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Christoph Martin Wieland: Dschinnistan - Kapitel 52
Quellenangabe
typefairy
booktitleDschinnistan oder Auserlesene Feen- und Geistermärchen
authorChristoph Martin Wieland
year1992
publisherManesse Verlag
addressZürich
isbn3-7175-1818-6
titleDschinnistan
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1786
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Wie mäßig nun auch das Einkommen war, welches er ihnen auf diese Weise verschaffte, so war es doch hinlänglich, sie einige Tage lang sehr glücklich zu machen. Zwölf Asper des Tages war in der Tat mehr als alles, worauf sie in ihrer gewöhnlichen Lage jemals hatten rechnen können; es reichte zu ihren notwendigsten Bedürfnissen zu, und noch vor kurzem würden sie sich mit einer solchen Einnahme reich geachtet haben, aber der würkliche Besitz brachte gar bald andere Gedanken hervor. Was sie hatten, däuchte ihnen wenig, und sie fühlten nun täglich lebhafter, wie viel ihnen mangelte. «Mit zwölf Asper des Tags ist man doch nur ein armer Teufel», sagte Nardan seufzend; «was ist das gegen die königlichen Schätze, die ich aus der unterirdischen Gruft mitbrachte?»

Diese Erinnerung und die Vergleichung seines gegenwärtigen Zustandes mit den glänzenden Aussichten, die ihm sein vermeinter Reichtum gegeben hatte, wurde für den unglücklichen jungen Menschen eine Quelle von Mißvergnügen, Unzufriedenheit und unaufhörlichen Träumereien und Projekten, wovon immer eines das andere zerstörte. Das letzte, woran er sich festhielt, war, eine Reise zu seinem alten Wohltäter zu tun und ihm mit dem Leuchter ein Geschenke zu machen. In den ersten Tagen, nachdem er die talismanische Tugend des Leuchters entdeckt hatte, kam ihm nichts weniger in den Sinn, als sich seines dem Derwisch gegebenen Wortes zu entledigen; aber nun, da er die Erfüllung desselben als eine gute Spekulation betrachtete, die ihn bei seinem alten Freunde wieder in Gunst und vielleicht in den Besitz seines verschwundenen Schatzes setzen könnte, nun beschloß er auf einmal, ehrlich und sogar großmütig genug zu sein, um – wie das Sprüchwort sagt – eine Wurst nach einer Speckseite zu werfen. Seine Mutter wollte sich anfangs nicht dazu verstehen: «Ein Sperling in der Hand, mein Sohn», sagte sie, «ist besser als eine Goldammer auf dem Dache»; aber Nardan gab sich nicht zufrieden, bis er halb in Gutem, halb mit Unwillen ihre Einwilligung erhielt; und so machte er sich des nächsten Tages früh mit seinem eisernen Armleuchter auf den Weg. Nach einigen Tagreisen langte er auch glücklich zu Magrebi an und erkundigte sich sogleich im Tore nach dem Derwisch Abunadar, der in dieser kleinen Stadt so bekannt war, daß ihm jedes Kind seine Wohnung zeigen konnte.

Nardan hatte sich, nach dem Stande des Derwischen, eine kleine Hütte oder eine Zelle in einem armen Klösterchen vorgestellt; aber wie groß war sein Erstaunen, als man ihn vor die Pforte eines Palastes führte, den er eher für die Wohnung eines großen Fürsten angesehen hätte. Die Menge der Bedienten, wovon der Vorhof und die Vorsäle wimmelten, der Reichtum ihrer Kleidung und die Pracht, die ihm von allen Seiten entgegenschimmerte, vermehrten sein Erstaunen mit jedem Augenblicke. «Unmöglich», dacht' er, «kann ich in dem rechten Hause sein; die Leute haben mich nicht verstanden oder wollen mich zum besten haben, daß sie mich, anstatt in die Hütte eines Derwisch, in den Palast ihres Königs führten.»

In dieser Verlegenheit blieb er eine gute Weile in einem Winkel stehen und war eben im Begriff, sich ein Herz zu nehmen und einen von den vornehmen Herren im Vorsaale zu fragen, wo er wäre, als ein Bedienter aus dem innern Teile des Hauses herauskam und zu ihm sagte: «Willkommen, Nardan! Der Derwisch, mein Gebieter, der dich schon lange erwartet, wird dich mit Vergnügen sehen.»

Mit diesen Worten führte ihn der Bediente durch verschiedene Zimmer in einen herrlichen Saal, wo er den Derwisch auf einem mit Gold und Perlen gestickten Sofa sitzen fand. Nardan, vom Anblick aller dieser unerwarteten Umstände geblendet, wollte sich vor ihm niederwerfen, wenn es Abunadar nicht verhindert hätte; aber als er sich, wiewohl mit vielem Stottern, in weitläufige Versicherungen seiner Treue und Dankbarkeit verwickelte und sich ein Verdienst daraus machen wollte, daß er eine so weite Reise unternommen habe, um seinem hohen Wohltäter den eisernen Leuchter zuzustellen, den er mit Gefahr seines Lebens für ihn erworben habe, fiel ihm der Alte in die Rede. «Du bist ein undankbarer Mensch», sagte er; «bildest du dir ein, mir Schwarz für Weiß vormachen zu können? Ich lese in deiner Seele und weiß deine geheimsten Gedanken; nimmermehr würdest du mir den Armleuchter gebracht haben, wenn du seine Tugend gekannt hättest.» – «Ich kenne sie sehr wohl», rief Nardati, «und eben dies war die Ursache.» – «Du weißt nichts», unterbrach ihn der Derwisch abermal, «aber du sollst sie sogleich kennenlernen!»

Mit diesen Worten befahl er einem Sklaven, zwölf Wachslichter zu holen, und sobald sie wieder allein waren, steckte er sie in die zwölf Arme des Leuchters und zündete sie an. Sogleich erschienen die zwölf Derwische und begannen ihren gewöhnlichen Tanz. Als sie sich eine Weile herumgedreht hatten, gab Abunadar jedem einen Schlag mit einem Stocke, und augenblicklich verwandelten sie sich in zwölf Haufen Goldstücke, Diamanten und Rubinen. «Siehst du nun», sagte Abunadar, «Wie man es anstellen muß, um sich den Besitz dieses wundervollen Leuchters zunutze zu machen? Übrigens muß ich dir sagen, daß ich mir diesen Talisman aus keinem andern Grunde gewünscht habe, als weil er das Werk eines Weisen ist, den ich ehre, und weil es mir Vergnügen machen wird, ihn den Fremden, die mich besuchen, als eine Seltenheit zeigen zu können. Um dich davon zu überzeugen, will ich dir den Schlüssel zu meinen Vorratskammern anvertrauen. Geh, schließe sie auf, sieh dich darin um und urteile dann selbst, ob ich reich genug bin, den Leuchter entbehren zu können!»

Nardan gehorchte. Er durchlief zwölf große Gewölbekammern, die so mannigfaltige und unermeßliche Reichtümer enthielten, daß er zweifelhaft war, ob er wache oder träume, und seinen eigenen Sinnen kaum glaubte, wiewohl er alles mit seinen Augen sah und mit seinen Händen betastete. Er fand hier ganze Magazine voll reicher Gold- und Silberstoffe und aller Arten kostbarer Waren, die in Persien, Indien und China gearbeitet worden; gemünztes und ungemünztes Gold lag in pyramidenförmigen Haufen aufgeschüttet, und eine Menge großer Schränke von Sandelholze waren mit Perlen, Edelsteinen, kostbaren Gefäßen und allerlei künstlichen Werken angefüllt, woran der Reichtum der Materie gegen die Kunst der Arbeit für nichts zu achten war. Dieser Anblick war mehr, als die Weisheit des armen Nardans aushalten konnte: Neid und Lüsternheit nach allem, was er sah, preßten ihm, mitten im Bewundern und Anstaunen, die herbesten Seufzer aus; und nun hätte er sich selbst prügeln mögen, daß er wider Wissen und Willen die Reichtümer des alten Derwisch durch einen Schatz vermehrt hatte, der allein mehr wert war als alles übrige zusammengenommen. «Oh, wenn ich das hätte wissen können, was ich nun weiß! » rief er einmal über das andere aus; und da er es in der Kunst, die Bewegungen seiner Seele zu verbergen, trotz aller seiner Bemühung noch nicht weit gebracht hatte, so war es bei seiner Zurückkunft dem weisen Abunadar ein leichtes, alles zu sehen, was in seinem Inwendigen vorging. Aber ohne sich etwas davon merken zu lassen, überhäufte er den jungen Menschen mit Freundlichkeit, behielt ihn etliche Tage in seinem Hause und befahl, daß ihm ebenso gut aufgewartet werden mußte als ihm selbst.

Endlich, als der Abend vor dem Tage, an welchem Nardan wieder abreisen wollte, gekommen war, sagte er zu ihm: «Mein Sohn Nardan, ich zweifle nicht, du werdest durch das, was dir begegnet ist, von deiner Undankbarkeit geheilt worden sein, und damit hättest du schon viel gewonnen; indessen bin ich dir eine Erkenntlichkeit dafür schuldig, daß du eine so weite Reise unternommen hast, um mir etwas zu bringen, wovon du wußtest, daß es mir Vergnügen machen würde. Ich will dich nicht aufhalten. Reise glücklich! Du wirst morgen vor der Pforte ein Pferd gesattelt finden, das dich nach deiner Heimat tragen wird, und einen Sklaven mit zwei Kamelen, die du mit so viel Gold, als sie tragen können, und mit so viel Edelsteinen, als du dir selbst in meinen Schatzkammern aussuchen willst, beladen kannst.» Mit diesen Worten überreichte er ihm nochmals den Schlüssel zu seinem Schatze und wünschte ihm eine gute Nacht, ohne die Danksagungen, in die sich der entzückte Nardan ergoß, abzuwarten.

Es gehört vermutlich unter die unmöglichen Dinge, einem habsüchtigen Menschen so viel zu geben, bis er genug hat. Nardan brachte die ganze Nacht in einer Bewegung zu, die ihn keinen Augenblick ruhen ließ; nicht etwa vor Freuden über die Freigebigkeit des Derwisch, der ihn doch, über alles, was er billigerweise erwarten konnte, beschenkt und aus einem Burschen von zwölf Asper des Tags zu einem der reichsten Leute in der Welt gemacht hatte, sondern aus Verdruß, daß er den Leuchter zurücklassen sollte, der ihm, seitdem er das Geheimnis desselben wußte, mehr wert zu sein schien als zehn Königreiche mit allen ihren Schatzkammern. «Er war mein», sagte er, indem er sich mit der Faust vor die Stirne schlug; «niemals wäre Abunadar ohne mich zum Besitze desselben gekommen. Und warum ist nun er der Herr dieses Schatzes aller Schätze? Weil ich ein so guter Narr gewesen bin und ihn damit beschenkt habe. Es ist gar nicht schön von ihm, der ein alter Mann und ohnehin so reich ist, daß er sich auf Unkosten eines armen jungen Menschen, an dem er wie ein Vater zu handeln versprach, noch mehr und auf eine so ungeheure Art bereichern will. Meint er etwa, sich seiner Schuld durch das armselige Geschenk, womit ich mich abfinden lassen soll, zu entledigen? Was sind zwei mit Gold und Edelsteinen beladene Kamele gegen den Leuchter, der mir täglich zwölfmal soviel verschaffen würde? Oh, wahrhaftig, Abunadar ist ein Geizhals, ein unersättlicher Mann und ein Undankbarer obendrein; er verdient nicht, der Besitzer eines solchen Schatzes zu sein; ich kann mich nicht an ihm versündigen, wenn ich ihm den Leuchter wieder nehme, dessen er gar nicht bedarf und wovon er keinen bessern Gebrauch machen will, als groß damit zu tun!»

Alle diese Betrachtungen, die der undankbare Nardan mit sich selbst anstellte, endigten sich mit dem festen Vorsatz, das Vertrauen, das der Derwisch durch Übergebung des Schlüssels in seine Redlichkeit setzte, sich zunutze zu machen und den Leuchter heimlich wieder mitzunehmen. «Ich nehme ja nur, was ohnehin von Rechts wegen mein ist», dachte er; «und sollte ich auch eine kleine Sünde daran tun, so kann ich ja mit dem zehnten Teile dessen, was ich in einer einzigen Nacht durch den Leuchter gewinne, eine herrliche Moschee bauen und ein großes Kloster für zweihundert Derwische stiften, die Tag und Nacht für mich beten und den Engel Arsail schon bewegen werden, diese Kleinigkeit in meinem Schuldregister auszustreichen.»

Mit diesen frommen Gedanken bewaffnet, begab sich Nardan, sobald der Tag angebrochen war, mit etlichen großen Säcken in die Schatzkammer des alten Derwisch, suchte sich aus, was ihm gefiel, und vergaß nicht, vor allen Dingen den Leuchter in einen der Säcke zu stecken, die er, der Erlaubnis seines Wohltäters zufolge, mit Gold und Edelsteinen bis obenan vollstopfte. Er belud damit die zwei Kamele, die vor der Pforte auf ihn warteten, stellte dem Derwisch seinen Schlüssel wieder zu, nahm unter tausend Danksagungen und Wünschen für sein langes Leben Abschied, trabte nun auf seinem schönen arabischen Pferde mit seinen zwei Kamelen vergnügt und wohlgemut davon und langte mit allen seinen Reichtümern glücklich wieder zu Bassora an. Seine Mutter bezeugte große Freude über seine Zurückkunft, zumal da sie aus seinem Aufzug und den zwei beladenen Kamelen schloß, daß er von dem alten Derwisch wohl aufgenommen worden. Aber Nardan nahm sich kaum Zeit, sie zu grüßen, so groß war seine Ungeduld, sich von der Fortdauer der neu entdeckten Tugend seines Talismans zu überzeugen. Er eilte, die Ladung seiner Kamele in eine Kammer mitten im Hause zu schaffen, schloß sich ein, zog den eisernen Leuchter aus dem Sacke hervor, steckte zwölf Lichter auf und zündete sie an, nachdem er sich zuvor mit einem tüchtigen Haselstocke versehen hatte. Sogleich erschienen die zwölf Derwische und begannen ihren alten Ringeltanz; Nardan gab jedem einen derben Schlag mit seinem Stecken, aber unglücklicherweise hatte er nicht in Acht genommen, daß der alte Abunadar diese Operation mit der linken Hand verrichtete. Nardan bediente sich der rechten, mit der er alles zu tun gewohnt war, und die zwölf Derwische hatten kaum ihren Schlag empfangen, so zogen sie, statt sich in Haufen Gold und Edelsteine zu verwandeln, jeder einen entsetzlichen Knüttel unter seinem langen Rock hervor und schlugen damit unbarmherzig auf den armen Nardan zu, bis er zu Boden fiel. Sie verschwanden hierauf, indem sie alles, was er aus Abunadars Palaste mitgebracht – das Pferd, die Kamele samt ihrer Ladung, den Sklaven und den Leuchter –, mit sich nahmen, und ließen den unglücklichen Nardan halb tot auf der Erde liegen, um, solang er noch lebte, seine Habsucht, Undankbarkeit und – Unachtsamkeit zu beweinen.

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