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Düsseldorfer Gemäldebriefe

Wilhelm Heinse: Düsseldorfer Gemäldebriefe - Kapitel 11
Quellenangabe
typeletter
booktitleDüsseldorfer Gemäldebriefe
authorWilhelm Heinse
year1996
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main und Leipzig
isbn3-458-19162-3
titleDüsseldorfer Gemäldebriefe
pages3-87
created19990404
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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Ich Van Dyck, Susanna im Bade betrachte dergleichen alternde Gemälde mit Andacht, in dem schauerlichen Gefühl des Altertums; wie Sicilianische griechische Tempel, wie heilige Reste von der Urgüte und Schönheit der Edlen, die vor uns waren, und in Dunkelheit zurückgewichen sind, in das Reich der Schatten, wie auch wir einst sein werden; und sie würden vielleicht nicht so starken Eindruck auf mich machen, wenn sie noch die frische junge Farbe hätten. So ist meine süße Augenweide eine Susanna von Annibal Caràccio, wovon das Gemälde so schwarz geworden ist, daß man die Augen schärfen muß, wenn man alles darin sehen will. Wir haben zwar noch zwo andre, eine von van Dyk, die ein Meisterstück, und sein höchstes in Kolorit ist, und noch so frisch und saftig, wie eben vom Pinsel; und
Domenico Zampiere, gen. Il Domenichino, Susanna im Bade eine von Dominichino, schön an Gliedern, insonderheit an den Beinen, wie das daran schönste Mädchen war zur Juno von Krotona; allein was sind mir diese gegen mein Himmelskind von Annibal! Freilich mag nicht wenig dazu beitragen der ewig neue Geist darin, die Schönheit der Erfindung.
 

Das Kopie nach Guercino, Susanna im Bade Mädchen sitzt von der rechten Seite nackend, im schönsten Gewächs jugendlicher weiblicher Natur, in der Größe der Mediceischen Venus, in einem Gartenbade da, das mit Gesträuch umschattet ist; und hält den kleinen ründlichen rechten Fuß mit der blanken Wade an eine römische Röhre rechter Hand nach der Wand hin, woraus Brunnen läuft; und bückt sich ein wenig, und wäscht ihn mit der Hand. Über der Hüfte, in der Wellenlinie Hogarths, die hier den höchsten Reiz hat, liegt zwischen den Beinen ein schmal gefaltetes dünnes Leinen zum trocknen; und der schwanenweiße Rücken, (denn seine junge feine Form, gestattet, wie bei der Wade, keine andre Farbe) und die mutwillige Hebenbrust, die sich vom geschlanken zarten Arm, der für einen Gott zur Umarmung geründet ist, nicht verstecken lassen will: und das unvergleichliche ovale Gesicht, dergleichen ich keine Blüte der Jugend, und Unschuld, und jungfräulicher Unbefangenheit in irgend einem andern gesehn habe, werfen einen zur Anbetung nieder, wie die Stimme vom Himmel: Was verfolgst du mich?

Und nun kommen hinter ihr her, aus den hohen Bäumen durchs Gesträuch, die zween alten Sündenböcke, mit ihren langen rauhen Bärten, herangeschlichen, in Gestaltungen, die dem großen Raphael in seinem besten Alter Ehre machen würden, und blicken gierig, wie Falken nach einem weißen Täubchen, das sich das Köpfchen baddelt, ohne was Arges zu befürchten; und der Eine tut leise sachtchen das Laub bei Seite mit dem linken Fang, und der Andre tritt auf den Zehen nebenher nach, und winkt mit der Rechten, den Hals und das Kinn schadenfroh vorrückend, als ob er das erste Los gezogen, St!

Wer ist der, der sich die Geschichte, wie sie ist, in eine schönere Idee denken will? Keiner noch, so oft sie gemalt worden, hat mit ihr und dem jungen Feuergefühl seines Lebens so eins gezeugt. Wie die zween alten Faunen hier mehr sind, als einer, und fürchterlicher als doch immer zuletzt weichende Jungen; die bei den andern wie Einfaltspinsel im widersprechenden Charakter da stehn, und bitten, oder einen Zipfel vom Hemde säuberlich mit den Fingern fassen, womit, Gott weiß wie, die Dirne das Beste so geschwind hat verstecken können. Wie hier das Handtuch so ungekünstelt da liegt, daß man sich nicht im mindesten darüber beschweren kann; wie hier das Ganze in schönster Einfalt so an sich zieht, so bange macht, daß einem das Herz im Leibe zittert, und man aus Leibeskräften beispringen will!

Ach, liebster Freund! und da hängt es unbemerkt in einer Ecke, und Niemand sieht's an vor den schlüpfrigen Farben des van Dyk, der die Mischung besser verstand, als unser Liebling, und sie nicht auf roten Grund trug, auf die rote Erde, die endlich alle andre Farben, wie ein Hecht, verschlingt, und darüber schwarz wird.

Düsseldorf, August, 1776.

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