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Christoph Martin Wieland: Dschinnistan - Kapitel 27
Quellenangabe
typefairy
booktitleDschinnistan oder Auserlesene Feen- und Geistermärchen
authorChristoph Martin Wieland
year1992
publisherManesse Verlag
addressZürich
isbn3-7175-1818-6
titleDschinnistan
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1786
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Die Lustpartie auf dem Wasser wurde bis in die Nacht verlängert, um der magischen Würkungen zu genießen, die der Vollmond hervorbrachte, indem sie auf den breiten Kanälen daherfuhren, die den Garten von verschiedenen Seiten durchschnitten und in ebensoviel kleine Inseln abteilten, zwischen welchen das Auge wie in einer Zauberwelt zweifelhafter Schattenwesen und lieblich verworrener Umrisse umherschwamm. Sie ländeten endlich an den marmornen Stufen eines prächtig erleuchteten Pavillons an, der nicht schöner, als er war, hätte sein können, wenn er auch, wie die Gräfin d'Aulnoy versichert, aus Quaderstücken von Diamant erbaut gewesen wäre. Alle Säle dieses Palastes wimmelten von schönen Personen, die zum Hofe der Fee gehörten; alles schimmerte und funkelte und war dazu gemacht, um die Größe und Liebenswürdigkeit der Gebieterin zu erheben, die mitten in dieser Welt voll Pracht und Schönheit und Reichtum doch immer in Timanders Augen das einzige blieb, was seine Aufmerksamkeit fesselte. Man setzte sich zur Tafel, während welcher sich eine bezaubernde Musik hören ließ; und so oft diese eine Pause machte, unterhielt die Fee ihren Gast mit so muntern und witzigen Einfällen und gab ihm so viele Gelegenheit, seinen eigenen Witz zu zeigen, daß er sie, wenn sie dessen auch selbst weit weniger gehabt hätte, gleichwohl für die unterhaltendste Gesellschafterin in der Welt erklärt haben würde. Als die Tafel aufgehoben war, brachte man ihr eine Laute; und nachdem sie eine Weile mit ebensoviel Geschmack als Fertigkeit präludiert hatte, ließ sie den halb vergeisterten Prinzen eine Stimme hören, die allein mehr als hinlänglich gewesen wäre, ihn zum verliebtesten aller Menschen zu machen. Endlich vollendete ein großer Ball die Lustbarkeiten dieses Tages und den Triumph der schönen Pasithea. Eine unzählbare Menge schöner Nymphen und Hirten versammelten sich in einem Saale, den die Kunst und eine verschwenderische Beleuchtung in einen bezauberten Garten verwandelt hatte. Alle tanzten unverbesserlich; aber die Fee allein tanzte so schön, daß die Grazien selbst darüber neidisch worden wären, wenn die Grazien neidisch werden könnten. Timander, dessen Trunkenheit mit jeder Stunde zugenommen hatte, verlor in dieser alles, was ihm noch von seiner Vernunft übriggeblieben war. Er warf sich im Taumel seines Entzückens der Fee zu Füßen und schwur ihr von neuem, in Ausdrücken, die einem Dithyrambendichter Ehre gemacht hätten, daß alle Reize aller Göttinnen des Himmels und der Erde, die eine einzige zusammengedrängt, nicht vermögend sein sollten, die Treue, die er ihr von neuem auf ewig angelobte, nur einen Augenblick wanken zu machen.

Die verlobte Gräfin versichert, Timander hätte auf diese Weise sechs ganzer Monate bei der schönen Pasithea zugebracht, ohne daß ihm zur Vollständigkeit seines Glückes etwas anderes als ihr Besitz gemangelt habe. Die gute Dame hat sich entweder verschrieben und Monate anstatt Tage aus der Feder schlüpfen lassen, oder sie dachte nicht, was sie sagte. Unsere Nachrichten geben, daß er es in dem halb wahnsinnigen Zustande, wozu ihn die Fee brachte, indem sie seinem Herzen mit allen ihren Reizen und Talenten auf einmal so heftig zusetzte, nicht länger als sechs bis acht Tage habe aushalten können; und wir glauben, daß alle Leute, welche wissen, was möglich ist, sich für unsere Lesart erklären werden.

Der Prinz, dem man übrigens seine wenige Geduld auf Rechnung seiner großen Jugend schreiben muß, wurde binnen dieser kurzen Zeit, die ihm sehr lang vorkam, so dringend, daß die schöne Fee sich nicht länger weigern konnte, seine Probezeit abzukürzen und in einem Tempel des Hymen, den sie auf dem anmutigsten Platze ihrer Gärten aufführen ließ, mit ihm zusammenzukommen. Da ihr die schönsten Gebäude und die herrlichsten Feste nur ein Wort kosteten, so kann man sich diesen Tempel und das Fest, womit sie den schönsten Tag ihres Lebens feierte, so schön und herrlich einbilden, als man nur immer will. Timandern würde eine alte schwarzgeräucherte Kapelle bei dieser Gelegenheit so schön vorgekommen sein als ein Tempel von Porphyr, mit azurnen Säulen und einer goldnen Kuppel; und von allen Szenen der Freude, die einander an diesem Tage drängten und die er sehr langweilig fand, war die Prozession, welche die verschleierte Braut unter Anstimmung des hochzeitlichen Gesanges in den Hymenstempel führte, die einzige, die nach seinem Geschmacke war. Dieser Tempel verwandelte sich, sobald die Fee seine Schwelle betrat, in das herrlichste Brautgemach; aber kaum war sie von ihren Nymphen zu Bette gebracht worden, so befahl sie, die Karfunkeln wegzunehmen, die zu beiden Seiten desselben von zwei goldnen Liebesgöttern emporgehalten wurden und einen Schein von sich warfen, der das ganze Zimmer erleuchtete. Wie unangenehm auch dieser Befehl dem Prinzen war, so wagte er es doch nicht, sich ihm zu widersetzen. Er glaubte der zarten jungfräulichen Empfindung dieses letzte Opfer schuldig zu sein; überdies kam ihm die Nacht, nach der Versicherung der Dame d'Aulnoy, so erstaunlich kurz vor, daß er den Tag um so leichter erwarten konnte, der ihm das so sehnlich verlangte Glück endlich gewähren würde. Da ihn seine Ungeduld keinen Augenblick schlafen ließ, so benutzte er den ersten Morgenstrahl dazu, sich diese Wonne zu verschaffen. Er zog ganz leise den Vorhang und blickte mit gierigen Augen nach der Fee, die indessen fest eingeschlafen war. Himmel! wie groß war seine Bestürzung: diese Abgöttin seines Herzens, die er so inbrünstig liebte, die, seinem Wahne nach, alles, was schön und vollkommen ist, in ihrer Person vereinigte, hatte ein kleines Affengesicht, das würklich ziemlich drolligte Grimassen im Schlafe machte, aber dem betrogenen Prinzen in diesem Augenblick so abscheulich vorkam, daß er zusammenfuhr und sich nicht halten konnte, sein Entsetzen durch einen lauten Schrei und einige sehr starke Redensarten kund werden zu lassen. Die Fee, die davon erwachte, war vor Erstaunen außer sich, in ihrem zärtlich geliebten und kaum noch so entzückten Gemahle auf einmal einen Undankbaren zu finden, der sie mit den bittersten Vorwürfen überschüttete und ihr sogar zum Verbrechen machte, was ihn auf ewig hätte an sie fesseln sollen. Sie konnte sich in eine so unnatürliche Veränderung seiner Gesinnungen gar nicht finden; denn die gute Dame war so weit entfernt, sich über ihr kleines Affengesicht, an das sie längst gewöhnt war, Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, daß sie sich vielmehr, dessen ungeachtet, mit allen ihren übrigen Reizungen und Gaben für die liebenswürdigste Person in der Welt hielt. Es ist wahr, der Schleier, hinter den sie sich verbarg, bewies einiges Mißtrauen in die Würkung des ersten Anblicks: aber nachdem der Prinz von den Reizen ihrer Person und ihres Geistes so bezaubert geschienen, nachdem er ihr unbegrenzte Liebe und Treue geschworen und nachdem sie ihn so glücklich gemacht hatte, als es ein Sterblicher sein kann, konnte sie doch wohl erwarten, daß er ein Gesicht, das zwar nicht das regelmäßigste war, dem es aber bei allem dem (wie sie glaubte) nicht an einer gewissen Grazie fehlte, mit Augen der Liebe betrachten würde. Überhaupt (sagt die mehrbelobte französische Gräfin) wollen alle Damen, daß man ihnen schmeichle, und die Wahrheit gefällt ihnen nur insofern, als sie der guten Meinung, die sie von ihrer Schönheit haben, keinen Abbruch tut. In der Tat hatte Pasithea von ihren Höflingen immer nichts als Komplimente über die ihrige gehört; und sogar die Spiegel in ihrem Schlosse waren so gefällig gewesen, ihr nie was anders zu sagen. Stolz und Liebe waren also bei ihr in gleichem Grade durch das unartige Betragen des Prinzen beleidiget; und da er, anstatt sich zu besinnen und zu ihren Füßen Gnade zu suchen, es vielmehr immer ärger machte, so geriet sie endlich in eine Wut, wodurch ihr Gesicht in der Tat nicht liebenswürdiger wurde. Aber zu stolz, in Gegenvorwürfe auszubrechen, die vielleicht durch ihre Tränen würden erstickt worden sein, berührte sie ihren Ungetreuen bloß mit ihrem Stäbchen und verwandelte ihn, weil sie im höchsten Zorne nicht grausam sein konnte, in einen Schmetterling.

Der arme Timander sank, von Schrecken betäubt, zu Boden; aber die Sonnenstrahlen, die auf ihn fielen, und der Morgenduft, der ihm durch ein offnes Fenster entgegenkam, riefen ihn bald wieder ins Leben: er entfaltete seine Flügel und flatterte so geschickt, als ob er den besten Schmetterling zum Lehrmeister gehabt hätte, zum Fenster hinaus.

Wie ihm zumute war, da ihm die Fee das Bewußtsein seines vorigen Wesens und Standes gelassen hatte (als ohne welches seine Verwandlung keine Strafe gewesen wäre), kann man sich leicht vorstellen. Timander als Schmetterling gefiel sich in seinem neuen Stande ganz gut; aber der Schmetterling als Timander war der unglücklichste Prinz von der Welt. Indessen, wie sich der Mensch endlich in alles schicken lernt, so fügte sich Timander endlich auch in seinen Schmetterlingsstand; und wenn die leidige Furcht vor den Elstern, Staren und ihresgleichens nicht gewesen wäre, wovon ein gemeiner Schmetterling nichts weiß, so würde ihm das freie, sorglose, vagabunde Leben seiner neuen Kameraden ganz wohl gefallen haben.

Sein Abscheu vor der Fee hatte ihn so weit von der Roseninsel weggeführt, daß er nach einigen Tagen wieder in dem Lande anlangte, woraus ihn die jugendliche Begierde nach Abenteuern zu seinem Unglück entfernt hatte. Er erkannte es und stellte traurige Betrachtungen über das an, was er hier sein sollte und was er war oder zu sein schien. Welche Möglichkeit, sich für den Prinzen Timander zu erkennen zu geben? Und wenn er es auch könnte, wozu würde es ihm helfen? Welches Volk in der Welt würde einen Schmetterling zum Fürsten haben wollen? Unter diesen Gedanken geriet er von ungefehr in ein Gebüsche, wo ein junges Mädchen sich ins Gras hingestreckt hatte, um nach einem Bade in einem vorüberrieselnden Bache auszuruhen. Ein weißes leinenes Gewand und einige blaue Kornblumen in ihrem braunen Haare machten ihren ganzen Putz aus. Weil der Tag sehr warm war und sie hier ganz allein zu sein glaubte, war sie beinahe entkleidet, ihr Busen offen, ihre Arme und Füße bloß, ihr Haar halb aufgelöst und ihr Gewand nur nachlässig um den Leib geworfen. Das holde unbesorgte Mädchen war eingeschlummert, und es möchte gefährlich für sie gewesen sein, von einem andern als einem Schmetterling in diesem Zustande überrascht zu werden. Bei dem Schmetterling hatte es nichts zu bedeuten; er mochte sie für einen Haufen Lilien und Rosen ansehen und würde sich vermutlich begnügt haben, etliche Mal um sie her zu flattern, sie mit feinen Fühlhörnern hie und da zu beschnüffeln und dann wieder davonzufliegen, wenn Timander aus dem, was ihm seine Schmetterlingssinnen entdeckten, vermittelst des feinern Menschensinnes, der ihm geblieben war, nicht durch Verbindung alles dessen, was er bei öfterm Umflattern und leiser Berührung dieses anziehenden Gegenstandes bemerkte, herausgebracht hätte, daß es ein artiges junges Mädchen von sechzehn Jahren sein müßte. Mehr brauchte es nicht, seine Einbildungskraft und sein Herz mit ins Spiel zu ziehen. Jene bildete sie ihm als eine zweite Pasithea vor; aber eine Pasithea mit dem schönsten Kopfe von der Welt, mit den Augen der Venus, den Wangen der Hebe, den Lippen der Suada und dem Lächeln der Grazien; dieses verliebte sich auf der Stelle in das zauberische Traumbild – und fühlte, anstatt seine Schmetterlingsfigur zu verwünschen, ein unbeschreibliches Vergnügen in dem Gedanken, die holde Schöne ohne alle eigennützige Begierden bloß um ihrer selbst willen zu lieben und sich an dem reinen Anschauen ihrer Vollkommenheiten zu weiden, ohne sie, wie ein gemeiner Liebhaber, durch seine eigennützige Liebe zu zerstören. Unter allen Wesen ist vielleicht keines, das sich besser zu einem würdigen Schüler der berühmten Platonischen Diotima schickt, als ein denkender und empfindsamer Schmetterling. Timander flatterte in dieser Eigenschaft so lange und so unvorsichtig bald um die Lippen, bald um den Busen, bald um das runde wächserne Knie der jungen Schläferin herum, bis sie erwachte und bei Eröffnung ihrer schönen Augen einen neuen himmlischen Tag, wie ihn däuchte, aufgehen ließ. Der Schmetterling konnte dem Mädchen nicht lange unbemerkt bleiben. Seine Größe und die seltne Schönheit seiner Farben würden ihre Augen auf ihn gezogen haben, wenn er auch nicht so ungewöhnlich zahm gewesen wäre und ein so sonderbares Belieben, um sie zu sein, gezeigt hätte. Sie bemerkte dies mit Verwunderung; und ungeachtet ihr nichts weniger in den Sinn kam, als daß ein Jüngling und ein Königssohn unter diesem Tierchen verborgen sein könnte, so war doch das erste, was sie tat, daß sie ihr allzu loses Gewand zusammenzog und in gehörige Ordnung brachte. Sie bemühte sich hierauf, den schönen Sommervogel zu haschen; aber anstatt sich fangen zu lassen, setzte er sich von freien Stücken bald auf ihren Kopf, bald auf ihre Schultern und flatterte nicht eher fort, bis sie die Finger nach ihm spitzte, entfloh aber jedesmal bloß, um von selbst wiederzukommen. Sie wurde endlich des Spiels müde, pflückte einen großen Strauß frischer Rosen im Gebüsche und ging einer nicht weit entlegenen Hütte zu. Timander setzte sich sogleich auf den Strauß, den sie in der Hand trug, und wich und wankte nicht, auch wenn sie tat, als ob sie ihn abschütteln wollte. Sie wunderte sich dessen immer mehr, weil sie sich nicht begreiflich machen konnte, wie ein so wildes und flatterichtes kleines Ding so zahm und standhaft sein könne.

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