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Christoph Martin Wieland: Dschinnistan - Kapitel 44
Quellenangabe
typefairy
booktitleDschinnistan oder Auserlesene Feen- und Geistermärchen
authorChristoph Martin Wieland
year1992
publisherManesse Verlag
addressZürich
isbn3-7175-1818-6
titleDschinnistan
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1786
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Alquif (so nannte sich mein neuer Gemahl) war ein großer Zauberer; aber das Halsband, wiewohl es für ein Meisterstück der magischen Kunst gelten konnte, vermochte doch nicht das Werk der Feen gänzlich zu vernichten. Die Kraft dieses mächtigen Talismans erstreckte sich bloß auf die Stunden der Nacht; sobald der Tag anbrach, verschwand meine Schönheit zugleich mit dem wundervollen Glanz des Halsbandes, und ich erhielt alle die Häßlichkeit wieder, womit mich die erste Fee begabet hatte. Alquif hatte, sobald er mich wieder in diesem Zustande sah, nichts Angelegneres, als das einzige graue Haar, das ich noch auf meinem Kopfe hatte, durch die stärksten Zaubermittel so fest und dauerhaft zu machen, daß es die ganze Anzahl von Jahren aushalten könnte, für welche mir die außerordentliche Fülle meiner Haare im Stande meiner Schönheit Gewähr leistete; und da der Tag die Zeit war, wo meine Gesellschaft einem jungen Manne, der das Vergnügen liebte, eben nicht die angenehmste sein konnte, so wandte er ihn in den ersten Wochen unsrer Verbindung dazu an, mich in die Mysterien der Kunst, worin er einer der größten Meister war, einzufahren. Aber kaum sah er mich, durch den schnellen Fortgang, den ich darin machte, in den Stand gesetzt, seines Beistandes entbehren zu können, so überließ er sich seinem natürlichen Unbestand und entfernte sich von dieser Insel, ohne daß wir uns seitdem wiedergesehen haben. Ich habe euch diese Geschichten erzählt, meine Kinder», fuhr Alboflede fort, «um euch zu überzeugen, daß das Vorherwissen unsrer Schicksale uns nicht nur ganz unnütz dazu ist, ihnen auszuweichen, sondern daß es sogar das Mittel wird, uns unangenehme Schicksale zu machen, in welche wir, ohne jenen Vorwitz und eine unzeitige Geschäftigkeit und Einmischung in das Werk der höhern Mächte, die unser Verhängnis leiten, nie geraten wären. Hätte der Druide, mein Vater, sich nicht einfallen lassen, mir die Nativität zu stellen, so wäre ich aller der unsäglichen Leiden und Kränkungen überhoben geblieben, die er mir bloß durch das Mittel zuzog, wodurch er mein vermeintliches Unglück verhüten wollte. Lasset euch also durch Albofledens Erfahrung warnen: hütet euch, euerm Schicksal eigenmächtig vorgreifen zu wollen; lasset die Götter walten und erwartet in Geduld, was sie über eure Liebe und euer Glück beschlossen haben!»

Während daß die alte Zauberin ihre jungen Gäste solchergestalt unterhielt und ihre wunderreiche Erzählung (die diese für ein ausgemachtes Märchen hielten) mit so weisen Lehren bekrönte, war unvermerkt die Nacht eingebrochen; und Alboflede hatte kaum den dreifachen Kragen, womit sie bei Tage ihren Hals zu verhüllen pflegte, abgelegt, als das funkelnde Halsband auf hundert Schritte im Durchmesser einen neuen Tag verbreitete und die Alte vor den erstaunten Augen der beiden Liebenden in einem Glanz von Schönheit und Jugend dastand, der sie beinahe zu Boden warf «Ihr sehet», sagte sie zu ihnen, «daß ich euch kein Märchen erzählt habe, wie ihr euch vermutlich einbilden mochtet.» Die jungen Leute erröteten; und da sie nicht Philosophen genug waren, um das Wunderbare, was sie mit Augen sahen, für ein Märchen ihrer eigenen Einbildungskraft zu halten, so ließen sie es dabei bewenden und begnügten sich, Albofleden, oder vielmehr die Göttin der Schönheit, die so unverhofft ihren Platz eingenommen hatte, mit großen Augen anzustarren. Auf einmal trat ein Adonis von sechzehn Jahren, dem Ansehen nach so schön wie der schönste Engel, den Guido Reni jemals gemalt hat, zwischen sie hin und bediente die kleine Gesellschaft aus goldnen Schalen mit den köstlichsten Erfrischungen. Alboflede sagte ihnen, daß es ein Sylphe und dieser Sylphe das einzige Wesen sei, mit welchem sie das Vergnügen der Einsamkeit in ihrer kleinen Insel teile. Die junge Selma gestand sich selbst, daß sie, nach dem schönen Arbogast, ihrem Liebhaber, nie etwas gesehen habe, das mit diesem Sylphen zu vergleichen sei. Aber das Wahre von der Sache war, daß sie ihren schönen Arbogast mit Augen der Liebe, das ist mit blinden oder wenigstens verblendeten Augen, ansah; denn in der Tat mußte man so eingenommen sein, als sie es war, um eine Vergleichung zwischen beiden nicht lächerlich zu finden.

Kaum hatte sich der wirkliche oder vorgebliche Sylphe (denn wir getrauen uns nicht zu entscheiden, ob er das eine oder andere war) wieder entfernt, so erneuerten die beiden Liebenden ihre erste Bitte mit so vieler Zudringlichkeit, daß Alboflede alle Mühe, die sie sich gegeben hatte, verloren sah, «Ihr seid also», sagte sie lächelnd, «wie alle jungen Leute; die Lehren und Warnungen der Weisheit glitschen, wie Töne ohne Sinn und Bedeutung, von euern Ohren ab. Ihr wollt alles selbst erfahren und auf eure eigene Unkosten klüger werden. Nun, wohlan dann! Tretet in diesen Kreis», fuhr sie fort, indem sie mit einem elfenbeinernen Stab einen Kreis um sie her zog; «ich will das Buch des Schicksals für euch aufschlagen, und ihr sollt den Ausgang eurer Liebe vernehmen.» Sogleich trat der schöne Sylphe wieder auf, indem er seiner Gebieterin in der einen Hand ein goldnes Rauchfaß und in der andern ein großes Buch, das mit goldnen Buckeln beschlagen und reich mit Edelsteinen besetzt war, darreichte. Sie nahm das Buch aus seiner Hand, und als sie aus einer diamantnen Büchse einige Körner in das Rauchfaß geworfen hatte, stieg ein lieblicher, sanft betäubender Dampf daraus in die Höhe und erfüllte in einem Augenblick die ganze Gegend. «Höret nun euer Schicksal», sagte sie zu den Liebenden, die, in eine Wolke von Wohlgeruch eingehüllt, zitternd vor ihr standen. Sie schlug das Buch auf und las mit lauter Stimme: «Ihr werdet getrennt werden!»

Die armen Seelen, denen bei allen diesen Zeremonien vorhin schon wenig Gutes ahndete, mußten sich aneinander anhalten, um vor Schmerz aber diese schreckliche Weissagung nicht umzusinken. «Doch nicht auf lange? Nicht auf ewig?» fragte Selma mit erstickter Stimme. «Was können wir tun, um wieder vereinigst zu werden?» fragte Arbogast. «Indem ihr einander auf entgegengesetzten Wegen suchet, werdet ihr euch unverhofft wiederfinden», las Alboflede von einem andern Blatte herab. Sie schloß hierauf das Buch wieder zu und gab es dem Sylphen zurück, der damit verschwand.

Die Liebenden fielen der schönen Zauberin zu Füßen und dankten ihr für die Gewährung ihrer Bitte. «Wir unterwerfen uns unserm Schicksale», sagten sie; «wie groß auch die uns erwartenden Leiden sein mögen, welche Wollust ist in dem Gedanken, für das, was man liebt, zu leiden!» «Das werdet ihr erfahren», sagte Alboflede. «Aber wir werden uns wiederfinden», riefen die Liebenden. «Welche Wonne! wir werden uns wiederfinden und glücklich sein!» – «Das wollen wir hoffen», sagte Alboflede. «Wir müssen uns trennen, so will es unser unerbittliches Schicksal», riefen die Liebenden, einander in die Arme sinkend; «jeder Augenblick, den wir länger säumen, verzögert die selige Stunde des Wiedersehens.» – «Romanhafte Seelen!» sagte Alboflede mit einem gütig bedaurenden Blicke; «so tretet denn eure Wanderung an, du ostwärts da hinaus, du westwärts dort hinaus; und verlasset euch darauf, daß Alboflede mit euch sein wird!» Sie erlaubte ihnen hierauf, einander noch einmal und abermal zu umarmen; mit einem Strome von Tränen rissen sie sich endlich voneinander los, und nachdem sie sich von Albofleden beurlaubt hatten, traten sie mit wankenden Schritten ihren Leidensweg an; ostwärts er, westwärts sie, nicht ohne sich, solange sie konnten, umzusehen und einander von ferne Küsse zuzuwerfen.

Aber kaum waren sie, jedes auf seinem eigenen Schlangenwege, ein paar hundert Schritte im Walde, der Albofledens Gärten auf der mitternächtlichen Seite umfaßte, fortgegangen, als jedes, von einer angenehmen Betäubung überwältiget, auf eine Moosbank hinfiel, um durch Veranstaltung der wohltätigen Zauberin in einem magischen Traume alle die Abenteuer zu durchlaufen, die eine Folge ihrer törichten Entschließung gewesen sein würden, wenn Alboflede nicht Mittel gefunden hätte, sie zu vereiteln. Arbogast und Selma träumten beide einerlei Traum; er fing mit dem Augenblick ihres Abschiedes von Albofleden an und führte sie durch verworrene und größtenteils unangenehme Begebenheiten, nach einer zehnjährigen Trennung (wie es ihnen däuchte), beide in eine große Stadt, wo Selma die unverhoffte Freude hatte, ihren geliebten Arbogast – in den Armen einer andern wiederzufinden.

Die Zauberin hatte es so veranstaltet, daß die beiden Liebenden, wiewohl sie sich voneinander zu entfernen glaubten, in den Schlangengängen ihres Lustwaldes wieder so nahe zusammenkamen, daß sie in dem Augenblicke, da sie von der Betäubung des magischen Schlummers überwältigt wurden, nur durch eine leichte Wand von Myrten und Rosen getrennt waren; auf ihren Wink mußte der Sylphe den schlafenden Arbogast auf die nehmliche Moosbank tragen, wo Selma eingeschlummert war. Der zehnjährige Traum, in welchem sie eine unendliche Menge romanhafter Abenteuer bestanden zu haben glaubten, währte in der Tat nicht länger als eine einzige Stunde. Alboflede, welche während dieser Zeit der träumenden Selma immer gegenübergesessen, war die erste Person, die ihr in die Augen fiel, als sie, vor Schrecken und Unwillen, ihren Liebhaber nach so langer Trennung in fremden Armen zu finden, erwachte und, ohne zu merken, daß sie das alles nur geträumt hatte, in die bittersten Klagen und Vorwürfe über ihren Treulosen ausbrach. In eben diesem Augenblick erwachte auch Arbogast, nicht ohne große Verwirrung, Selma und die Zauberin zu Zeugen des Verbrechens zu haben, dessen er sich schuldig glaubte, aber fest entschlossen, sich dadurch nicht aus dem Vorteil werfen zu lassen, den er über seine Geliebte zu haben versichert war.

«Räche mich an diesem Ungetreuen, große Fee», rief die ergrimmte Selma, indem sie sich Albofleden zu Füßen warf «Welche Unverschämtheit!» rief Arbogast, von Selmas Hitze ebenfalls in Feuer gesetzt. «Du unterstehst dich, mir meine Untreue vorzuwerfen, du?» – «Habe ich dich», schrie Selma, «nicht in den verhaßten Armen einer...» – «Und war ich nicht, ohne daß du etwas von mir wissen wolltest, Galeerensklave auf der nehmlichen Brigantine, wo ich mit diesen meinen Augen sah, wie du dich, ohne Widerstand, von dem Hauptmann der Seeräuber in seine Kajüte führen ließest?» schrie Arbogast. «Wie, meine Kinder?» rief Alboflede mit lächelnder Verwunderung, «in dem Augenblicke, da ich euch nach einer so langen und schmerzlichen Trennung wieder zusammenbringe, in dem seligen Augenblicke des Wiedersehens, da meine einzige Furcht war, daß ihr vor Liebe und Entzücken einander in den Armen sterben würdet, sind die bittersten Vorwürfe euer Willkomm?» – «Oh, wenn du erst alles wüßtest, große Fee», riefen beide wie aus einem Munde. «Ich weiß mehr, als ihr euch einbildet», antwortete Alboflede; «und ihr könnt euch nur bei mir bedanken, daß euch das alles nur geträumt hat. Es würde euch würklich und im ganzen Ernste begegnet sein, wenn ich nicht klüger gewesen wäre als ihr und euch die romanhafte Reise, die ihr zu unternehmen im Begriff waret, nicht innerhalb eines Bezirkes von zweihundert Schritten und binnen einer einzigen Stunde hätte vollenden lassen. Noch einmal, meine Kinder, ihr habt nur geträumt und seid nicht aus diesem Garten gekommen; gebt einander die Hände und verzeihet einander, was ihr nicht getan habt, aber getan haben würdet, wenn ich, weniger gütig, euch den Folgen eures Vorwitzes und eurer Übereilung preisgegeben hätte. Kehret nun ungesäumt wieder zu den Eurigen! Euer Traum wird in kurzem nur schwache Spuren in eurer Seele zurücklassen. Aber hütet euch, solang ihr lebet, vor der törichten Ungeduld, die Früchte euers Schicksals pflücken zu wollen, bevor sie reif sind; liebet euch, seid standhaft und getreu, leidet geduldig, was ihr nicht ändern könnet, ohne euch größern Übeln auszusetzen, und hoffet immer das Beste von den unsichtbaren Mächten, in deren Schoße die Zukunft liegt.»

Mit diesen Worten ließ Alboflede die beiden Liebenden von sich. Sie dankten ihr für ihre Güte und versprachen Gehorsam. Bald nach ihrer Zurückkunft wurden sie würklich getrennt; aber sie erinnerten sich der Worte Albofledens und ihres Traumes und erwarteten, so geduldig als ihnen möglich war, was die Götter über sie beschlossen hätten. In kurzem verschwanden die Hindernisse, die sie für unübersteiglich gehalten hatten: sie wurden wieder vereiniget, liebten einander und waren glücklich.

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