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Durch Nacht und Eis - Band 3

Fritjof Nansen: Durch Nacht und Eis - Band 3 - Kapitel 17
Quellenangabe
typereport
authorHjalmar Johansen
titleDurch Nacht und Eis - Band 3
publisherF.A. Brockhaus
year1898
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid54303c89
created20070228
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Viertes Kapitel.

Das Leben auf der »Fram«.

Scott-Hansen stellt untertags magnetische Beobachtungen an, und einen um den andern Tag versuchen wir, wenn es das Wetter erlaubt, Ortsbestimmungen zu machen. Nansen ist dabei, den Salzgehalt des Wassers in den verschiedenen Tiefen zu untersuchen.

Die täglichen meteorologischen Beobachtungen bestehen in der Untersuchung der Windrichtung und Windstärke, der Bewölkung und des Wolkenzugs, sowie im Ablesen verschiedener Thermometer, Barometer, Barographen, Thermographen und Hygrometer. Dies geschieht alle vier Stunden bei Tag und Nacht, später alle zwei Stunden.

Eines Morgens war ich gerade mit diesen Beobachtungen beschäftigt und wollte hinuntergehen, als ich die Hunde, die wir der vielen Pressungen wegen wieder auf das Deck gebracht hatten, heulen und toben hörte. Es fiel mir auf, daß »Kaiphas« auf den Hinterbeinen an der Rehling stand und aufs Eis hinunter schaute, während er seine heisere Stimme unausgesetzt erschallen ließ. Ich beugte mich vorsichtig über die Rehling und erblickte dicht beim Schiffe den Rücken eines Bären. Vorsichtig schlich ich mich nach der Kajütenwand, wo mein Gewehr mit vollem Magazine hing. Inzwischen ging der Bär leise brummend am Schiffe entlang. Hätte meine Kugel ihn nicht aufs Blatt getroffen, so wäre er wahrscheinlich an Bord geklettert. Er brüllte, that noch ein paar Schritte und brach dann zusammen, nachdem er noch eine Kugel erhalten hatte. Die andern, die unten beim Frühstück gesessen, stürzten nun auch aufs Deck, als sie die Schüsse hörten.

Eine Stunde später waren Hansen und ich in einiger Entfernung vom Schiffe auf einer Eisscholle mit Beobachtungen beschäftigt. Plötzlich entdeckten wir einen Bären, der gerade auf uns los trollte. Sobald er aber auf dem Eise das Blut des Bären erblickt hatte, den wir neulich abgehäutet haben, richtete er seine Schritte dorthin.

Hansen griff schon nach dem Revolver, unserm ständigen Begleiter bei diesen Beobachtungen, als wir oben auf dem Achterdeck der »Fram« Peder mit seinem Krag-Jörgensen-Gewehr erblickten. Dieser legte an, drückte ab, spannte den Hahn wieder, zielte und drückte wieder ab, aber kein Schuß kam. Peder fluchte über die »lumpige Büchse«; »sie will nicht losbrennen«, sagte er. Natürlich kam es wieder daher, daß er mit Vaseline zu üppig umgegangen war.

Endlich ging der Schuß los. Der inzwischen ziemlich nahegekommene Bär stieß ein dumpfes Gebrüll aus, erhob sich auf den Hinterbeinen, beugte den Kopf, um sich in die Wunde zu beißen, schlug mit den Tatzen in die Luft, machte kehrt und lief zwischen den Eishügeln fort. Hansen eilte mit dem Revolver hinterher, fand den Bären auf dem Eise liegen und schoß ihm zwei Kugeln in den Kopf. Später stellte sich heraus, daß Peder's Kugel ihm gerade durchs Herz gegangen war. Das war ein guter Treffer in früher Morgenstunde; es hat den Anschein, als würde es uns auch fernerhin nicht an frischem Fleische mangeln.

Nansen fährt jetzt die Hunde ein. Wenn alle in einer Richtung ziehen, geht es ausgezeichnet, leider aber wollen sie das nicht immer thun. In rasender Geschwindigkeit geht es dahin, besonders auf dem Heimwege zum Schiffe.

Sverdrup hat beschlossen, Geräthe zum Bärenfang anzufertigen; er denkt an eine Falle und hat auch schon von einer Fallgrube gesprochen. »Wenn wir nur nicht Hunde statt der Bären drin fangen«, meint Nansen.

Die Hunde sind so wild, daß sie sich alle Augenblicke losreißen. Die andern melden es jedoch sofort, wenn einer ihrer Kameraden auf das Eis hinuntergesprungen ist; sie scheinen einander kein Vergnügen zu gönnen.

Die Temperatur beträgt jetzt -24° bis -25° C. Im Salon schwankt sie zwischen +6° und +12° C. In den Schlafräumen wird es gewiß sehr feucht werden. Wir müssen uns Matten anschaffen, die wir zwischen den Schlafsack und die Dielen legen, damit der erstere vor Feuchtigkeit geschützt ist. Jacobsen hat ein sehr complicirtes Netz aus Baumwolldochten und Blechgefäßen angefertigt, das die Feuchtigkeit aufsaugen soll.

Juell wollte eines Tages einen Kuchen backen, was recht oft vorkommt. Dazu wurde eine Art Backpulver genommen, über dessen Gärkraft Juell sich vielleicht nicht ganz klar war. Genug, wir merkten, daß sich aus der Küche ein ganz verdächtiger Geruch verbreitete. Da kam Bentsen in die Kajütenthür und rief uns zu: »Jungens, der Kuchen kommt hinter mir her!« Juell hatte mit großen Buchstaben »FRAM« auf den Kuchen gemalt, und Bentsen erzählte, daß diese Buchstaben einer nach dem andern zur Thür hinausgelaufen seien. »Das F, das R und das A sind schon draußen«, sagte er, »jetzt ist nur noch das M übrig, und das ist so auseinandergelaufen, daß es den ganzen Kuchen bedeckt.«

Wir benutzen in der Kajüte keinen Ofen, sondern brennen dort eine Lampe. Blessing beschäftigt sich mit dem Untersuchen des Kohlensäuregehalts der Luft im Schiffe und draußen.

Wir haben einen schwarz und weißen Hund, der mich durchaus nicht leiden kann. Sowie er mich auf Deck sieht oder hört, bellt und knurrt er unausgesetzt. Ja, wenn ich mich in den Ausguck begab, um die dort angebrachten Thermometer abzulesen, und er den Schein der Laterne gewahrte, die ich während des Kletterns im Takelwerk auf der Brust trug, so wußte der Hund, selbst wenn er sich weit draußen auf dem Eise befand, daß ich es war, und sofort stimmte er ein wüthendes Gebell an. Ich muß ihn gewiß geängstigt haben, als Hansen und ich uns zum eisten male in Wolfsfellkleidern zeigten. Der Hund hieß deshalb nicht anders als »Johansen's Freund«.

Am 25. October wurde die Windmühle, die das elektrische Licht erzeugen sollte, zum ersten male probirt. Das Resultat war besser, als wir es nach den früher angestellten Versuchen hatten erwarten können. Strahlend vor Freude aßen wir bei glänzender elektrischer Beleuchtung zu Mittag, gedachten dankbar Oskar Dickson's, der uns die Anlage geschenkt hatte, und tranken sein Wohl in bairischem Bier. Bis zum ersten Weihnachtsfeste hatten wir bairisches Bier, Bockbier und Haushaltungsbier, dann aber war es damit vorbei, und wir mußten uns an eine Mischung von Citronensaft, Zucker und Wasser halten.

Das elektrische Licht gewährte uns ebensoviel Nutzen als Freude. Ein Wind von 4–5 Meter in der Secunde war stark genug, die Windmühle in Gang zu halten, und wir nannten daher einen solchen Wind von nun an immer »Mühlenbrise«.

Am 26. October war an Bord und auf dem Eise ein großes Fest. Der erste Geburtstag der »Fram« sollte würdig gefeiert werden. Die Herrlichkeit fing schon früh morgens mit Weizenbrötchen und Apfelkuchen zum Frühstücke an. Hansen, Blessing und ich machten uns sofort daran, zur Ehre des Tages ein Preisschießen zu arrangiren, und es war wirklich ein feierlicher Moment, als wir uns mit unser« Gewehren auf der Schießstätte versammelten.

Es war gerade der letzte Tag, an dem wir die Sonne sahen, ehe sie uns auf Monate verließ. Blutroth und plattgedrückt versank sie zum letzten male vor unsern Blicken, um sich erst dann wieder zu zeigen, wenn das alte Jahr um ist. Auch der Mond stand mitten am Tage hell und klar am Himmel.

Das Festcomite suchte allerlei Plunder zu Preisen für die Schützen hervor und fügte jedem eine Devise bei. Die Vertheilung sollte am Abend unter großer Feierlichkeit vor sich gehen. Hansen hatte aus Birkenholz einen geschmackvollen Orden hergestellt und ihn mit einem Endchen Blondenspitze verziert, das er Gott weiß wo gefunden. Dies war unser feinster Preis, der Jacobsen mit folgender Devise ausgehändigt wurde:

Den Preis gewannst du,
Das Centrum fandst du.
Den Sieg allen nahmst du,
Den Orden bekamst du.
Nimm ihn in Acht! Verliere ihn nicht!
Sonst wird es genau dieselbe Geschicht'
Wie mit der Mütze, die abhanden gekommen.
Ehe ihr Herr es selber wahrgenommen!

Jacobsen trug gewöhnlich zwei Mützen übereinander. Dabei war ihm einmal, als er die Wache auf der Kommandobrücke hatte, die oberste vom Winde entführt worden, ohne daß er es gemerkt hatte.

Den zweiten Preis, eine Schlafmütze, erhielt ich mit folgender Devise:

Schütz und Professor in einer Person,
Das geht doch nicht an, mein theurer Mohn!
Der Schütze trägt freilich den Preis nach Haus,
Der Professor guckt lieber zur Nachtmütz' heraus!

Ich wurde »Professor Mohn« genannt, weil ich die meteorologischen Beobachtungen anstellen mußte.

Von den übrigen Devisen will ich noch folgende anführen. 4. Preis, eine Pfeife aus Renthierhorn, für Sverdrup.

»Langbüchse« hat heute wol Streik gemacht,
Ein anderer prangt nun in Ordenstracht,
Die Pfeife dir dennoch willkommen sein mag.
Du weißt ja, es kommt 'mal ein anderer Tag.

Sverdrup nannte sein Gewehr nicht anders als »Langbüchse«. 6. Preis, Hendriksen, drei Cigarren.

Seit in die Küche Heika ist gekommen,
Hat man 'ne Aenderung an ihm wahrgenommen,
Denn die Gedanken sind jetzt all' beim Braten;
Das taugt nicht, Heika, laß dir bestens rathen.

Die drei Cigarren wollen wir dir geben,
Du kannst sie rauchen oder auf sie heben.
Siehst in den Lüften du den Rauch zerfließen,
Denk dann, es sei wie bei dem Scheibenschießen.

Peder Hendriksen wurde an Bord auch »Heika« genannt. Er hatte diesmal gerade Küchendienst. Der Koch hatte immer einen Mann zur Hülfe, der jede Woche durch einen andern abgelöst wurde.

7. Preis, Bentsen, eine Rolle Kautaback.

Zielst du auf den innern Ring,
Folg' getreulich meinem Wink:
Nimm 'ne Priem von deinem alten
Und laß dann den Herrgott walten.

8. Preis, Pettersen, ein Renthierhorn, das er übrigens nie bekommen hat.

Als tapfrer Schwede wollt über's Ziel hinaus er schießen,
Doch da dies ward monirt, zielt er zuweit nach vorn.
Deshalb erhält als Preis er dieses feine Horn
Und nehme fernerhin das rechte Ziel aufs Korn!

9. Preis, Nansen, ein Wisch Putzwerg.

Vorwärts geht es und geht zurück.
Gott bewahr' uns vor solchem Geschick!
Nimm dies Putzwergwischelein,
Putz' deine Flint', o Freundchen mein!

10. Preis, Nordahl, ein Notizbuch.

Dies Buch wir geben dem Mann von den Lichten,
Nicht weil er das Centrum getroffen, mit nichten,
Nein, nein, damit in das Büchlein er schreibe,
Daß nicht jeder schießen kann nach der Scheibe.

Am Abend versammelten wir uns um eine Bowle, die »Fram-Punsch« genannt wurde und aus Citronensaft, Zucker, Wasser und eingemachten Erdbeeren oder Moltebeeren bestand.

Am 27. October nahmen wir das Steuer aus dem Ruderbrunnen, in dem es festgefroren war, heraus. Wir waren gerade bei dieser Arbeit, als plötzlich ein scharfes, blaues, klares Licht auf das Schiff und das nächstliegende Eis fiel. Es war eine Feuerkugel von außergewöhnlicher Größe und auffallendem Glanze. Sie hinterließ einen doppelt so langen Streifen glühender Theilchen, die recht lange leuchteten.

Messing ist jetzt wieder bei der monatlichen Blutuntersuchung. Bei den meisten hat die Anzahl der Blutkörper sich nicht vermindert, sondern im Gegentheil zugenommen.

Nansen hat zum ersten male aus der Meerestiefe seltsame Pflanzen und Thiere mit der Grundzange des Tiefseelothes und dem Schleppnetz heraufgeholt. Es scheint also hier unter der Eisdecke Thier- und Pflanzenleben zu geben.

Am 31. October war Kapitän Sverdrup's Geburtstag, der natürlich als großer Festtag begangen wurde. Wir schwelgten in dem Besten, was uns das Schiff bieten konnte.

Die Naturkräfte waren ebenfalls so freundlich, ihren Antheil zur Feier beizutragen. Es wehte eine solche »Mühlenbrise«, daß alle elektrischen Lampen im Salon brannten. Die Bogenlampe sandte ihre mächtigen Strahlen durch das Oberlicht der Kajüte und erleuchtete das Halbdeck, sodaß die Hunde wie im hellsten Tageslicht lagen. Weit über das Eis hinaus warf sie ihren Schein, und die Thiere dort draußen werden sich darüber vermuthlich sehr gewundert haben. Zur Ehre des Tages wurde allgemeines Revolverschießen veranstaltet, bei dem Scott-Hansen den besten Schuß that.

Mogstad und Blessing haben einander zu einem »match« auf Revolver herausgefordert, und es sind schon viele Wetten darauf eingegangen worden. Das Schießen verlief unter großer Spannung seitens der Zuschauer. Blessing blieb mit 25 Punkten Sieger, während Mogstad es nur bis auf 21 gebracht hatte. Ein lautes »Hurrah« für den Sieger hallte auf dem Eise wieder.

Die Kälte beträgt jetzt unter -30°. Trotz dieser Temperatur heizen wir noch immer nicht den Ofen im Salon. Wir sind jetzt mit Winterunterzeug versehen worden; es besteht aus englischen Tricotunterkleidern und norwegischen Bauernstrümpfen. Sverdrup hat ein vorzügliches Schuhzeug eingeführt, Holzschuhe mit hohen Segeltuchschäften, und die meisten von uns haben sich an ihm ein Beispiel genommen und sich solche Stiefel gemacht. Die Stiefel sind so weit, daß man darin viel auf die Füße ziehen kann, und für Hansen und mich, die wir bei den magnetischen Beobachtungen oft stundenlang auf dem Eise stillstehen müssen, kann es gar nichts Besseres geben.

Am 5. November wollten wir ein Wettrennen auf dem Eise abhalten. Eine gerade, schöne Rinne war zu einer brauchbaren Bahn gefroren; wir hatten sie abgesteckt, und Juell hatte 13 Preise, aus 13 Kuchen bestehend, geliefert; der erste war eine große Torte, der dreizehnte ein kleines Plätzchen.

Doch als der Tag kam, war unsere Bahn mitten durchgerissen. Die Spalte war zwar nicht so groß, daß wir nicht sehr gut hätten hinüberspringen und unsern Lauf auf der andern Seite fortsetzen können, wir waren jedoch viel zu faul dazu, als es schließlich losgehen sollte. Die Preise ließen wir uns aber nicht nehmen, sondern vertheilten sie auf dem Wege der Verlosung, eine Methode, die wir alle einstimmig für viel leichter und besser als jede andere Anstrengung erklärten.

Am Tage darauf waren infolge des starken Südwestwindes, der einige Zeit geweht hatte, verschiedene offene Stellen im Eise; einen solchen Wind haben wir gar zu gern, denn er treibt uns nach Norden, wohin uns unsere Sehnsucht zieht.

Die Hunde haben jetzt wieder einen Kameraden umgebracht. Diesmal hat »Ulabrand« ins Gras beißen müssen. Wie der selige »Hiob« war er erwürgt worden, und dann hatten sie ihm das Blut ausgesogen. Wir haben noch zwei, die die andern Bestien nicht ausstehen können; der eine ist »Hiob's« Bruder, der andere ein kleiner, Weißer. Wenn die Hunde die Freiheit nicht vertragen können, müssen sie sich die Fesseln gefallen lassen und sind daher wieder an Bord angekettet worden.

Es wird jetzt darüber nachgegrübelt, wozu wir das ungereinigte Theeröl, mit dem wir nicht mehr heizen dürfen, wol verwenden könnten. Bisjetzt haben unsere Speculationen noch kein Resultat ergeben. Bei den Petroleumkochern, auf denen wir unsere Speisen bereiten, werden sehr viele rundgewebte große Dochte verbraucht, und wir fürchten, daß unser Vorrath davon eher zu Ende sein dürfte, als uns lieb wäre. Sverdrup, der alles kann, ist jetzt dabei, uns einen Webstuhl zu bauen.

Wir können keinen salzfreien Schnee finden; selbst bis in die Tonne hinein dringt das »Erdgestöber«, wie wir es nennen, wenn der Wind den Schnee aufwirbelt.

Das Eis um die »Fram« herum ist geborsten und preßt sich zusammen. Richtige Kraftproben vollziehen sich vor unsern Augen, wenn die Schollen aneinander prallen und in kleine Stücke zermalmt werden oder sich zu Eisrücken und Eishügeln aufthürmen.

Wir haben angefangen, für die Hunde Geschirre von Segeltuch zu fabriziren, damit wir jederzeit mit ihnen fahren können.

Die Hunde sind doch eigenthümliche Thiere. Jetzt fallen sie gemeinschaftlich über »Sultan« her. Es sieht beinahe so aus, als hätten alle über ihn Gericht gehalten, und das Urtheil lautete auf Tod. Sowie sich ihnen Gelegenheit bietet, stürzt sich die ganze Schar, »Pan« an der Spitze, auf den Verurtheilten, um ihm den Garaus zu machen. So verfuhren sie mit »Ulabrand« und »Hiob«.

Der zum Tode verurtheilte Hund weiß dies ganz genau; er ist muthlos, läßt die Ohren hängen und schleicht ängstlich ganz allein herum. Augenblicklich sind »Barrabas«, »Sultan« und ein kleiner Weißer zum Tode verurtheilt. Wir wagen es nicht, sie bei Tage mit den andern frei auf dem Eise herumlaufen zu lassen, sondern behalten sie beständig an Bord.

15. November. Sobald wir Mühlenbrise haben und das Elektrizitätswerk in voller Thätigkeit ist, können wir uns wirklich in eine Fabrik versetzt glauben, wenn wir das Halbdeck auf dem Wege zur Tischlerwerkstatt passiren und das Surren der Maschine und der Riemenscheiben hören.

Diese Illusion verflüchtigt sich jedoch, sobald wir auf Deck kommen, wo sich die Kälte infolge des Windes doppelt fühlbar macht und durch Mark und Bein dringt, während das Auge in der Dunkelheit nur die unendliche Eiswüste erblickt, in der unsere kleine Gesellschaft alles sichtbare Leben repräsentirt.

Das Nordlicht ist manchmal so stark, daß der ganze Himmel in Flammen steht. Vom Zenith herab breitet es sich in Feuer und Flammen aus. Eine Krone mit feurigen Zungen zieht sich abwärts und vereinigt sich dort mit Bändern und Draperien; fächerförmige Strahlen entzünden sich plötzlich und gehen in weiche, flatternde, in allen Regenbogenfarben spielende Wimpel über, während sich unten am Horizont der Nordlichtnebel in mystischem Schimmer ausbreitet. Wir waren so daran gewöhnt, daß sich bei klarem Himmel Nordlichter zeigten, daß wir uns eigentlich nur dann darum kümmerten, wenn sie besonders schön waren.

Bei Dunkelheit und Kälte geht alles langsamer. Auch zur geringsten Arbeit müssen wir Licht haben und warm angezogen sein, daher nehmen die Kleinigkeiten soviel Zeit weg, und wir sind beständig in Anspruch genommen.

Scott-Hansen zeigte bei seinen magnetischen Beobachtungen trotz der wirklich schweren Arbeit eine einzig dastehende Ausdauer und Geduld. Stundenlang konnte er mit seinen Instrumenten in Dunkelheit und Kälte auf dem Eise stehen, die Schwingungen und den Ausschlag der Magnetnadel beobachten und mit der Lupe die feinen Gradeintheilungen ablesen, wobei er den Atem anhalten mußte, damit sich keine Eisdecke auf sie legte. Es ist wirklich zu bewundern, daß er Hände und Füße nicht mehr erfroren hat, als es der Fall war.

Im ersten Winter, als er auf dem bloßen Eise arbeiten mußte, da wegen der Pressungen kein Zelt aufgeschlagen werden konnte, half ich ihm bei den Beobachtungen. Später bauten wir uns eine Schneehütte, und dort ging es ausgezeichnet. Den ersten Winter hindurch aber mußten wir immer mit unsern Kasten und Stativen in die Dunkelheit hinausziehen. Wenn wir eine Weile stillgestanden hatten, machten wir einen kleinen Dauerlauf, gingen auf den Händen, schlugen Purzelbäume oder tanzten. Am schlimmsten war es für unsere Hände, die wir doch hin und wieder entblößen mußten. Wie schön war es dann, wieder an Bord zu kommen und im warmen Salon der »Fram« eine Tasse heißen Thee in den Leib zu bekommen!

Eines Sonntags abends, während wir, Hansen, Blessing, Sverdrup und ich, gemüthlich Mariage spielen, fällt es den beiden Erstgenannten ein, daß jetzt ein Schluck Bier vortrefflich schmecken müßte. Die beiden haben nämlich die Gewohnheit, sich das zu ihrer Mittagsportion gehörige Bier oder wenigstens einen Theil davon aufzuheben. Irgendein Spaßmacher, wahrscheinlich Bentsen, fand, daß diese Sammelwuth zu irgendetwas gut sein könnte, und vermischte, ohne daß es einer wußte, das Bier in der einen Flasche mit Kaffee und Wasser.

Mit großer Feierlichkeit wollten wir uns also an dem köstlichen Bockbier laben. Der Kapitän und ich sollten auch jeder ein Glas bekommen, aber keiner wollte zuerst trinken; es war gerade, als ob wir etwas ahnten. Ich werde Hansen's Gesicht und Geberden, als er einen Schluck getrunken hatte, nicht so leicht vergessen, und ebenso wenig, wie der Doctor sich anstellte, als er das Getränk probiren sollte, um zu sagen, was es für ein Gemisch sei.

Brüllendes Gelächter übertönte die Ergüsse der beiden, die von nichts weniger als liebevollen Gesinnungen gegen den Thäter Zeugniß ablegten. Sie bemühten sich, den Schuldigen ausfindig zu machen, aber ohne Erfolg, was den Spaß noch vergrößerte. Es gab großen Lärm, und die brennende Frage des Tages an Bord war, wer wol der Kaffeemischer sein möchte. Wir haben ihn jedoch nie entdeckt!

Am 21. November lotheten wir und fanden bei nicht ganz 100 Meter Grund.

Nansen hat sich mit dem Photographiren bei elektrischem und bei Magnesiumlicht beschäftigt.

Nach jeder Mahlzeit nehmen wir unsere Pfeifen zur Hand und gehen in die Küche, die zugleich unser Rauchzimmer ist, denn in der ersten Zeit war das Rauchen im Salon verpönt. Dort stehen wir zusammengepackt wie die Heringe in der Tonne, qualmen, daß wir einander kaum sehen können, und erzählen uns allerhand Schnurren. Bentsen und Sverdrup sind die besten Erzähler. Und bisweilen schimpft der Koch, wie ganz begreiflich ist, darüber, daß er zum Aufwaschen keinen Platz finden kann.

Für die Hunde, die es mit Gottes freiem Himmel als Dach gerade nicht allzu schön gehabt haben, sind jetzt um das Kajütenoberlicht herum Hütten gezimmert worden, die mit Hobelspänen ausgelegt wurden. Außerdem werden sie jeden Morgen losgelassen und müssen sich unter der Aufsicht eines von uns, der jede Woche abgelöst wird, Bewegung machen. Sie verlassen ihre Behausung jedoch gerade nicht mit großem Eifer, obgleich man sie wahrhaftig nicht zu warm nennen kann.

Am 23. November hatte der Mond einen Ring und zwei Nebenmonde. Die Temperatur betrug -30°. Eins war schlimm: unsere Kabinen waren so feucht geworden, daß wir unsere Schlafsäcke nur mit größter Mühe vor dem Verderben bewahren konnten. In den beiden Viermann-Kabinen wurden über die Kojen eigens dazu genähte Segeltuchdecken gebreitet und diese mit Talg eingeschmiert, sodaß das Wasser daran herunterlief und sich in einem Behälter sammeln konnte.

Um den Gang unserer vier Chronometer zu controliren, nehmen wir ab und zu Zeitbestimmungen mit Hülfe der Jupitermonde vor; wir haben ein vorzügliches astronomisches Fernrohr und bekommen bei klarem Wetter ausgezeichnete Beobachtungen.

29. November. Nun haben die Hunde wieder einen Kameraden getödtet; diesmal war es »Fuchs«.

Wir schneiden uns das Haar mit einer Maschine; einige tragen es jetzt bis auf 3 Millimeter abgeschnitten. Das ist bei der Kälte nicht viel, aber wir haben dafür auch beständig unsere Katzenfellmützen auf. Hansen schor uns ganz kurz, ließ aber im Nacken eine Stelle stehen, und ehe wir darauf aufmerksam wurden, zeigte sich dort ein kleiner Haarbüschel, einem angehenden Chinesenzopfe ähnlich, was bei unsern langhaarigen Kameraden große Heiterkeit hervorrief.

8. December. Heute um 2 ½ Uhr, als wir nach dem Mittagessen ein wenig schlummerten, hörten wir plötzlich einen starken, dumpfen Fall und ein solches Gepolter auf dem Deck, als stürze das ganze Takelwerk nieder. Alle Mann eilten im Nu hinauf. Es war das Eis. Es tobte wie ein erzürnter Mann, der sich nicht zu beherrschen versteht.

Heute Morgen hatten sich zu beiden Seiten des Hecks Eismassen zusammengepreßt, die ansehnliche Haufen bildeten. Plötzlich stürzten diese, ohne vorher auch nur das geringste Geräusch zu machen, von oben herab gegen das Achterende der »Fram«, während die untere Masse langsam von dem Schiffe forttrieb. Es war ein tüchtiger Stoß, aber die »Fram« machte sich nichts daraus; wir sind überhaupt überzeugt, daß kein anderes Schiff die Pressungen, denen wir bisher ausgesetzt gewesen sind, hätte aushalten können. Das Eis bricht in Stücke, die dann in der Regel unter das Schiff gerathen, das sie hinabdrückt und sich dadurch in die Höhe hebt.

Die Pressungen dauerten bis zum Abend fort. Gegen 6 Uhr begann wieder ein richtiges Donnergepolter. Wir saßen gerade beim Abendessen; einige eilten hinauf, um sich das Schauspiel anzusehen, und die Zurückbleibenden mußten laut schreien, um sich einander verständlich machen zu können.

Nansen, der bei der glänzenden Ausrüstung der Expedition auch nicht das Geringste vergessen hat, hatte auch einen Phonographen mitnehmen wollen, aber es war bei der Abreise doch nichts daraus geworden. Es wäre interessant gewesen, wenn wir von der gewöhnlich so stillen Eiswüste die Töne hätten mitbringen können, die sie wie von Wuth erfüllt ausstößt, weil Menschen mit Schiffen in sie einzudringen wagten, um ihre Geheimnisse zu enthüllen.

Die »Fram« wurde 4° nach Backbord hinübergepreßt.

Blessing und Nordahl haben im Kartenspiel alle ihre Brötchen und Kuchen für den ganzen nächsten Monat verloren. Die armen Menschen müssen sich nun mit hartem Roggenbrot begnügen.

Am 10. December erschien zum ersten male unsere Zeitung »Framsjaa«. Bisjetzt ist sie noch ein Säugling, und es fragt sich, ob wir im Stande sind, sie hier oben im Eise aufzuziehen. Jedenfalls war der Anfang gut; die erste Nummer behandelte alles Mögliche. Blessing zeichnet als verantwortlicher Redacteur.

13. December. Ein ereignißreicher Tag in unserm stillen Leben im Eise. Gestern Abend begannen plötzlich die Hunde einen fürchterlichen Lärm zu machen. Wir eilten hinauf und sahen, daß sie alle ihre Hütten verlassen hatten und auf die ihnen zunächstliegende Rehling gesprungen waren, wo sie alle nach einer Richtung hin bellten. Wir konnten in der Dunkelheit natürlich nichts sehen; Mogstad und ich glaubten jedoch draußen zwischen den Eishügeln ein heiseres Bellen, wie von Füchsen, zu vernehmen.

Die Hunde konnten sich die ganze Nacht über nicht beruhigen. Es war gerade, als wagten sie nicht zu schlafen. Jeder Wachthabende berichtete dasselbe über ihre Unruhe. Besonders die Hunde, deren Hütten sich auf der Steuerbordseite befanden, am Fuße des Halbdecks dicht neben der Lenzluke, die als Durchgang zum und vom Eise offengehalten wurde, waren entsetzlich aufgeregt. Die drei der Luke zunächstbefindlichen Hunde verschwanden im Laufe des Abends; wir glaubten, die andern seien wüthend darüber, daß es den Dreien gelungen, sich loszureißen und auf das Eis hinunterzukommen, wie es gewöhnlich der Fall war.

Am andern Tage sollten Hendriksen und Mogstad unweit des Schiffes Eis für die Küche holen; Waffen hatten sie nicht mitgenommen. Draußen gewahrten sie einen Bären, der ihnen entgegenkam, wobei er beständig die ihn angreifenden Hunde abwehrte. Er machte Miene, sie anzufallen, und es galt also, an Bord zu kommen, ehe er sie packen konnte. Mogstad, der sich in der Dunkelheit besser orientiren konnte, weil er früher dort zwischen den Eishügeln bei Tage die Aufsicht über die losgelassenen Hunde geführt hatte, gelang dies auch; Peder aber wäre es beinahe schlecht ergangen, da er mit seinen großen schweren Segeltuchstiefeln nicht so flink auf den Beinen war.

Als er ein Stück gelaufen war und glaubte, der Bär setze ihm nicht nach, drehte er sich wieder um und leuchtete mit der kleinen Laterne, die er in der Hand hielt, umher. Doch ehe er sich's versah, war der Bär schon neben ihm und packte ihn an der Seite. Peder brach mit seiner Bärenstimme in ein gewaltiges Geschrei aus und glaubte, das Licht der Sonne nie wieder zu sehen. Doch schnell wie der Blitz schlug er der Bestie die Laterne an den Kopf, worauf der Bär ihn losließ, sich sehr verwundert hinsetzte und Peder, der sich sofort auf die Beine machte, verblüfft nachstarrte.

Dann nahm der Bär wieder einen Anlauf, um ihm den Garaus zu machen, während Peder ihn beim Laufen mit der Laterne abwehrte. Da kam zum Glück der rettende Engel in Gestalt eines Hundes, der die Aufmerksamkeit des Bären auf sich zog, und diesem Umstande verdankte es unser Freund, daß er diesmal noch nicht in die Klauen des Bären fiel.

Die Hunde, die während der ganzen Zeit diese Jagd mit wüthendem Gebell begleitet hatten, sprangen nun von allen Seiten gewandt auf die Bestie ein, waren aber doch nicht hurtiger als der Bär, der pfeilschnell nach dem Schiffe lief. Da knallte von dort her ein Schuß; Mogstad war an Bord gekommen und hatte sofort Hansen's Karabiner, der an der Kajütenwand hing, ergriffen. Jetzt kam auch Peder atemlos, aber unverletzt an. Die Kugel verfehlte in der Dunkelheit ihr Ziel, ein zweiter Schuß traf ebensowenig, und dann versagte das Gewehr überhaupt.

Peder polterte mit seinen schweren Holzschuhen die Kajütentreppe hinunter und schrie wie besessen: »Der Bär hat mich in die Seite gebissen; Patronen, Patronen, schießt ihn todt, schießt ihn todt!« Hansen, Jacobsen und Nansen ergriffen die Flinten und eilten hinaus. Doch nun wollte es das Unglück, daß die Gewehre noch nicht ganz gereinigt waren und vorn und hinten noch Wergpfropfen darin saßen, welchem Uebelstand in der Dunkelheit nicht so schnell abzuhelfen war. So mußten sie unthätig zusehen, wie der Bär dicht neben der Schiffswand über einen Hund herfiel.

Peder kramte inzwischen in den Laden seiner Kommode herum und rief laut nach Patronen.

Jetzt waren Blessing und ich auch auf Deck gekommen, und Jacobsen, der überall nach einer Walroßlanze herumsuchte, um den Baren damit zu erstechen, rief uns entgegen: »Schießt, schießt; dort liegt er! Er bringt uns sonst die Hunde um!« Mein Gewehr war in Ordnung; ich sah etwas sich auf dem Eise wälzen und sandte dem dunkeln Knäuel nacheinander drei Schüsse zu, worauf wir deutlich Blut auf das Eis sickern hörten.

»Gib ihm noch einen!« rieth mir Jacobsen, was ich auch that. Der Bär streckte sich nun im Todeskampfe und erhielt noch eine Kugel von Nansen, der inzwischen sein Gewehr schußfertig gemacht hatte. Bei meinem ersten Schusse sprang unter dem Bären ein Hund leicht wie eine Feder hervor, unverletzt und vergnügt.

Nun sahen wir auch, daß die Koppeln von drei Hunden durchgerissen waren; der Bär war also meiner Meinung nach durch die Lenzluke hereinspaziert, hatte sich die Hunde mit aufs Eis genommen und beim Fortschleppen der Thiere die Koppeln theils abgestreift, theils zerrissen. Bei der Nachsuche zwischen den Eishügeln fanden wir zwei unserer besten Hunde, »Johansen's Freund« und den Bruder von »Suggen«. Ich konnte mich jetzt meinem »Freunde« nähern, ohne von ihm angeknurrt zu werden; das arme Thier lag mit zerfleischtem Rücken und ganz plattgedrückt da. Es war mir eine große Befriedigung, daß ich seinen Tod an dem Mörder hatte rächen können. Den andern Hund hatte die Bestie quer über die Schnauze gebissen, und sein Geschrei war es vermuthlich gewesen, was wir für Fuchsgebell gehalten hatten. Wir konnten sehen, daß der Bär auf ihm gelegen hatte, während er sich an dem andern gütlich gethan.

Es war ein Glück, daß Peder noch so davongekommen ist. Jetzt konnten wir die Sache mit all ihrer Aufregung und ihrem Wirrwarr von der komischen Seite betrachten. Der Bär war noch nicht einmal ausgewachsen – dafür hat er wirklich alles Mögliche geleistet.

Doch wenn wir heute Hunde verloren haben, so haben wir dafür auch wieder Hunde bekommen, da »Kvik« am 13. mit 13 Jungen niederkam, einen für jeden von uns Dreizehn an Bord! Die übelbeleumundete Dreizehn hat sich auf unserer Expedition noch mehrere male als Glückszahl erwiesen.

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