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Ebroin

Felix Dahn: Ebroin - Kapitel 2
Quellenangabe
pfad/dahn/ebroin/ebroin.xml
typefiction
authorFelix Dahn
titleEbroin
booktitleVom Chiemgau ? Ebroin ? Kämpfende Herzen
publisherBreitkopf & Härtel
seriesGesammelte Werke - Erzählende und poetische Schriften
volumeZweite Serie: Band 2
illustratorHugo L. Braune / H. Grobet / Hans W. Schmidt
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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I. Abteilung.

Erstes Buch.

I

In einer Sommernacht des Jahres sechshundertachtunddreißig nach Christus wurden vor den Thoren von Poitiers zwei Kinder geboren. Nahe beisammen standen die beiden Häuser, aber weit von einander ab lagen die Lebensgeschicke der beiden Elternpaare.

In Colonnata, der alten Römervilla, der marmorsäulengetragenen, ward Frau Sigrada, der Gemahlin des reichen, vornehmem Geschlecht entstammten Herzogs Leodegast, wie sie in weichen Polstern lag, der Beistand des griechischen Hofarztes, den der Enkel Fredigundens, König Dagobert, ihr schon vor Wochen gesandt hatte. Und ihr Bruder, der machtreiche, prachtreiche, hoch gebildete und kunstverständige Bischof Dedo von Poitiers, aus dem Vorgemach hereingerufen, sobald das Kind zu Lichte war, segnete den Neffen, berührte ihm Stirn und Herz mit den in goldenem Schrein mitgebrachten Gebeinen des heiligen Hilarius von Poitiers und legte ihn dann, in Purpurwindel gewickelt, in den Schrein selbst auf diese geweihten Überbleibsel. Dann sprach er: »Wie ich des Knaben Schirmer auf Erden, soll Sankt Hilarius sein Schutzpatron im Himmel sein. ›Non sine Dîs animosus infans‹, ›nicht ohne Götterschutz ein mutig Kind‹, würde mein Lebenslehrer, der weise, heitre Schalk von Venusia, sagen. Und der Herr König hat versprochen, ihn aus der Taufe zu heben. So wird es dem Buben nicht fehlen, weder im Himmel noch auf Erden. – Schau nur, Herr Schwager, die kostbare Arbeit an dem Schrein: 's ist eine Truhe aus der alten Römerzeit, an Kunstwert noch reicher als an Goldeswert.« Die stattliche Edelfrau, wohlgepflegt, von jeder Arbeitslast frei, von jeder Kunst des Arztes, von allen Mitteln des Reichtums umhegt, war wenig angegriffen: ja, schöner als zuvor sah sie nun aus, wie die kostbare Ampel von irisierendem Glase ihr sanftes Licht auf das schwellende Pfühl herabgoß, um das emsige Mägde lautlos beschäftigt waren.

In der gleichen Stunde lag in der binsenbedachten Knechthütte des Nachbargrundstückes das Weib eines Unfreien dem Tode sehr nah. Der Sturm peitschte den Regen durch die klaffenden Löcher des Daches in das niedere, enge Gelaß: der alte Holzschild, den der Mann da oben angenagelt hatte, konnte nicht einmal das Brettergestell des Bettes völlig schützen, auf dem die abgemagerte und abgearbeitete junge Mutter sich in Qualen wand, ein Ziegenfell ihre Unterlage, des Mannes alter Mantel ihre Decke; ein Kienspan, über dem feuerlosen Herd in die Wand angeschraubt, warf ein flackerndes, rotes Licht in den doch dunkel bleibenden Raum, – mehr Rauchqualm als Licht verbreitend.

»Es ist ein Knabe,« sprach der Vater, tonlos. »Weiß nicht, ob das Elend kleiner oder größer, als wenn's ein Mädchen wäre.« – »O sprich nicht so, Ebromut. Es lebt! Und es ist gesund, nicht? O gieb, gieb mir das Kind, daß ich es küsse, mein Glück!« Er reichte ihr das zappelnde Wesen: innig drückte die Mutter es an den jungen Busen.

Der Mann trat vor die Thür und sah in den dunkeln Nachthimmel. »Ja, es lebt! Wär's nicht viel barmherziger, du schwarzer Himmel, es wäre tot geboren? Leben: – also elend sein, wie ich es – ward! Nicht war! Ward! Ohne Schuld! Heranwachsen – des Knechtes Sohn – ohne Glück noch Stern! Denn sein Stern ist wohl ein Unstern. Da sieh – plötzlich ein Strahl aus dem Gewölk – rotflammend zuckt es! – Das war kein Blitz: – eine Kugel: ein Himmelszeichen? – Über unserm Dach flog's empor – auf das Dach der Marmorvilla schlägt's. Was mag's bedeuten?«


II.

Vierzehn Jahre später an einem schönen Herbstabend sprang ein starker, freudiger Knabe über die Schwelle des ehemaligen Knechthauses herein: aber er trug das ungeschorne Haar der Freien: lustig flatterten die blonden Locken im Herbstwind und auch der Vater, der an einem Speerschaft schnitzte, trug jetzt langes Haar. »Vater, Mutter!« rief der Sohn mit leuchtenden Augen, »kommt rasch hinaus! Der gute Herr ist wieder da.«

Eilfertig legte der Mann die Waffe zur Seite, und die Frau die flachsumwundene Kunkel: beide ließen sich von dem Sohn an den Händen aus der Thüre zerren. Da hielt vor der Hofwehre – stattlich war sie ausgezimmert worden in den letzten Jahren – auf einem schönen und reich gezäumten Maultier ein freundlicher Herr in geistlicher Tracht: in einigem Abstand harrten ein paar Diener.

Beide Eltern bemühten sich, dem Fremden bei dem Absteigen behilflich zu sein: er wies sie gütig ab. »Eia,« sprach er, die Leute, dann das Haus hinter ihnen musternd mit seinen guten, seelenvollen Augen, »das sieht ja freilich alles anders, besser aus! Ein Ziegeldach statt der durchlöcherten Binsen. Und ein Nebenbau – ein Stall: da blöken Schafe, da brüllt ein Rind. Und reiche Garben hat euch der Herbst beschert: – säuberlich sind sie geschichtet. Und wie der Bub herangewachsen ist – stark und frisch! Man sieht den Segen Gottes hier am Ort!«

»Und wer hat ihn gebracht?« rief Ebromuth. – »Mein Glaube an solchen Segen war sehr schwach geworden . . .« – »Welche Sünde!« – »Ja, wenn's einem geht wie mir . . .!« – »Aber du, o Herr,« sprach die Frau – lieblich war ihre sanfte Stimme –, »hast ihm das Gottvertrauen, den Glauben wieder gegeben. Und uns allen das Glück;« sie küßte die feine, weiche Hand, die am vierten Finger einen kostbaren Ring trug.

Er schritt nun in beider Mitte auf das Haus zu: der Knabe sprang voran und riß die Zaunthüre weit auf. »Eia, und wie sauber das alles gehalten ist, Frau Leutrud,« lobte der Gast. »Man erkennt das helle Auge der Hausfrau.« »Leider wird es oft plötzlich trüb,« meinte der Gatte – »wohl vom früheren vielen Weinen.« »Aber jetzt,« lächelte sie, »weine ich nicht mehr – höchstens vor Freude, dich, Herr, zu sehen. Bitte, setze dich hier auf die Hausbank – darf ich etwas . . .?« – »Jawohl! Bitte, gebt mir einen Becher Milch! Und von dem trefflichen Roggenbrot, das da von dem Tisch her duftet. Ah, besser als all die Leckerbissen daheim . . .« Er stockte.

»O viel guter Herr,« rief da der Junge, und die grauen Augen blitzten, »jetzt hättest du dich beinahe verschnappt und verraten, was ich schon solang gern wüßte.« »Ebroin! Frecher Bub!« drohte der Vater. Und die Mutter winkte ihm verstohlen, zu schweigen. »Laßt ihn nur, kann's ihm nicht verdenken,« lächelte der Gast und trank mit Behagen die Milch, welche die Frau eilig gebracht hatte. »Nun ja,« fuhr der, so ermutigt, fort, »die Eltern haben's oft und oft erzählt und ich selbst hab's ja in den letzten Jahren gesehen, erlebt: – dir danken wir alles. Der Vater, ein freigeborner Mann, war durch den Grafen von Poitiers, den Neiding, den elenden Hund . . .« Zornfeuer sprühten die Blicke des Knaben. »Nicht, nicht doch!« mahnte die Mutter. »Liebet eure Feinde, spricht der Herr!« schloß der Fremde.

»Das kann ich nicht! Nie und nie und nimmermehr! Was soll ich dann den Freunden thun, lieb' ich schon die Feinde?«

»Wirst es doch lernen müssen,« meinte der Fremde, ihn auf den Lockenkopf patschend, »sollen wir gute Freunde bleiben. Hab's auch gelernt: – war nicht immer leicht.« »Ah,« fuhr der Knabe grimmig fort und ballte die Faust, »wenn ich's gedenke! Frei war der Vater, wie die Vorfahren von je, und hatte ein eignes Gütlein: – klein, doch Allod. Da hat ihn der Graf von Poitiers, Leodebert, des Herzogs, unsres Nachbars Bruder, so oft – ohne Grund! – zum Ding und zum Heere gebannt, bis die ganze Bauwirtschaft zu Grunde ging.« »Ja,« grollte der Vater, »und als ich einmal ausblieb im mutwillig angesagten Ding, weil die volle Ernte zu ersaufen drohte auf dem Feld, lenkt' ich den Bach nicht heute noch ab, da hatte ich das Banngeld verwirkt. Sechzig Solidi! Wie sollt' ich die aufbringen! Da mußt ich denn endlich, knirschend, fluchend Gott und dem König und dem Grafen, nach dessen Willen thun. – Jahrelang hatte er in mich gedrungen und mir dafür jede Schonung verheißen –: des Vaters Erbe, die liebe Scholle, hab' ich ihm übergeben und mich selber – und ach! die da, mein junges Weib – als unfreien Knecht und unfreie Magd!« »Ja, sie treiben's arg, die Seniores,« seufzte der Fremde. »Und sie haben dem Vater das Haar verschoren,« rief der Knabe mit vor Zorn zitternder Stimme, »und haben ihn aus dem Freihaus der Väter in diese – damals gar elende! – Knechthütte gesteckt und haben ihn oft und oft – ich hab's selbst gesehen! – neben der kranken Mutter an der Rinder Statt vor den Pflug gespannt.« »Und mit der Geißel – wie das Zugvieh – peitschte mich, peitschte die zarte Frau der Oberknecht, wenn wir im Ziehen ermatteten. O, ich gedenk' es!« schloß der Mann und hob die Faust.

»Nicht, nicht, Lieber!« mahnte die Frau. »Vergiß es!« »Vergessen?« rief der Knabe. »Hei, ich hab's mit angesehn, wie die Mutter unter der Geißel zusammenbrach. Ich sprang herzu und warf dem Hund mit einem Stein ein paar Zähne ein. Da haben sie mich – und den Vater, den unschuldigen! – gegeißelt, daß wir in unserm Blute lagen. Vergess' ich's je, will ich verdammt zur Hölle sein!« Da gab ihm der Fremde einen leichten Backenstreich. »Schweig' mit solch sündhafter Rede. Hat euch der Herr nicht geholfen?« »Der Herr! Welcher Herr?« fragte der Knabe. »Du, – ›der gute Herr‹, wie wir dich nennen. Du kamst des Wegs und hörtest der Mutter stilles Weinen aus der Hütte, die in Not und Jammer auf der Erde lag. Und da . . .« »Tratst du herein,« fuhr die Frau fort, »wie ein Bote Gottes und ließest dir von mir all unser Elend erzählen. Und gingst sofort zu dem Herrn Grafen und kauftest uns frei: Mann, Weib und Kind, . . .« »Und das Allod zurück,« rief der Mann, »und dies bisherige Knechthäuslein dazu! Und gabst mir Geld, daß ich zunächst ein paar Ziegen und Ackergerät kaufen konnte und . . .« – »Dein Fleiß und Frau Leutrudens Wirtlichkeit mehrten bald – unter Gottes Segen! – deine Habe, daß es mir eine Freude war, rief mich mein Amt in die Nähe, euch aufzusuchen. Und an diesem schlimmen Krauskopf –, ›krauses Haar, krauser Sinn!‹ – hab' ich auch meine Freude. Ist ein gescheiter Bub. Hast auch das Lesen und Schreiben nicht vergessen, das ich dir vorig Jahr beigebracht?«

»O nein, Herr. Und das Büchlein, das du mir dagelassen mit den Glaubensbekenntnissen und dem Gebet: – ich hab's so oft abgeschrieben – freilich nur mit Kohle auf weiße Schindeln: denn Pergament und Atrament waren bald verbraucht – daß ich's auswendig kann.«

»Er hat ein gar gut Gedächtnis,« lobte die Mutter und streichelte ihm die Wange. »Ist da ein alter Schäfer des Herzogs, der weiß viele Geschichten der Vorzeit, von König Chlodovech und von dem Meerwicht, seinem Ahn . . .« »Und von Herrn Wotan mit dem Speer,« fiel der Knabe eifrig ein, »und Frau Berahta mit der Spindel und von den Schwanjungfrauen! – die hab' ich alle auch aufgeschrieben – hör' sie gar so gern, lieber als das aus deinem Buch, Herr! Hab' sie auch mit Kohle auf weiße Schindeln geschrieben. Und hab' sie neulich dem Herrnsohn da drüben, dem Leodegar – weißt du, dem Herzogsohn – vorgelesen. Da schalt der mich einen argen Heiden und wollte mir das Geschriebene entreißen und seinem Ohm geben, dem Bischof Dedo, daß er sie verbrenne. Aber,« – und nun blitzten die Augen des Knaben in loderndem Zorn – »ich ließ ihn nicht. Wir sind gleich stark, so ganz gleich, daß bisher im Ringen keiner den andern niederzwang. Jedoch da – vor drei Tagen war's – da kam der Zorn über mich und mit ihm die Zorneskraft wie über den rotbärtigen Donner und ich warf ihn ins Gras, daß ihm die Knochen krachten und . . .« »Du bist ein ganz Schlimmer,« schalt der Gast kopfschüttelnd. »Das taugt nicht, gar nicht!« »O wie recht hast du, frommer Herr,« klagte die Mutter, »viel mehr recht als du wissen kannst. Ja, der Zorn, der Jähzorn, der Heißgrimm, – das ist das Arge an dem Buben. Ich muß ihn loben sonst: er ist gar geweckt und eifrig und Gemeines kommt ihm nicht zu Sinn. Und an uns beiden hängt er mit heißer Liebe. Aber der Jähzorn! Wird der gereizt, – zumeist, wann er meint, uns beiden geschieht unrecht . . .« »Oder auch einem geringen Mann durch die Seniores,« warf der Vater ein, mit einem Kopfnicken, das eher Billigung als Tadel bedeutete. »Ach, dann kennt er sich nicht mehr! Blindwütend schlägt er dann um sich; den ›Eber‹, den ›schäumenden Eber‹ nennen ihn dann, seines Namens gedenkend, die Buben der Nachbarn.« »Ja,« sprach der Knabe starr vor sich hinschauend, »dann wird's mir ganz rot vor den Augen. Ich möchte schreien und kann nicht. Aber meine Fäuste schlagen dann von selber zu.« »Hätt' ich ihn nicht weggerissen, wie er auf dem geworfenen Herzogsbuben kniete, – er hätt' ihn erwürgt, glaub' ich,« schloß der Vater. – »Ach, es ist wie ein Dämon, von dem der Pfarrer neulich predigte, daß er in die Menschen fährt. Der Dämon des Zornes, fürchte ich, hat Gewalt über seine Seele.«

Sehr ernst, bekümmert sprach da der Gast und hob verwarnend den Zeigefinger der Rechten: »Es schmerzt mich, Ebroin, das von dir zu hören. Jähzorn ist eine schwere Sünde vor Gott und blutige Thaten sind seine Früchte. Im Jähzorn ward der erste Totschlag begangen auf Erden! – Und hört, ihr Eltern, laßt mir den Heiden, den alten Schäfer, nicht mehr über die Schwelle . . .« »Wird nicht viel helfen,« lachte der Vater, »der Bub läuft ihm immer nach, dem Thiemo, auf der Heide oder jetzt über die Stoppelfelder bei seinen Schafen.« »Und mit des Herzogs Sohn,« mahnte der Fremde, »halt Frieden – das rat' ich dir. Kannst ihn nicht leiden, he?« Ebroin machte ein nachdenklich Gesicht: »Doch! Ich mag ihn gut leiden, recht gut. Es ist ein eigen Ding. Er ist gescheit, der gescheiteste von all uns Buben. Und er hat viel gehört, gelernt – soviel! – von seinen Eltern und zumal von seinem Ohm, dem feinen Bischof. Deshalb geh' ich gern mit ihm. Aber wenn« – und hier ergrimmte er wieder – »wenn der Hochmut, der Stolz, die Herrschgier, die in ihm stecken, das untragbare Befehlen aus ihm hervorbrechen, dann – dann hass ich ihn so heiß . . . – ja, ja, erdrosseln könnt' ich ihn mit diesen Fäusten.«

Der Gast stand rasch auf: »Genug! Übergenug hab' ich gehört! Es hat zum Beschluß gereift den Plan, den erwägend ich herkam. Ihr Leute, euer Sohn ist hoch und reich begabt: – vor vielen, vielen andern, wie ich schon in den letzten Jahren herausfand: – aber begabt nicht zum Guten nur, auch zum Bösen, zu Zorn, Haß, zu heidnischem Wesen. Hier thut er kein gut mehr! – So hört: ich nehme ihn mit mir.« »Fort von mir?« klagte die Frau schmerzlich. »Ah, Mutter, sei nur ruhig, ich geh' ja nicht von dir!« rief der Knabe und ergriff ihre Hand. »Doch! Du mußt gehen, wenn dein Vater befiehlt. Und nun sollt ihr auch wissen, wohin ich ihn führe. Nach Clermont nehme ich ihn mit – in das Haus des Bischofs: – dort lasse ich ihn erziehen.« »Aber,« staunte der Vater – »Bischof Praejectus – schon viel hört' ich ihn rühmen, er soll so gut und weise sein – aber wird er wollen?«

»Er muß,« lächelte der Gast, »wenn ich will. Denn jetzt muß ich es wohl sagen: ich liebe sonst nicht, daß man von solchen meiner Thaten spricht und weiß: ich bin selbst Praejectus von Clermont.«


III.

Der Königshof der Merowinger zu Paris war der alte Kaiserpalast, in dem weiland Julian der Abtrünnige zum Imperator war erhoben worden: noch heute sind seine Spuren wahrzunehmen in dem Garten des Musée de Cluny.

Der antike Bau war freilich im Lauf der Jahrhunderte – schon unter Chlodovech – vielfach den Bedürfnissen des germanischen Lebens und eines fränkischen Königshofes angepaßt worden: eine ungleich geräumigere Halle als der römische Speisesaal gewesen, war gewonnen worden, indem man die Mauern anstoßender kleiner, enger Gemächer – römischen Geschmackes – niedergerissen hatte. Auch das Atrium war zu einem weiten Waffenhof ausgedehnt auf Kosten der – gekünstelten – Gartenanlagen, die sich an seine Ostseite gelehnt hatten.

Es war etwa vier Jahre später, am Abend eines Frühlingstages: – der Rotdorn blühte und die Lerche sang damals noch über der Seine schwebend und deren mit Korn bestandenen beiden Ufern. Da trieb sich in diesem Hof eine fröhliche Schar von Jünglingen um mit allerlei Spiel und Waffenübung. Es waren fast lauter schöne Menschen: schlanke, edle Gestalten, diese sechzehn- bis zwanzigjährigen Wettringer, Wettläufer, Wettspringer, Wettkämpfer, Wettschützen.

Der alte Waffenmeister des Königs, Waltarich der Mariskalk, sah, auf der vorletzten Stufe der Marmortreppe sitzend, den Rücken an die oberste gelehnt, einen mächtigen römischen Silberhumpen Weines neben sich, mit zufriedenem Schmunzeln dem lärmenden, freudigen Treiben zu: aber er lobte nie, während bei einem mißlungenen Wurf oder Schuß ein derbes Spottwort flugs von den bärtigen Lippen herunterflog und seinerseits des Ziels nie fehlte.

»Nun laßt einmal das Werfen mit der schweren Fráncisca! Ihr seid ja schon ganz müde in den Armen. Könnt ja nichts vertragen, ihr schwächeren Buben unsrer schon schwächeren Söhne. Ah, wenn ich dran denke, was wir für Kerle waren in euren Jahren! Freilich, so bunt geputzt wie die Stieglitze liefen wir nicht herum. Und so viele lateinische Brocken mischten wir nicht in die gute alte Rede der Salier! Aber was führten wir für Streiche!« »Recht nichtsnutzige zuweilen,« lachte einer der Gescholtenen mit auffallend gescheitem, für diese Jugend nur allzuscharf geschnittenem Gesicht. Er wandte sich dabei nach jenem um und rief das spöttisch hinauf. »Wenigstens sagen so die hochehrwürdigen Herrn Bischöfe, eure Altersgenossen von damals.« »Leodegar, mein Söhnchen,« lächelte der Graubart grimmig auf ihn herunter, »du bist doch der frechste Gelbschnabel von euch allen. Aus dir würde mal was, mein' ich, wenn du nicht lange vorher an deiner Unverschämtheit ersticken müßtest. Nun zeig' einmal, daß du noch andres als Bosheiten gelernt hast am Hofe . . . –« »Und von dir!« höhnte der Schlanke und ergriff Bogen und Pfeil. »Platz da! Aus dem Weg! Auf welche Scheibe soll ich schießen?« »Auf die drittletzte!« antwortete der Mariskalk. »Die beiden äußersten stehen zu weit für dich.« – »Nein! Ich ziele auf die letzte. Seht ihr: einen Riesen stellt sie dar, der aber nur ein Auge hat, mitten auf der Stirn.« »Ist eine Dummheit. Solche Riesen giebt's gar nicht,« brummte der Alte. – »O doch, du hast nur nie was gelernt, alter Hüne, als saufen und hauen: 's ist Polyphem, der Cyklop. Ohm Dedo hat's oft erzählt daheim. Ei, von allen Helden hat mir der schlaue Odysseus von je am besten gefallen.« – »Schieß' und schwätz' nicht.«

»Ich wette, ich treffe mitten ins Auge.« – »Dann darfst du dir was ausbitten. Einen Becher besten Rhäter-Weins, eh?«

»Nicht immer trinken. Nein, dann küsse ich Waltrun, deine schöne Tochter.« – »So? Aber rasch! Denn dann dreh' ich dir gleich den Hals um wie einem Krammetsvogel. Schieß!«

Die Sehne schwirrte: – der Pfeil flog: – krachend schlug er in das Holz der Scheibe. Ein paar der Gespielen liefen hin: »Ah! Eia!« riefen sie staunend. »Wirklich! Mitten in das kleine Rund des Auges!« »Ich sagt' es ja,« sprach der Schütze stolz, den Bogen ablegend. »Nach diesem Schuß, Bruder,« rief einer der Genossen, ihm auf die Schulter klopfend, »bist du nun auch Bogenkönig . . .« »Wie Speerkönig,« bestätigte ein andrer, den die ganz dunkle Farbe von Augen und Haar als Vollblutrömer erwies und dessen Eltern erst kürzlich aus Italien übergesiedelt waren. »Und Schwertkönig,« rief ein dritter.

»Ja,« seufzte Leodegar, »Vetter Hektor, aber wer weiß, auf wie lange? Bruder Gairin – nicht wahr? – wir kennen einen: – der war mir schon vor Jahren überlegen oder doch ganz gleich in allen diesen Stücken.« »Ja,« grollte der Befragte, »freilich! Der Sklavensohn, der freche! Und es verlautet ja, er wird demnächst in unsere Schar hier aufgenommen. Der Bischof von Clermont soll ihn selbst zu Hof bringen.«

»Was?« rief Hektor unwillig, »der Sohn eines Knechts?« »Neben uns? Unter die Hofknaben?« zürnte Valerius der Römer, »das leiden wir nicht. Sprich, Mariskalk, sag' nein! Das ist ja doch unmöglich!« – »Du junger Fant! Nichts ist unmöglich was ein König will und was ein frommer Bischof wünscht.« »Ah ja,« zürnte Leodegar, mit dem Fuße stampfend, »der Tugendschwätzer von Clermont. Mein Oheim Dedo sagt, er sei gut, aber dumm.« »Ja, so schlau und so bösartig,« meinte der Alte kopfnickend, »wie Herr Dedo von Poitiers und sein – älterer! – Neffe sind nicht viele. – Gott sei Dank. Es wäre zu gefährlich für ehrliche Leute.« »Aber wie kann der Herr König . . .?« schalt Gairin, der, dem Bruder ähnlich, doch des geistigen Ausdrucks entbehrte, der an diesem gleich auf den ersten Blick auffiel. »Warum . . .?« – »Will's euch wohl sagen. Um euren Hochmut zu dämpfen, will ich's sagen, ihr aufgeblasenen jungen Gockelhähne. Wißt ihr wohl, warum der Herr König euch hier um sich versammelt hält?« »Ei freilich,« meinte Hektor, »weil wir die Söhne der vornehmsten Geschlechter sind.« »Weil er gern was Schönes und Feines um sich sieht,« prahlte Gairin, wohlgefällig an seiner reichen Gewandung herab schauend. – »Gefehlt, du Pfau!«

»Nein,« sprach Leodegar nachdenksam, »wohl weil er will, daß wir mit ihm und seinen Hofleuten bekannt, vertraut werden, damit wir später die für jeden taugenden Ämter und Würden erhalten. Und unsere Väter wollen uns hier seine Hofsitte lernen lassen, einflußreiche Gönner für uns gewinnen . . .« – »Eitle Laffen seid ihr zwei. Und du, viel kluger Leodegar, hast doch auch den Hauptgrund nicht erklügelt. Wißt ihr, was ihr hier seid, alle dreißig? Gefangene seid ihr!« »Hoho!« so ergrimmte Hektor, der Sohn des Patricius von Marseille – »gefangen?« »Ah bah,« lachte Valerius, »da steht das Hofthor weit offen. Ein Sprung und ich bin im Freien.« – »Wirst nicht weit kommen nach dem Sprung! Versuch's! Entlauf! Der Lanzenreiter dort vor dem Thor hat dich am Schopf, ehe du die Gasse zu Ende kömmst.«

Die andern widersprachen laut: – aber Leodegar schwieg betroffen.

»Geiseln seid ihr für euerer Väter – wenig sichre! – Treue!«

Leodegar furchte die Stirn: die so jugendliche zeigte doch schon tiefe Falten: »So sah ich's nie,« murmelte er vor sich hin. »Hm, allzustark ist dieses Königtum der Franken: den Adel bindet es zu fest. Man müßte . . .« Aber laut lachend rief sein Bruder Gairin: »Ah, thörichte Weisheit! Geiseln für die Adelsgeschlechter? So? Warum dann nimmt der Herr König diesen elenden Ebroin unter seine Hofknaben auf? Ist vielleicht auch dessen Vater ein gefährlicher Empörer? Hei, ich hab ihn oft, neben seiner Kuh – der einzigen! – angespannt, am Pflug ziehen sehen durch die magren Schollen seines wenigen Landes.« – »Seines? Nein! Des Landes unsres Ohms, des Grafen Leodebert, bis der biedre Praejectus sie alle drei losgekauft. Und manchmal zog als Kuh . . . Frau Leutrud.« – Die Genossen lachten laut.

»Das war ein häßlich Wort,« schalt der Mariskalk. »Du hast einen scharfen Verstand, Leodegar, aber eine schärfere Zunge. Und ein böses Herz.« »Jedoch ein gutes Gewissen,« lachte der. »Ein rührend gutes! Ich mag thun was ich will, – es beißt mich nie. Irgend ein Heiliger – wohl mein Schutzherr, Sankt Hilarius von Poitiers – hat ihm einen Beißkorb wie einem gefangnen Wolf angelegt.« Er zog Hektor am Ärmel beiseite und flüsterte: »Gestern – gerade, bevor wir befohlen wurden, dem Capellanus des Palatiums zu beichten, – überraschte ich im engen Schlafgemach die junge Frau des alten Kämmerers Wido: – du, die ist heißblütig! – noch brannte ihr Kuß auf meinen Lippen, noch pochte mir heftig das Herz in der Basilika, aber mit größter Ruhe nahm mein Gewissen die Freisprechung von allen Sünden hin.« – »Doch nur von den gebeichteten! Und du hast . . .?« – »Ah, man kann doch nicht auch andrer – zumal so schöner Weiber! – Sünden beichten.«

»Nun,« wiederholte Gairin, »ist auch Ebroin Geisel für seinen – gefährlichen! – Vater Ebromuth?« »Nein,« erwiderte der Mariskalk trocken, »dich nahm man als Geisel: – dafür bist du gut genug auch bei deiner Dummheit. Den Sohn des geringen Mannes aber nimmt man als hoffnungsreichsten Schüler. Denn Bischof Praejectus schreibt, – ich ließ mir's genau vorlesen! – solche Begabung für alles und jedes – von der Dialektik, Logik und Rhetorik (– weiß übrigens Sankt Martinus, was das für Kunststücke sein mögen! –) bis zum Speerwerfen und Pfeilschießen sei ihm noch nicht vorgekommen.«

»Nun, das letzte,« meinte Gairin höhnisch, »können wir dann gleich versuchen. Denn, täuscht mich mein Auge nicht, – er ist freilich groß und stark geworden in diesen Jahren! – da kommt der Sklavensohn gerade aus dem Palatium.« »Jawohl, er ist's,« sprach Leodegar nach einem scharfen Blick. »Jetzt ist er noch viel höher und breitbrüstiger geworden als ich! Er ist's: und der da hinter ihm schreitet, ist Praejectus der Einfältige.«

»Hei,« meinte Hektor, »den Ackerknechtbuben wollen wir doch so behandeln, – gleich so aufnehmen! – daß dem Spatzen die Lust vergehen soll sich unter die Edelfalken zu mischen.« Mit spöttischer Miene und einer tiefen Verbeugung tänzelte er den beiden die Stufen des Palatiums langsam Herniederschreitenden entgegen: »Ich grüße dich in Ehrfurcht, geistgewaltiger Herr Bischof von Clermont. Und dich, Sprößling der ländlichen düngerduftenden Scholle, dich, den gerühmten Wunderknaben Ebroin: das heißt in eurer Sprache ›Schweinefreund‹, nicht? Du hast sie wohl häufig gehütet, die herzigen Grunzer? – Dich heiß' ich hoch willkommen hier unter deines – Ungleichen. Man rühmt dich als unerreichbar in allen Dingen. Nun haben wir – deine Bewunderer – gerade im Bogenschießen ein wenig gestümpert: – sieh einmal den Schuß da in das Riesenauge! – den hat der arme Leodegar gethan – von hier aus. Wir ziehen den Pfeil heraus, – dann schieß' du und zeig' uns allen den Meister.«

Praejectus legte die Hand auf die Schulter seines hochragenden, kraftstrotzenden Schützlings und flüsterte: »Der Augenblick ist wichtig: – bete zu Sankt Sebastian, dem Patron der Pfeilschützen,« »Es geht auch so,« erwiderte Ebroin ruhig, hob einen vor ihm liegenden Bogen auf und wählte bedächtig aus einem Köcher einen Pfeil. »Warte doch,« rief Gairin, »bis ich Leodegars Pfeil herausgezogen.« »Unnötig,« sprach Ebroin, spannte den Bogen, legte den Pfeil auf die Sehne und zielte. »Was hast du vor?« fragte der Mariskalk, sich vorbeugend.

Die Sehne schwirrte – der Pfeil flog.

»Ah, was ist das?« rief der Alte aufspringend und, die Hand vor den Augen, scharf spähend: »Er hat den Pfeil Leodegars mitten entzwei geschossen. Dergleichen hab' ich nie gesehen. Junge, wer hat dich das gelehrt?«

»Mein Vater, wann er nicht gerade ackern mußte für seinen Leibherrn.«


IV.

Und abermals waren Jahre verstrichen.

Von jenem ersten Auftreten an hatte sich der junge Ebroin an dem ganzen Hof eine gar günstige Stellung geschaffen, auch in der Schar der Palastknaben, trotz des Hochmuts, des Neides, der Eifersucht, die gar manche der vornehm Gebornen ihm trugen und zuweilen deutlich zeigten. Zumal seit er einmal einen heimtückischen nächtlichen Überfall erfolgreich abgewehrt hatte, den Gairin, Hektor und dessen Vetter Valerius bei der Heimkehr von der Jagd im Wald auf ihn unternommen: – sie hatten ihn »verhauen« wollen. Und daß er sie nicht bei dem Mariskalk anzeigte, trug ihm Beifall und Lob auch mancher bisheriger Gegner ein. »Wozu?« lachte er, »die tragen ihre Strafe schmerzlich an ihrem Leibe herum.«

Doch auch Freunde gewann er unter den vornehmen Jünglingen, so Vanning, den Sohn des Pfalzgrafen Bannbert.

Und auch Leodegar verhielt sich nicht offen feindlich gegen ihn, obgleich von jenem Pfeilschuß an die beiden in allen Stücken, in allen Leistungen der Geistesbildung und der Leibesübungen so hart ringende Nebenbuhler waren, daß in fast regelmäßiger Abwechslung bald der eine, bald der andre als »der Erste der Schar« sich erwies: die dritte Stelle nahm keiner von ihnen jemals ein. Der weit über seine Jahre hinaus kluge, weltgewandte und kühlvorsichtige Herzogssohn – diese kalte Berechnung gab ihm zuweilen die Überlegenheit über den immer soviel heißblütigern und oft so jähzornigen Ebroin – erkannte, daß es wichtig, vorteilhaft sei, diesen hervorragendsten unter den künftigen Wettringern um Ehre, Glanz und rasches Aufsteigen nicht zum Feind, eher zum Bundesgenossen wider andere zu haben.

»Wenn wir beide zusammenstehen sind wir stärker als all' die andern miteinander,« sprach er einmal eindringlich zu Ebroin. »Ja, ja,« meinte der, »und in vielen Dingen haben wir ja gleiche Neigungen. Solang ich's mit gutem Gewissen kann, steh' ich dir gern zur Seite.«

Vanning, ein wackerer, aber schlichter Gesell, aus dessen vollem rotwangigem Gesicht ein paar runde, blaue Augen treuherzig blickten, hatte das Gespräch angehört. »Geh,« rief er Ebroin zu nach des andern Entfernung, »wie kannst du dem falschen Schleicher trauen? Du wirst nicht lang mit ihm halten können. Der ist so selbstisch und treulos wie der Teufel.« »Mag sein. Aber auf meinen Wegen lass' ich mich auch vom Teufel fördern: – wenn's einen giebt, was ich nicht recht glaube! Und das mußt du doch sagen: – er ist der beste Kopf am ganzen Hof. Das zieht mich an. An seinem Geist – – wie an einem Wetzstein – schärfe ich den meinen.« – »Ich mag's aber nicht leiden an dir. Ich bin . . .« »Eifersüchtig bist du, guter Bub, wie ein Mädchen,« lachte Ebroin. »Laß gut sein. Ich weiß, dein Herz allein ist mehr wert als der andre vom Scheitel bis zur Sohle.« »Ich hab' dich gern, Ebroin. Und wollte, ich könnte dir's mal zeigen.« – »Die Freude, mein' ich, kann dir schon noch werden! Denn wirr geht's her in diesem Reich der Franken. Schau um dich! Seit König Dagobert gestorben, ist das Reich in zwei Stücke auseinandergebrochen. Austrasien, das ganze Ostland rechts vom Rhein und links davon Elsaß, dann das Moselland bis an die Campania von Reims, endlich alles Land der Uferfranken hat sich von uns – von Neuster und Burgund – gelöst: mehr als der Merowing Sigibert herrscht da drüben in Metz der Hausmeier, der Arnulfinge kräftiges Geschlecht. Bei uns aber in Neuster und Burgund – von Reims gen Westen bis an die Gotenmark und im Norden und Süden bis an beide Meere – waltet an ihres jungen Sohnes Chlodovech, des Zweiten dieses Namens, Statt die Witwe König Dagoberts, Frau Nantechild, als Regentin. Ein Weib: . . . – ich will sie nicht schelten, aber man sagt, sie bedürfe stets eines Mannes, der ihren schwankenden Sinn beherrsche. Und wenig Gehorsam wahrlich erweist ihr der Adel, der der Krone trotzt und die geringen Freien mißhandelt. Welche Aufgaben, welche Pflichten für jeden ehrlichen Kerl, der's gut meint mit diesem Staat! Welch hohe Ziele winken hier! Aber auch welche Kämpfe, welche Gefahren sperren die Wege zu diesen Zielen! Wohlan, mich treibt die heiße Liebe zu diesem gequälten, niedergetretenen Volke der geringen Leute, zu diesem Reich: – aber auch die Lust am Kampfe selbst und die Lust, zu herrschen! – mich in die erste Reihe zu werfen dieser Kämpfer. Tief unten, armen Mannes Sohn, fang' ich an – recht hoch will ich hinauf: da wird's ohne manchen Hieb gegen mich nicht abgehen. Und zwei Schilde fangen mehr ab als einer.« – »Ich selbst, meine Brust, soll dein Schild sein, Ebroin!«


Kurze Zeit nach diesem Gespräch sollten die ungefähr gleichaltrigen und hinreichend ausgebildeten Jünglinge der Palastschar entlassen werden, jüngeren, neu aufzunehmenden Platz zu machen. Groß war die Freude unter den Scheidenden: denn nach dem ihnen mitgeteilten günstigen Ergebnis dieser Erziehungs- und Probezeit wurde ihnen eine glänzende Laufbahn eröffnet.

Sogar der niedrig geborne Ebroin erhielt das Amt eines Vicegrafen und zwar – was ihn am meisten freute – in dem Gau des neustrisch-burgundischen Reiches, der damals allein des Waffenschutzes bedurfte: an der Grenze der räuberischen Wasconen, deren Bekämpfung in den Schlupfwinkeln ihrer Berge schon gar manchem fränkischen Feldherrn übel bekommen war: er sollte dem helmmüden Grenzgrafen von Agen den kriegerischen Teil seiner Amtspflichten abnehmen. Er war sehr glücklich und stolz: sein erstes Wort an den guten, alten Mariskalk, der ihm das verkündete, war: »Aber das darf ich selbst den Eltern schreiben, nicht? Die Mutter hat ja Lesen und Schreiben von mir gelernt. Einstweilen! Mein Weg führt ja später doch über Poitiers.« »Ja, thu's nur! Du bist ein guter Sohn.«

Das glänzendste Los war Leodegar gefallen: nicht unverdient, denn er hatte sich, wie gesagt, in all' diesen Jahren neben Ebroin als der erste der Palatiums-Jünglinge behauptet. Aber hinzu trat freilich der Glanz seiner vornehmen Geburt, die Empfehlung seines Oheims, des einflußreichen Bischofs von Poitiers, und vor allem eine Geschmeidigkeit, eine wahrhaft geniale Kunst sich bei allen am Hofe – Weiblein wahrlich nicht minder als Männlein! – einzuschmeicheln: eine Kunst, die er planmäßig betrieb – auch bei minder mächtigen Männern oder weniger schönen Frauen: »Er thut's, um in der Übung zu bleiben,« grollte Vanning. Dabei vermied er in seiner Schmeichelei jede Plumpheit: »Er kitzelt die Leute, ohne daß sie's merken,« schalt der alte Mariskalk. »Er muß – er kann gar nicht mehr anders! – jedem Menschen, mit dem er spricht, das sagen, was er im Augenblick am liebsten hört.« »Ja, ja,« meinte er einmal selbst lachend, als ein Bettler ihm den Schuh küßte – denn auch wohlthätig zu sein konnte sich der reiche Herzogssohn verstatten – »man kann nicht wissen. ›Der Löwe ward von einer schnöden Maus befreit aus dem Netz‹, las Oheim Dedo einmal vor.«

So war er denn nach Begabung, Eifer, Verdienst, Empfehlung und äußerster Liebedienerei der Bevorzugteste am Hofe geworden. Die Königin-Regentin, eine schöne, üppige Frau, ließ sich am liebsten von dem schlanken, dunkeläugigen, dunkellockigen und feurig blickenden Jüngling auf das Pferd heben, – zu großem Ärgernis des alten Mariskalk! – und recht oft – häufiger als ihn die Reihe getroffen hätte – erhielt er die Nachtwache vor den Gemächern der rotlockigen Fürstin. Sie hatte ihn auch jetzt zu sich entboten, ihm selbst das ihm zugedachte Amt zu verkünden, während alle andern hierzu vor die Hofbeamten beschieden worden waren.

Ebroin saß in seinem Gemach und schrieb einen glückatmenden Brief an seine Mutter: – da stürmte Leodegar herein, erhitzt im dunkelschönen Antlitz, sein Herz pochte so stark, daß er die Hand darauf preßte. Die Erregung des Augenblickes riß ihn ausnahmsweise ganz aus seiner sonstigen Kühle. »Ebroin,« jubelte er, »alter Feind, nein, auch alter Freund, und künftig nur Freund! Vernimm, höre . . . mein Glück. Die Königin, – ich komme gerade von ihr – sie hat mich zum Grafen von Paris ernannt und mir den Oberbefehl gegeben über das Heer, das sie demnächst gegen die Wasconen senden wird.«

Ebroin erhob sich und reichte ihm die Hand. »Meinen Glückwunsch, Herr Graf von Paris: du fliegst rasch nach oben. Ich gönn' es dir von Herzen. Was aber den Wasconenkrieg angeht . . .« – da furchte er die Stirn und preßte die Lippen zusammen, und unheimlich drohend blitzten seine Augen, »da rat' ich dir, dich zu beeilen, sonst findest du nichts mehr zu bekriegen vor. Das ist mein Krieg. Ich bin Vicegraf von Agen – hörst du? – nicht du: ich habe jene Mark zu schützen. Morgen reis' ich. Und ich hoffe, lang' eh' du eintriffst mit deinem großen Heer, bin ich mit kleiner Schar fertig mit den Feinden.« »Ich sollte dir das verbieten,« meinte Leodegar unwillig. »Das versuch' einmal,« lachte Ebroin: aber das Lachen war so grimmig und die Zornader auf seiner Stirn trat plötzlich so hervor, daß der andere erschrak.

»Nein, nein,« lenkte er geschmeidig ein, »ich bin heute so glücklich, so stolz. Ich will heute keinen Streit. Ja, ich trag' dir ungemischte Liebe . . .«

»Früher war sie doch recht stark gemischt mit Haß, mit Verachtung des Sklavensohns.« – »Das war nur Neid, uneingestandne Eifersucht, Aber jetzt . . .« – »Da du mich so hoch überflogen hast, findest du dazu keinen Grund mehr.« – »Vielleicht ist's so. Oh ich muß in dieser Stunde meine Gedanken, meine Hoffnungen ausströmen. Kein Ziel scheint mir zu hoch. Im Krieg und Frieden! Feldherrnschaft, Heldentum – – du weißt, diese Rechte ist stark . . .« – »Fast wie die meine.« – »Und an Wagemut nehm' ich's auf mit jedem im Palatium, im Rat aber nehm' ich es auf mit all den klugen Palatinen, den weisen Bischöfen. Ich will im Vorkampf, stets dem Keil voraus, ein Held werden wie noch keiner war.« – »Werd's und sag's dann. Aber dann sagst du's nicht mehr.« – »Und eine beredte Zunge führ' ich im Munde und rasch faßt mein Geist. Und die Menschen gewinn' ich nach Belieben. Ich raste nicht, bis ich der erste Mann geworden in diesen Reichen Neuster und Burgund.« Er atmete stark. »Hm,« meinte Ebroin, »also Majordomus. – Und dann? Und damit willst du abschließen? Und nur an dich, an deinen Glanz nur denkst du? Wahrlich, ich lasse meine Gedanken höher fliegen! Und weiter!« »Willst du etwa die Merowingen stürzen,« höhnte Leodegar, »und dich selbst zum König machen über Neuster und Burgund?« Unwillig schüttelte der andre die dunkelblonden Locken. »Ich habe – wie du – dem König geschworen. Nein! Aber nicht nur an mich denk' ich! An gar vielen Wunden krankt das Volk, das niedere, im Frankenreich . . . ihm muß und soll geholfen werden!« – »Aha, der Sohn des Knechts hat nicht vergessen . . .« –

»Nein! Und wahrlich, ich will . . . Doch das ist's nicht allein. Majordomus willst du werden, aber nur von Neuster und Burgund? An Paris und Orleans denkst du: an weiter nichts? Und Metz? Und ganz Austrasien? Und das Land rechts vom Rhein? An das ganze Frankenreich denkst du nicht?« Leodegar machte große Augen. »Was soll das? Schon seit vielen Jahren ist Auster von Neustro-Burgund getrennt!« – »Ja, leider! Und soll dies Elend, diese Ohnmacht dauern? Seitdem die Arnulfinge zwei Merowingen nacheinander es abgetrotzt haben, daß ein besondrer König in Metz über den Nordosten herrsche, – seitdem ist unsre Macht tief herabgesunken. Schon reißen sich Thüringe, Alamannen, Bajuvaren los von dem Halbkönig zu Metz. Und vor allem: wer soll herrschen im Frankenreich? Jene barbarischen Überrheiner, die nichts können als dreinschlagen, – nicht einmal lesen und schreiben? Oder wir Salfranken, die wir dies ganze stolze Reich weiland zusammen erobert, und die wir den Römern ihre Bildung abgelernt haben, ohne unsre Heldenkraft zu schwächen? Schau auf uns beide! Sind wir nicht den plumpen Ostleuten, die zuweilen am Hof auftauchen, so überlegen wie der feine Wein dem dummen, derben, dicken Bier, das sie saufen? Warum? Weil in unsern Adern auch römisches Blut rinnt. Nicht umsonst waren deines Vaters Mutter und meiner Mutter Vater römischen Abstamms. Wir Neustrier, wir müssen herrschen in dem ganzen wieder hergestellten Frankreich von der Avarengrenze im Osten bis zur Gotenmark im Westen. Und als Haupt der Neustrier ein neustrischer Majordomus, hier in Paris!« Er ging mit großen Schritten in dem Gemach auf und nieder.

Überrascht, ja erschrocken sah ihm dabei Leodegar nach: gewaltige Erregung durchströmte den Staunenden; heiß schoß ihm das Blut in das Herz! »Solche Träume, solche Gedanken hegt der Knecht? Solch große Pläne plant er? Und mir – gerade mir! – plaudert er sie aus? Der Schwachkopf! Nie, nie hätte ich an ein solches Ziel gedacht! Und nie hätt' ich's gefunden, weil – verflucht, er hat recht! – weil ich stets nur an meinen Vorteil gedacht. Aber jetzt – Dank dir, du blöder Thor! Du hast's erdacht, – doch ich will's vollenden: du hast den Hort gefunden, – ich will ihn gewinnen. Und das niedere Volk will er heben – auf Kosten natürlich des Adels? Nun warte! – Dem wollen wir doch einen Riegel vorschieben. Nieder in seinen Anfängen schon mit dem tribunus plebis!«

»Verstatte,« sprach Ebroin, sich wieder setzend, »daß ich den Brief an meine liebe Mutter zu Ende schreibe!«

»Schreibe du nur! – Mich hat die Königin schon wieder in ihr Gemach befohlen, bevor wir die Übertragung der Gebeine des heiligen Amantius begleiten: ich soll dabei – zum letztenmal! – die Hofknaben anführen. Auf Wiedersehen bei dem heiligen Amantius! Grüße deine liebe Mutter recht herzlich! – Warte, du Pöbelverhetzer!« murmelte er leise. Und er eilte hinaus.


V.

Eine Stunde darauf versammelte sich in der Basilika des Apostels Johannes auf dem linken Seine-Ufer der ganze Hof, unter dem Voranschritt der Königin Nantechild, die ihren – wie so oft auch heute – bettlägerigen Sohn vertrat: der nicht weite Raum der alten von mehr als zweihundertjährigem Weihrauch und Fackelqualm geschwärzten Krypta, zu der man von dem Hauptaltar oben in der Nische des Mittelschiffes, der halbkreisförmigen Apsis oder Tribuna, auf vielen Steinstufen wie in die düstre Unterwelt hinabstieg, war schon vorher zum großen Teil gefüllt von den Äbten und andern Priestern der Diöcese von Paris: aber auch aus andern Sprengeln beider Reiche waren die Bischöfe zu der heiligen Handlung herbeigeeilt: da fehlte weder Herr Desiderius von Cahors, noch Audoen von Rouen, noch Berachar von Le Mans, noch Sigibrand von Lyon, noch Desideratus von Châlons, noch Bodo von Valence, noch Truchtigisel von Embrun; besonders gefeiert ward aber der alte, ehrwürdige Abt von Remiremont, später von Luxeuil, der silberhaarige Romarich, der lang als Einsiedler gelebt und weithin den Ruf eines Heiligen erlangt hatte: auch stolze und oft recht weltliche Bischöfe beugten sich in Ehrfurcht vor dem hohen sittlichen Wert des schlichten Mönches.

Es war ein prachtvoller Maitag: unter dem milden Himmel der Seinestadt stand bereits alles in voller Blüte: schon dufteten stark die Linden in den Gärten des Palastes, in dessen Rainweide und Weißdornbüschen die Mönchgrasmücke, schon damals wie heute noch gar häufig in jenen lieblichen Geländen, ihr wohllautreiches Lied ertönen ließ. Die Wogen des stolzen Flusses kamen in glitzerndem Sonnenschein gezogen: ein warmer wohliger Frühlingshauch durchflutete die Lüfte: der Tag schien bestimmt, zu zeigen, wie freudig, wie köstlich, wie glückverheißend das Leben, die Zukunft entgegenlachte der gesunden kraftstrotzenden Jugend jener Palastknaben, die vor dem Aufbruch zu dem Zuge in dichten Haufen, lachend, singend, lärmend, sich fröhlich neckend in dem Waffenhof sich tummelte: der Mariskalk hatte seine liebe Not, ›die Buben‹ nicht allzuwild werden zu lassen: aber er fand selbst seine Freude an dem Treiben, das er gern geteilt haben würde. »Nur keine Duckmäuser, lieber Wildfänge,« pflegte er zu sagen. »Aus jenen werden immer Kröten, aus diesen manchmal Adler.«

Nun aber setzte sich der Zug in Bewegung: bald war die geringe Entfernung zwischen dem Palast und der alten Johanniskirche weiter im Süden des linken Seine-Ufers durchmessen. Schon verkündeten Hornstöße der auf der Freitreppe vor dem Portal der Basilika aufgestellten Krieger das Herannahen der Königin und ihres Hofstaates: der größte Teil der Begleitung blieb draußen auf jenen Stufen des Portikus und in dem Vorhof, – dem Paradisus – andre folgten bis in das Mittelschiff und die Apsis, nur die vier obersten Palastbeamten sowie die erlesensten der Hofknaben, geführt von Leodegar, folgten der stolzschreitenden Regentin und ihren Frauen die vielfach ausgetretenen Stufen hinab in die katakombenhafte Krypta, deren schwer wuchtendes Gewölbe von den zahlreichen Fackeln doch nur schwach erhellt war.

In der Mitte ihres Estrichs klaffte ein finstrer, viereckiger Schlund. Der gewaltige Stein, der die Wölbung über dem Sarkophag des Heiligen geschlossen hatte, war, nach angestrengtester Arbeit, von vielen Kirchenknechten endlich in die Höhe gebracht und in schräger Stellung auf einem Stemmbalken so hoch aufgerichtet worden, daß darunter durch der schwere Sarkophag von schwarzem pyreneischem Marmor mittels vier darunter durchgeschobenen Seilen nun alsbald herausgehoben werden konnte.

Der Königin, einer hochragenden Gestalt, stand der dunkelpurpurfarbene, von massiven goldnen Bienen übersäte Mantel gar vortrefflich: – sie durfte dies Abzeichen merowingischen Königtums tragen, da sie ja an ihres Sohnes Statt die Herrschaft führte. Die schöne Frau wußte das, auch wenn es die flammenden Blicke Leodegars, der zu ihrer Rechten an dem Kopfende der Öffnung stand, ihr nicht deutlich bezeugt hätten. Zu ihrer Linken stand Ebroin, eine Fackel haltend. Der Königin gegenüber – an dem Fußende des Sarkophags – prangte in vollem Ornat Bischof Dedo von Poitiers, dem der alte Bischof von Paris Audobert – er war sich bewußt, minder glänzend zu sprechen – die Feierrede übertragen hatte. Der stattliche Kirchenfürst mit dem feinen, vornehmen Antlitz – das römische Blut verleugnete sich nicht und edles Geschlecht, hohe Begabung und sorgfältige Geistesbildung drückten sich in diesen gewinnenden Zügen aus – schlug die weiten Ärmel der von Goldstickerei strotzenden Dalmatika zurück, breitete segnend die Arme gegen die Königin und ihre Umgebung aus und, nachdem der mystisch ergreifende Gesang der oberhalb der Krypta auf dem »Chore« der Basilika hinter vergoldeten Gittern verborgnen jungen Kleriker und Knaben verhallt war, hob er an: »In Christo Geliebte! Nachdem Sankt Amantius, der glorreich hier leibhaftig in diesem Marmorsarge vor uns liegt, wie anderen Priestern und frommen Laien auch mir Unwürdigem wiederholt im Traum erschienen ist und uns unzweifelhaft verkündet hat, daß er nunmehr genugsam lange Zeit die Segnungen seines heiligen Leibes dieser guten Stadt Paris, in der er gestorben, habe angedeihen lassen, fortan aber da ruhen wolle, wo er die meisten Jahre seines Lebens – unter zahlreichen Wunderzeichen! – in gottgesegnetem Wirken verbracht hat, nämlich in meiner treuen Bischofstadt Poitiers, in der Kirche des heiligen Hilarius ruhen und dort die Posaunen des jüngsten Gerichts erwarten wolle, hat der ehrwürdige Herr Bruder von Paris – unter Verstattung unserer aller tugendreichsten Frau Königin, deren keuscher Lebenswandel ein Vorbild aller Weiber ist, – bewilligt, daß heute die feierliche Erhebung seiner Gebeine behufs Überführung nach Poitiers stattfinde. So erhebt denn unter frommen Gesängen die unschätzbare teure Last.«

Auf seinen Wink begann das Psallieren von oben her aufs neue – es wirkte wunderbar, geheimnis-süß, als ob man die unsichtbaren Engel vom Himmel herab singen höre! – und alsbald hatten zwanzig starke Ostiarii und Akoluthen den schweren Sarg aus der Tiefe gefördert und unterhalb der klaffenden Lücke auf den Estrich neben die Königin gestellt, während andere Diener der Kirche sich anschickten, durch gleichzeitig geführte Beilschläge den Stützbalken niederzuschlagen, auf daß der schwere Marmordeckel wieder das Gewölbe schließe.

Die Regentin sank auf beide Kniee, küßte, von frommem Schauer durchrieselt, den Deckel des Sarkophags an dem Kopfende, verrichtete ein kurzes, stummes Gebet und wollte sich nun wieder erheben. Ihr langer Mantel, vom Golde der Bienen schwer, war aber an seinem einen Ende in die schwarz gähnende Tiefe gesunken und hatte sich hier an dem Stützbalken, den umschlingend, verfangen: sie konnte ihn nicht sofort lösen. Dienstbeflissen warf sich Leodegar auf ein Knie und zerrte ungestüm an dem Purpur.

»Zurück, Leodegar! Der Balken weicht! Der Stein fällt!« schrie Ebroin, ließ die Fackel fallen, und riß den Knieenden, der die verlangenden Augen in langem Blick zu der errötenden Frau aufgeschlagen hatte, zur Seite. Zu spät. Zwar das schwer bedrohte Haupt und den übrigen Leib hatte Ebroin ihm so gerettet, aber die rechte Hand und der rechte Unterarm bis über den Ellbogen hinauf lag mit einem abgerissenen Fetzen des Purpurmantels zerschmettert unter dem tausendpfündigen Stein.

Ein gräßlicher Weheschrei: – dann schlug Leodegar ohnmächtig vor Schmerz mit dem Antlitz nieder auf den schwarzen Stein. Die Königin sank ihren Frauen in die Arme.


VI.

Am Morgen des andern Tages saßen an dem Lager des schwer Leidenden sein Oheim, der Bischof, sein Bruder Gairin, Hektor, Valerius und Zacharias, der Leibarzt der Königin. Schweigend, trauernd lauschten sie seinem Stöhnen, das mehr ein Fluchen als ein Jammern war.

Beschwichtend, tröstend hob endlich der Arzt an – das Vertrauen erweckende Gesicht des alten Juden machte den Eindruck der Wahrhaftigkeit: – »Fasse dich, mein Sohn! Der Schmerz der Wunde wird bald abnehmen unter der milden Salbe. Und sei gedenk, welch viel größerer Gefahr du – um eines Haares Breite! – entkommen. Als ich den Stein stürzen sah, – dein ungestümer und blinder Eifer hatte den Balken umgerissen – wo du die Augen hattest, weiß Gott der Herr! – glaubte ich, dich mit Haupt, Leib und Leben darunter zerschmettert und begraben. Daß du lebst, – du dankst es Ebroin! Segne ihn!«

»Fluch ihm!« schrie der Wunde, sich plötzlich, auf die linke Hand gestützt, erhebend. Wimmernd vor Schmerz sank er wieder auf die Kissen zurück. »Hätt' er mich doch zermalmen lassen! Besser, tausendmal lieber tot als ein elender Krüppel fürs Leben! Verloren die Schwerthand: – damit verloren alles Heldentum, aller Waffenruhm, aller Siegesglanz, alle Hoffnung auf Macht und Ehre. Ah, wär' ich bei Bewußtsein gewesen, Zacharias, als du mir die Hand – den halben Arm dazu! – abschnittst, – ich hätt' es nicht gelitten. Lieber in Schmerzen verendet! Aber nun erwachte ich aus der Ohnmacht, – ein Verstümmelter, ein Krüppel! Sich durchs Leben schleppen, den Männern zur Geringwertung, den Weibern höchstens zum Mitleid. Aber Geduld! Sobald ich wieder schreiten kann, – mein erster Gang von diesem Pfühl der Schmerzen führt in die Seine, wo sie am tiefsten strömt.«

Unwillig erhob sich da vom Sitze der Bischof: »›Quae tanta insania, cives‹, sagt der Mantuaner, ›Welcher Wahnsinn, Mitbürger‹. Das wäre nicht nur eine große Sünde, – es wäre – was schlimmer! – eine große Dummheit. Geht, geht hinaus, ihr andern, ich habe mit meinem Neffen zu reden. Ich habe Worte des Trostes für ihn – geistliche und weltliche. Geht.«

Als sie allein waren, hob Leodegar an mit bittrem Tone: »Die geistlichen, die spare dir, Oheim. Sie fruchten nicht bei mir. Ich weiß alles auswendig, was du sagen willst: die unerforschlichen Wege Gottes, die Pflicht demütiger Ergebung, der Verzicht auf die sündhafte Welt – beim Satan! Das ist nichts für mich. Ich will, ich muß genießen, glänzen, herrschen. Kann ich das nicht, mag ich nicht leben.«

»Und wer sagt dir, mein armer Junge,« entgegnete der Prälat, ihm die Linke streichelnd, »daß du nicht mehr genießen, glänzen, herrschen kannst? Den geistlichen Trost hab' ich nur der andern wegen gepriesen: weiß ich doch, daß er dich nicht tröstet. Genießen, glänzen, herrschen! Kann das nur der plumpe Tölpel, der mit dem Schwerte zuschlägt? Sieh mich an! ›Et mihi sunt vires et mea tela nocent‹, droht mein Liebling, die sulmonische Nachtigall: auch ich freue mich der Kraft und auch meine Geschosse verwunden. Mich hat – wie du weißt! – ein Gelübde der Eltern vor meiner Geburt dem Priesterstand bestimmt. Wie schalt ich im Anfang, da man mich, von den Jugendgespielen, die zu Hofe gesandt wurden, getrennt, in die Klosterschule Sankt Martins zu Tours schickte! Wie schalt ich weinend und fluchend, – ganz wie du jetzt, – auf jenes einfältige, thörichte Gelübde und auf die abergläubische Dummheit, es zu halten. Bald schalt ich es nicht mehr: – ich dankte ihm. Schau mich an, sag' ich. Nie hab' ich das Schwert geführt, – ganz wie wenn ich einarmig geboren wäre. Wohlan! Glaubst du, es hat mir je gefehlt, vom Jüngling an bis heute, das Genießen und Glänzen, vom Mannesalter an das Herrschen? Wahrlich, viel, viel mehr Genuß, Glanz und Herrschgewalt sind mir, dem Archidiakon, dem Bischof geworden, als hätt' ich, ein Graf, ein Herzog, unter Helm und Schild geschwitzt und geblutet. ›Cedunt arma togae‹, meinte der beredte Tullius: wir können heute sagen: ›die Waffen stehen weit hinter dem Bischofmantel zurück‹. Und meine Reisen nach Rom, Byzanz, Jerusalem, wie bildeten sie mir den Geist! Die Lehren, die Gebote der Kirche? Du befolgst sie, soweit sie dir nützen, du vergißt sie, wo sie dich hemmen würden. Sünde? Bah, die Heiligen verzeihen alles – für fromme Gaben und Stiftungen! Und hast du vergessen, wie oft kluge Bischöfe das Reich der Franken beherrscht haben? Von Herrn Remigius und von Egidius, den großen Bischöfen von Reims, angefangen bis auf unsere Tage: wer hat die gewaltige Brunichildis vernichtet und Chlothachar, Fredigundens Sohn, zum Herrscher über alle drei Reiche gemacht? Der Arnulfinge Stammvater: ein Bischof, Arnulf von Metz. Wer hat einen Sonderkönig für Austrasien erzwungen, aber in dessen Namen allein Austrasien beherrscht? Derselbe Bischof! Wer herrscht jetzt in Wahrheit in jenen Landen? Nicht König Sigibert, nein: Bischof Kunibert von Köln. Und wer beherrscht die Frau Königin Nantechild – sie schickt dir das!« – er küßte ihn zärtlich auf den Mund. »Ein Herzog oder Patricius? Nein! Ich, der Bischof. Wer war es, der dich der schönen Frau zugeführt hat? Ich, der Bischof! Also, verzage nicht, mein Sohn! Was ich in der Stunde deiner Geburt gelobt, – eine Weissagung war's zugleich. Du wirst es weit bringen auf Erden – trotz deines Unfalls. Das Schwert kannst du nicht mehr schwingen: – aber den Bischofsstab mag auch die Linke führen. Und wie oft schon war dieser Stab zugleich – das Königsscepter. Daß dir ein Glied am Leibe gebricht, von diesem Mangel kann die Kirche entbinden! Mut gefaßt, mein Junge! Bei Gott! Laß doch sehen, ob du unter Sankt Hilarius' und meinem Schutz – an deines frühverstorbenen Vaters Statt! – es als Priester nicht weiter bringst im Reiche der Franken als zum Beispiel dieser plumpe Ebroin mit seinen starken Armmuskeln. Genießen, glänzen, herrschen? Ich schwör's dir zu: du sollst's nach deines Herzens Gelüsten! Darum Mut, Leodegar! Zu Großem bist du berufen!«

Da stürzten Thränen aus den Augen des Wunden: – aber es waren Thränen des Dankes, der Freude, der Hoffnung.


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