Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Wilhelm Heinse >

Düsseldorfer Gemäldebriefe

Wilhelm Heinse: Düsseldorfer Gemäldebriefe - Kapitel 2
Quellenangabe
typeletter
booktitleDüsseldorfer Gemäldebriefe
authorWilhelm Heinse
year1996
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main und Leipzig
isbn3-458-19162-3
titleDüsseldorfer Gemäldebriefe
pages3-87
created19990404
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
Schließen

Navigation:

Bin eben mit einem heitern und leichten Morgenrot wieder wach geworden, guter Vater, das mir, wo nicht so schön, wie die oben erwähnten, doch lieber war, als mancher heiße Tag in meinem Leben; durchsehe, was ich Ihnen gestern geschrieben, und es hat dabei sein Bewenden. Apelles unterbleibt, und Sie sollen heute die Madonnen haben; gut oder nicht gut, wies aus meiner Sprache werden kann. Eh es aber Nachmittag wird, und ich auf die Galerie gehe, will ich Ihnen, da ich aufgeräumt genug dazu bin, eins und das andere über Malerei und Schönheit überhaupt zur Prüfung vorlegen, (jedoch ohne für itzt die Grenzen und das Eigentümliche jeder Kunst zu berühren, welches mich zu weit führen würde) wo sie mich, wenn ich fehlen sollte, so gut, als irgend einer, zu rechte weisen können, da Sie ein Schüler des großen Baumgarten waren. Ich geh es weder für alt noch neu aus, da ich junger Wildfang so eben beides nicht weiß, noch wissen mag; es soll nur eine Morgenrhapsodie für Sie und für mich sein, eine Stufenbergische Spazierfahrt. Will wie Quell entspringen, ohne mich zu bekümmern, ob schon Wasser genug da ist, oder reinerer oder vollerer, Rheinquell, oder Quell von Donau. Das wäre eine ungeheure Bekümmernis für mich, wenn ich in jeder Maulwurfsecke darnach mich umsehen sollte. Und überhaupt dächt ich, die vornehmen Teiche sollten so was nicht übel nehmen; ihre Forellen und Karpen würden ja ohne dies sonst abstehn.

Die Malerei ist, obenhin betrachtet, Darstellung der Dinge mit Farben. Die Farben sind dem Maler folglich das, was die Worte dem Dichter, und die Töne dem Virtuosen sind: also Stoff – die Bedeutung, das Wesen. Die Farben mit allem dem, was dazu gehört, machen den mechanischen Teil derselben aus: Bedeutungen den höhern; das die Kunst, was Aristoteles Metaphysik nannte. Stoff ist immer da, und jedweder kann sich einigen Besitz davon mit Fleiß und Mühe verschaffen; Wesen, Geist, Seele, Idee, neue Erfindung: das muß geboren werden, wachsen, blühen und reifen; läßt sich nicht durch Fleiß und Mühe erringen; kann höchstens gepflegt und gebildet werden. Aber wo nichts ist, wird nichts; das bleibt ewig wahr, ohngeachtet aller Sophistereien des Helvetius. Verschiedenes Wesen ist Rang der Natur; Anteil am Stoff, größerer oder kleinerer, gibt keinen; empfängt ihn allein von dem Wesen, wodurch er lebendig wird; sonst würden hundert Alpenadler von einem polnischen Ochsen gewogen.

Also auch in der Malerei: zuvor das Göttliche, Idee und Zusammensetzung. Dann Zeichnung: Form, Gefäß des Göttlichen, Leben; dann Erscheinung daraus, Kolorit: Puls und Lebenswärme. Die wesentlichsten Stücke der Kunst, ohne die das Göttliche nicht bestehen kann. Dann Licht und Schatten: Stellung in die Welt, Lebensatem; Zeit und Tag und Stunde und Augenblick, Gegenwart, Scene und Anordnung. Dann Bekleidung; höchste Täuschung.

Mangel an Stoff ist Armut, und kann noch liebenswürdig sein, wie Jones verlassen in der Irre zwischen London, ohne Geld und Habe – ein junger großer Künstler ohne Beistand. Kann groß sein und fürchterlich: wie der nackte Gipfel des Aetna in Schnee und Flammen und Staubwolken und Strömen von glühender Lava. Stoff ohne Wesen in der Kunst, ist Tod ohne Verwesung; das allerelendeste, was da ist.

Zeichnung, Kolorit, Licht und Schatten sind gleich schwer; das letztere insonderheit erfordert das feinste dichterischeste Gefühl. Das Kapitel von der Farbengebung ist unendlich und unerschöpflich, und hat noch mancherlei Plätze für Originalkoloristen unter Tizian. Richtige Zeichnung verlangt das stärkste Gefühl, das keine Oberfläche hemmt, und das scharfsinnigste Auge. Die Malerei ist die schwerste unter allen Künsten, weil keine so weiten Umfang hat, wie sie; weil keine so von der heißesten Sommersonne bis auf den letzten Flimmer des Lichts, und von der äußersten Kraft des Herkules, und dem Brüllen des Löwen, bis auf das erste Wimmern des Kindes, keine so die ganze unermeßliche Natur in sich hat, und keins sich auf das augenblicklichste Dasein so einschränken muß. Apelles war mehr, als Menander, und Raphael mehr als Ariost. Nur der unwissendste Phantast kann von der Malerei als einer bloß kurzweiligen Kunst reden. Sie ist für den gefühlvollen Menschen die erste unter allen; gibt Dauer völligen Genußes ohne Zeitfolge.

Ein Gemälde, das die und den nicht gibt, ist ein Gedicht ohne Poesie. Freilich sind auch in der Malerei der Prosaisten ungleich mehrere, als Pindare und Alkaioße, und werden leider eben auch oft den wahren Meistern von dem unwissenden Haufen vorgezogen; und man muß selbst zuweilen in das Hymen! o Hymen! Hymen! o Hymen! o Hymen! mit einstimmen, um sich nicht verhaßt zu machen, und für einen ErzschnittlerDas echte vaterländische Wort für Krittler, das noch in verschiednen Provinzen, und durchaus im Thüringer Wald gang und gebe ist; und einen Menschen bedeutet, dem nichts völlig recht ist, der die jungen Bäume so lange ausputzt und ausschneidet, bis daß sie keine Schönheit mehr haben, und verdorren müssen. gehalten zu werden. Nur wenig Menschen haben in ihrem Leben viel und mancherlei Genuß, und nur die edelsten haben den der höhern Freuden. Und unter diesen beiden Klassen sind wieder nur wenige von so lebendiger Phantasie und unruhigem Herzen, daß sie den überaus feinen Augensinn in Gefühlsinn verwandeln, sich täuschen lassen, und wie von wirklicher Gegenwart ergriffen werden könnten.

Die erste Eigenschaft des Wesens ist Vollkommenheit; oder Vollkommenheit und Wesen einerlei. Vollkommenheit, Wort, Wesen, Leben. Sinnlichkeit, Gestalt derselben; ist Schönheit oder Häßlichkeit, Harmonie, oder Disharmonie dazu (nicht Melodie: denn diese ist an und für sich nicht schön, wenn wir uns nicht in den Begriffen verwirren wollen; sondern bloß Gang, Bewegung, Ausdruck der Schönheit, die sie mit sich führt, und selbst sich bildet). Keim ist schön, Blüte ist schön, und Frucht ist schön, wenn Keim vollkommne Blüte, und Blüte vollkommne Frucht werden kann. Mit der Frucht hat die Schönheit ein Ende. Häßlichkeit ist Abbiß, Saftlosigkeit, Mehltau und Wurmstich. Und ich, würde hier mancher denken, aus ***, oder der andere Jacob Böhme. Also nach der Logik!

Schönheit ist Übereinstimmung mit Vollkommenheit (äußere Übereinstimmung mit innrer Vollkommenheit) ohne Fremdes, ohne Zusatz versteht sich von selbst. Schönheit ist unverfälschte Erscheinung des ganzen Wesens, wie es nach seiner Art sein soll. Flecken darin, toter Stoff, ist der Anfang des Häßlichen. Sie verträgt keine Vermischung, wenn sie nicht so eins geworden ist, wie die verschiedenen Farben im Sonnenstrahl; ist Reinheit für das Auge, Einklang für das Ohr, Rosenduft für die Nase, klarer Hochheimer Sechsundsechziger für die Zunge, und junge cirkaßische Mädchenbrust für die liebewarmen Fingerspitzen. Schönheit ist Dasein der Vollkommenheit; und die Berührung des Sinnes derselben, Genuß der Liebe.

Schönheit ist größer oder kleiner, je nachdem mehr Mannigfaltigkeiten in ihre Einheit stimmen. Apfel, Baum. Fliegenschnäpper, Adler. Auster, Löwe, Mensch. Schönheit ist Alcibiades und Lais. Hohe Schönheit die Erdkugel. Höhere Schönheit die Sonne mit ihren um sie herumschwebenden Planeten. Höchste Schönheit die unermeßliche Natur in den ungeheuren weiten Räumen des Aethers mit ihren heiligen furchtbaren Kräften, die bis in den kleinsten Staub sich regen, und ewig lebendig sind. Von Gott können wir Menschen nicht wohl sagen, wie Mengs und Winkelmann, daß er die höchste Schönheit habe, da wir ihn in keinem Wesen gedenken können, und er lauter Körper und Vollkommenheit ist; wenn man nicht die ganze Natur für sichtbarliche Erscheinung Gottes halten darf.

In der Kunst also würde die Folge sein: Tyrolerinnengesang, Choral, Kirchenstück, Oper – Lied, Ode, Schauspiel, Heldengedicht – Haus, Bensberg, Peterskirche, Venedig – Portrait, Landschaft, heilige Familie; das kleinere jüngste Gericht von Rubens.

Wenn ich mich der Worte hohe Schönheit, höhere, höchste Schönheit bediene, so geschieht es nach dem Redegebrauche; da im strengen Verstande Schön keine Steigerung gestattet, und immer auch höchst schön sein muß; keinen Mangel leidet; noch Flecken und Mißlaut an und in sich hat. Das Schöne kann zusammengesetzter werden, kann wachsen, kann verstärkt werden, aber nicht verschönert.

Wenn ich das tiefe C auf dem Flügel anschlage, so klingt bloß die zwote Quint (Duodecime) und die dritte Terz nach, und es entspringt für sich der schöne schwache einfache Dreiklang; der Keim der Harmonie, wenn ich so recht reden darf. Wenn ich hingegen den Urton der reinen herrlichen Erfurter großen Glocke, in gehöriger Ferne, ( zumal in der feierlichen Christnacht,) höre, so klingen alle Quinten und Terzen und Octaven bis in die höchste feinste Terz nach, und dies ist derselbe schöne Dreiklang, allein in seiner höchsten Stärke; und der Stamm der Harmonie breitet seine schattichten Zweige aus, wie die große Eiche der Edda, und berührt mit dem Wipfel die Sterne (und die Engel schweben dazwischen hernieder, und singen ihr Gloria in excelsis.)

In dieser Eiche der Edda des Dreiklangs liegt das ganze Geheimnis der Natur. Jedes Tönchen, von den unendlichen, die aus dem Erze quellen, hat wieder seinen Dreiklang in sich. Wenn man der Glocke in die Nähe tritt, so ist es ein Rheinsturz bei Schaffhausen von Summsen und Brummen, und das Gehör wird, wie von einem Hagelgewitter, zerschmettert. Eben so gehts einem im Getümmel der Welt. Alles aber ist Harmonie, großer durchdringender Zug von Harmonie, Werden, Sein, und Vergehen, und Wiederwerden, ewig gebärende und ewig vergehende Harmonie; entzückender Dreiklang, der sich durch alle Welten verbreitet, und das Unermeßliche füllt.

Auf eben die Weise, nur umgekehrt, läßt sich das Übel in der Welt erklären. Gott ist das All der Harmonie, woraus alles entspringt; wie der schöne starke Dreiklang aus dem Grundton. Wenn man hingegen in eben der Proportion wieder zurückgeht vom äußersten, von der höchsten Terz (oder von der tiefsten, die nachklingt,) so wird der leidende Dreiklang, den die Tonkünstler den weichen nennen, hervorgebracht; die Wehmut, das Bange des Geschöpfes, die endliche Leere, der Sturz in die finstern Abgründe des Nichts bei jeder seiner Freuden, wo es sich von seinem Grundton, Urquelle, Schöpfer, Gott, entfernt.

Das Wesen dieser schönen oder leidenden Dreiklänge, so wie die andern Grundsätze der Harmonie, fühlten die Griechen gewiß inniger, als unsere Virtuosen, und hatten's in der Musik der Natur, denn wozu die andre? eben so weit, als in den andern Künsten gebracht. Zwar liefen die Schönheiten der Musik bei ihnen nicht, gleich den Windspielen, der Lust vor, wie sie zuweilen über die Saiten unsrer großen Geiger laufen; aber dafür eilten sie mit dem Kusse der Liebe, lauter reinen, süßen, frohen oder wehmütigen Klangs, ans Herz, und versetzten den Menschen unter die Götter.

Und so liegt denn bis in die feinsten, uns unbegreiflichen, unserm schärfsten Verstand entschwindenden Schwingungen der Luft selbständige Rege, Geist der Natur, wie im Größten; wie in Jahrtausende lebenden Alpengebürgen Werden, Sein und Vergehen, nur das Augenblicklichste, Grundton, Quinte, Terz. Erstes Wehen der Schönheit aus dem Schoße der Nacht, des Unsichtbaren.

 << Kapitel 1  Kapitel 3 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.