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Christoph Martin Wieland: Dschinnistan - Kapitel 38
Quellenangabe
typefairy
booktitleDschinnistan oder Auserlesene Feen- und Geistermärchen
authorChristoph Martin Wieland
year1992
publisherManesse Verlag
addressZürich
isbn3-7175-1818-6
titleDschinnistan
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1786
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Ich verließ den Turm und kehrte nach Hause, wo mein Außenbleiben einige Unruhe verursacht hatte. Ich erzählte, wie ich mich verspätet und endlich von ungefehr einen Turm im Walde gefunden, wo ich die Nacht wenigstens bequemer als im Walde zugebracht hätte; aber von dem, was mir darin begegnet war, ließ ich mir nichts merken. Niemand wußte etwas von einem solchen Turme, aber jedermann wollte eine seltsame Veränderung in meinem Gesichte wahrnehmen und beunruhigte mich mit der Vermutung, daß mir etwas Außerordentliches zugestoßen sein müsse.

Ich machte mich los, so gut ich konnte, und brachte den Tag in Betrachtungen über mein wundervolles Abenteuer zu. Die Meinung, worin man war, daß ich die vergangene Nacht schlecht geruht hätte, gab mir einen Vorwand, mich früher als gewöhnlich schlafen zu legen. Ich fand Mittel, mich heimlich davonzumachen, eilte dem Walde zu und suchte, so gut es in der Dämmerung möglich war, den Weg, der mich gestern zum Turme geführt hatte; aber da die Dunkelheit immer zunahm, würde mir's schwerlich gelungen sein, ihn zu finden, wenn ich nicht ein paar hundert Schritte vor mir ein Licht wahrgenommen hätte, dem ich zu folgen beschloß. Es bewegte sich immer vor mir her und brachte mich auf einem viel kürzern Weg so nahe an meinen Turm, daß ich ihn, wiewohl das Licht verschwand, um so weniger verfehlen konnte, weil der Mond inzwischen aufgegangen war und durch eine Öffnung im Gebüsch einen hellen Glanz auf einen Teil der Ruinen warf, woraus der Turm hervorragte.

Stelle dir vor, wie mir ward, als ich, in einer Entfernung von zwanzig bis dreißig Schritten, auf einem Stück einer umgestürzten Säule die nehmliche Dame sitzen fand, die ich in der vorigen Nacht auf dem Ruhebette gesehen hatte. Ihr Anzug war eben derselbe, außer daß ihr zurückgeschlagener Schleier, wiewohl ich noch zu fern war, ihre Gesichtszüge deutlich zu erkennen, mir den schönsten Kopf zeigte, den ich jemals gesehen zu haben glaubte. Sie saß auf ihren linken Arm gestützt und sah nach dem Mond, als ob sie das Bild eines Geliebten darin suche. Der unwiderstehliche Reiz, den ihr diese Stellung gab, würde mich in fliegender Eile zu ihren Füßen hingeworfen haben, wenn nicht zu gleicher Zeit die Majestät ihrer Gestalt, nebst dem Gedanken an das, was sie war, mich zurückgeschreckt und in ehrfurchtsvoller Entfernung gehalten hätte.

Sobald sie mich gewahr wurde, hüllte sie sich ein und stand auf, mir entgegenzusehen. ‹Suchtest du hier jemand, Klodion?› fragte sie mit einer Stimme, die in meiner Seele wiederklang. ‹Wen könnte ich hier suchen als dich selbst?› antwortete ich. ‹Ist dies Schmeichelei oder Empfindung deines Herzens?› erwiderte sie lächelnd. ‹Ein Blick in meine Seele›, versetzte ich, ‹würde dir diese Frage am besten beantworten; denn seit dem gestrigen Abend, der mir die Wonne, dich zu sehen, verschaffte, hat dein Bild alle Spuren anderer Eindrücke in ihr ausgelöscht.› – ‹Das ist viel›, sprach sie, ‹für eine Bekanntschaft, die wenigstens von deiner Seite noch so jung und unvollständig ist. Denn was mich betrifft, so muß ich gestehen, der Zufall war mir günstiger als dir; ich kenne dich schon lange; und wenn du dich mit meinen Augen sehen könntest, so würdest du in dieser Versicherung die Antwort auf die deinige finden.›

Ich warf mich zu ihren Füßen und küßte ihre dargebotne wunderschöne Hand in einem Taumel von Liebe und Entzücken. Was ich ihr in diesem Zustande sagte, weiß ich selbst nicht; aber sie fand für gut, mich baldmöglichst wieder zu mir selbst zu bringen. Sie hieß mich aufstehen und führte mich, weil die Nacht ungewöhnlich schön und warm war, in die Gegend hinter den Ruinen, die, bei aller ihrer Anmut und scheinbaren Freiheit der Natur, zuviel Geschmack und Harmonie in den mannigfaltigen Teilen, woraus sie zusammengesetzt war, verriet, um die verschönernde Hand der Kunst verbergen zu können. Wir irrten durch Lustgänge von wohlriechenden Gebüschen, die uns bald zu großen, mit Blumenrändern eingefaßten Rasenplätzen, bald auf einem sanft steigenden Pfade zu hohen, mit Bäumen und Strauchwerk bewachsenen Felsenwänden führten, wo wir uns unvermerkt eingeschlossen fanden, bald in kleine Täler, wo murmelnde Quellen sich zwischen zerstreuten Bäumen und leichten Gebüschen schlängelten und zuletzt in einen Kanal zusammenflossen, welcher dem Ganzen die Gestalt einer Halbinsel gab, die mit allen ihren abwechselnden Schönheiten, in der magischen Beleuchtung des Mondscheins, bei der heitersten Luft und am Arme der Göttin meines Herzens, so sonderbare Eindrücke auf meine Sinne machte, daß ich mich in eine Gegend des Feenlandes versetzt glaubte: ein Gedanke, der in dieser Lage um so natürlicher war, weil ich mir nicht erklären konnte, wie ein so reizender Ort, der so nahe an dem Schlosse meines Vaters zu liegen schien, mir bis zu dieser Stunde hätte verborgen bleiben können.

Meine schöne Unbekannte unterhielt mich, indessen wir in diesen Zaubergärten bald umherirrten, bald auf eine Moosbank oder unter eine lieblich dämmernde Laube uns setzten, mit tausend angenehmen Dingen auf eine Art, die mir von der Schönheit ihres Geistes und von dem Umfang ihrer Kenntnisse die größte Meinung gab, und mit einer so einnehmenden Offenheit und Vertraulichkeit, als ob wir uns immer gekannt hätten. Endlich kamen wir mittelst einer über den Kanal geworfenen Brücke in den Wald zurück, und auf einmal fand ich mich wieder den Trümmern und dem Turm gegenüber, wo ich sie angetroffen hatte. Die Morgenröte war nun im Anbruch. ‹Wir müssen uns trennen›, sagte die Unbekannte; ‹aber wenn dir meine Gesellschaft angenehm gewesen ist, so steht es bei dir, mich, so oft du willst, um die nehmliche Stunde wie heute in diesem Turme zu finden.› Und hiermit führte sie mich von einer andern Seite an den Eingang eines durch den Wald gehauenen Weges, der durch einige Krümmungen mich in weniger als einer Viertelstunde nach meiner Wohnung zurückbrachte. Sie begleitete mich eine Zeitlang und verschwand so unvermerkt, daß ich einige Schritte fortging, eh' ich gewahr wurde, daß sie mich verlassen hatte.

Ich brauche dir nicht zu sagen, lieber Osmandyas, ob ich von der Erlaubnis, die mir meine wundervolle Unbekannte gab, Gebrauch machte. Glücklicherweise schien weder mein Vater noch sonst jemand von unserm Hause auf mein Tun und Lassen achtzuhaben. Ich schützte bald Spaziergänge, bald die Jagd, bald Besuche in der Nachbarschaft vor, um mein nächtliches Außenbleiben zu beschönigen; und man beruhigte sich damit, ohne genauer nachzufragen oder sich darüber zu wundern, daß ich gewöhnlich die erste Hälfte des Tages verschlief und alle Nächte abwesend war.

Auf diese Weise brachte ich etliche Wochen lang in dem geheimen Umgang mit meiner Unbekannten wahre Götternächte zu. Ich durfte ihr alles sagen, was ich für sie empfand, sie ließ mich hinwieder in ihrer Seele lesen; und wiewohl meine Ehrfurcht und ihre majestätische Sittsamkeit meine Begierden in so engen Schranken hielten, daß eine Vestalin über das, was sie mir bewilligte, nicht hätte erröten dürfen, so wußte sie doch den kleinsten Gunstbezeigungen so viel Wert und Bedeutung zu geben und war so unerschöpflich an Unterhaltung, Witz und guter Laune, daß ich mich für den glücklichsten aller Sterblichen hielt.

Sie entdeckte mir in diesen Stunden der zärtlichen Vertraulichkeit, daß sie von dem ersten Augenblicke, da sie mich gesehen, beschlossen habe, mich zum Meister ihres Herzens und ihrer Person zu machen, wofern sie mich dessen bei näherer Erforschung meines Charakters würdig fände. Sie gestand, daß meine Abneigung von den Erdetöchtern und meine Parteilichkeit für die elementarischen Schönen mir kein kleines Verdienst in ihren Augen gegeben habe; indessen beharrte sie doch darauf, mir aus ihrem Namen und Stande ein Geheimnis zu machen, bis sie genugsame Ursache hätte, von der Aufrichtigkeit und Beständigkeit meiner Liebe eine bessere Meinung zu fassen, als die Liebe der Männer gewöhnlich verdiene.

Da ich sie würklich über alles liebte, so war es mir leicht, mich zu jeder Probe zu erbieten, auf welche sie meine Treue stellen wollte; aber so groß war meine Ehrerbietung für sie und meine Furcht, durch allzu feurige Begierden die zarte Empfindlichkeit eines Wesens ihrer Gattung zu erschrecken, daß ich es nicht wagte, sie um Abkürzung einer Probezeit, die mir ebenso unnötig als beschwerlich vorkam, zu bitten. Sogar des verhaßten Schleiers, der mir noch immer mehr als die Hälfte ihres Gesichtes verbarg, wurde nur mit großer Behutsamkeit erwähnt. Denn da sie sich über die Proben, auf welche sie meine Zärtlichkeit stellen wollte, nicht deutlich erklärte: wer sagte mir, ob nicht gerade dies eine Probe war, woraus sie sehen wollte, wie weit ich meine Gefälligkeit gegen ihre kleinen Grillen oder Eigenheiten zu treiben fähig wäre?

Es waren nun ungefehr vier bis fünf Wochen verflossen, seitdem meine Liebe zu der schönen Unbekannten, wiewohl beinahe bloß mit geistiger Speise genährt, täglich zugenommen und endlich die ganze Stärke der feurigsten Leidenschaft gewonnen hatte, als ich sie einstmals, gegen ihre bisherige Gewohnheit, weder unter den Trümmern noch in irgendeiner Laube oder einem kleinen Tempel des Zaubergartens, sondern im Turm auf dem nehmlichen Ruhebette fand, wo ich sie zum ersten Mal gesehen hatte. Ein kleiner Regen, der diesen Abend gefallen war, hatte sie (wie sie sagte) befürchten lassen, daß mir die Luft im Freien nachteilig sein könnte; und sie schien übrigens hier ebensowenig von meiner Leidenschaft zu besorgen als an den Orten, wo wir bisher alle Nächte einige Stunden beisammen gewesen waren.

Mein ehrerbietiges Betragen rechtfertigte ihr Vertrauen; indes wurde doch unsere Unterredung unvermerkt zärtlicher, als sie jemals gewesen war. Sie selbst schien es mir mehr als gewöhnlich zu sein; ihr Ton war die Stimme der Liebe, und das schöne Feuer ihrer Augen blitzte durch den doppelten Schleier, der von ihrer Stirne auf ihren Busen herabhing. Ich sprach mit Entzücken von der Wonne der Liebe und von den Hoffnungen, zu welchen sie mich aufgemuntert hatte; und zum ersten Mal wagte ich's, ihr in den zärtlichsten Ausdrücken eine Ungeduld zu zeigen, von welcher sie nicht beleidigt zu werden schien. ‹Nur noch sieben Tage›, sagte sie. ‹Sieben Jahrhunderte!› rief ich, indem ich zu ihren Füßen fiel.

Sie ließ sich endlich erbitten, die sieben Tage auf drei zu vermindern. ‹Schenke›, sagte sie mit einem gerührten bittenden Tone, ‹noch diese drei Tage meiner Furcht, einen Unbeständigen glücklich zu machen. Du selbst›, fuhr sie fort, ‹wende diese Zeit dazu an, dein Herz zu prüfen, ob du einer so reinen, so getreuen, so standhaften Liebe fähig bist, als die Wesen meiner Gattung von ihren Liebhabern fordern. Denke nicht, daß diese Prüfung überflüssig sei, und rechne nicht auf die Zärtlichkeit meines Herzens, wenn du jemals fähig wärest, mir ungetreu zu werden. Sie würde mir zwar keine grausame Rache erlauben; aber niemals würdest du mich wiedersehen. Ich atme nur für dich; aber ich verlange dagegen, daß dein Herz mir ganz und allein angehöre. Glaubst du, daß mein Besitz eines solchen Opfers wert sei, und findest du dich fähig, in jeder Probe rühmlich zu bestehen: so komm in der dritten Nacht nach dieser wieder hierher und laß uns die Schwüre einer ewigen Treue gegeneinander auswechseln. Aber heute verlaß mich, Klodion!› – ‹Verlang es nicht, angebetete Beherrscherin meines Herzens›, rief ich indem ich ihre Knie mit der feurigsten Inbrunst umarmte; ‹laß mich hier zu deinen Füßen...›

In diesem Augenblick erstarb die zauberische Morgenröte, die das Zimmer erfüllt hatte, in pechschwarze Finsternis, und die schöne Unbekannte war meinen Armen entschlüpft. Vergebens flehte ich, ihr wieder sichtbar zu werden, vergebens tappte ich überall nach ihr herum: sie war verschwunden, und ich mußte mich, wie grausam ich auch diese Prüfung fand, mit der Hoffnung beruhigen, daß ich in drei Tagen die reichste und vollkommenste Vergütung für den Schmerz, den sie mir verursachte, erhalten würde.

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