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Durch tausend Jahre - Zweiter Band

Wilhelm Heinrich von Riehl: Durch tausend Jahre - Zweiter Band - Kapitel 10
Quellenangabe
typenovelette
authorWilhelm Heinrich Riehl
titleDurch tausend Jahre ? Zweiter Band
publisherF. W. Hendel Verlag
seriesFünfzig kulturgeschichtliche Novellen
volumeBand 2
editorHans Löwe
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectidb15cb74f
created20070328
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Reiner Wein

1865

Erstes Kapitel

Es ist eine ganz eigene Empfindung, vom Pferde zu fallen, so eigen, daß sie sich gar nicht genau beschreiben läßt: man muß sie einmal erlebt haben oder noch besser mehrmals. Es fällt sich so überraschend geschwind! Ich meine, wenn wir eben erst Sitz und Bügel verloren haben, so ist die Spanne Zeit, bis wir uns selbst am Boden wiederfinden, verzweifelt kurz; in all der Geschwindigkeit aber können wir gar viel uns denken und vorstellen; denn ein Pferd ist schnell und ein Fall noch schneller, aber die Gedanken sind doch alleweil am schnellsten.

Das erfuhr Franz Hertorf vom Roßmarkt in Frankfurt, als er beim Stückschießen von 1664 über die Festwiese ritt. Er lenkte den stolzen Schimmelhengst Cyrus recht straff und keck, und wie er des alten Schöffen Lippold Silberborn mit seiner schönen Tochter ansichtig wurde, ließ er das Pferd majestätisch im kurzen Galopp ansprengen. Da krachte unversehens unter der Nase des Reiters ein Böller los, das Feuer schlug ihm fast ins Gesicht, daß er jäh zusammenfuhr, und weil der Reiter erschrak, so erschrak das Pferd doppelt, tat einen Seitensprung in den Graben, welcher die kanonierenden Bürger von den Zuschauern trennte, brach in die Vorderbeine, warf sich aber im Nu mit wütender Schnellkraft wieder empor, schleuderte den Reiter weit ab und jagte mitten in die Schußlinie der Geschütze. Fast im selben Augenblicke stand aber auch der Reiter schon wieder auf den Füßen, sprang dem Tiere nach, das plötzlich wie eingewurzelt stehengeblieben war, faßte es fest mit der Linken am Zügel, klopfte ihm ohne eine Miene des Zornes oder der Strafe gutmütig lächelnd mit der Rechten auf den Hals und sagte: »Cyrus, Cyrus! warum hast du mir das getan?« Dann schwang er sich leicht wieder in den Sattel und lenkte das immer noch zitternde und scheuende Roß mit sicherer Führung über den Graben zurück.

Handumgekehrt, wie man drei zählt, war die Geschichte verlaufen. Aber was dachte der Reiter nicht alles in der Geschwindigkeit! Ein ganzer Liebesroman war mit ihm durchgegangen und vom Pferde gefallen.

Er wußte wohl, welch gefährliches Tier er ritt, allein Cyrus war der stolzeste Hengst, drum hatte er ihn eigens für heute gewählt. Und war er, Franz Hertorf, gleich nur ein neu eingebürgerter Weinhändler, so wollte er sich doch der Jungfrau Susanna Silberborn, die aus den edlen Geschlechtern des Hauses Limpurg stammte, als einen leibhaften Ritter zeigen. Mit diesen Gedanken galoppierte er an dem Schöffen und seiner Tochter vorbei. Und als er den aufbäumenden Hengst nicht mehr halten konnte und instinktmäßig nach der Mähne griff, da dachte er: »Nein! Susanne schaut auf dich: lieber ritterlich herunterfallen, als unritterlich oben bleiben!« und hielt sich, getreu diesem schönen Gedanken, am Zügel statt an der Mähne, wodurch er dem Cyrus das Maul blutig riß, daß ihn derselbe nun erst ganz unfehlbar abgeworfen hätte, auch wenn er kein Weinhändler gewesen wäre. Indem er dann aber auf die Wiese hinausflog, sah er einen Stein und dachte: »Dort wirst du dir den Schädel zerschmettern; das ist nun ein ganz besonderes Erlebnis und wird der Jungfrau Herz erweichen!« Allein er hatte den Satz noch gar nicht recht ausgedacht, so stand er auch schon wieder ganz heil auf den Beinen und wußte weniger, wie er jetzt so geschwind in die Höhe, als wie er vorhin so geschwind heruntergekommen war. Und da er nun dem verteufelten Cyrus nachlief, quer durch die Schußlinie, meinte er, eine Stückkugel werde ihm den Kopf vom Rumpfe reißen; aber dann sterbe er für Susanna. Dies war nun eigentlich ein Unsinn, denn Jungfer Susanne ahnte nicht das mindeste von seiner Liebesschwärmerei: was hätte es ihr also für Nutzen gebracht, wenn ein Weinhändler vor ihren Augen zwiefach den Kopf verloren hätte, figürlich und natürlich? Dennoch gab ihm gerade jener gedankenlose Gedanke so stolzen Mut, daß er sich kühn wieder auf den scheuen Hengst schwang und geschlossenen Sitzes wie ein Stallmeister unter die staunende Menge zurückritt.

Sowie er sich aber hier wieder auf sicherem Boden und in sicherem Gange fühlte, brach alle seine Spannkraft mit einem Male. Es überfiel ihn eine Scham und ein Schreck über das eben Erlebte, daß die zitternden Knie kaum mehr Schluß zu halten vermochten, und so trabte er barhäuptig (der Hut war auf der Wiese geblieben) und geduckt nach Hause, und als das Pferd endlich von selbst vor dem Stalle stehenblieb, rutschte er im Absteigen herunter, als ob er das Fallen noch einmal probieren wolle.

Allein der Schreck kam nicht bloß nach, sondern nach dem Schrecken auch der Trost.

Ein Augenblick war wie ein Lichtstrahl in seine Seele gefallen und leuchtete jetzt wieder hell auf. Als ihn das Pferd abwarf, hatten alle Umstehenden gelacht; nur Susanne lachte nicht, sie wurde leichenblaß und schrie und zitterte. Das hatte er bemerkt, ja hätte er's nicht so scharf bemerkt, so wäre er vielleicht fester im Sattel geblieben. Jener Schrei wurde ihm zu Hause am einsamen Abend zum beglückenden Wahrzeichen: war es nicht der erste Laut der Teilnahme für ihn, welcher der vornehmen Jungfrau über die Lippen gekommen?

Freilich kannte er den ganzen Verlauf dieser Teilnahme nicht. Genau besehen erging es nämlich folgendermaßen: Als Susanne den Reiter so hochgemut heransprengen sah, sagte sie zu ihrem Vater: »Da kommt der junge Hertorf und sitzt wie ein rechter Geck auf dem großen Gaule.« Im Anblick des Sturzes erblaßte sie dann freilich und schrie, wie Frauenzimmer pflegen, und war eine ganze Weile versteinert vor Schrecken. Doch erholte sie sich bald und sagte lächelnd: »Für einen Weinhändler ist der junge Mensch nicht übel vom Pferde gefallen.«

Wie seltsam aber streiten oft eines Mädchens Worte und Gefühle! Es klang dennoch ein warmer Ton bewegend aus der Stimme, welche diesen kalten Spott so leichtsinnig hinwarf.

Zweites Kapitel

»Unsere erste Begegnung«, – so nannte Franz Hertorf bald nur seinen Sturz auf der Festwiese, natürlich ganz still für sich, denn über derlei Dinge plaudert man nicht. Und er entsann sich dabei, daß schon einmal ein solcher Fall berühmt geworden war in der Geschichte der Geschlechter des Hauses Limpurg.

Als nämlich Ambrosius Glauburger im Jahre 1498 mit einem Herzog von Braunschweig turnierte und denselben aus dem Sattel hob, ließ er sich zu Ehren des Herzogs mit herunterfallen. Die Geschichte war abgemalt am Tanzhause zum ewigen Gedächtnis, wie vornehm ein Frankfurter Patrizier sei, daß er mit einem Herzog seine Lanze gebrochen, und wie artig, daß er den Herzog nicht allein habe vom Pferde fallen lassen.

Franz meinte, die beiden Fälle seien nahe verwandt: was Ambrosius Glauburger aus Höflichkeit, das habe er aus Liebe getan. Denn es deuchte ihm nachgerade fast, er sei auch mit Absicht nur so ein wenig herabgeglitten, bloß um das Auge der spröden Jungfrau desto sicherer auf sich zu ziehen, und man könne nicht wissen, ob diese erste Begegnung dereinst nicht auch einmal irgendwo abgemalt werde.

Der Vergleich mahnte ihn dann aber auch mit Schrecken daran, welch große Kluft bestehe zwischen jenen alten Geschlechtern, die mit Fürsten turniert hatten, jeden bürgerlichen Erwerb verschmähend, nur der Wissenschaft, dem Kriegsdienste oder ihrer freien Muße lebten, vornehmlich aber »sehr difficile im Heiraten« waren, – und ihm, dem neu eingewanderten Kaufmanne. Allein, wer noch jung und schön ist und dazu ein erlesenes Weinlager am Roßmarkte hat, der sieht auch weingrünen Mutes in die Welt, und also dachte Franz Hertorf, es gebe zweierlei Edelleute, solche, die adelig geboren sind, und solche, die adelig leben und handeln, und wenn er nur diesen zweiten Adelsbrief in den Augen der Jungfer Susanne gewinne, so werde sie den Mangel des ersten wohl vergessen.

Also fuhr er nun recht hoch hinaus. Er wollte Unerhörtes tun, Taten, wie man sie einem gewöhnlichen Weinhändler gar nicht zutraut.

Weil es aber nicht mehr wie in der Ritterzeit Riesen und Drachen zu erschlagen gab, so begann er damit, daß er ein Fuder Hochheimer Zweiundfünfziger zu zweihundert Reichstalern ersteigerte. Es war ein köstlicher Wein, und man nannte den Jahrgang damals nur »das Wunderjahr«; aber zweihundert Reichstaler war auch ein Preis, den selbst für dieses edelste Gewächs kein Mensch noch gezahlt hatte. Die reichsten Käufer boten bis zu hundertfünfzig Talern; doch Franz Hertorf rief: »Zweihundert!«, und alle verstummten und fragten sich staunend, wie denn der Weinhändler so überteuren Wein wieder an den Mann bringen wolle.

Das war aber bald geschehen; denn schon des anderen Tages schenkte Hertorf das ganze Fuder dem Heiligen-Geist-Spital zum Labetrunk für Genesende mit der einzigen Bedingung, daß die Spittelleute an jedem hohen Festtage seine Gesundheit in einem Becher dieses Weines trinken sollten. Und den Becher schenkte er auch dazu. Das hieß doch adelig gehandelt!

Die Sache hatte aber zudem noch ihre besondere Feinheit. Denn der alte Schöff Silberborn zählte zu den magistratischen Pflegern des Spitals. Natürlich ging Hertorf gerade zu diesem Pfleger und keinem anderen, um das Geschenk anzumelden, und hoffte bei dem Anlaß doch auch die schöne Tochter zu sehen. Und in der Tat blühte ihm auch dieses Glück; denn als er zum Haustore eintrat, ging sie eben hinaus und sagte deutlich: »Guten Morgen.« Der Alte nahm das überraschende Geschenk mit zögerndem Danke entgegen und belästigte seinen Besuch nicht mit allzu langem Gespräche.

Das war freilich wenig für zweihundert Reichstaler; allein es war doch der zweite Anknüpfungspunkt. Am Abende schalt Lippold Silberborn bei seiner Tochter die Hoffart dieser verderbten neuen Zeit, wo Kaufleute mit fürstlichen Geschenken prahlten. Susanne entgegnete: »Hätte der junge Hertorf das schlechteste Faß aus seinem Keller geschenkt, so würdet Ihr ihn einen rechten Christen nennen; soll er nun darum ein schlechterer sein, weil er das beste geschenkt hat?«

Zur selben Zeit regte es sich in Hertorfs Hause am Roßmarkt von allerlei Künstlern und Handwerkern. Obgleich der stattliche Bau erst vor wenigen Jahren neu aufgeführt worden, so dünkte er dem Besitzer jetzt doch viel zu schmucklos, darum ließ er an der Vorderseite Festons in Stukko über den Fenstergewandungen anbringen und ein neues Prachtportal mit steinernen Säulen und grimmig züngelnden Löwenköpfen. Denn wo können wir den Leuten unser Geld und unseren Geschmack greifbarer zeigen als an der Straßenfronte unseres Hauses?

Mit genügender Neugierde beobachteten dann auch die Frankfurter, wie sich das Bürgerhaus in ein Herrenhaus verwandelte; ein jeder wußte zu loben und zu tadeln, und allen stand es fest, daß der junge Weinhändler viel reicher sein müsse, als man bisher geglaubt; auch verbreitete sich bald die Sage, er habe unlängst eine große Erbschaft getan. Gelockt durch das viele Gerede, ging nun auch einmal der Schöff mit seiner Tochter über den Roßmarkt, um die neue Herrlichkeit zu betrachten. Sie fanden den Hausherrn vor der Türe, mit zwei Handwerksmeistern sich beratend, und begrüßten ihn recht gnädig, fast schon wie einen alten Bekannten. Franz Hertorf hätte vor Freude gestrahlt, wenn er vor Verlegenheit zum Strahlen hätte kommen können, und erläuterte beredten Mundes das begonnene Werk.

Über dem Portal stand eine kahle Wandfläche, für welche noch kein passender Schmuck gefunden war. Da meinte Susanne, Herr Hertorf könne ja einen Bacchus hinaufmalen lassen, der auf einem Weinfasse reite.

Es zuckte auf des jungen Mannes Gesicht, wie wenn er eine Ohrfeige erhalten hätte. Denn solch eine plumpe Figur war damals ein bräuchliches Schild der Weinhändler. Jungfer Susanne konnte bei seinem und seines schönen Hauses Anblick an so vieles andere denken, warum gerade daran, daß er ein Weinhändler sei? Doch faßte er sich rasch und sagte mit artigstem Lächeln, der Vorschlag der Jungfrau solle ausgeführt werden.

Und nach drei Monaten lud er den Schöffen mit seiner Tochter ein, daß sie das nunmehr vollendete Bacchusbild betrachteten. Wie staunten da die beiden! Dieser Bacchus war kein pausbackiger Bube, der trunken auf einem Fasse reitet, die Flasche am Mund, sondern ein edler Jüngling, auf antikem Wagen von zwei Panthern gezogen, und auf den gefleckten Raubtieren ritten zwei Genien und bändigten mit der Leier und Flöte der weinverklärten Kunst die wilde Wut des Gespannes. Als Rahmen um das farbenleuchtende Mittelbild aber schlang sich ein Arabeskenkranz, grau in grau, mit reizenden kleinen Gruppen aus der Bacchussage. Das war kein Kaufmannsschild, sondern ein Kunstwerk. Johannes Sandrart, der Bruder des berühmten Joachim, hatte das Ganze entworfen und ausgeführt, und Johann Heinrich Roos die Panther auf dem Karton noch einmal insbesondere durchgebildet.

Mit Stolz blickte Hertorf jetzt bald auf das schöne Bild, bald auf die schöne Susanne; kein Edelmann hätte ja feineren Geschmack zeigen und bessere Kunstgönnerschaft üben können.

Endlich brach der alte Schöff das Schweigen, klopfte dem träumenden Mäzen vertraulich auf die Schulter und sprach: »Die Panther sind gut; man kann sie auf der Messe nicht besser sehen.« Susanne aber fügte teilnehmend hinzu: »Das Bild ist ein rechter Schmuck für ganz Frankfurt. Ihr beschämet den Rat dieser Stadt: der wußte an dem Brückentor nichts Gescheiteres malen zu lassen als einen Juden, welcher auf einem Schweine reitet.«

Beim Heimgehen zankte der Vater die Tochter, daß sie so gesprochen: man müsse der neumodischen Hoffart, die über den Stand hinauswolle, nicht schmeicheln.

Die Tochter aber erwiderte: »Dieser Hertorf ist entweder der größte Schwindler oder der feinste Weinhändler, welcher jemals gelebt hat. Das wird sich schon entscheiden. Dürfen wir ihn aber bis dahin tadeln, bloß weil er des Guten und Schönen zuviel tut?«

Drittes Kapitel

Franz hatte den Vormittag geglüht im Feuer der Erwartung, und als Susanne mit ihrem Vater wieder hinweggegangen war, fror es ihn den ganzen Nachmittag.

Susanne war ein eigenes Mädchen. Groß, stattlich, voll in den Formen und von frischester Farbe, erschien sie aus der Ferne wunderschön; trat man ihr aber nahe, so waren die Züge um ein Haar zu scharf und männlich, die Farbe um einen Ton zu derb; die Schönheit stieg mit jedem Schritte, den man zurücktrat, und fiel mit jedem Schritte, den man herankam. Die Schwaben sagen von einem solchen Frauenbilde: »es fernelet«. Nur der geistige Ausdruck des Auges wuchs in der Nähe. Alles dieses hatte Franz schon oft bemerkt und meinte, das sei gerade nicht die schönste Schönheit, aber die gediegenste. Nun fand er heute, daß die Jungfrau auch noch in einem anderen Sinne »fernele«. Wenn er sie nämlich gar nicht sah, tage- und wochenlang, so neigte sie sich ihm im Geiste immer liebevoller und huldreicher entgegen; hatte er sie vollends während eines ganzen Monates nicht einmal auf der Straße erblickt, so verkehrte er wunderbar innig mit ihr und sie mit ihm, und es hätte nur noch des letzten Wortes bedurft, so wären sie Braut und Bräutigam gewesen; – allein er brauchte dann nur wieder ein wirkliches Wort mit ihr zu reden, und der ganze Rausch verflog; es überlief ihn kalt, und er erkannte mit entsetzlicher Klarheit, daß Susanne gar nichts ahne von seinem vertrauten geisterweisen Verkehre, nichts ahne, daß er ihr zuliebe den Cyrus geritten und den Wein so teuer gekauft und das Haus so kostbar habe schmücken lassen.

So war es in der Tat. Dennoch hatte das Mädchen gleichfalls eine gewisse Empfindung für den jungen Schwärmer, nur in einer der seinigen ganz entgegengesetzten Weise. Sie ärgerte sich über den Großtuer und zürnte dem Verschwender, ja sie war unter Freundinnen immer seine strengste Anklägerin. Trat er ihr aber einmal persönlich gegenüber, so zerrann der Unmut, und sie konnte seine wenigen bewegten Worte niemals ohne herzliches Mitleid hören. Der junge Mensch, welcher so sichtbar in sein Verderben lief, dauerte sie dann gar zu sehr.

Er träumte sich am glücklichsten, wenn er sie nicht sah, und mußte sie doch suchen; sie suchte ihn gar nicht, fühlte aber doch eine gewisse Befriedigung, wenn sie ihm ungesucht begegnete. Und warum soll es uns nicht wohltun, wenn wir gewahren, daß ein zweifelhafter Charakter aus der Nähe doch nicht halb so schlecht aussieht als aus der Ferne?

Franz Hertorf verfolgte inzwischen unbeirrt die eingeschlagene Bahn im festen Glauben, sie werde ihn zum Ziele führen. Sein Geldbeutel hielt noch eine Weile vor, und war er nur erst einmal ein recht vornehmer und berühmter Bürger geworden, so mußte sich das übrige schon finden. Vom Weine allezeit nüchtern, im Geiste aber ewig trunken, war er jetzt schon ohne Zweifel der originellste Weinhändler. Auch drang er wirklich mehr und mehr in das Haus des Schöffen, und die Gespräche mit Susannen wurden ausgiebiger. Allein der Gegenzug ihrer Naturen verschliff sich dadurch keineswegs, sondern steigerte sich nun erst recht.

Denn stand Susanne dem jungen Hertorf gegenüber, so gab sie ihm zwar manches freundliche Wort, las ihm aber auch recht mütterlich den Text und dachte: wenn ich ihn nur immer unter den Augen hätte, so bliebe er vor tausend Torheiten bewahrt und könnte späterhin irgendein braves Bürgermädchen noch recht glücklich machen. Franz dagegen meinte manchmal, verzweifelnd, wenn es ihm nur gelänge, bloß von fernher und in der Einbildung mit Susannen zu leben, das gäbe die seligste Liebe und Ehe, die je im Himmel geträumt worden sei.

Trotzdem ging jedoch seltsamerweise wieder all sein Sinnen dahin, der von fernher so reizenden Susanne seine Liebe einmal ganz aus der Nähe zu erklären.

Vor diesem entscheidenden Schritt hatte er sich aber noch ein zwiefaches Ziel gesteckt, auf daß auch die letzten Vorurteile des Schöffen gegen seinen geringen Stand zerstreut würden, ein Doppelziel, mit welchem er freilich zunächst nur das doppelt gesteigerte Mißfallen Susannens gewann. Allein da er ihr bisher überhaupt ja nur im Mißfallen einiges Wohlgefallen abgerungen hatte, so erschreckte ihn das gar nicht.

Erstlich trachtete er nach einem Sitz im Rathause, und zwar auf der zweiten Bank, auf welche neben viel vornehmeren Leuten nur einige vornehme Kaufleute kommen konnten. Als Susanne davon hörte, fand sie dieses Vorhaben sehr anmaßlich; denn ein Mann wie dieser Weinhändler gehöre höchstens auf die dritte Bank. Doch da ihr Franz demnächst wieder zu Gesicht kam, dachte sie ganz still: für die dritte Bank ist er doch zu fein, und warum soll denn ein so reichbegabter Mann seinen Ehrgeiz nicht eine Bank höher spannen?

Um aber jener zweiten Bank sicher zu sein, veränderte er sein ganzes Geschäft von Grund aus und wollte sich demnächst als wirklicher Großhändler entpuppen. Dies war das andere Ziel. Er mied von Stund an den Weinmarkt vor dem Leonhardstor, wo man am Mainufer unter schattigen Bäumen täglich Wein probierte und ausschenkte und die kleineren Käufe abschloß, und schickte statt seiner einen Geschäftsführer auf den Markt, der jedoch für sich bessere Geschäfte machte als für seinen Herrn. Allein das tat nichts. Der Kleinverkauf – bisher freilich die beste Einnahmequelle – sollte ohnedies allmählich ganz eingehen; dagegen nahm Hertorf den Rest seines Vermögens zusammen, um große Vorräte einzukaufen und neue Verbindungen zu knüpfen.

Die Leute redeten viel über diesen kühnen Aufschwung, und Susanne fand das Verschmähen des bisherigen sicheren Erwerbes äußerst unklug und spottete über den großen Handelsherrn, der für den Platz am Weinfaß zu gut geworden sei und nur noch vom Triumphwagen herab (wie der Bacchus am Roßmarkt) seine Panther, das heißt seine zwei Handlungsdiener, lenke. Als sie ihm jedoch ihre Meinung recht hart sagen wollte, schmolz diese Härte in den Ton des Mitleids, und der leichtsinnige Franz ließ sich den Übergang recht wohl gefallen und meinte, Mitleid sei schon oft die Maske der Liebe gewesen.

Der Tag, wo sich's mit der zweiten Bank entscheiden mußte, stand vor der Tür. Hertorfs Hoffnung wuchs und wurzelte zuletzt so fest, daß er im Geiste die Bank schon ganz warm gesessen hatte, und als ihn gar nur vierundzwanzig Stunden noch von dem Termine der Ratswahl trennten, war seine Brust so übervoll des frohesten Mutes, daß ihm die Mauern der Stadt zu eng wurden.

Er sprengte auf dem Cyrus hinaus ins weite Land, um bis zum sinkenden Abend den stolzesten, glückseligsten Zukunftsbildern nachzujagen, und fand des Nachts vor lauter Träumen keinen Schlaf. Am hellen Tage träumte er dann weiter. War nach dem Vorschlage des Schultheißen die Wahl vollzogen, so mußte alsbald ein Kanzleischreiber bei ihm, dem Neugewählten, erscheinen und ihn auf den Römer entbieten. Dort schwur er den sogenannten »Korruptionseid« und empfing an der Tür die Glückwünsche seiner neuen Amtsbrüder. Alsdann aber wollte er stracks zu Jungfer Susanne eilen, um mit noch ganz anderen Schwüren als dem Korruptionseid den Tag zu besiegeln.

Er spähte recht oft durchs Fenster nach dem Kanzleiboten. Endlich klopfte es an die Türe; Hertorf setzte sich in würdige magistratische Haltung, bevor er: »Herein!« rief. Es kam aber kein Kanzleibote, sondern ein Handlungsdiener, welcher atemlos meldete, der Geschäftsführer am Weinmarkt sei gestern durchgegangen. Das Wort schnitt dem unglücklichen Kandidaten der zweiten Bank bis ins Mark; er hatte dem Geschäftsführer unbegrenztes Vertrauen geschenkt, er hatte ihn den Kaufmann spielen lassen, damit er selber Zeit gewönne, den Edelmann zu spielen, hatte Wechsel und Verträge unterzeichnet, welche jener ihm vorgelegt, ohne daß er nur genau den Inhalt gelesen: das fuhr ihm jetzt alles wie ein Wetterstrahl durch die Seele.

Da klopfte es schon wieder. Jetzt kam wirklich ein Bote vom Römer. Allein es war der rechte nicht, sondern ein Gerichtsdiener, der dem Weinhändler Hausarrest ankündigte auf gestern bereits erfolgtes Andringen der Gläubiger, welche den durch des Geschäftsführers Flucht verstärkten Verdacht leichtsinnigen und betrügerischen Bankerottes nachgewiesen hätten.

Bei dem Worte »betrügerisch« gewann Franz Hertorf seine ganze Fassung und ratsherrliche Würde wieder. Er erhob feierlich den großen Rohrstock mit dem goldenen Knopfe, welchen er sich schon vor einer Stunde für den Gang auf den Römer zur Hand gestellt hatte, und sprach zum Gerichtsboten: »Lieber Freund, verbessere Er seinen Vortrag! Ist mein Bankerott leichtsinnig, so kann er nicht betrügerisch sein, sondern höchstens ein betrogener Bankerott. Ehre mag noch bestehen neben dem Leichtsinn, und in Ehren kann man auch betrogen werden, ja man kann sogar aus lauter Ehre Bankerott machen, aber betrügen aus Ehre kann kein Mensch!«

Und so fand Franz den ersten Trost in dem Gedanken, daß er zwar Geld und Freiheit möge verloren haben, aber seine Ehre nicht.

Viertes Kapitel

Der feinste Weinhändler, welcher in den Augen seiner Mitbürger nun doch plötzlich zum gröbsten Schwindler herabgesunken war, bekam einen harten Stand. Die Überschuldung rechnete sich auf zehntausendachthundert rheinische Gulden, und Franz Hertorf selber, dem doch so vieles Großartige über Erwarten gelang, hätte seiner Lebtage nicht gedacht, daß er so großartige Schulden machen könne. Vergebens rang er, den Richtern seine Unschuld und Unwissenheit darzutun und den bodenlosen Abgrund seines romantischen Leichtsinnes zu veranschaulichen. Sie hatten kein Verständnis dafür. Kein Mensch wollte ihm glauben, daß er seit Jahresfrist den schlechten Stand seines Vermögens selber nicht gekannt und dem Geschäftsführer schriftliche und mündliche Vollmachten gegeben, deren Inhalt er gar nicht beachtet habe. Mußte er doch den letzten, einzig überzeugenden Grund, der in der Tiefe seines Seelenlebens lag, verschweigen. Die Richter sprachen von einem leichtsinnigen, ja von einem schelmischen Bankerott, und er hatte doch nur aus bitterer Not Bankerott gemacht, aus Liebesnot. Er schimpfte inwendig auf die erbärmliche Rechtspflege, welche gar keine Rubrik besitze für einen Bankerott aus Liebe, hätte sich jedoch eher die Zunge abgebissen, als daß er von dieser Ursache seiner Verschwendung und seines adeligen Abscheues gegen gemeine Rechnungsbücher, Wechsel, Quittungen und dergleichen bürgerliche Papiere gesprochen hätte. Sein geheimes Lieben war ihm heilig, er hatte es über alle Wolken hochgehalten, sollte er's in einen ganz ordinären Gantprozeß herunterziehen? Und sollte er wohl gar zu den Akten geben, daß er so ungeheuer viel Geld und Mühe verschwendet für ein Mädchen, welches dann ihrerseits am Ende vielleicht zu Protokoll erklärte, daß sie von seiner Liebe niemals etwas gewußt habe noch habe wissen wollen? Er hatte für den höchsten Besitz, für den Besitz des edelsten, echtesten Menschenherzens schnöde Erdengüter eingesetzt, und wenn er diese nun verlor, war das ein leichtsinniger Bankerott? Und konnten seine Richter und Gläubiger denn überhaupt entscheiden, daß er in diesem Handel Bankerott gemacht habe? Das konnte nur Susanne und er selbst.

Mit solchen Gründen erhitzte und kühlte er zugleich seinen brausenden Zorn. Freilich würden sie ihm, wenn er sie ausgesprochen, nicht viel genützt haben; wie viel weniger also, da er sie steif und fest für sich behielt?

Kein Wunder, daß der Prozeß einen schlimmen Ausgang nahm. Das leichtsinnige Bankerottieren war seit einiger Zeit zu Frankfurt stark in Mode gekommen; man mußte ein Exempel statuieren und tat es vielleicht doppelt gern bei einem Manne, der vornehmer, feiner und besser hatte sein wollen als seine Mitbürger. Also erkannte der Rat zu Recht, daß Franz Hertorf »einen schelmischen Bankerott gespielet«, zumal er noch nicht zwei Jahre Haus gehalten. Man ließ ihm aber aus besonderer Huld die Wahl zwischen drei Strafen: entweder er solle dreimal je zwei Stunden am Halseisen stehen oder lebenslang einen gelben Hut tragen oder auf ewig im Schuldturm sitzen.

Die Wahl schien nicht gar zu schwer und der gelbe Hut sicherlich das kleinste von den drei Übeln. Doch Franz Hertorf wollte diesmal nicht wieder leichtsinnig sein und bat um Bedenkzeit, daß er sich mit seinem Advokaten berate. Dieser empfahl das Halseisen; es sei zwar nicht die angenehmste, aber doch die kürzeste Strafe, sechs Stunden seien geschwind vorbei, auch fehle es hier nicht an achtbaren Vorgängern, denn erst um Weihnachten habe ein wirklicher Edelmann wegen Diebstahls an demselben Eisen gestanden.

Franz fuhr den wohlmeinenden Ratgeber fast zornig an und rief, solche Schande wolle er nimmer erleben, und fragte dann, ob der gelbe Hut nicht vorzuziehen sei. Man könne ja Winters und Sommers etwa einen Strohhut tragen.

Als ihm aber der Advokat erklärte, was es mit dem gelben Hut für genauere Bewandtnis habe, da fiel ihm das Herz in die Schuhe. Wer nämlich als Bankerottierer zum gelben Hute verurteilt war, der mußte, laut eines Ratsschlusses von 1581, samt seiner Familie geringer gekleidet gehen als die übrigen Bürger und jedes öffentlichen Verkehres mit ehrlichen Leuten sich enthalten bei Gefängnisstrafe; auch war er unfähig zu städtischen Ämtern, also ausgestoßen aus der Gesellschaft und politisch tot. Da hatte der Advokat also doch mit gutem Grunde das Halseisen als bequemer empfohlen: gleiche Schande lastete auf der eisernen Halsbinde wie auf dem gelben Hute, allein das Sinnbild der Schande trug man dort doch nur sechs Stunden, hier aber sein Leben lang.

Hertorf wollte verzweifeln über der Qual der Wahl. War hier am Ende gar die härteste Strafe die mildeste? Sollte er ewiges Gefängnis, welches im ersten Augenblicke kein Mensch vorgezogen hätte, nicht doch zuletzt als Frucht reiflicher Erwägung begehren? In den Schuldturm nahm er seine Ehre mit und konnte sie auch unverletzt wieder heraustragen, aber leider nur, wann er selber im Sarge herausgetragen wurde. »Ewig« spricht sich so kurz und ist doch ein gar langes Wort. Mit dem Halseisen oder dem gelben Hute war er tot für seine Mitbürger, tot für die Gemeinde; in ewiger Schuldhaft war die ganze Welt tot für ihn. Am liebsten hätte er sich gleich den Hals abgeschnitten, um der Wahl zwischen jenen zweierlei Arten von Tod durch eine dritte, noch tödlichere Todesart enthoben zu sein, allein fürs Leben würde er dadurch wenig gewonnen haben und für die Ehre auch nicht viel.

Nach langem Hin- und Widerreden erklärte endlich der Advokat, so ein wählerischer Mensch sei ihm in seiner ganzen Praxis noch nicht vorgekommen, und überließ den überkritischen Weinhändler, dem nicht zu raten und nicht zu helfen sei, dem eigenen einsamen Nachsinnen. Kaum aber sah sich Franz Hertorf allein und ohne Rechtsbeistand, so fand er auch einen erleuchteten Gedanken: Susanne sollte entscheiden!

Und kaum gedacht, so schrieb er auch schon einen Brief an die Tochter des Schöffen, und erst beim letzten Punktum erschrak er über seine eigene Kühnheit. Allein der Brief war geschrieben und ward augenblicklich gesiegelt und fortgeschickt.

Es war sein erster Brief an Susannen: wenige trockene Zeilen mit einer kurzen Schilderung der Sachlage und der schweren Frage, welche von den drei Strafen zu wählen sei. Franz empfand viel zu stolz und dachte viel zu gescheit, als daß er auch nur die leiseste Ahnung von jener Leidenschaft hätte durchschimmern lassen, welche in diesem Augenblicke qualvoller als je zuvor sein Herz zerriß. Er hätte an seine Richter nicht gedrängter und gegenständlicher schreiben können wie jetzt an die Jungfrau, und sie stand in der Tat als der Hauptrichter vor seiner bangenden Seele.

Dennoch sagte er, da er das karge Blatt abgesendet, zu sich selbst: »Das ist nun mein erster Liebesbrief!« – nicht als ein Brief, in welchem er seine Liebe erklärt, sondern durch welchen er vielmehr die Liebe Susannens, wenn sie auch nur in einem Fünklein geglommen hatte, zur Aussprache bringen mußte. Darum hoffte er auch, sie werde sich für gar keine von den drei Strafen entscheiden, sondern mit ihres Vaters Einfluß Aufschub, Gnade für Recht oder wenigstens Abwendung der äußersten Schande herbeiführen. Der Schöff hatte freilich während des Prozesses nicht die mindeste Gunst für den Angeklagten gezeigt; allein was vermochte die geliebte Tochter nicht allezeit über den Vater!

Hertorfs Hoffnungsträume schwangen sich sogar noch kühner auf. Niemals hatte er auf das Geld der Jungfrau gerechnet: da sie aber nun doch einen steinreichen Vater besaß, so konnte sie immerhin den Alten zu einer Bürgschaft bewegen, zu einem Vorschuß, zur Einleitung eines Vergleiches mit den Gläubigern. Als er den Brief schrieb, hatte Franz nicht an dergleichen gedacht, es fiel ihm nur so nachträglich ein; doch wies er den Gedanken alsbald wieder von sich wie einen teuflischen Versucher. Nein, er wollte nicht losgekauft sein, er wollte kein Almosen aus eben der Hand, welche vielmehr von ihm den höchsten Reichtum des Lebensglückes hatte empfangen sollen. Er begehrte nur sein Urteil.

Es kam in zwei Worten ohne Anrede und Unterschrift, aber sie waren von Susannens Hand und in ihrem Geiste. Sie lauteten:

»Ewiges Gefängnis.«

Franz Hertorf meldete sich zum Schuldturm auf Lebenszeit. Und es geschah ihm sein Recht, wie er's gewollt.

Fünftes Kapitel

Tief entrüstet hatte Susanne von fernher gesehen, welches schlechte Ende Franz Hertorf selbstverschuldet nahm. Doch konnte sie sich der alten Teilnahme nicht erwehren, als er ihr in dem Briefe noch einmal nahetrat. Urkunde dieser Teilnahme war die sechssilbige Antwort; denn hätte sie ihn nach Empfang des Briefes noch gerade so schwer verdammt wie vor demselben, so würde sie ihm gar keine Silbe geschrieben haben.

Als Hertorf das ewige Gefängnis vorzog, empfand sie eine stille Beruhigung, oder sollte man's Freude nennen? Er hatte doch Ehre im Leibe. Sie ward sehr nachdenklich wegen dieser Ehrenprobe. Wie dann so Woche um Woche verstrich und das Stadtgespräch über den leichtsinnigen Menschen verklang und der Gefangene rascher, als man's hätte denken sollen, in Vergessenheit sank, da wuchs ihre verschwiegene Teilnahme gar seltsam. Sie blickte zurück auf seinen abenteuerlichen Lebenswandel und fand jetzt überall Züge edeln Ehrgeizes, wo sie früher nur den Hochmutsteufel wahrgenommen. In der Tat, hier waltete ein gewisses adeliges Wesen. Und das Schuldenmachen war ja auch adelig.

Und doch begriff sie bei alledem nicht ganz, warum Franz gerade von ihr sein Urteil gefordert habe. Sie, die Tochter des vornehmen Hauses, mußte natürlich den Ehrenpunkt allein entscheiden lassen, während Hertorf, der bürgerliche Weinhändler, doch ganz leicht einen Ausweg hätte finden können zwischen höchster Schande und schwerster Strafe, den sie ihm nicht anraten gedurft. Er konnte ja den gelben Hut wählen, bei nächstem Anlaß aber aus der Stadt entweichen und anderswo sein Glück suchen. War er nur einmal vor dem Tor, so warf er den Hut in den Main, und kein Mensch sah es seinem Kopfe nachgehends an, ob einmal ein gelber Hut darauf gesessen. Was fesselte ihn denn so unlösbar an Frankfurt?

Beim Nachsinnen über diese Frage gingen der schönen Susanne, deren schwarze Augen etwas kurzsichtig waren, plötzlich einige kleine Lichter auf. Sie entdeckte einen gewissen Zusammenhang zwischen der Hoffart, welche den jungen Mann zu Fall gebracht, und seinen Besuchen in ihrem Hause, zwischen seinen tausend abenteuerlichen Plänen und der bewegten Stimme, womit er sie immer angeredet. Dienstfertige Freundinnen hatten ihr dergleichen mehrmals vordem zu Ohren gesagt, aber sie hatte es nicht hören wollen.

Sie prüfte nochmals Hertorfs Brief, sie wog Zeile für Zeile: er las sich wirklich gar nicht wie ein Liebesbrief, und dennoch konnte er von der höchsten Liebesverzweiflung diktiert sein. Also war sie wohl gar die unschuldige Mitschuldige an des jungen Mannes Ruin? Schuldlos, weil sie ja nicht geahnt, daß er ihr zuliebe Bankerott gemacht, und dennoch schuldig, weil sie nicht viel entschiedener die Liebe und den Bankerott zurückgescheucht hatte.

Sie fühlte scharfe Gewissensbisse, und obgleich es ihr feststand, daß sie nicht hart und kalt genug gegen Franz gewesen sei, so fand sie ihn doch jetzt aus der fernsten Ferne weit besser und liebenswerter, als er ihr sonst jemals aus der Nähe vorgekommen war.

Es schien aber, als seien diese beiden Naturen bestimmt, sich nur zu nähern, um sich desto gewisser zu fliehen. Denn dem Gefangenen erging es gerade umgekehrt. Während er vordem das Mädchen von fernher so wunderschön gefunden und von fernher am glühendsten für sie geschwärmt, erkannte er jetzt aus der Fernsicht des Schuldturmes, wie toll und lächerlich er gehandelt und wie hart er zurückgestoßen worden war; er verschloß seine Augen gewaltsam dem verlockenden Bild, welches ihn bis dahin so oft in die Irre geleitet, und indes Susanne nunmehr mit wachsend erregter Phantasie aus der Ferne seiner gedachte, prüfte er aus der Ferne seinen traumhaften Liebeswahn mit immer wacherem Verstande.

Inzwischen peinigte sich des Schöffen Tochter dergestalt mit ihren Selbstanklagen und anderen rätselhaften Qualen, daß sie bleich und vergeistert aussah, als habe sie selber im Turme gesessen. Das mußte ein Ende nehmen. Und wie sie denn allzeit ein etwas heroisches Frauenzimmer war, furchtlos und geradeheraus, so sagte sie eines Tages ihrem Vater, mit welchem sie am Mainufer spazierte, der junge Hertorf im Schuldturm lasse ihr keine Ruhe, er sei gewiß zu hart bestraft worden, sie selbst aber habe sicher beigetragen, daß er die härteste Strafe gewählt, – und erzählte von ihrem seltsamen Briefwechsel, der den Ausschlag gegeben. Von der geheimen Ahnung, daß Franz ihr zuliebe ein Bankerottierer geworden, erzählte sie freilich nichts.

Der Alte wies sie barsch zurück; er wollte gar nichts mehr hören von dem leidigen Prozeß. Auch als Susanne hinzufügte, ein Betrüger sei Hertorf doch unmöglich, sonst würde er ein freies Leben in Schande einer ewigen Haft in Ehren vorgezogen haben, machte sie keinen besonderen Eindruck. Mit so subtilen Gründen richtete man nichts aus bei dem Schöffen.

Da kreuzte zufällig ein seltsamer Aufzug den Weg. Unter großem Volkszulauf fuhr man sechs Fässer herbei, und auf einem jeden steckte ein rotes Fähnlein mit der Aufschrift: »Stummer Wein« (so hieß damals der gefälschte Wein, weil er keine Ansprache hat an Auge, Zunge und Herz); vor den Fässern aber ging der Stöcker, des Henkers nächster Vetter, und als sie zum Fluß gekommen waren, schlug er den Fässern den Boden ein und ließ die trübe Brühe ins Wasser laufen.

Schöff Silberborn blieb nachdenklich bei dem Schauspiele stehen und sprach zu seiner Tochter: »Das ist doch ein rechter Schuft von einem Weinhändler, der die Leute mit dieser elenden Weinschmiererei hat betrügen wollen. Und wie milde straft man ihn durch das Ausgießen der Fässer, welche kaum die sechs roten Fähnlein wert sind! Solchen Betrug hat Franz Hertorf nie verübt; er hat allezeit reinen Wein geschenkt. Du sprachst von Ehre, Susanne: – sieh! ein allezeit reiner Wein, das ist die höchste Ehre eines Weinhändlers. Und mir scheint, den Milderungsgrund dieser Ehre hat man in der Tat beim Urteil des jungen Hertorf vergessen.«

Durch fremde Gründe und die feinen Gedanken Susannens wollte der Schöff sich nicht bekehren lassen, aber die Gründe, welche er aus sich selbst entwickelte im Anblick eines so lehrreichen Exempels, wirkten sichtbar. Doch sprach er nichts weiter.

Er hielt es auch geheim vor seiner Tochter, daß er desselben Tages noch in den Schuldturm ging, um Franz Hertorf zu besuchen und ihm einmal kräftig auf den Zahn zu fühlen.

Der Gefangene saß vor einem Stoß Rechnungsbücher, welche er für ein großes Handelshaus verglich und auszog: denn in der Buchführung war er Meister.

»Ihr habt da eine etwas trockene Unterhaltung«, bemerkte der Schöff nach dem Wechsel der ersten Grüße. »Es ist gar keine Unterhaltung, sondern eine Arbeit, und zwar fürs Geld«, erwiderte Hertorf kurz und ohne sich stören zu lassen.

Ein langes Schweigen folgte. Endlich nahm der Schöff wiederum das Wort. »Seid Ihr zufrieden mit Eurem Arrest?« – »Nein!« entgegnete Franz, »das bin ich ganz und gar nicht. Durch ein Trugbild von Ehre habe ich mich hierher locken lassen und bereue jetzt bitter, daß ich den gelben Hut nicht vorgezogen.«

»Oh, hätte doch Susanne dieses Wort gehört«, dachte der Schöff, »sie könnte dann ihre Einbildungen von der Kavaliersehre eines Weinhändlers ein wenig aufklären!«

Dann sprach er laut: »Und warum gefällt Euch denn der gelbe Hut jetzt besser als vordem?«

»Einen Augenblick Geduld, Herr Schöff!« murmelte der andere, »ich verliere sonst den Faden meiner Addition.«

Und nachdem er die Summe ausgezählt und eingeschrieben, stand er auf und sprach: »Weil ich den gelben Hut für ehrenvoller halte! – Ihr staunt? – Ich ging allerdings hierher, daß ich meine Ehre rette um den Preis der Freiheit. Aber ist es nicht die größte Schande, daß ich mich hier füttern lasse, indes nicht wenige geringe Leute darben, welche durch den Leichtsinn meines Bankerottes ihr Geld verloren haben? Seht, wenn ich den gelben Hut gewählt hätte, so könnte ich jetzt als freier armer Teufel in Frankfurt oder anderswo weit mehr Geld verdienen als zwischen diesen Mauern; ich könnte in fünfzehn Jahren meine Schulden tilgen, indes ich hier, günstig gerechnet, hundert Jahre brauche, und das ist mir doch etwas zu lang und meinen Gläubigern vermutlich auch. Äußerlich gewönne ich wohl Schande bei dem gelben Hut, aber innerlich stets wachsende Ehre. Ein Gespenst der Ehre hat mich ruiniert. Allein Ihr müßt nicht meinen, ich habe die Ehre zu hoch gegriffen, nein! ich griff sie zu tief. Da ich nicht adelig geboren war, wollte ich wenigstens adelig leben; ich flog über meinen Stand hinaus, aber ich flog nicht hoch genug, denn ich blieb an der Ehre Eures Standes hängen, über welche ich mich kraft der innerlichsten Ehre noch hoch hätte erheben sollen. Um wie ein Edelmann zu leben, vertat ich Hab und Gut, um wie ein Edelmann zu leben, zog ich diesen Turm einer beschimpften Freiheit vor, aber der echteste Edelmann wäre ich dennoch gewesen, wenn ich zum gelben Hute gegriffen hätte, um möglichst rasch meine Schulden abzuarbeiten. Wo das Unrecht, welches ich anderen zugefügt, am sichersten getilgt werden kann, da ist für mich die Ehre wiederzugewinnen, nicht hier, wo ich bloß dem Zeichen der Schande entflohen bin.«

Der Schöff hätte dem Manne nach diesen Worten die Hand drücken mögen. Allein er tat es nicht, sondern schwieg und sann nur eine Weile und verabschiedete sich dann so trocken, wie er gekommen war.

Er tat aber etwas anderes. Er berief die Gläubiger zusammen, streckte eine stattliche Summe für Franz Hertorf vor und verbürgte sich für Ablösung und Verzinsung der Schuldenmassen in geregelten Fristen. Dann bewirkte er im Rat auf Grund dieser Verständigung und durch seine Fürsprache, die um so kräftiger durchschlug, weil sie so kurz war, daß man Gnade für Recht ergehen und den Gefangenen des Turmes wieder ledig ließ, nachdem er gerade ein Jahr darin gesessen. Er behauptete, dieser Franz Hertorf habe zwar echt adelige Schulden gemacht, sei aber jetzt zu so echt bürgerlicher Anschauung vom Schuldenzahlen gekommen, daß man dieselbe nicht hinter vier Mauern dem Gemeinwesen dürfe verlorengehen lassen.

Da sich nun aber der Schöff geschäftlich so enge verbunden hatte mit dem wiederausgelösten Franz Hertorf, so war es kein Wunder, daß der junge Mann jetzt täglich aus und ein ging im Hause des Schöffen. Doch sah er die Tochter anfangs nur selten, und beide hielten sich kühl und verschlossen gegeneinander. Keines gestand dem anderen ein Wort von früheren Empfindungen, nur gewahrte Franz, daß Susanne in der Nähe jetzt viel liebenswürdiger geworden sei als vorher, und Susanne, daß man den Franz jetzt auch aus der Ferne mit rechtem Wohlgefallen betrachten könne.

Zwei Jahre lebten sie so in wachsender Freundschaft. Da gestanden sie sich endlich doch einige Worte, welche etwas über die Freundschaft hinauszielten. Sie sagten aber dem alten Schöffen noch keine Silbe davon. Erst als Hertorf wieder selbständig festen Fuß in seinem neugegründeten Geschäft gefaßt hatte, wagte er, um die Hand der Tochter bei dem staunenden Alten zu werben.

Der Schöff kämpfte lange mit sich selbst. Da sagte Franz: »Bei der ersten Begegnung bin ich vom Pferde gefallen, zum ersten großen Liebeszeichen habe ich Bankerott gemacht, den ersten Liebesbrief schrieb ich, um zu erfahren, ob der Schuldturm dem Halseisen oder dem gelben Hute vorzuziehen sei, Susannens erste Liebe wandte sich mir zu, weil ich in ewigem Gefängnisse saß; dann gestanden wir uns lange unsere Liebe dennoch nicht, um eine zweijährige Freundschaft, die wir vor der ersten ungestandenen Liebe verabsäumt, vor der zweiten gestandenen Liebe nachzuholen – –«

Franz konnte nicht weiterreden. Lippold Silberborn fand auch kein Wort; endlich fand er Tränen, und da löste sich dem harten alten Mann mit dem Herzen dann auch die Zunge. Er sprach: »Da du deine Liebe durch jene innerlichste Ehre gewannest, für welche selbst der gelbe Hut keine Schande mehr ist, so bist du auch der Tochter aus einem edeln Hause nicht unwert, und ich sehe nicht ein, weshalb ich die Hand meines einzigen Kindes einem so einzigen Manne versagen soll, der den Most seiner Jugend so brausend hat vergären lassen wie nur irgendein Kavalier und doch als Mensch und bürgerlicher Weinhändler allezeit reinen Wein geführt hat.«

Im zweiten Bande von Lersners Frankfurter Chronik steht zu lesen:

»1666. Machte ein junger Kauffmann ein Banquerot von 10800 Rheinischen Gulden. Weil dieses ein schelmischer Banquerot ware, denn er noch nicht zwei Jahr Hauß gehalten hatte, wurde ihm von E. E. Rath aus folgenden dreyen Straffen eine zu erwählen aufferlegt: 1) Ob er drey Freytag nach einander jedesmahl 2 Stund am Halseisen stehen wolte? 2) Ob er Zeit seines Lebens einen gelben Hut wolte tragen? Oder ob er in ewiger Gefängnuß sein Leben wollte zubringen? Das letzte erwählet er, wird den 26. Martii in das Pantzerloch gesetzt. 1667 wiederumb erlediget worden.«

Der Chronist, welcher selbst zu den Geschlechtern des Hauses Limpurg gehörte, verschweigt den Namen des Kaufmannes wie die ganze Beziehung zum Schöffen Silberborn und seiner Tochter aus naheliegenden Gründen. Und die Welt würde den inneren Zusammenhang jenes wunderlichen Urteils und der so rasch erfolgten Begnadigung wohl niemals erfahren haben, wenn der Novellist den Chronisten nicht ergänzt und die ganze Kette der Tatsachen aus völlig verschütteten Quellen hier zum ersten Male ans Licht gestellt hätte.

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