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Unbekannte Autoren: Dunkelm - 48. Brief: Johannes Kalb
Quellenangabe
typeletter
title48. Brief: Johannes Kalb
authorAnonymus
editorKarl Riha
publisherInsel Verlag
year1991
pages256f
senderErich Adler
created20040417
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XLVIII.

Johannes Kalb an Magister Ortuin Gratius.

Freundlichen Gruß, ehrwürdiger Herr, hochzuverehrender Herr Magister! Ich verhehle Euch nicht mein großes Erstaunen darüber, daß Ihr mich so quälen könnt mit Eurem ewigen Schreiben: »Berichtet mir. doch etwas Neues«. Immer wollt Ihr Neuigkeiten erfahren, da ich doch anderes zu tun habe. Und darum kann ich mich nicht viel um Neuigkeiten kümmern, weil ich da und dort sorgen und sollizitieren muß, wenn ich nicht den Spruch verlieren und um jenes Benefizium kommen will. Doch, wenn Ihr damit zufrieden sein wollt, so will ich Euch einmal schreiben, damit Ihr mich in Zukunft mit Neuigkeiten in Frieden lasset. Ihr habt wohl schon gehört, daß der Papst ein großes Tier hatte, welches man Elefant nannte, dasselbe in großen Ehren hielt und sehr liebte. Nun aber sollt Ihr wissen, daß dieses Tier gestorben ist. Als es krank war, war der Papst sehr traurig, berief mehrere Ärzte, und sagte ihnen: »Wenn es möglich ist, machet mir den Elefanten gesund«. Da wandten sie großen Fleiß an, beschauten seinen Urin, gaben ihm ein Laxier, welches fünfhundert Goldgulden kostet, konnten aber doch keine Leibesöffnung bei dem Elefanten bewirken, und so starb er denn. Der Papst empfindet großen Schmerz über den Elefanten. Es heißt auch, er hätte tausend Dukaten für den Elefanten gegeben. Es war ein wunderbares Tier, mit einem langen Rüssel von großem Umfang. Wann er den Papst sah, beugte er die Kniee vor ihm und schrie: bar! bar! bar! Ich glaube, daß es kein zweites solches Tier in der Welt gibt. Es heißt auch, der König von Frankreich und der König Karl [V.] hätten auf viele Jahre Frieden geschlossen und ihn gegenseitig beschworen. Einige sind jedoch der Ansicht, dieser Friede sei bloß ein mit Vorbehalten gemachter, und werde nicht lange dauern. Ich weiß daher nicht, wie es sich [in Wahrheit] verhält, kümmere mich auch nicht viel darum; denn, wann ich wieder nach Deutschland komme, begebe ich mich auf meine Pfarrei und habe gute Tage. Ich habe dort viele Gänse, Hühner und Enten, und kann in meinem Hause fünf bis sechs Kühe halten, die mir Milch geben, um Butter und Käse zu machen. Ich will mir nämlich eine Köchin halten, die mir das macht. Sie muß aber alt sein; denn wäre sie jung, so würde sie Anfechtungen des Fleisches bei mir erregen, sodaß ich sündigen könnte. Sie muß mir auch spinnen, wozu ich ihr den Flachs kaufen werde. Auch will ich zwei oder drei Schweine halten und sie fett machen, daß sie mir guten Speck liefern. Denn vor allem will ich mein Haus mit gutem Küchenvorrat versorgen. Auch will ich einmal einen Ochsen schlachten, die Hälfte an die Bauern verkaufen, und die Hälfte in den Rauch hängen. Hinter dem Haus habe ich einen Garten, worin ich Knoblauch, Zwiebel, Petersilie, auch Kohl, Rüben und sonstige Dinge pflanzen will. Und Winters will ich in meiner Stube sitzen und studieren, um den Bauern predigen zu können aus den »Sermones parati« oder dem »Quadragesimale discipuli«, oder auch aus der Bibel: und so bin ich denn für's Predigtamt gut ausgestattet. Auch will ich im Sommer Fischen gehen, oder im Garten arbeiten, mich nichts um Krieg kümmern, für mich bleiben, predigen und Messe lesen, unbekümmert um jene weltlichen Geschäfte, welche der Seele Verderben bringen. Lebet wohl! Gegeben in der römischen Kurie.

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