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Christoph Martin Wieland: Dschinnistan - Kapitel 36
Quellenangabe
typefairy
booktitleDschinnistan oder Auserlesene Feen- und Geistermärchen
authorChristoph Martin Wieland
year1992
publisherManesse Verlag
addressZürich
isbn3-7175-1818-6
titleDschinnistan
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1786
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«Höre mich an», sagte Osmandyas, «und entschuldige oder verdamme mich alsdann, wie dein Herz dir's eingeben wird. Denn von Sachen des Herzens kann nur das Herz urteilen. Seit meiner Zurückkunft nach Memphis hatte mir Kalasiris den freien Zutritt in sein Zimmer verstattet, welches ich zuvor nie anders, als wenn er mich rufen ließ, betreten durfte. An dieses Zimmer stieß ein Kabinett, das niemand in seinem Hause um irgendeinen Preis zu öffnen sich unterstanden hätte, wiewohl es gewöhnlich unverschlossen war; denn man machte sich eine sehr fürchterliche Vorstellung von diesem Kabinette. Man war fest überzeugt, daß die Tür von einem Geiste bewacht werde, welcher außer dem Oberpriester jeden andern, der sich erkühnen wollte, sie zu öffnen, auf der Stelle töten würde. Auf mich hätte ein bloßes Verbot meines Vaters stärker gewirkt als die Furcht vor diesem Geiste, denn ich war von Kindheit an gewohnt, alle seine Befehle oder Verbote als unverletzbare Gesetze anzusehen. Aber da er mir über diesen Punkt gar nichts gesagt hatte, so überwog endlich der Vorwitz, was in diesem geheimnisvollen Kabinette zu sehen sein möchte, jede andere Betrachtung; und ich benutzte dazu die erste Stunde, wo ich gewiß war, nicht von ihm überfallen zu werden.

Ich gestehe, daß ich an allen Gliedern zitterte, als ich den Riegel zurückzog. Aber der furchtbare Geist war so gefällig, mich einzulassen; und sobald ich mich wieder gefaßt hatte, war das erste, was mir unter einer Menge sonderbarer Sachen in die Augen fiel, ein alter Mann in priesterlicher Kleidung, dessen majestätisches Ansehen und sanft ernster Blick mich so sehr überraschte, daß ich im Begriff war, mich zu seinen Füßen niederzuwerfen, wenn seine Unbeweglichkeit, die mir nicht ganz natürlich vorkam, mich nicht zurückgehalten hätte. ‹Sollte es›, dachte ich, ‹eine bloße Bildsäule sein?› Ich hatte aller meiner Herzhaftigkeit nötig, um mich von der Wahrheit dieser Vermutung zu überzeugen; aber es blieb mir unbegreiflich, wie die Kunst, ein so vollkommenes Werk zu bilden, einer toten Masse diesen Schein von atmendem Leben und diesen Ausdruck eines inwohnenden Geistes zu geben vermocht hätte.

Ich war noch mit dieser Betrachtung beschäftigt, als mir in einer andern Ecke des Kabinetts ein wunderschönes junges Mädchen in die Augen fiel, das, auf einem Ruhebettchen sitzend, mit einer Taube spielte, die etwas aus ihrer schönen Hand zu picken schien. Sie war in eine lange Tunika von feinem Byssus mit goldenen Streifen gekleidet, die oben auf den Schultern mit einem Knopfe befestigt und dicht unter dem leicht bedeckten Busen mit einem goldenen Bande umschlungen war; Arme und Schultern waren bloß, und das leichte Gewand, wiewohl es sie nach morgenländischer Weise sehr anständig bekleidete, bezeichnete doch auf die ungezwungenste und reizendste Art alle schönen Formen ihres mit vollkommenstem Ebenmaß gebauten Körpers. Ich erstaunte, eine so reizende Person in dem geheimen Kabinette des Kalasiris zu finden, den seine Weisheit, sein Alter und seine Würde über allen Verdacht von dieser Seite weit erhob; und wiewohl ich soeben gesehen hatte, wie weit es die Kunst im Nachahmen der Natur bringen kann, so täuschte mich doch der erste Anblick zum zweiten Male, und der Gedanke, daß auch dieses liebenswürdige Mädchen eine bloße Bildsäule sei, kam mir nicht eher, bis mich ihre gänzliche Unbeweglichkeit davon überzeugte.

Ich bin unvermögend, dir zu beschreiben, was in diesen Augenblicken in mir vorging; man müßte selbst durch meinen damaligen Zustand gegangen sein, um etwas davon zu begreifen. Ich konnte nicht zweifeln, daß es ein bloßes lebloses Bild sei; und doch bestand mein Herz hartnäckig darauf, es lebe und atme und höre, was ich ihm sage. Meine Phantasie half die Täuschung unterhalten; und diese Täuschung war so stark, daß ich eine halbe Stunde auf den Knien vor ihr lag und ihr alles sagte, was der zärtlichste und ehrerbietigste Liebhaber der Geliebten seines Herzens sagen kann, ohne daß ich gewagt hätte, sie anzurühren, um mich zu überzeugen, daß sie nichts als eine Masse ohne Leben sei. ‹Unfehlbar›, dachte ich, ‹ist sie bloß bezaubert; sie lebt, wiewohl sie nicht atmet; sie hört mich, wiewohl sie mir nicht antworten kann: ganz gewiß wird sie gegen die unbegrenzte Liebe, womit sie auch mich bezaubert hat, nicht immer unempfindlich bleiben; ich werde sie durch die Beständigkeit meiner Leidenschaft rühren, und vielleicht ist es mir aufbehalten, den Zauber, der ihre Sinne gebunden hält, aufzulösen und zur Belohnung in ihren Armen der glücklichste aller Sterblichen zu sein.›

Ich begreife, daß dir eine solche Leidenschaft unsinnig vorkommen muß, und ich habe nichts zu ihrer Rechtfertigung zu sagen, als daß ich (wie es auch damit zugegangen sein mag) von dem Augenblick an, da ich dieses himmlischen Mädchens ansichtig wurde, meiner selbst nicht mehr mächtig war. Ich war es so wenig, daß ich endlich ihre nicht widerstehende, aber leider! auch nicht fühlende Hand ergriff und sie mit ebenso schüchterner und ebenso inniger Inbrunst an meinen Mund drückte, als ob sie lebendig gewesen wäre.

In dem nehmlichen Augenblicke trat mein Vater in das Kabinett und überraschte mich, auf meinen Knien vor dem leblosen Mädchen liegend und mein Gesicht über eine ihrer Hände gebückt. Ich fuhr über seinen Anblick zusammen und erwartete, hart von ihm angelassen zu werden; aber ich irrte mich glücklicherweise; seine Miene hatte nichts Strenges. ‹Du bist, wie ich sehe, bei den Griechen ein großer Bewunderer der Kunst geworden, Osmandyas?› sagte er lächelnd. ‹Ich habe in meinem Leben nichts so Liebenswürdiges gesehen›, antwortete ich errötend. ‹Liebenswürdig?› versetzte Kalasiris, indem er mir mit Aufmerksamkeit in die Augen sah. ‹So Vollkommnes wollt' ich sagen, mein Vater›. – ‹Das kann sein›, erwiderte er; ‹es ist das Werk eines großen Meisters.› Und hiermit brach er die Unterredung ab. Wie gern ich auch eine Menge Fragen an ihn getan hätte, so wagte ich's doch nicht, eine einzige laut werden zu lassen; so groß war die Ehrfurcht, an die ich von Kindheit an gegen ihn gewöhnt war. Es war mir nie erlaubt gewesen, durch Fragen mehr über eine Sache von ihm erfahren zu wollen, als er mir von freien Stücken zu sagen für gut befand.

Ich entfernte mich aus dem Kabinett, aber mein Herz blieb bei der schönen Bildsäule zurück, der es einen ganz andern Namen gab. Ich bestärkte mich immer mehr in dem Wahne, daß es eine wirkliche Person in einem sonderbaren Zustande von Bezauberung sei. Dieser Wahn schmeichelte meiner Leidenschaft und erhöhte sie in wenigen Tagen auf einen solchen Grad, daß ich an nichts andres dachte und, weil ich sonst nichts, das sich auf sie bezog, tun konnte, im eigentlichsten Verstande gar nichts tat.

Mein Vater unterließ einige Wochen lang, dieser Sache nur mit einem Worte zu erwähnen. Er schien sogar nicht zu bemerken, daß ich allen meinen gewohnten Arbeiten und Ergetzungen entsagte und unvermerkt in eine Art von Schwermut verfiel, die mich die einsamsten Orte suchen und allen Umgang mit Menschen fliehen machte. Indessen däuchte es mir sein Werk zu sein (wiewohl keine besondere Veranstaltung von seiner Seite dabei in die Augen fiel), daß ich in dieser ganzen Zeit keine Gelegenheit fand, in sein Kabinett zu kommen. Die Folgen davon wurden endlich sichtbar, daß sie seiner Aufmerksamkeit nicht entgehen konnten: ich wurde niedergeschlagen und traurig, verlor Eßlust und Schlaf, bekam Ringe um die Augen und veränderte mich, mit einem Worte, so sehr, da ich mir selbst unkenntlich wurde. Kalasiris allein schien es nicht gewahr zu werden; aber auf einmal erhielt ich wieder Gelegenheit, ganze Stunden unbeobachtet in seinem Kabinette zuzubringen.

Die Entzückung, mit welcher ich das erste Mal, da mir dieses Glück wieder zuteil wurde, dem geliebten Mädchen zu Füßen fiel, wie ich ihre Knie umarmte, was ich ihr sagte und wie glücklich ich war, kannst du dir nur vorstellen, wenn du jemals wahrhaftig geliebt hast.»

«O gewiß kann ich's», rief der Jüngling vom Turme mit einem tiefen Seufzer.

«Dieses erste Wiedersehn wirkte so stark auf mein Gemüt und auf meine Gesundheit, daß ich auf einmal wieder ein ganz anderer Mensch zu sein scheinen mußte. Kalasiris bemerkte immer nichts; aber ich fand acht bis zehn Tage lang täglich eine Stunde, die ich zu den Füßen meines bis zum Wahnsinn geliebten Bildes zubringen konnte. Es gab Augenblicke, wo meine Betörung so weit ging, daß ich mir einbildete, sie von meinen Tränen gerührt zu sehen und als ob ihre Lippen sich bewegen wollten, mir etwas Gütiges zu sagen. Meine Überredung, daß sie kein lebloses Bild, sondern nur bezaubert sei, bekam, wie natürlich, neue Stärke dadurch; und ich konnte mich endlich nicht länger zurückhalten, diese Hypothese meinem Vater als eine Sache vorzutragen, die mir keinem Zweifel unterworfen zu sein scheine.

Kalasiris hörte mich ruhig an; aber als ich fertig war, warf er einen ernsten Blick auf mich und sagte: ‹Allerdings ist hier jemand bezaubert, wie ich sehe; und dies ist sonst niemand als du selbst. Es ist hohe Zeit, Osmandyas, einem so lächerlichen Spiel ein Ende zu machen; oder wohin glaubst du, daß dich deine Liebe für eine Bildsäule endlich führen werde?›

So hart mir diese auf einmal angenommene Strenge meines Vaters auffiel, so war ich doch froh, daß er mir selbst Gelegenheit gab, ihm den Zustand meines Herzens zu entdecken. Die Stärke meiner Leidenschaft durchbrach jetzt auf einmal den Damm, in welchen die Ehrfurcht vor ihm sie bisher eingezwängt hatte; ich warf mich zu seinen Füßen, bat ihn um Mitleiden und erklärte ihm zugleich in den stärksten Ausdrücken, daß diese Liebe, wie unsinnig sie auch immer scheinen möge, das Glück oder Unglück meines Lebens entscheiden werde.

Die Leidenschaft pflegt in solchen Fällen wortreich zu sein; gleichwohl hörte mich Kalasiris mit großer Geduld an, ohne von dem Feuer, womit ich sprach, beleidiget zu scheinen. Aber er sagte mir demungeachtet alles, was ein so weiser Mann nur immer aufbringen konnte, um einen einzigen geliebten Sohn von einer in seinen (und ohne Zweifel in eines jeden andern) Augen so widersinnigen Verirrung des Verstandes und Herzens zurückzubringen. Er brachte mich endlich zum Stillschweigen, aber ohne mich überzeugt zu haben, und entließ mich auf eine gütige Art, jedoch mit einigem Ausdruck von Mißvergnügen, daß ich mir (wie er sagte) so wenig Mühe gäbe, meiner Vernunft den Sieg über eine unwürdige und abenteuerliche Schwachheit zu verschaffen.

Von dieser Zeit an verflossen mehrere Wochen; ohne daß es dieser Sache halben wieder zwischen uns zur Sprache kam. Die Gelegenheiten, den Gegenstand meiner Leidenschaft zu sehen, wurden seltner, und Kalasiris machte dagegen täglich andere entstehen, wodurch er meine Sinne zu zerstreuen und meiner Phantasie eine andere Richtung zu geben hoffte. Bald waren es Aufträge oder kleine Verschickungen, bald Lustfahrten auf dem Nil, bald andere meinem Alter angemessene Vergnügungen. Aber alle diese vermeinten Heilmittel bewirkten gerade das Gegenteil. Wo mein Leib auch immer sein mochte, meine Seele war bei dem, was ich liebte; ich ertrug den Verdruß, mich oft viele Tage lang davon getrennt zu sehen, bloß darum mit einiger Gelassenheit, weil eine einzige Viertelstunde, die ich wieder im Anschauen meiner lieben Bildsäule zubrachte, mir alles vergütete und ein Glück war, das ich mit noch viel größern Leiden willig erkauft haben würde.

Es schien, als ob Kalasiris ein besonderes Augenmerk darauf habe, keine Gelegenheit zu verabsäumen, wo ich die schönsten jungen Personen in Memphis zu sehen bekommen könnte. Das Fest der Isis kam ihm dazu ganz erwünscht. Eine feierliche Prozession führte alle junge Mädchen aus Memphis und der umliegenden Gegend, unverschleiert und in ihrem schönsten Putze, vor meinen Augen vorbei. Ich sah einige, die als außerordentliche Schönheiten gerühmt wurden, wiewohl ich sie unter den übrigen entweder übersehen oder nichts Besonderes an ihnen gefunden hatte. Mein Vater ergriff diese Gelegenheit. Er fragte mich in einem scherzenden Tone, der mir an ihm ungewöhnlich war, ob ich unter dieser Menge von schönen Personen keine gesehen hätte, die mir das Original meiner Bildsäule zu sein schiene. ‹Keine›, antwortete ich in eben dem Tone, ‹die mir schön genug vorgekommen wäre, ihre Aufwärterin zu sein.› – ‹Das tut mir leid›, versetzte Kalasiris etwas ernsthafter; ‹denn du hast unter diesen Jungfrauen diejenige gesehen, die ich dir zur Gemahlin bestimmt habe.› – ‹Mir, mein Vater?› rief ich, bestürzt über einen Antrag, auf den ich gar nicht vorbereitet war. ‹Sie ist die liebenswürdigste unter allen›, fuhr er fort, ‹und, wenn meine Augen mich nicht sehr betrügen, auch die schönste; wenigstens gewiß schöner als diese Dame von emailliertem Ton, an der du einen so sonderbaren Geschmack findest.› – ‹Das ist unmöglich›, rief ich. ‹Wenn es auch wäre›, sagte Kalasiris, ‹so ist Schönheit nicht das, was die Wahl einer Gattin bei einem verständigen Menschen entscheidet. Aber da du selbst nicht imstande bist, eine vernünftige Wahl zu treffen›, fuhr er mit großem Ernste fort, ‹so habe ich für dich gewählt. Ich bin meiner Sinne mächtig, ich weiß, was sich für dich und mich schickt, und du kannst keine Einwendung gegen meine Wahl zu machen haben.›

Diese Rede stürzte mich wie ein Blitz zu meines Vaters Füßen. Wenn du dir vorstellest, daß ich meine Bildsäule über alles liebte, daß meine Leidenschaft, ihrer Ungereimtheit ungeachtet, alle Eigenschaften der wahrsten, zärtlichsten und entschiedensten Liebe hatte, die jemals eines Menschen Brust entflammte: so kannst du auch leicht ermessen, was ich sagte und tat, um das Herz meines Vaters zu rühren und ihn von dem Vorhaben, das er mir mit einer so auffallenden Härte angekündigt hatte, zurückzubringen. Er hörte mich lange an, und da er mich zu heftig bewegt sah, um durch Vernunftgründe etwas auszurichten, stand er auf und ließ mich allein, mit dem Bedeuten, mich zu fassen, damit ich ihm, wenn er wiederkäme, mein letztes Wort über diese Sache sagen könnte.

Kaum hatte er das Kabinett verlassen, so warf ich mich meiner geliebten Bildsäule zu Füßen und schwor ihr in einer Begeisterung, die ich noch nie in diesem Grade gefühlt hatte, ewige Treue, und wenn auch das Unglück meines Lebens oder ein grausamer Tod die Folge davon sein sollte. Zum ersten Mal überwältigte in diesem Augenblick die Heftigkeit meiner Empfindungen die zärtlich ehrerbietige Zurückhaltung, die mir bisher nie etwas mehr erlaubt hatte, als ihre Füße zu umfassen oder meinen Mund auf ihre Hand zu drücken. Ich umarmte sie mit der feurigsten Inbrunst, ich drückte mein Herz an ihren unelastischen Busen, ich überdeckte ihr holdseliges Gesicht mit Tränen und Küssen, und mein Wahnsinn ging so weit, daß ich mir auf einen Augenblick einbildete, sie erwarme unter meinen Umarmungen.

Die Täuschung konnte nicht lange dauern, und es war ein Glück für meinen Kopf, daß ich sie so bald gewahr wurde. Aber wie unzufrieden auch mein Herz darüber war, so veränderte es doch nichts an meiner schwärmerischen Liebe, und als Kalasiris zurückkam, fand er mich entschloßner als jemals, ihr alles, wenn es sein müßte, aufzuopfern. Mit dieser Entschließung in meinem Blick und Tone ging ich ihm entgegen. ‹Mein Vater›, sprach ich, ‹ich bin überzeugt, daß etwas Außerordentliches in dieser Bildsäule und in den Gesinnungen, die sie mir einflößt, ist. Sie ist entweder durch Zauberei in diesen Zustand versetzt worden, oder sollte sie ja nichts als eine tote Masse sein, so lebt ganz gewiß eine Person, die das Urbild dieses bis zur Täuschung der Sinne und der Vernunft vollkommnen Nachbildes ist. In beiden Fällen hängt das Schicksal meines Lebens von dieser Person ab; sie wird bis zum letzten Atemzug der Gegenstand meiner feurigsten Liebe bleiben, und es ist vergebens, das Unmögliche von mir zu fordern. Ich kann nur mit meinem Leben aufhören, sie zu lieben, und wer das Verlangen, sie zu besitzen, aus meiner Seele verbannen will, muß mir zuvor dies Herz aus meinem Busen reißen. Laß mich, mein Vater, deiner Güte das Glück des Lebens, das du mir gabst, zu danken haben! Ich bin gewiß, das Geheimnis dieser wundervollen Bildsäule, die, ebenso wie jener ehrwürdige Greis, zu leben und zu atmen scheint, ist kein Geheimnis für dich. Ich kann diesen Zustand der Ungewißheit und des Schmachtens nicht länger ertragen! Du, mein Vater, ich bin es gewiß, kannst ihm ein Ende machen. Sage mir, ich beschwöre dich bei den ehrwürdigen Geistern unsrer Voreltern, was ich tun muß, um meiner Liebe zu genießen, oder sage mir, daß es unmöglich ist, und gib mir den Tod!›

‹Ist dies dein letztes Wort, mein Sohn?› fragte mein Vater mit einem furchtbar ruhigen Ernst in seinem Blicke. ‹Mein letztes›, antwortete ich unerschrocken und mit fester Stimme. ‹So komm morgen mit Anbruch der Sonne wieder hierher und vernimm, was ich dir sagen werde›, sprach er mit einem Blick, worin ich mehr Teilnehmung als Strenge zu fühlen glaubte, und winkte mir, mich zu entfernen.

Ich verließ ihn mit Ehrerbietung, aber in einem Gemütszustande, den ich dir nicht zu schildern versuchen will. Die Erwartung verschlang alle meine Gedanken, und jede Minute, bis die Sonne unter- und bis sie wieder aufgegangen war, schien mich an einer ausdehnenden Folter langsam aufzuschrauben.

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