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Unbekannte Autoren: Dunkelm - 48. Brief: Jakob van Hoogstraten
Quellenangabe
typeletter
title48. Brief: Jakob van Hoogstraten
authorAnonymus
editorKarl Riha
publisherInsel Verlag
year1991
pages126-130
senderErich Adler
created20040402
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XLVIII.

Jakob van Hoogstraten, der sieben freien und schönen Künste und der hochheiligen Theologie demütigster Professor, auch in einigen Teilen Deutschlands Meister und Bestrafer der Ketzer, welcher zu Köln sein Leben fristet, entbietet seinen Gruß in unserem Herrn Jesu Christo dem Magister Ortuin Gratius aus Deventer.

Noch nie war den Landbebauern ein erquickender Regen nach langer Trockenheit, noch nie die Sonne nach langen Nebeln so erfreulich, als es mir Euer Brief war, den Ihr mir hierher nach Rom gesandt habt. Während ich denselben las, überkam mich solche Freude, daß ich gerne geweint hätte, da es mir vorkam, als wäre ich bereits zu Köln in Euerem Hause, wo wir dann immer ein oder zwei Quart Wein oder Bier tranken und Brett spielten: so vergnügt war ich. Allein Ihr wollt, daß ich es wieder ebenso mache, wie Ihr, das heißt, daß auch ich Euch schreibe, was ich hier in Rom so lange tue und wie meine Sachen gehen: das will ich recht gerne tun. Wisset also, daß ich durch den Hauch der göttlichen Gnade immer noch bei guter Gesundheit bin. Allein, obwohl ich gesund bin, so bin ich doch bis jetzt nicht gerne hier, weil die Angelegenheit, um derentwillen ich hier bin, jetzt einen für mich ungünstigen Verlauf nimmt. Ich wollte, ich hätte mich nie damit befaßt; alle verlachen und kujonieren mich; man kennt den Reuchlin hier besser, als in Deutschland, und viele Kardinäle Bischöfe, Prälaten und Personen bei Hofe lieben ihn. Hätte ich mich nicht [in diese Sache] eingelassen, dann wäre ich noch in Köln und äße und tränke gut: hier habe ich manchmal kaum das trockene Brot. Auch glaube ich, daß es dermalen in Deutschland eine schlechte Wendung nimmt, weil ich abwesend bin: jedermann schreibt jetzt theologische Bücher nach seinem Belieben. Es heißt, Erasmus von Rotterdam habe viele theologische Traktate verfaßt; ich glaube nicht, daß er alles recht macht. Er hat auch ehe schon in einem kleinen Traktat die Theologen angegriffen, und nun schreibt er selbst in Theologie: das ist mir auffallend. Wenn ich nach Deutschland komme und seine Scharteken lese, und auch nur den allerkleinsten Punkt finde, wo er geirrt hat, oder wo ich ihn nicht verstehe, dann soll er sehen, wie ich ihm über den Pelz will. Er hat auch griechisch geschrieben, was er nicht hätte tun sollen, da wir Lateiner und keine Griechen sind. Wenn er schreiben will, daß niemand es versteht: warum schreibt er nicht auch italienisch, böhmisch und ungarisch? So würde ihn kein Mensch verstehen. Er bilde sich nach uns Theologen, in's Drei-Teufels Namen: er halte sich bei seinen Schreibereien an das »Utrum« und »Contra«, an »Arguitur«, »Replica«, »Conclusiones«, wie alle Theologen getan haben, so würden auch wir sie lesen. Ich kann Euch jetzt nicht alles schreiben, auch die Armut, in welcher ich mich hier befinde, nicht schildern. Wann die Leute bei Hofe mich sehen, dann nennen sie mich einen Abtrünnigen und sagen, ich sei aus dem Orden davongelaufen, und so machen sie es auch dem Frankfurter Leutpriester Dr. Peter Meyer, den sie eben so arg quälen, wie mich, weil er mir wohl will. Aber dennoch hat er es besser, als ich, denn er hat ein gutes Amt, da er Kaplan am Gottesacker ist, was, bei Gott! ein gutes Amt ist, mögen auch die Hofleute sagen, es sei das mindest einträgliche unter allen Ämtern, die es in Rom geben könne; aber das schadet nichts: sie sagen das bloß aus Neid; doch hat er sein Brot davon und ernährt sich so, bis er seine Sache gegen die Frankfurter zu Ende führt. Fast alle Tage sind wir, er und ich, im Campo de’ Fiori spazieren gegangen, und warten auf Deutsche: so gerne scheu wir Deutsche. Dann kommen jene Hofleute, deuten mit den Fingern auf uns, lachen und sagen: »Schau, da gehen zwei, die den Reuchlin treffen wollen! Sie treffen ihn, und dann scheißen sie ihn wieder!« Wir haben solche Plackereien zu bestehen, daß es einen Stein erbarmen möchte. Dann sagt der Leutpriester: »Heilige Maria, was schadet das? wir wollen das um Gottes willen dulden, denn Gott hat viel für uns gelitten; auch sind wir Theologen, welche demütig und verachtet in dieser Welt sein müssen, « und so macht er mich denn wieder frohen Sinnes, und ich denke: »Mögen sie schwatzen, was sie wollen, sie haben doch nicht alles, was sie wollen.« Wären wir in unserer Heimat und es machte einer es uns so, dann wüßten wir ihm auch etwas zu sagen oder anzutun, denn leicht könnte ich eine Anklage gegen ihn ausfindig machen. Ganz kürzlich gingen wir auch einmal spazieren, da wandelten zwei oder drei vor uns her und wir hinter ihnen drein. Da fand ich einen Zettel - ich glaube, einer von ihnen hat ihn absichtlich fallen lassen, damit wir ihn finden sollten - welcher folgende Verse enthielt:

Grabschriften auf Hoogstraten.

1.

Stirbt Hoogstraten, so sterben doch nicht unerbittliche Strenge,

Ingrimm, Tollheit, Wut, Hinterlist mit ihm zugleich.

Derlei Pflanzungen hat er dem dummen Pöbel geschaffen,

Geistesgaben des Manns und auch sein Grabmonument.

2.

Diesem Grab entsprosse der Taxus und giftige Sturmhut:

Jedes Verbrechen hat der, welchen es birget, gewagt.

3.

Freveler weint, ihr Redlichen jauchzt: ein Tod, der dazwischen

Trat, hat den einen geraubt, was er den andern verliehn.

4.

Hier ist das Grab Hoogstratens: so lang er lebte., vermochten

Schlechte zu dulden ihn wohl, Gute vermochten es nicht.

Und er selbst, als das Leben er ungern mußte verlassen,

Grämte sich drob, daß nicht mehr noch er Schaden getan.

Ich und der Leutpriester gingen, als wir diesen Zettel gefunden hatten, nach Hause und lagen mehr als acht oder vierzehn Tage drüber her, konnten ihn aber nicht verstehen: mir scheint, daß jene Verse mich berühren, weil Hoogstraten drin steht; allein dann denke ich wieder, daß sie mich nicht angehen, weil ichja im Lateinischen nicht so heiße, sondern Jacobus de alta platea, oder auf deutsch Jakob Hoogstraaten. Ich sende daher diesen Brief Euch zu, um ihn gefälligst auszulegen, ob ich gemeint sei, oder ein anderer. Bin ich gemeint - was ich nicht glaube, weil ich noch nicht gestorben bin dann will ich Nachforschung anstellen, und wann ich ihn [den Verfasser] habe, will ich ihm ein Bad bereiten, daß er nicht lachen soll: ich kann das wohl. Ich habe hier einen mir geneigten Gönner, der ein Landsmann von mir ist; er ist Reitknecht bei dem Kardinal vom h. Eusebius [Peter von Akkoltis]: der soll es wohl einleiten, daß er in einen Kerker kommt, wo er nur Wasser und Brot zur Nahrung erhält, oder aber [wenn er es nicht tut] soll er die Pestilenz bekommen. Gebet Euch daher die Mühe und schreibet mir Eure Ansicht, damit ich ins klare komme. Ich habe auch gehört, Johannes Pfefferkorn sei wieder ein Jude geworden, was ich jedoch nicht glaube, denn auch vor zwei oder drei Jahren hieß es, der Markgraf habe ihn zu Halle verbrennen lassen-, allein auch das war nicht wahr betreffs seiner, sondern betraf einen andern, der ebenso hieß. Ich glaube nicht, daß er ein Mameluk wird, da er gegen die Juden schreibt; es wäre auch eine Schande für alle Doktoren der Theologie in Köln und für alle Prediger, da er vorher so gut mit ihnen gestanden ist. Sage man, was man will, ich glaube es, bei Gott! nicht. Und so lebet denn wohl! Gegeben zu Rom in der Herberge zur Glocke im Campo de' Fiori, den 21. August.

 11. Brief: Cornelius Fenstermacher >> 






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