Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Wilhelm Heinse >

DŁsseldorfer Gemšldebriefe

Wilhelm Heinse: DŁsseldorfer Gemšldebriefe - Kapitel 9
Quellenangabe
typeletter
booktitleDŁsseldorfer Gemšldebriefe
authorWilhelm Heinse
year1996
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main und Leipzig
isbn3-458-19162-3
titleDŁsseldorfer Gemšldebriefe
pages3-87
created19990404
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
Schließen

Navigation:

Johannes in der Wüste
Von Raphael

[von Daniele da Volterra]

Noch das erste Meisterstück der Kunst auf der hiesigen Galerie.

Die Stellung ist schwer zu beschreiben, da es sogar Maler gibt, die sie im wirklichen Gemälde nicht fassen; ob sie gleich deutlich in die Augen fällt, und beim ersten Blick schon den größten Meister in der Kunst verrät.

Eine Daniele da Volterra, Johannes der Täufer Anhöhe von einem in die Höhe steigenden Felsen, unter Moos und Kraut, und daran herum verzogenen Epheu, linker Seite des Gemäldes, woraus eine Quelle kömmt, die aus einem kleinen Damm in einigen Sprüngen in dämmerndem Licht herunterfällt, sich da ein wenig wirbelt, und vereinigt in grünem Ufer weiter hinab rinnt, und, unten, wo das Gemälde aufhört, fortrieselt.

Daran hat sich Johannes, in Lebensgröße, gänzlich ohne Gewand (außer daß er eine Tigerhaut, die ihm eigen sein muß bei den Malern, unter sich gebreitet; wovon ihm ein schmaler Streif, über das Gelenk an der rechten Hüfte fällt, und die Scham so eben bedeckt) daran hat sich Johannes, mit dem Fuß des gestreckten rechten Beins auf eine feste sichre Stelle tretend, an und hinter hohen Bäumen von der Rückenseite rechter Hand, über sie mit dem Oberleib etwas schräg, hinauf gehoben; und seine Schwere ruht auf der ersten Hälfte des linken hineinsitzenden Schenkels – und ein wenig auf dem Ballen der linken, wie gestützten, Hand, (worin er ein rundes Holz, mit einem Spalt vorn, hält, in dem ein anderes kleines quer durch im Kreuze liegt,) wodurch die Schulter oben etwas erhöht wird, und noch ein wenig auf dem Fuße des gestreckten rechten Beins, die dieselbe im Gleichgewichte halten. Der rechte Arm (in dessen Hand er eine runde hölzerne Schale zum Wasserschöpfen an den Felsen hält, und die am Knöchel über dem Knöchel der wie aufgestämmten Linken gehalten ist) hängt mit seiner Schulter, und der Brust von daher, sanft nach dem linken Vorderschenkel hinüber, wo der Mittelpunkt der Schwere ist, (dessen Bein nach dem rechten sich wendet, und unter dieses Knie felsenab den Fuß stämmet, an welches Zehen Widerschein von Abendlicht leuchtet.)

Sein Kopf, mit krausen lichtbraunen Locken bedeckt, wovon einige in das rechte Teil der Stirn, und über das linke Ohr herüber gehn, steht aufrecht, gegen den linker Hand hin etwas schrägen Oberleib, vorwärts nach der rechten hinunter dem rinnenden Wasser nachsehend.

Vergeben Sie mir die Einschiebsel, vielen Unterscheidungszeichen, Verbindungswörter und Beziehungssylben; es ist mir nicht möglich, mit andern Worten Anschauen und Sinnlichkeit in Beschreibung dieser herrlichen Stellung hervorzubringen.

Da sagen nun einige, die das Zeichnen besser verstehen wollen, als Raphael in seiner besten Zeit und in einem seiner besten Stücke, wo er sich das richtigste Maß von schöner Natur und den Antiken schon zu augenblicklichfertigem Fingergefühl gemacht hatte; »man müsse sich wahrhaftig in Verzückung befinden, wenn man diesen St. Johannes wie eine superbe akademische Figur betrachtete; aber doch wäre zu wünschen, daß er eine andre rechte Schulter, und einen andern linken Schenkel hätte.« Als ob man über die bloße Figur eines Hinkenden und Verwachsenen sich in Verzückung befinden, und das eine prächtige akademische Figur nennen könne! Die Leute wollen reden, und gern als Meister und Kenner kritisieren, und wissen nicht was; und glauben, verständiger als Gott gewesen sein zu wollen, wann sie den Mond nicht voll sehen, ohne die Schönheit seiner Hörner zu empfinden. Wenn sie sich selbst nur in die Stellung an irgend einen Berg versetzen wollten, wie Johannes da ist, so würden sie finden, daß der Schein ihres linken Schenkels eben nicht länger, und ihre rechte Schulter eben so gesunken sein würde; die im Original so reizend zur Ruhe der ganzen Stellung harmoniert. Man muß nichts von der Perspektiv wissen, wenn man hier tadeln will, wo schon ein Billardsauge das rechte Maß erblickt; dessen völlige Richtigkeit aus dem Sehpunkt, der hier leicht zu finden ist, erwiesen werden könnte, wenn die Anklage wegen eines Schülerschnitzers gegen den größten Zeichner zu seiner besten Zeit nicht schon im Vortrage zu ungereimt wäre: und nicht zu augenscheinlich wäre für jeden, der nur so viel Herz hat, um getäuscht zu werden, und weiß, was es ist; daß es ein hohes Meisterstück perspektivischer Zeichnung sei. Doch genug davon!

Die ganze Scene ist in einem Lichte, wie es einige Stunden vor Sonnenuntergang ist; in dem seligsten, das auf die Erde kömmt – in einem Tone von Luft und Himmel gleichsam wie der des schönsten Jomellischen Liedes:

Se mai senti spirarti su'l volto
Lieve fiato, che lento s'aggiri.

Stille, innrer Friede, Ruhe, vor welcher noch her der Tiefsinn des ersten der Menschen, auf welchen gleich der Sohn des Herrn folgte, von der Stirn über die scharfe Nase und Oberlippe herabflammt; der sich nun von der aus dem Felsen quellenden, und unten hinfließenden Flut willig kühlen, und sich die Gegenwart von ihrem Lauf ergreifen läßt.

Erscheinung eines himmlischen Geistes, dessen Heimat nicht auf dieser Erde ist, so eben nur sichtbar in höchster Schönheit. Ein reizender Jüngling, den bei aller Huld ein Schein edler Wildheit vor dem Getümmel der Menschen umschwebt, und der nun ablassen will von Betrachtung, wie die sich neigende Sonne; und noch ganz lebendig in heißen Gefühlen, die in den leichten Lüften wieder in sich gehn. Wahrhaftiger Johannes, und kein andrer Sterblicher!

Wie alle die bedeutenden Teile im Lichte stehn, und die andern im Schatten, der an der rechten Seite, von den Bäumen her, beinahe ins Dunkle sich verliert; und nun von dem Ganzen so nach und nach unaufhörlich, wie von Quell, erquickendes Wohltun einem ins Herz überfließt, ist unaussäglich. O wie oft, heiliges Bild, hast du mich, am stillem Abend, einsam unter deinem Einfluß sitzend, alles in der Welt vergessen gemacht! In dir, und durch dich bin ich in Tiefen versunken; und bin von ihnen verschlungen worden, wie ein Nichts; und bin mit Schrecken und Furcht in Tränen wieder daraus erwacht; und ich habe in dir, und durch dich wieder Ruhe der Seele gefunden.

Stündest du in einer alten Kapelle, im Gesträuch vom grünen Tal hinauf, am Fuß eines waldichten einsamen Gebirgs; dann würdest du so recht die Wallfahrt der Weisen sein.

Hinter den Bäumen rechter Hand hin steht eine Einsiedelei in alter Säulenordnung nach dem Felsen zu, zwischen einzelnen Bäumen, im ersten schönen Gefühl der Natur erbaut; und jenseits dieser in der Mitte, kaum sichtbare Gebäude, und hinter diesen ein hoher Berg.

 << Kapitel 8  Kapitel 10 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.