Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Christoph Martin Wieland: Dschinnistan - Kapitel 28
Quellenangabe
typefairy
booktitleDschinnistan oder Auserlesene Feen- und Geistermärchen
authorChristoph Martin Wieland
year1992
publisherManesse Verlag
addressZürich
isbn3-7175-1818-6
titleDschinnistan
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1786
Schließen

Navigation:

Das junge Mädchen trat in eine ländliche Wohnung, worin alles sehr hübsch und reinlich aussah. Sie war von einem großen Obst- und Küchengarten umgeben, durch den man in eine Wiese hinaussah, wo einige Kühe im Grase gingen; ein Bach, der an beiden Ufern mit Weiden besetzt war, schlängelte sich in verschiedenen Krümmungen durch sie hin; und das alles zusammengenommen machte ein angenehmes kleines Gütchen aus, das einer guten alten Frau namens Sofronia zugehörte, welche die Mutter des jungen Mädchens war oder zu sein schien. «Meine liebe Melissa», sagte die Alte, an ihrem Spinnrocken sitzend, zu dem Mädchen, als sie mit ihrem Strauß in der Hand in die Stube trat, «Wie froh bin ich, dich wiederzusehen! Dein langes Außenbleiben hat mir große Unruhe gemacht. Tu es mir zulieb, mein Kind, und entferne dich künftig nicht mehr so lange von mir. Mädchen von deinem Alter und Aussehen laufen gar zu leicht Gefahr, daß ihnen was Widriges zustoßen kann, wenn sie nicht unter den Augen der Mutter sind.» Das junge Mädchen nahm diese Erinnerung des alten Mütterchens sehr wohl auf und versprach, künftig ihrem Rate zu folgen. «Indessen», sagte sie, «ist mir nichts bei meinem Spaziergang aufgestoßen als dieser schöne Schmetterling»; und sie erzählte darauf, wo sie ihn angetroffen und wie außerordentlich artig und zahm er gewesen, wie er sich von freien Stücken auf ihren Strauß gesetzt und sie nach Hause begleitet habe, und wie sie sich vorgenommen habe, Sorge zu dem artigen Tierchen zu tragen und es ihm, solang es bei ihr bleiben wolle, nie an frischen Blumen fehlen zu lassen. Die Alte schien dies als eine schuldlose Kinderei des Mädchens anzusehen und wenig darauf zu achten; aber Prinz Schmetterling hörte mit großem Vergnügen, daß er der schönen Melissa so wichtig sei, und suchte ihr seine Dankbarkeit durch tausend kleine Liebkosungen, Neckereien und Scherze, die ihm sein Schmetterlingsinstinkt eingab, zu erkennen zu geben. Unvermerkt entspann sich ein so gutes Verständnis zwischen ihnen, daß die junge Melissa kein Bedenken mehr trug, ihn wie eine vertraute Gespielin ihres eigenen Geschlechtes zu behandeln. Er hatte sogar die Erlaubnis, sie alle Morgen im Bette zu besuchen; und es sei nun, daß eine geheime, ihr selbst unbekannte Ahnung sich ins Spiel mischte oder daß auch dem unschuldigsten jungen Mädchen, in Ermanglung eines schicklichern Gegenstandes, selbst die Zärtlichkeit eines Schmetterlings nicht gleichgültig sein kann: genug, sie fand so viel Vergnügen an der Gesellschaft ihres kleinen geflügelten Liebhabers, daß sie ganze Stunden mit ihm spielen konnte, ohne es überdrüssig zu werden. Wir getrauen uns eben nicht zu behaupten, daß Timander bei diesen Gelegenheiten große Fortschritte in der platonischen Liebe gemacht habe: im Gegenteil ist nicht zu läugnen, daß die schmetterlingische Natur von Tag zu Tag mehr über die menschliche gewann und daß in manchen Augenblicken die Gefühle des Schmetterlings mit den Imaginationen des Prinzen Timander dergestalt zusammenflossen und durch die letztern auf eine so seltsame Art erhöht wurden, daß der gute Prinz auf einmal wieder er selbst zu sein wähnte, und wenn er (wie es nicht fehlen konnte) bald genug erinnert wurde, daß er doch nur ein Schmetterling sei, in eine lächerliche Art von Verzweiflung darüber geriet, die desto quälender für ihn war, je mehr die Ausbrüche derselben die junge und unwissende Melissa zu belustigen schienen.

Unter diesen Freuden und Leiden waren bereits mehrere Tage hingegangen, als einsmals, da die schöne Melissa (nach der Sitte des griechischen Mädchen) an ihrem Webstuhle saß und von der guten Alten beim Spinnrocken mit allerlei anmutigen und lehrreichen Geschichten unterhalten wurde, der unruhig herumflatternde Schmetterling ein kleines Fläschchen vom Gesimse herunterwarf, das zufälligerweise zu weit hervorgestanden hatte. Das Fläschchen zerbrach, und ein himmelblaues Wasser, das darin gewesen war, floß auf den Boden. Die Alte geriet darüber in große Betrübnis. «Der leidige Schmetterling!» rief sie; «war mir doch immer, als ob er uns noch Unglück bringen würde, wenn ich dich so viel mit ihm schäkern und kurzweilen sah!» – «Verzeiht ihm!» sagte Melissa mit bittender Stimme; «er hat es gewiß nicht mit Fleiß getan; aber ist es denn etwas so Kostbares um dieses Fläschchen, daß Ihr Euch so darum betrübet?» – «Nicht um das Fläschchen», antwortete Sofronia, «aber um das, was darin war. Mein gutes Kind, ein einziger Tropfen von diesem blauen Wasser, das nun hier leider! auf den Boden fließt, ist hinlänglich, die stärkste Bezauberung aufzulösen. Ich bekam es von einer Dame, die ich für eine große Fee halte und von der ich dir noch viel erzählen könnte, wenn sie mir nicht...»

Hier wurde das gute Mütterchen von einer Begebenheit unterbrochen, die uns freilich nicht so unerwartet kommt als ihr. Der Schmetterling nehmlich hatte in einem Winkel, wohin er sich nach vollbrachter Tat geflüchtet, alle Worte der Alten mit angehört und, sobald er die Tugend des verschütteten Wassers vernommen, sich keinen Augenblick besonnen, die Probe davon zu machen. Er war also hinzugezogen, und kaum hatte er den Ort, der noch naß davon war, berührt, so stieg eine dichte und lieblich duftende Rauchsäule vom Boden auf, und als sie vergangen war, siehe! da stund Prinz Timander, in seiner eigenen Gestalt und in dem nehmlichen Jagdkleide, worin ihn die Tauben der schönen Pasithea nach der Roseninsel abholten, leibhaftig vor den beiden Frauenspersonen da, die vor Erstaunen über ein so unverhofftes Wunder die Sprache und beinahe die Sinnen verloren hatten. Ungeachtet er viel zu schön aussah, um ein junges Mädchen sehr zu erschrecken, so würde doch Melissa, sobald sie die Füße wieder heben konnte, davongelaufen sein, wenn er sie nicht mit ebensoviel Ehrerbietung als Zärtlichkeit zurückgehalten hätte. Er bat sie und ihre gute Mutter, sich nicht vor ihm zu fürchten, sagte ihnen, wer er sei und welche seltsame Zufälle ihm das Glück verschafft hätten, auf eine so ungewöhnliche Art in ihre Bekanntschaft zu kommen. Er schlüpfte, wie billig, sehr leicht über die Ursache hin, die ihm den Zorn der Fee Pasithea und seine Verwandlung in einen Schmetterling zugezogen; hingegen breitete er sich mit desto vollerem Herzen über die tugendhafte Liebe aus, welche ihm die holdselige Melissa schon in seinem Schmetterlingsstande eingeflößt habe, und erklärte ihnen, daß ohne sie kein Glück für ihn sei und daß er nicht zweifle, die Einwilligung seines Vaters zu erhalten, wenn er hoffen dürfe, ihr eigens Herz und den Beifall ihrer Mutter auf seiner Seite zu haben.

Man kann sich vorstellen, wie erstaunt die beiden Frauenzimmer waren, den Schmetterling in einen so liebenswürdigen Prinzen verwandelt zu sehen. Melissa, wiewohl sie dadurch ein Spielding verlor, das ihr kurz zuvor um keinen Preis feil gewesen wäre, war doch im Herzen über den Verlust desselben nicht unzufrieden; aber die Erinnerung an die kleinen Freiheiten, welche sie, zwar unschuldigerweise, dem Prinzen als Schmetterling verstattet hatte, benahmen ihr alle Fassung. Sie errötete, schlug die Augen nieder und schwieg. Die alte und weise Sofronia merkte ihre Verlegenheit und sagte dem Prinzen, sie könnte seine Gesinnungen für ihre Tochter weder mißbilligen noch aufmuntern; aber sie müßte ihn bitten, sich ohne Verzug wieder an den Hof seines Vaters zu begeben, der nur wenige Stunden von ihrem Orte entlegen sei. Könnte er die Einwilligung desselben erhalten, so zweifle sie nicht, daß Melissa, die ihm als Schmetterling so gut gewesen sei, seine Umgestaltung für keine Ursache ansehen werde, ihre Gesinnungen gegen ihn zu ändern; widrigenfalls aber traue sie einem Prinzen, dessen Äußerliches so viel Gutes verspreche, Klugheit und Tugend genug zu, daß er, auch ohne ihre Erinnerung, die Notwendigkeit einsehen werde, diese Gegenden zu vermeiden und, was dem Schmetterling allenfalls zu verzeihen sein möchte, als Prinz Timander nicht zu einer strafbaren Sache zu machen. «Seid ohne Sorge, gute Mutter», sagte der Prinz; «mein Herz weissagt mir den glücklichsten Ausgang; entweder ich komme als der Gemahl der schönen Melissa zurück – oder Thessalien hat mich zum letzten Mal gesehen.» Mit diesen Worten ergriff er die sanft sich sträubende Hand des erröteten Mädchens, drückte sie an sein Herz und eilte davon.

Inzwischen geschah es an eben dem Morgen, da sich diese Dinge in der Hütte der guten Sofronia zutrugen, daß der gewesene König Siopas, indem er, der Morgenluft zu genießen, an den schattenreichen Ufern des Peneus lustwandelte, auf einmal wieder das kleine alte Weibchen vor sich stehen sah, deren Vermittlung er die Erhaltung seines Lebens und seine gegenwärtige Ruhe zu danken hatte. «Kennst du mich noch, König Siopas?» sagte sie lächelnd zu ihm, indem sie ihm den Ring wieder an den Finger steckte, den er vor einigen Jahren von ihr empfangen und, nach ihrer Anweisung, wieder in die Luft geworfen hatte. Der König war im Begriff, ihr zu antworten, aber er blieb vor Erstaunen sprachlos; denn das alte Weibchen war verschwunden, und an ihrer Statt sah er eine große Frau von majestätischer Schönheit, in einem langen himmelblauen Talar, mit langen fliegenden Haaren, mit einer kleinen goldnen Krone auf dem Haupte und einem Stäbchen von Elfenbein in der Hand, vor sich stehen. «Ich bin die Königin der Feen», sprach sie, «und komme zu vollenden, was ich bisher zu deines Volkes Glück, und zum deinigen, getan habe. Du hattest eine Tochter, Siopas, und hast sie noch. Du glaubtest, eine Bärin habe sie geraubt und gefressen. Diese Bärin war ich. Ich sah vorher, daß die junge Melissa an deinem Hofe schlecht erzogen werden würde. Ich nahm sie weg und übergab sie einer verständigen guten Frau, welche sie, ohne ihren Stand zu wissen, wie ihr eigenes Kind auf dem Lande erzog. Deine Tochter ist, durch diese Veranstaltung, gegenwärtig ein gutes, gefühlvolles und unschuldiges Mädchen, bescheiden, sanft, mitleidig, wohltätig, jeder edeln Gesinnung fähig und jeder Menschenfreude offen; ihr Blut ist so rein wie ihr Herz, sie ist gesund und munter wie ein junges Reh und wird euch alle glücklich machen, weil sie es selbst sein wird. Sie war schon als zweijähriges Kind, da du sie verlorest, das leibhafte Ebenbild ihrer Mutter, sie ist es noch, und die Figur einer Biene, die sie unter dem linken Arme mit auf die Welt brachte, wird sie dir, wenn du sie wieder siehest, vollends kenntlich machen. Vermähle sie mit dem Sohne deines Freundes Euthyfron, und ihr werdet alle glücklich sein.»

Kaum hatte die Feenkönigin das letzte Wort gesprochen, so stiegen Sofronia und Melissa aus einem Wagen, von Schwänen gezogen, worin sie von einer der Sylphiden, die der Königin dienten, abgeholt worden waren. Sofronia erkannte die Dame, die ihr Melissen übergeben hatte, und warf sich ihr zu Füßen, indem sie auf das holde Mädchen wies und ihr für die Freude dankte, die ihr die Erziehung eines so gutartigen Kindes gemacht hatte. Die Fee hob sie auf und umarmte sie; darauf nahm sie Melissen bei der Hand und stellte sie dem Siopas als seine Tochter dar. «So wäre sie freilich bei Hofe nicht geworden», sagte Siopas, indem er sie umarmte und küßte. Melissa, die zu dieser Szene nicht vorbereitet war, betrachtete ihn mit einer aus Furcht, Liebe und Erstaunen vermischten Miene, die ihrem schönen Gesichte einen wundervollen Reiz gab; aber sie faßte sich sogleich, kniete vor ihm hin und küßte seine Hand. Er hob sie auf, drückte sie an sein Herz und sah die Feenkönigin mit Augen an, die in dankbaren Tränen schwammen. «Aber sie bleibt doch meine Mutter?» sagte Melissa, indem sie auf Sofronia wies. «Das soll sie», antwortete Siopas, «und wenn sie will, soll sie hier so glücklich sein, als ich es selbst bin.» «Kommt», sprach die Feenkönigin, «unsre Freude vollkommen zu machen.» Sie stiegen alle in ihren Wagen ein und langten in wenigen Minuten bei dem Könige Euthyfron an. «Mein Bruder», sprach Siopas zu ihm, «ich bringe dir eine Braut für deinen Sohn: hier ist meine wiedergefundene Tochter!» Melissa wurde bei diesen Worten so blaß wie eine sterbende Lilie; sie dachte an ihren geliebten Schmetterling und fühlte, daß sie kein Herz mehr zu verschenken hätte. «Ach!» antwortete der König mit einem tiefen Seufzer, «es sind nun vierzehn Tage, seit sich mein Sohn auf der Jagd verloren hat und in ganz Thessalien nicht zu finden ist.» Melissa lebte wieder auf. In diesem Augenblicke stürzte ein Diener mit der Nachricht herein, der Prinz Timander sei im Vorhofe angekommen. Der König eilte ihm entgegen. Der Prinz umarmte seine Knie, erzählte ihm seine Abenteuer und endigte damit, ihn in den stärksten Ausdrücken zu bitten, daß er seine Liebe zu Melissen billigen möchte. «Zu einem gemeinen Landmädchen?» sagte der König. «Nein, mein Sohn, ich habe dir eine Königstochter ausersehen, die dich gewiß ebenso glücklich machen wird: alles ist schon ins reine gebracht.» «Wie, mein Vater», versetzte der Prinz, «ohne mich?» – «Ich rechnete auf deinen Gehorsam.» «In allem, mein Vater, nur in diesem einzigen nicht. Ich liebe Melissen, sie hat mein Herz, sie soll meine Hand haben; und bei Jupiter und Apollo, ich verschmähe gegen dieses Landmädchen alle Königstöchter, und wenn sie mir so viele Kronen zubrächten, als sie Haare auf dem Kopfe haben!» «Du wirst unartig, mein Sohn», sprach der König; «aber ich verzeihe dir, wenn du kommen und wenigstens nur sehen willst, was du verschmähest.» Mit diesen Worten zog ihn der König in den Saal, wo Melissa, Siopas, Sofronia und die Feenkönigin seiner warteten. Denket selbst, wie unbeschreiblich sein Entzücken war, als ihm die gefürchtete Prinzessin – in Melissen dargestellt wurde.

Die Feenkönigin legte ihre besten Gaben auf sie, indem sie ihre Hände vereinigte. «Mein Werk ist vollendet», sagte sie. «Selbst das einzige, was euer Glück stören konnte, habe ich schon verhütet. Meine Tochter Pasithea darf euch nicht mehr furchtbar sein. Sie hat dir vergeben, Timander. Ich habe einen andern Liebhaber für sie erzogen, der sie für deinen Verlust tröstet; und damit sie keines Schleiers bei ihm bedürfe, hab' ich ihn von seiner Kindheit an unter so häßlichen Affen erziehen lassen, daß Pasithea mit ihrem kleinen Meerkatzengesicht eine Venus in seinen Augen ist. Ihr bedürft nun ferner meines Beistandes nicht. Ihr seid glücklich und werdet es so lange bleiben, als ihr einander liebet und Freude daran findet, Gutes zu tun.» Mit diesen Worten zog die Feenkönigin mit ihrem Stab einen Kreis um sie und verschwand.

 << Kapitel 27  Kapitel 29 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.