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Durch Nacht und Eis - Band 3

Fritjof Nansen: Durch Nacht und Eis - Band 3 - Kapitel 13
Quellenangabe
typereport
authorHjalmar Johansen
titleDurch Nacht und Eis - Band 3
publisherF.A. Brockhaus
year1898
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid54303c89
created20070228
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Dreizehntes Kapitel.

Das letzte Ringen. Nach Hause

Der Mensch denkt, Gott lenkt. Es ging nicht so leicht, uns einen Weg durch das Eis zu bahnen, als wir im Stillen gehofft hatten. Die Rinne war für die »Fram« zu schmal. Doch wenn wir die Maschine kräftig arbeiten ließen, .konnte sich das Schiff vielleicht selbst helfen, als Eisbrecher thätig sein und so hindurchkommen?

Dies probirten wir denn, ließen die »Fram« einen Anlauf nehmen und drauf losstürmen. Ein wenig nützte es ja; ein Stück kamen wir vorwärts, aber noch war das Eis zu massiv. Wir arbeiteten die ganze Nacht bis 4 ½ Uhr morgens daran, das Eis zu bezwingen und uns weiterzuwarpen. Dann vertäuten wir uns und sorgten am nächsten Tag dafür, daß das Steuer der »Fram« in seinem Lager besser arbeiten konnte.

Am folgenden Tage ging es nach Süden weiter, aber schrecklich langsam; es war eine richtige Geduldprobe. Doch am 18. Juni waren wir trotz alledem auf 82° 53' nördlicher Breite und 12° 18' östlicher Länge, und daß wir uns jetzt in Gewässern befanden, die der bewohnten Welt näher lagen, sahen wir an der Menge der uns begegnenden Vögel, Lummen, Alke, Raubmöven und Eidergänsen, von denen wir so viele schossen, daß wir nun wieder alle Tage frisches Fleisch genug hatten.

Vielleicht war diese dem Gaumen als eine Wendung zum Bessern erscheinende Veränderung in unserer Beköstigung doch nicht besonders glücklich. Denn als das Johannisfest kam, wurde diesmal aus dem Mittsommerfeste nichts, unter anderm deswegen, weil sowol Dr. Blessing und Scott-Hansen, als auch Hendriksen und ich uns sehr schlecht befanden, da der eine an Gicht, die andern aber an Leibschmerzen litten.

Bärenbesuche erhielten wir jetzt alle Augenblicke. So schossen wir am 26. Juni eine Bärin, schonten aber das Junge, da wir versuchen wollten, es lebendig zu fangen und zu zähmen. Das erstere glückte uns; doch als wir den jungen Bären mit Hülfe von drei Mann endlich an Bord transportirt hatten, machte er dort einen solchen Höllenspektakel, daß darüber die ganze Nacht hindurch keiner von uns auch nur ein Auge schließen konnte. Da meinten wir, wir könnten ihn ebensogut todtschlagen, und thaten es auch.

Der Juli begann mit Nebel. Am 3. verzog sich der Nebel einigermaßen, und wir konnten von der Tonne aus sehen, daß die Rinne vor uns sich jetzt so weit geöffnet hatte, daß wir hoffen durften, sie passiren zu können und uns wenigstens ein Stückchen weiter zu bringen. Um 10 Uhr wurde Befehl zum Kesselheizen gegeben, und gegen 12 ½ Uhr setzten wir uns in Gang. Die Rinne war schmal und bestand am Anfange aus einer dicken Suppe von kleinen Eisstücken und Wasser, sodaß die Fahrt nicht gerade imponirend schnell ging. Schon nach anderthalbstündiger Anstrengung mußten wir uns ergeben, den Dampf entweichen lassen und das Schiff vertäuen. Auf diese Weise ging es weiter, »heute einen Schritt, und morgen wieder einen«, einmal eine Seemeile und ein andermal ein paar. Eine unangenehme Geduldprobe war es ja, aber wir freuten uns doch über jede Strecke, die wir weiter kamen. Denn hier war etwas immer besser als gar nichts.

Wenn wir zwischendurch still lagen, vertrieben wir uns die Zeit hauptsächlich mit der Jagd auf Vögel und Seehunde, die sich jetzt stets in großer Menge um uns herum zeigten. Zwischen dem 11. und 12. Juli erhielt Jacobsen während seiner Wache Besuch von einem sehr großen Bären, auf den er sofort zwei Schüsse abfeuerte, die jedoch nicht trafen. Wir kamen alle im Nu auf Deck und sahen den Bären draußen in einer Rinne schwimmen. Jacobsen, Bentsen und ich nahmen das Seehundsboot und setzten ihm nach. Das Thier hatte aber jetzt die ganze Hundeschar um sich und war daher schwierig zu treffen, da man Gefahr lief, statt seiner einen der Hunde zu erschießen. Doch nun kletterte der Bär auf einen kleinen Eishügel; infolge dessen konnte ich gut zielen und sandte ihm zwei Kugeln zu. Er schwankte und verschwand in der Rinne, und als wir dorthin kamen, fanden wir ihn mausetodt. Darauf legten wir ihm ein Tau um den Hals und bugsirten ihn nach dem Schiffe und an Bord.

Wir hatten mehrere Tage still gelegen. Erst um den 18. Juli herum theilte sich das Eis wieder so weit, daß an ein Weiterkommen zu denken war. Wir fuhren um 12 ½ Uhr nachts ab und waren bis 3 Uhr morgens im Gange, wobei wir ungefähr 5 Kilometer in südlicher Richtung vorgedrungen waren. Dann mußte wieder halt gemacht werden. Wir hatten sehr viele Haltestellen auf dieser Route, viel mehr, als uns angenehm war.

Beinahe überall begegneten uns Bären, allerdings keine zweibeinigen mit einer Rechnung in der Hand; denn vor solchen waren wir auf diesen Breitengraden sicher, aber wirkliche auf vier zottigen Beinen. Und während man die zweibeinigen mit einer gewissen Kälte empfängt, nahmen wir die unsrigen trotz der Kälte stets »auf das allerwärmste« auf. Hier, wo wir zuletzt halt machten, sorgten Kapitän Sverdrup und Mogstad für den Empfang.

Das Eis fing allmählich an, immer mehr aufgebrochen und zerstückelt zu werden, war aber gleichzeitig dicht zusammengepackt. Wir hielten dies für ein Zeichen, daß wir uns immer mehr dem offenen Eismeere näherten, und dies gab uns Lust und Liebe zur Arbeit. Das Kommando »Klar zur Abfahrt!« mochte bei Tag oder bei Nacht ertönen – wir sprangen alle auf, als wären wir von Gummi-ellasticum, und jeder eilte an seine Arbeit, daß es nur so eine Art hatte. Eine von uns am 19. Juli angestellte Beobachtung zeigte, daß wir uns auf 82° 51' nördlicher Breite befanden.

Wir beschlossen, das Eis jetzt zu forciren, wenn es sich machen ließe, und als sich später am Vormittag der Nebel verzog, fanden wir auch eine Oeffnung, durch die wir uns hindurch zwängen konnten. Mehrere Tage blieben wir bei dieser Art des Vordringens. Einige Stunden lang kamen wir langsam und allmählich vorwärts, dann aber zog sich das Eis wieder dicht und fest zu einem ununterbrochenen Wall zusammen. Wir mußten also wieder halt machen und warten, bis es von neuem locker wurde und sich ein wenig theilte.

Es kamen Tage, an denen wir wol acht bis zehn mal stoppten, gingen und wieder stoppten. Ebensowenig hielten wir immer direct südlichen Kurs. Ach nein! Auf der Karte sah unser Kurs ungefähr aus wie die Fußspuren der Hunde in frisch gefallenem Schnee: er bewegte sich im Zickzack. Aber vorwärts kamen wir doch, wenn auch auf Umwegen.

Am 27. Juli passirten wir auf diese Art den Breitengrad, den Nordenskjöld seinerzeit in offenem Wasser erreicht hatte. Wir waren noch immer von dichtem Packeise umgeben, es war also klar, daß die Eismassen sich in diesem Jahre bedeutend weiter nach Süden erstreckten, als sie es sonst vielleicht zu thun pflegten.

Das Wetter war äußerst unangenehm; wir hatten unausgesetzt Regen und Schnee, und das Thermometer stand ungefähr auf 0°. Wir hätten unsern frühern arktischen Winter entschieden vorgezogen. Auch der Wind war ungünstig. Er preßte die Eismassen um uns herum so zusammen, daß nicht einmal eine Mücke hätte hindurchschlüpfen können, viel weniger die »Fram«. So ging es Tag für Tag. Kein Sträfling hätte den Augenblick, in dem sich die Thür seines Gefängnisses öffnet, um ihn der Freiheit wieder zu geben, ungeduldiger erwarten können, als wir unserer Befreiung aus dem Eise entgegensahen.

Was bisher auch seinen Theil dazu beigetragen hatte, uns die Beurtheilung der Größe des uns umspannenden Eisgürtels, durch den wir uns hindurch zu kämpfen hatten, zu erschweren, war das neblige, trübe Wetter. Am 12. August nachmittags verzog sich jedoch endlich der Nebel, und wir glaubten, im Süden das blaue Meer zu erblicken. Doch ganz konnten wir uns nicht darauf verlassen, daß unsere Augen uns nicht getäuscht hatten, dazu war die Luft nicht klar genug. Das Blaue konnte eine größere offene Stelle, es konnte aber auch das Meer sein.

Und es war das Meer!

Als wir, die wir gleich darauf die Wache ablösen sollten, am Morgen des 13. August gegen 4 Uhr unser erstes Frühstück einnahmen, hörten wir die Wachthabenden in ein donnerndes Hurrah ausbrechen. Und gleichzeitig merkten wir, daß das Schiff mit einem mal eine ganz andere Bewegung angenommen hatte als die bisherige schrammende, die wir nur allzu gut kannten. Wir vergaßen das Essen und alles andere und stürmten auf Deck.

»Hip, hip, hip! Hurrah, Hurrah, Hurrah!«

Ja, wohl konnten wir jetzt Hurrah rufen, daß es weithin schallte! Denn dort, hinter uns, lag der Eisgürtel, und um uns herum rauschten die frischen Wogen des Eismeers und schäumten munter um den Bug der »Fram«. Und die »Fram« schaukelte sich so wohlgefällig, als begriffe auch sie das Vergangene. O, dieser Jubel! Wie Verrückte rannten wir hin und her und wußten vor Freude nicht, auf welchem Fuße wir stehen sollten. Selbst die, welche sich früher den trübsinnigen, düstern Stimmungen am meisten hingegeben hatten, sahen auf einmal aus, als wären ihre Gesichter wie von einer Festillumination erhellt.

Schnell luden wir die Kanonen und sparten wahrhaftig nicht am Knalleffect. Wir sandten den hinter uns immer mehr verschwindenden Eismassen einen so donnernden Abschiedsgruß zu, daß uns die Ohren summten. Dann schickte der Koch sich sofort an, uns ein dem Anlasse entsprechendes Festfrühstück zuzubereiten. Bier und Branntwein hatten wir ja nicht, nicht einmal Kaffee, da der letzte Rest unsers Kaffeevorraths leider schon früher draufgegangen war und wir uns am Morgen des letzten Johannistages die letzte Tasse des göttlichen Tranks zu Gemüthe geführt hatten. Es wurde also nicht, was man daheim »ein recht opulentes Dejeuner« nennen würde, aber wol nie hat an Nord der »Fram« eine mehr aus dem Herzen kommende Fröhlichkeit geherrscht als an diesem Frühstückstische.


Es war ein ebenso eigenthümliches, wie wunderbares Gefühl, immer wieder die Bewegungen der »Fram« mitzumachen, je nachdem sie sich auf die Seite legte oder ein wenig stampfte. Und dann, zu wissen, daß wir unsern Kurs richten konnten, wohin wir wollten. Wir schienen es anfänglich gar nicht glauben zu können. Aber es war so, es war wirklich so!

Wir richteten nun den Kurs auf Land in südsüdöstlicher Richtung. Schon um 7 ½ Uhr morgens bekamen wir ein Segelschiff in Sicht. Es hatte uns gleichzeitig bemerkt, legte das Ruder bei und steuerte auf uns zu. Als wir einander nahe genug waren, zeigte es sich, daß es ein norwegischer Walfischfänger war, die Galeote »Söstrene« aus Tromsö. Um 8 ¼ Uhr konnten wir einander mit der Flagge begrüßen, ein Gruß, den wir von der »Fram« mit zwei donnernden Kanonenschüssen begleiteten und der auf dem Walfischfänger mit einem herzlichen Hurrah aus 15 oder 16 kräftigen Kehlen beantwortet wurde. Dieses Hurrah war zugleich der erste Laut menschlicher Stimmen, der, mit Ausnahme unserer eigenen, seit über drei Jahren unser Ohr traf. Wir alten, verhärteten Männer waren deshalb auch so gerührt davon, daß uns die Thränen in die Augen traten. Gewiß wird niemand finden, daß wir uns dessen zu schämen oder es zu verheimlichen brauchten.

Wir signalisirten darauf der Galeote und unsere erste Frage war: »Sind Nansen und Johansen heimgekehrt?« Da die Mannschaft der »Söstrene« in dem Glauben war, die beiden seien noch immer bei uns an Bord, verstanden sie anfangs gar nicht, was diese Frage heißen sollte. Wir warteten alle in größter Spannung auf die Antwort und waren ganz verblüfft, als unsere wiederholten Fragen jedesmal mit »Nein« beantwortet wurden. Wir konnten uns nur denken, daß hier ein Mißverständniß vorliegen müsse, und der Kapitän wurde deshalb gebeten, zu uns an Bord zu kommen.

Bald darauf kam Kapitän Botolfsen mit fünf Mann. Mit Thränen in den Augen reichten wir ihnen die Hand zum Gruße. Welch ein Gedanke, wieder Landsleuten die Hand drücken zu können! Doch leider sollte uns ein großer Wermutstropfen in diesen Becher der Freude fallen. Auf unsere erneuten Fragen nach Nansen und Johansen war die Antwort wieder, daß man daheim nichts von ihnen gehört habe und sie mit uns zusammen an Bord der »Fram« glaube. Diese Nachricht that unserer Freude natürlich großen Abbruch, wenn wir auch deshalb noch nicht gerade fürchteten, daß unsere kühnen Kameraden verunglückt wären.

Nun ging es an ein Kreuzfeuer von Fragen, wie es daheim in Norwegen stehe, sowol mit der Politik, wie mit vielem andern. Die drei von uns, die selbst Tromsöer waren, erhielten Gott sei Dank nur gute Nachrichten von zu Hause, wo Verwandte und Freunde sich des besten Wohlseins erfreuten. Unter den Neuigkeiten, die wir jetzt erst erfuhren, war auch die, daß Andrée eine Ballonexpedition unternehmen wolle, mit seinem Ballon und seinen Reisekameraden auf Spitzbergen liege und auf günstigen Wind warte.Wie bekannt, kam es 1896 noch nicht zur Auffahrt, sondern erst im Sommer 1897. Leider ist Andrée's und seiner Gefährten Schicksal unbekannt, da man seitdem keine Nachrichten von ihnen hat. Wir beschlossen sofort, Spitzbergen anzulaufen, um Andrée zu begrüßen. Vielleicht, daß wir dort bessern Bescheid über Nansen und Johansen erhielten.

Kapitän Botolfsen bat, ob er nicht mit uns nach Hause zurückkehren und zwei lebende Eisbären mitnehmen dürfe. Mit den Eisbären konnten wir uns der Hunde wegen nicht befassen, dagegen war der Kapitän selbst uns natürlich herzlich willkommen. Er übergab seinem Schwager das Kommando auf dem Walfischfänger, dann kam er zu uns an Bord und brachte statt der Eisbären Kaffee, 50 Flaschen Bier und eine Flasche Whisky mit. Und wirklich schmeckte es uns gut, ein Glas Bier und einen Schnaps beim Essen zu haben und eine ordentliche brühheiße Tasse Kaffee hinterdrein zu trinken.

Dann sagten wir der Galeote, die weiter auf Fang ausziehen sollte, Lebewohl. In der Nacht um 12 Uhr bekamen wir Spitzbergen in Sicht, doch waren des Nebels wegen die Landmarken nicht deutlich genug, als daß wir hätten wagen können, auf das Land zuzuhalten. Wir mußten also davor liegen bleiben, bis das Wetter sich gegen Morgen aufklärte. Gegen 6 Uhr wußten wir, daß gerade vor uns die Rothe Bai lag, und liefen nun des noch immer ziemlich dichten Nebels wegen mit langsamer Fahrt in die Bucht ein, auf die Däneninsel zu, wo Andrée und seine Gefährten sich aufhielten. Um die Aufmerksamkeit auf uns zu ziehen, gaben wir zwei Salutschüsse ab und ließen nicht allein die norwegische Flagge von der Gaffel flattern, sondern hißten auch noch die Standarte der »Fram« im Topp, damit sie uns nicht mit einem gewöhnlichen Walfischfänger verwechseln sollten. Der zur Andrée'schen Expedition gehörige Dampfer »Virgo«, der am Lande lag, beantwortete den Salut sofort mit zwei Schüssen und toppte alle Flaggen; es war also ersichtlich, daß sie augenblicklich erkannt hatten, wer wir waren.

Bald darauf kam eine Dampfbarkasse auf uns zugerauscht. Als sie innerhalb Hörweite war, wurde uns zugerufen: »Hoch lebe Dr. Nansen und seine Begleiter!« Die Barkasse legte an, und an Bord kamen Andrée, Dr. Ekholm, Strindberg und Zachäus, der Kapitän der »Virgo«. Ich brauche wol nicht zu versichern, daß es auf beiden Seiten eine herzliche Begegnung war. Sie gratulirten uns allen aufrichtig zu den gewonnenen Resultaten, aber auch sie wußten nichts von Nansen's und Johansen's Schicksal, was natürlich unserer sonst so frohen Stimmung einen Dämpfer aufsetzte. Wir wurden alle eingeladen, die »Virgo« zu besuchen und den Ballon und die Vorbereitungen zum Aufsteigen zu besichtigen. Welch seltsames Gefühl, die Füße wieder auf festen Boden zu setzen! Wir hatten mittlerweile fast vergessen, wie das eigentlich war.

Aber heim, heim, war die Hauptsache! Schon um 1 Uhr in der Nacht waren wir zur Abfahrt fertig, und um 3 Uhr morgens stachen wir wieder in See mit dem Kurs auf Norwegen. Das Wetter war bei + 2° recht unfreundlich, aber wir waren ja daran gewöhnt und befanden uns alle wohl. Die Nebeldecke verzog sich allmählich, sodaß wir besser Ausguck halten konnten. Wir konnten daher nun Volldampf geben. Um 9 ½ Uhr vormittags peilten wir die Magdalena-Spitze, um 4 Uhr nachmittags das Prinz-Karl-Borland an. Nun ging es rasch und ohne Hindernisse nach Süden. Hierin lag für uns noch immer etwas so Ungewohntes, daß wir uns alle Augenblicke auf dem Gedanken ertappten, es würde nun wol bald wieder ins Eis hinein und nicht mehr weiter gehen.

Vor unserer Abfahrt von Spitzbergen hatte uns Kapitän Zachäus als Geschenk schwedischen Punsch und sonst noch allerlei und Andrée eine kleine Kiste mit Pilsener Flaschenbier und Cigarren mit dem Bescheid an Bord geschickt, daß die Sendung erst dann eröffnet werden dürfe, wenn wir wieder in See gestochen wären. Als wir die Magdalena-Spitze passirt hatten, fand die Oeffnungsfeierlichkeit statt. Unter allgemeiner Zustimmung wurde das Wohl der kühnen schwedischen Expedition und des Kapitäns Zachäus in ihrem eigenen Nationalgetränke getrunken. Dieses Glas Punsch schmeckte uns, die wir an dergleichen jetzt gar nicht mehr gewöhnt waren, sehr gut und nicht minder vortrefflich die Flasche Pilsener Bier, die jeder zum Mittagessen bekam.

Wir hatten guten Wind, und da die Segel gesetzt wurden und wir gleichzeitig die Maschine mit vollem Druck arbeiten ließen, ging es jetzt pfeilschnell an der Küste von Spitzbergen entlang, dessen Gletscher und schneebedeckte Berggipfel am Horizonte uns an unser theures Norwegen erinnerten. Wir hatten jetzt begründete Hoffnung, uns schon in wenigen Tagen in einem norwegischen Hafen befinden zu können, und mußten deshalb jetzt auch anfangen, ein wenig an unsere eigene Toilette wie an die der »Fram« zu denken, denn wir wollten uns bei unserer Ankunft doch gern von der vortheilhaftesten Seite zeigen. Infolge dessen hatten wir es sehr eilig, kratzten und scheuerten an Bord, fegten und putzten an allen Ecken und Enden und mußten dann unsere besten Anzüge hervorsuchen, damit auch diese zur Hand lägen. Dies alles konnten wir bei unserer geringen Zahl in unserer Wachtzeit nicht thun, sondern mußten es während der Freiwachen besorgen, sodaß es in dieser Zeit an Bord wenig Schlaf, aber desto mehr Munterkeit gab.

Am 16. August begegneten wir mehrern Walfischfängern, mit denen wir durch Flaggen Gruße austauschten. Als es am 17. über 4° warm wurde, war uns diese Hitze geradezu lästig. Von den armen Hunden will ich gar nicht reden. Sie schlichen äußerst trübselig umher und begriffen offenbar nicht, was dies hier für ein »unnatürliches« Klima war.

So rasch nach Hause, als wir gehofft hatten, ging es aber doch nicht. Der Wind ging mehr nach Süden herum und wurde immer schwächer, sodaß wir jetzt auf die Maschine allein angewiesen waren.

Am 18. August trat ein uns unerwartetes Phänomen ein: es wurde plötzlich Nacht; wir waren überrascht, waren wir doch während dreier Sommer daran gewöhnt, die Sonne immer über dem Horizont zu haben. Doch als am 19. der Tag wieder anbrach, erblickten wir tief unten am Horizont durch die Morgennebel ein schwaches Dämmerbild, das wir für Land zu halten wagten. Die Form und die Linien wurden deutlicher, und aus dem Nebel stiegen Bergkuppen empor: »Das alte Gebirge war in Sicht!«

Wir hatten das Gefühl, als müsse uns das Herz zerspringen. Wir starrten nur darauf hin und konnten kein Wort hervorbringen. In dem Maße, als sich der Nebel verzog, erkannten wir immer deutlicher, daß wir die Berggipfel von Andö vor uns hatten, und dahinter lag ja unser erster Anlaufsplatz in der Heimat, Skjärvö. Da hier für uns die nächste Telegraphenstation in Norwegen war, wollten wir auch sofort die Gelegenheit benutzen, von dort die erste Kunde von unserer Heimkehr in die Welt hinauszusenden.

Am 20. August zwischen 2 und 3 Uhr morgens fuhren wir um das Vorgebirge herum und ließen bei stillem, schönem Wetter die Anker im Hafen von Skjärvö fallen.

Nur einige hundert Schritt von uns entfernt lag jetzt das Land da: unser Heimatland, mit seinen Häuserreihen und grünen Gehängen und wirklichen, man denke nur, wirklichen Heuhaufen auf den Wiesen, im Morgensonnenscheine glänzend. An Bord waren in diesem für uns so feierlichen Augenblicke natürlich alle Mann auf Deck, aber an Land war alles öde und still. Dort lagen die Leute augenscheinlich noch in Morpheus' Armen.

Obgleich es uns unangenehm war, den Herrn Telegraphisten in seinem Morgenschlummer stören zu müssen, konnten wir unter den obwaltenden Umständen darauf keine Rücksicht nehmen. Sverdrup ging deshalb, mit Bentsen als Ruderer, sofort mit den Telegrammen an Land, und bald darauf sahen wir ihn den Abhang hinaufschreiten, während Bentsen im Boote zurückblieb.

So verging eine geraume Zeit.

Dann aber bot sich unsern erstaunten Augen auf einmal ein außerordentlich merkwürdiger Anblick dar. Außerhalb der Häuser stürmte Sverdrup, als sei ihm der Gottseibeiuns auf den Fersen, den Abhang hinunter und in wildem Laufe nach dem Boote. Dann hatte es den Anschein, als sei Bentsen plötzlich verrückt geworden. Er griff nach den Rudern und führte sie mit solcher Kraft, daß das Boot von weißem Wellenschaume umgeben war. Und jeden Augenblick erhob er den Kopf, um die Entfernung zu bemessen. Was in aller Welt hatte dies zu bedeuten?

Sobald er aber in Hörweite gekommen war, zog er plötzlich die Ruder ein, erhob sich im Boote und brüllte uns durch die hohle Hand zu: »Nansen ist angekommen!«

Worauf er sofort das Boot wendete und wieder an Land ruderte.

Gerade die Ungewißheit über Nansen's und Johansen's Geschick hatte bewirkt, daß wir unsere Heimkehr nicht durch Salutschüsse hatten ankündigen wollen. Doch nun war es gleich etwas anders. Nun hatten wir das Recht, tüchtig drauf loszuknallen. Dies thaten wir denn auch vollauf. Einen bessern Wecker haben die Leute von Skjärvö nie gehabt als den, den sie in früher Morgenstunde von uns gratis erhielten. –


Meine Erzählung ist hier eigentlich aus.

Ueber den festlichen Empfang, der uns in Tromsö bei unserer Ankunft am Abend desselben Tages zutheil wurde, und über unser Zusammentreffen am Tage darauf mit Nansen und Johansen, die sich auf Sir George Baden-Powell's Lustjacht »Otaria« als Gäste befanden – ein Zusammentreffen nach siebzehnmonatlicher Trennung, sodaß man sich unsere Gefühle beim Wiedersehen denken kann –, über alles dieses, sowie über den Triumphzug, den uns unsere Landsleute an der Küste entlang überall bereiteten, sind ja die Leser ebenso genau unterrichtet wie ich selbst. Daß diese Tage, deren Gipfelpunkt der großartige Empfang in Christiania war, in unserm Herzen stets als die schönsten unserer Erinnerung leben werden, brauche ich wol keinem erst noch zu versichern.

Die Hauptsache war, daß wir zum Dank für alles dieses sagen durften, daß wir die uns anvertraute Aufgabe, an die so viel Arbeit und Kosten gewendet worden waren, der solche Antheilnahme geschenkt und auf die solche Hoffnungen gesetzt worden waren, wenigstens so gut ausgeführt hatten, als es unserer Meinung nach in Menschenmacht stand.

So konnte mit einiger Berechtigung von uns gesagt werden:

Spät kommt ihr – doch ihr kommt!
Der weite Weg, Graf Isolan,
entschuldigt euer Säumen.

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