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Christoph Martin Wieland: Dschinnistan - Kapitel 32
Quellenangabe
typefairy
booktitleDschinnistan oder Auserlesene Feen- und Geistermärchen
authorChristoph Martin Wieland
year1992
publisherManesse Verlag
addressZürich
isbn3-7175-1818-6
titleDschinnistan
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1786
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Am folgenden Tage ging er wieder in die Galerie und sah alles wieder, was er gestern auf den gemalten Fensterscheiben gesehen hatte; auch sah er die schöne junge Person wieder, die einen Abdruck ihres Bildes in seinem Herzen zurückgelassen hatte. Überall fand er sich selbst, in einer eben solchen Kleidung wie die seinige; und immer stieg diese Figur in das oberste Geschoß des Turmes und fand einen goldenen Kugelzieher in der Mauer. «Dahinter muß ein sonderbares Geheimnis stecken», sprach er zu sich selbst; «diesmal habe ich gut gegessen; es kann keine Einbildung sein. Vielleicht finde ich im obersten Geschoß etwas, das mir Licht in der Sache gibt.» Er stieg hinauf, schlug mit einem Hammer gegen die Mauer, glaubte, eine Stelle, welche hohl schallte, zu bemerken, schlug ein Loch hinein und fand einen zierlich gearbeiteten goldenen Kugelzieher. Indem er sich bedachte, wozu er ihn wohl gebrauchen könnte, ward er in einem Winkel eines alten Schrankes von schlechtem Holze gewahr. Er sah sich überall daran nach einem Schlosse um, aber vergebens; er konnte nirgends finden, wie er aufzumachen wäre. Endlich bemerkte er ein kleines Loch; und da ihm sogleich einfiel, daß ihm sein Kugelzieher hier dienlich sein könnte, so steckte er ihn hinein, zog hierauf mit aller Gewalt, und der Schrank ging auf. Nun fand sich's, daß er von innen so schön war, als er von außen alt und schlecht geschienen hatte. Alle Schubladen waren von zierlich ausgestochenem Ambra oder Bergkristall; und wenn man eine herauszog, fand man oben, unten und zu beiden Seiten wieder kleinere, die mit Deckeln von Perlenmutter voneinander abgesondert und mit einer unendlichen Menge seltner und kostbarer Sachen angefüllt waren. Der Prinz fand darin die schönsten Waffen von der Welt, reiche Kronen, schöne Bildnisse, herrliche Juwelen und andre Dinge, die ihm großes Vergnügen machten. Er zog immer heraus, ohne müde zu werden und ohne daß es ein Ende nehmen wollte. Endlich fand er auch einen kleinen Schlüssel, der aus einem einzigen Smaragd geschnitten war und womit er eine kleine Türe am Boden des Schrankes aufmachte. Als sie aufging, wurde er von dem Glanz eines Karfunkels ganz verblendet, der den Deckel einer aus dem nehmlichen kostbarn Steine gearbeiteten großen Schale ausmachte. Er hob ihn ab; aber wie wurde ihm zumute, als er sie mit Blut angefüllt und eine abgehauene Manneshand darin sah, die ein reich besetztes Bildnis zwischen den Fingern hielt! Er fuhr bei diesem Anblick zusammen, seine Haare richteten sich empor, seine Knie schlugen gegeneinander, und er konnte sich kaum auf seinen Füßen erhalten. Er setzte sich auf den Boden und hielt die Schale immer noch mit weggewandten Augen in der Hand, unschlüssig, ob er sie wieder hinlegen, wo er sie gefunden, oder was er mit ihr anfangen sollte. Daß irgendein großes Geheimnis unter allem dem, was ihm in diesem Turme begegnet war, verborgen sein müsse, schien ihm nicht zweifelhaft. Die Worte, welche die kleine Figur in dem wundervollen Buche zu ihm gesprochen hatte, kamen ihm wieder in den Sinn. Sein Glück oder Unglück konnte davon abhangen, wie er sich in diesem Augenblicke benehmen würde; und diese außerordentlichen Dinge schienen ihn auch zu außerordentlicher Entschlossenheit aufzufordern. Kurz, er rief allen seinen Mut zusammen, tat sich Gewalt an, die Augen auf diese in Blute badende Hand zu heften, und: «O du unglückliche Hand», sprach er, «wenn du mich durch irgendein Zeichen von deinem Schicksale benachrichtigen kannst und ich fähig bin, dir zu dienen, so sei gewiß, daß ich ein Herz habe, alles für dich zu tun.»

Bei diesen Worten schien die Hand sich auf einmal zu beleben, sie bewegte ihre Finger und sprach mit ihm durch Zeichen, die er, weil er diese Art von Sprache ehmals gelernt hatte und viele Fertigkeit darin besaß, so gut verstund, als ob jemand in seiner Muttersprache mit ihm gesprochen hätte. «Wisse», sagte sie ihm, «daß du alles für denjenigen tun kannst, von welchem die Wut eines Eifersüchtigen mich abgesondert hat. Du siehst in diesem Bilde die Anbetenswürdige, die meines Unglücks Ursache ist. Gehe unverzüglich in die Galerie und gib acht auf die Stelle, die von den einfallenden Sonnenstrahlen am stärksten vergüldet wird; dort suche, und du wirst meinen Schatz finden.» Hier hörte die Hand auf zu reden, wiewohl der Prinz noch verschiedene Fragen an sie tat. Endlich fragte er, wo er sie hintun sollte, und sie antwortete ihm wieder durch Zeichen, er sollte sie wieder in den Schrank legen. Er gehorchte, schloß alles wieder zu, verbarg den Kugelzieher in der Mauer, wo er ihn gefunden hatte, und stieg, voll Ungeduld nach dem weitern Erfolg, wieder in die Galerie hinab.

Bei seinem Eintritt fingen die Fensterscheiben außerordentlich an zu zittern und zu klirren; er sah umher, um zu bemerken, wohin die Sonnenstrahlen fielen, und sah, daß es auf das Bildnis eines jungen Menschen war, dessen Schönheit und große Miene ihn ganz bezauberte. Er rückte dieses Gemälde weg und fand nichts als ein Getäfel von Ebenholz mit goldenen Leisten wie an den übrigen Wänden der Galerie; aber da er seine Fensterscheiben zu Rate zog, sah er, daß es sich aufschieben ließ. Er schob es also auf und befand sich nun am Eingang eines Vorsaals von Porphyr, der mit schönen Bildsäulen geziert war und zu einer breiten Treppe von Agat führte, deren Seitenlehnen mit Gold eingelegt waren. Er stieg hinauf, kam in einen Saal, wo die Wände mit spiegelhellem Lasur überzogen waren, und aus diesem in eine lange Reihe herrlicher Zimmer, deren immer eines das andere an Pracht und Glanz und Schönheit der Malereien und Kostbarkeit der Möblierung übertraf, bis er sich endlich in einem Kabinett befand, wo er auf einem prächtigen Ruhebette eine Dame von außerordentlicher Schönheit erblickte, die zu schlafen schien. Indem er so leise als möglich hinzutrat, glaubte er zu sehen, daß sie vollkommen dem Bildnis gleiche, welches ihm die abgehauene Hand gezeigt hatte. Ihr Schlummer schien unruhig zu sein, und ihr reizendes Gesicht schien etwas Schmachtendes und die Spuren eines langwierigen Grams zu verraten.

Der Prinz betrachtete sie noch mit großer Aufmerksamkeit und Rührung, indem er, aus Furcht, sie aufzuwecken, den Atem zurückhielt, als sie im Schlafe zu sprechen anfing und in diese von Seufzern halb erstickte Worte ausbrach: «Denkst du, Treuloser, daß ich dich jemals lieben könne, nachdem du mich von meinem Alzindor entfernt hast? Du, der vor meinen Augen sich unterstund, eine so liebe Hand von einem Arme zu trennen, der dir ewig furchtbar bleiben muß! Denkst du mir auf solche Art deine Ehrerbietung und Zärtlichkeit zu beweisen? O Alzindor, mein Geliebter! soll ich dich denn niemals wiedersehen?» Der Prinz sah mit äußerster Bewegung, wie die Tränen bei diesen Worten unter ihren geschloßnen Augenlidern hervorzudringen suchten und über ihre blassen Wangen, wie die Tränen der Aurora an sinkenden Lilien, herunterrollten. Er stund noch am Fuße des Ruhebettes, ungewiß, ob er sie wecken oder noch länger in einem so traurigen Schlummer lassen sollte, als ihn auf einmal eine liebliche Musik, wie von einer Menge zusammenstimmender Nachtigallen und Distelfinken, stutzen machte; und gleich darauf kam ein Adler von ungewöhnlicher Größe herangezogen, der einen goldenen Zweig voller kirschenförmigen Rubinen in seinen Klauen hielt. Er heftete seine Augen unverwandt auf die schlafende Schöne, als ob er in die Sonne sähe; dann entfaltete er plötzlich seine Flügel, um mit einer brünstigen Sehnsucht, die in allen seinen Federn und Schwingen zitterte, auf sie zuzufliegen; aber eine unsichtbare Gewalt schien einen magischen Kreis um sie gezogen zu haben, den er nicht durchdringen konnte. Itzt betrachtete er den Prinzen mit großer Aufmerksamkeit, näherte sich ihm und gab ihm den goldenen Zweig. In diesem Augenblick erhoben die Vögel, die ihn begleiteten, ein melodisches, aber so durchdringendes Getöne, daß es in allen Gewölben des Palastes widerhallte.

Der Prinz, dessen Verstand nicht müßig war, alle diese Ereignisse miteinander zu vergleichen, schloß daraus, daß diese Dame ohne Zweifel bezaubert und die Ehre, sie zu befreien, ihm vorbehalten sei. Er näherte sich ihr, setzte ein Knie auf den Boden und berührte sie mit dem goldnen Zweige. Alsbald erwachte die schöne Dame, erblickte den entziehenden Adler und rief ihm mit ausgebreiteten Armen nach: «Bleibe, mein Geliebter, bleibe!» Aber der königliche Vogel stieß einen traurigen und durchdringenden Laut aus und flog mit allen seinen befiederten Sängern aus ihrem Gesichte.

Die Dame wandte sich sogleich gegen den Prinzen: «Verzeihe», sprach sie, «daß eine Empfindung, welche stärker ist als ich, der Dankbarkeit zuvorgekommen ist. Ich weiß, was ich dir schuldig bin: du hast mich an das Licht zurückgerufen, das ich seit zweihundert Jahren nicht gesehen habe; du allein konntest es; und der Zauberer, dessen verhaßte Liebe die Ursache alles meines Unglückes ist, vermochte nicht zu verhindern, was das Schicksal durch dich zu bewürken beschlossen hatte. Es steht in meiner Macht, dir meine Dankbarkeit zu beweisen, und ich brenne vor Verlangen, sie auszuüben. Sage mir, was du wünschest: ich bin eine Fee und will meine ganze Macht anwenden, dich glücklich zu machen.» – «Große Frau», antwortete Krummbuckel, «wenn Eure Wissenschaft bis ins Innere der Herzen eindringen kann, so müßt Ihr sehen, daß ich mit allem, was ich mein Unglück nennen muß, weniger zu beklagen bin als jemand anders.» – «Dies ist eine Würkung deines guten Verstandes», versetzte die Fee; «aber gleichwohl kann ich den Gedanken nicht ertragen, deine Schuldnerin zu bleiben. Was wünschest du? Rede!» – «Ich wünsche, Euch den schönen Alzindor wiederzugeben», sagte der Prinz. Die Fee heftete einen Blick auf ihn, worin Bewunderung und Freundschaft sich auf eine Art ausdrückten, die über alle Worte ist. «Ich fühle den Wert dieser Großmut», sprach sie; «aber was du wünschest, muß durch eine andere Person zustande gebracht werden, die dir nicht gleichgültig ist. Dies ist alles, was ich davon sagen kann. Laß mich also nicht länger vergebens bitten! Verlange etwas, das dich selbst angeht!» – «Schöne Fee», antwortete der Prinz, «ihr sehet, wie mich die Natur mißhandelt hat; zum Spotte nennt man mich Krummbuckel. Ich verlange kein Adonis zu sein, aber wenn ich nur nicht lächerlich aussähe.» – «Du verdienest mehr als dies», sagte die Fee, indem sie ihn dreimal mit dem goldnen Zweige berührte; «gehe und sei so schön von außen, als du es von ihnen bist!»

Mit diesen Worten verschwand die Fee aus seinen Augen; der Palast und alle die Wunderdinge, die der Prinz darin gesehen hatte, verschwanden mit ihr, und er befand sich in einem dicken Walde, mehr als hundert Meilen von dem Turme, worein ihn der König Runzelwig hatte setzen lassen.

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