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Du bist der Mann

Edgar Allan Poe: Du bist der Mann - Kapitel 1
Quellenangabe
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typenarrative
authorEdgar Allan Poe
booktitleVerbrechergeschichten
titleDu bist der Mann
publisherVerlag Ullstein GmbH
volumeNr. 2721
translatorGisela Etzel
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080214
modified20160615
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Edgar Allan Poe

Du bist der Mann

Ich will jetzt für das Schnatterburger Rätsel den Ödipus spielen. Ich will euch, wie nur ich es vermag, alle Geheimnisse aufdecken, die das Schnatterburger Wunder zustande brachten – das eine, wahre, anerkannte, unwidersprochene, unwiderlegliche Wunder, das dem Unglauben der Schnatterburger ein für allemal ein Ende bereitete und alle Materialisten, die sich vordem als Skeptiker aufspielten, zum orthodoxen Glauben ihrer Großmütter bekehrte.

Dieses Ereignis, das ich nicht in unangebracht leichtfertigem Ton schildern möchte, trug sich im Sommer des Jahres 18 . . zu. Herr Barnabas Schützenwerth, einer der wohlhabendsten und angesehensten Bürger der Stadt, wurde seit mehreren Tagen vermißt, und alle begleitenden Umstände führten zu dem Verdacht, daß ihm irgendwelche Gewalt angetan worden sei. – Herr Schützenwerth hatte Schnatterburg am Samstagmorgen in aller Frühe zu Pferde verlassen, mit der vorher geäußerten Absicht, nach der etwa fünfzehn Meilen entfernten Stadt zu reiten und am Abend desselben Tages wieder heimzukommen. Aber schon zwei Stunden nach dem Fortreiten kehrte das Pferd zurück, und zwar ohne Reiter, auch ohne die Satteltaschen, die ihm beim Ausritt auf den Rücken geschnallt gewesen waren. Dazu war das Tier verwundet und mit Schmutz bedeckt.

All das rief bei den Freunden des Vermißten natürlich große Bestürzung hervor, und als er am Sonntagmorgen noch immer nicht zurückgekommen war, machte sich die gesamte Einwohnerschaft wie ein Mann auf die Suche.

Der erste und eifrigste bei der Veranstaltung dieser Nachforschungen war aber der Busenfreund des Herrn Schützenwerth, ein Herr Charles Guterjung, oder, wie er allgemein genannt wurde, »Karlchen Guterjung«. Ich habe nun nie feststellen können, ob es ein wundersames Zusammentreffen war oder ob der Name selbst einen unmerklichen Einfluß auf den Charakter ausübt; Tatsache aber ist, daß es noch nie einen Menschen mit Namen Charles gegeben hat, der nicht ein offener, männlicher, ehrenhafter, gutmütiger und freimütiger Kerl gewesen wäre, mit einer vollen, klaren Stimme, die wohltuend wirkte, und einem Blick, der einem gerade ins Gesicht sah, als wolle er sagen: Ich habe ein reines Gewissen, fürchte keine Seele und bin ganz außerstande, eine schlechte Handlung zu begehen. Und so führen alle munteren, sorglosen Herren auf der Bühne mit ziemlicher Bestimmtheit den Namen Charles.

Karlchen Guterjung hatte, obschon er sich erst seit kaum sechs Monaten in Schnatterburg befand und kein Mensch, ehe er sich hier niederließ, etwas von ihm wußte, es mit leichter Mühe fertiggebracht, die Bekanntschaft aller ehrenwerten Leute im Städtchen zu machen. Da war kein Mann, dem ein schlichtes Wort aus seinem Mund nicht so viel wert gewesen wäre wie tausend Worte andrer, und von den Frauen läßt sich gar nicht sagen, was sie alles getan haben würden, um ihm gefällig zu sein. Und alles das nur, weil er Charles getauft worden war und infolgedessen jenes einnehmende Gesicht besaß, das als »bester Empfehlungsbrief« sprichwörtlich geworden ist.

Ich habe schon gesagt, daß Herr Schützenwerth zu den achtenswertesten und jedenfalls reichsten Leuten in Schnatterburg gehörte; Karlchen Guterjung aber stand auf so vertrautem Fuß mit ihm, als wäre er sein eigner Bruder gewesen. Die beiden alten Herren waren Nachbarn, und wenngleich Herr Schützenwerth selten oder nie zu Karlchen hinüberging und noch nie bei ihm gespeist hatte, so hinderte das die beiden Freunde doch nicht, in der soeben dargelegten Weise einander nahezustehen; denn Karlchen ließ keinen Tag vergehen, an dem er nicht drei-, viermal nachsah, wie es dem Nachbarn ging, und sehr häufig blieb er zum Frühstück oder Nachmittagstee und fast stets zum Mittagessen. Und es wäre wirklich nur mit Mühe festzustellen, welche Quantitäten Wein die beiden Kumpane in einer Sitzung bewältigten. Karlchens Lieblingsgetränk war Château Margaux, und es schien Herrn Schützenwerths Herz zu erfreuen, wenn er sah, wie der alte Knabe ein Quart nach dem andern davon hinunterspülte. So kam es, daß er eines Tages, als der Wein einverleibt, der Verstand aber ziemlich ausgetrieben worden war, seinem Kumpan auf den Rücken klopfte und sagte: »Höre, Karlchen, du bist, meiner Seel', der tüchtigste Kerl, der mir mein Lebtag vorgekommen ist, und da du es liebst, den Wein derart hinunterzuschütten, so will ich mich hängen lassen, wenn ich dir nicht nächstens eine große Kiste Château Margaux zum Geschenk mache. Hol mich der Teufel« – Herr Schützenwerth hatte die betrübliche Gewohnheit zu fluchen, doch ging er glücklicherweise selten weiter als bis zu »alle Wetter« oder »Potztausend noch einmal« –, »Hol mich der Teufel«, sagte er, »wenn ich nicht noch heute vormittag in die Stadt schicke und eine Doppelkiste vom Allerbesten bestelle und dir ein Geschenk damit mache – ja, das will ich! – Du brauchst kein Wörtchen zu sagen – ich will, sage ich dir, und damit ist es erledigt; du kannst sie also erwarten – sie wird eines schönen Tages eintreffen, gerade, wenn du am wenigsten daran denkst!« Ich erwähne diese kleine Freigebigkeit von Seiten des Herrn Schützenwerth nur, um darzulegen, wie ein geradezu inniges Einverständnis zwischen den beiden Freunden herrschte.

Also, an dem bewußten Sonntagmorgen, als es bekannt wurde, daß Herrn Schützenwerth übel mitgespielt worden sein mußte, ging das niemand so nahe wie Karlchen Guterjung. Als er hörte, daß das Pferd ohne seinen Herrn, ohne die Satteltaschen und mit Blut bedeckt zurückgekehrt sei, mit Blut, das von einer Pistolenkugel herrührte, die dem Tier, ohne es ganz zu töten, durch die Brust gegangen war – als er das alles hörte, wurde er so bleich, als sei der Vermißte sein geliebter Bruder oder Vater, und zitterte am ganzen Leib wie im Schüttelfrost.

Zuerst war er vom Schmerz zu erschüttert, um irgend etwas planen oder unternehmen zu können, lange Zeit vermochte er Herrn Schützenwerths übrige Freunde abzuhalten, etwas in der Sache zu tun; er hielt es für das beste, abzuwarten – sagen wir ein bis zwei Wochen, oder ein bis zwei Monate –, ob sich nicht etwas herausstellen oder Herr Schützenwerth sich nicht von selbst einfinden und die Gründe auseinandersetzen würde, die ihn veranlaßt hatten, sein Pferd vorauszuschicken. Ich gebe zu, man hat diese Neigung zum Zögern, zum Aufschub sehr oft bei Leuten beobachtet, die eine schwere Sorge drückt. Ihre Geisteskraft erlahmt, so daß sie ein Grauen vor aller Betätigung haben und nichts auf der Welt lieber tun, als still im Bett liegen und ihren »Kummer pflegen«, wie die alten Damen das nennen – das heißt, über ihre Sorgen grübeln.

Nun hatten die Leute von Schnatterburg tatsächlich eine so hohe Meinung von der Weisheit und Umsicht »unseres Karlchen«, daß die meisten geneigt waren, ihm zuzustimmen und nichts in der Sache zu unternehmen, bis sich »etwas herausstellen« würde, wie der brave Alte meinte; und ich glaube, man hätte sich schließlich allgemein dahin entschieden, hätte sich nicht der Neffe Herrn Schützenwerths verdächtigerweise eingemischt, ein junger Mann von liederlichen Gewohnheiten und durchaus schlechtem Charakter. Dieser Neffe, Kielfeder mit Namen, wollte hinsichtlich des »Abwartens« keine Vernunft annehmen und bestand auf einer sofortigen Suche nach »der Leiche des Ermordeten«. Das war der Ausdruck, den er gebrauchte, und Herr Guterjung bemerkte sehr richtig, es sei eine »sonderbare Bezeichnung, gelinde gesagt«. Auch diese Äußerung Karlchens war auf die Menge von großer Wirkung, und man hörte, wie jemand die bedeutsame Frage tat, wie es komme, daß Herr Kielfeder so genau die Umstände des Verschwindens seines reichen Onkels wissen könne, daß er sich berufen fühle, klar und unzweideutig zu behaupten, sein Onkel sei »ein Ermordeter«. Darauf gab es zwischen einzelnen in der Menge allerlei Gezänk und Gestichel, besonders zwischen Karlchen und Herrn Kielfeder – obzwar dieses letztere Ereignis durchaus nichts Neues war, denn in den letzten paar Monaten zeigten sich die beiden wenig gut gesinnt. Die Dinge waren sogar so weit gediehen, daß Herr Kielfeder seines Onkels Freund zu Boden geschlagen hatte, wie er behauptete, wegen allzu großer Freiheiten, die der Besucher sich in des Onkels Haus herausgenommen habe, das der Neffe mitbewohnte. Wie es scheint, hatte Karlchen sich bei dieser Gelegenheit mit vorbildlicher Gelassenheit und christlicher Milde benommen. Er erhob sich, ordnete seinen Anzug und machte nicht den geringsten Versuch zu einer Wiedervergeltung – murmelte nur etwas wie »bei erster Gelegenheit summarische Rache nehmen« – eine natürliche und gerechtfertigte Aufwallung des Zornes, die jedoch nichts weiter besagte und zweifellos ebenso schnell vergessen wurde, wie sie geäußert worden war.

Wie diese Dinge nun auch liegen mögen (die mit dem vorliegenden Fall in keinerlei Beziehung stehen), Tatsache ist, daß die Leute von Schnatterburg durch die Überredungskunst Herrn Kielfeders endlich den Beschluß faßten, sich in der Umgegend auf die Suche nach dem vermißten Herrn Schützenwerth zu begeben. Ich sage, sie faßten zunächst den Entschluß. Nachdem beschlossen worden war, daß eine Nachforschung angestellt werden sollte, verstand es sich eigentlich von selbst, daß die Suchenden sich verteilten – das heißt, in einzelnen Trupps auszogen –, um die Umgegend gründlich abzusuchen. Ich habe jedoch vergessen, mit welchen Gründen Karlchen die Versammelten bald überzeugte, wie ganz unverständig dieser Plan sei. Jedenfalls – er überzeugte sie, alle bis auf Herrn Kielfeder, und man kam schließlich überein, daß eine sorgsame und sehr gründliche Untersuchung von den Bürgern »en masse« vorgenommen werden sollte, unter Führung von Karlchen selbst.

Was das anlangte, so hätte es keinen besseren Pfadfinder als Karlchen geben können, von dem alle wußten, daß er Luchsaugen besaß; doch obschon er sie in alle erdenklichen heimlichen Winkel und Höhlen führte und auf Wegen, die keiner je in der Nachbarschaft vermutet hatte, und obschon die Nachforschungen Tag und Nacht fast eine Woche lang ununterbrochen fortgesetzt wurden, ließ sich doch keine Spur von Herrn Schützenwerth entdecken. Wenn ich sage, keine Spur, so muß man das aber nicht wörtlich nehmen; denn allerdings, eine gewisse Spur war vorhanden. Die Hufeisen des Pferdes (die von besonderer Art waren) ließen die Spur des armen Mannes auf der zur Hauptstadt führenden Landstraße bis in etwa drei Meilen Entfernung verfolgen. Hier leitete die Spur auf einen Nebenweg im Wald – der wieder auf die Landstraße zurückführte und etwa eine halbe Meile Abkürzung bedeutete. Der Trupp folgte den Hufspuren auf diesen Nebenpfad und gelangte zu einem sumpfigen Teich, der rechts vom Weg durch Brombeergestrüpp fast verborgen war, jenseits des Teiches aber blieb die Spur verschwunden. Man durchfischte den Teich zweimal mit großer Sorgfalt, fand aber nichts, und die Leute wollten sich gerade, am Erfolg verzweifelnd, entfernen, als die Vorsehung Herrn Guterjung den Gedanken eingab, man müsse das Wasser ganz und gar ablassen. Dieser Vorschlag wurde eifrig begrüßt, und Karlchen erhielt manch hohes Lob ob seiner Weisheit und Überlegung. Da viele der Bürger Spaten bei sich hatten, in der Erwartung, daß es vielleicht eine Leiche auszugraben gäbe, so wurde die Entwässerung des Teiches leicht und rasch bewerkstelligt, und kaum tauchte der Boden auf, da kam in der Mitte der zurückbleibenden Schlammfläche ein schwarzes Wams aus Seidenplüsch zum Vorschein, das von fast allen Anwesenden als das Eigentum des Herrn Kielfeder erkannt wurde. Das Wams war sehr zerrissen und blutbefleckt, und es gab unter den Leuten mehrere, die sich genau erinnerten, daß sein Besitzer es gerade an dem Morgen, als Herr Schützenwerth den Ritt zur Stadt unternahm, getragen habe; wohingegen wieder andre auf Verlangen bereit waren, zu beschwören, daß Herr Kielfeder das Kleidungsstück zu einer späteren Zeit als jenem denkwürdigen Tag nicht mehr angehabt habe; es war niemand aufzutreiben, der hätte aussagen können, es seit Herrn Schützenwerths Verschwinden je wieder gesehen zu haben.

Die Dinge standen nun für Herrn Kielfeder sehr bedenklich, und als unwiderlegliche Bestätigung des Verdachtes, der sich gegen ihn erhob, erwies sich sein plötzliches Erbleichen und seine völlige Unfähigkeit, auf die Frage, was er zu seiner Verteidigung zu sagen habe, auch nur ein Wort zu erwidern. Daraufhin ließen ihn die wenigen Freunde, die sein leichtfertiger Lebenswandel ihm noch gelassen hatte, wie ein Mann im Stich und stimmten noch lauter als seine bekannten Feinde für seine augenblickliche Verhaftung. Andrerseits aber zeigte sich der Edelmut des Herrn Guterjung in um so hellerem Licht. Er hielt eine warme und sehr beredte Verteidigung zugunsten des Herrn Kielfeder, bei der er mehr als einmal darauf hinwies, daß er dem verwilderten jungen Mann aufrichtig vergeben, »dem Erben des ehrwürdigen Herrn Schützenwerth« die Kränkung aufrichtig vergeben habe, die er (der junge Mann), zweifellos in der Hitze der Leidenschaft, ihm (Herrn Guterjung) zuzufügen für richtig befunden habe. Er vergebe ihm, so sagte er, aus tiefstem Herzen, und was ihn selbst (Herrn Guterjung) angehe, so wolle er – weit entfernt, die Verdachtsmomente auf die Spitze zu treiben, die, wie er leider zugeben müsse, wirklich gegen Herrn Kielfeder zeugten –, so wolle er (Herr Guterjung) alles tun, was in seiner Macht stehe, seine ganze Beredsamkeit aufbieten, um – um – um – die schlimmen Anzeichen dieser so bestürzenden Angelegenheit soviel als möglich zu dämpfen.

In diesem Stil erging sich Herr Guterjung eine halbe Stunde oder länger, sehr zum Lob seines Verstandes und seines Gemütes. Aber solche warmherzigen Leute wissen Worte oft nicht recht zu setzen – begehen allerlei Ungeschicklichkeiten, sind in ihrem Übereifer, einem Freund zu nützen, oft etwas mal-à-propos – und tun so oft in der allerbesten Absicht mehr zu seinem Schaden als zu seinem Vorteil.

So ging es diesmal mit Karlchens Beredsamkeit. Denn trotzdem er sich ernstlich zugunsten des Verdächtigen bemühte, hatte doch jede Silbe, die er in der bestimmten, aber unwillkürlichen Absicht äußerte, den Sprecher seinen Hörern gegenüber nicht herauszustreichen, die Wirkung, den bereits vorhandenen Verdacht gegen die Persönlichkeit, deren Sache er vertrat, zu bestärken und die Wut des Pöbels gegen den jungen Mann aufzustacheln.

Zu diesen unverantwortlichen Fehlern des Redners gehörte der Hinweis, daß der Verdächtige »der Erbe des ehrenwerten alten Herrn Schützenwerth« sei. Die Leute waren wirklich noch nicht darauf gekommen. Sie entsannen sich nur, daß der Onkel (der außer dem Neffen keinen Erben hatte) diesem vor ein bis zwei Jahren ein paarmal mit Enterbung gedroht hatte, und sie hatten diese Enterbung daher stets als eine ganz abgemachte Sache betrachtet – ein so absonderlicher Menschenschlag war die Einwohnerschaft von Schnatterburg. Karlchens Bemerkung aber rückte diesen Punkt sofort ins wahre Licht und ließ so erkennen, daß diese Drohungen eben höchstwahrscheinlich nichts als Drohungen gewesen waren. Und daraus ergab sich natürlich sogleich die Frage nach dem »cui bono«, eine Frage, die sogar noch mehr als das Wams geeignet war, das furchtbare Verbrechen dem jungen Mann zur Last zu legen. Und hier gestatte man mir, damit ich nicht mißverstanden werde, eine kurze Abschweifung, lediglich um festzustellen, daß die so ausnehmend kurze und schlichte lateinische Bezeichnung, die ich angewendet habe, ausnahmslos falsch übersetzt und mißdeutet wird. In allen Sensationsromanen und überall – beispielsweise in denen der Mrs. Gohe (der Verfasserin von »Cecil«), einer Dame, die alle Sprachen, vom Chaldäischen bis zu den Indianersprachen, beherrscht und deren Kenntnisse »nach Bedarf« und planmäßig von einem Herrn Beckford unterstützt werden – ich sage, in allen Sensationsromanen, bei Bulwer und Dickens angefangen bis zu Turnapenny und Ainsworth, werden die zwei kleinen Worte »cui bono« als »zu welchem Zweck« ausgelegt oder (wie »quo bono«) »wozu ist es gut?« Ihr wahrer Sinn ist jedoch »zu wessen Vorteil«. »Cui« = für wen, »bono« = ist es von Vorteil. Es ist eine rein juristische Phrase und gerade auf solche Fälle wie den vorliegenden anwendbar, wo die Wahrscheinlichkeit der Täterschaft von der Wahrscheinlichkeit des Vorteils abhängt, der dem Betreffenden entsteht oder der aus der Vollziehung der Tat erwächst. Nun wies in vorliegendem Fall die Frage nach dem »cui bono« sehr deutlich auf Herrn Kielfeder hin. Denn der Onkel hatte ein Testament zu seinen Gunsten gemacht und ihm dann mit Enterbung gedroht. Die Drohung hatte er aber nicht ausgeführt; es schien, als sei das ursprüngliche Testament nicht geändert worden. Wäre es geändert worden, so hätte sich als einziges mutmaßliches Motiv für den Mord der bekannte Rachedurst ergeben, und selbst dem stand die Hoffnung entgegen, von dem Onkel wieder in Gnaden aufgenommen zu werden. Wenn jedoch das Testament unverändert blieb, die Drohung aber beständig über dem Haupt des Neffen schwebte, so ergibt sich sofort der stärkste Antrieb zu einem Verbrechen: und so schlußfolgerten höchst weise auch die würdigen Bürger von Schnatterburg.

Demgemäß wurde Herr Kielfeder auf der Stelle verhaftet, und die Menge begab sich nach etlichen weiteren Nachforschungen auf den Heimweg, wobei sie den Beschuldigten gut bewachte. Unterwegs ereignete sich nun noch ein Umstand, der den schon vorhandenen Verdacht nur bestärken konnte. Herr Guterjung, den der Eifer stets dem Trupp um einige Schritte voraneilen ließ, lief plötzlich vor, bückte sich und schien irgendeinen kleinen Gegenstand vom Grasboden aufzuheben. Man sah, wie er ihn rasch betrachtete und halbwegs den Versuch machte, ihn in der Tasche seines Überrocks verschwinden zu lassen; dieses Vorhaben wurde aber, wie gesagt, bemerkt und verhindert, und der gefundene Gegenstand wurde als ein spanisches Dolchmesser erkannt, von dem wohl ein Dutzend Leute wußten, daß es Herrn Kielfeder gehörte. Überdies waren seine Initialen auf dem Handgriff eingraviert. Die Klinge des Messers stand offen und war blutig.

Nun blieb kein Zweifel mehr an des Neffen Schuld, und sogleich nach Ankunft in Schnatterburg wurde er einem Beamten zur Untersuchung vorgeführt.

Hier nahmen die Dinge wiederum eine höchst ungünstige Wendung. Als der Gefangene befragt wurde, wo er sich am Morgen, als Herr Schützenwerth verschwand, aufgehalten habe, besaß er die volle Kühnheit, einzugestehen, daß er an eben diesem Morgen mit seiner Flinte auf den Anstand gegangen sei, in nächster Nähe jenes Teiches, worin man durch die Umsicht des Herrn Guterjung das blutbefleckte Wams entdeckt hatte.

Dieser trat nun vor und bat mit Tränen in den Augen, verhört zu werden. Er sagte, ein strenges Pflichtbewußtsein gegenüber seinem Schöpfer und seinen Mitmenschen gestatte ihm nicht, noch länger zu schweigen. Bisher habe die aufrichtigste Zuneigung zu dem jungen Mann (ungeachtet der schlechten Behandlung, die dieser ihm, Herrn Guterjung, hätte zuteil werden lassen) ihn veranlaßt, alle nur erdenklichen Hypothesen heranzuziehen, um für die Herrn Kielfeder so sehr nachteiligen Verdachtsmomente eine Widerlegung zu finden; diese Umstände seien jetzt aber allzu überzeugend, allzu belastend; er wolle nicht länger zögern – wolle alles sagen, was er wisse, wenngleich sein (Herrn Guterjungs) Herz zu brechen drohe. Er bekundete nun, daß am Nachmittag vor Herrn Schützenwerths Abreise zur Stadt dieser würdige alte Herr in seiner (Herrn Guterjungs) Hörweite zu seinem Neffen geäußert habe, der Zweck seiner Reise in die Stadt sei der, bei der »Farmers and Mechanics Bank« eine ungewöhnlich große Summe zu deponieren, und gleichzeitig habe genannter Herr Schützenwerth genanntem Neffen deutlich seinen unabänderlichen Entschluß zu verstehen gegeben, das ursprüngliche Testament umzustoßen und ihn mit einem Pflichtteil abzufinden. Er (der Zeuge) wandte sich nun an den Angeklagten mit dem feierlichen Ersuchen, zu bekunden, ob das, was er (der Zeuge) soeben ausgesagt habe, in allen wesentlichen Einzelheiten die Wahrheit sei oder nicht. Zum großen Erstaunen aller Anwesenden gab Herr Kielfeder offen zu, es sei die Wahrheit.

Der Beamte hielt es nun für seine Pflicht, ein paar Polizisten mit einer Durchsuchung des Zimmers zu beauftragen, das der Angeklagte im Hause seines Onkels innegehabt hatte. Von dieser Haussuchung kehrten sie fast auf der Stelle mit der wohlbekannten metallbeschlagenen Brieftasche aus rotbraunem Leder zurück, die der alte Herr seit Jahren gewohnheitsmäßig bei sich trug. Ihr Wertinhalt war jedoch verschwunden, und der Untersuchungsrichter bemühte sich vergebens, dem Angeklagten ein Geständnis zu entlocken, was er mit ihm angefangen oder wo er ihn verborgen habe. Ja, er leugnete hartnäckig, irgend etwas darüber zu wissen. Die Polizisten hatten ferner zwischen Bettzeug und Matratze des Unglücklichen ein mit seinen Buchstaben gezeichnetes Hemd und Taschentuch gefunden, beides ekelhaft mit dem Blut des Opfers getränkt.

Gerade jetzt wurde bekanntgegeben, daß das Pferd des Ermordeten soeben im Stall seinen Wunden erlegen sei, und von Herrn Guterjung wurde vorgeschlagen, sogleich eine Post-mortem-Untersuchung an dem Tier vorzunehmen, in der Absicht, wenn möglich die Kugel zu entdecken. Es geschah demgemäß, und wie um die Schuld des Angeklagten ganz außer Frage zu stellen, gelang es Herrn Guterjung nach längerem Suchen, in der Brusthöhle des Tieres eine Kugel von großem Kaliber aufzufinden und herauszuziehen, die, wie ein Versuch ergab, genau in den Lauf von Kielfeders Flinte paßte, aber bei weitem zu groß für jede andre Flinte in unserer Stadt und ihrer Umgebung war. Um die Sache immer gewisser zu machen, fand sich, daß diese Kugel einen Einschnitt oder Nahtstreifen aufwies, der sich zu der üblichen Gußnaht rechtwinklig verhielt, und bei einer Prüfung paßte dieser Nahtstreifen genau auf eine kreisförmige Erhebung in einer der Gußzangen, die der Angeklagte selber als sein Eigentum bezeichnete. Nach Auffindung dieser Kugel weigerte sich der Untersuchungsrichter, noch weitere Zeugen anzuhören, und schickte den Gefangenen sofort in Untersuchungshaft, indem er entschieden ablehnte, ihn gegen Bürgschaft freizugeben, obgleich Herr Guterjung mit Wärme gegen solche Strenge eintrat und sich erbot, in jeder gewünschten Höhe Sicherheit zu leisten. Diese Großmut auf Seiten Karlchens stand völlig im Einklang mit dem ganzen liebenswürdigen und ritterlichen Wesen, das er zur Schau trug, seit er sich in Schnatterburg ansässig gemacht hatte. Im vorliegenden Fall ließ sich der Brave von der Glut seines Mitgefühls so hinreißen, daß er ganz zu vergessen schien, als er sich zum Bürgen für seinen jungen Freund anbot, daß er selbst (Herr Guterjung) auch nicht eines Dollars Wert auf Erden besaß.

Die Folgen der Verhaftung sind leicht vorauszusehen. Herr Kielfeder wurde unter den lauten Verwünschungen aller Schnatterburger bei der nächsten Gerichtssitzung vorgeführt, und die Beweiskette (durch allerlei erschwerende Umstände ergänzt, die Herrn Guterjungs empfindsames Gewissen dem Gerichtshof nicht vorzuenthalten vermochte) wurde so lückenlos und entscheidend befunden, daß die Geschworenen, ohne ihre Plätze verlassen zu haben, sogleich das Urteil fällten: »Des Mordes schuldig, ohne mildernde Umstände.« Bald darauf erhielt der arme Kerl sein Todesurteil und wurde dann dem Landesgefängnis überantwortet, um der unerbittlichen Strenge des Gesetzes entgegenzusehen.

Inzwischen hatte Karlchen Guterjungs edles Benehmen ihn den würdigen Bürgern des Städtchens doppelt wert gemacht. Er wurde noch zehnmal beliebter als bisher, und als natürliche Folge der Gastfreundschaft, die man ihm entgegenbrachte, gab er notgedrungen die äußerst eingeschränkte Lebensweise auf, die zu führen seine Armut ihn bisher gezwungen hatte, und es gab recht häufig kleine Zusammenkünfte bei ihm zu Hause, bei denen Witz und Frohsinn regierten – freilich von der gelegentlichen Erinnerung an das verdrießliche und tragische Geschick gedämpft, das auf dem Neffen des jüngstbeweinten Busenfreundes unseres großzügigen Gastgebers lastete.

Eines Tages wurde der hochherzige alte Herr durch folgenden Brief angenehm überrascht:

»Herrn Charles Guterjung, Hochwohlgeboren.

Sehr geehrter Herr,

in Verfolg eines Auftrags, der unsrer Firma vor ungefähr zwei Monaten durch unsern wohllöblichen Geschäftsfreund, Herrn Barnabas Schützenwerth, erteilt wurde, beehren wir uns, heute an Ihre Adresse eine Doppelkiste Château Margaux Antilopenbrand, violette Kapsel, abgehen zu lassen. Adresse und Nummer der Kiste wie hierneben.

Wir verbleiben, sehr geehrter Herr,
Ihre ganz ergebenen
Faß, Naß, Haß & Co.

P. S. Die Kiste wird als Bahngut einen Tag nach diesem Brief bei Ihnen eintreffen. Unsre Empfehlung an Herrn Schützenwerth.

F. N. H. & Co.

Tatsache ist, daß Herr Guterjung seit dem Tode des Herrn Schützenwerth die Erwartung völlig aufgegeben hatte, den versprochenen Château Margaux noch zu erhalten, und so erschien ihm das nun als ein Zeichen, daß die Vorsehung ihm verziehen habe. Er war natürlich ungemein entzückt und lud im Überschwang seiner Freude einen großen Bekanntenkreis für den kommenden Tag zu einem »petit souper«, bei welcher Gelegenheit man das Geschenk des guten alten Herrn Schützenwerth anbrechen wollte. Übrigens ließ er, als er die Einladungen vorbrachte, den »guten alten Herrn Schützenwerth« unerwähnt. Wenn ich mich recht erinnere, so sagte er es keiner Seele, daß er den Château Margaux als Geschenk erhalten hatte. Er forderte lediglich seine Freunde auf, bei ihm einen hervorragend guten Wein von köstlichem Aroma zu trinken, den er vor einigen Monaten in der Stadt bestellt habe und der morgen eintreffen werde. Ich mußte mir oft den Kopf zerbrechen, warum »unser Karlchen« nicht sagen wollte, daß er den Wein von seinem alten Freund erhalten hatte, aber ich konnte den Grund für sein Schweigen nie ganz verstehen, wenngleich er ohne Zweifel einen ausgezeichneten und edelmütigen Grund gehabt haben wird.

Der andere Tag kam, und mit ihm fand sich eine sehr große und höchst würdige Gesellschaft im Hause des Herrn Guterjung ein. Ja, die halbe Stadt war da – auch ich gehörte dazu. Zum großen Leidwesen des Hausherrn aber langte der Château Margaux erst in später Stunde an, als dem üppigen, von »unserm Karlchen« spendierten Mahl von den Gästen bereits ausgiebig Ehre angetan worden war. Immerhin, er traf endlich ein – eine ungeheuer große Kiste voll –, und da sich die Gesellschaft in ausgezeichneter Stimmung befand, wurde allgemein beschlossen, die Kiste auf den Tisch zu stellen und sogleich auszupacken.

Kaum gesagt, getan. Ich lieh hilfreiche Hand, und im Nu hatten wir die Kiste auf dem Tisch, mitten zwischen den Flaschen und Gläsern, von denen nicht wenige bei diesem Manöver zerbrachen. »Unser Karlchen«, der schon reichlich angeheitert war und einen ganz roten Kopf hatte, nahm nun mit gespielter Feierlichkeit am obern Ende der Tafel Platz, hieb mit einem Abfüllgefäß wie rasend auf den Tisch und rief die Gesellschaft zur Ordnung, da jetzt »der Schatz zur Auferstehung gebracht werden« solle.

Nach allerlei lautem Gerede herrschte endlich Schweigen, und wie es in ähnlichen Fällen öfter geschieht, war es auf einmal vollkommen und auffällig still. Als man mich nun ersuchte, den Deckel aufzubrechen, tat ich das selbstredend mit »unendlichem Vergnügen«. Ich setze einen Meißel an, und als ich ihm mit einem Hammer einige leichte Schläge gegeben hatte, sprang der Deckel heftig auf, und gleichzeitig schnellte, mit dem Gesicht zum Hausherrn gewandt, der zerschmetterte, blutige, halbverweste Leichnam des ermordeten Herrn Schützenwerth selbst in sitzende Stellung empor. Fest und traurig blickte er mit seinen eingefallenen und gebrochenen Augen dem Herrn Guterjung ins Gesicht, sagte langsam, aber klar und bedeutsam: »Du bist der Mann!«, sank dann befriedigt seitwärts aus der Kiste heraus und streckte seine zitternden Glieder über den Tisch.

Die Szene, die folgte, ist gar nicht zu beschreiben. Alles stürzte wie rasend zu Türen und Fenstern hinaus, und viele der kräftigsten Männer sanken vor Entsetzen glatt in Ohnmacht. Nach dem ersten wilden Entsetzensschrei aber wandten sich aller Augen auf Herrn Guterjung. Wenn ich tausend Jahre lebe, so werde ich nie das tödliche Grauen vergessen, das sich auf seinem eben noch von Stolz und Wein geröteten, jetzt geisterbleichen Antlitz malte. Minutenlang saß er steif da wie ein Marmorbild; seine Augen schienen mit völlig leerem Blick nach innen gerichtet und in Betrachtung seiner eignen Mörderseele versunken. Dann plötzlich glitt sein Blick heraus zu seiner Umgebung, als er mit jähem Satz aufsprang, Kopf und Schultern schwer auf den Tisch fallen ließ, so daß er den Leichnam berührte, und nun wild und hastend ein ausführliches Geständnis des abscheulichen Verbrechens ablegte, um deswillen Herr Kielfeder gegenwärtig in Haft saß und zum Tode verurteilt war.

Was er erzählte, war im wesentlichen dies: Er folgte seinem Opfer bis in die Nähe des Teiches, schoß auf das Pferd mit der Pistole, schlug den Reiter mit dem Pistolengriff nieder, bemächtigte sich seiner Brieftasche und zerrte das Pferd, das er für tot hielt, in die Brombeeren am Weiher. Auf sein eignes Tier warf er den Leichnam des Herrn Schützenwerth und brachte ihn so an einen tief im Wald versteckten sicheren Ort.

Wams, Messer, Brieftasche und Kugel hatte er an ihren Fundorten niederlegt, in der Absicht, sich an Herrn Kielfelder zu rächen.

Auch die Auffindung des blutbefleckten Taschentuchs und Hemdes war von ihm veranlaßt worden.

Als dieser Bericht, bei dem einem das Blut in den Adern gerann, sich seinem Ende näherte, wurden die Worte des verbrecherischen Schurken hohl und stammelnd. Als schließlich alles gesagt war, stand er auf, tastete sich vom Tisch zurück und – fiel tot zu Boden. Die Mittel, mit denen dieses rechtzeitige und wirksame Bekenntnis erzielt wurde, blieben einfach genug. Herrn Guterjungs übertriebner Freimut hatte mich abgestoßen und von Anfang an meinen Verdacht erregt. Ich war dabeigewesen, als Herr Kielfeder ihn niederwarf, und der boshafte Ausdruck, der, wenn auch nur für einen Augenblick, auf seinem Gesicht erschien, gab mir die Gewißheit, daß er seine Rachedrohung wenn möglich in die Tat umsetzen würde. So war ich vorbereitet, die Manöver »unsres Karlchens« in ganz andrem Licht zu sehen als die guten Schnatterburger. Ich bemerkte sofort, daß alle die belastenden Entdeckungen direkt oder indirekt von ihm selbst herrührten. Was mir aber die Augen über den wahren Sachverhalt öffnete, das war die Geschichte mit der von Herrn Guterjung im Kadaver des Pferdes »gefundenen« Kugel. Ich hatte nicht wie die Schnatterburger übersehen, daß sowohl ein Einschuß- als ein Ausschußloch der Kugel vorhanden war. Wenn sie nun, nachdem sie aus dem Körper herausgedrungen war, doch darin gefunden wurde, so sah ich klar, daß sie von dem, der sie fand, hier eingelegt sein mußte. Das blutige Hemd und Taschentuch bestärkten die durch die Kugel geweckte Vermutung, denn das Blut erwies sich bei einer Prüfung als weiter nichts als ausgezeichneter Rotwein. Wenn ich über diese Dinge und die jüngst erwachte Freigebigkeit und Verschwendungssucht des Herrn Guterjung nachdachte, kam mir ein Verdacht, der, wenn ich ihn auch für mich behielt, darum doch nicht weniger stark war.

Inzwischen begann ich eine eifrige private Nachforschung nach der Leiche des Herrn Schützenwerth und suchte aus guten Gründen in Gegenden, die möglichst weit ablagen von denen, in die Herr Guterjung die Gesellschaft geführt hatte. Dadurch entdeckte ich nach einigen Tagen eine alte versiegte Quelle, die fast ganz in Brombeergesträuch verborgen lag, und hier fand ich, was ich suchte.

Nun hatte ich seinerzeit zufällig die Unterredung der beiden Zechgenossen angehört, bei der Herr Guterjung seinem Gastgeber das Versprechen auf eine Kiste Château Margaux herauszulocken wußte. Diesem Fingerzeig folgte ich. Ich beschaffte mir eine steife Stange Fischbein, stieß sie der Leiche in den Schlund hinab, die ich dann in eine leere Weinkiste legte – indem ich den Körper so zusammenbog, daß das Fischbein ebenfalls zusammengebogen wurde. Auf die Art mußte ich den Kistendeckel mit aller Gewalt herunterdrücken, während ich die Nägel einschlug, und ich sagte mir natürlich, sobald man den Deckel lockerte, würde er ab- und der Körper emporschnellen.

Nachdem ich die Kiste so hergerichtet hatte, versah ich sie mit Zeichen und Nummer und adressierte sie wie vorerwähnt. Dann schrieb ich im Namen der Weinhandlung, zu der Herr Schützenwerth Geschäftsbeziehungen hatte, einen Brief und gab meinem Diener den Auftrag, die Kiste auf ein gegebenes Zeichen von mir in einem Schubkarren vor Herrn Guterjungs Tür zu fahren. Für die Worte, die ich der Leiche in den Mund zu legen gedachte, verließ ich mich vertrauensvoll auf meine Bauchrednerkünste, ihre Wirkung garantierte mir das schlechte Gewissen des mörderischen Schurken.

Ich glaube, weiter ist nichts zu erklären. Herr Kielfeder wurde auf der Stelle freigelassen, erbte das Vermögen seines Onkels, zog aus den Erfahrungen seinen Nutzen, besserte sich und führte von nun an ein neues, glückliches Leben.

 


 








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