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Christoph Martin Wieland: Dschinnistan - Kapitel 41
Quellenangabe
typefairy
booktitleDschinnistan oder Auserlesene Feen- und Geistermärchen
authorChristoph Martin Wieland
year1992
publisherManesse Verlag
addressZürich
isbn3-7175-1818-6
titleDschinnistan
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1786
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Es sind nun über drei Jahre, seitdem uns meine vortreffliche Mutter durch den Tod entrissen wurde. Mein Vater, wiewohl er für den weisesten aller Druiden anerkannt wird, fand in dem ganzen Schatze der Geheimnisse, welche ihm die Natur entdeckt hatte, keines, das ihm diesen Verlust erträglich machte. Er sah sich gezwungen, seine Zuflucht zu dem gemeinsten Mittel in solchen Fällen zu nehmen, und befahl mir und meiner Schwester Klotilde, welche damals ungefehr fünfzehn Jahre alt war, uns zu einer großen Reise anzuschicken. ‹Ich will nach Ägypten reisen und in den Armen meines Freundes Kalasiris Trost suchen›, sagte er. Ich erfuhr bei dieser Gelegenheit, daß sie einander in ihrer Jugend kennengelernt und seit mehr als dreißig Jahren, der großen Entfernung ungeachtet, die engste und vertrauteste Freundschaft unterhalten hätten.

Nachdem wir die berühmtesten Städte und Inseln der Griechen besucht hatten, langten wir zu Memphis an und wurden von dem ehrwürdigen Kalasiris mit unbeschreiblicher Freude empfangen. Die beiden Alten schienen durch das Vergnügen, einander nach so langer Zeit wiederzusehen, verjüngt zu werden und fanden in ihrem wechselseitigen Umgang so große Unterhaltung, daß mein Vater sich leicht überreden ließ, ein ganzes Jahr zu Memphis zuzubringen. Du hieltest dich damals in Griechenland auf, und ich selbst, nachdem ich mich etliche Tage in dem Hause deines Vaters erholt hatte, schloß mich in den großen Tempel der Isis ein, um in euern Mysterien initiiert zu werden. Ich brachte den größten Teil des Jahres damit zu; und weil ich begierig war, auch die Merkwürdigkeiten von Oberägypten zu besehen, und sodann noch eine Reise zu den äthiopischen Gymnosophisten tun wollte, so erhielt ich die Erlaubnis, noch zwei Jahre dazu anzuwenden, und mein Vater kehrte ohne mich nach Armorika zurück. Deine Schwester Thermutis hielt sich zur Zeit unsrer Ankunft bei einer Schwester ihrer Mutter auf, ich war nicht mehr in euerm Hause, als sie zurückkam, und ich habe sie nie gesehen. Mein Abscheu vor dem Geschlechte, zu dem sie gehörte, war damals schon so groß, daß mein Vater, als er mir von seinem Vorhaben sprach, mich mit der Tochter eines seiner Freunde zu vermählen, kein andres Mittel, mich wieder zu beruhigen, fand als ein feierliches Versprechen, mich mit Anträgen dieser Art auf immer zu verschonen. Die Furcht, daß Thermutis diejenige sei, die er mir zugedacht, war ein neuer Beweggrund für mich, allen Gelegenheiten, wo ich sie hätte sehen können, sorgfältig auszuweichen. Aber zwischen ihr und Klotilden entspann sich eine Freundschaft, die so weit ging, daß man sie die Unzertrennlichen zu nennen pflegte; und wie es endlich zum Scheiden kommen sollte, fand sich's, daß Klotilde entweder zu Memphis bleiben oder Thermutis mit ihrer Freundin nach Armorika ziehen müßte, wenn ihre Väter nicht beide Töchter auf einmal verlieren wollten. Der meinige hatte inzwischen eine so große Zärtlichkeit für deine Schwester gefaßt, daß Kalasiris sich gern überreden ließ, ihm seine Rechte an sie abzutreten; hingegen bat er sich dafür die Bilder seines Freundes und Klotildens aus, damit er wenigstens etwas hätte, das ihm die Trennung von ihnen versüßte. Der Druide, mein Vater, besitzt unter andern wunderbaren Kenntnissen auch das Geheimnis, den feinen Ton, woraus das ägyptische Porzellan gemacht wird, so zuzubereiten, daß die daraus verfertigten Bilder im Feuer einen Schmelz erhalten, der ihnen eine bis zur Täuschung gehende Ähnlichkeit mit dem wirklichen Leben gibt. Ein griechischer Künstler, der mit ihm nach Memphis gekommen war, verfertigte die Bilder, mein Vater vollendete das Werk mittelst seines erwähnten Geheimnisses, und so entstanden...»

Hier bewog eine sehr unerwartete Wahrnehmung den Sohn des Druiden, auf einmal einzuhalten; und dies war nichts Geringers, als daß sein junger Freund über einer Erzählung, die so viel Interesse für ihn hätte haben sollen – eingeschlafen war. Dieser Zufall kam ihm, ungeachtet er die kleine Flasche leer sah, unbegreiflich vor; allein, indem er noch im Nachdenken darüber begriffen war, sank er selbst, von einem unwiderstehlichen Schlummer überwältigt, auf ein hinter ihm liegendes Polster zurück.

Wir können nicht sagen, wie lange die beiden Jünglinge in diesem magischen Schlafe verharrten. Genug, sie erwachten ungefehr zu gleicher Zeit, und man stelle sich ihr Erstaunen vor, als sie die Augen aufschlugen und Osmandyas seine geliebte Bildsäule und Klodion seine angebetete Salamandrin vor sich sah.

Beide glaubten in diesem Augenblick aus einem schönen Traume zu erwachen und schlossen eilends die Augen wieder, um weiter fortzuträumen; aber da sie fanden, daß sie nun nichts mehr sahen, so öffneten sie die Augen wieder und sahen mit Entzücken die nehmliche Erscheinung vor ihrer Stirne stehen. Osmandyas erblickte seine Bildsäule, mit ihrem Täubchen auf dem Schoße auf eben demselben Ruhebettchen sitzend und ebenso lebenatmend und liebeblickend, wie er sie so oft in dem Kabinette seines Vaters gesehen hatte. Klodion sah seine Unbekannte in ihrem feuerfarbnen Gewande, mit dem schimmernden Gürtel um den Leib und dem purpurnen Schleier über ihrem Gesichte, wie er sie mehrmals in diesem Turme gesehen hatte. Beide wußten nicht, was sie denken und ob sie ihren Augen trauen sollten; aber beide sprangen in eben demselben Nu von ihren Polstern auf, um in sprachloser Entzückung sich ihren Geliebten zu Füßen zu werfen, als eine verborgene Tür aufging und die majestätischen Alten, Taranes und Kalasiris, Hand in Hand zwischen sie tretend, durch eine so unvermutete Erscheinung ihr Erstaunen auf die höchste Spitze trieben. Taranes ergriff lächelnd die Hand des jungen Ägypters und sagte, indem er ihn zu der Bildsäule führte: «Belebe sie, wenn du kannst, und sei glücklich!» Zu gleicher Zeit führte Kalasiris den Sohn des Druiden zu der vermeinten Salamandrin und sagte, indem er ihren Schleier wegzog: «Verzeihet einander – euer Glück; denn es würde nicht so vollkommen sein, wenn es euch weniger gekostet hätte.»

Die Augenblicke, die nun folgten, sind von denen, die sich weder malen noch beschreiben lassen. Osmandyas, in die Arme seiner geliebten Bildsäule sinkend, fühlte mit sprachloser Wonne ihr Herz zum ersten Male dem seinen entgegenschlagen; Klodion, zu den Füßen der liebenswürdigen Thermutis, hatte alles das Feuer der Liebe, das ihn aus den Augen der zauberischen Pasidora überströmte, vonnöten, um von der Wonne, in beiden seine geliebte und wieder versöhnte Salamandrin zu finden, nicht entseelt zu werden. Nie hatte die Liebe vier Sterbliche so glücklich gemacht; und nie hatten zwei Väter das Vergnügen, in der Wonnetrunkenheit ihrer Kinder ihre eigenen Entwürfe vollzogen zu sehen, in solchem Grade genossen.

Der Turm mit den drei Zinnen war zu enge für so viele Glückliche. Sie eilten in die Gärten hinab, die hinter den Ruinen in einem sanften Abhang sich bis in die Ebne herabzogen, und Klodion erkannte nun auf einmal in dem nächtlichen Elysium der Salamandrin die Zaubergärten, in welche ihn die Fee Pasidora bei Tage geführt hatte. Auch zeigte ihm die schöne Thermutis, daß es nur auf die Salamandrin angekommen wäre, ihn durch einen kleinen Schlangenweg bis zu Pasidorens Palast zu führen, der ihm bei ihren nächtlichen Spaziergängen von einigen Gebüschen und einem kleinen Pappelwäldchen versteckt worden war.

Unvermerkt befanden sich die beiden ehrwürdigen Alten mit ihren glücklichen Kindern in dem kleinen Tempel, den die Verwandlung der Fee Pasidora in die eifersüchtige Salamandrin dem schönen Klodion unvergeßlich gemacht hatte. Sie ließen sich auf die ringsherum laufenden Polstersitze nieder, und der Oberdruide Taranes, da er in den Augen der beiden Jünglinge das Verlangen las, das, was in ihrem schönen Abenteuer noch rätselhaft war, sich erklären zu können, befriedigte ihre Neugier folgendermaßen:

«Die Freundschaft, welche mich mit dem ehrwürdigen Kalasiris verbindet, war von ihrem ersten Anfang an so beschaffen, daß es uns vielleicht unmöglich gewesen wäre, in der ganzen Welt den dritten Mann dazu zu finden. Aber sobald wir uns, beide, jeder mit einem Sohne und einer Tochter gesegnet sahen, deren erste Jugend die schönsten Hoffnungen von dem, was sie einst sein würden, fassen ließ, beschlossen wir, wo möglich, nur eine einzige glückliche Familie aus ihnen zu machen. Wir fragten bei eurer Geburt nicht die Sterne um Rat; aber wir kamen überein, daß euer Glück ebensosehr das Werk euers eigenen Herzens und unsrer Vorsicht als das Werk des Schicksals sein sollte, und machten uns ein Geschäft daraus, auf alle Winke und Spuren achtzugeben, die uns den Weg zeigen würden, wo das, was der Himmel über euch beschlossen hätte, mit euern Wünschen und den unsrigen in einem Punkte zusammenträfe.

Bei dem Besuche, den ich vor mehr als drei Jahren meinem Freunde Kalasiris gab, erneuerte sich das Verlangen, unser lange verabredetes Familienbündnis zustande zu bringen, mit doppelter Wärme. Aber der Sohn des Kalasiris war abwesend; und meinem Sohne Klodion, der von seiner ersten Jugend an ein so seltsames, aber hartnäckiges Vorurteil gegen die Erdentöchter gefaßt hatte, würde es gefährlich gewesen sein, die liebenswürdige Thermutis, die ihm, wenn er sie für ein Wesen von höherer Ordnung hielte, vielleicht unendliche Liebe eingeflößt haben würde, als die Tochter des Kalasiris sehen zu lassen. Osmandyas sollte in dem Laufe seiner Reisen und Studien nicht unterbrochen, Klodion in seiner grillenhaften, aber Nachsicht verdienenden Laune nicht voreilig gestört und der sanft aufkeimenden Neigung unsrer Töchter sollte Zeit gelassen werden, sich zu entwickeln und zur Reife zu kommen. Denn Thermutis hatte meinen Sohn mehr als einmal gesehen, ohne von ihm gesehen werden zu können; und Klotilde hatte nichts als die Versicherung einer großen Ähnlichkeit zwischen Osmandyas und seiner Schwester vonnöten, um ganz zu seinem Vorteil eingenommen zu sein.

Wie gewiß wir uns aber auch zum voraus hielten, daß alles am Ende nach unsern Wünschen ausgehen würde, so fanden wir doch für nötig, eine wechselseitige Zuneigung, die das Glück oder Unglück des ganzen Lebens unsrer Kinder entscheiden sollte, auf die stärksten Proben zu setzen; und so veranstalteten wir das doppelte Abenteuer, dessen Ausgang unsere Entwürfe so schön gerechtfertigt hat. Osmandyas lernte Klotilden nicht anders als in Gestalt einer Bildsäule kennen, und Klodion glaubte in Thermutis eine Salamandrin zu lieben. Die zwei Jahre, mein Sohn, die du noch mit deinen Reisen zubrachtest, nachdem ich mit Thermutis und Klotilden schon wieder in Armorika angelangt war, gaben uns hinlängliche Zeit, die zu unserm Vorhaben benötigten Anstalten zu treffen. Der wildeste Teil des an meine Wohnung angrenzenden Waldes wurde in die Gärten der vermeinten Salamandrin umgeschaffen; und der neu erbaute Pavillon, welcher den beiden Schwestern während deiner Zurückkunft zur gemeinschaftlichen Wohnung diente, wurde an einen solchen Ort gestellt und auf eine so geschickte Weise verborgen, daß Thermutis ihre zweifache Rolle sehr bequem spielen konnte und der Gedanke, daß es mit deinen Abenteuern in einer dir, wie du glaubtest, so wohl bekannten Gegend nicht natürlich zugehe, um so notwendiger in dir entstehen mußte, weil alle unsere Hausgenossen in Pflicht genommen waren, dir aus dem, was in deiner Abwesenheit vorgegangen, und aus allem, was dir das Wundervolle der Sache hätte enträtseln können, ein Geheimnis zu machen.»

«Und daß es», fuhr Thermutis lächelnd fort, «Mit den Wunderdingen im Palast der Fee Pasidora sehr natürlich zugegangen, wird dir der Augenschein zeigen, wenn du diesen Zauberpalast, mit allen seinen Jungfrauen, Mohren und Drachen und allem übrigen Zubehör, als ein Geschenk von mir annehmen willst, das der Hand und dem Herzen der Eigentümerin folget...»

«Und das ich mit Vergnügen bestätige», fiel der ehrwürdige Kalasiris ein. «Was dich anbetrifft, mein Sohn Osmandyas», fuhr er fort, indem er sich an Klotildens Liebhaber wendete, «so wird auch dir alles begreiflich werden, wenn ich dir...»

«Das Geheimnis der beiden Bildsäulen hab' ich ihm bereits aufgeschlossen», sagte Klodion; «aber eh' ich noch damit fertig war, sah ich ihn eingeschlummert, vermutlich durch eine geheime Kraft des Weins in der kleinen Flasche...»

«Die wir selbst heimlich in den Schrank hineinpraktizierten», sagten die beiden Schönen, «als uns die Ungeduld, zu erfahren, ob Osmandyas, den wir mit Schmerzen erwarteten, glücklich angelangt sei, auf den Einfall brachte, in reisende Mannspersonen verkleidet nach dem Turme zu reiten, wo wir, ohne daß ihr uns gewahr wurdet, einem Teil eures Gespräches zuhörten.»

Die Täuschung des Wunderbaren hat etwas so Anziehendes und Zauberisches für die meisten Menschen, daß man oft schlechten Dank bei ihnen verdient, wenn man sie hinter die Kulissen führt und die vermeinten Wunder einer künstlichen Täuschung vor ihren Augen in ihre wahre Gestalt herabwürdiget. Aber hier war das Wahre selbst so schön und außerordentlich, daß es aller Vorteile, die es von der Illusion gezogen hatte, leicht entbehrte. Der Sohn des Kalasiris fand unendliche Mal mehr in der liebenswürdigen Tochter des Druiden, als ihm seine so schwärmerisch geliebte Bildsäule versprochen hatte; und Klodion, dem seine aufs höchste gespannte Einbildungskraft nichts Vollkommneres als die göttliche Thermutis vorzustellen vermochte, hielt sich nun versichert, daß eine Erdentochter ihrer Art das Urbild zu den Sylphiden und Salamandrinnen gewesen sein müsse, womit eine phantastische Geisterlehre die reinern Elemente bevölkert hat.

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