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Düsseldorfer Gemäldebriefe

Wilhelm Heinse: Düsseldorfer Gemäldebriefe - Kapitel 17
Quellenangabe
typeletter
booktitleDüsseldorfer Gemäldebriefe
authorWilhelm Heinse
year1996
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main und Leipzig
isbn3-458-19162-3
titleDüsseldorfer Gemäldebriefe
pages3-87
created19990404
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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Die Entführung der Töchter des Leykipposvulgo Leucippus.
von den Dioskuren

Man hat auf der Galerie bis jetzt nicht recht gewußt, was dies Gemälde eigentlich für eine Geschichte vorstellen sollte; und ihm daher mutmaßlich allerlei Namen gegeben. Ich selbst hielt es, immer von andern Dingen zerstreut, bloß für eine Phantasie des Malers, und glaubte, daß er, wie der Psalmensänger vom Erker, einmal eines andern Fröhlichkeit im Bade gesehn, und sich unter fremdem Namen lediglich an einem Pinselraube begnügt habe, weil es ihm ein wenig zu grausam gedünkt, sich dabei als König aufzuführen. Und da mir jedoch, in dieser Einbildung, verschiedenes nicht genug geraubt war, so ließ ich meine Nachlässigkeit diese Momente für Gutheit durchschleichen; sintemalen ich mir zum Gesetz gemacht, nicht eher an einem sonst fürtrefflichen Menschen etwas zu tadeln, als bis ich deutlich den Grund davon erkenne, und von schweren Pflichten dazu genötigt werde.

Das Gemälde ward also durch meinen Begriff von mir angesehn, wie andre dasselbe durch ihren Begriff von der biblischen Geschichte der Dina betrachteten, durch ihren Begriff von dem Fragment eines Sabinerinnenraubes, von der Geschichte der Himmel weiß was für einer Prinzessin Armenia und so weiter: und folgendergestalt dem Maler große Gewalt angetan.

Heute früh geh ich aufs Feld, und stecke den Theokrit in die Tasche; gerat auf einer Anhöh an einen Bach unter eine hohe schattichte Eiche, wodurch der Wind spielte, und pflanze mich ins Grüne; blätterte nachher in dem was ich bei mir hatte, und besah, weil meine Augen keine Lust zu lesen hatten, obenhin die Namen, und stoß endlich mit der Nase auf die Entführung der Töchter des Leykippos von den Dioskuren, und finde das verlorne Gemälde.

Zwar ist schon gemutmaßt worden, daß die Reuter darin auch Kastor und Pollux sein könnten, weil es ihrer nur zwei sind; indessen wußte man dabei doch nichts mehr, als bei der Geschichte der Dina, außer daß man eher aus den Liebesgöttern und der griechischen Kleidung des einen Reuters klug werden konnte. Mich hinderte immer die Figur des Pollux, wie ich weiter berühren werde, eben so zu meinen, und die Idylle des Theokrit war mir eben nicht im Sinne, und Homer hatte dieser Entführung nicht gedacht.

Aber genug und satt davon.

Es ist die Entführung der Bräute des Lynkeus und des starken Idas, wobei die Söhne der Leda, wenn es sich zugetragen wie Theokrit zu ihrem Lobe singt, nun freilich mehr gezeigt, daß ihr Vater ein Schwan gewesen, als in unserm Gemälde; wo sie nicht so sehr Halbgötter zu sein scheinen, und gütiger aussehn. Auch dürfte man heutiges Tages, wo der Gewalt der Natur Flügel und Kralle abgeschnitten sein soll, auf Prinzen die gleiches täten, kein solches Loblied anstimmen, wie Theokrit auf den Kastor, dessen heißer Begierde der Sicilianer noch dazu das letzte Hindernis seinen Vater Zevs mit einem Wetterstrahl aus dem Wege räumen läßt, damit sie in aller Gemächlichkeit sich austobe: ohngeachtet ihn Braut und Bräutigam freundschaftlich zur Hochzeit eingeladen hatten. Welches jedoch Pindar in der zehnten Nemeischen Ode zur Ehre des Zevs ganz anders erzählt.

Die Rubens, Raub der Töchter des Leukippos Hauptperson in unserm Gemäld ist Kastor in griechischer Rüstung auf einem braunroten Rosse, dem ein Amor den Zügel hält, mit dem Pollux, der von seinem Schimmel gestiegen ist, dessen Zügel gleichfalls ein Amor hält. Kastor zur Rechten, Pollux zur Linken.

Kastor hebt auf freiem Feld eine ganz entblößte junge Dame an einem rotseidenen Tuche (das ihr vom Rücken am Hintern durchgeht, der davon einen schönen Widerschein wirft) mit der rechten um den in die Höhe gezogenen linken Schenkel am Knie herum, mit der linken um den rechten Arm – nach seinem Rosse. Pollux hat dieselbe unterm linken Arm mit seiner rechten Schulter gefaßt, und hält mit der linken Hand ihre Schwester unter der rechten Achsel.

Die Schönheit der Gruppe ist schwerlich mit Worten nur einigermaßen sinnlich zu machen.

Kastors Roß steht rechter Seite des Gemäldes zu, und der Schimmel bäumt sich von der Linken her in die Höhe. Die beiden Jungfrauen sind in vollem Licht vor den Pferden in der Mitte.

Die erste, von der linken Seite her, mit den Brüsten und dem Kopf von ihrem Räuber abgedreht, der den linken Schenkel mit dem Knie schon oben am Sattel hat, indes sie das rechte Bein mit dem Schenkel am Pferde sinken läßt, den linken Arm über des Bruders Schulter hinausstreckt, und die rechte Hand an des Räubers Arm über das gehobene Knie hält.

Die zwote steht, gleichfalls von der linken Seite, an der ersten; erstaunt sich sträubend und den Rücken in die Seite krümmend, mit dem Gesicht nach dem Kastor sehend, und mit der Linken ihren Räuber etwas von sich haltend, der sie unter der rechten Achsel faßt. Ihr rechtes Bein steht, bis auf den Schenkel welcher sich schräg zieht, noch gestämmt auf den Boden, und der linke Schenkel, der ganz zu sehen ist, berührt fast mit dem Knie die Erde.

Pollux ist nackend, so weit man ihn sehen kann; denn die Mädchen verbergen von ihm Unterleib und Schenkel.

Kastors Gesicht ist wahrhaftig schöne männliche Jugend, im aufgesproßten braunen krausen Barte. Inbrunst leuchtet überall hervor. Die erhabene Stirn, das in süßer Begierde Wollust ziehende Auge, die Lippen voll Glut, und die Wangen voll Scham, der nervichte Arm, und das Hippodamische der Stellung machen einen reizenden Räuber. »Ach, daß ich dir Leid tun muß! (flüstert er) aber es war nicht möglich, daß du die Meine nicht sein solltest!« Das Bittende, die Zärtlichkeit ist unbeschreiblich: und die Kühnheit in dem über den Augen Hervorgehenden der Stirn, und die Blüte der Stärke.

Die Jungfrauen sind beide ganz nackend in blonden Haaren, die los und in Flechten den Lüften zum Spiele dienen, wie aus dem Bett oder Bade: und in Jugendfülle, die im Zeitigwerden ist. Der Ausdruck im Gesicht der ersten ist unbeschreiblich fürtrefflich: Ergebung, in der Ohnmacht zu widerstehen; Scham und das süßstechende Gefühl derselben, und Außenbleiben der Überlegung. Die Brüste schwellen sich empor in der drängenden Lage. Sie wendet das Gesicht vom Räuber, und schielt doch zurück. »Ha, nun bist du weg! (scheint sie zu seufzen) er hat dich!« und doch furchtsam Hoffnung künftiger Freuden. Der junge Halbgott, der das goldne Vließ zurückgebracht und den Archipelagus von den Räubern befreit, hat wider ihren Willen mehr Liebesgewalt über sie, als ihr Bräutigam, was bei einem Mädchen nicht anders sein konnte; aber doch geht ihr dessen Schicksal nahe. Es ist Furcht und Liebe; Zweikampf zwischen Moral und Natur; um die Augen das Bange und Süße, um die Lippen das Weinen und Lächeln. Nur eine Phantasie, wie Rubens hatte, konnte diesen Ausdruck treffen. Ihr Leib schwebt wie eine Rose im Gepflücktwerden.

Die zwote ist im Profil, voll Schönheit und Mädchenheit, und scheint sich auf das, was Mann ist, in Unschuld ein wenig zu verstehen. Sie blickt, sich lässig sträubend, nach dem Kastor, und was dieser mit der Schwester anfängt, und blickt nach ihm nicht ungern, und lieber, als nach dem, welchem sie zu Teile werden soll. Die Drehung, und das Ringen in den Muskeln des Rückens, wie überhaupt das Fleisch des ganzen Rückens gehört unter die fürtrefflichste Malerei.

In beiden ist Übergang von einem Glück zu einem größern; Furcht und Hoffnung; noch Mond und Stern im Herzen, und Aufgang und Sonne vor den Augen.

Den Polydeykis hab ich nie für eine Person von gleichem Stand mit dem Kastor nehmen mögen; denn er sieht mehr einem Begleiter und Gehülfen gleich; und man könnt ihn, wenn es nicht so sein müßte, gar leicht für einen Sklaven halten, der treulich beisteht, und, nicht ohne Bedauernis, voll Freuden ist über den glücklichen Fang.

Jedoch läßt sich Rubens dabei entschuldigen, und wohl gar rechtfertigen. Er bezog alles auf den Kastor, weil es ihm vermutlich nicht wahrscheinlich dünkte, daß beide Brüder sich auf einmal zugleich in zwo Schwestern so heftig verliebt hätten, daß sie dieselben ihren edlen und tapfern Bräutigamen, die sie noch dazu zur Hochzeit eingeladen, mit Gewalt entführen müssen. Pollux entführt also die eine seinem Bruder zu Gefallen, welches sie auch zu merken scheint; und sein Ausdruck war ihm daher in seinem Klopffechtergesicht nicht sehr vorteilhaft.

Kastor hat an der Einfassung des grünlichen Brustharnisches einen Medusenkopf. Pollux ist ganz ohne Kleidung bis auf die Beine, welche geschnürt sind. Der eine Amor denkt: »wird euch nichts Böses widerfahren;« und der andere sieht schalkhaft aus, und hat viel zu tun mit seinem Schimmel. Beide waren hier nicht überflüssig. Die Pferde sind stolz und wild und voll Feuer; doch scheinen sie zu fühlen, wobei sie zugegen sind.

Das Licht fällt auf die Mädchen, wie gesagt, und Roß und Mann erhebt das zarte Fleisch derselben unvergleichlich. Überhaupt gehört es unter die schönsten Stücke im Kolorit, die wir von ihm haben.

Es ist der malerischeste Moment dieser Entführung, obgleich noch zwo Scenen darin ebenfalls sehr malerisch sind. Die Figuren sind beinah in Lebensgröße.

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