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Christoph Martin Wieland: Dschinnistan - Kapitel 34
Quellenangabe
typefairy
booktitleDschinnistan oder Auserlesene Feen- und Geistermärchen
authorChristoph Martin Wieland
year1992
publisherManesse Verlag
addressZürich
isbn3-7175-1818-6
titleDschinnistan
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1786
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Wir verließen ihn, bei Verschwindung der Fee und des Zauberpalastes, wo ihm so wunderbare Dinge begegnet waren, hundert Meilen von seinem Turme, in einem ihm unbekannten Walde, wo er, sobald er zu sich selbst kommen konnte, über die Verwandlung, die mit ihm vorgegangen war, nicht weniger als die Prinzessin Marmotte über die ihrige, in die angenehmste Bestürzung geriet. Die Veränderung, welche das Berühren mit dem goldnen Zweige in seiner Figur hervorgebracht hatte, war so groß, daß Alazin den vormaligen Krummbuckel gar nicht mehr erkannte. Es brauchte einige Zeit, bis er das fortdauernde Gefühl, daß er die nehmliche Person sei, die er kaum gewesen war, mit seiner jetzigen Gestalt, die ein ganz neues Wesen aus ihm zu machen schien, in den gehörigen Einklang stimmen konnte. Er kam inzwischen unvermerkt an einen von hohen Erlen beschatteten Teich, wo sein Erstaunen aufs höchste stieg, indem er die Entdeckung machte, daß er Zug vor Zug dem schönen Schäfer glich, den er so vielmals, nicht ohne eine schmerzliche Vergleichung mit seiner damaligen Mißgestalt, auf den bemalten Fensterscheiben betrachtet hatte. Die Ähnlichkeit erstreckte sich bis auf die Kleidung; auch fand sich, damit ihm nichts zu einem Schäfer nach der Weise der Asträa oder der Hirten des Geßnerischen Arkadiens abginge, unvermerkt eine Herde schöner Schafe bei ihm ein, die ihn für ihren Herrn und Führer erkannte. Sogar für eine Hütte hatte die dankbare Fee gesorgt: Alazin fand sie, mit allem Zugehör einer schäferischen Haushaltung, am Ende des Waldes in einem anmutigen Tale, durch welches sich ein Bach schlängelte, an dessen Ufern zu beiden Seiten hie und da verschiedene Schäferwohnungen zwischen fruchtbaren Bäumen oder aus halbverdeckenden Gebüschen hervorragten. Das süße Gefühl der Freiheit und das Vergnügen, eines verhaßten Namens mit einer noch verhaßtern Gestalt los zu sein, ließen ihn eine gute Weile nicht daran denken, daß er mit dieser Figur und diesem Rahmen auch sein Königreich verloren hatte und daß der Sohn und Erbe eines Königs sich nun gefallen lassen mußte, seinem Szepter nichts als eine Herde Schafe und einen getreuen Hylas untertan zu sehen. Aber endlich dachte er doch daran; und seine Betrachtungen darüber würden vielleicht nicht die angenehmsten gewesen sein, wenn sein guter Verstand ihn nicht fähig gemacht hätte, sich seinem Schicksale mit guter Art zu unterwerfen; zumal, da er aus allem, was ihm begegnet war, augenscheinlich erkennen mußte, daß es von einer wohltätigen Macht geleitet werde.

Alazin hatte schon einige Zeit in diesem Hirtenlande gelebt, wo ihm seine Gestalt und sein gefälliges Betragen in wenig Tagen die Herzen der rohen, aber gutartigen Einwohner gewonnen hatte, als ihn ein geheimer Zug, den er für Zufall hielt, an den Ort führte, wo die schöne Schäferin schlummerte. Kaum war er nahe genug hinzugetreten, um sie genau zu betrachten, Himmel! wie wurde ihm zumute, da er das Original eben dieser reizenden Schäferin in ihr erkannte, die er auf den Fensterscheiben der Galerie so vielmals abgebildet gefunden und niemals ohne die zärtlichste Regung hatte ansehen können! Er würde, wofern er sich nicht gleich an einen Baum angehalten hätte, von der heftigen Würkung, die diese Überraschung auf sein ganzes Wesen machte, der Länge nach hingestürzt sein. Aber er erholte sich bald wieder, um sie aufs neue anzuschauen, oder vielmehr, das unbeschreibliche Vergnügen, das er beim Anschauen eines so vollkommnen Gegenstandes – einer Schönheit, die er bloß für den glücklichen Traum eines gefühlvollen Künstlers gehalten hätte – empfand, war die beste Stärkung seiner vom ersten Anblick betäubten Sinnen. Er ließ sich vor ihr auf die Knie nieder; sein Auge, sein Herz, sein ganzes Wesen schien in eine einzige von ihr ausgefüllte Empfindung zusammengezogen, und er würde bis in die Nacht in diesem wonnevollen Anschauen unverwandt beharret haben, wenn sie nicht von selbst erwachet wäre. Klaremonde (denn wir werden ihr nun, wie billig, ihren eigenen Namen wiedergeben) hatte kaum die Augen aufgeschlagen, als sie in dem schönen Schäfer, den sie in der ehrerbietigsten Stellung vor sich knien sah, eben denjenigen erkannte, dessen Bild ihr in der Galerie öfters vorgekommen war. Dieser Umstand, der ihn gewissermaßen zu einer alten Bekanntschaft machte, milderte bei ihr die Verlegenheit, in welcher sie sich befunden hätte, wenn er ihr ganz fremde gewesen wäre. Ihre Augen waren schon mit seiner Schönheit bekannt, und ihr Herz, an eine gewisse zärtliche Regung bei seinem Anblick ebenso gewöhnt, war bereits zu sehr dazu gestimmt, gut von ihm zu denken, als daß es ihr hätte einfallen können, einiges Mißtrauen in ihn zu setzen. Zwei so vollkommene Personen, wie sie beide waren und deren Inneres so schön und rein zusammengestimmt ist, können einander nicht ansehen, ohne daß jedes das andere seiner würdig finde; sie verstehen einander in der ersten Minute besser als gemeine Menschen nach einem jahrelangen Umgang. Das erste, was sie für einander fühlen, ist Wohlwollen, und dieses Wohlwollen ist Freundschaft, und diese Freundschaft ist, bei einem jungen Schäfer und einer jungen Schäferin, Liebe. Hiezu kommt noch, daß Klaremonde, mit ihrer Verwandlung aus einem mißgeschaffnen Murmeltiere in das schönste aller Mädchen, zugleich aus einer Prinzessin in eine Schäferin verwandelt worden war. Zwar nicht so, daß sie die Erinnerung an ihre Geburt und an die Vorrechte ihres vorigen Standes ganz darüber verloren hätte; aber bei einer Person von ihrem Geiste und Herzen mußten diese Vorrechte in ihrem neuen Stande viel von ihrem anscheinenden Werte verlieren. Der Rang einer Prinzessin hat seine Ungemächlichkeiten, der niedrige Stand einer Schäferin seine Vorteile. Überdies, was für Ursache hätte die Schäferin Klaremonde haben können, ihren ehmaligen Stand noch immer geltend machen zu wollen? Was für Hoffnung konnte sie sich machen, wofern sie auch den Weg in die Staaten ihres Vaters gefunden hätte, jemals für die Prinzessin Marmotte erkannt zu werden? Sie hätte die Geschichte ihrer Umgestaltung noch so lebhaft erzählen mögen, wer würde sie geglaubt haben?

Mit dem schönen Alazin hatte es vollkommen die nehmliche Bewandtnis. Wir können also versichern, daß alles, was die Geschichtschreiberin der Begebenheiten dieses wundervollen Paares, die Gräfin d'Aulnoy, von dem strengen Betragen der Prinzessin Brillante (wie sie ihre verwandelte Marmotte nennen läßt) gegen den schönen Schäfer erzählt, aus verfälschten Urkunden gezogen sein muß; daß der Schäfer und die Schäferin kein Wort von allem, was diese Dame sie sprechen läßt, miteinander gesprochen haben; und daß beide viel zuviel Verstand und Geschmack besaßen, um die Verse gemacht zu haben, die sie ihnen in den Mund legt. Da wir berechtigt sind, unsre Nachrichten für die zuverlässigern zu halten, so fahren wir fort, ihnen in unsrer Erzählung zu folgen, und sagen demnach, daß Klaremonde und Alazin, bei aller der Verwunderung, womit sie einander in der ersten Überraschung ansahen, ein Zutrauen gegen einander zeigten, welches uns zu beweisen scheint, daß ihre Herzen schon einverstanden waren, ehe sie Zeit hatten, sich gegen einander zu erklären.

«Ist's möglich?» rief Alazin, «Sie sind es selbst?» – «Eben diese Frage schwebt auch auf meinen Lippen», sagte Klaremonde. «Es sind nur wenige Wochen, seit ich Ihr Bild auf den gemalten Glasscheiben eines alten Turmes gesehen habe, worin ich gefangengehalten wurde», sagte der schöne Schäfer. «Es sind nur wenige Stunden, seit mir eben das mit dem Ihrigen geschehen ist», sprach die schöne Schäferin. «Meine Geschichte ist seltsam: Sie würden sie unglaublich finden, wenn ich sie Ihnen erzählte», sagte der Schäfer. «Eben das würde Ihnen mit der meinigen begegnen», sagte die Schäferin. «Ich wurde von meinem Vater in einen alten Turm gesperrt, weil ich eine gewisse Prinzessin nicht heuraten wollte, die selbst in ihrem Bildnisse, wiewohl ihr der Maler unfehlbar geschmeichelt hatte, so häßlich aussah, daß es keine Möglichkeit war, sie zu heuraten.» – «Und ich wurde von meinem Schwiegervater eingesperrt, weil ich nicht die Gemahlin seines Sohnes werden wollte, den ich zwar selbst nie gesehen habe, aber vor dessen bloßem Bildnis das Herz sich mir im Leibe umkehrte.» «Ich war damals nicht, was ich jetzt bin», fuhr der Schäfer fort; «und wie häßlich auch derjenige sein mochte, den man Ihnen zum Gemahl aufdringen wollte, so konnt' er's doch gewiß nicht mehr sein als ich.» – «Ich war damals auch nicht, was ich jetzt scheinen mag», versetzte die Schäferin; «aufrichtig zu reden: meine Figur war so krüppelhaft, daß mich niemand ohne Jammer ansehen konnte, und doch so lächerlich dabei, daß man sich in die Lippen beißen mußte, um mir nicht ins Gesicht zu lachen.» – «Man nannte mich aus Verspottung Krummbuckel», sagte der Schäfer. «Und mich aus eben der Ursache Marmotte», sagte die Schäferin. «Himmel!» riefen beide zu gleicher Zeit, «so sind wir ja eben die, die man zwingen wollte, einander zu heuraten! Wie unglücklich», fuhr der schöne Schäfer fort, «daß die wundertätigen Mächte, deren Werk unsre Verwandlung ist, es nicht einige Wochen früher vorgenommen haben!» – «Oder daß sie uns nicht ließen, wo sie uns fanden!» setzte die schöne Schäferin hinzu. «Doch nein, nicht unglücklich», sagte jener, «wenn meine liebenswürdige Schäferin von den Empfindungen gerührt werden könnte, die mir ihr Bildnis beim ersten Anblick einflößte.» Klaremonde errötete und schlug die Augen nieder, und Alazin war so bescheiden, auf keine deutlichere Antwort zu dringen.

Sie erzählten einander darauf ihre Begebenheiten mit allen Umständen; und wiewohl der schöne Schäfer ein zu zartes Gefühl hatte, um die schon einmal berührte Saite so bald wieder anzuschlagen, so schienen doch beide in dem Gedanken, was sie einander sein könnten, überflüssige Ursache zu finden, mit ihrem Schicksale zufrieden zu sein. Wie es gegen Abend ging, ersuchte Klaremonde ihren neuen Freund, der in dieser Gegend schon wohlbekannt war, sie zu einer anständigen Person ihres Geschlechtes zu führen, unter deren Aufsicht sie leben könnte, da es für eine junge Person in ihrer Lage doch nicht wohl schicklich wäre, unter einem unbekannten Volke ganz allein zu wohnen. Er führte sie in eine der geräumigsten und reinlichsten Hütten dieses Tales, wo sie, auf seine Empfehlung (wiewohl ihr bloßes Ansehen schon Empfehlung genug war), von einem guten alten Mütterchen aufs freundlichste empfangen und bewirtet wurde. Sie brauchte nur sehr wenig Zeit, um das ganze Herz der Alten zu gewinnen, die sich nicht wenig darauf zugut tat, eine so liebenswürdige Pflegetochter zu bekommen. Daß der Prinz-Schäfer und die Prinzessin-Schäferin von dieser Zeit an, die Nacht ausgenommen, sich selten lange voneinander trennten, ist leicht zu erraten. Verschiedene Wochen kamen ihnen auf diese Weise wie einzelne Tage vorüber. Aber da sie einander auch alle Tage lieber wurden, so gerieten sie zuletzt ganz natürlich auf die Frage, was das Schicksal wohl über sie beschlossen haben möchte, und diese Frage schien sich aus dem Wege, den es mit ihnen gegangen, von selbst auf eine sehr entscheidende Art zu beantworten. Der Rückweg in ihren angebornen Stand schien ihnen auf immer abgeschnitten zu sein, und ihr neuer, niedriger, der Welt verborgener, aber glücklicher Zustand bekam alle Tage neuen Reiz für sie. Ohne Zweifel hatte das Schicksal ihre Vereinigung beschlossen, die in ihren vormaligen Umständen unmöglich gewesen war oder, wenn sie endlich auch erzwungen worden wäre, ihr beiderseitiges Elend nur vergrößert hätte. Kurz, sie mochten sich als Königskinder oder als Hirten betrachten, so stand dem, was nun der einzige Wunsch ihrer Herzen war, nichts im Wege. Sie vereinigten sich also, und der Tag ihrer Vermählung war ein Fest für dieses ganze Hirtenland.

Alazin hatte sich, da er noch der Prinz Krummbuckel hieß, mit besonderen Fleiße auf verschiedene Teile der Naturwissenschaft gelegt. In seinem Hirtenstande machte er die Zucht der eßbaren und heilsamen Pflanzen und der fruchtbaren Bäume zu seiner Hauptbeschäftigung, und er wurde dem Hirtenvolke dadurch auf mehr als eine Art nützlich. Die schöne Klaremonde lehrte die jungen Schäferinnen die Pflege der Seidenwürmer und die Zubereitung ihres kostbaren Gespinstes. Beide trugen nicht wenig dazu bei, das Leben dieser gutartigen Naturmenschen zu verschönern und ihren Wohlstand zu vermehren, ohne die Unschuld ihrer Sitten zu verderben. Eine Reihe schöner Kinder, wie sie von solchen Eltern kommen mußten, vervielfältigten die Arbeit und die süßen Sorgen ihres häuslichen Standes, indem sie ihre Glückseligkeit vollkommen machten. Die Fee und der Genie Alzindor waren mit ihrem Werke zufrieden. Die Frau d'Aulnoy versichert uns zwar, sie wären unserm glücklichen Paare wieder erschienen und hätten es mit einem Palaste von Diamanten und mit einem Garten beschenkt, worin alle Bäume von Golde, alle Blätter von Smaragd und alle Blumen und Früchte von gewachsnen Rubinen, Saphiren, Türkisen, Amethysten und Chrysolithen gewesen seien. Aber wir können versichern, daß kein wahres Wort daran ist. Um was hätte ein solches Haus und ein solcher Garten die Glücklichen glücklicher machen können?

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