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Düsseldorfer Gemäldebriefe

Wilhelm Heinse: Düsseldorfer Gemäldebriefe - Kapitel 1
Quellenangabe
typeletter
booktitleDüsseldorfer Gemäldebriefe
authorWilhelm Heinse
year1996
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main und Leipzig
isbn3-458-19162-3
titleDüsseldorfer Gemäldebriefe
pages3-87
created19990404
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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Wilhelm Heinse

Düsseldorfer Gemäldebriefe


I. Über einige Gemälde der Düsseldorfer Galerie

Aus Briefen an Gleim von Heinse

Das Leben des Apelles, lieber Vater Gleim, woran Sie mich von neuem erinnern, wird wahrscheinlicher Weise unter meinen alten Planen liegen bleiben; vielleicht wär es auch das nicht geworden, was Ihre Liebe davon ahndete. Die Idee dazu hat den Reiz der Neuheit für mich verloren, die immer stärker quellende Fülle, die sie damals hatte, als ich in jenen unvergeßlichen Morgen eines ganzen Mai mit Ihnen unter Ihren blühenden Bäumen, wo die Nachtigallen alt und jung schlugen, den Himmel sich röten sah, im Purpurfeuer flammen, und das Leben Gottes in dem fruchtbaren Strahlenregen hervorbrechen. Lassen wir es; wir haben Genuß genug davon gehabt in jenen seligen Augenblicken, wo wir ganz in der Phantasie unter den Griechen lebten, voll der Helden Plutarchs; im Tempe herumwandelten, den Ossa und Pelion bestiegen, und den Olymp, und die herrliche Natur um uns her sahn; durch Stadt und Land strichen, mit Weisen, Künstlern und Mädchen uns besprachen, und das glücklichste Jahrhundert träumten; und segelten durch die schönen Inseln des Archipelagus gen Kos zu dem Volke des Apelles und Hippokrates; und von da an den Küsten von Kleinasien landeten, und in Ionien herumschwärmten bis auf den Gipfel des Ida zu dem Vater Zeus des Homer. Wie gestärkt und gleichsam vergöttert wir da wieder herunter stiegen in die quellenreiche Täler, mit dem Heere des Alexander zogen, und Persien erobern halfen, und nach Ephesus mit ihm kamen in die Werkstätte des Künstlers, und bei der unvergleichlichen, einzigen Scene in der Geschichte mit der reizenden Kampaspe waren, die Noverre in seinem lieblichsten Zaubertanz wie Anadyomene wieder erweckt hat.

Ja wahrlich unvergeßlichen Morgen, so lang ich gedenken mag! die wir zum Teil in den heiligen Überbleibseln der Sonnentempel des teutschen Altertums, auf den Gebürgen des Harzes zubrachten, wo wir, wann die furchtbaren Horste der Adler heiß zu werden begannen, in die grünen schattichten Täler uns herunter begaben, an die klaren Bäche, worinn Sie in Ihrer Jugend badeten, und mit Klopstock, Ebert, Kramer, und den andern Herrmannskindern, wie die großen Menschen des Homer und Oßian, sich des Lebens freuten; wo wir nichts von Zeit wußten, und Abend und Morgen und der andere Tag wie an einander gequollen fortrann, ohne daß wir's merkten; wo Sie in weniger als einem Monat, und unter Geschäften, Ihr unsterbliches Halladat anfingen und vollendeten.

Damals war meinem leichtern Jugendgeist alles möglich. Izt aber bin ich ein wenig älter geworden, und streiche, fern vom Parnaß, in den Labyrinthen des sündlichen Lebens der argen bösen Welt herum. Ich weiß nicht mehr so viel von Griechenland, als ich damals fühlte; die Geschichte seiner kleinen Republiken ist mir in Dämmerung gegangen; und von dem häuslichen Leben darin hab ich wenig mehr Sitte, als in den vom Terenz afrikanisch römisierten Komödien des Menander sich befindet; und ich erröte beinah wie ein Professor in der Zeitung, wenn ich dessen Verschnittnen lese. Weiß wenig mehr von der Art und Weise, wie ihre Künstler arbeiteten, als was in meiner Postille Plinius steht. Kurz, mein Dämon und meine Phantasie sind einander in die Haare geraten, und jener will sich nicht mehr an dem heiligen mitternächtlichen Gefühl begnügen, und Gesicht und Tag und Wort haben; und der Himmel weiß, wie die Balgerei ablaufen wird.

Doch Scherz bei Seite. Ich bin überzeugt davon, daß sich wenig mehr über die wirkliche Malerei der Griechen sagen läßt, als Märchen, trockne Nachrichten, und Schwärmereien der Phantasie darüber, die keinen andern sonderlichen Erfolg haben können, als irgend Gestalten, wie Sancho's purpurne und himmelblaue Ziegen am Himmel, denen in ihren Erbauungsstunden, die noch nicht aus Erfahrung wissen, daß es nicht wohl purpurne und himmelblaue Ziegen geben könne. Wer will sich eine sinnliche Vorstellung machen von der Eigenheit der Gemälde des Parrhasius und Apelles, da wir keine mehr von ihnen haben; da wir, außer einigen außerwesentlichen Anekdoten, nicht einmal umständliche Beschreibungen von den Ideen und Zusammensetzungen derselben haben? Da uns nur einige dunkle und meist unverständliche Nachrichten von ihrer Weise zu malen übrig geblieben, und überhaupt kein einziges Stück von den Meistern der guten Zeit, sondern bloß etliche verschimmelte römische Mauerfragmente, woraus wir vielleicht auf sie schließen können, wie von einem heutigen Holländer auf Raphaelen. Alles, was man tun kann, ist, sich unter das griechische Volk hinstellen, und mit helfen bewundern.

Außerdem hat jede Kunst ihre Grenzen, über welche keine andere Eroberungen machen kann. Malerei, Bildhauerei und Musik spotten in ihren eigentümlichen Schönheiten jeder Übersetzung; selbst die Poesie, die allergroßmächtigste, muß dahaußen bleiben. Verloren ist verloren. Wer Gabrieli nicht selbst hört, wird sie weder durch eine andre, noch durch Noten hören; eben so mit dem Apelles.

Ich kann Keines Zunge mit der schönsten und feurigsten Stanze einen Römer Tränen Christi zu trinken geben.

Werde dies sichere Eigentum jeder Kunst itzt immer mehr gewahr durch die Erfahrung, da ich meine Nachmittage, während der Abwesenheit meiner Jacobi, meist auf unsrer Galerie zubringe.

Ich bin bei Tische von einem jungen Maler aus M** guter Freund geworden, der den Sommer über darauf zu seinem Vergnügen kopiert, und in jeder Rücksicht mir der angenehmste Gesellschafter von der Welt ist. Er hat, noch von der Amme getragen, durch einen Kanonenschuß das Gehör verloren, und ist davon so taub und stumm geblieben, als ob er taub geboren wäre. Kann weder buchstabieren, noch lesen; und hat doch so viel Mutterwitz und Verstand, Beobachtungsgeist und Gestaltenkenntnis mit seinem Auge und Gefühl sich zuwegegebracht daß er Engelländer, Franzosen und allerlei Menschenkinder damit ergötzt. Wir reden miteinander bloß durch Zeichen; und ich bin darin nach und nach so fertig geworden, und das geht so schnell und bequemlich von statten, daß es mir lästig wird, wenn ich mich wieder der Worte bedienen soll, und ich alle die Wunderdinge begreiflich finde, die die Alten vom Roscius erzählen. Sie bestehen fast durchgehens in dichterischer, malerischer, höchstsinnlicher Darstellung vom Donner an bis zum leisesten Mädchenseufzer; und der Nacht bis zur Morgendämmerung und der aufgehenden Sonne. Eine herrliche Unterhaltung; wogegen alles Gesprächsel mit Worten zur schalsten Prose wird. Er ist übrigens, das äußerliche Ceremoniel abgerechnet, beinahe ein Wilder, wie aus dem Zeitalter, wo die Menschen noch Eicheln aßen, und mit der Natur und den Tieren in Gemeinschaft lebten; und weiß von allen den Vorurteilen und Unnatürlichkeiten wenig, die wir durchs Gehör und in den Schulen erhalten; weswegen seine Einfälle manchem auch oft so unerwartet kommen, wie ein helles Licht in der Nacht vors Bette. Ich habe mehr bei ihm vom Menschen erfahren, als bei hundert andern. Jetzt wollen sie ihn nach Paris schicken, wo er bei einem Abt sprechen lernen soll; und das tut mir ungemein leid. Er hat die unverdorbene Stärke unsrer Vorfahren, und vermag zinnerne Teller mit dem Daumen und Zeigefinger zusammen zu rollen, wie ein Rebenblatt; wenn ihm nur dort die Dalilaen nicht die Haare abschneiden! In seinen Zustand hat er sich geduldig ergeben, und ich habe ihn nie mißvergnügt darüber gesehen, außer wo ihn ein schönes Mädchen nicht verstand; im Gegenteil ist er, wie überhaupt alle Stummen und Tauben sein sollen, immer äußerst aufgeräumt: und voll Scherz und Hogarthischer Laune. Er verträgt sogar Spott darüber, ob er gleich jähzornig ist, und sein Grimm Löwengrimm. Er ist ein starker Fechter und Reiter, und tanzt sehr gut ein Menuett, wobei er sich nach seiner Dame richtet; überhaupt in allen Leibesübungen behend und geschickt. Seine Zeichen weiß er so voll Ausdrucks zu machen, und mit so viel Anmut, daß ihn jeder Kluge sogleich verstehen muß; er reist deswegen auch über Land, und kömmt ohne Dolmetscher wohl an Ort und Stelle und wieder zurück. Sein Haupthülfsmittel ist, daß er die Namen von einigen Orten und Menschen sehr schön schreiben kann, jedoch ohne sie lesen zu können. Er versteht dadurch ein wenig Geographie, hat dabei ein reines volles Gefühl von der Erdkugel überhaupt und dem Sonnensystem, und weiß viel von der neuern Geschichte. Schreibt, zum Beispiel, mit dem Finger auf den Tisch Amerika, Engelland, Frankreich, Spanien, Portugall, Afrika; und erklärt denn mit Zeichen und Deuten und Gebärden, alles lebendig, dichterisch, personificiert, die Politik und Absichten jeder dieser Mächte, und die Vereitlungen derselben, und wies nun weiter gehen wird; und macht alles so originalnaiv wahr, daß man überall zugegen ist. In seiner Kunst hat ers schon sehr weit gebracht. So weit im Vorbeigehn von diesem Ingenu; ein andermal insbesondere von ihm.

Mit diesem geh ich denn, wie gesagt, von der Mittagsmahlzeit meist auf die Galerie, und studiere mit ihm da, und schreib Ihnen itzt hier an einem schönen marmornen Tisch, indes er an einem Blumenstück malt, um sich auch hierin zu versuchen.

Wir haben eine Sammlung von Gemälden, dergleichen sich kein Ort in Teutschland rühmen kann, selbst Dresden nicht ausgenommen; und wenn in Griechenland eine Stadt schon wegen einer Bildsäule, oder eines Gemäldes von einem ihrer großen Meister, berühmt war: was sollte Düsseldorf nicht sein durch ganz Europa, wenn die Kunst noch so geschätzt würde, und noch so in Ehren stünde? Auch reisen die Engelländer, noch die ersten Menschen ohngeachtet aller ihrer Unarten, in Menge hieher, bloß um sie zu betrachten. Gewissermaßen gereicht es den Aufsehern zur Unehre, daß noch keine Beschreibung, nicht einmal eine Anzeige von diesem Schatze da ist; jedoch wird itzt dafür gesorgt. Unser Director ist ein Teutscher, der seine Jugend ganz in dem schönen Italien zugebracht hat, und Professor der Malerschulen zu Rom und Florenz, und ganz von der Heiligkeit und Würde feiner Kunst durchdrungen ist, und jeden trefflichen Pinselstrich in den Fingerspitzen fühlt. Die Sammlung ist nicht so zahlreich, wie andre, enthält aber dafür destomehr Meisterstücke; und ich will lieber den Homer, Pindar, Shakespear, Ariost, Horaz und Ihre Schlacht bei Zorndorf haben, als tausend andre, und diese missen: doch auch nicht klein, da sie an die vierhundert Stücke enthält; worunter verschiedene sehr große sind, als einige 22 Fuß hoch und 14 Fuß breit. Die Galerie besteht aus fünf Sälen: drei großen und zween kleinen. Die Aufstellung der Gemälde ist sehr wohl geordnet, und macht das schönste Schauspiel, das man sehen kann.

Unsere Malerakademie könnte noch mehr, bei dem hießigen und Mannheimer Schatz von Gemälden, eine der ersten in Teutschland sein, und wird leicht eine der ersten Schulen mit Rom und Florenz in der Welt werden; es fehlt nur den jungen Lehrlingen noch ein Lehrer in der Geschichte der Kunst, und der Unterricht erstreckt sich meistens bloß auf das gegenwärtige mechanische. Aber wo hernehmen, da die Winkelmanne selten sind, und selbst Rom keinen hat, und Mengs mehr sein muß als Lehrer der Kunst, und die andern, die es sein könnten, das nicht sein wollen! Das übrige ist sowohl bestellt, wie möglich. Pfalz ist, in jeder Betrachtung, ein glückliches Land, und die Ufer des Rheins bieten den in vielen andern Gegenden in der Irre gehenden Musen einen reizenden und sichern Aufenthalt an. Der Fürst ist ein wahrer Vater seines Volks, unterstützt die Talente, und zieht sie aus dem Staube hervor; ist selbst ein großer Meister und Kenner, und überzeugt davon, daß die schönen Künste die Glückseligkeit der Menschen allein verstärken und veredeln; hat Mäcene zu Ministern, die den Teutschen hold sind, und echtes Patriotengefühl haben. Die Oper zu Mannheim, die mit teutschen selbst erzogenen Sängerinnen besetzt ist, würde zu Neapel bewundert werden; und die Instrumentalmusik daselbst ist vielleicht itzt die erste in der Welt. Doch, was sag ich Ihnen Dinge, die jedermann weiß?

Ich wollte hier schließen; aber Sie würden mir es nicht verzeihen, wenn ich ihnen auch nicht von Einem Gemäld etwas gesagt hätte. Ich will also versuchen, ob ich Ihnen eine Beschreibung nur von einem halben Dutzend Madonnen zu machen, und die himmlischen Gestalten derselben Ihrer Phantasie in ferner Dämmerung mit Worten zu zeigen vermag; da die Allgegenwart Ihres hohen Dichtergenius mir's sehr erleichtern wird.

Doch dies morgen; da die Sonne schon untergegangen ist, der Abend hernieder sich senkt, es dunkel zu werden beginnt, und mein lieber Stummer mir mit dem Schlüssel das Zeichen zum Aufbruch gibt.

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