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DŁsseldorfer Gemšldebriefe

Wilhelm Heinse: DŁsseldorfer Gemšldebriefe - Kapitel 3
Quellenangabe
typeletter
booktitleDŁsseldorfer Gemšldebriefe
authorWilhelm Heinse
year1996
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main und Leipzig
isbn3-458-19162-3
titleDŁsseldorfer Gemšldebriefe
pages3-87
created19990404
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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Doch wieder zurück von dieser Ausschweifung!

Die schwankenden Begriffe von Schönheit kommen bloß davon her, weil wir spitzfündiger, als die Griechen, von äußerer Vollkommenheit, Schönheit und Güte dreierlei verschiedene Begriffe haben wollen, da sie doch im Grunde eins und dasselbe sind; und dann, weil wir nur das Schön zu benennen pflegen, was wir lieben, was wir fassen können mit unserm engen Sinn, womit wir uns vereinigen, eins werden mögten. Das andere ist uns unsichtbar, und so für jeden Sinn; und es kann nicht anders sein.

Dem Scythen ist weiter nichts schön an der jungen Aspasia, als was er an ihr für entzückend zum Beischlaf sich hält, obgleich das vielleicht nur Zeus mit der Juno auf dem Ida ist aus der Iliade ihrer Schönheit.

Deswegen ist der Mensch die schönste Gestalt für uns in der Natur; weil wir nicht einmal die Erde in ihrer Fülle, geschweige das Sonnensystem, geschweige die unzählbaren Sonnensysteme der Fixsterne, zu fassen vermögen. Der Löw, das Roß, der Hirsch, der Adler, in deren Leben und Empfindung wir mit aller unsrer Fabelkunst so wenig eindringen, würden zwar manches wider die Eitelkeit über unsre Gestalt noch einzuwenden haben, wenn sie reden könnten (wie etwa gleichsam Admiral Tromp gegen die Schönheit eines Amsterdamer Bürgermeisters, oder Tell eines Unterdrückers seines Volks) aber wir würden gewißlich doch auch über sie triumphieren, da sie mit Gewalt gestehen müßten, daß sie alle in unsre Einheit stimmen.

Nun aber Übergang von der metaphysischen Schönheit zur sichtbaren, aus dem Reiche der Vollkommenheiten in die wirkliche Welt.

Hier läßt sich wenig mit Daraufzeigen, und noch weniger mit Worten erklären. Wer das Gefühl des Schönen von Natur, und dem Leben seiner ersten Kindheit und Jugend nicht hat, wird es nie durch die spätere Betrachtung, und die Lehren der Weisen lernen; wenigstens wird es nie in ihm schaffen und wirken.

Schönheit des einzelnen Menschen.

Schönheit des Wilden: Schönheit seines Weibchens. Stärke, Mut, Behendigkeit und Klugheit: Lippen zum Kusse, süßes Auge, zarte Hand, reifende Brust, kleiner rundlicher trockner Fuß, milde Frucht, wie Plato sagt, im Schatten gepflegt und erzogen.

Schönheit des gesitteten, gezähmten.

Monarch; Alexander, Caesar, Karl der große, Homer, Ariost, Shakespear. Praxiteles, Apelles, Raphael. Jomelli, Gluck. Plato, Lykurg, Machiavell. Soldat, Schiffer, Bauer, Bürger. Elisabeth, Aspasia, Lucretia. Perser, Grieche, Römer, Teutscher, Däne. Troß und Mann vom Steckenjungen an bis zum triumphierenden Imperator. Wer die Eigenheiten der Gestalten aller dieser vom Leben sich abempfunden hat, und wieder so darstellen kann, wenn er will, der rühme sich der höchste Meister in der Kunst zu sein; alle Art von Schönheit inne zu haben. Der ist noch nicht erschienen, und wird auch nicht erscheinen. Also einzelne Scenen, wie wir sie gelebt haben, mit scharfem Sinn gegessen und getrunken, mit gesundem Verstand verdaut, und mit Phantasie und Kunst was neues daraus erzeugt, ist alles, was wir vermögen und besitzen; dazu noch irgend ein Löwenmaul, eine Adlernase, ein Affengesicht, und Steigerung und Verminderung!

Das Weib kann leicht schöner sein, als der Mann, weil nicht so viel Mannigfaltigkeiten in dessen Einheit stimmen müssen; und der unwissende gerade Kerl schöner als Sokrates, dessen Schönheit nur höhere Wesen zu fassen vermögen. Junges Genie gibt sich deshalben meist mit Frauenzimmer ab, wie junge Virtuosen nur die ersten Grundsätze der Harmonie in Bewegung setzen. Der starke Mann allein gibt sich ans Schwere: Sophokles an den Oedip, Agesander an den Laokoon, Rubens an den sterbenden Seneca, Raphael an den Johannes; und erhält oft den Beifall nicht, den er vorher mit Läufen, Sprüngen, Terzen und Sexten, jungem Kolorit, von der unwissenden Menge hatte.

Volksschönheit.

Nationen, wie sie nach dem Range der Natur einander von Klima zu Klima folgen.

Die Griechen waren die schönsten Menschen, weil sie die vollkommensten waren, weil Klima, Verhältnis unter einander und gegen ihre Götter, Sitte zwischen Mann und Weib und Jung und Alt, Art zu leben – Sie wissen, wie weit ich das alles verstehe weil bei ihnen alles zur höchsten, zur reinen Vollkommenheit, und folglich auch Schönheit des Menschen blühte und reifte. Nach ihnen sind keine so vollkommne und schöne Menschen ( himmlische Melodien aus den reinsten Grundaccorden der Schönheit gezogen) wieder gewesen, und folglich auch kein Phidias mehr, und kein Apelles, da die Kunst sich nicht anders, als nach dem Volke richten kann, unter welchem sie lebt. Wer kann Eichen pflanzen, wenn er keine Eicheln hat? Abzeichnen, abmalen, eben so was kann man wohl machen, wie das ist, was von ihnen da ist, aber nichts neues, wie sie. Das Vergraben und Wiederauffinden und Weißmachen bei Michel Angelo Buonarotti, und MengsVon dem Gemälde Jupiter und Ganymed, welches Winkelmann als alt in der Geschichte der Kunst beschrieben. beweist nichts, da keine Griechen entschieden. Wir sehen, um mich mit einem einzelnen Beispiele zu erklären, zuweilen schöne Fleischfarbe für trefflich nackend an, da vielleicht noch viel daran fehlt; da der Bube, der so sie hätte, vielleicht seinen Rücken nicht würde bewegen können: weil wir uns kein Gefühl für das Nackende von Kindheit an gemacht haben, und besser wissen, wie Röcke aussehen auf dem Rücken, als lebendige Haut. Die Griechen kannten durch ihre Bäder und Leibesübungen das Nackende, wie wir gleichsam teutsche Lettern in einem gedruckten Buche im Moment lesen können, und den Sinn darin verstehn; und wir hingegen kennen es oft bloß, als Lettern ohne Sinn und glauben ihn nach der Überschrift, nach dem Gesicht, Gewächs, und der Stellung, weil sie wie Worte aussehen.

Die hohen Bildsäulen, die uns von ihnen noch übrig sind, werden immerhin wunderbar fremdschön da stehn, als ein Zeugnis von der Jugend des menschlichen Geschlechts, ersten Mannheit und Jungfrauschaft, die nunmehr verstrichen sind, und nicht wieder kommen werden, so lange wir in dem Strome von ihrer Quelle fortlaufen. Und was sollen, was können wir anders tun, da es keine höhere Vollkommenheit, und höhere Schönheit geben kann, wie uns die Weisen sagen? Ein leidiges Flickwerk; wobei nichts bessers geschehen könnte, als daß der große Komet käme, das alte Weib Erde mit sich fortrisse in eine neue Sonnenbahn, wo sie unterwegs verbrannt würde, und wieder neu aus ihrer Asche hervorgrünte und blühte, und wieder voll jugendlichen Getümmels wäre.

Doch ich glaube nicht so ganz, daß dem also sei.

Die Schönheit der Erscheinung der griechischen Vollkommenheit im Menschen ist allein Empfindung und Genuß für den Edlen; mit Worten sie den Wintermännern darstellen zu wollen, (die Wut und Ungestüm, vollen Zug nach Schönheit überhaupt schon, was Plato und jeder gute Grieche für das höchste und heiligste im Menschen, für unmittelbaren Pindarischen Sturz und Stromgang der Gottheit hielt, für lächerliche Ausschweifung halten, oder für etwas verderbliches, und nichts reelles) ist einem Blindgeborenen, wie ich anderswo gesagt, ein schönes Mädchen vorspielen. Sie nachzubilden ist schon ein Meisterstück; eigne, die ihr gleich wäre, zu erfinden, der Stein der Weisen.

Jedoch, wenn einer sie auch aus sich hervorzuschaffen vermöchte; wer weiß, ob er die Wunder der griechischen Künstler damit verrichten würde. Praxiteles stellte seine Phryne in dem Tempel zu Paphos auf, in Marmor als Göttin der Liebe; und jedermann wurde von der Schönheit der Bildsäule entzückt und hingerissen. Lassen Sie uns auf die Natur zurückgehn, ohne welches alles in der Kunst leeres Geschwätz ist (was mich nie irre machen wird) und wenn es auch noch so meisterlich lautete. Der erste Grund des Entzückens war, weil die Männer, die sie betrachteten, vielleicht Phrynen von Angesicht zu Angesicht kannten. Der zweite, weil sie Mädchen kannten von so schönem Gesicht, als das ihrige, an den übrigen Teilen des Leibes bekleidet; und der letzte, bei wenigen die philosophische Betrachtung weiblicher idealischer Schönheit. Aus eben dieser Ursach muß ein Amor von Tizian die Italiener weit mehr entzücken, als uns Kinder der Unschuld (zumal in den verführerischen Stellungen, die sie meist bei ihm haben) und Winkelmann sagt in dieser vaterländischen Unschuld, daß er einen Florentiner, wenn ich mich recht entsinne, von antiquer Schönheit gesehen, welches ihm aber doch die Damen nicht hätten glauben wollen. Der Schwede sieht in der Mediceischen Venus ein Weib, von dessen gleichen er nie ein Gefühl im Herzen gehabt hat; und hält es also, ohne den mindesten Grad der Täuschung für ein wohlgeratenes Kunstwerk von kaltem weißen Marmor (wenn er Geschmack hat) und das Wunder wird an ihm zu Schanden, ärger prostituiert, da sie allein ist, als Juno und Pallas, nach der Fabel, beim Paris.

Meister, die sich an italienische Gestalt gewöhnt haben, können nicht begreifen, wie Rubens den tiefen Eindruck in alles Herz zu seiner Zeit gemacht habe, und noch bei Menschen mache, denen sie warmes inniges Gefühl der Schönheiten der Kunst nicht absprechen können; da er nicht ein einziges Mädchen gemalt, das nur mit einer hübschen römischen Dirne in einen Wettstreit der Schönheit sich einlassen könne. Lieben Leute, Wasser tut's freilich nicht! aber Cramer und Frenzel werden auch aus einer gewöhnlichen Geige gewaltigere und entzückendere Melodien ziehn, als kein andrer bloß guter Spieler aus der besten Cremoneser. Rubens hat, zum Beispiel nur, in seine besten Stücke meistens eine seiner Frauen zu einer der weiblichen Hauptfiguren genommen; und an diesen kannte er jeden Ausdruck der Freude und des Schmerzes, der Wehmut und des Entzückens, und alles Nackende. Dies wieder treffend, wie reine Erscheinung, dargestellt, mußte wirken, und noch wirken, und ewig wirken, so lang es währt; denn Leben allein wirkt im Leben. Eine Donna von Venedig war ihm nie so zum Gefühl geworden, noch weniger Lais und Phryne, die er nie mit Augen gesehn; und wer will außerdem von ihm verlangen, daß er an die Generalstaaten holländisch mit griechischen Lettern hätte schreiben sollen? Winkelmann vielleicht in seiner Schwärmerei; aber gewiß nicht, wenn er sonst bei guter Laune gewesen. Jeder arbeite für das Volk, worunter ihn sein Schicksal geworfen, und er die Jugend verlebt; suche dessen Herzen zu erschüttern, und mit Wollust und Entzücken zu schwellen; suche dessen Lust und Wohl zu unterhalten, zu verstärken, und zu veredeln, und helf ihm weinen, wenn es weint. Was geht uns Vorwelt und Nachwelt an? Jene ist vergangen, und diese Buben mögen sich zuvor an unsern Platz setzen, wenn sie uns richten wollen!

Ich muß mich kurz fassen, da es Mittag geworden ist.

Jedes Volk, jedes Klima hat seine eigentümliche Schönheit, seine Kost und sein Getränke; und wenn echter Achtundvierziger wilder Rüdesheimer nicht so reizend, oel und mark und feuersüß ist, wie der seltne Klazomener an den mit frischen Rosenkränzen behangenen Betten der nachlässigen jungen Aspasia, so ist er doch wahrlich auch nicht zum Fenster hinauszuschütten. Und desgleichen war Rubens sein Getränke, und seine Schönheit in Mann und Weib – Gewächs, das die dauernde Kraft von allen drei Jahrzeiten ist, und nicht ein leichter französischer Sommersonnendunst.

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