiedenen Gestalten besetzt. Nie hab' ich das gesehen.« – »Glaub's wohl! Ist noch im Abendlande nicht bekannt. Der Ohm lernte es tief in Asien von einem indischen Fürsten und brachte mir die elfenbeinernen schwarzen und weißen Männlein mit . . .« – »Aber da sind auch zwei Weiblein.« – »Die Königinnen! Auf die kommt das meiste an. Der Ohm lehrte mich das Spiel: das königliche oder das mit den Königen heißt es: – 's ist fein, aber schwer. – Jedoch nun zu deinem neuen Amt. Morgen schon gehst du mir nach Paris an den Hof.«

»Morgen schon! Ich wollte . . .« – »Du willst, was ich will – für uns beide wollen muß. Vernimm! Zwar hab' ich auch nach dem frühen Tod der Königin Nantechild, meiner mütterlichen Gönnerin . . .« – »Na höre! Ja so: . . . du darfst nicht aus der Übung fallen!« – »Bis vor kurzem den jungen König Chlodovech völlig beherrscht: – ich sollte ja für seine Seele wie für sein Reich sorgen: so hatte sie mir ihn, wie ein heilig Vermächtnis empfehlend, hinterlassen.« »Ihrem Buhlen den Sohn!« lachte Gairin. »Ich habe denn auch für beides gesorgt,« lächelte Leodegar, und diesmal war das sonst so feine Lächeln sehr cynisch. »Seine Königsmacht hab' ich nach Kräften eingeschränkt durch allerlei Zugeständnisse an die heilige Kirche und an den Weltadel . . .« »Sehr vernünftig!« unterbrach der Bruder nach einem tiefen Trunk. »Höre du, dein Wein ist stark!« – »Bah, ich bin doch stärker. – Denn hier drohte eine Gefahr, die ich gerade noch zu rechter Zeit entdeckte, sie abwenden zu können. Denke dir nur, dieser heißblütige Ebroin . . .« – »Verschling' ihn die Hölle!«

»Ja, vielleicht muß sie das einmal ganz geschwind! . . . Hat den richtigen Gedanken gefaßt, das ›Heil des Frankenstaats‹ – das ist nämlich sein höchstes Ziel . . . –« – »Der Thor! Was hat er davon?« – »Verlangt die Stärkung des Königtums. Und zwar zu wessen Vorteil? Zum Besten der kleinen Freien.« – »Natürlich! Der Ackerersohn! Der Knecht!« – »Und woher die Mittel nehmen, Krone und Bauern zu kräftigen?« »Nun?« rief Gairin und hielt vor Staunen den Pfirsich vor dem offenen Mund. »Der Kirche und dem Adel Reichtum und Rechte schmälern!« – »Der Kerl ist ja toll!« – »O nein. Er ist sehr klug. Und hat ganz recht.«

»Wie? Was? Hin muß er werden! Ich stech' ihn über den Haufen!« »Ja, ja! Aber erst später. Erst muß er – ich kann's ja nicht,« stöhnte er bitter, an seine rechte Schulter langend, »ich elender Krüppel – erst muß Er mir Austrasien erobern: Er kann's, er ist der Mann dazu: – auch jenen klugen Arnulfingen meistert er, so mein' ich. Dann aber fällt er rasch . . .« »Oh,« lachte der Bruder, »und dann herrscht der Bischof von Autun über alle drei Reiche.« – »Nicht unmittelbar – der Bischof kann ja nicht Majordomus werden! Majordomus über das ganze Reich wirst du, Bruder Gairin.« »Ah so!« rief der und riß die Augen auf. »Ich befrage dich dann in allen Dingen.« »Das wird vielleicht nicht schaden,« lächelten die schmalen Lippen. »Aber soweit sind wir noch lange nicht. Vor allem mußt du die Gunst des Königs gewinnen. Deshalb fort mit dir aus dem fernen Tours und an den Hof! Denn – leider! – Der biedre Praejectus hat Macht über ihn gewonnen, hat Ebroin als Mariskalk durchgesetzt: – bestürzt finde ich meinen Einfluß dort seit einiger Zeit schwinden. Der König zieht sich von mir zurück . . .« »Das wäre!« rief Gairin erschrocken, »das darf nicht sein.« – »Nein. Und deshalb muß etwas geschehen. Etwas ganz Neues und Entscheidendes. Zwar hatte ich mir den jungen Mann gefügig, zugethan gemacht durch das stärkste Bindemittel, das Jünglinge fesselt.« – »Nun?« – »Ei, das versteht sich doch: durch die Weiber. Er war wie eine Jungfrau, da ich ihn von seiner in Gott ruhenden Mutter geerbt hatte. Nun, das konnte doch nicht so bleiben. Ein Mann, ein Herrscher muß die Welt kennen. Zu der Welt gehören nun aber auch die Weiber . . .« – »Ich verstehe.« – »Und das that lange gut. Aber nun versagt's. Das Bürschlein – ein echter Merowing! – ist unersättlich: – er wird's nicht lange treiben, fährt er in solchem Unmaß fort. Sind sie doch, diese Königsknaben, wie die Eintagsfliegen: von Knaben gezeugt, als Knaben schon Gatten, – schon vorher Väter! – siechen sie auch schon als Knaben dahin, kaum das volle Jünglingsalter erreichen sie. Geht das so fort, versiecht alsbald und verwelkt und stirbt rasch dahin das ganze Haus des markstrotzenden Chlodovech. Nun, uns kann's nur willkommen sein: über solche Schwächlinge – und für sie! – herrschen Bischof und Majordomus. Aber seit einiger Zeit folgt mir mein königlicher Schüler nicht mehr recht: er ist überdrüssig all' der Weiber, die er in seinen Villae über sein ganzes Reich verteilt hat. Er will was andres. So werd' ich ihn denn vermählen.« – »Du, ist das nicht gefährlich? Seine Gemahlin . . .« – »Muß mir durchaus ergeben sein: – wie diese meine Hand. Sie muß mir die fehlende Rechte ersetzen.« – »Und wird er ihrer nicht auch bald überdrüssig werden?« – »Sieh, sieh, Brüderlein. Hast zugenommen an Klugheit! Wohl durch Erfahrung? Du hättest recht, wenn nicht . . .« Er griff wieder in den Sarkophag, dann aber hielt er inne.

»Nun, du stockst?«

»Wohl, du magst es wissen. Dein eigener Vorteil verbürgt dein Schweigen: sonst adé Majordomat, Gairine! Höre denn: ich habe ihm eine Königin ausgesucht, die ist so zauber-, elfen-, engelschön, daß kein Mann jemals ihrer müde werden kann.« – »Das wäre ein Wunder.« – »Ja, sie ist aber auch ein Wunder. Schau her!«

Und er holte nun aus dem Sarkophag eine ovale Platte von feinstem Lindenholz, auf die ein Mädchenantlitz gemalt war und hielt es ihm überraschend vor die Augen.

Der sprang auf: »Gott des Himmels! Lebt dies Geschöpf?« – »Es lebt!« – »Kann man sie erringen? Ich muß sie haben!« – »Du? – Nein!« – »Doch, doch! Ich will! Wer ist ihr Vater, ihr Muntwalt?« – »Sie hat weder Vater noch Muntwalt.« – »Wie so?« – »Sie ist eine Unfreie.« – »Ah! Wer ist ihr Herr?« – »Der dies gemalt hat.« – »Und wer, wer ist das?« – »Ich.« – »Du, Bruder? Du, Glücksmensch! Aber du bist ja Bischof! – Gieb sie mir und nimm all' mein Gut.« »Das wäre schlecht bezahlt für mich,« lächelte Leodegar, »und ein schlechter Tausch für sie.« – »Ich ahne!« – »Ziemlich spät.« – »Sie soll . . .?«

»Sie soll König Chlodovechs Königin werden und ihn – für mich! – beherrschen. Denn sie ist ebenso klug, wie fromm, wie schön. Und das will viel sagen, nicht?« – »Dagegen ist ja deine Venus nichts! Wie kamst du zu dieser Göttin?« – »Ich kaufte sie.« – »Wo?« – »Auf offenem Markt zu Saint-Denis: eine schuldverknechtete Angelsächsin. Als ich sie knieen sah vor der Kirchthüre, meinte ich, ein Engel Gottes, ein Seraph sei mir Sünder erschienen. Bald kamen mir minder fromme Gedanken. Ich erstand sie . . . sehr, sehr teuer.« – »Gleichviel. Du Glücklicher!« Der Bischof schüttelte das kluge Haupt. »Nicht also, wie du wähnst. Schon wollte ich die Hand ausstrecken nach der süßen Frucht . . .« – »Nichts hätte mich abgehalten!« »Ja, dich!« meinte der Bruder ziemlich verächtlich, »aber mich durchzuckte rechtzeitig der Gedanke: das ist die Gesuchte! Das ist die richtige Königin von Neuster und Burgund. Führ' ich sie – nicht als meine Buhle! – führ' ich diese Jungfrau dem schwachen König zu, so ist er in meinen Händen für immerdar.« – »Und so hast du sie . . .?« – »Vom Marktplatz weg, ungeküßt und unberührt, – ich glaub' auch, . . . sie ist maßlos fromm und übertrieben keusch, . . . sie hätte sich in die Seine gestürzt nach der ersten Umarmung! in das Nonnenkloster der heiligen Genoveva zu Paris gebracht. Dort malte ich in Gegenwart der Äbtissin ihr Bild. Das soll der König sehen. Dann . . .« – »Dann ist er ihr Eigen.« – »Und mein Eigen.« »Bruder,« rief Gairin aufspringend, »du bist ein Meister! Ein Zauberer! Alle Menschen übermeisterst du. Sag', was ist das letzte Geheimnis deiner Allüberlegenheit?«

»Kann dir's wohl vertrauen,« schmunzelte der Bischof, »denn du kannst es mir nicht nachmachen. Mein Geheimnis ist: – die alleräußerste Menschenverachtung.« – »Leodegar!« – »Jawohl! Ich habe nicht umsonst Beichte gehört von Männern und Weibern so viele Jahre lang. Da lernt man sie – beide! – kennen und – beide! – verachten. Elende Selbstsucht ist aller Herzen Kern. Fasse sie an ihrer Lieblingsschwäche: – Eitelkeit, Goldgier, Wollust – Herrschsucht – und du beherrschest sie so sicher wie den Käfer, den du am Faden schwirren läßt. Aber zu dieser Verachtung muß ein anderes kommen.« – »Nun?« – »Die äußerste Selbstsucht. Alle folgen diesem Trieb: so thu' auch du: aber nicht im kleinen: – im großen. Kein Mittel darfst du scheuen für deinen Zweck: kein gutes und kein – anderes.« – »Und das Gewissen?«

»Mein's schweigt, seit Gott zuließ, daß ich ein Krüppel ward,« sprach Leodegar ingrimmig mit zornfunkelnden Augen. »Nun soll Gott die Folgen tragen. Er ist der Thäter meiner Thaten.« »Das ist Gotteslästerung,« rief Gairin erschrocken aufspringend. »Und die Hölle?« Nun erhob sich auch Leodegar langsam vom Stuhle: »Die Hölle?« Jetzt nahm das stechende Auge den schärfsten Ausdruck an: er preßte die schmalen Lippen entschlossen zusammen und furchte die Stirn, daß es schmerzte. »Die Hölle? Ja, Ebroin glaubt nicht daran: er glaubt, mit dem Tod ist alles aus.« – »Aber du? Der Priester? Der Bischof? Du . . .« – »Ich glaube an die Hölle, leider! Aber ich glaube – nein, ich weiß, ich will's glauben!« – rief er mit leisem Erschauern – »man kann die Höllenstrafen ablösen durch Geschenke an die Heiligen. Das – dieser Glaube – ist der Anker, an den ich das Schiff meines Lebens gefestigt habe. Wehe mir, wenn er mir abrisse . . . Ich müßte verzweifeln.« Er bebte leise, er erbleichte. Dann nach geraumer Weile, fuhr er fort: »Nun aber komm – die Gäste harren – zur Tafel!«


XI.

Alsbald ging durch die Reiche Neuster und Burgund die erfreuende Kunde, König Chlodovech werde sich mit einer überaus schönen und fast noch mehr frommen Jungfrau vermählen, die bisher in einem Kloster zu Paris als Laienschwester gelebt habe.

Erfreuend war die Nachricht, weil man hoffte, eine schöne Gattin werde den tiefgesunkenen, schon als Knabe arg verderbten Jüngling von jenen Ausschweifungen abhalten, die bereits in manches Haus seines Reiches Schmach und Unheil gebracht hatten.

Der Tag der Vermählung war gekommen.

Am frühen Morgen schon begab sich der Bischof von Autun mit großem Gefolge in das einsam in einer Vorstadt auf dem linken Seine-Ufer belegene Kloster.

Er staunte, die kostbaren Königsgewande, die der Bräutigam und er selbst der Braut für den Zug durch die Straßen, für die Trauung und das darauffolgende Hochzeitmahl als Geschenk gesandt hatte, sämtlich in dem Vorsaal zusammengepackt zu finden. »Aber!« fuhr er die greise Äbtissin an, die ihn ehrdienig an der Pforte begrüßt hatte. »Was ist das? Ist die Königin noch nicht angekleidet für das Fest. Es ist hohe Zeit!« »Hochehrwürdiger Herr Bischof,« erwiderte die fromme Frau, »die Jungfrau weigert sich, diese Prunkgewande anzulegen. Sie hat befohlen, sie alle zusammen zu Gunsten der Armen, zum Loskauf von Unfreien, von Schuldgefangenen, zu verwenden.« »Unsinn!« rief Leodegar stirnrunzelnd. »Ich will ihr . . .! Führe mich sofort zu ihr.«

Er fand sie in ihrer schmalen Zelle in brünstigem Gebet auf den Knieen vor dem Wandmosaik, das in ungefügen Zügen das dornenbekrönte, blutüberströmte Antlitz Christi darstellte; sie trug das Gewand der »Religiosen«: ein weißes Unterkleid, einen grauen Schleier, einen schwarzen Mantel, mit dem sie bei dem Eintritt hier ihre dürftigen Lumpen vertauscht hatte.

Sie erhob sich nun, sie wandte sich ihm zu: – Thränen glitten über ihre bleichen Wangen.

»Ah, ist das Weib schön!« sprach er zu sich. »Und diesem vertierten König, noch halb Knabe und schon Greis, sie in die Arme geben, – es ist, fürcht' ich, meine aller-, allerschwerste Sünde. Bah, auch sie, auch dies Geschöpf ist nur ein Mittel zum heiligen Zweck. – Was soll das, Kind?« begann er nun, halb mildväterlich, halb verweisend. »Du verschmähest die Gaben deines königlichen Herrn? Von meinen bescheidenen zu schweigen!« – »Ich danke ihm und dir. Doch einer Magd des höchsten Herrn, die ich sein und bleiben will mein Leben lang, ziemt solche Hoffart nicht. Nie, bis ich sterbe, trag' ich anderes Gewand als dieses. Ich hab's gelobt.« »Das geht nicht,« zürnte Leodegar. »Von dem Gelübde entbind' ich dich.« »Wer entbindet die Seele, die nicht entbunden sein will?« Und so entschlossen sahen nun die sanften blauen Augen auf ihn, daß er stutzte. »Sollte dieses schwache Rohr mir widerstehen wollen?« dachte er. »Das wäre . . .! Übrigens . . . es wird stark wirken: auf den König, auf alle. Sie tritt gleich in den Glanz einer Heiligen: – dieser Glanz wird auch auf mich fallen. – – So sei es denn!« sprach er. – »Aber nun, mein Kind, bald meine Königin, wiederhole ich dir: vergiß nie, was alles du mir zu danken hast.« »Ich werd' es nie vergessen!« sprach sie feierlich, griff nach seiner Hand und küßte sie. »Das darfst du nie mehr thun,« rief er, die Hand zurückzuckend. »Warum nicht?«

»Weil . . . weil du nun bald meine Gebieterin! – Du warst meine Leibeigene, ich habe dich beschützt, Leib und Seele, vor Entweihung . . .« »Das nun zwar nicht,« entgegnete sie ruhig. »Wie so? Du weißt nicht, was dir drohte, was ein anderer Käufer als ich . . .« »Ich weiß alles. Bevor wir auseinandergerissen wurden, hat mein Vater mich und Gunthild, die Schwester, gewarnt vor . . . Gewalt. Und ich versprach ihm, – und noch heiliger mir selbst! – zu sterben, eh' ich Gewalt erführe. Sieh her,« und aus dem dichten Gewoge ihres prachtvollen weizenblonden Haares, das im Nacken in einen mächtigen Knoten geschürzt war, zog sie eine kleine, aber sehr scharfe Klinge.

»Welche Entschlossenheit in diesem Kind, das nur beten und weinen zu können schien!« dachte er.

»Aber ich werde dir danken, solange ich atme, daß deine Güte mir die Sünde des Selbstmords erspart und diese heiligen Räume mir erschlossen hat, in denen ich alle meine Tage zu verbringen gehofft hatte. Ich bat die Äbtissin, mir das Nonnengelübde abzunehmen. Aber du habest das streng verboten, sagte sie. Warum?« – »Aus guten Gründen. Jedoch du, – so abgewandt der Welt, so ganz der frommen Einsamkeit ergeben, – erkläre mir, wie es kam, daß du, während du drei Tage lang, nachdem der König, von mir geführt, dich hier aufgesucht und dich, sofort entzückt, zur Gattin erkoren hatte, dich hartnäckig weigertest, allen meinen Mahnungen und Befehlen trotztest, – plötzlich am vierten Tage freiwillig selbst zu mir sandtest und mir sagen ließest, ja, du willigest ein. Wie kam das?«

Wie eine Verklärung zog es nun über das edle, bleiche Antlitz, als sie begann: »Wie das kam? Wohlan, ich will dir's sagen: du, mein Wohlthäter, sollst es erfahren, was ich keiner Seele, nicht einmal den lieben Eltern daheim im teuren Yorkshire vertraut. Die heilige Jungfrau würdigt mich zuweilen, mir im Traume zu erscheinen und mir Gebote zu erteilen.« »Betrügerin oder Närrin?« Diese Frage durchzuckte den seelenkundigen Beichtiger, wie er verblüfft sie anstarrte. Aber sofort, im Anblick dieser, frommste Verzückung strahlenden, gen Himmel aufgeschlagenen Augen, sagte er zu sich selbst: »Nein, hier ist keine Lüge, das ist Wahn! – Und wo und wann und wie ist das zuerst geschehen?« – »Daheim, in dem lieben Gehöft an der schilfigen Ouse. Ich war gerade sechzehn Winter alt geworden. Da warb der Nachbarsohn um mich, Eadbert, ein wackrer, stattlicher Mann, der Wicgerefa in der Shire. Der Vater, hocherfreut, willigte ein; doch in seiner Güte fragte er mich erst: ich sagte nicht nein. Denn ich war mit Eadbert aufgewachsen, mit dem guten: er war mir wie ein Bruder. Alles war beredet, nach drei Nächten sollte der Brautlauf gehalten, dann vom Priester der Segen über uns gesprochen werden. Da, am vierten Abend zuvor, wollte er mich – vor den Eltern – küssen: es wäre der erste Kuß gewesen. Da ergriff's mich mit Entsetzen. Das, das konnte ich nicht! Ich stieß ihn von mir, – ich schrie auf, ich lief in meine Kammer, riegelte mich ein, weinte und betete, betete wie noch nie. Und doch hatte ich von Kind auf mit Lust, mit süßer Wonne des Gebetes genossen. Bischof Angilbert selbst, der große Lehrer unseres Landes, hat mich beten gelehrt. Im Weinen und Beten schlief ich ein. Da plötzlich erwachte ich . . . aber wie erschrak ich! Ich lag nicht mehr auf meinem Bett: aufrecht stand ich, hoch aufgerichtet, vor dem engen, schmalen Fenster, durch das der Strahl des Vollmondes auf mein Antlitz fiel: und in dem weißen Mondlicht flutete auf mich zu, von einer silbernen Wolke getragen, die Gestalt der Gottesmutter, den Jesusknaben auf dem Arm: – ganz wie ich sie stundenlang in leuchtenden Farben bunter Steine in der Wand des Domes zu York bewundernd angeschaut: und sie sprach zu mir – und wunderlieblich klang ihre Stimme: – ›Balthildis, mein Liebling, mein Schützling! Du sollst nicht dieses Mannes Gattin werden. Denn einem andern hab' ich dich bestimmt.‹ Und sie verschwand in eitel Glanz und Glorie: ich aber sank bewußtlos nieder. Aus Scham, aus Bescheidenheit – ich wollte nicht sagen, daß mir so hoher Glanz geworden! – verschwieg ich den Eltern die Offenbarung und ließ mich lieber schwer schelten um meinen Wankelmut: Eadbert verließ seinen Hof und zog in die Ferne. Es that mir weh um ihn: doch ich konnte nicht anders.«

»Und ist die heilige Jungfrau dir noch sonst erschienen?«

»Einmal, als die Händler zu Dovera mich von Vater und Schwester losgerissen und allein auf das Schiff gebracht hatten. Ich war für die Nacht in meiner Koje festgebunden. Aber ich hatte beschlossen, am Morgen, sobald ich auf Deck gelangte, mich in die See zu stürzen. Da kam wieder – wieder schien der Vollmond auf mein Lager! – die Himmelskönigin herabgeschwebt auf eitel Licht und befahl mir, mein Schicksal zu tragen. Und zum drittenmal neulich, – nachdem du mich am Abend spät verlassen . . .« »Ich entsinne mich – ich ritt gen Mitternacht nach Hause: – im Vollmondlicht,« nickte er. »Kam die Erscheinung wieder: doch diesmal schien sie fast zu zürnen und strenger klang die holde Stimme, wie sie sprach: ›Was sträubst du dich und weigerst dich, Balthildis? Ich sage dir: du sollst dieses Königs Gattin und Herrscherin in seinem Reiche werden. Denn viel des Guten will ich durch dich wirken und ungezählte Thränen sollst du trocknen; du sollst, die Mutter aller Armen, der Unfreien, der Gefangenen dich erbarmen: – denn du hast solcher Elend selbst gekostet. Gehorche, werde Königin, Balthildis‹ Und ich erwachte und ich sandte dir mein Ja. Ich danke dir, Maria!«

So erschütternd war der Eindruck ihres engelschönen Antlitzes in der Verklärung schwärmerischer Verzückung tiefster Frömmigkeit, daß der weltkluge, menschenverachtende Priester lange Zeit keinen andern Gedanken als den staunender Bewunderung fand, wie sie so mit ausgebreiteten Armen und gen Himmel gerichteten Augen vor ihm stand.

Endlich raffte er sich auf: »Hm,« dachte er jetzt, »dieser fromme Wahn im Traume kann viel, sehr viel nützen, solang ich – ich allein! – ihre wachen Vorstellungen leite. Aber kehrt sich dieser Glaube einmal gegen mich, – zu brechen ist er nicht. Dann fort mit der Heiligen, wohin die Heiligen gehören: – in das Kloster: – wenn nicht gleich gar in den Himmel. – Ich staune, Herrin, über solcher Wunder Gnade. Ja wahrlich, du bist von Gott zu meiner Königin bestimmt. Ich huldige dir.«

Und er sank vor ihr auf beide Kniee und küßte den Saum ihres rauhen Gewandes.


XII.

Der glänzende Zug, der das Brautpaar zur Trauung in die Basilika des Apostels Johannes geleitete, sollte sich von dem Palatium aus in Bewegung setzen.

Schon am frühen Morgen des nebeldunstigen Wintertages – die Krähen bäumten scheltend auf den bereiften Ulmen an der Seine auf – scharten sich die Diener in dem geräumigen Hofe, die Vorbereitungen zu treffen: Teppiche wurden auf die Steinstufen des Aufstiegs gespreitet, bunte Decken über die Brüstungen der byzantinisch-romanischen Rundbogen der Galerien gelegt, die man dem alten Cäsarenbau eingefügt hatte; in den Ställen wieherten die Rosse, die für den Tag ihren festlichsten Schmuck angelegt erhielten.

Dem Mariskalk Ebroin war die Mutter behilflich, die Waffenrüstung anzulegen: – mit emsigen Händen mühte sich die Schwachsichtige. »Wie gut läßt dir die glänzende Brünne, mein Kind, und auf dem lockigen Haar der stolze Helm mit dem goldenen Eber. Mein Bub wird wohl der schönste sein unter all' den Hunderten im Zuge. Aber deine Mienen passen nicht zu Fest und Freude. Noch immer . . .?« – »Noch immer! Und solang ich atmen werde! Keine Möglichkeit, die Spur der Verschwundenen aufzufinden. Sobald ich das Krankenzimmer verlassen konnte . . .« »Ja, lange bevor der Arzt es erlaubt hatte,« klagte Frau Leutrud. – »Flog ich nach Autun, den Priester Leodegar zu fragen, was er mit der Jungfrau angefangen habe? Umsonst! Er war nicht in seiner Stadt, er bereiste den Sprengel als Visitator. Man wußte mir nicht zu sagen, wo er weile. Und in Autun noch traf mich der Befehl, schleunigst den Heerbann meiner Grafschaft an die Gotengrenze zu führen, räuberische Einfälle abzuwehren. Erst gestern kam ich hierher zurück. Aber heute, heute wird er mir nicht entgehen, der Herr Bischof von Autun. Er hat ja – in Vertretung des alten Bischofs von Paris – das Königspaar zu trauen. Am Altare – vor dem ganzen Hof! – will ich ihn fragen, zur Rede stellen. Und Vanning? Ich hatte dich gebeten, nach seinem Verbleib zu forschen . . .?« Die Mutter schüttelte den Kopf: »Nichts konnte ich erfragen! Auch seine alten Eltern wissen nichts von ihm. Seitdem er mich hierher in dies Gemach geleitet, hat ihn kein Auge mehr gesehen. Wie lang ist das schon! Sprich, liebes Kind, willst du mich noch nicht bald wieder in meine Einsamkeit entlassen, auf unser Gütlein bei Poitiers?« Zärtlich umarmte er die alte Frau: »Nein, Mütterlein, du bleibst fortab bei mir. Gönne mir doch das einzige, was meinem Herzen wohl thut. Feinde ringsum oder doch Selbstlinge oder Gleichgültige: laß mich doch in diese schönen, treuen, so oft schmerzenden Augen schauen. Das thut mir wohl tief in der Seele. Aber nun, bitte, gieb mir den Mantel, den neuen, den blauen, aus der Truhe. Ich muß hinunter. Muß nachsehn, ob die Rosse des Brautpaars richtig aufgezäumt sind.«

»Ah ja, du hast ja auch die Braut in den Sattel zu heben. Sie soll wunderschön sein. Nun, ich sehe ja alles deutlich von diesem Fensterbogen aus: – gerade unter mir.«


XIII.

Alsbald schmetterten die Hörner der Palastwache im Innern des Gebäudes: auf flogen die schweren, mit Bronze beschlagenen Doppelthüren des Eingangs und der Festzug setzte sich in Bewegung.

Aber der Himmel schien keine Freude an dem Anblick zu haben: die Sonne, die ein wenig durchgedrungen war, trat gerade jetzt hinter finsteres Gewölk: so ward es unheimlich düster und dicht, immer dichter fielen große Schneeflocken geräuschlos durch die völlig windstille dichte Nebelluft senkrecht auf die Häupter der Menschen, als wollten sie ein weißes Leichentuch über alles breiten. Abermals schalten, von den Bäumen schwerfällig abfliegend, die grauen Nebelkrähen, aufgescheucht von dem nun sich bewegenden Zuge.

Voran schritten zwölf Hornbläser, ihnen folgten die Hofknaben, schon eine ganz späte Reihe nach Ebroin und dessen Genossen. Hinter ihnen kam der Archicapellanus, gefolgt von den Geistlichen der palatinischen Capella, ein hohes Kreuz ward ihm vorangetragen: Knaben in weißen Gewändern umgaben ihn, sie schwangen an goldenen Ketten durchbrochene Silberkugeln, gefüllt mit stark, ja allzustark duftendem Weihrauch. Andere trugen brennende Wachsfackeln, die aber der Schneefall häufig verlöschte.

Nun riefen Trompeten: und es schritten die Stufen hinab die ersten Beamten des Hofes – und zugleich des Reichs: – der Mundschenk, der Truchseß, der Kämmerer, der Mariskalk, der Seniskalk – wenig freundliche Blicke tauschten diese beiden – der Pfalzgraf, der Thesaurarius (der Schatzwalt), der Siegelbewahrer – Referendarius genannt –, der Leibarzt, der Oberjägermeister, der Oberfalkenwart, dann die zahlreichen Domestici und Palatine, die ohne besonderes Amt den Hof erfüllten; es schlossen sich an die Spatharii, die erlesenen Leibwächter des Königs, mit gezückten Schwertern.

Nach einem weiten Zwischenraum glitten in kleinen Schritten die Jungfrauen und Dienerinnen der Königin zierlich über die Teppiche der Marmorstufen hin, Töchter der vornehmsten Adelsgeschlechter, reichsten Schmuck von Edelsteinen, Perlen, Gold und Silber auf ihren hellfarbigen Gewanden wohlgefällig zur Schau tragend. Desto auffälliger stach von all' dem Glanz ab die Erscheinung der Braut in ihrer schwarz-weiß-grauen Nonnenkleidung.

Tausend Augen waren auf sie gerichtet: aber ihr Antlitz war hinter dem dichten Schleier nicht zu erkennen. Langsam, zögernd, zagend kam sie gegangen, an der linken Hand des Königs, dessen schlaffe, fahle Züge nichts mehr zeigten von der männlichen Schönheit, die das Geschlecht der Merowingen von des ersten Chlodovech Vater an bis herab zu Dagobert ausgezeichnet hatte: matt, lebenssatt sahen diese glanzlosen Augen in die Welt, nur mit Anstrengung hob er die müden, geröteten Lider; der halb geöffnete Mund ließ die Unterlippe hangen, spärlich sproßte der Bart auf dem schwachen Kinn, der goldene Reif, den er statt einer Krone trug, schwankte auf der flachen Stirn: denn auch jeder Schritt des greisen Jünglings schwankte, wie er sich, die Rechte ängstlich auf das Geländer gestützt, die Stufen hinabtastete. Zwei Hofknaben trugen ihm den langen, mit goldenen Bienen übersäten Purpurmantel, unter dessen Last die schmalen, eingesunkenen Schultern zu erliegen schienen.

Eine Schar von Lanzenträgern schloß den Zug, der sich, je zwei gegenüberstehend, rechts und links von der Treppe durch den Hof hin und bis zur Hofthüre hinaus aufgestellt hatte, abwartend, bis der König und die Königin an dieser Thür die Rosse bestiegen: denn nur das Brautpaar durfte beritten der Basilika nahen.

Nicht ohne Mühe hob Ebroin, von zwei Stratores – Stallmeistern – unterstützt, den zagen Jüngling – er trat auf den Nacken eines Unfreien – in den reich vergoldeten Sattel, dem man vorn und hinten einen so hohen Wulst aufgesetzt hatte, daß der Reiter – wie von einer Zange gehalten – unmöglich fallen konnte. Die Stratores schoben nun die goldenen Sandalen des Reiters in die beiden schaufelbreiten, silbernen Steigbügel, der Kämmerer gab dem so glücklich beritten Gemachten den langen, weißen Königsstab mit der goldenen Kugel am oberen Ende in die Rechte, während die Linke den handbreiten mit Edelsteinen besetzten Zügel von feinstem Leder lässig und schlaff auf den vergoldeten Sattelknauf fallen ließ: der lammfromme Falbe ward links und rechts am Gebiß von den beiden Stratores in langsamstem Schritte geführt, den man dem klugen Tier beigebracht hatte; jetzt strich und glättete der Oberkleiderwart, der Vestiarius, das lange, aber schon gar spärlich dünn gewordene flachsgelbweiße Königshaar über den goldgesäumten Kragen des Mantels sorgfältig zurecht, daß alle Leute das altehrwürdige Abzeichen merowingischen Königtums wahrnehmen konnten: – der letzte Rest alter Ehrenherrlichkeit!

Nun wandte sich Ebroin der Königin zu.

Er selbst führte ihr den weißen Zelter vor, der mit rotem Leder aufgezäumt war: Mähne und Schweif durchflochten rote Bänder und kleine Glöcklein von silberhellem Ton waren an dem Halse des edeln Tieres angebracht. Er kniete neben dem Rosse nieder, ihr beide Hände hinhaltend, den Fuß daraufzusetzen und sich so in den Sattel zu schwingen, während zwei ihrer Jungfrauen rechts und links die Bügel hielten: denn damals saßen auch die Frauen rittlings zu Roß.

Bei dem Versuch, den Fuß auf Ebroins Hände zu stellen, verwickelte sich der Schuh in den langen, dichten Schleier: sie schlug ihn zurück und sah nun, zum Danke sich huldvoll neigend, herab zu ihrem Mariskalk.

Aber laut stöhnend sank der auf sein Antlitz: oben in einem der Rundbogen ertönte ein leiser Schrei . . .

Stöhnen und Schrei verhallten ungehört: denn laut schmetternd setzten jetzt wieder die Trompeten ein: das Brautpaar ritt durch das Thor auf die Straße.


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