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Christoph Martin Wieland: Dschinnistan - Kapitel 42
Quellenangabe
typefairy
booktitleDschinnistan oder Auserlesene Feen- und Geistermärchen
authorChristoph Martin Wieland
year1992
publisherManesse Verlag
addressZürich
isbn3-7175-1818-6
titleDschinnistan
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1786
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Alboflede

Mehr als hundert Jahre vor dem Einfall der Franken in Gallien lebte in einer einsamen kleinen Insel, welche die Seine eine Meile oberhalb der Stadt Troyes macht, eine außerordentliche Frau namens Alboflede. Das, was dem ersten Anblick am meisten auffiel, war ihr Alter und ihre Häßlichkeit. Beides übertraf alles, was man sich davon einbilden kann; die eisgrauen Parzen hätten jung und die häßlichste der Gorgonen reizend neben ihr geschienen; das mag genug davon sein, denn ich male nicht gerne, was niemand ansehen mag. Man erzählte Wunderdinge von ihrer Macht und von dem Umfang ihrer geheimen Wissenschaften; das Volk hielt sie für eine gewaltige Hexe; wäre sie so schön gewesen, als sie abscheulich war, so würde man sie für eine Fee gehalten haben. Indessen stand sie doch im ganzen Lande in Ansehen; die gemeinen Leute fürchteten sie; die vornehmen hingegen bewarben sich um ihre Gunst, in Hoffnung, von ihren Zauberkünsten und von ihrer Gabe, das Künftige vorherzusehen, bei Gelegenheit guten Gebrauch zu machen. Sie wohnte am Ufer des Flusses in einem kleinen Palaste, der auf einer Galerie von marmornen Pfeilern ziemlich weit über das Wasser hinragte; und die dazugehörigen Gärten nahmen den ganzen Rest der kleinen Insel ein. Sie waren mit den seltensten Pflanzen und Gewächsen des ganzen Erdbodens angefüllt und immer in dem schönsten Stande unterhalten, ungeachtet man keine Hände sah, die ihrer warteten. Wer Albofleden besuchen wollte, fand am jenseitigen Ufer eine vergoldete Gondel, die von selbst ging und diejenigen, deren Besuch ihr angenehm war, in wenig Augenblicken hinüberbrachte: jedem andern wäre es unmöglich gewesen, sie von der Stelle zu bewegen. Wer den Zutritt erhielt, wurde sehr wohl aufgenommen; man konnte nicht herrlicher bewirtet werden, wiewohl im ganzen Hause weder männliche noch weibliche Bediente zum Vorschein kamen.

Es begab sich eines Tages, daß die Gondel ein Paar junge Liebende hinüberführte, die von einer heftigen Begierde geplagt wurden, das Schicksal ihrer wechselseitigen Leidenschaft zu erfahren. Alboflede nahm sie gütig auf, und nachdem sie ihnen einige Erfrischungen vorgesetzt (denn sie schienen von den Beschwerden eines langen Weges erschöpft zu sein), erkundigte sie sich nach dem Bewegungsgrunde ihres Besuches.

«Wir kommen», antwortete der Jüngling, «dich, der nichts Zukünftiges verborgen ist, um das Glück unsrer Liebe zu befragen. Ich liebe die schöne Selma, seitdem ich sie kenne; und daß sie sich erbitten ließ, mich hieher zu begleiten, verrät dir schon genug von dem Geheimnis unsrer Herzen, um sie eines förmlichem Geständnisses zu überheben. Aber mächtige Hindernisse stehen unserm Glück entgegen. Wir fürchten, durch die Hartherzigkeit der Unsrigen auf ewig getrennt zu werden. Rate uns, weise Frau, was wir tun sollen!»

«Wieder nach Hause gehen und ruhig erwarten, was das Schicksal und die Liebe über euch beschlossen haben», antwortete Alboflede.

Das Mädchen seufzte. «Das ist unmöglich», rief der Jüngling; «habe Mitleiden mit uns, gütige Fee! Schlage das Blatt im Buche der Schicksale auf, worauf das unsrige geschrieben ist, und entdeck uns, wie wir dem Elend entgehen können, zu einer hoffnunglosen Liebe verdammt zu sein, wie wir die Hindernisse überwinden können, die uns mit ewiger Trennung bedrohen!»

«Laßt euch Besseres raten», sagte Alboflede, «und unterdrückt einen Vorwitz, dessen Befriedigung euer Schicksal nicht ändern, aber wohl verschlimmern könnte. Eine wohltätige Hand hat den dichten Vorhang gewebt, der die Zukunft vor den Augen der Sterblichen verbirgt; aber unerbittlich bestraft sie diejenigen, die ihn aufzuheben und mit unbescheidenem Blick in das Verbotene einzudringen wagen. Ich selbst, meine Kinder, bin ohne mein Verschulden ein unglückliches Beispiel dieser Wahrheit; und damit fremde Erfahrung euch die Qualen einer zu späten Reue erspare, will ich euch, wenn ihr Lust zu hören habt, meine Geschichte erzählen.»

Die jungen Leute dankten ihr für die Gefälligkeit, so sie ihnen dadurch erweisen wollte. Sie folgten ihr in den Garten; und indem sie durch ein mit Blumen besetztes Parterre hingingen, pflanzte sich auf einmal der schönste Blumenstrauß vor den Busen der jungen Selma, ohne daß man sah, wie es damit zuging. Alboflede lächelte über das angenehme Erschrecken des Mädchens, tat aber nicht, als ob sie es bemerkt hätte. Bald darauf ließ sie ihre beiden Gäste unter einem hoch aufgeschossenen, voll blühenden Rosengebüsche Platz nehmen und begann ihre Erzählung folgendermaßen:

«Mein Vater, ein Druide dieses Landes, dem ich in seinem Alter geboren wurde, war der Astrologie mit solcher Leidenschaft ergeben, daß er über der Betrachtung des Himmels und der Sterne sich unvermerkt angewöhnte, alles Irdische, als seiner Aufmerksamkeit unwürdig, mit Geringschätzung anzusehen. Er bekümmerte sich wenig um meine Erziehung; aber da er in dem Augenblick meiner Geburt mein Horoskop gestellt und gefunden hatte, daß ich alle Weiber meiner Zeit an Schönheit und Leichtigkeit übertreffen würde, so stiegen ihm über die Verbindung zweier so gefährlicher Eigenschaften von Zeit zu Zeit Gedanken in den Kopf, die ihn, nach dem Maße, daß ich heranwuchs, beunruhigten. Der erste Teil meines Horoskops – wie unglaublich es euch, meine Kinder, in diesem Augenblick auch immer vorkommen mag – war auf eine so vollkommne Art in Erfüllung gegangen, daß mein Vater um so weniger zweifelte, auch den andern Teil, mehr als ihm lieb war, realisiert zu sehen. Zu meinem Unglück hatte er die Leichtigkeit des Körpers, die mir die Sterne weissagten, für Leichtigkeit des Sinnes genommen; und diese Vorstellung setzte sich so fest in seinem Kopfe, daß er mich, von meiner frühen Jugend an, als ein Mädchen ansahe, das die größte Gefahr liefe, ein Schandfleck seines Namens und ihres Geschlechtes zu werden. Indessen schien meine Schönheit mit jedem Tage neuen Zuwachs zu erhalten; wer mich sah, wurde in meine Figur vernarrt; aber niemand war es mehr als ich selbst. Mein Vater betrachtete dies als die erste Würkung meiner unglücklichen Anlage zur Koketterie, die er in den Sternen entdeckt hatte; und in der guten Absicht, aus dieser meiner Schwachheit selbst ein Mittel zur Erhaltung meiner Ehre zu ziehen, nahm er mich einsmals auf die Seite und entdeckte mir mit großem Ernst als ein Geheimnis von der äußersten Wichtigkeit für das Glück meines Lebens: Die Reizungen, auf die ich einen so großen Wert legte, hingen lediglich von meiner Unerbittlichkeit ab, und der erste Sieg, den eine Mannsperson über mich erhielte, würde mich zur häßlichsten Person auf dem ganzen Erdboden machen. ‹Ich beklage dich, meine Tochter›, setzte er hinzu; ‹aber es steht nicht in meiner Macht, was in den Sternen von dir geschrieben ist, auszulöschen. Alles, was ich tun kann, ist, daß ich dich von deinem Schicksale benachrichtige und dir rate, wenn dir anders daran gelegen ist, so zu bleiben, wie du bist, den Mannspersonen aus dem Wege zu gehen. Sie so nahe kommen zu lassen, daß sie dich anreden könnten, oder gar stehenzubleiben und sie anzuhören, würde schon zu gefährlich sein; das Sicherste ist, davonzulaufen, eh' es soweit kommt; ein Mädchen, das die Unvorsichtigkeit hat, auf die Stimme dieser Lockvögel zu horchen, ist immer in Gefahr, auf der Leimstange hängenzubleiben; und ich habe dir gesagt, was bei dir die Folge davon sein würde.›

Mein guter Vater hätte die Hälfte seiner Warnungen ersparen können, wenn er einen Begriff davon gehabt hätte, in welchem Grad ich in mich selbst oder, was mir damals gleich viel galt, in meine Figur verliebt war. Indessen, da ich in die Wahrheit seiner Worte nicht den geringsten Zweifel setzte und alles im buchstäblichen Sinne nahm, konnte doch alle Gleichgültigkeit, womit ich meine bisherigen Liebhaber anzusehen gewohnt war, mich nicht verhindern, von der fürchterlichen Gefahr, womit mich mein Vater bedrohet hatte, von Zeit zu Zeit in große Beängstigung gesetzt zu werden. Natürlicherweise mußten es meine armen Anbeter entgelten, deren Anzahl mit jedem Tage zunahm, und dies um so mehr, da keiner unter ihnen sich des kleinsten Vorzugs bei mir rühmen konnte. Vergebens trugen sie mir in der einzigen Sprache, die ihnen erlaubt war, in Blicken und Seufzern, ihr Anliegen vor; vergebens ermüdeten sie die arme Echo Tag und Nacht mit Wiederholung meines Namens; umsonst kratzten sie ihn in alle Bäume der Gegend: der bloße Gedanke, diese schönen Augen, deren mörderischen Glanz die Herren in tausend Oden und Elegien verwünschten, einem von ihnen zu gefallen, verlöschen zu sehen, machte, daß ich sie lieber alle mit einem Blick hätte versteinern mögen. Dieses Betragen entfernte nach und nach alle ehrerbietigen Liebhaber von mir; aber es fanden sich mitunter auch Verwegene, die sich nicht abweisen lassen wollten und die mir so viele Gelegenheit gaben, meine Schnellfüßigkeit zu zeigen, daß ich es in diesem Stücke gar bald mit allen Atalanten und Camillen der Dichter hätte aufnehmen können. Diese Gelegenheiten kamen endlich gar zu oft; ich wurde es überdrüssig, immer zu laufen, ohne Lust dazu zu haben, und mich von den verhaßten Nebenbuhlern meiner eignen Schönheit in der süßen Beschäftigung stören zu lassen, in irgendeinem kristallnen Bache mich an meinem eigenen Anschauen zu ergötzen. Ich zog mich, um dieses reinen Vergnügens desto ruhiger zu genießen, in eine Einöde zurück; aber gerade in dieser Einöde war es, wo der erzürnte Liebesgott das Mittel fand, eine grausame Rache an seiner unbesonnenen Verächterin auszuüben.

Von allen den Reizungen, womit die Natur mich zu meinem Unglück so verschwenderisch beschenkt hatte, waren meine Haare vielleicht die geringste; indessen hatten sie die schönste Farbe von der Welt und waren so lang und dicht, daß ich sie nur aufzulösen brauchte, um bis auf die Füße über und über von ihnen bedeckt zu werden. Eines Tages, da ich an dem Rande eines Flusses, worin ich mich gebadet hatte, im Begriff war, meine Haare auszukämmen, und ganz allein zu sein glaubte, kam auf einmal ein schneeweißer, von Jägern verfolgter Hirsch angesprengt, stürzte sich ins Wasser, schwamm an das diesseitige Ufer herüber und legte sich, äußerst abgemattet und mit Blicken, die um meinen Schutz zu bitten schienen, zu meinen Füßen nieder, während daß seine Verfolger am gegenseitigen Ufer in lärmender Verwirrung eine Stelle suchten, wo sie ohne Gefahr über den Fluß setzen könnten. Niemals in meinem Leben hatte ich für irgendeine Kreatur soviel Anmutung gefühlt als für dieses schöne Tier, das auf eine so rührende Art mein Mitleiden zu erregen wußte. Ich legte meine Hand auf seinen Rücken und fing an, es sanft zu streicheln und zu liebkosen; aber kaum hatte ich es berührt, als es sich in einen wunderschönen jungen Menschen verwandelte, der sich berechtigt hielt, diese Liebkosungen zu erwidern und seine Liebeserklärung damit anzufangen, womit man sie gewöhnlich zu endigen pflegt. Ich gestehe, daß mein Schrecken über ein so unvermutetes Wunder im ersten Anblick mit ich weiß nicht was für einem Gefühl, das mehr Angenehmes als Widriges hatte, vermischt war; aber mein zur andern Natur gewordener Abscheu vor allem, was einem Manne gleichsah, bekam sogleich wieder die Oberhand. Zudem hatte mich der wundervolle Unbekannte in einem Zustande überfallen, der von dem gewöhnlichen Negligé der Grazien wenig verschieden war. Ich machte mich also eilends auf die Füße, und da die Scham meiner natürlichen Leichtigkeit einen neuen Grad von Geschwindigkeit gab, so schien ich mehr zu fliegen als zu laufen. Aber mein neuer Liebhaber, den das, was mich beschämte, desto verwegner machte, schien nicht nur seine vorige Hirschnatur behalten, sondern noch zum Überfluß die Flügel der Liebe an seine Fersen bekommen zu haben; denn ein Vorsprung von fünf bis sechs Schritten war alles, was ich mit der höchsten Anstrengung meiner Kräfte über ihn gewinnen konnte. In währendem Lauf wehte der Wind die langen dichten Haare, die mir sonst eine zulängliche Bedeckung gegeben hätten, dergestalt auseinander, daß sie zu Verrätern an mir wurden und den Augen meines Verfolgers einen Vorteil über mich gaben, gegen welchen alle meine Geschwindigkeit zu kurz kommen mußte. Dieser Umstand brachte meine Vernunft in eine solche Unordnung, daß ich mich unbesonnenerweise in das erste beste Gebüsche warf, aber eben dadurch den Unfall, dem ich entfliehen wollte, beschleunigte. Um es kurz zu machen, Kinder – ich verfing mich mit meinen langen Haaren in einem Busche; der schöne Unbekannte holte mich ein, und wiewohl ich einen Teil meiner verhaßten Locken aufopferte, mich von ihm loszureißen, so blieb es mir unmöglich, meinem Schicksal zu entrinnen.

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