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Christoph Martin Wieland: Dschinnistan - Kapitel 39
Quellenangabe
typefairy
booktitleDschinnistan oder Auserlesene Feen- und Geistermärchen
authorChristoph Martin Wieland
year1992
publisherManesse Verlag
addressZürich
isbn3-7175-1818-6
titleDschinnistan
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1786
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Die Zwischenzeit zwischen dieser und der dritten Nacht war eine Kluft in meinem Leben. Ich existierte bloß als eine Uhr, welche Stunden, Minuten und Sekunden zählte. Unter lauter Zählen kam endlich doch der sehnlich erwartete Abend, und ich eilte früher als gewöhnlich dem Walde zu. Aber wie es auch zugegangen sein mag, ich konnte den Weg, den mich die Unbekannte gelehrt hatte, nicht wiederfinden, wie hartnäckig ich ihn suchte. Endlich verirrte ich mich in dem Walde, geriet auf unbekannte Wege, kam wieder zurück, um andere zu suchen, und wurde endlich von der Nacht überfallen, ohne den Turm, das Ziel meiner ungeduldigsten Wünsche, erreicht zu haben.

Zuletzt erblickte ich ein Licht, und ich ging ihm nach, in der festen Hoffnung, daß es mich wieder auf den rechten Weg bringen werde. Nachdem es mich ziemlich lange wie in einem Labyrinth herumgeführt hatte, fand ich mich, soviel ich im Dunkeln erkennen konnte, unter dem Portal eines prächtigen Palasts.

Ein wohlgekleideter Diener mit einer Fackel in der Hand kam heraus, betrachtete mich und fragte mit Ehrerbietung: ‹Edler Herr, ist Euer Name Klodion?› Ich war nicht gewohnt, meinen Namen zu verläugnen, wie auffallend mir auch die Frage vorkam; aber kaum hatte ich mit ja geantwortet, so wandte sich der Diener und flog mit einem Ausruf der lebhaftesten Freude in den Palast zurück.

In wenigen Augenblicken öffneten sich beide Flügel der Pforte; sechs schöne, prächtig gekleidete Jungfrauen, denen sechs Sklaven ebenso viele Wachsfackeln vortrugen, kamen heraus, hießen mich willkommen und ergriffen ehrerbietig meine Hände, um mich in den Palast hineinzuführen. Ich bat sie um Entschuldigung, sagte ihnen, ich wäre irregegangen, wäre ganz und gar nicht an dem Orte, wo ich erwartet würde, und könnte mich hier keinen Augenblick verweilen. ‹Verzeihet uns, edler Herr›, versetzte eine der Jungfrauen; ‹Ihr seid, zu unser aller Freude, an dem Orte, wo Ihr schon lange mit Schmerzen erwartet werdet!› – ‹Dies ist unmöglich›, sagte ich; ‹Ihr spottet meiner, und ich habe keine Zeit, mich aufhalten zu lassen.› Mit diesem wollte ich mich eilends davonmachen, aber die Sklaven versperrten mir mit ihren Fackeln den Weg, die Jungfrauen warfen sich vor mir auf die Erde, und die älteste unter ihnen, welche schon gesprochen hatte, beschwor mich bei dem Leben meiner Dame, sie nur einen Augenblick anzuhören. ‹Was wir von Euch bitten, großmütiger Ritter›, sagte sie, ‹ist etwas, das Ihr allein vermöget; es wird Euch keine Viertelstunde aufhalten, und es ist, was kein Mann Eures Standes und Ansehens dem Flehen so vieler Unglücklichen versagen kann. Gewähret uns unsre Bitte, und niemand in diesem Palaste soll sich unterstehen, Euch einen Augenblick länger, als Ihr wollet, aufzuhalten.› Die übrigen fünf Jungfrauen vereinigten sich mit der ersten, mich mit tränenden Augen zu beschwören, daß ich mich erbitten lassen möchte; und da ich keine Möglichkeit sah, ihnen ihre Bitte unter solchen Umständen abzuschlagen, und längeres Weigern nur so viel verlorne Zeit mehr gewesen wäre, folgte ich ihnen, aber so mißmutig, daß ich kaum höflich sein konnte, in das Innere des Palastes.

Sie führten mich durch eine lange, stark erleuchtete Galerie und durch verschiedene Zimmer, wovon das letzte nur von einer einzigen Lampe schwach erhellt war. Eine große Pforte in der Mitte desselben führte in ein anderes, und zu beiden Seiten der Pforte standen zwei Riesen mit ungeheuern Streitkolben, um den Eingang zu bewachen. Ich blieb stehen und sah die Jungfrau, die meine Führerin war, an, denn ich war unbewaffnet; aber in diesem Augenblicke fuhr ein feuriger Drache, mit einem funkelnden Schwert im Munde, aus der Decke vor mir herab; die Jungfrau bat mich, dieses mir zugedachte Schwert von ihm anzunehmen und meinen Weg zu verfolgen. Ich gehorchte ihr, der Drache verschwand; und so wie ich, das Schwert um meinen Kopf schwingend, der Pforte nahte, fielen die Riesen zu Boden.

Ich trat in einen schwarz ausgeschlagenen Saal, in dessen Mitte sich aus einer hohen und von einer Menge Pechpfannen erleuchteten Kuppel ein bleicher Lichtstrom herabstürzte, der die furchtbare Dunkelheit der Wände nur desto auffallender machte. Unter der Kuppel stand auf einer drei Stufen hohen Estrade ein großer, mit schwarzem Sammet beschlagener Sarg. Sechs Mohren, mit runden Schürzen von Goldstoff um die Hüften, mit feuerfarbnen Federbüschen auf dem Kopfe und mit bloßen Säbeln in der Faust, umringten den Sarg in drohender Stellung; aber kaum blitzte das wundervolle Schwert in meiner Hand in ihre Augen, so sanken sie zu Boden und verschwanden. Zwei von den Jungfrauen, die mich hierherbegleitet hatten, stiegen hinauf und hoben den Deckel des Sarges ab. Diejenige, die bisher das Wort geführt hatte, winkte mir herauf.

Ich stieg hinauf und erblickte in dem dumpfen Lichte, das aus der Kuppel auf den Sarg herabfiel, eine darin liegende Dame von ausnehmender Schönheit, mit einem Pfeile, der bis zur Hälfte des Schaftes in ihrer linken Brust steckte.

Indem ich mit Entsetzen von diesem Anblick zurückfuhr, sprach die Jungfrau zu mir: ‹Ihr sehet hier den mitleidenswürdigen Gegenstand, dessen Befreiung Euch das Schicksal aufbehalten hat. Diese junge Dame, unsre Gebieterin, hatte das Unglück, einem Genius von großer Macht, wider ihren Willen, die heftigste und hartnäckigste Leidenschaft einzuflößen. Ihr Abscheu vor ihm war so groß als seine Liebe; denn er ist das häßlichste aller Wesen, wie sie das liebenswürdigste ist. Nachdem er sie lange vergebens mit seinen verhaßten Anmaßungen gequält und nie etwas andres als die entschlossensten Erklärungen ihres unüberwindlichen Widerwillens von ihr hatte erhalten können, verwandelte sich endlich seine Liebe in Wut. Er brachte sie mit Gewalt in diesen Saal, legte sie in diesen Sarg und stieß ihr mit eigner Hand diesen Pfeil in die Brust. Seit mehr als einem Jahre kommt er alle Morgen und zieht den Pfeil aus ihrem Busen. Sogleich ist die Wunde geheilt, die Dame kommt wieder zu sich selbst, und er verfolgt sie aufs neue den ganzen Tag mit seiner verabscheuten Leidenschaft. Aber da sie unbeweglich auf ihrer Weigerung beharret, so stößt er ihr alle Abend den Pfeil wieder in die Brust, legt sie in den Sarg und entfernt sich, indem er, bei den Anstalten, die er zu ihrer Verwahrung getroffen hat, sicher ist, sie des Morgens wiederzufinden. Denn außer den Riesen und Mohren, die zu ihrer Bewachung bestellt sind, hat er einen Talisman über die Pforte dieses Palastes gesetzt, der ihn unsichtbar macht; und als ob es daran noch nicht genug wäre, versetzt er uns und den ganzen Palast durch die Geister, die ihm untertan sind, alle Tage an einen andern Ort. Gleichwohl hat er mit allen diesen Vorkehrungen nicht verhindern können, daß es nur von Euch abhängt, dem schrecklichen Schicksal unsrer geliebten Gebieterin ein Ende zu machen. Ein berühmtes Orakel, welches ich deswegen um Rat fragte, gab mir zur Antwort: Dieses Abenteuer könne von niemand als von einem jungen gallischen Ritter namens Klodion zustande gebracht werden, der sich zur bestimmten Zeit einfinden und unter dem Schutz einer höhern Macht die Bezauberungen unsers Tyrannen zerstören würde. Nach langem Warten sind wir endlich so glücklich gewesen, Euch zu finden, edler Ritter, und es ist kein Zweifel, daß Ihr der Befreier seid, den uns das Orakel versprochen hat. Der Umstand, daß Euch allein dieser Palast nicht unsichtbar war; das bezauberte Schwert, das Euch auf eine so wunderbare Art zugeschickt wurde; die Gewalt, die es Euch über die Sklaven unsers Feindes gab: alles versichert uns eines glücklichen Ausgangs. Vollendet nun das Werk des Schicksals, wohltätiger Ritter! Keine Macht in der Welt, außer dem Genius und Euch selbst, vermochte diesen Pfeil aus der Brust unsrer unglücklichen Gebieterin zu ziehen. Versuchet es! Wenn es Euch gelingt, so hat der verhaßte Tyrann alle seine Gewalt über die schöne Pasidora verloren, und ihre unbegrenzte Dankbarkeit wird die Belohnung Eurer Großmut sein.›

Ich versicherte die Jungfrau, wenn das Verdienst, das ich mir um ihre Gebieterin machen sollte, auch zehnmal größer wäre, so verlangte ich keine andere Belohnung, als daß ich nicht einen Augenblick länger abgehalten würde, mich aus diesem Palaste zu entfernen. Die Jungfrau, ohne mir hierauf zu antworten, bat mich zu bedenken, daß ihre Dame, solange der bezauberte Pfeil in ihrem Herzen stecke, noch immer in der Gewalt ihres Verfolgers sei, welcher alle Augenblicke kommen könne, sie, wenn ich länger zögerte, meinen Augen zu entrücken und vielleicht an einen Ort zu verbergen, wo es mir unendlich schwerer sein würde, das mir vom Schicksal aufgetragene Werk zustande zu bringen.

Ich näherte mich also der jungen Dame, deren Schönheit mir so blendend vorkam, daß ich mir nicht getraute, sie recht zu betrachten. Schaudernd faßte ich den Pfeil, und indem ich ihn mit einiger Mühe herauszog, verschwand auf einmal der Glanz, der die Mitte des Saales bisher erleuchtet hatte. Ein lauter Donnerschlag erschütterte den ganzen Palast, und ich befand mich einige Augenblicke in einen dichten schweflichten Nebel eingehüllt. Aber als er sich verlor, wie groß war mein Erstaunen, mich in einem von allen Seiten schimmernden und von einer Menge kristallner Kronleuchter erhellten Saale zu finden und den Sarg, worin die junge Dame gelegen hatte, in einen prachtvollen Thron verwandelt zu sehen, auf welchem ich sie in der Stellung einer Person erblickte, die nur eben aus einer langen Ohnmacht wieder ins Leben zurückgekommen ist. Ihr Gesicht lag auf dem Busen einer der Jungfrauen, während die andern, um sie her kniend, ihre Freude über die Befreiung ihrer Gebieterin zu bezeigen schienen. Sie stand auf, um sich wegzubegeben; und indem sie, an zwei Jungfrauen gelehnt, langsam bei mir vorbeiging, warf sie einen Blick voll zärtlicher Dankbarkeit auf mich, der mir in die Seele drang. Meine Augen folgten ihr unfreiwillig, bis ich sie aus dem Gesichte verlor.

Verwirrt von so unerwarteten und seltsamen Begebenheiten stand ich und fragte mich selbst, warum ich länger hier verweile, als eine der Jungfrauen zurückkam und mich im Namen ihrer Gebieterin ersuchte, den Palast nicht zu verlassen, bis sie mir für den wichtigen Dienst, den ich ihr erwiesen, gedankt haben würde. ‹Da sie sich in dem Aufzuge, worin sie im Sarge lag, mit Anständigkeit nicht wohl vor Euch sehen lassen kann›, fuhr sie fort, ‹so seid so gütig, nur so lange zu verziehen, bis sie sich umgekleidet hat. Es wird nicht lange währen.›

Wie peinlich mir auch dieser neue Aufschub war, so hielt ich es doch für unmöglich, ohne Beleidigung aller Gesetze der Höflichkeit mich dessen zu weigern. Ich ließ mich also von der Jungfrau in ein Zimmer führen, wo sie mich ersuchte, einen Augenblick auszuruhen und mich einiger Erfrischungen zu bedienen, womit ich einen Tisch von Ebenholz auf Silberfüßen, der neben einem Lehnstuhl stand, reichlich versehen fand. In der Tat hatte mich das lange Herumirren im Walde und der Verdruß über die abenteuerlichen Hindernisse, die mir so sehr zur Unzeit aufstoßen mußten, so abgemattet, daß einige Minuten Ruhe und etwas Erfrischung mir sehr gelegen kamen. Indessen fand ich doch die Zeit, die ich hier mit Erwarten verlieren mußte, unendlich lang. Die Jungfrau, welche sich entfernt hatte, um mich wieder abzuholen, wenn ihre Dame bereit sein würde, meinen Besuch anzunehmen, zögerte, und eine Viertelstunde verging nach der andern, ehe sie wiederkam.

Unglücklicherweise brach indessen der Tag an, und ich sah mit einem unbeschreiblichen Schmerz, daß die Zeit, in welcher ich mich in dem Turme hätte einfinden sollen, verstrichen war. Ich hätte bei dem Gedanken, von meiner Unbekannten vergebens erwartet worden zu sein, von Sinnen kommen mögen. Was mußte sie von mir denken? Welches Hindernis konnte groß genug sein, mein Außenbleiben zu entschuldigen? Und wie konnt' ich, da sie Ursache hatte, sich so unbegreiflich von mir beleidigt zu glauben, jemals Vergebung von ihr zu erhalten hoffen?

In diesen niederschlagenden Betrachtungen fand mich die Jungfrau, da sie mich zu ihrer Gebieterin abholte. Ich folgte ihr mit einer Unruhe und mit einem Ausdruck von Verdruß und Traurigkeit in meinem Gesichte, der ihr aufzufallen schien; aber – kann ich es dir gestehen, Osmandyas, ohne von dir ebensosehr verachtet zu werden, wie ich mich selbst verachte? – beim ersten Blicke, den die allzu reizende Pasidora auf mich heftete, verschwand, wie durch Bezauberung, aller Unmut aus meiner Seele; und was auch die Folgen des Dienstes sein möchten, den ich (wiewohl als bloßes Werkzeug einer höhern Macht) einer so liebenswürdigen Person geleistet hatte, so konnte ich mich's unmöglich reuen lassen, ihrer Rettung mein Glück aufgeopfert zu haben. ‹Meine Unbekannte selbst›, dachte ich wie ein Tor, ‹würde mein Außenbleiben billigen, wenn sie die Ursache desselben sehen würde.›

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