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Düsseldorfer Gemäldebriefe

Wilhelm Heinse: Düsseldorfer Gemäldebriefe - Kapitel 12
Quellenangabe
typeletter
booktitleDüsseldorfer Gemäldebriefe
authorWilhelm Heinse
year1996
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main und Leipzig
isbn3-458-19162-3
titleDüsseldorfer Gemäldebriefe
pages3-87
created19990404
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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III. Über einige Gemälde der Düsseldorfer Galerie

An Herrn Canonicus Gleim

FortsetzungDer Anfang fehlt, so wie verschiedene persönliche Stellen: weswegen das Erste für manche Leser vielleicht einige Dunkelheit haben mag, die sich aber doch gleich aufklären wird.

Hab' Ihnen allerlei schöne Sachen zu zeigen, Mann der Liebe; bevor ich aber das tun kann, muß ich erst die Lichter ausputzen. Denken Sie deswegen nichts schlechter davon. Wer nicht, wie unser Herr Gott, eine Sonne hat, bei dem versteht sich's ohnehin, daß er allezeit rufe: Lichter weg, mein Lämpchen nur, wenn er uns den Schöpfer machen will; insofern nämlich die Leute Lichter haben, und nicht schon in der Dämmerung sitzen. Indessen red' ich doch itzt nicht in meinem Namen, und nehm' es auch hier nicht im strengen Verstande.

Jedes Ding ist nur da, wo es ist; und kann nur Leben nehmen von dem, was es um sich hat. Wer auf dem Harze friert, kann sich nicht in Arabien warm spazieren; und wer da Durst leidet, nicht aus den Quellen des Brocken trinken. Das sollte, däucht mich, so bar richtig sein, daß Niemand dabei die Brille aus der Tasche zu holen nötig hätte. Nun läßt man denn zwar dies auch an seinen Ort gestellt sein: behauptet aber doch in großen und kleinen Büchern, und auf Schulen und Akademien, daß die Sache in der Kunst sich ganz anders verhalte. Und wie denn? Lassen Sie mich gleich zum Zwecke schreiten.

Ein junger Teutscher, in der vollen Blüte seiner Kraft stehend, zum erstenmal von der Himmelslust der Liebe einer Enkelin Hermanns trunken, wird aus ihren Armen vom Krieg hin nach Amerika gerisssen, und das holde Wesen gibt ihm mit Tränen und tausend Herzensküssen, vor Elend vergehend, ihr Bildnis zum Abschied, das ihr, wie lebendig, ihr Bruder der Maler gemalt hat. Dem sollte, sagen die Herrn, ein alter geschnittner Stein schöner sein, wenn er seine Augen wieder hätte. Oder ist dies der Fall nicht?

Ich meine, doch: wenn wir statt des jungen Teutschen jede Nation in ihrer Vaterlandsliebe nehmen. Wer ihr am täuschendsten die Gestalt wieder gibt von dem, was sie genossen, was sie verloren; wer ihr das wie wirklich macht, was sie glaubt, sich einbildet, hinter den Bergen sieht, oder hinter den Wolken, oder hofft und erwartet: der ist für sie der größte Künstler. Und wollen Sie die Scholiasten darin nicht irre machen, ihr das glatt abstreiten? Und hat die Nation nichts destoweniger nicht Recht? Wenn der Kunstrichter sich aus ihrer Zone schwingt, aus der Welt hinausträumt, und jüngsten Tag hält; dann ist dies freilich eine andre Frage. Dann kommen wir an die Urformen der Schönheit, so wie sie der göttliche Verstand entworfen. So lange wir aber noch rund um den Erdkreis leben, können wir nicht lauter Phrynen und Laiden im Bette haben. So viel dann zur Rechtfertigung des Publikums. Nun noch ein Wort vom Künstler.

Die bildende Kunst hat sich so weit von ihrem Ursprung entfernt, daß sie heutiges Tages kein Alter mehr hat: entweder Gespenst ist, oder heilige Erscheinung, oder so verklärt, daß man wenig von unserm Fleisch und Bein an ihr sieht. Doch, ich will Ihnen ohne Umschweif sagen, was ich denke.

Ich habe Mitleiden mit den jungen Menschen, die Maler werden wollen, wie so verkehrt sie fast überall, erlauben sie das Wort, zugeritten werden. Ohne das geringste vorläufige Studium der Mathematik und Anatomie müssen sie, nach einigen beliebigen Kritzeleien von menschlicher Gliederform und Figur, mit der hölzernsten Idee von Proportion und Gestalt, sogleich über einen alten Kopf her; dann einem meistens verwahrlosten Modelle gegenüber sitzen: dann Farben, wovon sie wenig begreifen, nachsudeln; und endlich komponieren, wie sie's heißen. Es ist leicht zum Voraus zu sehen, was für Vögel aus einer solchen Hecke fliegen werden.

Der größte Verderb, meiner Meinung nach, ist das voreilige Gestör an den Antiken; welches hier noch mehr Schaden verursacht, als das Geleier unsrer Buben auf Schulen über den nimmer satt gedolmetschten Horatius, und das Geperoriere der ewigen Perioden des Marcus Tullius Cicero. So wenig Dieser kindliche Seelen – Römergeist unter Cäsar und Brutus zu fassen vermögen, der wie Orkan gen Norden und Süden, und Osten und Westen, über Nationen schwebte: so und noch weniger jener Herzen und Phantasien einen Sieger zu Olymp, oder die Gefühle und Einbildungen nach dem Genusse des höchsten irdischen Schönen eines Praxiteles.

Diese Weise zu Werke zu gehn ist so verkehrt wie möglich. Sie fangen bei der obersten Stufe an, und meinen, daß man die andern alle überspringen könne; ohne zu bedenken, daß bei der Kunst wie bei der Natur, eben so wenig etwas per saltum geschehe. Wie will sich zum Exempel ein Anfänger, der noch nicht davon gehört, ob Delos zu Wasser oder Land gelegen; ob die Leute da Freitags und Sonnabends Fisch oder Fleisch gegessen; und der überdies noch keine Otter Jemand ins Bein stechen gesehen, nur einige richtige Vorstellung machen von der Erscheinung des Apollo zu Belvedere? Wie kann er, nicht wie Winkelmann als Grieche den schönsten der Götter in ihm, nur die höchste jugendliche Schönheit in dem Jüngling erkennen, mit der verachtenden Größe und Stärke über alles, wozu er sich nicht hinneigt, und der Unüberwindlichkeit für diejenigen, die sich unter seinen Schutz begeben, und dem Grund und der Fülle von Feuerliebe gegen Freund und Freundin?

Wie will er in ihm fühlen den Augenblick des Siegs über ein Ungeheuer; den Genuß edler Rache; das Vertilgen des, was wider seine Natur streitet; das Strenge des Gottes in der sich aufziehenden Unterlippe; und den verachtenden Blick unter der Allmacht der hervorgehenden Stirn?

Der Verstand, der überall hervorsonnt, dessen, der alles gemacht haben könnte, in dem Gesichte, wo die Gottheit wie eine Blume aufgegangen: die ganze Frischheit der Jugend in der Überfülle der Haare die Stirne hoch und herum: die Leichtigkeit der Schenkel und Beine, und die schwebende Stärke an den sanften Knöcheln des Knie's, und den reinen keuschen Fuß, der lauter Himmel betreten zu haben scheint? Mit einem Wort, wie will ein Kind an Geisteskräften, das an den Mittelmann seiner Gegend noch nicht reichen kann, am Apoll den Jüngling in sich seh'n, unter dessen Anführung sich selbst Alexander begeben haben würde? Den höchsten Überflug menschlichen Vermögens nachtun? Wie kann es vor dem Sonnenkopf die Augen niederschlagen, und wieder davor erschrecken, und davon entzückt werden, entzückt werden, daß es nichts mehr von sich weiß, und seine Sinnen vergißt!

Und so was sollt' einer zuvor doch wenigstens, eh' er nur ein Bein von ihm nachzuzeichnen sich gelüsten ließe, einmal, zweimal und dreimal.

Wie kann ein solcher Lehrling fühlen im Laokoon das schmerzlichste Seufzen schwindender Stärke nach dem heftigsten Entsetzen in Priester, Vater und großem Mann, der getan, was er vermochte, und dessen äußerste Kraft überwältigt ist?

Wie so ein schwaches Ding im Herkules fühlen, die höchste Stärke, die menschliche Form hegen kann, zu ihrer Reife gediehen; wo nichts überladen, nichts hinzugetan, sondern alles aus seinem Keim entsprossen ist; und wie wir dagegen alle niedre Art von Menschen sind?

Oder im sterbenden Alexander gleichsam das Sterben des Jünglings den Tag vor der Hochzeit mit seiner Teuererworbenen: den mörderlichen Zug des Schmerzens durch den, der alles vermocht und überwältigt hat, des Schmerzens, der dem Wesen ganz fremd ist, und nur durch die höchste Ungerechtigkeit hineingeschlichen wütet: den Heros, in dessen versunknem Löwenblick noch die Spur von hundert gewonnenen Schlachten hervorflammt, aus dem tiefen großen Auge, das ganze Welten faßte, unter der unerschrocknen Stirn, die noch wie ein Fels steht, indes die Oberlippe rechter Seite im Zug ist?

Oder nur im Solon den lautern scharfen Blick, die Richtigkeit des Verstandes, die Stärke der Überlegung: wie aus ihm der feinere Athenienser lebt, und sieht über die feinen Athenienser und über Griechenland: wie die hervorgehende Spannung der Muskeln am linken Auge, die sich aufwölbende Stirn, das Festgehaltne überall den Gesetzgeber zeigt, so wie die volle geübte Kehle den gewaltigen Redner zum Volke: den Menschen, der nur einmal auf der Welt da war, und seinesgleichen nicht wieder hatte?

Der weiblichen antiken Schönheiten, die noch mehr unserm Sinn entrückt sind, mag ich kaum erwähnen. Wie wollt er nur zum Exempel das höchste Ideal der Schönheit von Mutter und Weib in der Niobe erblicken, und den unbezwinglichen Mut, über den der Schmerz, wie über einen Damm schießt, dessen Übermaß er nicht aufzuhalten vermag: das Weib, das bei dem schrecklichsten Leiden noch in ihrer ganzen Kraft und Vollkommenheit da steht; das zu atmen scheint: siegst! aber ich bleibe wer ich war, groß, edel und schön vor allen Menschen – die Harmonie des Ausdrucks in den Lippen und dem Blick der Augen, das Anhalten des Innern, und den gestemmten Nacken voll Erhabenheit und Majestät! Oder in ihrer schönsten Tochter ihre Tochter, die Unschuld, und das überirdische ihres Wesens aus dem hellen Aug unter der stolzen Stirn in jungfräulicher Furcht und Ängstlichkeit.

Man wendet ein: es geschieht der schönen Form wegen, die in der Natur selten oder nie zu finden ist, und nicht der Bedeutung halber. Und ich antworte: daß es keine echte Form ohne Bedeutung gibt, und daß, wer die Bedeutung nicht versteht, auch die Form nicht erkennen, vielweniger sich eigen machen kann.

In Wahrheit, bester Freund, ich glaube, daß kein Mensch an einem Werke der Kunst, es sei auch noch so vollkommen, etwas empfinden könne, wovon er nicht schon etwas gleiches in der Natur oder für sich empfunden habe.

Noch mehr: ich glaube, daß kein Mensch ein Werk der Kunst so wahr empfinden könne, als der, welcher es gemacht hat.

Und noch mehr: daß es alle Menschen anders empfinden, und daß der Genuß davon immer im Verhältnis mit ihrem Leben stehe. Die Phantasie kann nicht eher ins Herz regnen, als bis der Verstand aus Herz und Sinn Wolken gezogen hat.

Alles das Abconterfeien, das Gehudele der Schüler an den Werken der Meister ist aus dieser Ursach nichts nutze. Selbst Meistern wird es schwer, den Gang und die Erfahrungen, oder das Leben eines andern ausfindig zu machen unter den unendlichen Proteusgestalten der Dichtung. Wir haben zwar alle nur einerlei Magnetnadel durchs Leben; aber nichts destoweniger folgt jeder gute Kopf seiner eignen; denn die Wege darin sind unendlich verschieden. Der läuft auf den Heringsfang aus, und jener segelt ins Morgenland, und ein dritter tauscht seine eiserne Nägel mit den Mädchen zu Otaheite.

Doch, damit ich nicht abschweife, wieder zur Sache.

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